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Full text of "Medizinische Jahrbücher"

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ISCHE  JAHRBÜCHER 


HERAUSGEGEBEN 


VON  DER 


K.  K.  GESELLSCHAFT  DER  ÄRZTE 


REDI&IRT 


voK 


PROF.  E.  ALBERT  und  PROF.  E.  LUDWIG. 


JAHRGANG    1883. 


MIT   20    LITHOGRAPHIRTEN   TAFELN   UND    II   HOLZSCHNITTEN. 


WIEN  1882. 

WILHELM     BRAUMÜLLER 

K.  K.  HOF-  UKD  UNIVERSITÄT! -BUCHHÄNDLER. 


Inhalt. 


u 


Seite 

I.  Therapeutische  Erfahrungen,  grösstenteils  gewonnen  auf  der  Ab- 
theilung für  Hautkrankheiten  und  Syphilis  in  der  Krankenanstalt 
„Rudolfstiftung".   Von  Prof.  Dr.  G.  Wertheim,  k.  k.  Primararzt 

daselbst 1 

II.  Ueber  corticale  Epilepsie.  Von  Dr.  N.  Weiss,  Docent  für  interne 

Medizin  an  der  Wiener  Universität.    (Hiezu  Taf.  I) 13 

DI.  Ueber  hyaline  Metamorphose  des  Miliartuberkels.    Von  Dr.  W.  T. 

Councilman  aus  Baltimore.  (Hiezu  Taf.  II  u.  IH) 51 

IV.  Zur  Lehre  von  den  Acardiacis.  Von  Dr.  Carl  Breus,  Assistent  an 
der  geburtshilflichen  Klinik  des  Prof.  G.  Braun  in  Wien.    (Hiezu 

.    Taf.  IV  u.  V) 57 

V.  Ueber  die  Theorien  der  Farbenwahrnehmung.  Nach  einem  in  der 
k.  k.  Gesellschaft   der   Aerzte   zu  Wien   gehaltenen  Vortrage  von 

Prof.  E.  v.  Pleischl 73 

VI.  Localzeichen  und  Organgefühle.   Von  Prof.  E.  v.  Fleischl,  Assi- 
stent am  Wiener  physiolog.  Institute 91 

VII.  Ueber  Beckenfracturen.  Fxperimentelle  Untersuchung  von  W.  Kus- 
min,  Privat-Docent  für  Chirurgie  in  Moskau.  (Hiezu  Taf.  VI  u.  VII)    105 
VIH.  Ueber  Priapismus  und  Cavernitis.    Von   Prof.   Dr.  I.  Neumann. 

(Hiezu  Taf.  VHI) 143 

IX.  Ueber  die  histologischen  Veränderungen  der   Haut  bei  Morbillen 

und  Scarlatina.    Von  Prof.  Dr.  I.  Neu  mann 159 

X.  Stenose  des  Kehlkopfes  und  der  Luftröhre  bei  Rhinosklerom.  Von 

Dr.  0.  Chiari,  emer.  klin.  Assistent  u.  Docent.  (Hiezu  Taf.  IX)   .    169 
XI.  Beiträge  zur  Histiologie  der  Hornhaut.  Von  Dr.  Johannes  Hoene, 
kais.  russ.  Regimentsarzte  aus  Plotzk  (russ.  Polen).  (Mit  4  zinko- 

graphischen  Abbildungen) 185 

XH.  Ueber  die  Aenderungen,  welche  der  Blutdruck  des  Menschen  in  ver- 
schiedenen Körperlagen  erfährt.  Von  Dr.  Sigismund  Friedmann     197 
XIU.  Ueber  die  pathologisch- anatomischen  Bedingungen  des  urämischen 
Symptomen-Complexes  bei  Nephritiden.  Von  Dr.  Jar.  Hlava,  Assi- 
stenten der  path.  Anatomie    in   Prag   und   Dr.  Jos.  Thomayer, 

Assistenten  der  I.  med.  Klinik  (Prof.  Eiselt)  in  Prag 313 

XIV.  Untersuchungen  über  das  Kniephänomen.  Von  Dr.  A.  Jarischund 

Dr.  E.  Schiff.    (Hiezu  Taf.  X  und  %  Holzschnitte) *61 


IV  Inhalt. 

Seite 

XV.  Ueber  den  Mastdarmbruch.  Von  Doc. Dr.  Jos.  Englisch,  Primar- 
arzt an  der  „Rudolfstiftung"  in  Wien 309 

XVI.  Experimentelle  Untersuchungen  über  die  Leitungsbahnen  im  Rük- 
kenmarke  des  Hundes.  Von  Dr.  Wasil  Kusmin,  Privatdocenten 

für  Chirurgie  an  der  kais.  Universität  in  Moskau 355 

XVII.  Ueber  einige  Verhältnisse  der  Wärme  am  fiebernden  Thiere.  Von 

Prof.  E.  Albert  in  Wien 367 

XVIII.  Zwei  Fälle  von  Kleinhirntumor.  Von  Prof.  Dr.  Chvostek,  k.  k. 

Stabsarzt  in  Wien 381 

XIX.  Ueber  das  Adenom  der  Leber.  Von  Robert  W.  Greenish,  F.  R. 

C.  S.  aus  London,   (ffiezu  Taf.  XI) 411 

XX.  Neue  Untersuchungen    über  den  Respirations  -  Gasaustausch  im 
fieberhaften  Zustande  des  Menschen.  Von  Prof.  Dr.  G.Wert  heim, 
Primararzt  an  der  Krankenanstalt  „Rudolf Stiftung"  in  Wien    .    421 
XXI.  Zur  Kenntniss  der  motorischen    Hirnfunctionen.    Von    Prof.  M. 

Rosenthal  in  Wien 449 

XXII.  Fibrom  des  Siebbeines  mit  „pneumatischen  Räumen".  Von  Docent 

Dr.  Ottokar  Chiari  in  Wien,  (ffiezu  Taf.  XII) 481 

XXIII.  Zur  Mechanik  des  unteren  Sprunggelenkes  des  Menschen.    Von 
Prof.  E.  Albert  in  Wien  (Hiezu  Taf.  XX)   ...   ' 493 

XXIV.  Ueber  eine  angeborene  Coalition  des  Os  lunatum  und  Os  trique- 
trum  carpi.  Von  Dr.  M.  Ho  11,  Suppl.  d.  Anatomie  in  Innsbruck    499 

XXV.  Zur  Lehre  über  die  Transposition  der  aus  dem  Herzen  tretenden 
arteriellen  Gefässstämme.  Von  Dr.  M.  Holl,  Supplent  der  Ana- 
tomie in  Innsbruck.  (Hiezu  4  Holzschnitte  u.  Taf.  XIH  Fig.  1)    503 

XXVI.  Beitrag  zu  den  Abnormitäten  der  arteriellen  Gefässe.  Von  Dr.  M. 
Holl,  Suppl.  d.  Anatomie  in  Innsbruck.  (Hiezu  Taf.  XIII  Fig.  2)    513 

XXVII.  Untersuchungen  über  das  elektrische  Leitungsvermögen  der  mensch- 
lichen Haut.  Ausgeführt  in  dem  Institute  für  allgem.  u.  experim. 
Pathologie  in  Wien  von  Dr.  Gustav  Gärtner,  Secundararzt  im 

k.  k.  allgem.  Krankenhause 519 

XXVin.  Ueber  die  Rotationsbewegungen  im  Kniegelenke.  Von  Dr.  Cajet. 

Freih.  v.  Ho  roch,  Operationszögling  an  der  Klinik  Prof.  Albert   551 
XXIX.  Mikroskopische  Untersuchung  der  secundären  Degeneration  des 
Rückenmarkes.  Von  W.  Kusmin,  Privat-Docent  für  Chirurgie  in 
Moskau.  Aus  dem  Institute  für  experiment.  Pathologie  in  Wien. 

(Hiezu  Taf.  XIV) 591 

XXX.  Xeroderma   pigmentosum  von   Prof.    M.    Kaposi.    (Hiezu   Taf. 

XV,  XVI,  XVH,  XVHI,  XIX) 619 

XXXI.  Ueber  die  Wirkung  einiger  Arzneien  auf  den  Hämoglobingehalt 

des  Blutes.  Von  Dr.  Ignaz  Fenoglio 635 


*o* 


I. 

Therapeutische  Mahrungen 

grösstenteils  gewonnen  auf  der  Abtheilung  für  Hautkrankheiten 
und  Syphilis  in  der  Krankenanstalt  „Rudolfstiftung" 

von 

Prof.  Dr.  G.  Wertheim 

k.  k.  Primararzt  daselbst. 

(Am  11.  December  1881  von  der  Bedaction  übernommen.) 


I.  Ueber  Behandlung  von   Hohlgeschwüren  bei  infectiösen 

Krankheiten  der  Geschlechtstheile. 

(Zugleich  eine  Mittheilung  von  bisher  gewonnenen  Erfahrungen  über  Jodo- 
formwirkung auf  diesem  Gebiete.) 

Zu  den  ungünstigsten  Zufallen,  die  im  Verlaufe  von  Geschwü- 
ren eintreten  können,  gehört  die  Umwandlung  von  offenen  Geschwü- 
ren in  Hohlgeschwüre.  Hat  der  Arzt  solche  infectiöser  Natur  (das 
Wort  im  geschlechtlichen  Sinne  genommen)  vor  sich,  so  hat  er  vor 
Allem  die  Frage  an  sich  zu  richten:  Welcher  Art  ist  die  Infection, 
welcher  das  vorliegende  Geschwür  entstammt?  Hier  sind  drei  Fälle 
möglich.  Es  kann  entstanden  sein  aus: 

Tripper; 

aus  weichem  (und  weich  bleibendem)  Schanker; 

aus  sofort  hartem  (oder  erst  weichem  und  dann  hart  gewor- 
denem) Schanker. 

Die  vorstehende  Eintheilung,  die  ich  in  Theorie  und  Praxis 
seit  lange  in  Anwendung  bringe  xund  der  ich  in"  der  „Analytischen 
Diagnostik  der  Krankheiten  im  Gebiete  der  Dermatologie  und 
Syphilidologie"  *),   die  ich  vor  kurzem  publicirt  habe,   zum   ersten 

*)  Analytische  Diagnostik  der  Krankheiten  im  Gebiete  der  Den? 

Med.  Jahrbücher.  1882.  { 


2  Wertheim. 

Male  Ausdruck  gegeben  habe,  entspringt  aus  der  bei  mir  festste- 
henden Ueberzeugung,  dass  —  wie  unsere  Kenntnisse  heute  stehen 
—  alle  drei  genannten  Contagien  Wesen  sind,  die  wir  weder  sehen 
noch  greifen  können,  sondern  nur  aus  ihren  Wirkungen  als  vorhan- 
den erschüessen.  Weder  der  Histologe  noch  der  Chemiker  existirt, 
der  einen  Tropfen  Eiters,  aus  einer  dieser  Quellen  stammend,  be- 
züglich seiner  Herkunft  zu  diagnosticiren  vermöchte,  selbst  wenn 
er  mit  den  Mitteln  grösster  Vollkommenheit  zum  Zwecke  der 
Untersuchung  ausgerüstet  wäre.  Wohl  aber  wissen  wir  mit  Be- 
stimmtheit, dass  ein  Tropfen  Trippereiter  immer  nur  wieder 
Tripper  und  die  Folgezustände,  die  ihm  eigenthümlich  sind,  zu 
erzeugen  vermag,  aber  ausser  diesem  nichts  Anderes.  Mit  der 
grössten  Wahrscheinlichkeit  können  wir  annehmen,  dass  eine  eben 
solche  Verschiedenheit  in  den  Eigenschaften  vom  Eiter  des  weichen 
(und  weich  bleibenden)  und  dem  des  harten  (oder  erst  weichen 
und  dann  hart  gewordenen)  Schankers  besteht.  Ob  wir  es  aber  im 
gegebenen  Falle  mit  dem  einen  oder  mit  dem  anderen  zu  thun 
haben,  können  wir  zuweilen  erst  dann  mit  Sicherheit  bestimmen, 
wenn  wir  ihren  Verlauf  und  die  Folgezustände,  die  sie  setzen, 
eine  gewisse  Zeit  hindurch  beobachtet  haben. 

Von  diesen  Folgezuständen  wollen  wir  für  diesmal  nur  jene 
ins  Auge  fassen,  mit  denen  sich  Hohlgeschwüre  zu  compliciren 
pflegen.  Es  sind  dies 

beim  Tripper:  die  Hoden-  und  Nebenhodenentzündung  und  die 
Leistendrüsenschwellung; 

beim  weichen  Schanker:  die  Leistendrüsenschwellung; 

beim  harten  Schanker:  alle  bereits  hier  genannten  Affectio- 
nen  und  ausser  diesen  noch  Hohlgeschwüre  aller  Arten,  und  zwar 
deshalb,  weil  eben  nur  der  harte  Schanker  allgemeine  Syphilis  zur 
Folge  haben  kann. 

Von  den  drei  Arten  von  Hohlgeschwüren,  die  wir  hier  nach 
ihrem  verschiedenen  Ursprung  unterschieden  haben,  besitzen  die 
zwei  ersten,  nämlich  die  Hohlgeschwüre  nach  Tripper  und  jene 
nach  weichem   Schanker   die   Eigenschaft  —  auch  wenn  sie  lange 


gie  und  Syphilidologie   verbunden  mit  therapeutischen  Rathschlägen.    Wien, 
C.  Gerold's  Sohn  1881. 


Therapeutische  Erfahrungen.  3 

Zeit  dort,  wo  sie  sich  befinden,  verharren  —  keine  inficirende  Wir- 
kung im  Körper  nach  auswärts  zu  üben.  Anders  verhält  sich  die 
dritte  Art,  die  ihren  Ursprung  dem  harten  Schanker  entnimmt; 
sie  übt,  wie  schon  erwähnt,  eine  unbegrenzte  Infectionswirkung 
nach  allen  Eichtungen  auf  den  menschlichen  Organismus  aus.  Man 
hat  sie  deshalb  als  allgemeine  Affection  aufzufassen. 

Aus  dem  Gesagten  erhellt  sofort,  dass  bei  den  zwei  ersten  Arten 
eine  Localbehandlung  ausreicht,  bei  der  dritten  Art  aber  mit  dieser 
localen  noch  eine  allgemeine  Behandlung  zu  verbinden  sein  wird. 

Bezüglich  der  Localbehandlung  von  Hohlgeschwüren  ist  zu 
erinnern,  dass  man  bisher  zu  wählen  hatte 

zwischen:  vorerst  bewirkter  Ausweitung  des  Hohlgeschwüres 
(1.  Methode), 

oder:  sofortiger  Spaltung  desselben,  um  dasselbe  in  ein  oflfe» 
nes  Geschwür  zu  verwandeln  (2.  Methode), 

oder:  Anbringung  einer  Gegenöffnung  am  blinden  Ende  des 
Hohlgeschwüres,  wobei  selbstverständlich  unter  gleichzeitiger  An- 
wendung der  Wundmittel,  die  allen  drei  Methoden  zukommt,  aus- 
serdem bekanntlich  von  vielen  Seiten  die  Drainage  empfohlen 
wird  (3.  Methode). 

Es  bedarf  wohl  keiner  Rechtfertigung,  dass  ich  die  Methode  1, 
bei  der  ich  dem  Patienten  möglicherweise  einen  zweiten  operativen 
Eingriff  erspare,  in  der  Regel  zuerst  anwende.  Erreicht  sie  nach 
einiger  Zeit  ihren  Zweck  nicht,  zeigt  nämlich  die  stetig  wiederholte 
Messung  keine  Verkürzung  des  Hohlgeschwüres  an,  so  schreite  ich 
zur  Methode  2,  d.  i.  die  Spaltung.  Ich  wende  diese  sehr  häufig  an 
und  zwar  deshalb,  weil  mich  die  Erfahrung  gelehrt  hat,  dass  man 
mit  ihr  schneller  und  sicherer  zum  Ziele  kommt  als  mit  der  3.  Me- 
thode. In  Ausnahmsfällen  ist  aber  auch  diese  letztere  von  Nutzen 
und  ich  habe  von  ihr  in  zwei  wichtigen  Fällen,  von  denen  später 
die  Rede  sein  wird,  vorteilhaften  Gebrauch  gemacht. 

Zur  Erläuterung  der  Weise,  in  der  ich  die  Methode  1  (vor- 
läufige Erweiterung  des  Hohlganges)  zur  Ausführung  brachte,  be- 
merke ich,  dass  ich  mich  von  der  in  den  1840er  Jahren  empfohle- 
nen, aber  miu  gutem  Grunde  bald  wieder  verlassenen  Laminaria 
digitata  (fingerfömiger  Klöder),  die  zur  Familie  der  Tange  gehört, 
ferr  gehalten  habe;   dagegen  wende  ich  ein  altes   —  gegenwärtig 

wie  mir  scheint  —  in  Vergessenheit  gerathenes  Verfahren  an,  wel- 

l* 


4  Wertheim. 

ches  in  der  Einführung  des  s.  g.  Pressschwammstabes  besteht.  Die 
Bereitung  geschieht,  indem  feine  Badeschwämme  in  heisses  Wachs 
getaucht,  dann  zwischen  zwei  Eisenplatten  zusammengepresst  wer- 
den, bis  die  Tafel  erhärtet  ist.  Sie  müssen,  um  brauchbar  zu  sein 
Bretthärte  besitzen  und  werden  beim  Gebrauche  mit  einer  starken 
Scheere  in  Streifen  von  entsprechender  Länge  und  Breite  geschnitten 
und  am  vorderen  Ende  mit  einem  Bindfaden  umschnürt.  Die  Ein- 
führung geschieht  mittelst  der  Kornzange,  mit  der  man  24  Stunden 
später  Schwamm  und  Faden  wieder  fasst  und  durch  sanftes  Hin- 
und  Herwiegen  unversehrt  herauszieht.  Die  Ausweitung,  die  jetzt 
erreicht  ist,  ist  in  der  Kegel  eine  sehr  beträchtliche.  Hiemit  ist  für 
das  zu  wählende  "Wundmittel  zu  seiner  Wirkung  und  dem  Eiter 
zum  Abflüsse  hinreichender  Baum  geschaffen. 

Bezüglich  der  Methode  2 :  Spaltung  und  Application  des  zu 
wählenden  Wundmittels  erwähne  ich,  dass  ich  Alles  aufrecht  halte, 
was  ich  in  dieser  Beziehung  vor  Jahresfrist  bezüglich  der  Auswahl 
externer  Mittel  für  bestimmte  Fälle  von  Wundbeschaffenheit  in  der 
„Wiener  medizinischen  Wochenschrift"  (Nr.  23,  24,  25,  1880)  mit- 
zutheilen  mir  erlaubt  habe.  Auszugsweise  sei  hier,  für  Diejenigen, 
denen  diese  Blätter  nicht  zur  Hand  sind,  angeführt,  dass  ich  in 
der  Regel  die  l^ige  Carbolsäurelösung,  neben  ihr  die  l^ige 
Creosotlösung  anwende,  (die  ich  bereits  vor  17  Jahren  auf  meiner 
Abtheilung  eingeführt  habe);  bei  —  glücklicherweise  höchst  seltener 
—  Gangrän  das  Yinumferruginosum;  bei  Erysipel  Auflegen  trockener 
mit  Globuli  St.  Elisabethae-Kugeln  bestrichener  weicher  Leinen- 
lappen; beim  Hartwerden  der  Wundränder,  statt  des  früher  geübten 
Abtragens,  Einhüllung  derselben  in  mit  Emplastrum  hydrargyri  be- 
strichenen Läppchen  von  Leinen;  endlich  das  Granulation  bewir- 
kende Unguentum  digestivum. 

Dies  hindert  aber  nicht,  dass  ich  in  dem  Bekanntwerden  der 
wahrhaft  ausserordentlichen  Wirkungen,  die  das  neugewonnene  Juwel 
unseres  Arzneischatzes,  das  Jodoform  aufweist,  einen  grossen  Fort- 
schritt für  die  syphilidologische  Therapie  erblicke.  In  Bezug  auf 
diesen  Stoff  bin  ich  durch  eine  nicht  unbeträchtliche  Anzahl  von 
Erfahrungen*  die  ich  hinsichtlich  seiner  Wirksamkeit  bei  Syphilis 
zu  machen  in  *ler  Lage  war,  zur  Ansicht  gelangt,  dass  dieses  Mittel 
überall  da,  wo  es  sich  um  ausgiebige  Granulation  auf  Wund- 


Therapeutische  Erfahrungen.  5 

flächen   handelt,    eine   grosse  Zukunft  vor  sich  hat.     Gleichwohl 
steht  bei  mir  fest: 

1.  Dass  das  Jodoform  bei  primären  syphilitischen  Geschwüren 
vom  Carbolwasser  deshalb  entschieden  übertroffen  wird,  weil  es 
sich  hier  nicht  um  Verstärkung  von  Granulation,  sondern  um 
Ueberhäutung  des  noch  flachen  Geschwüres  vom  Rande  aus 
gegen  die  Mitte  handelt.  Man  mache  nur  den  Versuch  hier  sofort 
zum  Jodoform  zu  greifen,  so  wird  man  bald  erfahren,  dass  eine 
unwillkommen  starke  Granulation  entsteht,  die  uns  zwingt  zum 
gerne  vermiedenen  Lapisstiffc  zu  greifen.  Für  primäre  syphilitische 
Geschwüre  (die  im  Anfange  meistens  weich  sind)  ist  daher  das 
Jodoform  nicht  zu  empfehlen. 

2.  Etwas  anders  schon  verhält  sich  die  Sache  bei  eiternden 
Bubonen.  Hier  erreicht  man  häufig  das  was  man  wünscht,  nämlich, 
gleich  nach  der  Eröffnung  desselben  und  sorgfältiger  Entleerung 
des  Eiters,  durch  das  eingestreute  Jodoform  den  grossen  Vortheil 
sehr  rascher  Ausfüllung  der  Höhle  durch  lebhafte  Granulation. 
Sobald  aber  dies  erreicht  ist  und  die  granulirende  Basis  sich  der 
Ebene  der  Ränder  nähert,  tritt  auch  hier,  wie  im  früheren  Falle 
die  Notwendigkeit  ein,  es  durch  ein  Mittel  zu  ersetzen,  das  die  zu 
einander  strebenden  Wundränder  in  dem  "Werke  der  Ueberhäutung 
nicht  hindert  sondern  fördert.  Es  ist  also  dann  das  Jodoform  wieder 
mit  dem  Carbolwasser  oder  einem  ähnlich  wirkenden  Mittel  (wie  z.  B. 
Aqu.  Creosoti)  zu  vertauschen. 

3.  Ganz  eminente  Dienste  leistet  es  aber  bei  Hohlgeschwüren 
der  1.  und  2.  Art,  nämlich  dort,  wo  —  wie  wir  schon  sagten  — 
die  locale  Therapie  ausreicht.  Hier  ist  man  nach  Allem,  was  vor- 
liegt, zu  grossen  Hoffnungen  berechtigt,  so  dass  man  vielleicht  in 
vielen  Fällen  nicht  nur  von  jeder  vorbereitenden  Ausweitung  des- 
selben, sondern  selbst  von  der  Spaltung  oder  Anbringung  einer 
Gegenöffnung  wird  absehen  können,  um  statt  all'  dessen  das  Gra- 
nulation hervorbringende  Jodoform  anzuwenden,  dessen  Verwerthung 
wir  nächst  Moleschott,  der  uns  zuerst  mit  seiner  Heilkraft  be- 
kannt machte,  unserem  geehrten  Collegen  Prof.  v.  Mosetig  ver- 
danken, dem  es  rasch  gelang,  diesem  Heilmittel  den  ihm  gebühren- 
den Platz  in  der  Therapie  zu  verschaffen. 

Es  liegen  mir  bereits  eine  Anzahl  von  Fällen  vor,  wo  Hohl- 
geschwüre der  obbezeichneten  Arten  in  der  Leistengegend,  im 


6  Wertheim. 

Mediastinum,  an  den  Oberschenkeln  und  Hinterbacken,  zum  Theil 
von  sehr  beträchtlichen  Dimensionen,  über  welche  ich  in  späterer 
Zeit  umständlichen  Bericht  zu  erstatten  gedenke,  die  schon  2  bis 
3  Monate  lang  vergeblich  bekämpft  waren,  dann  in  4 — 6  Wochen 
durch  Jodoform,  in  Pulver-  oder  Stäbchenform  angewendet,  zur  Hei- 
lung und  vollständigen  Vernarbung  gelangten. 

4.  Anders  verhält  sich  die  Sache  bei  Hohlgeschwüren  der  3. 
Art,  d.  h.  denjenigen,  welche  Folgezustände  des  harten  Schankers 
darstellen.  Diese  Geschwüre,  die  nicht  selten  Wände  und  Ränder  von 
Knorpelhärte  besitzen,  desgleichen  breite  Condylome  sind  selbst 
Wucherungsgebilde  in  eminentem  Grade  und  erfordern  zu  ihrer 
Schmelzung  granulations widrige  Mittel.  Dass  das  Jodoform 
hiefur  nicht  passt,  ist  nach  allem  hier  Mitgetheilten  augenfällig. 
Es  wirkt  hier  sogar  nachtheilig,  weil  wir  damit  die  Zeit  verlieren, 
die  wir  zur  Anwendung  des  längst  Erprobten  benützen  müssen. 
Alles,  was  wir  hier  nöthig  haben,  die  Local-  und  Allgemeinbehand- 
lung, vollzieht  noch  immer  in  unübertroffener  Weise  der  Mercur. 
Dem  Emplastrum  hydrargyri  in  Verbindung  mit  wohlüberwachter 
Inunctionskur,  und  wo  diese  wegen  drohender  Stomatitis  contrain- 
dicirt  ist,  mit  der  Jodkalium -Internbehandlung,  gebührt  hier  noch 
immer  unbestritten  der  erste  Rang. 

Von  der  erwähnten  3.  Behandlungsmethode,  d.  i.  Anbringung 
einer  Gegenöflhung  am  Ende  des  Hohlgeschwüres,  habe  ich  im  Laufe 
dieses  Jahres  in  zwei  besonders  schwierigen  Fällen  eine  mehrfach 
modificirte  Anwendung  gemacht  und  zwar  mit  günstigem  Erfolge.  In 
beiden  Fällen  waren  die  geschilderten  Methoden  1  und  2  und  die 
erwähnten  Wimdmittel  der  Reihe  nach,  und  zwar  beim  Einen  (29jähr. 
Manne)  bereits  durch  27a  Monate,  beim  Anderen  (17jähr.  Manne)  durch 
3  Monate  erfolglos  angewendet  worden.  Beim  ersteren  war  ein  Ulcus 
molle  mit  consecutivem  linksseitigen  Leistendrüsen  -  Hohlgeschwür 
von  11  Ctm.  Länge  vorhanden,  welches  von  der  Mitte  der  linken 
Leistenbeuge  ausgehend  bis  2  Ctm.  jenseits  der  Linea  alba  reichte; 
beim  zweiten  war  ursprünglich  ein  Ulcus  molle  und  Gonorrhoea 
nebst  einem  8  Ctm.  langen  Hohlgeschwüre  zugegen,  das  von  der 
Mitte  der  linken  Leistengegend  fast  bis  an  die  Linea  alba  grenzte. 

Bei  dieser  Sachlage  unternahm  ich  es  mittelst  des  gekrümm- 
ten Flourent'schen  Troiquarts  —  (dessen  Grösse  und  Form  ich  dem 
Fachmanne  ohne  Zeichnung  dadurch  verständlich  mache,  dass  ich 


Therapeutische  Erfahrungen.    "  7 

von  ihm  aussage:  als  Bogen  gemessen  sei  seine  Länge  13*5  Ctm.f 
er  gehöre  einem  Kreise  von  13  Ctm.  Kadius  an  und  bilde  somit 
nahezu  einen  6tenTheildes  zugehörigen  Kreises)  —  einen  Transver- 
saldurchstich zwischen  allgemeiner  Decke  und  der  den  Muse,  rectus 
abdominis  und  den  pyramidenförmigen  Muskel  überziehenden  Fascie 
in  der  Art  zu  vollziehen,  dass  die  Spitze  des  eingeführten  Instru- 
mentes in  beiden  Fällen  in  der  Gegend  des  unteren  Endes  des  Muse, 
obliquus  internus  zum  Vorschein  kam.  Nach  Zurückziehung  des 
Troiquarts  aus  seiner  Röhre  wurde  letztere  zum  Durchführen  eines 
mit  Carbolwasser  getränkten,  sehr  schmalen,  mit  einer  Darmsaite 
vereinigten  Leinenstreifens  (kein  Drainagerohr!)  benützt.  Derselbe 
wurde  je  6stündlich  durch  einen  neuen  ersetzt,  für  den  der  alte  zur 
Führung  diente.  Die  Verbindung  geschah,  um  Knöpfe  zu  vermeiden, 
durch  Zusammennähen  der  Enden.  Schon  nach  einigen  Wochen  hatte 
sich  in  beiden  Fällen  der  Kanal  so  verengt,  dass  bald  nur  mehr 
die  blosse  Durchspritzung  mit  Carbolwasser  vorgenommen  werden 
konnte,  bis  auch  diese  nicht  mehr  gelang,  weil  der  Kanal  bereits 
durchaus  verwachsen  war.  Beim  ersteren  Fall  erforderte  all'  dies 
nicht  ganz  zwei  Monate,  beim  letzteren  einen  Monat  und  einige 
Tage. 

II.  Ueber  die  häufige  Verwechslung  von  Chlorkalium  und 

chlorsaurem  Kali, 

in  Lösungen  als  Mundwasser  verwendet. 

Es  ist  kaum  glaublich,  aber  doch  wahr,  dass  es  vielfach  vor- 
kommt, dass  anstatt  des  bewährten,  von  den  Syphilidologen  bei 
drohender  mercurieller  Stomatitis  als  Mundwasser  verwendeten  Chlor- 
kaliums  (Kalium  chloratum)  10  Grm.  in  */«  Liter  Aqu.  dest.  gelöst, 
eines  sehr  milden  und  in  seiner  Wirkung  ganz  unbedenklichen  Mit- 
tels, chlorsaures  Kali  (Kali  chloricum)  verschrieben  und  auch  expe- 
dirt  wird.  Beide  sind  sowohl  chemisch  als  therapeutisch  weit  ver- 
schieden von  einander. 

Das  erstere  (KCl)  ist  seiner  Zusammensetzung  nach  einAna- 
logon  unseres  Kochsalzes.  Das  Natrium  im  Chlornatrium  ist  hier 
durch  Kalium  ersetzt.  Das  chlorsaure  Kali  ist  eine  Verbindung  von 
Kali  mit  Chlorsäure  (KC108),  welches  zusammengebracht  mit  ver- 
brennlichen  Körpern,  wie  Kohle,  Wolle,  Papier  etc.  mittelst  Schla- 


8  Wertheini. 

ges  unter  Feuerentwicklung  und  Detonation  explodirt.  Seine  thera- 
peutischen Eigenschaften  bestehen  darin,  dass  es  in  einigermassen 
concentrirter  Lösung  bei  Anwendung  auf  mit  Schleimhaut  ausgeklei- 
dete Körperhöhlen  (Mund,  Nase,  Rachen)  deutliche  und  dauernde 
Schwarzfarbung  der  Mucosa  mit  schmerzhafter  Entzündung  derselben 
bewirkt,  bei  Einspritzungen  in  noch  empfindlichere  Organe,  wie  die 
Harnblase,  die  allerbedenklichsten  Erscheinungen  und,  innerlich 
grammweise  genommen,  lethalen  Ausgang  mit  durch  die  Obduction 
constatirter  Schwarzfarbung  aller  Eingeweide  und  des  Blutes  etc. 
zur  Folge  haben  kann. 

Ich  kann  hier  aus  Erfahrung  reden.  Ich  wurde  vor  einiger  Zeit 
zu  einer  Frau  gerufen,  die  bald  nach  dem  Gebrauche  eines  ihr  vom 
Hausarzte  verschriebenen  Mundwassers  durch  Schmerzhaftigkeit  und 
Schwellung  der  Zunge  belästigt  und  besonders  durch  Schwärzung 
der  gesammten  Mund-,  Zungen-  und  Rachengegend  beunruhigt  war. 
Ich  überzeugte  mich  durch  Einsichtnahme  in  das  Recept,  dass  20 
Gramm  Kali  chloricum  in  300  Gramm  Aqu.  destill,  gelöst  dieses 
Missgeschick  verschuldet  hatten.  Es  währte  mehrere  Wochen,  bis 
durch  kalte  Bähungen,  unter  allmäliger  Abstossung  des  Epithels  die 
Restitutio  in  integrum  herbeigeführt  war. 

Es  ist  deshalb  besondere  Vorsicht  beim  Verschreiben  anzura- 
then,  auch  sind  Abbreviationen  zu  vermeiden.  Es  würde  sich  aber 
vielleicht  empfehlen,  das  heilsame  und  unbedenkliche  Kalium  chlo- 
ratum in  unsere  Pharmakopoe  aufzunehmen,  in  der  bisher  nur  das 
Kali  chloricum,  allerdings  mit  der  beigefügten  Angabe,  dass  es 
unter  Umständen  Explosion  und  Detonation  zu  bewirken  vermag, 
Aufnahme  gefunden  hat.  Man  würde  es  dann  in  allen  Apotheken 
vorräthig  finden,  was  gegenwärtig  nicht  der  Fall  ist. 

III.  Kohlensaure  Gasdouche  mit  Erfolg  bei  Impotenz  ange- 
wendet. 

Es  ist  hier  nicht  von  jener  Impotenz  die  Rede,  die  mit  tief- 
greifenden Störungen  im  centralen  und  peripherischen  Nervensysteme 
in  Zusammenhang  steht  und  eine  Theilerscheinung  von  Tabes  dar- 
stellt; auch  nicht  von  jener,  die  durch  angeborene  oder  erworbene 
Missgestaltung  oder  Entartung  der  Geschlechtstheile  des  Mannes 
heyrührt,  sondern  von  jener,  die  bald  plötzlich,  bald  allmälig,  häufig 


Therapeutische  Erfahrungen.  9 

ohne  nachweisbare  Veranlassung  vollkommen  normal  gebaute  und 
auch  sonst  gesunde  Individuen  vorübergehend  oder  dauernd  befallt. 
Ungeachtet  der  zahlreichen  Berichte  und  Verheissungen  von  Hei- 
lung dieses  wahrhaft  peinlichen  und  in  seinen  Folgen  —  wie  den 
Aerzten,  den  Advokaten  und  den  Richtern  bekannt  ist  —  höchst 
bedeutungsvollen  Leidens,  denen  wir  in  den  öffentlichen  Blättern 
tagtäglich  begegnen,  ist  die  ernste  Fachliteratur  sehr  arm  an  brauch- 
baren Auskünften  nach  dieser  Bichtung.  In  dem  umfassenden  Re- 
ferate, das  Curschmann  in  Ziemssen's  Pathologie  und  Therapie 
IX.  Bd.  liefert,  desgleichen  in  Niemeyer's  weitverbreitetem  Lehr- 
buche werden  die  Therapien,  die  sich  auf  Elektricität,  Kaltwasser- 
kur, Arsen,  Phosphor,  Nux  vomica  u.  s.  w.  beziehen,  wohl  citirt, 
aber  vorsichtigerweise  nicht  empfohlen.  In  den  letzten  10  Jahr- 
gängen des  Canstatt'schen  Jahresberichtes  kommt  im  Index  der 
Name  „Impotenz"  nur  ein  einziges  Mal  vor  und  die  diesbezügliche 
Stelle  im  Texte  enthält  Nichts,  was  sich  auf  Therapie  bezieht. 

Dies  ist  das  Motiv,  das  mich  bestimmt,  die  Aufmerksamkeit 
meiner  Collegen  auf  ein  —  wie  es  scheint  —  vor  langer  Zeit  schon 
entdecktes,  aber  auflfälligerweise  vernachlässigtes  Heilverfahren  zu 
lenken,  dessen  in  Rinna  v.  Sarenbach's  Repertorium  ausdrück- 
lich Erwähnung  geschieht.  Es  steht  dort  im  H.  Bd.  pag.  461  unter 
Artikel  „Impotenz"  geschrieben:  „Die  Gasbäder  in  Eger  reizen  die 
„Geschlechtstheile  eigenthümlich,  daher  sie  bei  geschwächter  Ener- 
„gie  derselben,  sowie  bei  gesunkenem  Hautleben  überhaupt  beson- 
ders heilsam  sind".  Die  Stichhaltigkeit  dieser  Empfehlung  wurde 
mir  vor  langer  Zeit  von  befreundeter  Seite  auf  Grund  eigener 
Wahrnehmung  vollgiltig  bestätigt  und  mich  beschäftigte  daher  wie- 
derholt der  Gedanke,  dass  diese  Gasbäder  in  Fällen  obbezeichneter 
Art  eines  erneuten  Versuches  werth  sein  dürften.  Aber  so  oft  ich 
auch  in  Badeschriften  älteren  und  neueren  Datums  bezüglich  Fran- 
zensbads nachforschte,  fand  ich  immer  nur  Krankheiten  des  Weibes, 
insbesondere  Unfruchtbarkeit  als  Indicationen  für  den  Gebrauch  der 
heilkräftigen  Wässer  und  der  Moorerde  erwähnt,  aber  der  Impotenz 


*)  Kepertorium  der  vorzüglichsten  Kurarten,  Heilmittel,  Operations- 
methoden, welche  während  der  letzten  vier  Jahrzehente  angewendet  oder  em- 
pfohlen worden  sind.  Von  Dr.  Ernst  Rinna  v.  Sarenbach,  k.  k.  Hofarzte 
etc.  Güns  1835. 


10  Wertheim. 

und  des  Gasbades,  das  noch  immer  dort  existirt,  wird  entweder  gar 
nicht  oder  nur  ganz  nebenher  gedacht. 

Ich  selbst  kam  seitdem  einige  Male  in  meiner  Praxis  in  den 
Fall,  Männern  (es  sind  meist  Ehecandidaten  oder  junge  Ehemänner, 
die  über  ihren  Zustand  in  Verzweiflung  sind),  die  mit  dieser  Klage 
bei  mir  erschienen,  den  Gebrauch  dieser  Gasbäder  zu  empfehlen. 
Aber  ihre  Verhältnisse  gestatteten  ihnen  aus  verschiedenen  Gründen 
nicht,  von  diesem  Eathe  Gebrauch  zu  machen  und  so  musste  ich 
sie  mit  dem  Achselzucken  entlassen,  dessen  wir  uns,  wenn  wir  die 
erbetene  Hilfe  versagen  müssen,  zu  bedienen  pflegen. 

Erst  im  vergangenen  Sommer  stieg  mir,  anlässlich  des  Vor- 
kommens eines  neuen  Falles  dieser  Art,  der  meine  ganze  Theil- 
nahme  wachrief,  der  Gedanke  vor  der  Seele  auf,  die  Natur  zu 
zwingen,  mir  an  Ort  und  Stelle  zu  leisten,  was  sie  spontan  im 
Franzensbader  Boden  thut,  mit  anderen  Worten,  ich  beschloss 
Kohlensäure  zur  Verwendung  bei  meinem  Kranken  zu  erzeugen. 

Das  war  schnell  gedacht,  aber  konnte  nur  nach  Ueberwindung 
von  mancherlei  Schwierigkeiten  ins  Werk  gesetzt  werden.  Kohlen- 
säure zu  erzeugen  ist  leicht.  Aber  die  erzeugte  verwahren  ist  schon 
viel  schwerer,  namentlich  bei  grösserer  Menge.  Nun  erst,  sie  so  zu 
verwahren,  dass  man  jeweilig  so  viel,  als  Einem  beliebte,  in  Ver- 
wendung bringen  könne,  zugleich  aber  den  Eest  für  später  zu 
sichern?  Auch  ist  die  Kohlensäure  kein  unbedenklicher  Stoff  und 
ihr  unzeitiges  Ausströmen  kann  böse  Folgen  haben. 

Alle  diese  und  noch  manche  andere  Bedenken  wurden  aber 
rasch  und  glücklich  behoben  und  ich  habe  mich  in  den  Stand  gesetzt, 
innerhalb  ein  paar  Stunden  so  viel  Kohlensäure  in  meinem  Arbeits- 
zimmer im  Kudolfspitale  zu  erzeugen  und  zu  verwahren,  dabei  aber 
auch  durch  beliebig  modificirten  Druck  ihren  Austritt  so  zu  regu- 
liren,  dass  ich  den  Gasstrom,  den  ich  als  Douche  auf  die  Genitalien 
wirken  lasse,  erzeugen  und  sofort  auch  wieder  absperren  kann. 

So  wie  das  erreicht  war,  wurde  mein  Patient  zur  Kur  be- 
rufen. Die  erste  Sitzung  währte  mit  Unterbrechungen  eine  Stunde. 
Auf  meine  Frage,  was  er  beim  Vorbeistreichen  der  Luft  an  den 
Genitalien  empfinde,  gab  er  an:  Ein  Wärmegefühl.  Doch  bemerke 
ich  ausdrücklich,  dass  das  Gas  selbst  die  Zimmertemperatur  hatte. 
Ganz  anders  aber  war  die  Wirkung,  die  schon  einige  Stunden  später 


Therapeutische  Erfahrungen.  11 

und  in  der  darauf  folgenden  Nacht  eintrat.  Hochbefriedigt  berich- 
tete er  mir  anderen  Tages,  dass  er  des  Nachts  dreimal  mit  Erec- 
tionen  erwacht  sei,  die  er  seit  mehr  als  Jahresfrist  vermisst  hatte. 
Ich  wiederholte  das  Verfahren  ein  zweites  Mal  und  überzeugte  mich 
jetzt,  dass  noch  während  der  Procedur  nebst  dem  deutlichen  War- 
na egefuhl  sofort  auch  Erection  zu  Stande  kam.  —  Es  sind  seitdem 
Monate  verstrichen.  Vor  Kurzem  sah  ich  den  Mann,  der  in  Wien 
lebt,  wieder  und  er  bestätigte  mir  freudig,  dass  der  erreichte  Er- 
folg fortbesteht. 

Vor  Kurzem  wendete  sich  ein  zweiter  Hilfsbedürftiger  dieser 
Art,  ein  Mann  in  den  Dreissigen,  an  mich.  Sein  Leiden  bestand 
seit  mehreren  Monaten.  Ich  schlug  ihm  das  bezeichnete  Verfahren 
vor,  dem  er  sich  bereitwillig  unterzog.  Dieser  Patient  bezeichnete 
das  Gefühl,  das  er  beim  Streichen  des  Gases  über  die  Geschlechts- 
theile  empfand,  als  Prickeln  und  leichte  Spannung.  —  Schon  in  der 
Nacht,  die  der  ersten  Sitzung  folgte,  stellten  sich  die  seit  Monaten 
entbehrten  Erectionen  ein  und  in  der  zweitnächsten  Nacht  eine  Pol- 
lution. Dieser  Erfolg  erweckte  bei  dem  Betreffenden  den  Wunsch 
nach  einer  zweiten  Sitzung,  die  4  Tage  nach  der  ersten  stattfand. 
Ueber  die  Wirkung  derselben  bin  ich  im  Augenblicke  noch  nicht 
unterrichtet. 


IT.  Chloroform-Narkose  gelegentlich  operativer  Eingriffe  bei 
infectiösen  Krankheiten  der  Oeschlechtsthelle  zur  Regel 

erhoben. 

Ausnahmsweise  wird  die  Narkotisirung  schon  längst  von 
mir  —  und  wie  ich  glaube  —  auch  anderwärts  von  meinen  Fach- 
collegen  in  Fällen  oberwähnter  Art  in  Anwendung  gebracht.  Ich 
habe  es  aber  für  recht  und  billig  erkannt,  die  Erweisung  dieser 
Wohlthat  den  Hilfsbedürftigen,  die  mir  anvertraut  sind,  regelmässig 
zuzuwenden.  Mich  hierüber  zu  rechtfertigen,  halte  ich  —  im  Hin- 
blick auf  die  ganz  besondere  Schmerzhaftigkeit  der  hier  in  Rede 
stehenden  Eingriffe  —  für  überflüssig.  Ich  will  sogar  der  Meinung 
Ausdruck  geben,  dass  diese  Einführung  die  nützliche  Folge  haben 
dürfte,  dass  die  Betreffenden  bereitwilliger  — ,  will  heissen,  früher, 
als  bisher  sich  der  erforderlichen  Behandlung  unterziehen   werden, 


12  Wertheim.  Therapeut.  Erfahrungen. 

wenn  sie  sich  vor  der  Hilfeleistung  nicht  mehr  so  zu  furchten  brau- 
chen, als  dies  bisher  der  Fall  war.  Wie  vortheilhaft  aber  dies  für 
die  Behandlung  selbst  ist,  wie  sehr  diese  dadurch  in  den  meisten 
Fällen  in  der  Zeitdauer  verkürzt  werden  dürfte,  ist  leicht  einzusehen. 
Ich  halte  es  in  diesem  Punkte  so,  dass  ich  in  den  schwereren 
Fällen  den  Betreffenden  die  Narkose  anbiete,  aber  auch  in  den 
leichteren,  wenn  sie  gewünscht  wird  und  durch  Nichts  contraindicirt 
ist,  zugestehe. 


IL 

Uekr  corticale  Epilepsie. 

Von 

Dr.  N.  Weiss 

Docent  für  interne  Medicin  an  der  Wiener  Universität. 

(Am  9.  Jänner  1882  von  der  Redaction  übernommen.) 

(Hiezu   Tafel  I.) 


Mit  dem  Namen  corticale  Epilepsie  bezeichnen  wir  eine  Reihe 
von  Krampfformen,  welche  eine  gewisse  Aehnlichkeit  mit  der  typi- 
schen Epilepsie  zeigen,  indem  bei  ihnen  nicht  selten  im  Verlaufe  der 
anfallsweise  auftretenden  klonischen  und  tonischen  Krämpfe  Verlust 
des  Bewusstseins  und  der  Reflexerregbarkeit  zu  Stande  kommt,  die 
sich  aber  dadurch  von  der  gewöhnlichen  Epilepsie  unterscheiden, 
dass  die  in  den  Anfällen  auftretenden  Krämpfe  entweder  vollständig 
unilateral  sind,  oder  wenigstens  zuerst  und  mit  grösserer  Intensität 
die  Musculatur  einer  Körperhälfte  befallen. 

Diese  unilateralen  Convulsionen  wurden  schon  von  früheren 
Autoren  mehrfach  beobachtet,  indess  ist  es  erst  den  Untersuchungen 
von  Hughlings  Jackson  gelungen,  die  allgemeine  Aufmerksam- 
keit der  Aerzte  auf  diese  Krampfformen  zu  lenken.  Dieser  Autor 
hat  sich  eingehend  mit  dem  Studium  derselben  beschäftigt  und  hat 
zuerst  ihre  eigenthümliche  Verbreitungsweise,  sowie  ihre  Beziehun- 
gen zu  irritativen  Läsionen  der  motorischen  Rindenregion  kennen 
gelehrt. 

Mit  Rücksicht  auf  die  von  Jackson  nachgewiesene  Bezie- 
hung dieser  unilateralen  Krämpfe  zu  Erkrankungen  der  Hirnrinde 
werden  diese  Krämpfe  auch  seither  als  corticale  Krämpfe  und  der 
entsprechende  Symptomencomplex  als  corticale  Epilepsie  bezeichnet. 


14  Weiss. 

In  Anerkennung  der  Verdienste  Jackson's  um  diese  Erkrankung 
wird  dieselbe  auch  Jackson'sche  Epilepsie  genannt. 

Ich  will  nun  nach  den  in  der  Literatur  vorhandenen  Beobach- 
tungen über  diese  Erkrankung,  sowie  nach  eigenen  Erfahrungen  die 
wesentlichsten  Merkmale  und  Eigenthümlichkeiten  derselben  hervor- 
heben, um  dann  zur  Mittheilung  der  von  mir  beobachteten  Krank- 
heitsfälle, welche  allesammt  ihre  autoptische  Bestätigung  fanden, 
überzugehen. 

Was  die  Ausbreitung  dieser  corticalen  Krämpfe  anlangt,  so 
lässt  sich  hierüber  Folgendes  aussagen: 

In  manchen  Fällen  betrifft  der  Krampf  ausschliesslich  be- 
stimmte Muskelgebiete  der  einen  Körperhälfte  und  bleibt  während 
der  ganzen  Dauer  des  Anfalles  auf  diese  beschränkt.  Man  bezeichnet 
solche  Krampfformen  als  Monospasmen  und  spricht  je  nachdem 
Muskelgruppen  im  Facialisgebiete,  oder  Muskelgruppen  der  oberen, 
respective  unteren  Extremitäten  sich  ausschliesslich  am  Krämpfe 
betheiligen,  von  einem  facialen,  brachialen  und  cruralen  Mono- 
spasmus. 

Die  hiebei  auftretenden  Krämpfe  sind  in  der  Begel  von  klo- 
nischem Charakter  und  insbesondere  gilt  dies  für  die  im  Facialis- 
gebiete und  an  den  oberen  Extremitäten  auftretenden  Spasmen, 
seltener  von  ausschliesslich  tonischem  Charakter,  so  dass  krampf- 
haftes Ballen  der  Faust  oder  andauernde  Streckung  einer  unteren 
Extremität  im  Hüft-,  Knie-  und  Fussgelenke  während  des  Anfalles 
zu  Stande  kommt.  In  sehr  seltenen  Fällen  'kommt  es  weder  zu 
tonischen,  noch  zu  klonischen  Krämpfen,  sondern  zu  anhaltenden 
iyemorartigen  *)  Bewegungen  in  bestimmten  Muskelgruppen. 

Solche  Monospasmen  treten  häufig  ohne  Verlust  des  Bewusst- 
seins  auf,  ja  manchmal  ist  das  Bewusstsein  während  der  selbst 
monatelangen  ununterbrochenen  Dauer  derselben  vollkommen  frei. 

In  anderen  Fällen  betrifft  der  Krampf  nicht  blos  eines  der 
genannten  Muskelgebiete,  sondern  er  erstreckt  sich  mehr  oder 
weniger  vollständig  auf  die  gesammte  willkürlich  innervirbare 
Musculatur  der  einen  Körperhälfte.  Dabei  lässt  sich  häufig  die  fol- 
gende Beihenfolge  in  der  Verbreitung  der  Krämpfe  von  einem 
Muskelgebiete  zum  anderen  constatiren.   Der  Krampf  beginnt   zu- 


*)  Henoch,  Charit^ -Anaalen  1879. 


Ueber  corticale  Epilepsie.  15 

nächst  am  Orbicularis  orbitae  der  einen  Seite  und  verbreitet  sich 
von  da  auf  die  Mundzweige  des  Facialis  derselben  Seite,  nun  kommt 
es  zur  tonischen  Starre  und  zu  klonischen  Krämpfen  in  der  Nacken- 
musculatur  und  erst  jetzt  verbreitet  sich  der  Krampf  auf  die  Mus- 
keln der  betreifenden  oberen  Extremität,  auf  die  ßumpfmusculatur 
und  die  untere  Extremität. 

In  nicht  seltenen  Fällen  beginnt  der  Krampf  constant  an 
einer  Muskelgruppe  der  oberen  oder  unteren  Extremität  und 
bleibt  manchmal  auf  diese  beschränkt,  andere  Male  verbreitet 
er  sich  auf  die  betreffende  Extremität,  auf  die  ganze  Körper- 
hälfte, ja  er  kann  sogar  unter  solchen  Umständen  allgemein 
werden. 

Haben  die  Krämpfe  einmal  diese  Ausbreitung  erlangt,  dann 
sind  sie  auf  der  Höhe  des  Anfalles  von  gewöhnlichen  epileptischen 
Anfällen  nicht  zu  unterscheiden,  zumal  da  die  Kranken  unter 
solchen  Umständen  bewusstlos  sind,  die  Eeflexthätigkeit  gänzlich 
erloschen  erscheint.  Bei  längerer  Dauer  solcher  Anfälle  stellen  sich 
Secessus  inscii  ein,  die  Athmung  wird  sehr  frequent,  dabei  sehr 
mühsam  und  insufficient,  so  dass  die  Kranken  in  hohem  Grade  cya- 
notisch  werden. 

Was  die  Dauer  der  Anfalle  betrifft,  so  ist  dieselbe  in  der 
Eegel  nur  auf  wenige  Minuten  beschränkt,  namentlich  gilt  dies  für 
die  schweren  Anfälle,  in  welchen  die  Krämpfe  unilateral  sind  und 
mit  Bewusstseinstörung  oder  Sopor  verbunden  sind.  In  Fällen 
dagegen,  wo  nur  Monospasmen  auftreten,  persistiren  dieselben  oft 
genug  in  der  Dauer  einer  halben  Stunde,  einer  oder  mehrerer 
Stunden,  ja  es  sind  sogar  Fälle  in  der  Literatur  bekannt  geworden, 
wo  ein  solcher  Monospasmus  während  des  wachen  Zustandes  un- 
unterbrochen durch  5  Monate  bis  an  das  Lebensende  des  betref- 
fenden Kranken  andauerte  *). 

Die  Pausen  zwischen  den  Anfällen  variiren  ebenso;  manchmal 
betragen  sie  wenige  Minuten  oder  Stunden,  dagegen  wurden  in 
nicht  seltenen  Fällen  tagelange,  wochenlange,  ja  sogar  Pausen  von 
mehreren  Monaten  zwischen  den  einzelnen  Anfallen  beobachtet. 

Während  des  Anfalles  kommt  es  manchmal  zur  Steigerung 
der  Körpertemperatur;  so  habe  ich  in  einem  Anfalle  ein  Ansteigen 


*)  Starke,  Berliner  klinische  Wochenschrift.  4874.  Nr.  33. 


1(5  Weiss. 

derselben  bis  zu  41*0  beobachtet  und  erst  772  Stunden  nach  dem 
Anfalle  sank  die  Temperatur  bis  auf  38*0,  die  bei  dem  Kranken 
regelmässig  zu  beobachtende  Höhe  der  Körpertemperatur.  Manchmal 
kommt  es  während  des  Anfalles  oder  auch  nach  demselben  zum 
Auftreten  von  aphasischen  Zuständen  oder  von  Worttaubheit. 

Nach  dem  Anfalle  bemerkt  man  häufig  eine  Parese,  ja  sogar 
eine  Paralyse  der  vom  Krämpfe  befallenen  Muskelgruppen,  welche 
jedoch  sehr  häufig  schon  in  den  nächsten  Tagen  nach  dem  Anfalle 
vollkommen  oder  theilweise  verschwindet. 

In  den  Zeiten  zwischen  den  Anfallen  sind  die  Symptome, 
welche  die  Kranken  darbieten,  sehr  verschieden,  je  nach  der  Ur- 
sache, welche  im  betreffenden  Falle  der  corticalen  Epilepsie  zu 
Grunde  liegt.  So  sind  selbstverständlich  in  Fällen  von  Tumoren 
oft  genug  schwere  cerebrale  Symptome  bei  den  Kranken  nachweis- 
bar, ebenso  in  Fällen,  wo  die  corticale  Epilepsie  durch  Encephalo- 
meningitis  chronica,  durch  Meningealtuberculose  u.  dgl.  m.  bedingt 
ist.  Im  Gegensatze  hiezu  gibt  es  jedoch  Fälle,  in  welchen  die 
corticale  Epilepsie  das  einzige  Symptom  darstellt,  welches  jahrelang 
isolirt  besteht  und  wo  in  den  Intervallen  der  einzelnen  Anfälle 
mit  Ausnahme  einer  leichten  Parese  der  vom  Krämpfe  befallenen 
Muskelgruppen  keine  Veränderung  objectiv  und  selbst  im  subjec- 
tiven  Befinden  der  Kranken  vorliegt,  welche  auf  die  vorhandene 
Läsion  im  Gehirne  schliessen  lassen  könnte. 

Dies  kommt  namentlich  häufig  vor  in  Fällen  von  Pachymenin- 
gitis  luetica,  in  manchen  Fällen  von  Erweichung  (resp.  Abscessbildung) 
in  der  Umgebung  der  Centralwindungen,  aber  auch  hie  und  da 
bei  Tumoren  der  Rinde  in  der  Umgebung  der  Centralwindungen 
und  an  den  die  letzteren  bedeckenden  Antheilen  der  Meningen.  In 
den  Fällen  der  letzteren  Art  ist  dieses  Verhalten  allerdings  in  der 
Regel  nur  im  Beginne  der  Erkrankung  zu  beobachten,  indess  kommt 
es  ausnahmsweise  vor,  dass  der  Process  durch  Jahre  nur  die  Er- 
scheinungen der  corticalen  Epilepsie  setzt,  um  dann  später  zu  allen 
jenen  persistenten  Störungen  zu  fuhren,  welche  derartige  Erkran- 
kungen begleiten.  Dies  wird  insbesondere  bei  sehr  langsam  wach- 
senden Tumoren  in  der  genannten  Region  beobachtet. 

In  nicht  seltenen  Fällen  verschwindet  die  corticale  Epilepsie 
im  Verlaufe  des  betreffenden  Processes  vollständig.  In  solchen 
Fällen  handelt  es   sich   entweder   um   Heilungsvorgänge    (zumeist 


Ueber  corticale  Epilepsie.  17 

Pachymeningitis  luetica,  Exostosen  von  gleicher  Ursache  u.  dgl.  m.), 
oder  was  häufiger  vorkommt,  um  Progression  des  die  corticale  Epi- 
lepsie bedingenden  Processes,  so  dass  dadurch  eine  Zerstörung  der 
motorischen  Bindenregion  gesetzt  wird.  Dieses  letztere  Verhalten 
wird  namentlich  häufig  bei  Tumoren  und  Encephalitis  (Abscess) 
beobachtet.  In  solchen  Fällen  kommt  es  dann  zur  Lähmung  der  dem 
Herde  entgegengesetzten  Körperhälfte  und  je  nach  der  Ausbreitung 
und  Localisation  des  Processes  zu  anderen  corticalen  Ausfalls- 
erscheinungen, wie  Aphasie,  Worttaubheit,  Amnesie  u.  dgl.  m. 

Was  nun  die  anatomischen  Veränderungen  anlangt,  welche  in 
solchen  Fällen  von  corticaler  Epilepsie  post  mortem  aufgedeckt 
werden,  so  sind  dieselben  sowohl  was  die  Localität  der  Erkrankung 
als  was  die  Art  derselben  anlangt,  sehr  verschieden. 

In  Bezug  auf  die  Localität  lässt  sich  das  nachfolgende  nach 
den  in  der  Literatur  vorliegenden  Thatsachen,  wie  nach  meinen  eige- 
nen Beobachtungen  mit  Sicherheit  feststellen.  Stets  findet  man  in 
solchen  Fällen  den  Sitz  der  Erkrankung  in  der  entgegengesetzten 
Grosshirnrinde,  so  dass  bei  im  Leben  ausschliesslich  oder  vorzugs- 
weise rechtsseitig  ausgeprägten  Convulsionen,  die  linke  Hirnrinde 
afficirt  gefunden  wird  und  umgekehrt. 

In  Bezug  auf  den  näheren  Ort  der  Läsion  lassen  sich  fast  regel- 
mässig die  Centralwindungen  oder  ihre  nächste  Umgebung  von  der- 
selben befallen  statuiren,  so  dass  diese  selbst  oder  ihre  nächste  Um- 
gebung (hinteres  Ende  der  Stirnwindungen,  Paracentralläppchen, 
oberes  Scheitelläppchen,  Gyrus  supramarginalis)  Sitz  einer  Erwei- 
chung, einer  Geschwulst,  einer  capülären  Hämorrhagie  u.  d.  m.  wa- 
ren, oder  dass  die  denselben  anliegende  Meningen  oder  die  betreifenden 
Schädelknochen  Veränderungen  erfuhren,  welche  durch  Irritation  der 
genannten  Bindenpartien  den  gleichen  Effect  erzielten. 

Eine  Ausnahme  hievon  machen  zwei  von  Traube  mitgetheilte 
Fälle,  wo  im  Leben  corticale  Epilepsie  beobachtet  wurde  und  bei 
der  Section  sich  eine  Veränderung  im  Hinterhauptslappen  vorfand. 

Die  Art  der  Veränderung,  welche  in  den  verschiedenen  Fällen 
die  Läsion  bedingte,  ist  eine  verschiedene.  In  einzelnen  Fällen  fanden 
sich  Veränderungen  an  den  Seitenwandbeinen,  Exostosen,  Depression 
derselben  als  Ursache  der  im  Leben  beobachteten  corticalen  Epi- 
lepsie. In  nicht  seltenen  Fällen  constatirte  man  Verdickungen  und 
Adhäsionen  der  Meningen;  dieselben  waren  theils  durch  Lues,  theils 

Med.  Jahrbücher.  1882.  2 


1(5  Weiss. 

derselben  bis  zu  41*0  beobachtet  und  erst  V/z  Stunden  nach  dem 
Anfalle  sank  die  Temperatur  bis  auf  38*0,  die  bei  dem  Kranken 
regelmässig  zu  beobachtende  Höhe  der  Körpertemperatur.  Manchmal 
kommt  es  während  des  Anfalles  oder  auch  nach  demselben  zum 
Auftreten  von  aphasischen  Zuständen  oder  von  Worttaubheit. 

Nach  dem  Anfalle  bemerkt  man  häufig  eine  Parese,  ja  sogar 
eine  Paralyse  der  vom  Krämpfe  befallenen  Muskelgruppen,  welche 
jedoch  sehr  häufig  schon  in  den  nächsten  Tagen  nach  dem  Anfalle 
vollkommen  oder  theilweise  verschwindet. 

In  den  Zeiten  zwischen  den  Anfällen  sind  die  Symptome, 
welche  die  Kranken  darbieten,  sehr  verschieden,  je  nach  der  Ur- 
sache, welche  im  betreffenden  Falle  der  corticalen  Epilepsie  zu 
Grunde  liegt.  So  sind  selbstverständlich  in  Fällen  von  Tumoren 
oft  genug  schwere  cerebrale  Symptome  bei  den  Kranken  nachweis- 
bar, ebenso  in  Fällen,  wo  die  corticale  Epilepsie  durch  Encephalo- 
meningitis  chronica,  durch  Meningealtuberculose  u.  dgl.  m.  bedingt 
ist.  Im  Gegensatze  hiezu  gibt  es  jedoch  Fälle,  in  welchen  die 
corticale  Epilepsie  das  einzige  Symptom  darstellt,  welches  jahrelang 
isolirt  besteht  und  wo  in  den  Intervallen  der  einzelnen  Anfälle 
mit  Ausnahme  einer  leichten  Parese  der  vom  Krämpfe  befallenen 
Muskelgruppen  keine  Veränderung  objectiv  und  selbst  im  subjec- 
tiven  Befinden  der  Kranken  vorliegt,  welche  auf  die  vorhandene 
Läsion  im  Gehirne  schliessen  lassen  könnte. 

Dies  kommt  namentlich  häufig  vor  in  Fällen  von  Pachymenin- 
gitis  luetica,  in  manchen  Fällen  von  Erweichung  (resp.  Abscessbildung) 
in  der  Umgebung  der  Centralwindungen,  aber  auch  hie  und  da 
bei  Tumoren  der  Rinde  in  der  Umgebung  der  Centralwindungen 
und  an  den  die  letzteren  bedeckenden  Antheilen  der  Meningen.  In 
den  Fällen  der  letzteren  Art  ist  dieses  Verhalten  allerdings  in  der 
Regel  nur  im  Beginne  der  Erkrankung  zu  beobachten,  indess  kommt 
es  ausnahmsweise  vor,  dass  der  Process  durch  Jahre  nur  die  Er- 
scheinungen der  corticalen  Epilepsie  setzt,  um  dann  später  zu  allen 
jenen  persistenten  Störungen  zu  fuhren,  welche  derartige  Erkran- 
kungen begleiten.  Dies  wird  insbesondere  bei  sehr  langsam  wach- 
senden Tumoren  in  der  genannten  Region  beobachtet. 

In  nicht  seltenen  Fällen  verschwindet  die  corticale  Epilepsie 
im  Verlaufe  des  betreffenden  Processes  vollständig.  In  solchen 
Fällen  handelt  es   sich   entweder  um  Heilungsvorgänge   (zumeist 


Ueber  corticale  Epilepsie.  17 

Pachymeningitis  luetica,  Exostosen  von  gleicher  Ursache  u.  dgl.  m.), 
oder  was  häufiger  vorkommt,  um  Progression  des  die  corticale  Epi- 
lepsie bedingenden  Processes,  so  dass  dadurch  eine  Zerstörung  der 
motorischen  Bindenregion  gesetzt  wird.  Dieses  letztere  Verhalten 
wird  namentlich  häufig  bei  Tumoren  und  Encephalitis  (Abscess) 
beobachtet.  In  solchen  Fällen  kommt  es  dann  zur  Lähmung  der  dem 
Herde  entgegengesetzten  Körperhälfte  und  je  nach  der  Ausbreitung 
und  Localisation  des  Processes  zu  anderen  corticalen  Ausfalls- 
erscheinungen, wie  Aphasie,  Worttaubheit,  Amnesie  u.  dgl.  m. 

Was  nun  die  anatomischen  Veränderungen  anlangt,  welche  in 
solchen  Fällen  von  corticaler  Epilepsie  post  mortem  aufgedeckt 
werden,  so  sind  dieselben  sowohl  was  die  Localität  der  Erkrankung 
als  was  die  Art  derselben  anlangt,  sehr  verschieden. 

In  Bezug  auf  die  Localität  lässt  sich  das  nachfolgende  nach 
den  in  der  Literatur  vorliegenden  Thatsachen,  wie  nach  meinen  eige- 
nen Beobachtungen  mit  Sicherheit  feststellen.  Stets  findet  man  in 
solchen  Fällen  den  Sitz  der  Erkrankung  in  der  entgegengesetzten 
Grosshirnrinde,  so  dass  bei  im  Leben  ausschliesslich  oder  vorzugs- 
weise rechtsseitig  ausgeprägten  Convulsionen,  die  linke  Hirnrinde 
afficirt  gefunden  'wird  und  umgekehrt. 

In  Bezug  auf  den  näheren  Ort  der  Läsion  lassen  sich  fast  regel- 
mässig die  Centralwindungen  oder  ihre  nächste  Umgebung  von  der- 
selben befallen  statuiren,  so  dass  diese  selbst  oder  ihre  nächste  Um- 
gebung (hinteres  Ende  der  Stirnwindungen,  Paracentralläppchen, 
oberes  Scheitelläppchen,  Gyrus  supramarginalis)  Sitz  einer  Erwei- 
chung, einer  Geschwulst,  einer  capillären  Hämorrhagie  u.  d.  m.  wa- 
ren, oder  dass  die  denselben  anliegende  Meningen  oder  die  betreffenden 
Schädelknochen  Veränderungen  erfuhren,  welche  durch  Irritation  der 
genannten  Bindenpartien  den  gleichen  Effect  erzielten. 

Eine  Ausnahme  hievon  machen  zwei  von  Traube  mitgetheilte 
Fälle,  wo  im  Leben  corticale  Epilepsie  beobachtet  wurde  und  bei 
der  Section  sich  eine  Veränderung  im  Hinterhauptslappen  vorfand. 

Die  Art  der  Veränderung,  welche  in  den  verschiedenen  Fällen 
die  Läsion  bedingte,  ist  eine  verschiedene.  In  einzelnen  Fällen  fanden 
sich  Veränderungen  an  den  Seitenwandbeinen,  Exostosen,  Depression 
derselben  als  Ursache  der  im  Leben  beobachteten  corticalen  Epi- 
lepsie, In  nicht  seltenen  Fällen  constatirte  man  Verdickungen  und 
Adhäsionen  der  Meningen;  dieselben  waren  theils  durch  Lues,  theils 

Med.  Jahrbücher.  1882.  9 


18  Weiss. 

durch  Traumen  oder  chronische  Entzündung  bedingt;  in  einem  von 
mir  beobachteten  Falle  fand  sich  Pachymeningitis  haemorrhagica,  in 
anderen  Tumoren,  welche  von  der  Dura  mater  ausgingen,  häufiger 
chronische  tuberculöse  Meningitis,  welche  zu  circumscripten  Anhäu- 
fungen von  in  Exsudatmassen  eingebetteten  Tuberkeln  in  der  Ge- 
gend der  Centralwindungen  geführt  hatte;  endlich  wurden  auch 
Cysten  an  der  Oberfläche  der  Binde  als  Ursache  des  in  Bede  ste- 
hende Symptomencomplexes  nachgewiesen. 

Im  Gehirne  selbst  fanden  sich  die  verschiedenen  Formen  de* 
Erweichung  bis  zur  vollständigen  Abscessbildung,  Tumoren  (Cysten) 
in  der  Binde,  in  seltenen  Fällen  capilläre  Hämorrhagien,  in  einzel- 
nen Fällen  mehr  diffuse  Veränderungen,  wie  die  Encephalomenin- 
gitis  chronica1).  Ob  auch  partielles  Oedem,  Anämie  oder  Hyperämie 
der  Binde  corticale  Epilepsie  hervorrufen  könne,  lässt  sich  nach 
den  vorliegenden  Beobachtungen  nicht  entscheiden. 

Zur  Erklärung  dieser  eigenthümlichen  halbseitigen  Krampf- 
formen hat  Jackson  folgende  Anschauung  entwickelt.  Er  glaubt, 
dass  durch  solche  corticale  Läsionen,  wenn  sie  in  der  Umgebung 
oder  in  den  Centralwindungen  selbst  sitzen,  die  motorischen  Rin- 
dencentren  in  dauernde  Erregung  versetzt  werden,  dass  sie,  wie  er 
sich  ausdrückt,  „geladen"  werden,  um  sich  dann  unter  gewissen  nicht 
näher  präcisirbaren  Umständen  zu  entladen.  Diese  Entladung  stellt 
den  epileptischen  Anfall  dar.  Nach  einer  solchen  Entladung  kommt 
es  zu  einer  Erschöpfung  der  motorischen  Bindencentren,  welche  kurze 
Zeit  nach  dem  Anfalle  so  intensiv  sein  kann,  dass  halbseitige  Läh- 
mung sich  einstellt,  und  als  deren  Beste  die  nach  solchen  Anfällen 
dauernd  in  den  vom  Krämpfe  befallenen  Muskeln  eintretenden  pareti- 
schen  Zustände  zu  betrachten  sind.  Diese  Erschöpfung  der  Binden- 
centren bedingt  es  aber  auch,  dass  erst  nach  Ablauf  einer  gewissen 
Zeit  die  Erregung  der  Bindencentren  einen  solchen  Grad  erreicht, 
dass  als  nothwendige  Folge  derselben  die  Entladung,  der  epilepti- 
sche Anfall  eintritt.  Diese  Anschauung  Jacks  on's  erklärt  die  inter- 
mittirend  auftretenden  Krämpfe;  sie  reicht  aber  nicht  aus  für  die- 
jenigen Formen  von  corticaler  Epilepsie,  in  welchen  Tage,  ja  selbst 

*)  Die  bezüglichen  Thatsachen  sind  mit  Rücksicht  auf  die  vorliegende 
Frage  bisher  nicht  genügend  beachtet  worden.  Ich  selbst  hatte  Gelegenheit 
reine  corticale  Epilepsie  bei  diesen  Processen  zu  sehen,  wobei  die  Section  die 
volle  Aufklärung  für  das  Auftreten  dieser  Störung  lieferte. 


Ueber  corticale  Epilepsie.  19 

Monate  hindurch  die  Krämpfe  andauerten.  Da  in  solchen  Fällen 
ähnliche  anatomische  Läsionen  constatirt  wurden,  wie  in  den  Fällen 
von  anfallsweise  auftretenden  corticalen  Krämpfen,  so  scheint  es  mir, 
als  ob  die  angeführte  Anschauung  Jackson's  noch  einer  wesent- 
lichen Korrectur  bedürfte  (s.  pag.  43). 

In  diagnostischer  Beziehung  ist  der  Symptomencomplex  der 
halbseitigen  Epilepsie  von  grosser  Bedeutung,  indem  man  wohl 
nach  der  grossen  Anzahl  der  vorliegenden  Beobachtungen,  welche 
mit  einander  in  vielen  Punkten  übereinstimmen,  den  folgenden  Satz 
aufstellen  kann:  Im  Leben  beobachtete  halbseitige  Epilep- 
sie weist  fast  ausnahmslos  auf  die  Gegenwart  einer  corti- 
calen Läsion  in  oder  in  der  nächsten  Umgebung  der  Cen- 
tralwindungen  hin. 

Die  Prognose  dieser  Erkrankung  ist  in  manchen  Fällen  eine 
absolut  lethale,  so  in  den  Fällen,  wo  Tumoren  der  Binde  oder  En- 
cephalomeningitis  chronica  die  Ursache  der  Krämpfe  sind.  Ebenso 
ungünstig  gestaltet  sich  dieselbe,  wenn  Pachymeningitis  haemorrha- 
gica  vorliegt,  indem  hier  durch  die  Intensität  und  Häufigkeit  der 
Krämpfe  der  lethale  Ausgang  herbeigeführt  wird.  Aehnliches  gilt 
von  der  chronischen  Meningealtuberculose.  Auch  bei  capillären 
Blutungen  oder  Erweichungsherden  in  der  Umgebung  der  Central- 
windungen  wurde  nach  den  bisher  bekannten  Erfahrungen  stets  der 
lethale  Ausgang  in  Folge  der  Krämpfe  eintreten  gesehen. 

Prognostisch  günstig  sind  die  Fälle,  wo  es  sich  um  luetische 
Grundlagen  der  Erkrankung  handelt.  In  solchen  Fällen  wurden 
manchmal  Heilungen  nach  Gebrauch  von  Jodkali  beobachtet. 
Jedoch  auch  in  derartigen  Fällen  ist  die  Prognose  nicht  absolut 
günstig  zu  stellen,  indem  in  einzelnen  Fällen  trotz  entsprechender 
Therapie  der  lethale  Ausgang  eintrat.  Es  ist  wahrscheinlich,  dass 
auch  andere  Fälle  von  corticaler  Epilepsie  zur  Heilung  kommen, 
indess  ist  darüber  in  der  Literatur  nichts  enthalten.  Ich  selbst  habe 
einen  Fall  beobachtet,  in  welchem  eine  solche  in  evidenter  Weise 
eintrat  und  bis  jetzt  durch  vier  Monate  persistirt,  ohne  dass  in  dem 
betreffenden  Falle  Lues  als  Ursache  annehmbar,  geschweige  denn 
nachweisbar  war.  Die  Heilung  trat  in  diesem  Falle  unter  ausschliess- 
licher Anwendung  grosser  Bromkalidosen  ein. 

Therapeutisch  sind  in  causaler  Beziehung  nur  die  Fälle  lueti- 
schen Ursprungs  zugänglich.    In  solchen  Fällen  empfiehlt  sich  die 


20  Wo  i  f  s. 

Darreichung  von  Jodkali  (1,0 — 4,0  Gramm  pro  die),  eventuell  die 
Anwendung  von  Mercurialien,  wodurch  in  der  That  manchmal  glän- 
zende und  dauernde  Erfolge  erzielt  werden.  In  symptomatischer 
Beziehung  ist  als  das  beste  Mittel  das  Kalium  bromatum  in  grossen 
Einzeldosen  (2,0  —  4,0  pro  dosi  singula),  dessen  consequente  An- 
wendung in  manchen  Fällen  von  grosser,  wenn  auch  vielleicht  nur 
temporärer  Wirknng  ist. 

Nach  diesen  allgemeinen  Bemerkungen  über  corticale  Epilepsie 
gehe  ich  nun  daran,  die  von  mir  beobachteten,  durch  die  Section 
bestätigten  Fälle  dieser  Erkrankung  mitzutheilen.  Dieselben  dürften 
geeignet  sein,  die  von  mir  vorgetragenen  Anschauungen  zu  erläutern. 

I.  Rechtsseitige  corticale  Epilepsie.  Tuberkel  in  der  linken 
vorderen  nnd  hinteren  Centralwindung. 

Der  Fall  betraf  einen  40jährigen  Mann,  welcher  am  3.  August 
1880  auf  Z.-Nr.  89  des  k.  k.  alJgem.  Krankenhauses  aufgenommen 
wurde.  Perselbe  gab  an,  dass  er  früher  stets  gesund  gewesen  sei 
bis  vor  7  Monaten,  wo  sich  ohne  jede  ihm  bekannte  Veranlassung 
Krampfanfalle  einstellten,  welche  alle  4  Wochen  wiederkehrten  und 
wfe  der  Kranke  mit  Bestimmtheit  angab,  stets  nur  die  rechte  Kör- 
perhälfte betrafen.  In  den  letzten  Wochen  vor  seiner  Spitalsaufnahme 
bemerkte  Patient  eine  Schwäche  in  der  rechten  oberen  Extremität. 
Sonstige  Störungen,  insbesondere  Kopfschmerz,  Schwindel,  Erbre- 
chen fehlten  nach  der  Angabe  des  Kranken  bisher  vollständig.  — 
Hereditäre  Disposition  lag  nicht  vor;  ein  Trauma  oder  Lues  waren 
der  Erkrankung  nicht  vorausgegangen. 

Am  Tage  der  Aufnahme  bot  Patient  folgenden  Status  praesens : 

Pat.  ist  schwächlich  gebaut,  schlecht  genährt,  von  blassem 
Hautcolorit.  T.  normal,  P.  60  klein,  wenig  gespannt. 

Die  Untersuchung  der  inneren  Organe  ergibt  keine  wesentliche 
Abnormität,  nur  LVO  ist  der  Schall  massig  gedämpft,  daselbst  das 
Athmungsgeräusch  rauher,  das  Exspirium  etwas  verlängert.  Harn 
eiweissfrei. 

Was  das  Nervensystem  anbetrifft,  so  lassen  sich  folgende  Ver- 
änderungen constatiren:  Die  rechte  Pupille  etwas  weiter  als  die 
linke,  sie  reagirt  träge  auf  Lichtreize,  prompt  auf  accommodative 
Impuls«.  Facialis  dexfor  in  seinen  respiratorischen  Zweigen  parotis  eh. 


Ueber  corticale  Epilepsie.  21 

Die  rechte  obere  Extremität  paretisch,  so  dass  wohl  alle  Bewegun- 
gen mit  derselben  ausführbar  sind,  jedoch  mit  geringerer  In-  und 
Extensität  als  mit  der  linken  erfolgen;  die  rechte  untere  Extremi- 
tät zeigt  normale  motorische  Kraft,  jedoch  werden  combinirte  Be- 
wegungen mit  ihr  nicht  so  gut  ausgeführt  wie  mit  der  linken,  beim 
Gehen  wird  dieselbe  zeitweise  nachgeschleppt,  stets  wird  sie  im 
Kniegelenke  steif  gehalten. 

Die  Sensibilität  im  Gesichte  und  an  den  Extremitäten  bietet 
keine  Veränderung  dar.  Die  Beflexerregbarkeit  zeigt  das  bei  Hemi- 
plegischen  häufig  zu  beobachtende  Verhalten,  indem  Steigerung  der 
Sehnenreflexe  und  Herabsetzung  der  Hautreflexe  auf  der  paretischen 
Seite  sich  nachweisen  lassen. 

Die  psychischen  Functionen  haben  bei  dem  Kranken  gar  nicht 
gelitten,  eben  so  wenig  die  der  Sinnesorgane.  Die  Sprache  des 
Kranken  ist  eine  langsame,  jedoch  lässt  sich  keine  Spur  einer 
Lähmung  der  Zunge  oder  eines  aphasischen  Zustandes  nachweisen. 
Der  Augenspiegelbefund  liefert  ein  vollkommen  negatives  Besultat. 
Kopfschmerz,  Schwindelerscheinungen  und  Erbrechen  fehlen  voll- 
ständig.  Die  Blase  und  der  Darm  fungiren  normal. 

Es  konnte  demnach  bei  dieser  ersten  Untersuchung  nichts 
anderes  als  die  Gegenwart  einer  rechtsseitigen  Hemiparese  und  einer 
leichten  Veränderung  in  der  linken  Lungenspitze  nachgewiesen  werden. 

Aus  dem  weiteren  sechsmonatlichen  Verlaufe  der  Erkrankung 
hebe  ich  nur  das  besonders  Erwähnenswerthe  hervor.  Die  Verände- 
rung in  der  linken  Lungenspitze  wurde  immer  deutlicher,  so  dass 
nach  beiläufig  drei  Monaten  mit  Bestimmtheit  die  Gegenwart  von 
Cavernen  daselbst  nachgewiesen  werden  konnte.  Die  rechtsseitige 
Parese  machte  langsame  aber  stetige  Fortschritte,  jedoch  kam  es 
an  keiner  der  befallenen  Muskelgruppen  zu  einer  absoluten  Läh- 
mung. Die  psychischen  Functionen,  die  der  Sinnesorgane,  die  der 
automatischen  Centren  zeigten  nach  wie  vor  keine  Veränderung. 

Dagegen  traten  die  von  dem  Kranken  in  der  Anamnese  er- 
wähnten Krampfanfälle  auf,  welche  sehr  charakteristisch  und  für  die 
Diagnose   des  Falles  von  grosser  Wichtigkeit  waren. 

Im  Ganzen  hatte  der  Kranke  während  seines  Spitalaufenthaltes 
20  wohlausgebildete  Anfälle;  von  diesen  wurden  13  theils  von 
mir,  theils  von  meinem  Collegen  auf  der  Abtheilung  beobachtet. 
Von   diesen   genau   beobachteten   18   Anfällen   betrafen  7  nur  die 


22  Weiss. 

rechte  Körperhälfte,  während  in  den  übrigen  6  AnfiTUm  waA  Mus- 
keln der  linken  Körperhälfte  befallen  wurtim.  In  zweien,  dar  erst- 
erwähnten Anfälle  blieb  der  Krampf  ganz  isolirt  auf  das  rechte 
Fadalisgebiet,  so  dass  das  eine  Mal  nur  Zuckungen  im  Orfaiailaris 
palpebrarum,  das  andere  Mal  Zuckungen  in  allen  von  Facialis  ver- 
sorgten Gesichtsmnskeln  bemerkt  wurden.  In  den  übrigen  fünf 
Anfällen  betrafen  die  Krämpfe  die  ganze  rechte  Körperhafte.  In 
den  6  Anfällen,  welche  die  beiderseitige  Musculatur  betrafen,  waren 
die  Krämpfe  rechts,  viel  stärker  ausgeprägt  als  linfa.  Die  Anfälle 
begannen  in  der  Begel  mit  einem  Gefühle  von  Ziehen  in  der  rech- 
ten Gesichtshälfte  und  in  der  rechten  oberen  Extremität,  hiexn 
gesellten  sich  fast  constant  Zuckungen  im  rechten  Faäaüagefaiete 
und  von  da  verbreitete  sich  der  Krampt  wenn  überhaupt,  constant 
auf  die  rechte  obere,  dann  auf  die  rechte  untere  Extremität  und 
eventuell  auch  auf  die  Muskeln  der  linken  Seite. 

Die  Krämpfe  selbst  zeigten  zumeist  einen  klonischen  Charak- 
ter, jedoch  war  zeitweise  während  des  Anfalles  auch  eine  tonische 
Starre,  besonders  an  der  oberen  Extremität  zu  bemerken.  Die  Daner 
der  Anfälle  schwankte  zwischen  einer  halben  und  fünf  Minuten. 
Die  Körpertemperatur  wurde  durch  den  Anfall  in  der  Begel  nicht 
erhöht,  nur  in  einem  Anfalle,  der  ohne  Bewusstseinsverlust,  aber 
mit  Aphasie  verlief,  kam  es  zu  einer  Temperaturssteigerung  auf  410 
während  des  Anfalles  und  erst  nach  Ablauf  von  V/z  Stunden  sank 
die  Temperatur  allmälig  auf  38*0  herab. 

Das  Bewusstsein  des  Kranken  war  in  eilf  der  beobachteten 
Anfälle  vollständig  aufgehoben,  in  zweien  war  es  erhalten  und  in 
einem  von  diesen  trat  Aphasie  während  des  Anfalles  ein,  welche 
nach  wenigen  Minuten  spurlos  verschwand. 

Aus  der  Zusammenfassung  des  vorliegenden  Krankheitsbildes 
geht  hervor,  dass  bei  dem  Kranken  neben  der  nachweisbaren  Lun- 
gontuberculose,  eine  rechtsseitige  Hemiparese  und  eigentümliche 
Krampfanfälle  vorlagen,  welche  mit  denen  identisch  waren,  die  man 
bei  corticaler  Epilepsie  zu  beobachten  pflegt. 

Es  drängte  sich  nun  zunächst  die  Frage  auf,  welche  Locali- 
sation  der  Veränderung  zuzuschreiben  sei,  welche  den  eben  erwähnten 
Symptomencomplex  hervorrief.  In  dieser  Beziehung  konnte  zunächst 
mit  Bestimmtheit  der  Sitz  der  Erkrankung  in  die  linke  Hirnrinde 
verlegt  worden,   da  nur  eine  Läsion  dieser  Partie  die  rechtsseitige 


Ueber  corticale  Epilepsie.  23 

Hemiparese  bei  vorhandener  corticaler  Epilepsie  erklären  konnte. 
Ja  man  konnte  nach  den  vorliegenden  Erfahrungen  in  der  Locali- 
sation  noch  weiter  gehen  und  geradezu  die  Erkrankung  in  die 
linken  Centralwindungen  versetzen. 

Es  fragte  sich  nun  weiter,  welcher  Art  die  Läsion  sei,  die 
durch  Beizung  der  motorischen  Eindencentren  dieses  eigentümliche 
Symptomenbild  hervorrief. 

In  dieser  Beziehung  musste  nach  dem  früher.  Auseinanderge- 
setzten an  Processe  im  Knochen,  an  den  Meningen  oder  am  Ge- 
hirne selbst  gedacht  werden.  Von  der  Annahme  einer  Läsion  am  linken 
Seitenwandbeine  musste  mit  Bücksicht  auf  das  Fehlen  der  gewöhn- 
lichen Ursachen  einer  solchen,  Trauma,  Lues,  Caries,  besonders  aber 
mit  Bücksicht  auf  die  fehlenden  Localerscheinungen  gänzlich  abge- 
sehen werden.  Von  meningealen  Veränderungen  kamen  die  Pachy- 
meningitis  luetica,  die  Pachymeningitis  haemorrhagica,  die  chro- 
nische Meningealtuberculose  und  die  Tumorenbildung  an  den  Me- 
ningen in  Betracht. 

Gegen  den  ersteren  Process  sprach  das  fehlende  ätiologische 
Moment,  gegen  die  Meningealtuberculose  der  lange  (13monatliche) 
Verlauf  des  Processes;  ebensowenig  war  an  eine  Pachymeningitis 
haemorrhagica  zu  denken,  da  diese  gewöhnlich  beiderseits  auftritt 
imd  auch  entsprechend  verbreitete  Symptome  hervorruft  und  weiter- 
hin die  Symptome  der  Erkrankung  durch  die  Annahme  eines  solchen 
einseitig  entwickelten  Processes  nicht  vollständig,  namentlich  nicht 
mit  Bücksicht  auf  ihren  Verlauf  gedeckt  werden  konnten.  Endlich 
war  auch  an  einen  meningealen  Tumor  nicht  zu  denken,  weil  die 
-dabei  regelmässig  zu  beobachtenden  sehr  intensiven  und  genau 
localisirten  Kopfschmerzen  vollständig  fehlten. 

Es  waren  somit  nur  Erkrankungen  des  Gehirnes  zu  berück- 
sichtigen. Von  diesen  kamen  selbstverständlich  nur  diejenigen  in 
Frage,  welche  chronisch  beginnen  und  chronisch  verlaufen,  denn 
nur  ein  solcher  Process  konnte  das  im  Leben  beobachtete  Krank- 
heitsbild vollständig  decken.  Weiterhin  konnte  aber  nur  eine  Er- 
krankung im  Gehirne  angenommen  werden,  welche  einer  Localisation 
auf  kleine  Gehirnabschnitte  fähig  ist.  Es  konnten  demnach  alle 
chronischen  Hirnprocesse,  welche  ein  mehr  oder  weniger  allgemeines 
und  gleichmässiges  Ergriffensein  des  Gehirnes  bedingen,  ausgeschlos- 
sen werden.  Es  war  aus  diesen  Gründen  die  Hirnatrophie,  die  diffuse 


24  Weiss. 

Hirnsklerose,  das  chronische  Gehirnödem  auszuschliessen.  Aus  ana- 
logen Gründen  konnte  auch  nicht  an  die  Gegenwart  von  multipler 
Sklerose  und  Encephalo-Meningitis  chronica  gedacht  werden. 

Es  blieb  somit  nichts  übrig  als  circumscripte  Läsionen,  Ha- 
rn orrhagien,  Erweichungsherde  (resp.  Abscesse),  Tumoren  der  Hirn- 
rinde anzunehmen. 

Von  diesen  drei  Processen  konnte  die  Hämorrhagie  aus 
leicht  begreiflichen  Gründen  als  sehr  unwahrscheinlich  ausgeschlossen 
werden.  Was  dagegen  die  Annahme  einer  Erweichung  (resp.  Abs- 
cessbildung)  in  den  linken  Centralwindungen  anlangt,  so  musste 
dieser  Process  um  so  eher  ins  Auge  gefasst  werden,  als  der  Kranke 
an  Tuberculose  der  Lungen  und  Cavernenbildung  litt  und  bei  sol- 
chen Individuen,  wie  bekannt,  diese  Processe  nicht  selten  beob- 
achtet werden.  Ja  es  hat  im  vorigen  Jahre  Senator1)  einen  Fall 
veröffentlicht,  in  welchem  bei  einem  Phthisiker,  der  an  corticaler 
Epilepsie  litt,  ein  Abscess  in  der  Gegend  der  Centralwindung  als 
Ursache  dieses  Symptomenbildes  sich  nachweisen  liess.  Einen  ganz 
analogen  Fall,*  den  ich  später  mittheilen  werde,  hatte  ich  vor  kurzer 
Zeit  zu  beobachten  Gelegenheit.  Die  Möglichkeit  einer  Abscessbil- 
dung  im  Gehirne  musste  aber  auch  deshalb  in  Betracht  gezogen 
werden,  weil  bei  dem  Kranken  drei  Schüttelfröste  aufgetreten  waren 
und  zur  selben  Zeit  ein  Abscess  am  rechten  Sternalrande  sich  ge- 
bildet hatte. 

Wenn  nun  auch,  wie  aus  dem  eben  Angeführten  ersichtlich 
ist,  die  Abscessbildung  in  der  Gegend  der  linken  Centralwindungen 
ausserordentlich  wahrscheinlich  war,  so  konnte  doch  nicht  die  Mög- 
lichkeit der  Gegenwart  eines  Tumors  in  den  Centralwindungen  in 
Abrede  gestellt  werden,  da  ja  die  beobachteten  Schüttelfröste  auch 
in  anderweitigen  Veränderungen  (acute  Tuberkel eruptionen)  begründet 
werden  konnten,  und  die  Annahme  einer  solchen  Veränderung  den 
Krankheitsverlauf  vollständig  zu  erklären  im  Stande  war. 

Von  Tumoren  im  Gehirne  waren  die  rascher  wachsenden,  wie 
Gliome,  Sarkome,  Gliosarkome  und  Carcinome  vollständig  auszu- 
schliessen, da  Hirndruckerscheinungen,  welche  solche  Tumoren, 
wenn  sie  lange  bestehen,  stets  begleiten,  vollständig  fehlten.  Es 
konnten    somit    nur    die    langsam   wachsenden    Cysten 8),    Chole- 

')  Berliner  klin.  Wochenschr.  4879,  Nr.  4  und  5. 

2)  Im  klinischen  Sinne  von  den  Hirntumoren  nicht  trennbar. 


Ueber  corticale  Epilepsie.  25 

steatome,  Fettgeschwülste,  und  der  Tuberkel  in  Frage  kommen. 
Von  diesen  hatte  die  Tuberkelbildung  die  unbedingt  grösste  Wahr- 
scheinlichkeit, weil  es  sich  eben  um  ein  tuberculöses  Individuum 
handelte  und  Tuberkel  in  der  Hirnrinde  relativ  häufig  beobachtet 
werden.  Mit  Eücksicht  auf  diese  Ueberlegungen  wurde  die  Dia- 
gnose auf  Abscessbildung  oder  Tuberkel  in  der  Gegend  der  linken 
vorderen  und  hinteren  Centralwindung  gestellt. 

In  wie  weit  diqse  Diagnose  durch  die  Autopsie  ihre  Bestäti- 
gung fand,  ist  aus  dem  später  mitzuteilenden  Befunde  ersichtlich. 
Die  Section  des  Falles  wurde  von  Herrn  Assistenten  Dr.  Zemann 
ausgeführt  und  das  betreffende  Gehirn  in  der  Sitzung  der  k.  k.  Ge- 
sellschaft der  Aerzte  vom  17.  Februar  1881  demonstrirt. 

Es  fand  sich  in  der  linken  Grosshirnhemisphäre  ein  ziemlich 
umfänglicher  Tuberkel.  Derselbe  nimmt  die  Mitte  der  vorderen  Cen- 
tralwindung ein,  reicht  nach  vorne  etwa  1  Mm.  weit  auf  die  Wurzel 
der  zweiten  Stirnwindung,  während  er  nach  hinten  die  Central- 
furche  überbrückt  und  noch  etwa  2 — 3  Mm.  auf  den  vorderen  Kand 
der  hinteren  Centralwand  hinübergreift.  Er  erscheint  als  eine 
rundliche,  etwa  2  Ctm.  im  Durchmesser  haltende  Geschwulst,  die 
sich  kaum  über  die  Oberfläche  der  Hirnrinde  erhebt  und  auf  wel- 
chem die  inneren  Meningen  sehr  innig  anhaften.  Auf  dem  Durch- 
schnitte stellt  er  eine  brüchige,  grünlichgelbe  Aftermasse  dar,  die 
von  einem  schmalen  Saume  blassröthlichen  vascularisirten  Gewebes 
umgeben  ist.  Centralwärts  reicht  der  Tuberkel  bis  in  das  Centrum 
semiovale  hinein ;  das  übrige  Gehirn  erscheint  blass  und  leicht 
ödematös. 

Sonst  ergab  die  Obduction  im  Wesentlichen :  Tuberculöse 
Phthise  in  den  Oberlappen  beider  Lungen,  besonders  im  linken  mit 
Bildung  einer  umfänglichen  Caverne  in  letzterem.  Arrosion  eines 
kleinen  Astes  der  Pulmonalarterie  mit  Blutung  in  die  Caverne. 
Chronische  Tuberculöse  in  der  Milz  und  in  den  Nieren  in  Form  bis 
über  bohnengrosser  käsiger  Knoten.  Tuberculöse  Geschwüre  im  un- 
tersten Ileum  und  Coecum. 

Durch  die  Section  -wurde  somit  das  im  Leben  beobachtete 
Krankheitsbild  vollständig  klargelegt.  Der  Tuberkel  in  der  Gegend 
der  linken  vorderen  und  hinteren  Centralwindung  hatte  die  corticale 
Epilepsie,  sowie  die  rechtsseitige  Hemiparese  hervorgerufen,  während 
die  zeitweise  aufgetretenen  Fieberanfälle  offenbar  in  der  reichlichen 


*~rf.  ui^a  -  •c/^im**.-  .  .tnresaaKC  lim  .  iOr  Tnaaciieg^TMmii  tafr- 

►»-f^rum  .  oaa     Jt Ut       6  :  _..  .G_  .  "\rim  wimmr     ■■■WHii»i*thtfth  <JDtiJL 

«Hiuzti*      mit     .uillE     J.  *    v^OBifiSL    XfflSBE.    i  -ÜF    ÜB*  maBBT  Äflr 
ü*     duioutfü*     OrirnTJUkln*-      I2E3J3B    LOH    IBT    öftt    ^Bfnuff^   VrrtJtfflTrt- 

*^t^trh^*r     ar^vn     jutr      ix.   lanza  <  ißt»    faHimiyr  uocbl  jaxsfiam 
vat   .tUwufl    nias.    -**.    Mi-    uaat^Ä'  ^  TrnatTnmfflirtMfi   wnthBrftftiti 


^H  ^  ti*  Jl^ftm  ^vt  iw  vxrätsuiöL  TgiikgiiiH.  samt  lirwihraig 
4n  fHtwr  ^U  Xur  M^Uxw^minSy.  jH&amufl»  ant  rtaittfraiiffli  saf  einen 
^it**  »>  vvn)»- v^umitrtjt  buüuuml  I\uL  -miittiHL  hm.  jüngst  n  beob- 
^^f A4  ***i**&*ntt*u:  Jos**.. 

jfo  .Vtfvü'  ^m*  i^s^ar^:  Jso»  w^än-  am  3&.  Juki  1879  auf 
7t.  fr*  Ux  k,  k,  W,^^ui^ttu^k  g^AHiAmiyw  iss^aNBiiai  wurde. 
^/rA  K^^r^A  #«#  ^v/  y£*vt  -ter  Ar^fiAiBW-  ToIL^äad^  bewusstlos  and 
^^Y^^.f/^  ^  '\>*xxiu  V*&MÄ&  fo*  an  ükx  LetakäeiKle,  so  dass  die 
Att*Httt*<rt  um  *</ti  ihm  Umgebung  erbeben  werden  konnte.  Nach 
(l*m  nitMm*tUttU*#ivlm  Angab^i  ibre»  Mannes  und  ihrer  Schwester 
Mi  m  Mt  ^  4»br^  ftn  zeitweise  eintretenden  Krampfanfäüen, 
WMlohn  Imwlty  mit  Erbrochen  begannen  und  in  der  Regel  von  Ver- 

l)  ¥m  Hjf\\\\\Ut\miu\ug\&  und  Theorie  der  acuten  Urämie.  Med.  Wochtn- 


m 


Ueber  corticale  Epilepsie.  27 

lust  des  Bewußtseins  begleitet  waren.  Diese  Anfälle,  in  welchen 
es  constant  zu  klonischen  Krämpfen  in  der  gesammten  Kftrper- 
masculatur  kam,  dauerten  angeblich  stets  2 — 3  Tage  und  darnach 
soll  sich  immer  wieder  vollständiges  Wohlbefinden  der  Kranken 
eingestellt  haben. 

Am  25.  Juni  1879,  also  drei  Tage  vor  der  Aufnahme  der 
Kranken,  trat  bei  derselben  plötzlich  Verlust  des  Bewusstseins  ein 
und  hieran  schlössen  sich  Krämpfe  der  gelähmten  Körperhälfte, 
welche  seitdem  persistirten.  Der  Umgebung  der  Kranken  fiel  es  auf, 
dass  die  Krämpfe,  die,  wie  bereits  erwähnt,  in  den  froheren  Anfällen 
immer  an  der  gesammten  Körpermusculatur  bemerkbar  waren,  jetzt 
nur  die  rechte  Körperhälfte  betrafen. 

Die  Kranke  bot  am  28.  Juni  1879  folgenden  Status  praesens : 
Patientin  ist  kräftig  gebaut,  gut  genährt ;  Gesicht  und  periphere 
Theile  der  Haut  cyanotisch.  Die  Untersuchung  der  Lungen  ergibt 
keine  Abnormität  im  Percussionsschalle,  bei  der  Auscultation  hört 
man  allenthalben  grossblasiges  Bassein,  welches  das  Respirations- 
geräusch deckt.  Die  Untersuchung  des  Herzens  zeigt  normale  Be- 
grenzung desselben.  Herzstoss  in  der  Papillarlinie  zwischen  5.  und 
6.  Sippe  verstärkt  wahrnehmbar.  Herztöne  rein.  2.  Aortenton  accen- 
tuirt.  Die  peripheren  Pulse  grösser  gespannt. 

Unterleib  massig  ausgedehnt,  Bauchdecken  straff  gespannt.  Die 
Percussion  des  ersteren  ergibt  keine  wesentliche  Abnormität.  Bei  der 
Palpation  lässt  sich  in  der  Regio  hypogastrica  dextra  ein  Tumor 
constatiren,  welcher,  wie  die  von  Herrn  Assistenten  Dr.  Kucher 
ausgeführte  Untersuchung  der  inneren  Genitalien  ergibt,  mit  dem 
Uterus  im  Zusammenhange  steht.  Der  mittelst  Katheters  entleerte 
Harn  war  trübe,  dunkelbraunroth,  von  saurer  Reaction  und  enthielt 
Eiweiss  in  reichlicher  Menge.  Die  Menge  des  entleerten  Harnes  be- 
trag etwas  über  1  Liter.  Im  Sedimente  desselben  fanden  sich  neben 
einzelnen  Lymphkörperchen  und  Epithelzellen  des  harnableitenden 
Apparates  zahlreiche  hyaline  und  granulirte  Gylinder. 

Das  Bewusstsein  der  Kranken  ist  vollkommen  erloschen,  sie 
reagirt  auf  keinerlei  Beize.  Bei  längerer  Beobachtung  bemerkte 
man  zunächst,  dass  die  Respiration  der  Kranken  in  exquisiter  Weise 
den  Cheyne-Stoke'schen  Typus  zeigt,  indem  Athempausen  von  30  bis 
40  Secunden  mit  Respirationsphasen  abwechseln,  in  welchen  es, 
nachdem  kurze  Zeit  flachere  Respirationen  vorausgegangen  sind,  zu 


26  Weiss. 

Eruption  von  Tuberkeln  in  den  Lungen,  der  Milz  und  der  Nieren 
begründet  erschienen.  Interessant  ist  es,  dass  trotz  der  grossen  Aus- 
dehnung des  Tuberkels,  trotzdem  er  direct  in  der  sogenannten  mo- 
torischen Zone  lag  und  bis  in  die  Marksubstanz  hineinreichte,  doch 
keine  schweren  Lähmungserscheinungen  im  Leben  bemerkt  wurden, 
welche  wir  ja  bei  vollständiger  Zerstörung  der  genannten  Hirnab- 
schnitte sonst  nicht  zu  vermissen  pflegen.  Es  ist  dies  meiner  Mei- 
nung nach  darin  begründet,  dass  der  Tuberkel  bei  seinem  Wachsthum 
die  Hirnmasse  auseinander  drängte  und  nur  sehr  geringe  Anfheile 
derselben  zerstört  hatte.  Ich  stütze  diese  Meinung  durch  analoge 
Befunde,  welche  nicht  selten  gemacht  werden,  indem  selbst  nussgrosse 
Tumoren,  die  mitten  im  Centrum  semiovale  liegen,  unter  solchen 
Umständen  keinerlei  Lähmung  hervorrufen  und  ich  selbst  habe  vor 
drei  Jahren  einen  Fall  von  Garies  der  Dorsalwirbelsäule  beobachtet, 
in  welchem  ein  fast  haselnussgrosser  Tuberkel  in  der  Substanz  des 
Pons  aufgefunden  wurde,  der  im  Leben  des  Patienten  keinerlei  nach- 
weisbare Störungen  hervorgerufen  hatte. 

II.  Rechtsseitige  corticale  Epilepsie.  Capilläre  Hämorrhagien 

in  der  linken  ersten  Parietalwindung. 

Diesen  Fall  habe  ich  bereits  in  einer  anderen  Publication  ') 
ausfuhrlich  mitgetheilt,  halte  aber  mit  Bücksicht  auf  seine  Bedeu- 
tung für  die  Lehre  von  der  corticalen  Epilepsie  seine  Erwähnung 
an  dieser  Stelle  für  nothwendig,  besonders  mit  Bücksicht  auf  einen 
später  zu  besprechenden  analogen  Fall,  welchen  ich  jüngst  zu  beob- 
achten Gelegenheit  hatte. 

Er  betraf  eine  47jährige  Frau,  welche  am  28.  Juni  1879  auf 
Z.  90  des  k.  k.  allgemeinen  Krankenhauses  aufgenommen  wurde. 
Die  Kranke  war  zur  Zeit  der  Aufnahme  vollständig  bewusstlos  und 
persistirte  in  diesem  Zustande  bis  an  ihr  Lebensende,  so  dass  die 
Anamnese  nur  von  ihrer  Umgebung  erhoben  werden  konnte.  Nach 
den  übereinstimmenden  Angaben  ihres  Mannes  und  ihrer  Schwester 
litt  sie  seit  3  Jahren  an  zeitweise  eintretenden  Krampfanfallen, 
welche  häufig  mit  Erbrechen  begannen  und  in  der  Begel  von  Ver- 


')  Znr  Symptomatologie  und  Theorie  der  acuten  Urämie.  Med.  Wochen- 
schrift 1881,  Nr.  3  n.  4. 


Ueber  corticale  Epilepsie.  27 

lust  des  Bewusstseins  begleitet  waren.  Diese  Anfälle,  in  welchen 
es  constant  zu  klonischen  Krämpfen  in  der  gesammten  Körper- 
musculatur  kam,  dauerten  angeblich  stets  2 — 3  Tage  und  darnach 
soll  sich  immer  wieder  vollständiges  Wohlbefinden  der  Kranken 
eingestellt  haben. 

Am  25.  Juni  1879,  also  drei  Tage  vor  der  Aufnahme  der 
Kranken,  trat  bei  derselben  plötzlich  Verlust  des  Bewusstseins  ein 
und  hieran  schlössen  sich  Krämpfe  der  gelähmten  Körperhälfte, 
welche  seitdem  persistirten.  Der  Umgebung  der  Kranken  fiel  es  auf, 
dass  die  Krämpfe,  die,  wie  bereits  erwähnt,  in  den  früheren  Anfällen 
immer  an  der  gesammten  Körpermusculatur  bemerkbar  waren,  jetzt 
nur  die  rechte  Körperhälfte  betrafen. 

Die  Kranke  bot  am  28.  Juni  1879  folgenden  Status  praesens: 
Patientin  ist  kräftig  gebaut,  gut  genährt;  Gesicht  und  periphere 
Theile  der  Haut  cyanotisch.  Die  Untersuchung  der  Lungen  ergibt 
keine  Abnormität  im  Percussionsschalle,  bei  der  Auscultation  hört 
man  allenthalben  grossblasiges  Bassein,  welches  das  Respirations- 
geräusch deckt.  Die  Untersuchung  des  Herzens  zeigt  normale  Be- 
grenzung desselben.  Herzstoss  in  der  Papillarlinie  zwischen  5.  und 
6.  Bippe  verstärkt  wahrnehmbar.  Herztöne  rein.  2.  Aortenton  accen- 
tuirt.  Die  peripheren  Pulse  grösser  gespannt. 

Unterleib  massig  ausgedehnt,  Bauchdecken  straff  gespannt.  Die 
Percussion  des  ersteren  ergibt  keine  wesentliche  Abnormität.  Bei  der 
Palpation  lässt  sich  in  der  Regio  hypogastrica  dextra  ein  Tumor 
constatiren,  welcher,  wie  die  von  Herrn  Assistenten  Dr.  Kucher 
ausgeführte  Untersuchung  der  inneren  Genitalien  ergibt,  mit  dem 
Uterus  im  Zusammenhange  steht.  Der  mittelst  Katheters  entleerte 
Harn  war  trübe,  dunkelbraunroth,  von  saurer  Beaction  und  enthielt 
Eiweiss  in  reichlicher  Menge.  Die  Menge  des  entleerten  Harnes  be- 
trug etwas  über  1  Liter.  Im  Sedimente  desselben  fanden  sich  neben 
einzelnen  Lymphkörperchen  und  Epithelzellen  des  harnableitenden 
Apparates  zahlreiche  hyaline  und  granulirte  Cylinder. 

Das  Bewusstsein  der  Kranken  ist  vollkommen  erloschen,  sie 
reagirt  auf  keinerlei  Beize.  Bei  längerer  Beobachtung  bemerkte 
man  zunächst,  dass  die  Respiration  der  Kranken  in  exquisiter  Weise 
den  Cheyne-Stoke'schen  Typus  zeigt,  indem  Athempausen  von  30  bis 
40  Secunden  mit  Respirationsphasen  abwechseln,  in  welchen  es, 
nachdem  kurze  Zeit  flachere  Respirationen  vorausgegangen  sind,  zu 


28  Weiss. 

sehr  heftiger  und  frequenter  Respiration  kommt,  die  dann  allmälig 
sich  verlangsamt  und  an  Intensität  abnimmt,  um  wieder  in  eine 
vollständige  Athempause  überzugehen.  Die  Dauer  der  Respirations- 
phase ist  sehr  verschieden;  sie  schwankt  zwischen  40  Secunden  und 
5  Minuten.  Während  der  Respirationspause  erreicht  die  Cyanose  der 
Kranken  ihre  höchsten  Grade. 

Gleichzeitig  mit  den  heftigen  Respirationsbewegungen  der  -Kran- 
ken verlaufen  eigenthümliche  Krämpfe,  welche  constant  mit  der 
ersten  auf  die  Athempause  folgenden  Respiration  beginnen,  während 
der  ganzen  Dauer  der  Respirationsphase  anhalten,  um  dann  während 
der  Athempause  vollständig  zu  cessiren.  Die  Krämpfe  waren  stets 
klonische  und  wurden  zunächst  an  den  von  den  Augen-  und  Mund- 
zweigen des  Facialis  versorgten  Muskeln  bemerkt;  hieran  schlössen 
sich  in  rascher  Folge  klonische  Krämpfe  der  Hals-,  der  Stammes-, 
der  Extremitätenmusculatur  der  rechten  Seite  an,  so  dass  auf  der  Höhe 
des  Anfalles,  der  durch  äusserst  frequente  und  forcirte  Respirationen 
mit  weithin  hörbarem  Trachealrasseln  marMrt  war,  kaum  ein  Mus- 
kel der  rechten  Körperhälfte  unbewegt  erschien.  Die  Krämpfe  im 
rechten  Facialisgebiete  riefen  ein  Hinübergezerrtwerden  der  linken 
Gesichtshälfte  nach  der  rechten  Seite  hervor;  die  Krämpfe  der 
Nacken-  und  Halsmuskeln  bewirkten,  dass  der  Kopf  rasch  nach 
rechts  und  links  geschleudert  wurde.  Die  obere  und  untere  Extre- 
mität der  rechten  Seite,  welche  während  des  Anfalles  in  allen  Ge- 
lenken gestreckt  erschienen,  wurden  durch  Krämpfe  in  den  Abduc- 
toren  und  Adductoren  abwechselnd  an  den  Stamm  geschleudert 
oder  von  demselben  abgeworfen.  Während  des  Anfalles  fühlten  sich 
alle  Muskeln  der  rechten  Seite  bretthart  an. 

Solche  Anfälle  habe  ich  von  9  Uhr  30  Min.  Vormittags  bis 
10  Uhr  30  Min.  15,  von  2  Uhr  30  Min.  bis  3  Uhr  30  Min.  45 
beobachtet,  von  da  ab  bis  Mitternacht  traten  unaufhörlich  gegen 
200  solcher  Anfalle  ein,  worauf  die  Respiration  den  Cheyne-Stoke- 
schen  Charakter  verlor  und  kein  weiterer  Anfall  mehr  eintrat. 

In  der  Zeit  von  9  Uhr  bis  9  Uhr  30  Min.  Vormittags  hat 
mein  damaliger  College  auf  der  Abtheilung,  Herr  Dr.  F.  Kaspar, 
auch  einzelne  Anfälle  beobachtet,  in  denen  die  Krämpfe  nicht  blos 
auf  die  rechte  Körperhälfte  beschränkt  waren,  sondern  auch  die 
linksseitigen  Extremitäten  betrafen;  nach  dieser  Zeit  wurden  nur 
rechtsseitige  Krämpfe  beobachtet. 


lieber  corticale  Epilepsie.  29 

Am  nächsten  Tage  (29.  Juni)  war  die  Athmnng  der  bewusst- 
losen  Kranken  ruhig,  die  cyanotischen  Erscheinungen  vollkommen 
geschwunden.  An  den  linksseitigen  Extremitäten  wurden  zeitweise 
Bewegungen  bemerkt;  sie  zeigten  normalen  Tonus,  resistirten,  wenn 
sie  gehoben  wurden  und  das  Herabfallen  derselben  erfolgte  mit 
deutlicher  Hemmung.  Die  rechtsseitigen  Extremitäten  waren  voll- 
kommen schlaff  und  fielen,  wenn  sie  gehoben  wurden,  wie  todt 
herab.  Der  rechte  Facialis  war  in  seinen  respiratorischen  Zweigen 
gelähmt.  Die  Eeaction  der  mittelweiten,  gleichen  Pupillen  träge. 
Secessus  inscii. 

Am  dritten  Tage  (30.  Juni)  trat  um  5  Uhr  Morgens  im  tief- 
sten Goma  der  lethale  Ausgang  ein. 

Die  klinische  Diagnose  lautete:  Morbus  Brightii  chronicus,  acu- 
tes Oedem  des  Gehirnes  und  Hämorrhagie  in  der  Gegend  der  links- 
seitigen Centralwindungen. 

Die  von  Herrn  Assistenten  Dr.  Zemann  ausgeführte  Section 
ergab  im  Wesentlichen  folgenden  Befund: 

Harte  Hirnhaut  massig  gespannt;  innere  Meningen  blutreich, 
sehr  stark  ödematös,  von  der  Hirnoberfläche  sehr  leicht  abziehbar. 
Gehirn  selbst  zähe,  blutreich,  seine  Windungen  verschmälert,  die 
Sulci  breit,  die  Atrophie  besonders  an  den  Scheitelrändern  beider 
Hemisphären  ausgeprägt.  In  der  grauen  Substanz  der  linken  ersten 
Parietalwindung  einige  capillare  Hämorrhagien.  Die  Gehirn  Ventrikel 
erweitert,  in  ihnen  klares  Serum. 

Ausserdem  fand  sich  eine  leichte  concentrische  Hypertrophie 
des  linken  Herzventrikels,  Bright'sche  Nierenatrophie  und  ein  gans- 
eigrosses  Myofibrom  des  Uterus. 

Es  wies  somit  die  Section  im  vorliegenden  Falle  die  Anwesen- 
heit von  capillaren  Blutungen  im  oberen  Scheitelläppchen  nach, 
welche  als  Ursache  der  im  Leben  beobachteten  Erscheinungen  von 
corticaler  Epilepsie  anzusehen  sind.  Die  nähere  Begründung  dieser 
Anschauung,  sowie  weitere  epikritische  Bemerkungen  unterlasse  ich, 
da  ich  dieselbe  an  anderer  Stelle  bereits  gemacht  habe.  Ich  will 
nur  noch  hervorheben,  dass  in  diesem  Falle  trotz  Fortbestehens  der 
capillaren  Hämorrhagien  in  den  letzten  Lebenstagen  keine  corticalen 
Krämpfe  mehr  auftraten,  sondern  rechtsseitige  Lähmung  beobachtet 
wurde.  Dies  dürfte  meiner  Meinung  nach  darauf  zu  beziehen  sein, 
dass  durch  in  der  Umgebung  der  Blutimg  stärker  als  an  den  übrigen 


30  Weiss. 

Partien  des  Gehirnes  entwickeltes  oder  wenigstens  daselbst  und  in 
der  nächsten  Umgebung  bei  gleicher  Intensität  der  Entwicklung  in 
höherem  Grade  destructiv  wirkendes  Oedem  des  Gehirnes  diese  für 
das  Zustandekommen  der  corticalen  Epilepsie  so  wichtigen  Binden- 
abschnitte in  ihrer  Ernährung  schwer  beeinträchtigt  wurden. 

III.  Corticale  linksseitige  Epilepsie.  Abscess  in  der  Gegend 
der  rechten  vorderen  Centralwindnng. 

Der  Fall  betraf  einen  22jährigen  Tischlergehilfen,  welcher  am 
8.  Jänner  1879  auf  Z.  101  des  k.  k.  allgemeinen  Krankenhauses 
aufgenommen  wurde.  Er  gab  an  seit  3  Wochen  an  Husten,  Seiten- 
stechen, Fiebererscheinungen  und  Kopfschmerzen  zu  leiden,  welche 
Beschwerden  seitdem  andauern.  Seit  3  Tagen  bemerkt  der  Kranke 
eine  Parese  der  Strecker  des  linken  Vorderarmes. 

Die  am  Tage  der  Aufnahme  vorgenommene  Untersuchung 
ergab  folgenden  Status  praesens: 

Patient  mittelgross,  schwächlich  gebaut,  anämisch.  T.  38*5, 
P.  100,  von  mittlerer  Grösse  und  geringer  Spannung.  Pat.  klagt 
gegenwärtig  über  Schmerz,  den  er  im  ganzen  Kopfe  aber  intensiver 
auf  der  rechten  als  auf  der  linken  Seite  verspürt.  Faciales  und 
Augenmuskelnerven  zeigen  normale  Innervationsverhältnisse.  Pupil- 
len mittelweit,  auf  Lichtreiz  und  Accommodation  reagirend.  Bewe- 
gungen der  Zunge  normal.  Sprache  unverändert. 

Die  Untersuchung  der  Lungen  ergibt  beiderseits  in  den  Lun- 
genspitzen massig  gedämpften  Schall,  daselbst  hört  man  neben  ein- 
zelnen dumpfen  Basseigeräuschen  rauhes  vesiculäres  Inspirium  und 
verlängertes  Exspirationsgeräusch.  Hinten  hört  man  neben  den  glei- 
chen Erscheinungen  an  einzelnen  Stellen  mittelblasiges,  consoniren- 
des  Bassein  und  bronchiales  Exspirium.  Sputa  globosa.  Die  Unter- 
suchung des  Herzens  und  der  Unterleibsorgane  ergibt  keine  Ab- 
normität. An  den  oberen  Extremitäten  sind  die  Strecker  des  linken 
Vorderarmes  paretisch,  die  übrigen  Muskelgruppen  dieser  Extremität 
zeigen  normale  Beschaffenheit,  ebenso  die  Sensibilität.  Die  Sensibi- 
lität und  Motilität  der  rechten  oberen  Extremität,  sowie  der  unteren 
Extremitäten  zeigte  keine  Alteration.  Blasen-  und  Darmfunction  war 
ungestört.  Am  10.  Jänner  trat  um  Va^  Uhr  Abends  ein  5  Minuten 
andauernder  epileptischer  Anfall  ein,   wobei  nur  Zuckungen  in  den 


Ueber  corticale  Epilepsie.  31 

linksseitigen  Extremitäten  bemerkt  wurden.  Der  Kranke  war  wäh- 
rend des  Anfalles  vollständig  bewusstlos;  nach  demselben  klagte  er 
über  intensiven  Kopfschmerz  und  Zunahme  des  Schwächegefuhles 
im  linken  Arme. 

Am  16.,  am  19.  und  am  22.  Jänner  traten  ähnliche  Anfälle 
ein,  wobei  stets  klonische  Krämpfe  nur  in  den  linksseitigen  Extremi- 
täten bemerkt  wurden.  Auch  während  dieser  Anfalle,  die  nur  wenige 
Minuten  dauerten,  war  Patient  vollständig  bewusstlos.  Am  22.  Jän- 
ner trat  Erbrechen  grünlicher  wässeriger  Flüssigkeit  ein,  der  Kopf- 
schmerz wurde  intensiver,  die  Parese  des  linken  Vorderarmes  wurde 
ausgeprägter  (Paralyse  der  Strecker,  Parese  der  Beuger  des  Vorder- 
armes) und  der  Kranke  war  zeitweise  somnolent.  Am  23.  Jänner 
wurde  er  soporös,  es  stellte  sich  Trachealrasseln  ein  und  um  8  Uhr 
trat  der  lethale  Ausgang  ein. 

Mit  Bücksicht  auf  die  nachweisbaren  linksseitigen  corticalen 
Krämpfe  wurde  die  Erkrankung  in  die  Umgebung  der  rechten  Cen- 
tralwindungen  (resp.  in  diese  selbst)  verlegt  und  als  Ursache  der 
Läsion  dieser  Partie  mit  Wahrscheinlichkeit  die  Gegenwart  eines 
Tuberkels  angenommen. 

Bei  der  von  Herrn  ProsectorDr.  Chiari  vorgenommenen  Au- 
topsie wurde  im  Wesentlichen  der  folgende  Befund  statuirt.  Weiche 
Schädeldecken  blass,  Dura  mater  stärker  gespannt,  innere  Meningen 
zart.  Die  Hirnwindungen  besonders  über  den  Lobi  frontales  und 
parietales  der  rechten  Seite  abgeplattet.  In  seiner  Substanz  mehrere 
Abscesse;  einer  derselben  von  Wallnussgrösse  in  der  Binde  und 
weissen  Substanz  der  rechten  Grosshirnhemisphäre,  gerade  entspre- 
chend der  Mitte  des  Gyrus  centralis  anterior;  ein  zweiter,  halb  so 
gross,  inmitten  der  weissen  Substanz  des  Lobus  occipitalis  dexter, 
und  ein  dritter,  haselnussgross,  in  der  weissen  Substanz  und  in  der 
Binde  des  Lobulus  internus  und  occipitalis  der  linken  Seite.  Im  Pons 
mehrere  streifenförmige,  bis  erbsengrosse  Hämorrhagien.  In  den  Lun- 
gen fanden  sich  Schwielen  in  beiden  Oberlappen.  Ausserdem  fand 
sich  Pleuritis  sinistra  mit  massigem  Exsudate  und  Perisplenitis. 

Die  im  Leben  beobachteten  Convulsionen  in  den  linksseitigen 
Extremitäten  mit  Parese  der  linken  oberen  Extremitäten  zeigten 
sich  demnach  begründet  in  einer  Abscessbildung  in  der  Gegend 
der  rechten  vorderen  Gentralwindung  u.  z.  in  der  Mitte  derselben. 
Die  durch  die  Autopsie  nachgewiesenen  Abscesse  in  den  beidersei- 


32  Weiss. 

tigen  Occipital Windungen  hatten  im  Leben  keine  nachweisbaren 
Störungen  hervorgerufen.  Uebrigens  wurde  der  Kranke  bei  der  Auf- 
nahme nur  einmal  auf  Sehstörungen  geprüft. 

IT.  Corticale  rechtsseitige  Epilepsie.  Chronische  Meningitis 
mit  Adhäsion  im  Bereiche  der  linken  vorderen  und  hinteren 

Centralwindnng. 

Den  nachfolgenden  Fall,  welcher  nach  mancher  Eichtung  hin 
mir  sehr  interessant  und  lehrreich  erscheint,  werde  ich  sehr  aus- 
fuhrlich berichten.  Er  wurde  von  mir  und  meinem  damaligen  Ab- 
theilungs-Cöllegen  Herrn  Dr.  Fr.  v.  Pfungen  genau  untersucht  und 
sorgfaltig  beobachtet.  Die  45jährige  Kranke  wurde  am  30.  Jänner 
1880  auf  Z.  90  des  k.  k.  allgemeinen  Krankenhauses  aufgenommen. 
Sie  gab  an,  dass  sie  vor  10  Jahren  eine  totale  Lähmung  des  Ocu- 
lomotorius  dexter  acquirirt  habe,  welche  von  Prof.  Benedikt  als 
•  eine  rheumatische  angesehen  wurde  und  nach  elektrischer  Behand- 
lung bis  auf  die  jetzt  noch  nachweisbaren  Defecte  verschwand. 

1869  hat  Patientin  zum  1.  Male,  1872  und  1874  zum  2.  und 
3.  Male  geboren.  Die  letzteren  Kinder  leben,  das  erste  kam  gesund 
zur  Welt  und  starb  angeblich  an  Hydrocephalus  im  9.  Lebens- 
monate. 

Die  Kranke  war  sonst  stets  gesund  und  soll  nur  zeitweise 
an  reissenden  Schmerzen  in  den  Beinen  und  in  früheren  Jahren 
häufig  an  Hemicranie  gelitten  haben,  welche  letztere  jedoch  seit 
einigen  Jahren  nicht  wieder  auftrat.  Nach  der  Geburt  des  ersten 
Kindes  soll  Patientin  eine  Lungen-  und  Kippenfellentzündung  durch- 
gemacht haben. 

Vor  1V2  Jahren  erlitt  Patientin  einen  heftigen  Schlag  auf 
das  rechte  Seitenwandbein ,  indem  dasselbe  von  einem  ge- 
schwungenen Glase  getroffen  wurde  und  seitdem  klagt  sie  über 
zeitweise  auftretende  Zuckungen  in  der  rechten  oberen  Extre- 
mität, wobei  diese  angeblich  steif  und  wie  todt  geworden  sein 
soll.  Nach  einigen  dieser  Anfälle,  welche  jede  zweite  Woche  wie- 
derkehrten, trat  Sprachlosigkeit  auf,  welche  jedoch  nach  wenigen 
Minuten  verschwand.  Gestern  Mittags  soll  Patientin  plötzlich  be- 
wusstlos  zusammengestürzt  sein  und  seitdem  bestehen  fast  continuir- 
lich  Zuckungen  in  der  rechten  Gesichtshälfte  und   an   der  rechten 


Ueber  corticale  Epilepsie.  33 

oberen  Extremität.  Abends  (2.  Jänner)  soll  Patientin  bei  Bewusst- 
sein  gewesen  sein,  sie  war  jedoch  aphasisch.  Im  Mai  dieses  Jahres 
soll  Oedem  der  unteren  Extremitäten  bis  zu  den  Knien  vorhan- 
den gewesen  sein. 

Status  praesens  vom  3.  Januar  1880.  Patientin  mittelgross, 
ziemlich  kräftig  gebaut,  schlecht  genährt.  Die  Untersuchung  der 
inneren  Organe  ergibt  keine  Abnormität,  nur  am  Herzen  sind 
deutliche  Veränderungen  nachweisbar.  Herzstoss  zwischen  5.  und  6. 
Eippe  in  der  linken  Papillarlinie  fühlbar,  deutlich  hebend.  Herz- 
dämpfung etwas  verlängert.  An  der  Herzspitze  und  am  Aorten- 
ostium  ein  lautes  systolisches  Geräusch  hörbar,  welches  sich  in 
die  beiden  Carotiden  fortpflanzt  und  auch  in  der  Gegend  der  Pulmo- 
nalarterie  noch  gehört  wird.  Am  Eingange  in  die  Aorta  hört  man 
neben  dem  systolischen  ein  schwaches,  sausendes  diastolisches  Ge- 
räusch. In  den -Carotiden  fehlt  der  zweite  Ton.  Die  peripheren 
Pulse  gespannt,  schnellend.  Die  Untersuchung  des  Harnes  (mittelst 
Katheters  entleert)  ergibt  keine  Abnormität. 

Patientin  ist  vollkommen  aphasisch  und  worttaub;  sie  ver- 
steht absolut  nicht  die  an  sie  gerichteten  Fragen,  wohl  aber  ist 
sie  im  Stande  ihr  vorgezeigte  Bewegungen  nachzumachen  und  die 
Aufforderung  als  solche  zu  verstehen.  Fordert  man  sie  z.  B.  mit 
Worten  auf  die  Zunge  zu  zeigen,  blickt  sie  den  Sprecher,  wie 
fragend  an,  ohne  irgend  etwas  zu  thun,  wiederholt  man  die  Auf- 
forderung und  zeigt  ihr  dabei  das  Verlangte  vor,  so  streckt  sie 
die  Zunge  heraus.  Wiederholt  man  die  Aufforderung,  die  Zunge 
zu  zeigen  wiederum  mit  Worten  und  drückt  dabei  die  Augen  zu, 
so  schliesst  Patientin  gleichfalls  die  Augen.  Beicht  man  ihr  die 
Hand,  so  ergreift  sie  dieselbe  unter  Lächeln  und  drückt  sie,  falls 
man  sie  durch  Mienen  hiezu  auffordert.  Ihren  sie  besuchenden  Mann 
erkannte  sie  sofort,  ebenso  ihre  Schwester  und  begrüsste  sie  mit 
freundlichem  Zulächeln  und  Handdruck.  Ihr  vorgezeigte  Gegenstände 
kennt  sie  wohl,  indem  sie  über  den  Gebrauch  der  Gegenstände 
sich  orientirt  zeigt,  die  Namen  derselben  jedoch  kann  sie  nicht 
angeben.  Blickt  man  sie  lächelnd  an,  so  erwiedert  sie  stets  mit 
Lachen.  Geht  man  vor  ihrem  Bette  auf  und  ab,  so  folgt  sie  stets 
mit  den  Augen. 

Am  rechten  Auge  ist  Ptosis  und  constante  Abductionsstellung 
nachweisbar,   sonst  ist  die   Beweglichkeit  dieses  und  des  linken 

Med.  Jahrbücher.  1882.  g 


34  Weis  b. 

Auges  intact.  Die  rechte  Pupille  ist  bedeutend  weiter  als  die  linke, 
deren  Reactionsfähigkeit  gegen  Lichtreize  normal  ist.  Im  rechten 
Facialisgebiete  bemerkt  man  andauernde  (etwa  jede  Secunde  auf- 
tretende) klonische  Contractionen  im  Eisorius  Santorini  und  in  den 
Mm.  zygomaticis,  wobei  der  rechte  Mundwinkel  auch  in  den  kurzen 
Pausen  zwischen  den  Krämpfen  mehr  als  der  linke  nach  aussen 
gerückt  erscheint.  Im  selben  Tempo  treten  klonische  Zuckungen 
im  rechten  Platysma  myoides,  in  der  vorderen  Portion  des  Deltoides 
im  Biceps,  Supinator  longus  (abwechselnd  mit  dem  Pronator  teres) 
derselben  Seite,  manchmal  auch  im  Muskelgebiete  des  Nervus  ulnaris 
und  Medianus  dexter  auf.  Die  rechte  untere  Extremität  ist  vollkom- 
men frei  von  Zuckungen  —  Abends,  gelegentlich  eines  Versuches,  die 
Kranke  zu  ophthalmoscopiren,  wird  dieselbe  sehr  unruhig,  versucht 
sich  aufzurichten,  hebt  beide  Arme  im  Schultergelenke  empor  und 
richtet  sich  in  einer  Stellung,  als  wollte  sie  dem  Beschauer  einen 
Schlag  versetzen.  Bei  den  Versuchen  sich  aufzurichten  bemerkt  man, 
dass  die  Kranke  ganz  gut  Bewegungen  in  den  Kniegelenken  vor- 
nehmen kann. 

4.  Jänner.  Die  Kranke  ist  noch  immer  aphasisch  und  wort- 
taub, die  klonischen  Contractionen,  welche  im  wachen  Zustande 
persistiren,  schwanden  im  Schlafe  vollständig,  dagegen  nicht  nach 
einer  durch  Morphininjection  (0*03)  erzeugten  Narkose. 

5.  Jänner.  Die  Zuckungen  in  der  rechten  Gesichtshälfte  und 
in  der  rechten  oberen  Extremität  persistiren  und  sind  ausserdem 
klonische  Zuckungen  im  Kadialisgebiete  hinzugetreten.  Aphasie  und 
Worttaubheit  wie  am  Vortage.  Auch  heute  Nacht  wurde  voll- 
ständige Cessation  der  Krämpfe  während  des  naturlichen  Schlafes 
beobachtet;  beim  Aufwachen  treten  die  Zuckungen  sofort  wieder  ein. 

6.  Jänner.  Die  Zuckungen  im  Gesichte  und  Arme  persistiren. 
Patientin  beantwortet  an  sie  gestellte  Fragen,  welche  von  entspre- 
chenden Geberden  begleitet  sind  richtig  mit  Ja",  oder  „nein". 
Sonst  ist  sie  nach  wie  vor  worttaub  und  kennt  ausser  den  ange- 
gebenen Worten  und  dem  Worte  „Pepi"  (Name  ihres  Mannes) 
kein  Wort. 

7.  Januar.  Die  Zuckungen  in  der  rechten  Hand  und  im 
rechten  Facialisgebiete  haben  aufgehört.  Nachmittags  beantwortet 
Patientin  die  Fragen  ihres  Mannes  ganz  richtig,  nicht  blos  mit  Ja" 
und    „nein"    sondern   auch   mit  kurzen,   aber   richtig    gebildeten, 


Ueber  corticale  Epilepsie.  35 

verständlichen  und  zutreffenden  Sätzen.  Bei  mehreren  tagsüber 
vorgenommenen  Untersuchungen,  zeigte  sie  die  am  früheren  Tage 
geschilderten   Symptome  von  partieller  Aphasie  und  Worttaubheit. 

8.  Jänner.  Nachts  war  die  Kranke  sehr  unruhig.  Am  Morgen 
trat  ein  länger  dauernder  (durch  10  Minuten  beobachteter)  Lach- 
krampf ein.  Seit  einer  Stunde  ist  Patientin  sehr  heiter  gestimmt. 
Auf  mündliche  Aufforderung,  ohne  dass  man  durch  Geberde  ihrem 
Verständnisse  zu  Hilfe  kommt,  streckt  sie  die  Zunge  heraus.  Sie 
beantwortet  viele  Fragen  anstatt  mit  zutreffenden  Antworten  mit 
Ja".  Sie  kann  ihr  vorgezeigte  Gegenstände  richtig  bezeichnen, 
z.  B.  Glas,  Löffel,  Centimeter,  Brod,  etc.  Auf  die  entsprechenden 
Fragen  antwortet  sie  „der  Vater  (Gatte)  war  da",  „die  Schwester 
war  da",  andere  Fragen  jedoch  werden  einfach  mit  Ja"  beantwortet, 
ohne  dass  diese  Antwort  immer  zutrifft. 

9.  Jänner.  Tagsüber  war  die  Kranke  ruhig;  die  Erscheinun- 
gen der  partiellen  Aphasie  und  Worttaubheit  zeigten  gegen  gestern 
keine  Veränderung.  Abends  traten  6  epileptische  Anfälle  hinter  ein- 
ander auf,  bei  welchen  nur  rechtsseitige  Zuckungen  bemerkt  wur- 
den. Dabei  tobte  die  Kranke  so,  dass  eine  Morphininjection  ge- 
geben werden  musste. 

10.  Jänner.  Die  Nacht  verbrachte  Patientin  sehr  unruhig, 
am  Morgen  war  sie,  wie  gewöhnlich,  unbegründet  heiter  gestimmt. 
Die  Krämpfe  sind  nicht  wiedergekehrt.  Aphasie  und  Worttaubheit 
wie  an  den  letzten  zwei  Tagen.  Nachmittag  trat  eine  Veränderung 
in  der  Sprache  ein,  sie  wurde  scandirend,  die  Articulation  mangel- 
haft. Abends  traten  heftige  Aufregungszustände  ein,  in  welchen  es 
der  Kranken  gelingt  aus  dem  Bette  zu  entkommen.  Sie  stürzt 
nieder  und  stösst  sich  mit  der  linken  Schläfe  an,  woselbst  an  der 
Haut  eine  Suffusion  bemerkbar  ist. 

11.  Jänner.  Patientin  hat  die  Nacht  hindurch  getobt.  Auch 
Morgens  trat  anfallsweise  Toben  imd  Schreien  ein.  Die  Eespiration 
ist  verlangsamt,  die  Kranke  cyanotisch.  8l/z  Uhr  Früh.  Nachdem 
Patientin  eben  getobt  hat  und  offenbar  eine  Person  vor  sich  zu 
haben  geglaubt,  welche  sie  zu  umarmen  und  an  sfch  zu  ziehen 
verlangte,  wird  sie  ruhig.  Bald  darauf  treten  die  bis  dahin  ge- 
schwundenen Zuckungen  im  rechten  Arme  und  in  der  rechten  Ge- 
sichtshälfte auf.  An  der  rechten  oberen  Extremität  betreffen  die 
Zuckungen   die  Abductoren  und  Adductoren  des   Oberarmes,   fast 


36  Weiss. 

das  ganze  Radialis-Ulnaris-  und  Medianusgebiet.  Ausserdem  werden 
klonische  Zuckungen  (im  gleichen  Tempo  wie  die  an  den  übrigen 
Muskeln  der  rechten  Seite)  am  Extensor  hallucis  dexter  beobachtet 
T.  37-0,  P.  93,  E.  6.  —  83/4  Uhr  V.  M.  Im  Pacialisgebiete  bei- 
derseits  Ruhe ;  nur  zwei  Mal  während  einer  74  Stunde  unterbrochen 
durch  symmetrisch  ausgeführte  Schnappbewegungen.  Die  klonischen 
Contractionen  der  rechten  oberen  Extremität  häufiger  und  kräftiger. 
Zu  den  früher  geschilderten  sind  brüske  Hebebewegungen  im 
rechten  Schultergelenke  hinzugetreten,  wobei  die  Schlüter  unver- 
rückt bleibt. 

12.  Jänner.  Am  Morgen  ist  Patientin  nach  ruhig  zugebrachter 
Nacht  heiter.  Sie  spricht  ganz  logisch,  articulirt  gut.  Aphasie  und 
Worttaubheit  geschwunden.  Eespiration  normal.  Um  5  Uhr  Abends 
treten  am  rechten  Vorderarme  schwache  Zuckungen  im  Badialis- 
gebiete  ein.  T.  38*0,  Abends  39*5. 

13.  Jänner.  Patientin  vollständig  sprachfahig,  psychisch  normal. 
Decubitus  am  Os  sacrum.  —  T.  Morgens  37*0,  Abends  37*4. 

20.  Jänner.  Patientin  erschien  bis  zum  heutigen  Tage  obzwar 
sie  zeitweise  getobt  und  geschrieen,  sonst  in  der  Bewusstseinssphäre 
fast  normal.  Heute  zeigte  sich  ein  Erysipel  der  rechten  Gesichts- 
hälfte. T.  Morgens  37*0,  Abends  37-4. 

21.  Jänner.  T.  Morgens  390,  Abends  39*4.  Das  Erysipel 
über  das  ganze  Gesicht  verbreitet.    Keine  cerebralen  Störungen. 

22.  Jänner.  T.  Morgens  39*5,  Abends  39'6.  Status  idem. 

23.  Jänner.  Patientin  ist  fast  constant  benommen,  zeigt  zeit- 
weise klonische  Zuckungen  in  der  rechten  oberen  Extremität. 
T.  40-0,  Abends  40.6. 

24.  Jänner.  T.  39*8,  Abends  40*8. 

25.  Jänner.  T.  40*0,  Abends  40*0.  Patientin  ist  komatös  und 
tritt  um  61/*  Uhr  Abends  der  lethale  Ausgang  ein. 

Fassen  wir  den  Sympfcomencomplex,  welchen  die  Kranke  dar- 
bot, zusammen,  so  ergibt  sich,  dass  bei  der  früher  ganz  gesunden 
Patientin  (die  rheumatische  Oculomotoriuslähmung  war  bereits  vor 
10  Jahren  abgelaufen)  nach  einem  schweren  Trauma,  das  zunächst 
auf  das  rechte  Seitenwandbein  einwirkte,  Zuckungen  in  der  rechten 
oberen  Extremität  sich  einstellten,  welche  jede  zweite  Woqh& 
wiederkehrten,  zeitweise  von  Aphasie  begleitet  warep  u&d  wc 
zuletzt  in  einem  solchen  Anfalle  zu  BewrosQqp 


Ueber  cortlcale  Epilepsie.  37 

drei  Wochen  unter  fast  continuirlichen  Anfallen  von  einseitigen 
Krämpfen  zum  lethalen  Ausgange  kam.  Von  anderen  pathologischen 
Zuständen,  welche  für  das  dominirende  Krankheitsbild  von  Wichtig- 
keit sein  konnten,  war  nur  eine  Insufficienz  der  Aortaklappen 
zu  statuiren. 

Nach  der  klaren  Anamnese,  die  wir  besassen,  musste  zunächst 
daran  gedacht  werden,  dass  das  Trauma  in  irgend  einer  Weise 
die  corticalen  Krämpfe  veranlasst  habe.  Die  Einwirkung  desselben 
auf  die  Hirnrinde  konnte  in  verschiedener  Weise  erfolgt  sein. 
Zunächst  war  es  mit  Bücksicht  auf  die  rechtsseitigen  Krämpfe, 
welche  zeitweise  von  Aphasie  gefolgt  waren>  mit  Bestimmtheit 
anzunehmen,  dass  im  Gefolge  des  Trauma  eine  Läsion  der  lin- 
ken Hirnrinde  eingetreten  sei.  In  Bezug  auf  die  Art  derselben 
kamen  nach  den  vorliegenden  Erfahrungen  Veränderungen  an 
den  Knochen  (Fissuren,  Fracturen),  an  den  Meningen  (Pachyme- 
ningitis)  am  Gehirne,  (Encephalitis,  Blutungen  und  Tuiporenbil- 
dung)  in  Betracht.  Veränderungen  an  den  Knochen  waren  nach  den 
objectiven  Befunden  nicht  gut  anzunehmen,  ebenso  wenig  Pachy- 
meningitis  und  Blutungen  in  der  Hirnrinde,  da  diese,  wie  aus  später 
mitzutheilenden  Fällen  sich  ergeben  dürfte,  viel  schwerere  Symptome 
setzen  und  rascher  zum  lethalen  Ausgange  führen.  Die  Tumoren- 
bildung im  Gehirne  war  abgesehen  davon,  dass  sofort  nach  der 
Verletzung  die  erwähnten  Krämpfe  eintraten,  unwahrscheinlich  weil 
der  localisirte  und  constante  Kopfschmerz  *)  vollständig  fehlte.  Es 
blieben  demnach  nur  encephalitische  frocesse  in  Frage.  Die  Ence- 
phalitis konnte  wiederum  in  verschiedener  Weise  den  vorliegen- 
den Symptomencomplex  bedingen.  Es  konnte  sich  um  Erweichung 
(resp.  Abscessbildung)  handeln,  andererseits  aber  kam  die  chroni- 
sche Form  derselben,  die  Encephalomeningitis  chronica  in  Betracht, 
welche  nicht  selten  im  Gefolge  von  Traumen  auftritt.  Zwischen 
diesen  beiden  Formen  konnte  die  differentielle  Diagnose  im  Leben 
nicht  durchgeführt  werden,  da  sie  beide  im  Stande  waren,  den  gesamm- 
ten  Symptomencomplex  und  insbesondere  auch  die  in  den  letzten  drei 
Wochen  aufgetretenen  Symptome,  die  auf  eine  in  der  letzten  Zeit 
aufgetretene  intensive  Läsion  der  linken  Hirnrinde  hinwiesen,  voll- 
lÜnrtig  erüärejo.  Ausserdem  konnte   auch  die  Vorstellung  nicht 

*H  nur  manchmal  bei  Tuberkeln  und  Cystenbildungen,  welche 


38  Weiss. 

zurückgewiesen  werden,  dass  die  zuletzt  aufgetretenen  intensiveren 
Erscheinungen  vielleicht  auf  eine  Embolie  in  kleinere  Aeste  der 
Art.  fossae  Sylvii  sinistra  zu  beziehen  seien,  da  hiezu  bei  der  Gegen- 
wart der  Aortenklappeninsufficienz  Grund  genug  Vorlag. 

Mit  Bücksicht  auf  diese  Ueberlegungen  wurde  die  klinische 
Diagnose  mit  Wahrscheinlichkeit  auf  Encephalitis  traumatica  in  der 
Kegion  der  linken  vorderen  Centralwindung  und  der  linken  dritten 
Stirnwindung  gestellt. 

Die  von  Herrn  Assistenten  Dr.  Zemann  vorgenommene  Au- 
topsie ergab  im  Wesentlichen  folgenden  Befund. 

Insufficienz  der  Aortenklappen  aus  Anwachsung  der  Klappen- 
ränder an  ihren  Commissurenden  und  dadurch  bedingter  Verkür- 
zung derselben.  Chronische  Endarteriitis.  Diphtheritische  Cystitis. 
Ausgebreiteter  Decubitus  in  der  Kreuzbeingegend.  Linksseitige 
serös-fibrinöse  Pleuritis  mit  circa  1  Liter  Exsudat.  Becente,  serös- 
eiterige Pericarditis  mit  etwa  50  Cctm.  Exsudat.  Chronischer  Morbus 
Brightii.  —  Chronische  Meningitis  mit  beträchtlicher  Verdickung 
der  inneren  Meningen  besonders  über  der  Convexität  der  linken 
Grosshirnhemisphäre  in  der  Gegend  der  ersten  und  zweiten  Fron- 
talwindung, der  oberen  Hälfte  der  vorderen  und  hinteren  Central- 
windung. Massige  Atrophie  des  Gehirnes. 

Der  eben  mitgetheilte  Sectionsbefund  zeigt  somit,  dass  die  corti- 
cale  Epilepsie  im  vorliegenden  Falle  durch  Adhäsion  der  verdickten 
Meningen  an  das  atrophische  Gehirn  im  Bereiche  der  linken  oberen 
Abschnitte  der  Centralwindungen  hervorgerufen  war.  Da  die  cortica- 
len  Krämpfe  im  vorliegenden  Falle  vorzugsweise  die  obere  Extremi- 
tät der  rechten  Seite  betrafen,  so  liefert  dieser  Fall  einen  neuerlichen 
Beweis  dafür,  dass  in  die  genannten  Partien  die  Bindencentren  für  die 
obere  Extremität  liegen.  Was  die  Erklärung  der  übrigen  Symptome, 
welche  die  Kranke  darbot,  anlangt,  so  ist  dieselbe  an  der  Hand 
des  Sectionsbefundes  nicht  schwer.  Es  traten  offenbar  in  der  Um- 
gebung der  adhärenten  Partien  der  Meningen,  also  an  der  dritten 
Stirnwindung,  an  der  ersten  Temporalwindung,  sei  es  in  Folge  von 
Oedem  oder  in  Folge  von  Circulationsstörungen  zeitweise  Verände- 
rungen ein,  welche  die  Function  der  genannten  Theile  ganz  oder 
partiell  beeinträchtigten.  In  ähnlicher  Weise  finden  die  beobach- 
teten psychischen  Symptome  ihre  Erklärung.  In  symptomatischer 
Beziehung  ist  im  vorliegenden  Falle  hervorzuheben,    die  tagelange 


Ueber  corticale  Epilepsie.  39 

Persistenz  der  klonischen  Krämpfe  an  der  rechten  oberen  Extre- 
mität, das  zeitweise  beobachtete  Auftreten  von  Aphasie  und  Wort- 
taubheit im  Gefolge  der  Anfalle,  welche  letztere  Erscheinung  meines 
Wissens  als  Folgeerscheinung  corticaler  Krämpfe  in  diesem  Falle 
zum  ersten  Mal  statuirt  wurde,  endlich  das  Cessiren  der  sonst  con- 
tinuirlich  beobachteten  Krämpfe  im  Schlafe. 

V.  Rechtseitige  corticale  Epilepsie.  Capilläre  Uämorrhagien 

in  die  linke  vordere  Centralwindnng. 

Am  26.  Juli  1881  wurde  auf  Z.  90  des  k.  k.  allgemeinen 
Krankenhauses  ein«  23jährige  Bildhauersgattin  aufgenommen.  Sie 
soll  früher  stets  gesund  gewesen  sein,  bis  vor  14  Tagen,  wo  sie 
plötzlich  unwohl  wurde  und,  nachdem  sie  wenige  Worte  an  ihre 
Angehörigen  gerichtet  hatte,  bewusstlos  zusammenstürzte.  Nach 
74  Stunde  kam  sie  %  wieder  zu  sich,  konnte  selbst  aufstehen  und  sich 
entkleiden  und  bemerkte  mit  Ausnahme  eines  Gefühles  von  Pelzig- 
sein in  der  rechten  oberen  Extremität  keine  weitere  Störung.  Die 
nächsten  zwei  Tage  beschäftigte  sich  Patientin  noch  im  Hause, 
stürzte  aber  etwa  48  Stunden  nach  dem  ersten  Insulte  auf  der 
Hausflur  bewusstlos  zusammen.  Sie  kam  bald  zu  sich,  bemerkte 
aber  von  jetzt  ab  andauernd  unwillkürliche  Bewegungen  der  rech- 
ten oberen  Extremität  und  allmälig  zunehmende  Schwäche  der 
rechten  unteren  Extremität.  Am  23.  und  24.  Juli  trat  je  ein  In- 
sult ein,  wonach  die  Schwäche  im  rechten  Beine  sich  steigerte. 
Nach  Angabe  ihrer  Ziehmutter  soll  Patientin  in  ihrem  ersten  Le- 
bensjahre an  Fraisen  gelitten  haben,  in  ihrem  16.  Xjebensjahre 
viel  über  Kopfschmerz  geklagt  haben,  der  bis  in  die  letzte  Zeit 
öfters  wiederkehrte. 

Seit  dem  17.  Jahre  hat  Patientin  die  Menses;  dieselben  waren 
stets  regelmässig.  Seit  dem  19.  Jahre  ist  Patientin  verheiratet.  Sie 
hat  zweimal  geboren.  Das  erste  Kind  starb  an  einem  Exanthem, 
das  zweite  nach  dreiwöchentlichen  Fraisen.  In  der  zweiten  Schwan- 
gerschaftsperiode hat  Patientin  gewöhnlich  an  linksseitigem  Kopf- 
schmerz gelitten.  Seit  Ende  April  d.  J.  ist  die  Periode  ausgeblieben. 
Seit  14  Tagen  fühlt  Patientin  Kindsbewegungen. 

Status  praesens  vom  26.  Juli  1881 :  Patientin  mittelgross,  gut 
genährt,  zart  gebaut.  Temperatur  normal,  Puls  96  von  mittlerer 
Grösse   und   Spannung.   Facialis   dexter  in  seinen   respiratorischen 


40  Weiss. 

Zweigen  paretisch.  Pupillen  übermittelweit,  rechte  etwas  weiter 
als  die  linke;  beide  reagiren  prompt  auf  Licht  und  Accommo- 
dation.  Augenbewegungen  frei.  Zunge  weicht  nach  rechts  ab.  Sprache 
beschwerlich,  unvollständig  articulirt;  keine  Aphasie.  Kechte  obere 
Extremität  in  beständiger  rhythmischer  Beuge-  und  Streckbewegung 
im  Ellbogengelenke,  mit  gleichzeitiger  Beugung  und  Streckung  der 
Finger,  Ab-  und  Adduction  des  Daumens.  Willkürbewegungen  mit 
dieser  Extremität  sind  möglich,  erfolgen  jedoch  mit  geringer  In- 
und  Extensität.  Biceps-  und  Tricepsreflex  rechts  deutlicher  als  links. 

Eechte  untere  Extremität  paretisch;  wird  beim  Gehen  nach- 
geschleift. Patellarsehnenreflex  rechts  stärker  als  links;  Fusssohlen- 
reflex  links  stärker  als  rechts.  Die  Untersuchung  der  inneren  Organe 
ergibt  ausser  einer  massigen  Hypertrophie  des  linken  Ventrikels 
keine  wesentliche  Abnormität.  Uterus  dem  fünften  Schwangerschafts- 
monat entsprechend  vergrössert.  Harn  eiweissfrei. 

27.  Juli,  Nachts  zwei  Anfälle  von  heftigen,  die  ganze  rechte 
Körperhälfte  betreffenden  klonischen  Krämpfen,  bei  erhaltenem 
Bewusstsein.  Heute  Vormittag  vier  Anfälle,  nach  dem  letzten  inten- 
sivsten, kurze  Zeit  andauernder  Verlust  des  Bewusstseins.  Nach- 
mittag ein  Anfall  von  8/4stündiger  Dauer,  der  durch  3  Grm.  Chlo- 
ralhydrat  coupirt  wurde.  In  den  Pausen  zwischen  den  Anfällen  sind 
stets  die  rhythmischen  Zuckungen  an  der  rechten  oberen  Extre- 
mität und  ausserdem  noch  heute  ähnliche  Zuckungen  am  Facialis 
dexter  zu  bemerken. 

2.  August.  In  den  letzten  Tagen  zeigte  die  Kranke  ausser  den 
rhythntischdü  unaufhörlichen  Zuckungen  in  der  Musculatur  der  rech- 
ten oberen  Extremität  und  im  rechten  Mundfacialis  auch  in  den 
anfallsfreien  Zeiten  eine  allgemeine  Zunahme  der  Unbesinnlichkeit 
und  zeitweise  Verworrenheit ;  die  Anfälle  selbst  waren  etwas  häufiger 
als  in  den  Vortagen  und  stets  nur  die  rechte  Körperhälfte  betreffend. 

Heute  ist  Patientin  soporös.  Die  continuirlichen  Krämpfe 
betreffen  die  rechte  obere  Extremität,  den  rechten  Mundfacialis  und 
auch  die  Augenmuskeln.  Die  Buflbi,  sowie  der  Kopf  weichen  nach 
rechts  hin  ab  und  machen  schnellende  Bewegungen  gegen  die  Me- 
dianebene des  Körpers  und  zurück  nach  rechts  hin.  Ausserdem 
bemerkt  man  leichte  tonische  Starre  der  linken  oberen  Extremität 
und  zeitweise  an  ihr  mit  denen  der  rechten  oberen  Extremität  iso- 
chrone Zuckungen  im  Bereiche  der  Adductoren  des  linken  Oberarmes. 


Ueber  corticale  Epilepsie.  41 

3.  August,  Nachts.  Allgemeine  Convulsionen  von  */*  Minute 
Dauer,  dabei  stertoröses  Athmen  und  Cyanose.  Patientin  andauernd 
soporös,  die  mehrfach  erwähnten  rhythmischen  Zuckungen  persistiren. 

4.  August,  Nachts.  Kurzdauernde  allgemeine  Convulsionen. 
Morgens  tiefer  Sopor.  Zu  den  bisherigen  klonischen  Krämpfen  ge- 
sellen sich  nun  leichte  zuckende  Bewegungen  der  Zunge  nach 
rechts  und  leichte  zuckende  Senkungen  des  Unterkiefers,  weiter- 
hin Auswärtsrollen  der  rechten  unteren  Extremität;  links  kaum 
merkbare  Bewegungen  am  Oberschenkel,  deutlicher  am  Arme. 
Sämratliche  Zuckungen  sind  nicht  isochron  dem  Pulse  (Puls  120, 
Zuckungen  circa  78  in  der  Minute). 

5.  August  tiefer  Sopor.  Die  rhythmischen  Zuckungen  haben 
aufgehört.  Patientin  macht  zeitweise  Bewegungen  mit  der  linken 
oberen  Extremität.  Die  rechtseitigen  Extremitäten  in  Streckstellung, 
nicht  ganz  erschlafft.  Die  Körpertemperatur,  die  in  den  früheren 
Tagen  die  Norm  nicht  tiberschritt,  ist  heute  Morgens  38*4,  Abends 
39*0.  Wegen  vorauszusehenden  lethalen  Ausganges  wird  der  Eihaut- 
stich  gemacht.  —  6.  August  Morgens  Geburt  eines  todten  Kindes 
sammt  Placenta.  9x/t  Uhr  Abends  exitus  lethalis  im  tiefsten  Coma. 

Mit  Rücksicht  auf  die  im  Leben  beobachteten  corticalen  recht- 
seitigen Krämpfe,  welche  andauernd  die  oberen  Extremitäten 
betrafen,  lautete,  da  wir  nicht  in  der  Lage  waren  die  Art  der 
Läsion  näher  zu  bestimmen,  die  klinische  Diagnose:  Irritative  Läsion 
der  rechten  vorderen  Centralwindung. 

Die  vom  Herrn  Assistenten  Dr.  Kolisko  ausgeführte  Autopsie 
ergab  im  Wesentlichen  folgenden  Befund: 

Die  weichen  Schädeldecken  blass.  Schädeldach  länglich  oval, 
dicht,  Diploe  erhalten.  Längs  der  Sagittalnaht  zahlreiche  grubige, 
bis  erbsengrosse  Vertiefungen.  Harte  Hirnhaut  gespannt,  blass,  durch- 
scheinend, glänzend.  Im  Sichelblutleiter  spärliche,  frische  Blut- 
nnd  Faserstofifgerinnsel.  Die  Innenfläche  der  Dura  mater  glatt.  Die 
inneren  Hirnhäute  zart,  von  mittlerem  Blutgehalte,  am  Scheitel- 
rande etwas  verdickt,  und  mit  Pacchionischen  Granulationen  ver- 
sehen. Die  Hirnsubstanz  blass,  teigig  weich;  die  Windungen  von 
gewöhnlicher  Breite.  Am  medianen  Rande  des  mittleren  Drittels  der 
linken  vorderen  Centralwindung  in  der  Ausdehnung  von  etwa  1  Ctm. 
an  der  Hirnrinde  eine  dunklere  Färbung  wahrnehmbar.  Beim  Ein- 
schneiden dieser  Stelle  zeigt  sich  die  Hirnrinde  von  zahlreichen  bis 


42  Weiss. 

stecknadelkopfgrossen  Blutaustritten  durchsetzt.  Die  Gehirnventrikel 
von  gewöhnlicher  Weite,  in  ihnen  wenige  Tropfen  klaren  Serums. 
Die    basalen  Hirnarterien  zartwandig;    die   Stammganglien   intact. 

Ausserdem  constatirte  die  Section  noch  eine  rothe  Hepatisa- 
tion im  Unterlappen  der  rechten  Lunge. 

Die  linke  vordere  Centralwindung  wurde  mir  vom  Herrn  As- 
sistenten Dr.  Kolisko  bereitwilligst  zur  mikroskopischen  Unter- 
suchung zur  Verfugung  gestellt.  Dieselbe  wurde  an  Frontalschnitten 
ausgeführt  und  ergab  wie  aus  der  beigegebenen  Zeichnung  ersichtlich 
ist,  dass  das  Kindengrau  allenthalben  von  stecknadelstich-  bis  steck- 
nadelkopfgrossen Hämorrhagien  (h  in  der  beigegebenen  Zeichnung) 
durchsetzt  war,  welche  besonders  an  der  Kuppe  der  Windung  dicht 
gedrängt  erschienen.  Was  den  näheren  Ort  der  Blutherde  anbelangt, 
so  waren  dieselben  ausnahmslos  in  dem  Bindengrau,  und  zwar  in 
allen  Schichten  desselben  mit  Ausnahme  der  obersten  zellenlosen 
Schicht.  Die  Umgebung  der  hämorrhagischen  Herde  erschien  nicht 
wesentlich  verändert,  insbesondere  liessen  sich  keinerlei  Erscheinun- 
gen von  Entzündung  an  derselben  nachweisen.  Die  Gefasse  dieser 
Partie  zeigten  keinerlei  Abnormitäten. 

Somit  wies  die  Section  nach,  dass  die  im  Leben  beobachteten 
Erscheinungen  von  zum  Theil  continuirlich  aufgetretenen,  zum  Theil 
anfallsweise  zu  Stande  gekommenen  Krämpfen  in  den  rechtseitigen 
Extremitäten  und  in  der  rechten  Gesichtshälfte  im  Zusammenhang 
standen  mit  capillären  Blutungen  in  einem  ganz  kleinen  Abschnitte 
(1  Ctm.  lang)  in  der  Mitte  der  vorderen  linken  Centralwindung, 
da  diese  Veränderung  die  einzige  war,  welche  sich  im  Gehirne  der 
Kranken  bei  der  sehr  genau  vorgenommenen  Untersuchung  nach- 
weisen liess.  Wir  werden  mit  Bücksicht  auf  den  Befund  nicht  fehl 
gehen,  die  im  Leben  beobachteten  continuirlichen  Krämpfe  im  linken 
Arme  als  directen  Effect  der  Blutungen  anzusehen,  während  wir  die 
von  Zeit  zu  Zeit  aufgetretenen  intensiven  und  auch  mehr  verbrei- 
teten Krampfanfalle  mit  Bewusstlosigkeit,  auf  zu  den  vorhandenen 
Störungen  hinzugetretene  transitorische  Veränderungen  (Hyperämie, 
Oedem)  in  der  Umgebung  der  Blutherde  zu  beziehen  haben.  Es 
zeigt  dieser  Fall  ganz  klar,  dass  die  von  Jackson  aufgestellte 
Theorie  zur  Erklärung  des  periodischen  Auftretens  der  Krämpfe  bei 
corticalen  Läsionen  nicht  haltbar  sei,  da  im  vorliegenden  Falle  die 
von   ihm    supponirte   Erschöpfung   der   motorischen  Kindencentren 


Ueber  corticale  Epilepsie.  43 

trotz  tagelang  in  denselben  Muskelgruppen  andauernden  Krämpfen 
nicht  eintrat.  Die  Periodicität  der  Krämpfe  scheint  eben  nicht  mit 
der  Erschöpfkarkeit  der  Eindencentren,  sondern  mit  ganz  anderen 
Momenten  zusammenzuhängen.  Sie  hängt  offenbar  von  der  Art  und 
dem  Orte  der  irritativen  Läsion  ab.  Wenn  die  Läsion  eine  sehr 
geringfügige  ist,  oder  wenn  sie  nur  in  der  Nähe  der  motorischen 
Eindencentren,  nicht  in  diesen  selbst  sich  befindet,  dann  ist  es  be- 
greiflich, dass  nur  von  Zeit  zu  Zeit,  entweder  durch  die  langan- 
dauernde, wenn  auch  nicht  sehr  intensive  Beizung  der  Eindencen- 
tren endlich  der  Anfall  ausgelöst  wird,  oder  dass  durch  accidentelle 
Vorgänge  in  der  Umgebung  (Hyperämie,  Oedem)  der  Herde,  also 
in  den  Eindencentren  selbst,  derselbe  Effect  producirt  wird. 

Was  die  Ursache  der  Blutung  im  vorliegenden  Falle  anlangt, 
so  hat  uns  die.  Section  hierüber  keinen  genügenden  Aufschluss  ver- 
schafft, indem  weder  an  den  Hirngefässen,  noch  an  dem  Gefässsystem 
überhaupt  sich  Veränderungen  vorfanden,  die  uns  das  Auftreten 
derselben  bei  einem  so  jugendlichen  Individuum  hätten  erklären 
können.  Am  wahrscheinlichsten  dürfte  sich  die  Blutung  nach  der 
Anamnese  in  folgender  Weise  erklären  lassen.  Die  Kranke  litt 
schon  während  ihrer  ersten  Schwangerschaften,  in  der  zweiten 
Hälfte  derselben  häufig  an  linksseitigen  Kopfschmerzen,  sowie  sie 
überhaupt  seit  ihrer  frühen  Jugend  an  cephalischen  Störungen  insbe- 
sondere aber  an  Kopfschmerz  litt.  Dieses  Verhalten  dürfte  mit  Bück- 
sicht auf  das  durch  die  Autopsie  nachgewiesene  Fehlen  von  anato- 
mischen Läsionen  des  Gehirnes  oder  seiner  Häute,  welche  diese 
Zustände  begründet  haben  konnten,  darauf  zu  beziehen  sein,  dass 
bei  der  Kranken  von  Zeit  zu  Zeit,  besonders  aber  während  der 
Schwangerschaft  Hyperämien  des  Gehirnes  auftreten.  In  der  letzten 
Schwangerschaft  traten  gleichfalls  häufig  solche  Hyperämien  ein  und 
kam  es  endlich  durch  eine  Steigerung  derselben  zu  mehrfachen 
capillaren  Hämorrhagien. 

TL  Rechtsseitige  eortieale  Epilepsie.  Linksseitige  Pachyme- 
ningitis  haemorrhagica  chronica  mit  frischer  Blutung. 

Am  9.  Mai  wurde  der  60jährige  Agent  N.  J.  auf  Z.  89  der 
Abtheilung  des  Herrn  Primararztes  Dr.  Scholz  aufgenommen. 

Nach  den  Angaben  seiner  Frau  und  seines  Sohnes  soll  Pa- 
tient früher   stets   gesund  gewesen  sein  und  insbesondere  niemals 


44  Weiss. 

an  psychischen  Störungen  und  Krämpfen  gelitten  haben.  Am  5.  Mai 
dieses  Jahres,  also  vier  Tage  vor  seiner  Aufnahme  ins  Kranken- 
haus soll  er  beim  Austragen  von  Büchern  von  einer  steilen  Wen- 
deltreppe herabgestürzt  sein  und  sich  dabei  am  Kopfe  beschädigt 
haben.  Er  setzte  trotzdem  seinen  Weg  fort  und  kam  erst  nach 
zwei  Tagen  in  seine  Wohnung.  Der  Umgebung  des  Kranken  fiel 
es  auf,  dass  der  Kranke  absolut  nicht  sprach,  sie  hielten  ihn  je- 
doch deshalb  anfangs  nicht  für  sprachunfähig,  sie  meinten  nur,  er 
sei  heute  besonders  verdriesslich.  Als  er  jedoch  bis  zum  Abend  des- 
selben Tages  kein  Wort  sprach  und  auf  an  ihn  gerichtete  Fragen 
unwillig  andeutete,  dass  er  nicht  sprechen  könne,  wurde  ein  Arzt 
gerufen.  Dieser  bezeichnete  seinen  Zustand  als  Gehirnerschütte- 
rung. Noch  am  Abende  des  dritten  Tages  stellte  sich  Brechneigung 
und  in  der  Nacht  mehrmaliges  Erbrechen  ein.  Am  vierten  Tage 
bemerkte  man  ausser  den  früher  erwähnten  Erscheinungen,  welche 
persistirten,  zeitweise  auftretende  Zuckungen  am  Mundwinkel  der 
rechten  Seite,  ausserdem  eine  Schwäche  im  rechten  Arme,  und  der 
Kranke  gab  durch  Mienen  zu  verstehen,  dass  er  Schmerzen  im 
rechten  Beine  habe.  Am  fünften  Tage  nach  der  Verletzung  trat 
der  erste  Krampfanfall  ein,  wobei,  wie  der  Sohn  des  Kranken  aus- 
drücklich angibt,  die  Krämpfe  nur  die  rechte  Gesichtshälfte  und 
die  Musculatur  der  rechten  oberen  Extremität  betrafen.  Der  Anfall 
soll  7*  Stunde  gedauert  haben,  und  war  während  desselben  das  Be- 
wusstsein  angeblich  erhalten.  Da  sich  nach  3/4  Stunden  ein  zweiter 
solcher  Anfall  einstellte,  wurde  Patient  ins  k.  k.  allgemeine  Kran- 
kenhaus gebracht. 

Am  Tage  der  Aufahme  (9.  Mai)  liess  sich  bei  ihm  Folgendes 
statuiren:  Pat.  mittelgross,  kräftig  gebaut,  ziemlich  gut  genährt,  T. 
normal,  P.  90,  von  mittlerer  Grösse  und  Spannung,  Arterien  rigid. 
Die  Untersuchung  der  inneren  Organe  ergibt  mit  Ausnahme  einer 
massigen  Hypertrophie  des  linken  Herzens  keine  Abnormität.  Harn 
eiweissfrei.  Die  Haut  über  dem  linken  Arcus  superciliaris  bis  gegen 
die  Schläfe  hin  in  der  Ausdehnung  eines  Thalerstückes  bläulichgelb 
verfärbt.  Am  Schenkel  äusserlich  keine  Verletzung  nachweisbar. 
Beim  Anklopfen  an  denselben  äussert  Patient  keinen  Schmerz. 

Patient  ist  anscheinend  bei  Bewusstsein.  Er  drückt  die  ihm  ge- 
reichte Hand,  zeigt  die  Zunge,  schliesst  die  Augen,  wenn  ihm  dies 
vorgezeigt  wird,  folgt  dem  Wasserglase  mit  den  Augen  und  nimmt 


Ueber  corticale  Epilepsie.  45 

es,  wenn  es  ihm  gereicht  wird,  in  die  rechte  Hand,  trinkt  und  stellt 
es  dann  neben  sich  auf  den  Tisch.  Die  an  ihn  gerichteten  Fragen 
beantwortet  er  nicht  und  gibt  auch  sonst  keinen  Laut  von  sich.  Er 
versteht  die  Fragen  und  Aufforderungen,  die  an  ihn  gerichtet  werden, 
augenscheinlich  nicht.  Er  richtet  zwar  seinen  Bick  auf  den  Fragen- 
den, streckt  aber  z.  B.  erst  die  Zunge  heraus,  wenn  ihm  dies  vor- 
her gezeigt  wurde,  und  ebenso  schliesst  er,  wenn  er  dazu  aufge- 
fordert wird,  erst  dann  die  Augen,  wenn  die  Aufforderung  von 
der  entsprechenden  Geste  begleitet  ist.  Er  schliesst  jedoch  die 
Augen  und  zeigt  die  Zunge  auch  dann,  wenn  er  zu  anderen 
Dingen  aufgefordert  wurde,  aber  durch  die  entsprechenden  Mienen 
hiezu  veranlasst  wird.  Spricht  man  ihn  an,  ohne  dass  man  von  ihm 
gesehen  werden  kann,  richtet  er  den  Blick  stets  nach  der  Seite, 
woher  der  Schall  kommt.  Seine  Umgebung  kennt  er,  begrüsst  sie 
durch  Händedruck  und  freundliche  Miene. 

Facialis  dexter  ist  in  seinen  respiratorischen  Zweigen  pare- 
tisch.  Die  Zunge  weicht  beim  Herausstrecken  nach  rechts  ab.  An 
der  übrigen  Musculatur  ist  gegenwärtig  keine  Parese  nachweisbar. 
Auf  der  rechten  Körperhälfte  scheint  Patient  empfindungslos  zu 
sein,  da  er  selbst  auf  tiefe  Nadelstiche  nicht  reagirt,  während  links 
deutliche  Abwehrbewegungen  eintreten. 

Sehnenreflexe  sind  beiderseits  deutlich,  rechts  entschieden  stär- 
ker als  links.  Hautreflexe  sind  rechts  schwächer  als  links.  Blase  und 
Darm  fungiren  normal. 

10.  Mai  1881.  Status  idem.  Gestern  und  heute  traten  meh- 
rere Anfälle  von  rechtsseitigen  Convulsionen  ein.  Das  Bewusstsein 
war  während  derselben  erloschen.  In  den  meisten  derselben  waren 
klonische  Krämpfe  am  rechten  Facialis  und  an  der  rechten  oberen 
Extremität,  tonische  Starre  an  dar  rechten  unteren  Extremität  zu 
bemerken.  Die  Dauer  des  .einzelnen  Anfalles  betrug  1—3  Minuten. 
Die  Zahl  derselben  wurde  nicht  notirt. 

11.  Mai.  Heute  trat  bei  der  Morgenvisite  ein  Anfall  ein,  bei 
welchem  zunächst  tonische  Contractur  im  Orbicularis  dexter  auftraten, 
hieran  schlössen  sich  klonische  Krämpfe  im  Facialis  dexter,  in  der 
Musculatur  des  rechten  Ober-  und  Vorderarmes,  während  an  den 
unteren  Extremitäten  und  zwar  rechts  viel  intensiver  als  links  to- 
nische Starre  sich  nachweisen  Hess.  Der  Anfall,  der  2  Minuten  an- 
dauerte,  wurde  von  einem  Schreie  eingeleitet.   Während  desselben 


46  Weiss. 

war  Patient  bewusstlos.  Nach  demselben  kehrte  das  Bewusstsein 
wieder  und  zeigten  sich  die  rechtsseitigen  Extremitäten  vollkommen 
schlaff.  Solche  Anfalle  traten  an  diesem  Tage  10  auf.  Körpertem- 
peratur Früh  38-0,  Abends  39'0. 

12.  Mai.  Seit  gestern  hat  Patient  neuerdings  28  Anfalle  von 
rechtsseitigen  Krämpfen  mit  vollständiger  Bewusstlosigkeit.  In  den 
anfallsfreien  Zeiten  ist  Patient  aphasisch  und  worttaub.  T.  Früh  38*0, 
Abends  38*6. 

13.  Mai.  Bis  heute  9  Uhr  Früh  hatte  Patient  weitere  32  An- 
fälle von  rechtsseitigen  Krämpfen  mit  Bewusstlosigkeit.  Die  meisten 
derselben  wurden  von  einem  Schrei  eingeleitet,  dann  kam  es  zur 
Deviation  conjugäe  des  Kopfes  und  der  Augen  nach  rechts  und 
weiterhin  zu  den  früher  geschilderten  Zuckungen  und  Krämpfen  an 
der  rechten  Körperhälfte.  Die  Anfalle  dauerten  1 — 2  Minuten. 

14.  Mai.  Patient  hat  in  der  Nacht  wieder  37  Anfälle  gehabt, 
dieselben  zeigten  die  früher  erwähnten  Eigentümlichkeiten.  Bis 
gegen  Abend  traten  wieder  30  rechtsseitige  Krampfanfälle  ein. 

15.  Mai.  Von  8  Uhr  Abends  bis  9  Uhr  Früh  hat  Patient 
60  Anfalle  gehabt.  Alle  begannen  mit  Deviation  conjugee  nach 
rechts  hin,  dann  kam  es  zu  tonischen  und  klonischen  Krämpfen 
entweder  ausschliesslich  der  rechten  Körpermusculatur,  oder  der 
gesammten  Musculatur  mit  entschiedener  Prävalenz  der  rechten 
Seite,  und  auf  der  Höhe  des  Anfalles  kam  es  zu  Glottiskrampf 
und  hochgradiger  Cyanose  des  Kranken.  Nach  den  Anfällen  war 
das  Sensorium  mehr  benommen  als  in  den  Vortagen.  Bis  gegen 
Abend  traten  noch  104  solche  Anfälle  ein,  worauf  dieselben  ces- 
sirten.  Die  Körpertemperatur  betrug,  um  5  Uhr  N.  M.  41*0. 

16.  Mai.  Kein  weiterer  Anfall.  Patient  andauernd  bewusstlos. 
Die  gesammte  Körpermusculatur  erschlafft.  Secessus  inscii.  Um 
72K)  Uhr  Abends  erfolgte  im  tiefen  Coma  der  lethale  Ausgang. 

Die  klinische  Diagnose  lautete  aus  begreiflichen  Gründen: 
Irritative  Läsion  (Erweichung  resp.  Hämorrhagie)  in  der  Kegion  der 
linken  Centralwindung  mit  Zerstörung  der  angrenzenden  Stirn-  und 
Schläfewindungen. 

Die  am  20.  Mai  von  Herrn  Assistenten  Dr.  Zemann  vorge- 
nommene Autopsie  ergab  folgenden  Befund:  Intermeningeale  Blu- 
tung über  dem  linken  Scheitelläppchen,  die  ersten  zwei  Schläfewin- 
dungen und  in  der  sylvischen  Spalte.   Linksseitige  Pachymeningitü 


Ueber  corticale  Epilepsie.  47 

haemorrhagica  interna  chronica  in  Form  einer  ziemlich  dicken  bräun- 
lichen Membran  der  Innenfläche  der  Dura  mater.  Ausgebreitete 
Verkalkungen  in  der  Dura  mater  der  rechten  Grosshirnhemisphäre. 
Fissur  im  hinteren  unteren  Winkel  des  rechten  Seitenwandbeines 
beginnend  und  in  die  rechte  hintere  Schädelgrub'e  bis  gegen  das 
Foramen  occipitale  magnum  reichend.  Blutung  an  der  Aussenfläche 
der  Dura  mater  dieser  Partie. 

Die  Section  klärte  den  Fall  somit  vollständig  auf.  Nach  der- 
selben lässt  sich  der  Verlauf  des  Processes  in  den  anatomischen  Vor- 
gängen etwa  folgendermassen  begründen:  Zunächst  war  es  bei  dem 
Kranken  zur  Entwicklung  einer  Pachymeningitis  chronica  interna 
sinistra  (aus  uns  unbekannten  Gründen)  gekommen,  diese  führte  am 
5.  Mai  d.  J.  zu  einer  frischen  Blutung  in  der  Gegend  der  sylvischen 
Spalte,  welche  einerseits  das  Hinstürzen  des  Kranken  bewirkte,  wobei 
er  sich  Suifusion  an  der  linken  Stirne  und  die  Fissur  am  rechten  Sei- 
tenwand- und  am  Hinterhauptbeine  zuzog,  andererseits  aber  durch 
Druck  auf  die  Inselgegend  und  die  oberen  Schläfenwinduugen  der 
linken  Seite  zum  Auftreten  von  Aphasie  und  Worttaubheit  Veran- 
lassung gab.  Im  weiteren  Verlaufe  kam  es  wahrscheinlich  in  Folge 
von  neuerlichen  Blutungen  zur  Beizung  der  corticalen  Bindencentren 
und  zum  Auftreten  der  rechtsseitigen  Krämpfe,  welche  immer  mehr 
sich  häuften,   und  die  endlich  zum  lethalen  Ausgang  führten. 

Hervorhebenswerth  erscheint  im  vorliegenden  Falle  zunächst 
die  Häufigkeit  der  Anfälle,  indem  im  Verlaufe  weniger  Tage  über 
300  solcher  eintraten.  Ferner  der  Umstand,  dass  viele  derselben, 
ähnlich  wie  die  Anfälle  der  typischen  Epilepsie  von  einem  Schrei 
eingeleitet  wurden,  endlich  dass  in  den  meisten  derselben  Devia- 
tion conjugee  nach  rechts  hin  im  Anfalle  eintrat  imd  während  des- 
selben persistirte. 

VII.  Linksseitige  corticale  Epilepsie.  Tumor  in  den  beiden 

rechtsseitigen  Centralwindnngen. 

Der  Fall  betraf  einen  42jährigen  Zimmermannsgesellen,  welcher 
am  21.  Juni  1881  auf  Z.  101  aufgenommen  wurde.  Man  erfuhr  von 
ihm  und  seiner  Umgebung,  dass  er  bis  vor  3  Jahren  stets  gesund 
gewesen  sei.  Damals  befiel  ihn,  als  er  beim  Frühstücke  sass,  ein 
Krampfanfall  in  der  linken  Gesichtshälfte,  wobei  es  ihm  den  linken 


48  Weiss. 

Arm  zusammengezogen,  auch  die  linke  untere  Extremität  gebogen 
und  den  Stamm  nach  links  gezogen  haben  soll.  Seitdem  kehr- 
ten diese  Anfälle  von  linksseitigen  Krämpfen  alle  2—3  Wochen 
wieder.  Seit  einem  Jahre  sollen  diese  Anfalle  häufiger,  etwa  alle 
8  Tage  auftreten.  Während  derselben  verliert  der  Kranke  nur  selten 
das  Bewusstsein,  nach  denselben  bleibt  eine  Schwäche  der  links- 
seitigen Extremitäten  zurück,  welche  nach  einiger  Zeit  wieder  ver- 
schwindet. 

Am  15.  September  1879  wurde  der  Kranke  zum  ersten  Male 
ins  Krankenhaus  aufgenommen  und  zwar  auf  Z.  101  des  Herrn 
Primarius  Dr.  Scholz.  Daselbst  beobachteten  wir  neben  Parese 
des  linken  Facialis  in  den  respiratorischen  Zweigen  und  der  linken 
oberen  Extremität,  anfallsweise  auftretende  Zuckungen  in  den 
linksseitigen  Extremitäten,  deren  eine  mit  Bewusstlosigkeit  und 
Deviation  conjugee  des  Kopfes  und  der  Augen  nach  links  hin  ge- 
paart war.  Im  Ganzen  wurden  bei  ihm  im  Zeiträume  von  6  Wochen 
5  Anfälle  beobachtet. 

Am  6.  März  1881  wurde  der  Kranke  auf  Z.  12  der  Abthei- 
lung des  Herrn  Prof.  Salz  er  wegen  Hernia  incarcerata  dextra  ope- 
rirt  und  am  25.  April  1881  im  geheilten  Zustande  entlassen.  Der 
letzte  Anfall  trat  angeblich  Samstag  den  18.  Juni  auf. 

Status  praesens  vom  21.  Juni  1881:  Patient  gross,  von  star- 
kem Knochen-  und  Muskelbau,  abgemagert.  Körpertemperatur  nor- 
mal. Puls  60,  von  mittlerer  Grösse,  gespannter. 

Die  Untersuchung  der  inneren  Organe  ergibt  keine  wesent- 
liche Abnormität,  mit  Ausnahme  der  Accentuation  des  zweiten 
Aortentons.  Patient  antwortet  sehr  träge  und  langsam.  Dabei  sind 
seine  Antworten  insofern  nicht  zutreffend,  als  er  über  Zeitverhält- 
nisse nicht  ganz  orientirt  erscheint.  Er  zeigt  eine  auffallend  weiner- 
liche Stimmung.  Seine  Intelligenz  und  insbesondere  sein  Gedächt- 
niss  erscheint  erheblich  geschwächt. 

Facialis  sinister  in  seinen  respiratorischen  Zweigen  paretisch. 
Linke  Pupille  etwas  weiter  als  die  rechte;  beide  reagiren  auf  Licht- 
reiz imd  Accömmodation.  Zunge  deviirt  nach  links.  Sinnesorgane 
intact.  Hinterer  Schädelumfang  590  Mm.  Schädelbau  hydrocepha- 
lisch.  Die  linksseitigen  Extremitäten  im  geringen  Grade  paretisch. 
Sensibilität  zeigt  keine  auffällige  Störung.  Blase-  und  Darmfunction 
normal. 


I 


Ueber  corticale  Epilepsie.  49 

24.  Juni.  Patient  liegt  tagsüber  ganz  ruhig  im  Bette.  Zeit- 
weise steht  er  auf  und  will  sich,  ohne  jede  äussere  Veranlassung 
hiezu,  mit  blossem  Hemde  aus  dem  Krankenzimmer  entfernen.  Auf 
Ansprechen  gibt  er  träge  und  theilnahmslos  Antwort  und  verfällt 
dabei  regelmässig  in  unmotivirtes  Weinen.  Seine  Intelligenz  ist 
stark  beeinträchtigt,  sein  Gedächtniss  hat  hochgradig  gelitten,  so 
dass  er  sich  jetzt  an  das  meiste  nur  sehr  ungenau  und  nach  lan- 
gem Besinnen  erinnert.  Er  ist  sehr  unrein,  lässt  den  Urin  auf  den 
Fussboden  neben  dem  Bette  und  lässt  den  Stuhl  unter  sich.  Kein 
Anfall. 

4.  Juli.  Seit  gestern  ist  das  Sensorium  stark  benommen.  Pa- 
tient liegt  tagsüber  ganz  theilnahmslos  im  Bette,  gibt  auf  Fragen 
keine  Antworten.   Bohrt  im  Anus  und  beschmiert  sich  mit  Koth. 

29.  Juli.  Patient  zeigt  keine  wesentliche  Veränderung  gegen 
früher.  Anfälle  sind  keine  aufgetreten.  Die  Parese  der  linksseitigen 
Extremitäten  sehr  deutlich.  Patient  liegt  theilnahmslos  im  Bette 
und  ist  nur  schwer  zum  Sprechen  zu  bringen.  Bohrt  im  Anus.  Se- 
cessus  inscii.  Decubitus  am  Kreuzbein  und  an  den  Trochanteren. 
Dieses  Verhalten  zeigte  Patient  durch  volle  drei  Monate,  nur  dass 
in  den  letzten  Tagen  soporöse  Zustände  auftraten.  Der  lethale 
Ausgang  trat  am  31.  October  1881  um  y^O  Uhr  Nachts  auf. 

Fasst  man  das  Krankheitsbild,  welches  der  Kranke  zeigte,  zu- 
sammen, so  ergibt  sich,  dass  bei  demselben  ohne  jede  Veranlassung 
anfallsweise  linksseitige  Krämpfe  auftraten,  welche  von  einer  Pa- 
rese der  linksseitigen  Extremitäten  gefolgt  waren.  Diese  Sympto- 
menreihe persistirte  unverändert  durch  mehr  als  zwei  Jahre.  Nach 
Ablauf  dieser  Zeit  hörten  die  Krämpfe  auf,  es  persistirte  jedoch  die 
Parese  der  linksseitigen  Extremitäten,  zu  welcher  sich  ausserdem 
eine  allmälig  sich  steigernde  Abnahme  der  Intelligenz  hinzugesellte, 
so  dass  der  Kranke  zuletzt  das  Bild  eines  Paralytikers  darbot. 

In  diagnostischer  Beziehung  wurde  die  Annahme  gemacht, 
dass  es  sich  im  vorliegenden  Falle  um  einen  langsam  wachsenden 
Tumor  handle,  der  in  der  Region  der  linken  Centralwindungen  sich 
entwickelte,  anfangs  durch  Beizung  dieser  Partie  zu  den  corticalen 
Krämpfen  Veranlassung  gab,  später  durch  Zerstörung  derselben  die 
linksseitige  Hemiplegie  bedingte,  endlich  unter  Berücksichtigung  des 
chronischen  Hydrocephalus  bei  seiner  weiteren  Ausbreitung  zu  den 
in  den  letzten  drei  Monaten  der  Erkrankung  aufgetretenen  Erschei- 

Med.  Jahrbücher.  1882.  A 


50  Weis 8.  Ueber  corticale  Epilepsie. 

nungen  von  Herabsetzung  der  gesammten  Hemisphärenieistimg 
führte. 

Die  von  Herrn  Assistenten  Dr.  Zemann  vorgenommene  Auto- 
psie bestätigte  unsere  klinische  Diagnose  vollkommen.  Sie  ergab 
im  Wesentlichen  folgenden  Befund:  Weiche  Schädeldecken  blass, 
Schädeldach  rundlich,  570  Mm.  in  der  Peripherie,  190  Mm.  im 
Längsdurchmesser,  175  Mm.  im  Breitendurchmesser.  Diploe  überall 
vorhanden.  Die  harte  Hirnhaut  massig  gespannt;  an  der  rechten 
Grosshirnhemisphäre  im  Bereiche  des  oberen  Antheiles  der  vorderen 
Centralwindung  und  den  hinteren  Partien  der  ersten  und  zweiten 
Stirnwindung  mit  einem  darunterliegenden  Tumor  innig  verwachsen. 
Der  Tumor  ist  mannsfaustgross,  derb  elastisch,  weisslich,  drängt 
die  vordere  Partie  des  Scheitellappens,  die  hintere  Partie  des  Stirn- 
lappens nach  innen  und  abwärts,  so  dass  an  der  rechten  Hemi- 
sphäre eine  grubige  Vertiefung  gebildet  erscheint,  welche  der  Tu- 
mor vollständig  ausfüllt,  aus  der  er  sich  aber  auch  herausheben 
lässt.  Die  inneren  Hirnhäute  der  linken  Hemisphäre  von  normaler 
Beschaffenheit.  Die  Kammern  erweitert,  in  ihnen  eine  Menge  trü- 
ben Serums.  Die  vordere  Fläche  und  obere  Kante  der  rechten 
Schläfenbeinpyramide,  sowie  der  rechte  kleine  Flügel  des  Keilbeins 
hochgradig  atrophisch,  durchscheinend.  Bei  der  mikroskopischen  Un- 
tersuchung erwies  sich  der  Tumor  als  ein  Spindelzellensarkom. 

Wir  hatten  es  demnach  im  vorliegenden  Falle  mit  einem  von 
der  Dura  mater  in  der  Gegend  der  rechtsseitigen  Centralwindungen 
entwickelten  langsam  wachsenden  Tumor  zu  thun,  der  anfangs 
offenbar  diese  Partie  reizte  und  dadurch  die  Erscheinungen  der  corti- 
calen  Epilepsie  hervorrief,  später  aber  durch  seine  weitere  Ausbreitung 
zur  Zerstörung  der  Centralwindungen  und  hochgradiger  Beeinträch- 
tigimg des  gesammten  Gehirns  führte  und  dadurch  einerseits  die 
linksseitige  Hemiplegie,  andererseits  das  Auftreten  der  der  progres- 
siven Paralyse  analogen  Störungen  bedingte. 

Die  gesammten  hier  mitgetheilten  Fälle  wurden  von  mir  auf 
der  Abtheilung  des  Herrn  Primararztes  Dr.  Scholz  beobachtet, 
dem  ich  für  die  freundliche  Ueberlassung  des  Materiales  an  dieser 
Stelle  meinen  besten  Dank  ausdrücke. 


wnnriiii  Jahrtiücher.Jahrf.  t( 


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m. 

Ueber  hyaline  Metamorphose  des  Miliar- 
tuberkels. 

Von  Dr.  W.  T.  Councilman  aus  Baltimore. 
Aus  Dr.  H.  Chiari'8  Prosectur. 

Hiezn  Tafel  II  and  DI. 
(Am  17.  Jänner  1882  von  der  Redaction  übernommen.) 


Bei  der  mikroskopischen  Untersuchung  einer  grösseren  Zahl 
tuberculös  erkrankter  Organe,  welche  ich  in  der  Absicht  vornahm,  des 
genaueren  die  histologischen  Verhältnisse  der  Tuberculose  zu  stu- 
diren  und  namentlich  die  Häufigkeit  der  einzelnen  histologisch 
differenten  Tuberkelformen,  des  lymphoiden,  des  reticulirten  und 
des  fibrösen  Tuberkels  festzustellen1),  traf  ich  auch  in  mehreren 
Fällen  auf  Miliartuberkel,  welche  eine  ganz  eigentümliche  Be- 
schaffenheit darboten,  nämlich  zum  Theile  hyalin  waren.  Da  ich 
nun  seit  der  Zeit  unter  Dr.  Chiari's  Leitung  Gelegenheit  hatte, 
an  der  Hand  eines  grossen  Untersuchungs-Materiales,  diese  Meta- 
morphose des  Miliartuberkels  weiter  zu  verfolgen,  so  will  ich  mir 
bei  dem  Umstände,  dass  ich  in  der  Literatur  keine  sicher  hieher 
gehörigen  Angaben  finden  konnte,  erlauben,  über  dieselbe  in  Kürze 
zu  berichten. 

Die  genannte  Eigenthümlichkeit  der  Structur  des 
Miliartuberkels  besteht  in  der  Gegenwart  einer  hyalinen, 
augenscheinlich  dem  sogenannten  Colloid  sehr  naheste- 
henden Substanz  im  Miliartuberkel,   wobei  die  verschiedenen 


*)  Vide  meine  Pnblication:    „Zur  Histologie  der  Tuberculose".   Wiener 
med.  Jahrbücher  1881,  2.  Heft. 

4* 


52  Councilman. 

Elemente  des  Miliartuberkels,  die  runden  und  spindeligen  Zellen, 
wie  auch  die  Riesenzellen  in  die  hyaline  Masse  eingebettet  er- 
scheinen. In  manchen  Miliartuberkeln  betraf  die  Einlagerung  der 
hyalinen  Substanz  das  ganze  Knötchen,  in  anderen  nur  einen 
Theil  desselben,  und  konnte  man  in  einzelnen  Fällen  ganz  gut  die 
Uebergänge  zwischen  den  mit  nur  wenig  hyaliner  Substanz  ver- 
sehenen Knötchen  und  solchen,  welche  allenthalben  in  dieser  Art 
metamorphosirt  waren,  erkennen.  Meiner  Erfahrung  nach  gehört 
die  hyaline  Metamorphose  im  Miliartuberkel  zu  den  selteneren 
Vorkommnissen,  da  ich  unter  der  grossen  Zahl  von  histologisch 
untersuchten,  tuberculos  erkrankten  Organen  (etwa  90)  nur  einige 
mal  dieselbe  sicher  constatiren  konnte. 

Der  erste  Fall,  in  welchem  ich  die  Metamorphose  fand,  be- 
traf ein  4}/2  jähr.  Kind,  mit  chronischer  Tuberculose  des  Gehirns, 
der  Lungen  und  der  Bronchialdrüsen  und  miliarer  Tuberculose  der 
Leber.  Die  Tuberkelherde  im  Gehirn,  in  den  Lungen  und  Bronchial- 
drusen erwiesen  sich  als  verkäsende  lymphoide  Tuberkel.  Die  sehr 
zahlreichen  Lebertuberkel  zeigten  ihre  kleinen  runden  Zellen,  denen 
auch  einige  Spindelzellen  beigemengt  waren,  in  eine  vollkommen 
hyaline  Substanz  eingelagert,  und  zwar  so,  dass  die  Zellen  nicht 
etwa  regelmässig  vertheilt  waren,  sondern  theils  einzeln,  theils  zu 
verschieden  grossen  Gruppen  vereint  in  die  hyaline  Substanz,  mit- 
unter deutliche  Hohlräume  derselben  erfüllend,  eingetragen  er- 
schienen. (Vide  Fig.  1.)  An  manchen  Stellen  machte  es  den  Ein- 
druck, als  wenn  die  jetzt  mit  Zellen  erfüllten  Hohlräume  einstigen 
Gefässen  entsprächen,  indem  die  Zellen  Streifen  formirten,  die  nach 
aussen  hin  von  spindeligen  Kernen  begrenzt  waren.  (Vide  Fig.  2  o.) 
Einzelne  der  Miliartuberkel  enthielten  auch  von  der  hyalinen  Masse 
direct  umschlossene  Biesenzellen.  (Vide  Fig.  2  b.)  Die  Leberzellen 
um  die  Tuberkel  waren  fettig  infiltrirt  und  an  der  Peripherie 
mancher  der  Knötchen  durch  zwischen  sie  eingedrungene  Bund- 
zellen auseinander  geworfen.  Bei  einigen  anderen  Knötchen  hin- 
gegen (vide  Fig.  1)  war  stellenweise  eine  Art  Begrenzung  der 
Tuberkel  gegen  das  benachbarte  Lebergewebe  durch  zarte  Züge 
spindeliger  Kerne  gebildet. 

Der  zweite  Fall  bezog  sich  auf  einen  45jährigen  Mann,  bei 
welchem  die  makroskopische  Sectionsdiagnose  auf  chronische  Tuber- 
culose der  Lungen  und  Miliartuberculose  der  Leber  und  Milz  lautete, 


Metamorphose  des  Miliartuberkels.  58 

Mikroskopisch  stellten  sich  die  bis  erbsengrossen  käsigen  Herde  in 
den  Lungen  als  Verkäsung  der  rundzellig  infiltrirten  Septa  und  der 
Exsudatpfröpfe  in  den  Alveolen,  die  miliaren  Milztuberkel  als  fibröse 
Tuberkel  mit  Biesenzellen  dar,  zeigten  also  ein  ziemlich  vulgä- 
res Verhalten.  Die  miliaren  Lebertuberkel  waren  theils  einfache 
fibröse  Tuberkel,  mit  reichlichen  Kiesenzellen,  theils  zeigten  sie 
dieselbe  hyaline  Metamorphose,  wie  die  Lebertuberkel  des  ersten 
Falles,  Es  enthielten  nämlich  einzelne  Lebertuberkel,  und  zwar 
sowohl  ganz  kleine  singulare  Granula,  als  auch  aus  mehreren  solchen 
Granulis  componirte  Tuberkel,  eine  Substanz,  welche  bis  auf  stellen- 
weise sehr  zarte  Streuung  und  Körnung  vollkommen  homogen  glas- 
artig war.  Die  homogene  Substanz  formirte  bandartige  Streifen, 
welche  durch  Gruppen  von  Bundzellen  und  Spindelzellen  von  einan- 
der getrennt  waren,  und  erschien  in  den  einen  Knötchen  in  nur 
sehr  geringer  Menge  an  der  Peripherie  abgelagert,  während  an  den 
anderen  der  grösste  Theil  des  Tuberkels  davon  occupirt  war.  In 
allen  Knötchen  überwogen  die  Spindelzellen  über  die  Bundzellen, 
und  in  den  meisten  war  bereits,  allerdings  sehr  geringe  centrale 
Verkäsung  eingetreten,  ohne  dass  es  jedoch  möglich  gewesen  wäre, 
sich  von  dem  directen  Uebergange  der  hyalinen  Substanz  selbst  in 
die  Käsemasse  zu  überzeugen. 

In  einem  dritten  Falle  handelte  es  sich  um  chronische,  mit 
sehr  reichlicher  Schwielenbildung  einhergehende  Lungentuberkulose 
bei  einer  27jährigen  Frau,  welche  an  Fettdegeneration  des  excen- 
trisch  hypertrophirten  rechten  Ventrikels  und  universellem  Stauungs- 
hydrops  gestorben  war.  Die  beiden  Lungen  adhärirten  in  den  Ober- 
lappen sehr  innig  und  waren  daselbst  durch  schwärzlich  pigmentirte 
Schwielen,  welche  von  Tuberkelgranulationen  durchsetzt  erschienen, 
verdichtet.  In  den  Spitzen  fanden  sich  einzelne  kleine  Cavernen. 
Mikroskopisch  bestanden  die  Lungenschwielen  aus  dichtem,  zellen- 
armen, Bronchialreste  einschliessenden  Narbengewebe,  welches  hie 
und  da  mit  Biesenzellen  versehene,  theils  mehr  lymphoide,  theils 
mehr  fibröse  Miliartuberkel  enthielt.  An  manchen  Stellen  waren  in 
diesen  Schwielen  überdies  Knötchen  von  der  Grösse  der  Miliartu- 
berkel zu  finden,  welche  aus  einer  homogenen,  nur  ganz  leicht  ge- 
streiften Substanz,  mit  eingelagerten  runden  und  spindeligen  Zellen 
bestanden,  und  hie  und  da  auch  noch  Beste  von  Biesenzellen  erken- 
nen Hessen  (vide  Fig.  3),    welche   ein  solches  Knötchen  mit  einer 


54  Councilman. 

Biesenzelle  und  mit  starker  zelliger  Infiltration  in  der  umgebenden 
Schwiele  zeigt. 

Der  vierte  Fall  sei  angeführt  als  Vertreter  einer  Beihe  von 
in  den  einzelnen  Fällen  fast  ganz  gleich  sich  verhaltenden,  höchst 
wahrscheinlich  auch  hieher  gehörigen  Befunden  bei  chronischer 
Lymphdrüsentuberculose.  Es  war  das  ein  Fall  von  universeller 
chronischer  Lymphdrüsentuberculose  bei  einem  an  acutem  Morbus 
Brigthii  verstorbenen  19jährigen  Manne.  Die  zur  mikroskopischen 
Untersuchung  ausgewählten  Cervicaldrüsen  zeigten  ungemein  zahl- 
reiche sehr  deutlich  reticulirte,  mit  epithelioiden  und  Biesenzellen 
versehene  Miliartuberkel.  In  manchen  der  letzteren  liess  sich  an 
der  Peripherie  geringe  hyaline  Metamorphose  constatiren,  nur  dass 
hier  die  Zellen  nicht  in  Gruppen,  wie  im  1.  und  2.  Falle,  sondern 
zerstreut  in  der  hyalinen  Masse  lagerten.  Ausserdem  fanden  sich 
neben  derartig  veränderten  sicheren  Miliartuberkeln  Knötchen  von 
derselben  Grösse  und  Form  wie  diese,  jedoch  ganz  aus  hyaliner 
Masse  bestehend,  mit  eingestreuten  runden  und  spindeligen  Kernen, 
aber  ohne  Biesenzellen  (vide  Fig.  4),  in  Bezug  auf  welche  Knöt- 
chen man  zu  der  Annahme  sich  geneigt  fühlte,  dieselben  seien  ans 
miliaren  Tuberkeln  durch  complete  hyaline  Metamorphose  ent- 
standen. 

Welcher  Natur  nun  sind  die  in  den  voranstehenden  Fällen 
erwähnten  miliaren  Knötchen  mit  der  hyalinen  Metamorphose? 
Sind  sie  wirklich  Miliartuberkel  oder  verdienen  sie  diese  Bezeich- 
nung nicht? 

Meiner  Meinung  nach  kann  in  der  Hinsicht  wohl  kein  Zweifel 
obwalten,  dass  dieselben  die  Bedeutung  von  Miliartuberkeln  besitzen, 
indem  ihre  sonstige  Textur,  die  häufige  Gegenwart  von  Biesenzellen 
in  ihnen,  welche  ganz  so  sich  verhielten,  wie  die  typischen  Tuber- 
kelriesenzellen, ihre  Lagerung,  ihre  Form  und  Dimension,  ihr  Zu- 
sammentreffen mit  anderweitiger  unbestreitbarer  Tuberculose  im 
übrigen  Körper  und  auch  in  demselben  Organe,  die  häufig  in  ihnen 
gleichzeitig  nachweisbare  partielle,  nämlich  centrale  Verkäsung,  ent- 
schieden für  ihre  Tuberkelnatur  sprechen,  wozu  noch  kommt,  dass 
mehrmals  es  gelang,  Uebergangsformen  von  ganz  gewöhnlich  be- 
schaffenen Miliartuberkeln,  bis  zu  solchen  mit  beträchtlicher  hya- 
liner Metamorphose  nachzuweisen.  In  allen  Fällen  betraf  die 
hyaline  Metamorphose  die  Miliartuberkel  selbst   und  nicht    etwa 


Metamorphose  des  Miliartuberkels.  55 

blos  secundär  um  sie  erzeugtes  Gewebe,  wie  das  besonders  deutlich 
aus  den  zwei  ersten  Fällen  hervorgeht. 

Dieser  Process  der  hyalinen  Metamorphose  in  Miliartuberkeln 
ist  sicherlich  nicht  identisch  mit  der  seinerzeit  von  Bokitansky 
erwähnten  Obsolescenz  des  Tuberkels,  indem  Bokitansky  unter 
Obsolescenz  des  Tuberkels  nur  das  Hartwerden  des  necrotischen  Tu- 
berkelgewebes durch  Inspissirung  des  Detritus  verstand,  also 
einen  Vorgang,  den  wir  heutzutage  zu  der  Verkäsung  rechnen; 
vielleicht  jedoch  fällt  die  beschriebene  Metamorphose  der  Miliar- 
tuberkel zusammen  mit  den  von  Cornil  *)  erwähnten  Tubercules 
colloides  in  Lymphdrüsen,  und  mit  der  von  Wieger*)  in  zwei 
Fällen  gesehenen  hyalinen  Entartung  intumescirter  Lymphdrüsen 
und  kleiner  umschriebener  Miliartuberkeln  ähnlicher,  von  Wieger 
jedoch  nicht  als  Tuberkel  aufgefasster  Entzündungsherde  in  paren- 
chymatösen Organen. 

Was  nun  aber  das  eigentliche  Wesen  dieser  Metamorphose 
des  Miliartuberkels  betrifft,  so  ist  es  wohl  sehr  schwer,  dasselbe 
zu  bestimmen.  So  ist  es  zunächst  kaum  zu  entscheiden,  ob  die 
Metamorphose  die  Bedeutung  einer  Degeneration  der  Tuberkel- 
zellen zu  der  hyalinen  Substanz,  oder  die  einer  Einlagerung  der 
hyalinen  Masse  zwischen  die  Tuberkelzellen,  eventuell  die  einer 
hyalinen  Metamorphose  des  Beticulums  habe.  Gegen  die  Annahme 
einer  Degeneration  der  Tuberkelzellen  spricht  der  Umstand,  dass 
es  nirgends  gelang,  eben  erst  im  Beginne  der  Degeneration  be- 
griffene Tuberkelzellen  zu  sehen,  mit  der  Annahme  einer  Infiltra- 
tion, einer  Einlagerung  der  hyalinen  Substanz  zwischen  die  Tuber- 
kelzellen liesse  sich  schwer  der  Mangel  sicherer  Gefässe  in  den 
Knötchen,  sowie  das  ausschliessliche  Beschränktsein  der  hyalinen 
Substanz  auf  die  Tuberkel  vereinen,  so  dass  am  meisten  noch  die 
Supposition  einer  hyalinen  Metamorphose  des  Beticulums  für  sich 
hätte.  Ebenso  gelingt  es  nicht,  in  die  Kenntniss  der  hyalinen  Sub- 
stanz selbst  tiefer  einzudringen,  und  lässt  sich  über  dieselbe  nicht 
mehr  sagen,  als  dass  sie  die  amyloide  Beaction  nicht  zeige,  gegen 
Beagentien  überhaupt  sehr  widerstandsfähig  sei,   und  darnach  zum 


*)  Des  alte'rat.  anatom.  des  ganglions  lymphat.  Journ.  de  l'anat.  et  de 
la  physiol.  1878  p.  358. 

*)  Virch.  Arch.  78.  Bd.  p.  40. 


56  Coancilman.  Metamorphose  d.  Miliartuberkels. 

sogenannten  Colloid  gerechnet  werden  müsse,  wie  etwa  die  homo- 
gene Masse  bei  der  von  Neelsen  *),  Eppinger  *)  und  Anderen  be- 
schriebenen hyalinen  Degeneration  der  Gehirncapillaren,  mit  der 
sie  auch  morphologisch  viele  Aehnlichkeit  hat. 

Ich  bezeichne  also  die  beschriebene  Metamorphose  des  Miliar- 
tuberkels, gegenwärtig  nur  nach  dem  Aussehen  der  Substanz  als 
hyaline  Metamorphose,  und  muss  es  weiteren  Untersuchungen  über- 
lassen, das  Wesen  dieser,  in  verschiedenen  Organen  auftretenden, 
so  merkwürdigen  Tuberkelmetamorphose,  besonders  aber  das  Detail 
ihrer  Entwicklung  zu  ergründen,  wenn  ich  auch  jetzt  schon  die 
Bemerkung  nicht  unterdrücken  kann,  dass  dieselbe  vielleicht  der 
Ausdruck  einer  günstigen  Verödung,  einer  Art  Ausheilung  des 
Tuberkels  sein  mag. 

P.  S.  Nach  Abschluss  dieser  Mittheilung  kam  mir  der  dritte, 
von  Herrn  Prof.  Dr.  Arnold  in  Virch.  Arch.  87  B.  1,  H.  (aasgeg. 
am  2.  Jänner  1882)  publicirte  Beitrag  zur  Anatomie  des  miliaren 
Tuberkels  zur  Kenntniss,  woselbst  A.  berichtet,  dass  er  hyaline  Dege- 
neration von  Tuberkeln,  und  zwar  in  Lymphdrüsen  gesehen  habe. 
A.  nimmt  mit  Wahrscheinlichkeit  eine  hyaline  Metamorphose  der 
epithelioiden  Tuberkelzellen,  und  vielleicht  auch  des  Keticulums  an. 

Wien,  15.  Jänner  1882. 


f)  Arch.  der  Heilk.  1876  p.  119. 
*).  Prag.  Vierteljahresschr.  1875. 


Erklärung  der  Abbildungen. 

Fig.  1.    Submiliarer  Lebertuberkel  mit    hyaliner  Metamorphose   vom    ersten 
Falle.  Reichert  Obj.  6,  Oc.  2. 

Fig.  2.  Von  der  Peripherie  eines  miliaren  Lebertuberkels  desselben  Falles. 

a  Andeutung  eines  Gefässes.    b  Biesenzellen.    Reichert  Obj.  8,  Oc.  2. 

Fig.  3.  Hyalines  Knötchen  aus  der  Lungenschwiele  des  3.  Falles. 

a  Streifen  in  der  hyalinen  Substanz,    b  Beste  von  Biesenzellen. 

Beichert  Obj.  6,  Oc.  2. 

Fig.  4.    Hyalines  Knötchen  aus   einer   Cervicaldrüse  vom  4.  Falle,  umgeben 
von  hyperämischem  Lymphgewebe.   Beichert  Obj.  6,  Oc.  2. 


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IV. 

Zur  Lehre  von  den  Acardiacis. 

Von 

Dr.  Carl  Brens 

Assistent  an  der  geburtshilflichen  Klinik  des  Prof.  Gustav  Brann  in  Wien. 

(Am  6.  Februar  1882  von  der  Redaction  übernommen.) 
Hiezn  Tafel  IV  und  V. 


Claudius  nimmt  bekanntlich  in  seiner  Abhandlung  über  die 
Entstehung  der  herzlosen  Missbildungen ')  an,  dass  auf  der  sich 
entwickelnden  gemeinschaftlichen  Zwillingsplacenta  zweier  gesunder 
Embryonen  je  ein  Ast  einer  Arterie  (und  Vene)  der  beiden  Nabel- 
stränge anastomosire,  so  dass  in  der  Anastomose  sich  die  Blut- 
wellen von  beiden  Seiten  begegnen,  und  mm  durch  das  Prävaliren 
der  Herzkraft  des  einen  Fötus  endlich  die  Blutbewegung  in  dem 
anderen  rückläufig  werde.  Dadurch  werde  das  Herz  des  schwächeren, 
schliesslich  zum  Stillstande  gebracht,  obliterire  und  sistire  in  seiner 
Entwickelung.  Eingeschaltet  in  den  Kreislauf  seines  Zwillingsbruders 
entwickle  sich  der  seiner  selbstständigen  Circulation  beraubte  Fötus 
als  herzlose  Missbildung  weiter.  Die  ausgedehnten  Defecte,  die  sich 
an  den  Acardiacis  finden,  seien  die  Folge  dieser  perversen  Cir- 
culation. 

Diese  Anschauung  wurde  von  den  pathologischen  Anatomen 
allgemein  acceptirt  und  ist  bis  heute  die  herrschende  geblieben. 
Obwohl  bereits  gewichtige  Bedenken  gegen  dieselbe  erhoben  wur- 
den, so  hat  doch  auch  noch  der  jüngste  Bearbeiter  dieser  Frage 
Ahlfeld2)   die  Claudius' sehe  Lehre  nur   erweitert  und  in  un- 


1)  Kiel  1859.  „Die  Entwicklung  der  herzlosen  Missgeburten". 

")  Archiv  für  Gjnäkologie  14.  Bd.  3.  Heft  1879.  Auch  enthalten  im  Ju- 


58  Brcus. 

wesentlichen  Punkten  modificirt.  Ebenso  hat  dann  diese  Clan  diu  s- 
Ahlfeld'sche  Theorie  auch  in  dem  neuesten  Lehrbuch  der  path. 
Anatomie  von  Ziegler1)  kritiklose  Aufnahme  gefunden. 

Und  doch  erweist  sich  bei  genauerer  Prüfung  diese  Hypothese 
als  unzureichend  und  überhaupt  unhaltbar. 

Wenn  die  beiden  Prämissen  für  das  Zustandekommen  eines 
Acardiacus  nach  Claudius  ausreichen,  warum  gehören  dann  die 
Acardiaci  zu  den  seltensten  Missbildungen? 

Die  verhängnissvolle  Anastomose  und  die  ungleich  kräftige 
Entwickelung  der  beiden  Embryonen  finden  sich  ja  in  der  Mehrzahl 
von  Zwillingseiern  vor. 

„Ausnahmslos  imd  leicht   demonstrirbar  besitzen    ZwiUings- 
placenten  mit   einfachem  Chorion  Anastomosen   zwischen   den   Ge- 
lassen der   beiden  Nabelstränge"    sagt   Hyrtl  in   seinem    Werke " 
über  die  Blutgefässe  der  menschlichen  Nachgeburt,  pag.  132. 

Auch  die  zweite  Prämisse  für  die  Umkehrung  des  Kreislaufes 
in  dem  einen  Fötus,  das  Prävaliren  der  Herzkraft  in  dem  anderen 
Fötus,  ist  bei  der  so  gewöhnlichen  Ungleichmässigkeit  der  Ent- 
wickelung von  Zwillingsfrüchten  in  den  meisten  Fällen  von  mehr- 
facher Schwangerschaft  gegeben. 

Wenn  diese  Bedingungen  wirklich  genügend  wären,  um  die 
perversen  Circulationsverhältnisse  eines  gesunden  Fötus  zu  verur- 
sachen und  denselben  zum  Acardiacus  zu  machen,  so  müsste  diese 
Gruppe  von  Missbildungen  viel  häufiger  zur  Beobachtung  kommen. 

Die  nach  Hyrtl  bei  einfachem  Chorion  constante  Anastomose 
müsste  ja  in  viel  häufigeren  Fällen  zu  dem  Ueberströmen  des 
Blutes  aus  den  Nabelgefässen  eines  stärkeren  Fötus  in  den  Kreis- 
lauf des  anderen  mit  dem  schwächeren  Herzen  fuhren,  und  die 
Entwickelung  des  letzteren  abnorm  gestalten. 

Um  diesen  Widerspruch  zu  klären,  müsste  sich  noch  irgend 
ein  Factor  finden  lassen,  der  entscheidend  dafür  wäre,  in  welchen 
Fällen  sich  unter  den  von  Claudius  angegebenen  Bedingungen 
die  eigenthümliche  Umkehrung  des  Kreislaufes  in  dem  eiiien  Zwillings- 
fötus einstelle  und  in  welchen  nicht. 


biläumsheft  zur  Feier  des  25jährigen  Stiftungsfestes  der  Gesellschaft  für  Ge- 
burtshilfe in  Leipzig  1879  und  „Die  Missbildungen  des  Menschen"  1880. 
*)  Lehrbuch  der  allg.  u.  spec.  path.  Anatomie  u.  Pathogenese  1881. 


Zur  Lehre  von  den  Acardiacis.  59 

Man  hat  deshalb  zunächst  zu  gründlichen  Untersuchungen 
der  früher  zum  Theil  vernachlässigten  Acardiacusplacenten  aufge- 
fordert. Offenbar  in  der  Erwartung,  zahlreichere  Beobachtungen 
solcher  Placenten  würden  endlich  das  Besultat  ergeben,  dass  die 
Anastomose  diesen  oder  jenen  bestimmten  Charakter  haben  müsse 
oder  noch  von  anderen  Anomalien  der  Umbilicalgefässe,  der  Nabel- 
schnurinsertionen  und  dergleichen  begleitet  sein  müsse,  welche  das 
Zustandekommen  der  Circulationsänderung  erleichtern. 

Wenn  man  aber  nun  die  bisher  vorliegenden  Untersuchungen 
solcher  Placenten  überblickt,  so  gelingt  es  nicht,  an  denselben 
etwas  allen  Gemeinschaftliches  aufzufinden,  was  als  begünstigender 
Nebenfactor  aufzufassen  wäre.  Der  einzige  constante  Befund  ist 
die  Anastomose. 

In  mehreren  Fällen  finden  sich  die  beiden  Nabelschnüre  noch 
vor  der  Insertion  an  der  Placenta  gabelig  fusionirt,  so  dass  direct 
eine  Arterie  des  einen  Nabelstranges  in  eine  des  anderen  einmündet, 
oder  durch  eine  ganz  kurze  und  weite  Anastomose  mit  derselben 
verbunden  ist  und  so  die  Bahn  für  eine  rückläufige  Blutbewegung 
mehr  disponirend  erscheint. 

Aber  eben  so  oft  wieder  finden  sich  die  Nabelstränge  mehr 
weniger  weit  von  einander  entfernt,  ja  selbst  an  ganz  entgegenge- 
setzten Punkten  der  Placentarperipherie  und  ihre  Gefasse  stehen 
dann  durch  eine  entsprechend  lange  bogenförmige  Anastomose  mit 
einander  in  Verbindung.  Placenten,  an  welchen  in  obigem  Sinne 
das  Ueberströmen  des  Blutes  weniger  begünstigt  erscheint,  als  z.  B. 
an  jener  „Zwillingsplacenta  mit  bogenförmigem  Uebergang  einer 
Arterie  aus  beiden  Strängen",  welche  Hyrtl  1.  c.  p.  136  schildert, 
und  welche  trotzdem  zwei  völlig  normalen  Früchten  angehörte. 

Ebenso  lassen  sich  hinsichtlich  der  häufigen  Singularität  der 
Nabelarterie  oder  der  auffälligen  Kürze  der  Nabelschnur  des  Acar- 
diacus  in  den  bekannten  untersuchten  Fällen  keine  übereinstim- 
menden Befunde  nachweisen.  Ganz  abgesehen  davon,  dass  diese 
Verhältnisse  viel  wahrscheinlicher  Folgen,  als  Ursachen  der  abnor- 
men Entwickelung  sind. 

Kurz  die  Befunde  an  den  bisher  untersuchten  Acardiacuspla- 
centen reichen  nicht  aus  zur  Beantwortung  der  Frage,  warum  nur 
in  so  wenigen  Fällen   von   Zwillingsschwangerschaft,   die  bei   ein- 


60  Breus. 

fächern  Chorion  stets  vorhandene  Anastomose1)  zum  Ueberströmen 
des  Blutes  in  den  schwächeren  Fötus  und  zur  Ueberwindung  und 
Unterdrückung  von  dessen  eigenem  Kreislauf  fuhrt. 

Claudius  •)  selbst  hat  daher  auch  schon  die  Einheit  des 
Capillarsystems  der  Acardiacusplacenta  betont  und  das  Zustande- 
kommen der  Anastomose  in  die  erste  Zeit  der  Anlage  der  Placenta 
verlegt,  in  die  Zeit,  wo  sich  die  Allantois  an  der  Innenfläche  des 
Chorion  ausbreitet,  und  hat  so  den  Gedanken  ausgesprochen,  den 
später  Ahlfeld  zu  einer  sehr  bestechenden  Hypothese  ausgeführt 
und  erweitert  hat. 

Ahlfeld8)  formulirt  die  Hypothese  von  der  Entstehung  der 
Acardiaci  folgendermassen : 

„Zwei  gesunde  Embryonen  entwickeln  sich  auf  einem  Dotter. 
Die  Allantois  des  einen  bildet  sich  um  einige  Stunden  eher  als 
die  des  anderen.  Sie  hat  bereits  die  Innenfläche  des  primären 
Chorions  erreicht  und  dasselbe  ganz  oder  zum  Theil  umwachsen, 
wenn  die  Allantois  des  zweiten  diesem  selben  Ziele  zustrebt.  Wenn 
eine  vollständige  periphere  Ausbreitung  der  ersten  Allantois  vor- 
handen, so  kann  unmöglich  die  zweite  Allantois  das  Chorion  er- 
reichen, sie  muss  sich  in  die  erste  Allantois  inseriren.  Blieb  hin- 
gegen noch  ein  Theil  des  Chorion  als  Ansatzstelle  für  die  zweite 
Allantois  frei,  so  kam  es  darauf  an,  ob  diese  Stelle  in  der  Gebär- 
mutter der  Decidua  vera  oder  der  Decidua  reflexa  entsprach.  Im 
letzteren  Falle  gelangt  die  zweite  Frucht  auch  nicht  in  Besitz  einer 
eigenen  Placenta,  sondern  muss  ebenfalls  die  benachbarte  Allantois 
zur  Insertion  ihrer  Gefässe  benützen.  Im  ersteren  Falle  acquirirt 
die  zweite  Frucht  einen  kleinen  Theil  der  Placenta*. 

Trifft  die  Allantois  des  zweiten  Fötus  nirgends  auf  das  Chorion, 
dann  stellt  derselbe  einen  Allantoisparasiten  dar. 

„Hat  sich  bei  der  Entwickelung  der  Allantois  B.  ein  Theil 
derselben  mit  der  Allantois  A.  verbunden,  während  ein  anderer 
das  Chorion  erreichte  und  mit  der  Decidua  vera  an   der  Bildung 

*)  Ahlfeld's  Behauptung,  dass  diese  Anastomosen  „in  der  Regel  nur 
capillärer  Natur44  seien,  steht  im  Widerspruche  mit  Hyrtl's  auf  verlässliche 
Injectionen  gestützten  Schilderungen. 

*)  1.  c.  p.  25. 

•)  Archiv  für  Gynäkologie  14.  Bd.  p.  326.  „Die  primären  Ursachen  des 
Acardiacus". 


Zar  Lehre  von  den  Acardiacis.  61 

der  Placenta  Theil  nahm,  so  könnte  die  eine  primitive  Aorta  von 
B.  eine  Anastomose  mit  der  Allantois  A.  eingehen,  während  die 
Verzweigungen  der  anderen  in  den  ihnen  zufallenden  Theilen  der 
Chorionzotten  stattfindet.  Es  würde  in  solchen  Fällen  darauf  an- 
kommen, ob  die  Allantoisplacenta  oder  die  Chorionplacenta  von 
grösserer  Bedeutung  für  die  Ernährung  des  Fötus  B.  würde.  Wenn 
auch  anfangs  vielleicht  beide  Kreisläufe  nebeneinander  bestehen 
könnten,  so  würde  doch  später  eine  Placenta  gegen  die  andere  zu- 
rücktreten müssen.  Entweder  der  Fötus  B.  ernährt  sich  durch  seine 
Chorionplacenta,  dann  wird  die  Allantoisplacenta  zu  einer  bedeu- 
tungslosen Anastomose;  oder  er  ernährt  sich  durch  die  Allantois  von 
A.,  dann  wird  er  ein  Allantoisparasit  und  die  Chorionplacenta 
atrophirt  und  verfettet".  Diese  Form  nennt  Ahlfeld  secundären 
Allantoisparasiten . 

„Wenn  endlich  die  Allantois  von  B.  einen  genügenden  Theil 
der  Placenta  für  sich  erlangen  kann,  so  entsteht  die  gewöhnliche 
Form  der  gemeinschaftlichen  Placenta  eineiiger  Zwillinge.  In  der 
Hegel  sind  die  Anastomosen  nur  capillärer  Natur.  Sollten  aber  auch 
grössere  arterielle  Anastomosen  sich  bilden,  so  hat  dies  auf  die 
Ernährung  des  Fötus  keinen  wesentlichen  Einfluss  mehr.  B.  wird 
nicht  zum  Acardiacus". 

Durch  diese  Auseinandersetzung  bleibt  aber  die  Hauptfrage 
noch  durchaus  unerklärt. 

Warum  soll  der  Zwillingsfötus,  der  wegen  der  verspäteten 
Entfaltung  seiner  Allantois  nicht  zu  einem  selbstständigen  Capillar- 
gebiete  in  der  gemeinschaftlichen  Placenta  gelangen  konnte,  nicht 
die  ihm  vermöge  der  vorhandenen  Anastomosen  ja  ohne  jedes  Hin- 
derniss  zur  Verfügung  stehenden  Capillaren  entsprechend  der  Strom- 
richtung seines  eigenen  Blutes  ausnützen  und  sich  so  ungestört 
weiter  entwickeln  statt  zum  Acardiacus  zu  werden? 

Das  Blut  des  sogenannten  Allantoisparasiten  könnte  ja  nach 
der  Richtung  des  geringsten  Widerstandes  durch  die  Anastomose 
in  die  Placentargefässe  des  anderen  Fötus  übertreten  und  nach 
zurückgelegter  Placentarbahn  durch  die  Venenanastomose  wieder 
zu  correcter  Circulation  in  den  Allantoisparasiten  zurückkehren  und 
dessen  Entwickelung  und  Ernährung  könnte  in  völlig  normaler 
Weise  vor  sich  gehen. 

Natürlicher  und  näherliegend  wäre  dieser  Vorgang  gewiss. 


62  Breus. 

Warum  diese  glatte  Bahn  nicht  ausgenützt  werden  soll,  son- 
dern das  Blut  aus  den  Gefassen  des  sogenannten  Autositen  durch 
die  Anastomose  allen  Hindernissen  entgegen  wider  den  Blutstrom 
des  sogenannten  AUantoisparasiten  andringen  und  diesen  überwinden 
soll,  dies  ist  der  schwache  Punkt  der  bisherigen  Auffassung.  Und 
diesen  beseitigt  Ahlfeld  ebenso  wenig  wie  Claudius. 

Die  Ahlfeld'sche  Hypothese  sucht  nur  das  Zustandekommen 
der  eigentümlichen  placentaren  Gefässverhältnisse  der  Acardiaci  zu 
erklären.  Aber  warum  das  Blut  in  diesen  Bahnen  dann  gerade  so 
contra  normam  kreist,  das  erklärt  auch  sie  nicht. 

Die  natürliche  Folge  derartiger  Placentarverhältnisse  wäre, 
dass  die  Anastomosen  das  einzige  Capillarsystem  zu  einem  gemein- 
schaftlichen machten  und,  wie  es  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  thatsäch- 
lich  geschieht,  eine  ungestörte  Entwickelung  beider  Früchte  auf  der 
einzigen  Placenta  gestatteten. 

Nach  Claudius1  und  nach  Ahlfeld's  Theorie  ist  es  also  nicht 
klar,  warum  in  einzelnen  Fällen  in  einem  Zwillingsei  jene  eigen- 
tümliche Girculationsänderung  entstehen  soll,  und  warum  in  ande- 
ren dieselben  anatomischen  Verhältnisse  keine  Störung  in  der  Blut- 
strömung des  einen  Embryo  verursachen. 

Aber  es  stehen  dieser  Hypothese  auch  noch  andere  schwerere 
Bedenken  entgegen. 

Der  Widerstand,  welcher  dem  so  leichthin  supponirten  Ueber- 
strömen  des  Blutes  aus  dem  Ereislaufe  des  einen  Fötus  in  die 
Gefässe  des  anderen  entgegensteht,  scheint  sehr  unterschätzt  worden 
zu  sein. 

Denn  bei  der  nur  „um  einige  Stunden"  verzögerten  Entwicke- 
lung des  zweiten  Fötus  kann  die  Differenz  in  der  Herzkraft  der 
beiden  keine  so  grosse  sein,  dass  der  Blutstrom  aus  der  Umbilical- 
arterie  des  entwickelteren  Fötus  ohne  weiteres  die  Blutwelle  des 
schwächeren  rückläufig  machen  könnte. 

Selbst  bei  grösserem  Unterschiede  in  der  Kraft  der  beiden 
Herzen  sind  die  Hindernisse,  die  das  stärkere  Herz  zu  überwinden 
hat,  so  grosse,  dass  der  Vorgang  kaum  als  möglich  gedacht 
werden  kann. 

Die  Ueberwindung  des  einen  Kreislaufes  durch  den  anderen 
zeigt  sich  bei  genauer  Ueberlegung  immer  mehr  als  eine  physiolo- 
gische Unbegreiflichkeit. 


Zur  Lehre  von  den  Acardiacis.  63 

Claudius ')  selbst  sagt,  nachdem  er  sich  bemüht  das  Zu- 
sammenstossen  der  beiden  Blutsäulen  zu  schildern  und  die  nun 
spielenden  Interferenz  Wirkungen  zu  erklären:  „es  sind  das  hämato- 
dynamische  Verhältnisse,  wie  sie  wohl  im  ganzen  Reich  der  thie- 
rischen  Natur  schwerlich  ihresgleichen  haben u. 

Selbst  in  das  Mikroskopische  der  embryonalen  Circulations- 
verhältnisse  übersetzt  bleibt  der  Verlauf  des  Zusammenstossens 
der  beiden  Blutwellen,  wie  ihn  Claudius  darstellt,  unglaublich. 
Sine  gänzliche  Pertubation  des  Kreislaufes  durch  Hämorrhagie, 
Gerinnungen  und  Embolien,  welche  den  zarten  embryonalen  Orga- 
nismus total  zerstören  würden,  ein  hämorrhagisches  Chaos  müsste 
die  Folge  sein. 

Aber  dass  sich  mit  mathematischer  Buhe  die  Besultirende 
einer  geordneten  Umkehrung  des  einen  Blutstromes,  die  dann  das 
besiegte  Herz  zum  Stillstande  bringt,  ergeben  sollte,  das  ist  schon 
deshalb  unmöglich,  weil  das  Blut  keine  so  indifferente  Flüssigkeit, 


f)  1.  c.  p.  88.  „Findet  bei  gleicher  Gefässstructur  in  beiden  Herzen  in 
demselben  Augenblicke  eine  Systole  mit  gleicher  Kraft  statt,  so  müssen  die 
beiden  Blutwellen  in  der  Mitte  des  Weges  zusammentreffen,  hier  eine  Inter- 
ferenzwelle bilden  und  dann  in  der  früheren  Bichtung  unverändert  fortschrei- 
ten. Geschieht  eine  der  beiden  Systolen  nur  mit  der  Hälfte  der  Kraft,  womit 
sich  das  andere  Herz  zusammenzieht,  so  erlischt  die  erstere  WeUe  in  dem 
Interferenzpunkt  und  die  andere  schreitet  mit  der  halben  Pulshöhe  fort. 
Während  der  kurzen  Zeit  eines  solchen  Kampfes  trifft  nun  die  Systole  des 
einen  Herzens  in  tausendfachem  Wechsel  mit  aUen  Zeitpunkten,  die  zwischen 
zwei  Systolen  des  anderen  Herzens  liegen,  zusammen,  und  wenn  alle  Verhält- 
nisse gleich  wären,  so  müssten  beide  Herzen,  die  sich  beständig  einander  ent- 
gegen arbeiten,  endlich  vor  Kraft  erschöpf ung  stille  stehen. 

Dieses  ist  aber  wohl  nie  der  Fall;  einmal  ist  der  eine  von  zwei  Fötus 
gewöhnlich  etwas  weniger  gut  entwickelt  und  zweitens  wird  meist  der  Zufall 
in  dem  Zusammentreffen  der  Blutwellen  dem  einen  eine  grössere  Kraftäusse- 
rung  auf  das  Herz  des  anderen  gestatten.  Sobald  aber  das  eine  Herz  sich  mit 
geringerer  Energie  contrahirt,  als  das  andere,  ist  es  im  entschiedenen  Nach- 
theil, es  hemmt  das  andere  Herz  weniger  und  wird  direct  viel  stärker  gehemmt. 

Obgleich  die  Pulswelle,  welche  aus  dem  Herzen  der  gesunden  Frucht 
durch  die  Nabelarterie  des  späteren  Acardiacus  eintritt  in  der  weiteren  Aorta 
viel  von  ihrer  Kraft  verliert,  so  wird  sie  doch  die  aus  dem  Herzen  des  letzte- 
ren ihr  entgegenkommende  schwächere  hemmen  oder  bei  einem  Kraft über- 
schuss  sich  durch  sie  hindurch  aufwärts  fortpflanzen.  Das  Endresultat  muss  ein 
Stillstand  des  einen  Herzens  sein". 


64  Breus. 

wie  etwa  Wasser  ist,  und  derartige  Interferenzen  sich  im  Blute 
nicht  abspielen  können,  ohne  dass  Fibrinausscheidungen  entstehen, 
welche  wir  überall  auftreten  sehen,  wo  im  Blutstrom  Störungen 
erfolgen,  wie  z.  B.  in  Aneurysmen  oder  bei  Klappenfehlern. 

Hydrodynamische  Verhältnisse  lassen  sich  nicht  so  ohne  wei- 
teres auf  die  Blutflüssigkeit  übertragen. 

Ebenso  wenig  glaubwürdig  ist  die  gezwungene  Erklärung, 
welche  Claudius  von  dem  Schicksale  des  überwundenen  Herzens 
gibt,  was  er  übrigens  nach  seinen  Worten,  dass  wir  uns  nicht  leicht 
einen  deutlichen  Begriff  vom  Torgange  beim  Tode  des  Herzens 
machen  können,  selbst  fühlt. 

Auf  diese  perverse  Circulation,  deren  Zustandekommen  also 
weder  Claudius  noch  Ah  1  fei d  befriedigend  zu  erklären  vermögen, 
werden  nun  die  eigentümlichen  grossartigen  Defecte,  welche  diese 
Missbildungen  zeigen,  zurückgeführt. 

Und  darin  liegt  das  Verfehlte  der  ganzen  Hypothese. 

Die  perverse  Circulation  kann  nicht  das  Primäre,  kann  nicht 
die  Ursache  der  Missbildungen  und  Defecte  eines  Acardiacus  sein, 
sondern  im  Gegentheile  nur  das  Secundäre,  sie  kann  nur  eine  Folge 
derselben  sein. 

In  einen  gesunden,  normal  angelegten  Embryo  wird  nie  das 
Blut  des  Zwillingsbruders  in  der  Weise,  wie  Claudius  es  uns 
darstellen  will,  eindringen  können. 

Wenn  aber  der  eine  Embryo  schon  in  seiner  ersten  Entwicke- 
lung  defect  war,  so  dass  neben  anderen  Defecten  sich  auch  das 
Herz  in  einer  leistungsunfähigen  Weise  oder  gar  nicht  entwickelte, 
dann  steht  dem  Ueberströmen  des  Blutes  aus  dem  Kreislaufe  des 
gesunden  Embryo  in  den  des  abnorm  entwickelten  nichts  mehr  im 
Wege.  Aber  statt  der  Invplution  zu  verfallen,  in  Folge  seiner 
defecten  Entwickelung  abzusterben  und  zu  degeneriren,  kann  sich 
vermöge  dieser  vicarirenden  Circulation  auch  der  hochgradigst 
verstümmelte  einer  selbstständigen  Fortentwickelung  ganz  unfähige 
Embryo  bis  an  das  Ende  der  Schwangerschaft  weiter  entwickeln  und 
dann  als  Acardiacus  neben  dem  gesunden  Fötus,  dem  er  seine  bis- 
herige Erhaltung  aber  nicht  seine  Defecte  dankt,   geboren  werden. 

Ein  missbildeter  Embryo,  der  in  Fplge  seiner  Defecte  abstirbt, 
das  heisst  seine  selbstständige  Entwickelung  sistirt,  kann  so  Dank 
der  anastomotischen  Verbindung   mit  einem  gesunden  Zwillings- 


Zur  Lehre  von  den  Acardiacis.  65 

embryo  in  dessen  Kreislauf  eingeschaltet  werden  und  sanguine 
alieno  fortleben. 

Seine  Gewebe  werden  dann,  durch  die  Circulation  des  anderen 
Fötus  ernährt,  fortwachsen  und  sich  so  zu  dem  befremdenden 
Monstrum  eines  Acardiacus  ausbilden. 

Wenn  das  Herz  des  einen  Fötus  gar  nicht  functionirt,  weil 
es  entweder  nicht  vorhanden  oder  zu  defect  entwickelt  oder  der 
Fötus  abgestorben  ist,  nur  dann  findet  die  Blutwelle  des  gesun- 
den Embryo  keine  Hindernisse  mehr  oder  wenigstens  so  geringe, 
dass  sie  bei  vorhandener  Anastomose  den  verunglückten  Embryo 
durchströmen  kann;  aber  so  lange  das  Blut  in  demselben  noch 
durch  die  eigene  Herzkraft  getrieben  strömt,  diese  letztere  über- 
winden und  unterdrücken,  das  vermag  sie  nicht. 

Diese  erneute  Circulation,  die  an  Stelle  der  erloschenen  tritt, 
ist  natürlich  nur  in  verkehrter  Richtung  denkbar.  Dieser  Umstand 
ist  aber  unwesentlich  und  hat  gewiss  nicht  die  Tragweite,  die  man 
ihm  zugeschrieben;  höchstens  die  geringfügigeren  Verunstaltungen 
eines  Acardiacus  können  durch  ihn  verursacht  sein. 

Alle  Schwierigkeiten  der  Claudius'schen  Speculation  rühren 
nur  daher,  dass  er  den  verkehrten  Kreislauf  in  einem  gesunden 
Embryo  entstehen  lassen  und  auf  ihn  die  defecte  Entwickelung  des 
späteren  Acardiacus  zurückfuhren  wollte. 

Diesen  Cardinalfehler,  an  welchem  die  Claudius'sche  Hypo- 
these scheitert,  hat  aber  Ahlfeld  beibehalten,  als  er  1879  eine 
Revision  derselben  vornahm  und  sie  modificirte. 

Schon  früher  aber  hatten  die  Arbeiten  DaresteV),  PanumV) 
und  die  Darstellungen  Perls,s)  entschiedenen  Widerspruch  erhoben 

')  Dareste,  Recherches  sur  la  production  artificielle  des  monstruo- 
ritfs.  1877. 

*)  Panum,  Beiträge  zur  Kenntniss  der  physiologischen  Bedeutung  der 
angeborenen  Missbildungen.  Virchow's  Archiv,  72.  Bd.  1878. 

*)  Perls,  Lehrbuch  der  allgemeinen  Aetiologie  und  der  Missbildun- 
gen. 1879. 

Diese  Arbeiten  citirt  Ahlfeld  selbst  bei  einer  anderen  Gelegenheit  in 
seinem  Werke  über  die  Missbildungen  des  Menschen  (1880).  Aber  die  in  den- 
selben entwickelten  Anschauungen  über  die  Acardiacusbildung,  welche  der 
Theorie,  die  Ahlfeld  revidiren  wollte,  geradezu  die  Grundlage  entziehen, 
finden  sich  bei  ihm  sonderbarer  Weise  nirgends  berücksichtigt,  ja  nicht 
einmal  in  den  historischen  Bemerkungen  zu  dieser  Frage  erwähnt. 

Med.  Jahrbücher.  1882.  5 


66  Breus. 

gegen  die  Auffassung  von  Claudius,  dass  die  eigentümliche  Cir- 
culation  in  den  herzlosen  Missgeburten  die  Ursache  der  Missbil- 
dung sei. 

Dareste  ist  es  nämlich  gelungen,  auf  experimentellem  Wege 
in  Vogeleiern  Missbildungen  zu  erzeugen  und  diese  dann  in  den 
verschiedenen  Stadien  ihrer  Entwickelung  zu  untersuchen.  So  fand 
er  auch  in  einfachen  Eiern,  welche  keine  Zwillinge,  sondern  nur 
einen  einzigen  Embryo  enthielten,  diesen  so  missbildet  und  dieselben 
Defecte  zeigend,  welche  als  charakteristisch  für  die  Gruppe  der 
Acardiaci  gelten. 

Die  Missbildung  war  also  entstanden,  ohne  dass  einer  der 
Claudius' sehen  Factoren  für  die  Aetiologie  verantwortlich  gemacht 
werden  könnte.  Derartige  missbildete  Embryonen  müssen  aber  wegen 
der  Grösse  ihrer  Defecte  ihre  Entwickelung  bald  sistiren,  wenn  sie 
isolirt  in  einem  Eie  entstanden,  nur  in  Zwillingseiern  können  sie 
sich  durch  jene  auxiliäre  Circulation  zum  reifen  Acardiacus  fortent- 
wickeln. 

L'absence  du  coeur  a  donc  pour  rösultat  d'  arr§ter  k  un  certain 
moment  1'  evolution  de  Tembryon,  et  d' amener  rapidement  sa  mort, 
k  moins  qu'elle  ne  soit  compensee  pas  Tintervention  d'une  condi- 
tion  physiologique  particuliöre,  la  gemellite. 

Or  il  resulte  de  mes  recherches  que  si  la  gemellite  joue  un 
grand  röle  dans  Texistence  des  monstres  omphalosites  k  une  cer- 
taine  epoque  de  leur  vie,  eile  est  entifcrement  etrangfere  ä  leur  origine. 
Les  monstres  omphalosites  peuvent  se  constituer  isolement,  comme 
les  monstres  autosites;  mais  ils  ne  peuvent  continuer  k  vivre  que 
dans  le  cas  de  la  gemellite. 

Mit  diesen  Worten  präcisirt  Dareste  (1.  c.  p.  312  u.  p.  316) 
seine  Anschauung. 

In  analogem  Sinne  spricht  sich  auch  Panum  aus,  dass  „die 
Umkehrung  des  Kreislaufes  weniger  bedeutungsvoll,  als  man 
a  priori  erwarten  könnte,  und  dieselbe  offenbar  nicht  der  wesent- 
liche Grund  der  bedeutenden  und  umfassenden  Bildungsfehler  sein 
kann,  welche  oft  und  gewöhnlich  bei  den  Acephalis  acardiacis  auch 
in  anderen  Theilen  des  Körpers  gefunden  werden".  Auch  er  beruft 
sich  auf  experimentelle  Erfahrungen1). 

*)  1.  c.  p.    „Meine  Untersuchungen   über   die  Entstehung   der  Missbil- 
dungen  zunächst  in  den  Eiern  der  Vögel  haben  mir  gezeigt,   dass  diejenigen 


Zur  Lehre  von  den  Acardiacis.  67 

Perl 8  bezeichnet  die  Claudius' sehe  Lehre  als  eine  minde- 
stens sehr  zweifelhafte  Hypothese,  erwähnt  Dareste's  undPanum's 
Untersuchungen  und  weist  auf  jene  Fälle  in  der  Literatur  hin, 
wo  sich  Acardiaci  bei  ganz  getrennten  Placenten  gefunden  haben 
sollen. 

Ein  Einwand,  dem  gegenüber  Claudius'und  Ahlfeld's  Theorie 
nicht  Stand  halten  können,  der  aber  mit  der  anderen  Auffassung 
sich  wohl  vereinbaren  lässt. 

Die  vicarirende  Circulation  in  einem  ganz  missbildeten  Em- 
bryo muss  ja  nicht  in  allen  Fällen  gerade  durch  die  Communication 
der  Umbilicalgefässe  der  beiden  Embryonen  vermittelt  werden, 
sondern  kann  ja  ausnahmsweise  auf  eine  minder  einfache  Art  zu 
Stande  kommen,  wie  z.  B.  der  bekannte  Fall  von  Epiprnathusbil- 
dung  von  Baart  de  la  Faille1)  zeigt.  In  diesem  Falle  fanden 
sich  nämlich  zwei  viermonatliche  Acephali  mittelst  eines  gabeli- 
gen Nabelstranges  an  der  Schädelbasis  einer  normalen  fünfmonat- 
lichen Frucht  neben  einem  sogenannten  Epignathus  inserirt.  Die 
Ernährung  der  beiden  Acephali  erfolgte  von   den    vasis    sphenopa- 


Missbildungen,  bei  welchen  eine  Umgestaltung  der  ganzen  Körperform  oder 
eine  Molenbildung  vorhanden  ist,  in  der  allerersten  Periode  der  Entwickelung 
durch  Erkrankung  (Entzündung)  der  Anlage  des  Embryos  entstehen,  und  dass 
man  durch  Abkühlung  und  andere  äussere  Schädlichkeiten,  welche  das  Ei 
wahrend  der  drei  ersten  Tage  der  Bebrütung  treffen,  in  der  Regel  solche  Mo- 
lenbildung oder  Zerstörung  der  ganzen  Körperform  hervorbringt,  während 
dieselbe  Ursache  auf  einem  späteren  Stadium  mehr  localisirte  Bildungs- 
fehler der  gerade  in  ihrer  ersten  Ausbildung  befindlichen  Organe  bewirkt. 
Ich  habe  demnächst  auch  beim  Menschen  den  in  den  Vogeleiern  beobachteten 
ganz  ähnliche  Molenbildungen  beschrieben  und  abgebildet,  welche  in  Abortiv- 
eiern gefunden  waren.  —  Solche  Molen  werden  begreiflicherweise,  wenn  sie 
allein  im  Uterus  vorhanden  sind,  schon  früh  absterben  und  abortiv  zu  Grunde 
gehen  und  ausgestossen  werden,  weil  die  Herzthätigkeit  und  Blutbereitung 
in  einem  so  ganz  missgestaltetcn  und  verkrüppelten  Embryo  ohne  Zweifel 
sehr  bald  zur  Ernährung  desselben  ungenügend  werden  muss. 

Ganz  anders  gestalten  sich  aber  die  Verhältnisse,  wenn  in  einer  solchen 
Mola  durch  Vermittlung  eines  gesunden,  gleichzeitig  im  Uterus  entwickelten 
Zwillings,  ein  Kreislauf  des  brüderlichen  Blutes  unterhalten  werden  kann. 
In  solchem  Falle  kann  selbst  nach  sehr  umfangreichen  Zerstörungen  und 
Defecten  ein  ganz  verkrüppelter  Rest  eines  Embryo  im  Uterus  noch  bis  zur 
normalen  Zeit  der  Geburt  hin  entwickelt  werden. 

*)  Jets  over  den  Epignathus.  Groningen  1874. 

5* 


68  Breus. 

latinis  aus.  Jene  von  Perls  citirten  Fälle  lassen  sich  nur  erklären, 
wenn  man  annimmt,  dass  die  Umbilicalgefasse  der  Acardiaci  mit 
den  Uterusgefassen  in  anastomotische    Verbindung   gerathen   seien. 

Die  Definition  der  Acardiaci  wird  demnach  nun  so  zu  modi- 
ficiren  sein:  Acardiaci  sind  durch  frühzeitige  Störung 
ihrer  embryonalen  Entwickelung  so  hochgradig  defecte 
Früchte,  dass  sie  einer  selbstständigen  Circulation  und 
intrauterinen  Ernährung  gar  nicht  fähig  waren,  die  aber 
trotzdem  sich  noch  weiter  entwickelten  und  fortwuchsen, 
weil  eine  supplirende  Circulation  ihre  Gewebe  lebend  und 
wachsend  erhielt.  Sie  finden  sich  meist  in  Zwillingseiern 
neben  einem  normalen  Fötus,  da  unter  diesen  Verhält- 
nissen durch  Anastomose  der  Umbilicalgefasse  der  beiden 
Früchte  am  leichtesten  die  vicarirende  Circulation  zu 
Stande  kommt,  die  aber  auch  auf  complicirtere  Weise  in 
natürlich  selteneren  Fällen  eintreten  kann. 

Da  das  Fehlen  des  Herzens  aber  keine  so  constante  Erschei- 
nung bei  dieser  Gruppe  von  Missbildungen  ist,  wie  man  früher  glaubte, 
so  wird  man  vielleicht  besser  die  Bezeichnung,  welche  Dareste 
für  sie  gebraucht,  acceptiren  und  sie  Omphalositen  nennen. 

Nach  dieser  Auffassung  ist  es  auch  begreiflich,  warum  diese 
Missbildungen  so  inconstant,  nicht  nur  in  ihrer  äusseren  Erschei- 
nung, sondern  auch  in  ihrem  anatomischen  Bau  und  in  ihren 
inneren  Defecten  sind.  Sie  haben  eben  keine  gemeinsame  Aetio- 
logie,  sondern  können  aus  den  verschiedensten  Störungen  der  ersten 
embryonalen  Anlage  hervorgehen,  wenn  diese  nur  so  hochgradig 
sind,  dass  sie  die  selbstständige  Fortentwickelung  des  Embryo 
sistiren  müssen. 

Dass  nur  sehr  frühzeitig  verunglückte  Embryonen  auf  diese 
Weise  als  Acardiaci  ihr  intrauterines  Leben  fortsetzen  können, 
während  Früchte,  die  erst  in  einem  späteren  Stadium  der  Entwicke- 
lung zu  Grunde  gehen,  der  Maceration  verfallen  oder  Fötus  papy- 
racei  werden,  ist  klar.  In  einem  späteren  Stadium  ist  der  obsolete 
Embryo  eben  schon  zu  voluminös  und  sein  Organismus  zu  compli— 
cirt,  als  dass  jetzt  noch  eine  vicarirende  Circulation  eintreten  und 
seine  Gewebe  erhalten  könnte.. 

Das  Studium  der  Missbildungen  dieser  Kategorie  wird   dem— 
nach  nicht  so  sehr  auf  die  Injection  ihrer  Gefässe  und  Placenten  ge— 


Zur  Lehre  von  den  Acardiacis.  69 

richtet  sein  müssen,  wie  man  bisher  vorschlug.  Vielmehr  wird  man 
suchen  müssen  aus  dem  Zerrbild  des  Acardiacus  durch  Analyso  der 
Defecte  desselben  das  Bild  des  Embryo  zu  reconstruiron,  wie  er 
zur  Zeit  der  Sistirung  seiner  selbstständigen  Entwickelung  ausge- 
sehen haben  musste,  um  so  zu  ermitteln,  welcher  Art  die  Störung 
war,  die  ihn  befallen  und  welche  Partien  der  embryonalen  Anlage 
die  zunächst  betroffenen  waren. 

Zum  Schlüsse  erlaube  ich  mir  noch  die  Schilderung  einer 
sehr  interessanten  Missbildung  dieser  Gruppe  anzufügen,  welche 
im  Sommer  v.  J.  an  der  3.  geburtshilflichen  Klinik  geboren  wurde. 

Nachdem  unter  normalen  Verhältnissen  die  Geburt  eines  800  Grm. 
schweren,  wohlentwickelten  Mädchens  erfolgt  war,  wurde  fünf  Stunden 
später  eine  weibliche  Missbildung  in  Fusslage  todt  geboren. 

Die  genaue  Untersuchung  der  die  Zeichen  beginnender  Maceration 
tragenden,  erst  vor  Kurzem  abgestorbenen  Missbildung  und  der  Placenta 
ergab,  dass  es  sich  um  einen  Acardiacus  handle,  obwohl  die  für  einen 
Acardiacus  relativ  weit  gediehene  Entwickelung  der  äusseren  Leibes- 
form  der  Missbildung  nicht  sofort  an  Acardiacio  denken  machte.  Der 
Acardiacus  war  34  Ctm.  lang  und  1500  Grm.  schwer  und  zeigt«*  mit 
Ausnahme  des  verunstalteten  Kopfes  nur  durch  ein  hochgradiges  Oedem 
der  Haut  und  des  hypertrophirten  subcutanen  Bindegewebes  entstellte 
Körperformen. 

Sonst  war  äusserlich  der  Körper  ausser  dem  Defecte  einer  Zehe 
an  jedem  Fusse  vollkommen  gut  und  correct  entwickelt,  nur  der  Kopf 
stellte  einen  unförmlichen  Klumpen  ohne  ein  ausgebildetes  Gesicht  dar. 

Vom  sehr  hoch  inserirten  Nabel  nach  aufwärts  nahm  das  Oedem 
und  die  Bindegewebshypertrophie  immer  mehr  zu,  so  dass  die  Dimen- 
sionen der  oberen  Körperhälfte  sich  gegen  den  Kopf  zu  immer  mehr 
steigerten  und  der  unförmliche  durch  bis  faustgrosse  Cysten  des  sub- 
cutanen Bindegewebes  entstellte  Kopf  ohne  einen  deutlichen  Hals  in 
den  Bumpf  überging.  Ueber  einer  der  Cysten  am  Hinterhaupte  eine 
breite  S-förmige  Narbe. 

An  beiden  Seiten  des  Kopfklumpens  fanden  sich  seichte  grubige 
Einziehungen  mit  unregelmässig  geformten  Hautlappen  offenbar  dem 
äusseren  Ohre  entsprechend,  obwohl  ein  Gehörgang  sich  von  keiner 
derselben  aus  nachweisen  liess. 

An  der  vorderen  Fläche  eine  tiefe  viereckige  Oeffnung,  deren 
unterer  Rand  von  der  gut  ausgebildeten  Unterlippe,  die  Seitenränder 
von  den  Hälften  der  2  Ctm.  weit  gespaltenen  und  nahezu  vertical  ge- 
stellten Oberlippe  gebildet  wurden. 

Der  obere  Rand  trug  in  der  Mitte  einen  i/2  Ctm.  hohen  rüssel- 
förmigen  Fortsatz  und  ging  nach  rechts  zu  in  die  Haut  einer  leeren 
Lidspalte  über. 


70  Br'cus. 

Oberhalb  der  linken  Ecke  dieser  der  Mundhöhle  entsprechenden 
Grube  ein  zweiter  russeiförmiger  Hautlappen,  (1  Ctm.  hoch)  zu  dessen 
linker  Seite  eine  faltige  Grube  (offener  Thränengang  und  Nasenhöhle) 
war,  an  die  nach  links  hin  die  dreieckige,  klaffende,  gleich  der  rechten 
mit  Wimperhaaren  besetzte  Lidspalte  mit  leerem  Conjunctivalsacke 
sich  anschloss.  Von  jeder  Lidspalte  liess  sich  bis  zu  den  Rudimenten 
des  äusseren  Ohres  eine  narbige  Furche  verfolgen  (Verwach snngsspur 
der  Kiemenbögen).  In  der  Mundhöhle  eine  wohlgebildete  proportionirte 
Zunge.  Nach  rückwärts  die  Epiglottis  sichtbar.  Vom  Palatum  molle 
beiderseits  nur  ein  kleines  warzenähnliches  Gebilde  an  der  seitlichen 
Pharynxwand  vorhanden.  An  Stelle  des  harten  Gaumens  eine  2  Ctm. 
breite  Spalte,  welche  bis  an  die  Schädelbasis  reicht. 

Bei  genauerer  Präparation  zeigte  sich,  dass  der  Pharynx  nur 
2  Ctm.  lang  nach  abwärts  reichte  und  blind  endigte.  Der  Oesophagus 
fehlte  vollständig.  Vom  Pharynx  aus  war  leicht  der  Larynx  und  die 
Trachea  zu  sondiren,  welche  etwas  tiefer  als  der  Pharynx  herabreichend 
ebenfalls  blind  und  ohne  sich  zu  theilen  endigte.  In  der  Wandung 
derselben  deutlich  kleine  unregelmässig  geformte  Knorpelplättchen  dar- 
stellbar. Thyreoidea  unregelmässig  gestaltet,  erbsengross. 

Sternum  als  eine  starke  dreieckige  Knorpelplatte  (von  1  Ctm. 
Seitenlänge)  vorhanden,  mit  welcher  die  Rippenknorpel  innig  verbunden 
waren.  Thorax  flach,  klein,  schmal  und  seitlich  eingesunken,  ausge- 
füllt durch  stark  ödematöses,  derbes  Bindegewebe,  in  welchem  keinerlei 
Organandeutungen  darstellbar  waren,  und  welches  nur  von  mächtigen 
Venen  und  der  Aorta  durchzogeu  war.  Herz  und  Lungen  fehlten  voll- 
ständig. Diaphragma  nur  bindegewebig,  nicht  isolirt  darstellbar.  Die 
Bindegewebsmassen,  die  den  Thorax  ausfüllten,  schlössen  nach  oben  zu 
die  Bauchhöhle  ab.  Bauchhöhle  von  Peritonäum  aus  gekleidet.  Das 
rechte  Hypochondrium  leer.  Leber  vollständig  fehlend.  Im  linken  Hy- 
pochondrium  eine  1  Ctm.  lange,  i/2  Ctm.  breite  Milz  und  eine  halb  so 
grosse,  dicht  unter  derselben  liegende  Nebenmilz. 

Der  Dünndarm  blind  vor  der  Wirbelsäule  im  oberen  Bauchraum 
beginnend,  stellt  einen  70  Ctm.  langen,  zusammengezogenen,  mit  gelbem 
Schleim  erfüllten,  in  reichliche  Schlingen  gewundenen  Schlauch  dar, 
der  an  einem  proportionalen  Mesenterium  befestigt  ist.  10  Ctm.  vor 
dem  Uebergang  in  das  Colon,  gegenüber  der  Mesenterialinsertion  ein 
5  Mm.  langes  Divertikel  von  dem  Dünndarme  gleichem  Caliber.  Der 
20  Ctm.  lange  Dickdarm  schliesst  sich  in  der  rechten  Fossa  iliaca  an 
den  Dünndarm  an,  besteht  aus  Coecum,  (mit  einem  langen  Processus 
vermicularis)  Colon  ascendens,  transversum  und  descendens  und  dem 
Rectum,  welches  am  After  mündet.  Der  Magen  fand  sich  als  eine  runde, 
vollkommen  abgeschlossene  dickwandige  Cyste,  welche  vor  der  Wirbel- 
säule unterhalb  des  Diaphragmas  lag  und  durch  Mesenterialfalten  mit 
der  Wirbelsäule  und  den  Milzen  verbunden  war.  Er  enthielt  dicken 
graulichen  Schleim  und  hatte  eine  gut  entwickelte  Muskelschichte.  Mit 
dem  Darmrohr  stand  er  in  keiner  Verbindung. 


Zur  Lehre  von  den  Acardiacis.  71 

Vor  dor  Lendenwirbelsäule  eine  über  haselnussgrosse,  lappige, 
fusionirte  Niere  mit  zwei  bis  in  die  Blase  sondirbaron  Ureteren.  Neben- 
nieren nicht  darstellbar.  Harnblase  klein,  geht  in  eine  in  die  Vulva 
mündende  Urethra  über.  Vagina  fohlt,  Uterus,  Tuben  und  Ovarien 
vorhanden. 

Das  Knochen  System  war  sehr  gut  entwickelt,  die  Eippen  und 
Wirbel  vollzählig,  Clavicula  auffällig  breit  und  flach.  Schädel  propor- 
tionirt  gebildet,  starke  Schädelknochon.  In  der  Schädelbasis,  entspre- 
chend dem  fehlenden  Siebbein  und  Keilbein,  ein  unregelmässig  geformter 
Defect,  welcher  durch  eine  fibröse  Membran  abgeschlossen  war. 

Das  Gehirn  füllte  die  Schädelhöhle  vollkommen  aus,  konnte  nicht 
weiter  untersucht  werden,  da  es  (die  Frucht  war  leicht  macerirt)  zer- 
fliessend  weich  war. 

Das  Gefässsystem  bestand  bei  vollständigem  Mangel  des  Herzens 
ans  einer  mächtigen  Vene  und  einer  etwas  schwächeren  Arterie,  welche 
an  der  Lendenwirbelsäule  sich  aus  den  Vasis  iliacis  bildeten  und  der 
Wirbelsäule  entlang  (die  Vene  rechts,  die  Arterie  links)  bis  zur  oberen 
Brustapertur  hinaufzogen  und  dort,  ohne  vorher  ein  Herz  zu  passiren, 
sich  nach  dem  Kopf  und  den  oberen  Extremitäten  zu  ramificirten,  und 
auch  während  des  Verlaufes  durch  die  Rumpfhöhle  zahlreiche  Aeste 
abgaben  (vide  Abbildung). 

Die  Placenta  war  voluminös,  eine  Scheibe  von  20  Ctm.  Durch- 
messer und  bis  3  Ctm.  Dicke,  hatte  ein  einfaches  Chorion  und  dop- 
peltes Amnion.  In  dem  Septum,  welches  so  die  beiden  Amnion  inner- 
halb des  Chorionsackes  bildeten,  inserirten  im  Centrum  der  Placenta 
die  beiden  Nabelstränge,  und  zwar  so,  dass  3  Ctm.  hoch  über  dor 
Fläche  der  Placenta  der  sulzreiche  Nabelstrang  dos  gesunden  Fötus 
inserirte,  seine  Gefässo  sich  sofort  divergirend  ramificirten  und  an  bis 
10  Ctm.  von  einander  entfernten  Punkten  zur  Placenta  traten. 

Der  zweite  Nabelstrang  inserirte  von  der  anderen  Seite  des 
Amnionseptums  her  an  derselben  Stelle,  so  dass  also  die  placcntaren 
Enden  der  beiden  Nabelstränge  sich  noch  innerhalb  des  Septums  über 
der  Placenta  vereinigten.  Beide  Nabelstränge  waren  sehr  kurz.  Der 
des  gesunden  Fötus  hatte  nur  25  Ctm.  Länge,  der  des  Acardiacus 
mass  nur  7  Ctm.,  so  dass  er  bei  der  Geburt  abriss. 

Das  Grössen verhältniss  war  ein  derartiges,  dass  bei  der  Implan- 
tation des  kürzeren  Nabelstranges  auf  den  längeren  dor  erstere  nur 
wie  ein  Anhängsel  des  letzteren  erschien. 

Der  längere  Nabelstrang  enthielt  2  Arterien  und  1  Vene;  der 
des  Acardiacus  nur  1  Arterie  und  1  Vene,  welche  beide  in  eine  der 
ersten  Ramificationen  der  Gefässe  des  längeren  Nabelstranges  ein- 
mündeten. 

Der  geschilderte  Acardiacus  wäre  nach  der  Ahlfeld'schen  Ein- 
theilung  wegen  der  weitgehenden  Entwickelung  seiner  Körperform 
als  Acardiacus  anceps  zu  bezeichnen. 


72  Breus.  Zur  Lehre  v.  d.  Acardiacis. 

Da  aber  das  Herz  vollständig  fehlte  und  nicht  einmal,  wie  in 
den  übrigen  bisher  beobachteten  Fällen  rudimentär  vorhanden  war, 
erweist  sich  Ahlfeld's  Angabe:  „Der  Anceps  hat  stets  ein  Herz", 
als  unrichtig. 

Ebenso  passt  die  centrale  Insertion  des  Nabelstranges  dieses 
Acardiacus  und  das  Verhalten  der  Placenta  nicht  zu  dem  Besumä, 
welches  Ahlfeld  *)  über  die  Acardiacusplacenten  gibt.  Er  sagt 
dort:  „Je  weiter  das  Herz  des  Acardiacus  ausgebildet  ist,  um  so 
eher  inserirt  sein  Nabelstrang  neben  dem  der  gesunden  Frucht  im 
Gentrum  der  Placenta".  Unser  Acardiacus  müsste  nach  Ahlfeld 
also  entweder  ein  Herz  (wenn  auch  nur  ein  rudimentäres)  haben, 
oder  sein  Nabelstrang  müsste   marginal   an  der  Placenta  inseriren. 

Solche  Lrthümer  in  der  Detailausfuhrung  der  Ahlfeld'schen 
Hypothese  können  aber  nicht  befremden,  wenn  nach  der  obigen 
kritischen  Darstellung  sich  die  Ahlfeld'sche  Auffassung  von  der 
Entstehung  der  Acardiaci,  so  wie  die  ihr  zu  Grunde  liegende  Theorie 
von  Claudius  als  im  Princip  verfehlt  erweisen. 


f)  Gynäkol.  Archiv,  14.  Bd.  p.  342. 


Erklärung  der  Abbildungen. 

Tafel  IV.  Der  Acardiacus. 

Tafel  Y.    Die  gemeinsame  Placenta  und  eine  Skizze  des  Gefasssystemes  des 
Acardiacus  im  Zusammenhange  mit  der  Placenta. 
fu  Nabelstrang  des  gesunden  Fötus. 
fuf  »  w     Acardiacus. 

Die  Venen  sind  schattirt,  die  Arterien  weiss  dargestellt.  Die  Nabelvene 
des  Acardiacus  mündet  in  die  rechte  Vena  iliaca  communis.  Die  Nabel- 
arterie in  die  linke  Arteria  iliaca  comm.  Beide  zogen  vom  Nabelstrang 
neben  der  Harnblase  herab  zu  diesen  Gelassen. 

V  grosse  Körpervene,  der  Vena  cava  entsprechend. 

A  Aorta 
ics  Art.  iliaca  comm.  sinistra. 

m    r>     mesaraica. 

r      n     renalis. 

c      *     coeliaca. 
s  d     v     subclavia  dextra. 
»     subclavia  sinistra. 


8  8 


aa  r>     anonyma. 

ccd  r>     carotis  communis  dextra. 
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Vad  Vena  anonyma  dextra. 


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V. 


TJeto  die  Theorien  der  Earknwaluneliiirang. 

Nach  einem  in  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte  zu  Wien  gehaltenen  Vortrag1) 


von 


E.  t.  Fleischl. 


Dass  wir  überhaupt  eine  besondere  Theorie  der  Farbenwahr- 
nehmung  nöthig  haben,  rührt  daher,  dass  es  in  der  Physiologie 
einen  Grundsatz  gibt,  der  unter  dem  Namen  „Gesetz  der  specifi- 
schen  Nervenenergie"  bekannt  ist.  Wenn  dieses  Gesetz  nicht  exi- 
stiren  würde,  oder  wenn  wir  irgend  welche  Berechtigung  hätten,  an 
seiner  allgemeinen  Giltigkeit  zu  zweifeln,  dann  würde  die  Aufstel- 
lung einer  besonderen  Theorie  für  die  Thatsache,  dass  wir  die  uns 
umgebende  Welt  in  Farben  sehen,  nicht  nothwendig  sein. 

Die  Schwierigkeit,  welche  durch  diesen  Lehrsatz  eingeführt 
wird,  ist  sofort  ersichtlich,  wenn  man  sich  mit  einem  bestimmten 
Fall  der  Gesichtswahrnehmung  beschäftigt,  sich  zum  Beispiel  denkt, 
man  blicke  auf  ein  weisses  Feld,  in  welchem  eine  rothe  Linie  ge- 
zogen ist.  Es  fallen  bekanntlich  von  den  einzelnen  Punkten  der 
rothen  Linie  Bilder  auf  die  Netzhaut  und  veranlassen  nun  ein  Ge- 
sehenwerden dieser  rothen  Linie.  Man  muss  sich  also  denken,  dass 
Nervenenden  in  der  Netzhaut  liegen,  welche  von  dem  Bilde  der 
rothen  Linie  in  einer  gewissen  Weise  afficirt  werden,  man  muss 
sich  ferner  denken,  dass  diese  Affection  nach  einem  bestimmten 
Centrum  im  Gehirn  geleitet  wird  und  in  irgend  einer  Weise  uns 
zu  Bewusstsein  kommt. 


')    Dieser  Vortrag   ist  von  dem  Herrn  Autor  bereits    in  dem  „ Biolog. 
Centralblatt"  1.  Jahrg.  publicirt  worden. 


74  v.  Fleischl. 

Wenn  man  sich  vorstellt,  an  Stelle  der  rothen  stände  eine 
grüne  Linie,  so  würde  auf  die  Stellen  der  Netzhaut,  die  früher  von 
rothem  Licht  getroffen  wurden,  nunmehr  grünes  fallen,  und  es  könnte 
nach  dem  Gesetz  der  specifischen  Nervenenergie  die  Erregung  der- 
selben Nervenenden  durch  grünes  Licht  in  dem  Centrum  kein  an- 
deres Eesultat  hervorbringen,  als  die  Erregung  durch  rothes  Licht 
hervorgebracht  hat.  Denn  das  Gesetz  der  specifischen  Nervenenergie 
sagt,  dass  eine  jede  Nervenfaser  nur  eine  bestimmte  Empfindung 
im  Centralorgan  auslöst,  ganz  abgesehen  vom  Charakter  der  Stö- 
rung oder  der  Einwirkung,  welche  peripher  die  Erregung  der  Nerven- 
faser hervorgerufen  hat.  Wenn  also  das  Gesetz  der  specifischen  Ner- 
venenergie richtig  ist,  dann  ist  es  von  vornherein  ganz  unverstandlich, 
wie  die  Erregung  eines  Nervenendes  einmal  im  Centrum  die  Vor- 
stellung von  etwas  Kothem  und  das  andere  Mal  die  Erregung  des- 
selben Nervenendes  die  Vorstellung  von  etwas  Grünem,  wieder  in 
derselben  Anordnung  hervorrufen  kann. 

Obwohl  das  Gesetz  der  specifischen  Nervenenergie  in  dieser 
Deutlichkeit,  in  welcher  wir  es  jetzt  auszudrücken  gewohnt  sind, 
erst  seit  Johannes  Müller  ausgesprochen  wird,  und  also  in  den 
allerersten  Jahren  dieses  Jahrhunderts  noch  kaum  gekannt  war, 
gewiss  aber  nicht  mit  einem  eigenen  Namen  bezeichnet  wurde,  so 
waren  es  doch  die  eben  angestellten  Erwägungen,  welche  Thomas 
Young  veranlasst  haben,  eine  Un Verständlichkeit  in  dem  Umstände 
zu  finden,  dass  wir  Farben  sehen.  Er  hat  auch  sofort  die  Möglich- 
keit eingesehen,  über  diese  Schwierigkeit  hinwegzukommen,  und 
diese  Möglichkeit,  welche  er  sich  zunächst  aufgebaut  hat,  nur  um 
irgend  einen  Mechanismus  zu  haben,  nach  dem  die  Dinge  möglicher- 
weise ablaufen  könnten,  hat  sich  als  so  ausserordentlich  geeignet 
erwiesen,  alle  Einzelnheiten  in  Uebereinstimmung  mit  den  wirklichen 
Effecten  unseres  Sehapparates  zu  erklären,  dass  man  später  —  und 
zwar  theils  er  selbst,  zumeist  aber  sein  Nachfolger  und  besonders 
Helmholtz  —  daran  gegangen  ist,  diesen  Mechanismus,  den 
Young  gewissermassen  nur  als  denkbare  Möglichkeit  hingestellt 
hat,  zu  einer  Theorie  der  Farbenwahrnehmung  auszubauen. 

Der  Gedanke  Young's  war  der:  Unendlich  klein  sind  die  En- 
den der  Nervenfasern  nicht,  sondern  sie  haben  eine  bestimmte 
Grösse;  und  diese  Grösse  war  trotz  der  zu  Zeiten  Young's  vorhan- 
denen geringen  mikroskopischen  Hilfsmittel  doch  schon  mit  einem 


Theorien  der  Farbenwahrnehmung.  75 

verhältnissmässig  hohen  Grad  von  Genauigkeit  bekannt.  Man  wusste, 
es  könnten  nicht  so  viele  verschiedene  Nervenenden  auf  einem  klei- 
nen Stück  der  Netzhaut  vereinigt  liegen,  dass  das  Beeinflussen  des 
einen  Nervenendes  in  Beziehung  auf  die  räumliche  Vorstellung,  die 
man  sich  von  dem  beeinflussenden  Moment  nachher  macht,  gleich- 
wertig wäre  mit  dem  Beeinflussen  eines  anderen  Nervenendes,  das 
etwa  durch  10  oder  20  Nervenenden  von  dem  ersten  getrennt  ist. 
Es  liesse  sich  nun  denken,  dass  für  jede  Farbe  eine  bestimmte 
Nervenfaser  vorhanden  ist  und  dass  die  Nervenenden  in  der  Netz- 
haut vielleicht  insofern  einen  verschiedenen  Charakter  haben,  als, 
wenn  ein  solches  Nervenende  erregt  wird,  ein  rothes  Bild  entsteht, 
und  wenn  ein  anderes  erregt  wird,  etwa  ein  gelbes  oder  grünes 
Bild  entsteht  u.  s.  f.  Es  wäre  ferner  denkbar,  dass,  wenn  das  Bild 
einer  rothen  Linie  auf  die  Netzhaut  fällt,  nur  eben  diejenigen  Ner- 
venenden, deren  Erregung  in  unserer  Vorstellung  die  Empfindung 
„Both"  vermittelt,  davon  erregt  werden  und  wenn  an  derselben 
Stelle  das  Bild  einer  grünen  Linie  eutsteht,  eben  nur  die  von  die- 
sem Bilde  getroffenen,  die  Vorstellung  des  Grünen  vermittelnden, 
Nervenenden  erregt  werden.  Eine  derartige  Vorstellung  liesse  sich 
indess  nicht  zur  Theorie  ausbilden;  denn  bei  der  ausserordentlichen 
Vielfachheit  der  Farben  wäre  eine  so  genaue  Localisirung  der 
Contouren  nicht  möglich  wie  wir  sie  in  Wirklichkeit  besitzen,  wenn 
man  für  jede  Farbennuance  in  der  Netzhaut  eine  Nervenfaserendi- 
gung  annehmen  wollte.  Wir  sehen  so  ausserordentlich  feine  rothe 
und  grüne  Linien,  dass,  wenn  man  annehmen  wollte,  jedes  hun- 
dertste Nervenende  in  der  Netzhaut  sei  durch  den  Farbenton  der 
rothen  Linie,  jedes  hundertste  für  den  der  grünen  Linie  reizbar, 
dies  mit  der  Thatsache  des  Sehens  so  feiner  Linien  unvereinbar 
sein  würde.  Und  doch  hätten  wir  dann  erst  die  Fähigkeit,  hundert 
verschiedene  Farben  zu  unterscheiden,  erklärt,  während  wir  in  Wirk- 
lichkeit deren  viel  mehr  unterscheiden.  Denkt  man  sich  aber  eine 
Netzhaut  mosaikartig  aus  Elementen  zusammengesetzt,  von  denen 
nur  jedes  hundertste  für  rothes  Licht  empfindlich  ist  und  stellt 
sich  nun  vor,  dass  das  Bild  einer  sehr  feinen  rothen  Linie  auf 
diese  Netzhaut  fällt,  so  wird  diese  Linie  vielfach  unterbrochen  oder 
gar  nicht  mehr  gesehen  werden,  schon  bei  einer  Breite,  bei  wel- 
cher wir  sie  in  Wirklichkeit  noch  ganz  deutlich  und  ununterbrochen 
sehen. 


76  v.  Fidschi. 

Durch  ähnliche  Erwägungen  ist  Young  zur  Aufstellung  seiner 
Theorie  gelangt.  Er  nahm  an,  es  seien  nur  einige  wenige  wirklich 
verschiedene  farbenempfindende  Nervenapparate  in  der  Netzhaut 
durch  einander  gemischt  und  legte  sich  dann  die  Frage  vor:  wie 
viele  solcher  verschiedenfarbiger  Endapparate  braucht  man  not- 
wendig, oder  welches  ist  die  geringste  Zahl,  mit  der  man  aus- 
kommen kann?  Die  physikalische  Untersuchung  hat  darauf  geant- 
wortet, dass  man  mit  drei  verschiedenen  Farben  auskommen  könnte; 
d.  h.  es  gibt  Nervenenden,  die,  so  oft  sie  gereizt  werden,  eine 
bestimmte  Farbenempfindung  im  Centrum  erregen;  andere  Nerven- 
enden, die  gereizt  wieder  eine  andere  Farbenempfindung  geben  und 
endlich  wieder  andere  Enden,  die  eine  dritte  Farbenempfindung 
im  Centrum  auslösen.  Wenn  man  also  nur  diese  drei  Fasergattun- 
gen annimmt,  so  kann  man  daraus  schon,  bei  dem  Charakter  der 
vorhandenen  Farben,  die  Wahrnehmung  aller  möglichen  Farben 
erklären.  —  Es  genügt  eine  Dreiheit  von  Empfindungselementen, 
um  alle  möglichen  Farben  zusammenzusetzen.  Natürlich  ist  es 
nicht  gleichgiltig,  wie  man  diese  drei  Empfindungen,  die  sogenann- 
ten „  Grundfarben"  wählt.  Wenn  man  z.  B.  sagen  würde,  die  eine 
Farbe  soll  roth  sein,  die  andere  orange  und  die  dritte  gelb,  so 
würde  man  nicht  einsehen  können,  wie  man  durch  das  Zusammen- 
wirken dieser  drei  Fasergattungen  in  irgend  einem  Intensitätsver- 
hältniss  auf  die  Empfindung  blau  kommen  sollte.  Wenn  man  sie 
aber  so  annimmt,  dass  sie  im  Sonnenspectrum  ziemlich  weit  aus- 
einanderliegen, dann  ist  es  vollkommen  gleichgiltig,  welche  man 
wählt.  Entscheidet  man  sich  z.  B.  für  Gelb,  Blau  und  Purpur,  so 
wäre  das  schon  ausreichend.  Thatsächlich  ist  es  auch  schwer,  in 
dieser  Beziehung  zu  einer  bestimmten  Wahl  zu  kommen.  Anfänglich 
wählte  Young  Koth,  Grün,  Blau,  dann  ersetzte  er  indess  Blau 
durch  Violett. 

Wir  haben  nun  die  Frage  zu  beantworten,  wie  man  bei 
dieser  Annahme  alle  Erscheinungen  der  Farbenwahrnehmung  er- 
klären kann.  Dass  wir  eine  rothe  Farbe  sehen  können,  ist  leicht 
verständlich,  wenn  wir  Nervenenden  in  der  Netzhaut  annehmen, 
die  erregt  in  uns  die  Empfindung  roth  hervorrufen.  Dass  wir  feine 
rothe  Objecto  genau  sehen  können,  lässt  sich  unschwer  begreifen, 
wenn  man  bedenkt,  dass  der  dritte  Theil  aller  Endapparate  für 
solche  rothe  Fasern  disponibel  ist,    da  wir  überhaupt  nur  dreierlei 


Theorien  der  Farbenwahrnehmung.  77 

Fasern  haben.  —  Dass  man  grüne  Objecto  sehen  kann,  ist  auch 
verständlich,  da  wir  dafür  Fasern  haben,  die  durch  grünes  Licht 
erregbar  sind,  und  erregt  im  Centrum  die  Empfindung  grün  be- 
dingen; aus  demselben  Grunde  erklärt  es  sich,  dass  wir  violette 
Objecte  sehen.  Wie  sehen  wir  aber  gelb  oder  blau  u.  s.  w.  ?  Auch 
das  ist  nicht  schwer  zu  verstehen,  wenn  man  sich  vorstellt,  dass 
die  roth  empfindenden  Fasern  nicht  blos  angeregt  werden,  wenn 
wirklich  Licht  auf  sie  fällt,  das  einer  bestimmten  Wellenlänge 
entspricht,  sondern  dass  sie  auch  —  wenngleich  nicht  mit  gleicher 
Intensität  —  erregt  werden,  wenn  Licht  von  etwas  anderer  Wellen- 
länge auf  sie  fällt.  Nehmen  Sie  z.  B.  eine  Stimmgabel  von  einem 
bestimmten  Ton  und  schlagen  Sie  diesen  Ton  an,  so  tönt  die 
Stimmgabel  mit  einer  gewissen  Intensität  mit.  Sie  kommt  aber 
auch  in,  freilich  schwächeres  Mittönen,  wenn  Sie  einen  Ton  erzeu- 
gen, welcher  von  dem  Ton  dieser  Stimmgabel  etwas  verschie- 
den ist. 

Man  hat  sich  also  vorzustellen,  dass  die  roth  empfindenden 
Fasern  durch  rothes  Licht  sehr  stark  erregt  werden,  durch  gelbes 
Licht  schwächer,  durch  blaues  und  violettes  Licht  noch  schwächer. 
Durch  Licht  von  welcher  Wellenlänge  immer  aber  auch  diese 
Fasern  erregt  sein  mögen,  welches  immer  die  Stärke  der  Erregimg 
in  ihnen  sein  mag:  der  Effect  den  diese  Erregung  im  Centrum 
bedingt,  ist  ausschliesslich  die  Empfindung:  roth.  Wenn  ich  also  das 
Sonnenspectrum  darstelle,  und  für  jede  Farbe  eine  Höhe  auftrage, 
welche  andeutet,  wie  stark  durch  Licht  von  dieser  Farbe  die  roth  em- 
pfindenden Fasern  erregt  werden,  so  bekomme  ich  für  die  roth  em- 
pfindenden Fasern  eine  Curve  von  bestimmter  Form.  Durch  rothes 
Licht  werden  diese  Fasern  am  stärksten  erregt  werden;  die  Curve 
wird  also  im  Roth  ihr  Maximum  haben  und  nach  beiden  Seiten 
abfallen;  für  die  grün  empfindenden  Fasern  bekommt  man  wieder 
eine  andere  Curve;  diese  werden  durch  grünes  Licht  am  stärksten 
erregt,  durch  gelbes  und  blaues  schwächer,  durch  rothes  Licht 
noch  schwächer  und  endlich  durch  violettes  am  schwächsten. 
Fällt  also  Licht  von  solcher  Wellenlänge  auf  unsere  Netzhaut, 
welche  der  uns  gelb  erscheinenden  Stelle  des  Spectrums  entspricht, 
dann  haben  wir  uns  vorzustellen,  dass  die  Empfindung  gelb  das 
Besultat  von  den  ziemlich  gleich  starken  Erregungen  der  roth  und 
grün  empfindenden  Fasern  ist,  so  dass  also  das  Gelb,  welches  uns 


78  ▼.  Fleiechl. 

als  etwas  Einfaches,  als  etwas  Einheitliches,  als  eine  elementare 
Sinnesempfindung  und  nicht  als  etwas  Zusammengesetztes  erscheint, 
physiologisch  aus  dem  Zusammenwirken  zweier  grundverschiedener 
Nervenempfindungen  entstanden  sein  soll.  Ich  will  gleich  hier  be- 
merken, dass  man  der  Young-Helniholtz'schen  Theorie  aus  diesem 
Umstand,  dass  sie  genöthigt  ist,  die  Farben,  die  —  wie  man  sagt 
—  der  Unbefangene  für  einfach  hält,  aus  dem  Zusammenwirken 
mehrerer  grundverschiedener  elementarer  Apparate  zu  erklären, 
einen  schweren  Vorwurf  gemacht  hat,  aber  —  wie  ich  auch  hier 
gleich  vorwegnehmen  will  —  nach  meiner  Meinung  mit  grossem 
Unrecht.  —  In  der  gleichen  Weise  vermag  die  Young-Helmholtz'- 
sche  Farbentheorie  auch  die  Empfindung  des  Blauen  aus  dem 
Zusammenwirken  zweier  verschiedener  Nervenapparate  zu  erklären, 
indem  sie  die  grün-  und  die  violettempfindenden  Fasern  gleich 
stark  erregt  werden  lässt.  Hiergegen  hat  man  nun  eingewendet, 
es  sei  doch  violett  etwas  viel  complicirteres  als  blau;  es  sei  ent- 
schieden eine  Verkehrtheit,  die  einfache  Empfindung  blau  aus  dem 
Zusammenwirken  von  violett  und  grün  zu  erklären,  da  es  doch 
viel  einfacher  sein  würde,  das  Violett  aus  dem  Zusammenwirken 
von  roth  und  blau  zu  erklären.  Wir  wollen  diesen  Einwand  indess 
hier  nur  angedeutet  haben  und  seine  Beantwortung  auf  eine  spätere 
Zeit  verschieben. 

Dass  wir  also  überhaupt  alle  Farben  sehen,  lässt  sich  aus 
der  Toung-Helmholtz'schen  Theorie  ohne  Schwierigkeit  erklären. 
Nun  gibt  es  aber  gewisse  Farben  in  der  Farbenscala,  die  in  ganz 
besonderer  Beziehung  zu  einander  stehen,  indem  sie  einander  zu 
weiss  ergänzen.  Auch  dies  ist  aus  der  Young-Helmholtz'schen 
Theorie  leicht  zu  erklären;  ebenso  die  Thatsache,  dass  jedes  far- 
bige Licht  von  sehr  grosser  Intensität  nicht  in  seiner  Farbe, 
sondern  weiss  erscheint. 

Von  besonderer  Wichtigkeit  ist  die  Erklärung  der  Nachbilder 
aus  dieser  Theorie  geworden.  Wenn  man  einen  rothen  Gegenstand 
längere  Zeit  angesehen  hat  und  nachher  auf  eine  graue  Fläche 
blickt,  so  sieht  man  bekanntlich  ein  Bild,  welches  dem  betrach- 
teten rothen  Gegenstand  geometrisch  ähnlich  ist,  aber  in  der  com- 
plementären  Farbe,  in  diesem  Falle  also  blaugrün,  erscheint.  Dies 
erklärt  sich  nach  der  Young-Helmholtz'schen  Theorie  einfach  durch 
die  Annahme,  dass  die  roth  empfindenden  Fasern  dadurch  ermüdet 


Theorien  der  Farbenwahrnehmung.  79 

worden  sind,  dass  rothes  Licht  auf  sie  gefallen  ist,  während  die 
übrigen  Fasern  dadurch  sehr  wenig  erregt,  also  auch  wenig  ermü- 
det worden  sind.  Betrachtet  man  dann  an  sich  weisses  Licht,  wel- 
ches nach  der  Voraussetzung  von  Toung  und  Helmholtz  alle  Faser- 
gattungen der  Netzhaut  gleich  stark,  oder  graues  Licht,  welches  sie  alle 
gleich  schwach  erregt,  nicht  mit  einer  ausgeruhten,  sondern  mit  einer 
Netzhaut,  in  welcher  die  roth  empfindenden  Fasern  ermüdet,  während 
die  grün  und  violett  empfindenden  Fasern  noch  frisch  sind,  so  wird  das 
weisse  Licht  natürlich  die  grün  und  violett  empfindenden  Fasern  stär- 
ker erregen,  als  die  rothempfindenden  und  man  wird  das  Nachbild  in 
der  complementären  Farbe  sehen.  Auf  die  grosse  Anzahl  derartiger  De- 
tails, welche  durch  diese  Theorie  ihre  Erklärung  gefunden  haben  und 
welche  einen  grossen  Theil  der  physiologischen  Optik  ausmachen, 
kann  hier  indess  nicht  eingegangen  werden.  —  Ebenso  hat  sich  eine 
merkwürdige  pathologische  Erscheinung  aus  dieser  Theorie  erklärt, 
und  zwar  ist  es  Helmholtz  selbst  gewesen,  der  auf  das  häufige 
Vorkommen  dieses  pathologischen  Zustandes,  der  Farbenblindheit, 
aufmerksam  gemacht,  sie  genau  studirt  und  ohne  Weiteres  und 
mit  Fug  und  Recht  als  Stütze  für  seine  Theorie  verwerthet  hat.  — 
Die  weitaus  grösste  Menge  der  farbenblinden  Männer  —  farben- 
blinde Frauen  gibt  es  bekanntlich  nur  äusserst  wenige  —  besteht 
aus  Rothblinden,  d.  h.  solchen,  denen  nach  der  Ansicht  von  Helm- 
holtz, die  rothempfindenden  Fasern  fehlen.  Diese  Menschen  haben 
also  nur  zwei  Grundfarben  und  eine  Menge  zwischen  ihnen  liegen- 
der Uebergangsfarben,  je  nachdem  durch  eine  bestimmte  Lichtart 
die  eine  oder  die  andere  der  beiden  bei  ihnen  vorhandenen  Faser- 
gattungen stärker  erregt  wird.  Sie  sehen  ferner  an  einer  Stelle 
des  Spectrums,  an  der  andere  Menschen  eine  Farbe  sehen,  einen 
neutralen,  also  grauen  Streifen;  das  ist  eben  jene  Stelle  des  Spec- 
trums, deren  Licht  die  beiden  bei  ihnen  vorhandenen  Fasergattun- 
gen gleich  stark  erregt.  Da  nun  grün  und  violett  die  beiden  Far- 
ben sind,  für  welche  die  Fasern  bei  solchen  Leuten  vorhanden 
sind,  so  sieht  ein  solcher  Mensch  das  eine  Ende  des  Spectrums 
grün,  das  andere  violett,  und  diese  beiden  Farben  gehen  durch 
einen  unbestimmten  Ton  in  einander  über,  welcher  zwar  eine  ge- 
wisse Helligkeit,  aber  weder  die  eine  noch  die  andere  Farbe  hat. 
Folglich  gehen  jene  beiden  Farben  in  einander  über  durch  einen 
Ton,    welchen  diese  Leute  fortwährend  mit  grau  verwechseln,    weil 


80  v.  Fleisch]. 

eine  graue  Fläche  ihre  beiden  Fasergattungen  ebenfalls  gleich  stark 
erregt.  Sie  verwechseln  deshalb  jene  Farbe,  die  für  uns  grünblau 
ist,  fortwährend  mit  dem  Bothen  und  auch  mit  dem  Grauen. 

In  ähnlicher  Weise  lassen  die  Thatsachen  der  Grün-  und 
Violettblindheit  sich  aus  dieser  Theorie  erklären. 

Nun  dürfte  es  wohl  allgemein  bekannt  sein,  dass  vor  mehre- 
ren Jahren  unser  ausgezeichneter  Prager  Physiolog  Hering1)  eine 
neue  Farbentheorie  angegeben  hat,  welche,  wie  Alles,  was  von 
diesem  Forscher  kommt,  originell,  geistreich,  ja,  man  kann  sagen, 
genial  ist. 

Sie  ist  genial  in  der  Einfachheit,  mit  welcher  sich  aus  ihr 
leicht  eine  grosse  Menge  von  Phänomenen  erklären  lässt  und  durch 
eine  gewisse  frische  Auffassung  der  Natur.  Sie  hat  so  sehr  den 
Charakter  des  Einfachen  und  leicht  Verständlichen  an  sich,  dass 
sie  die  Gunst  der  Ophthalmologen  im  Fluge  sich  erworben  hat. 
Etwas  zurückhaltender  sind  die  Physiologen  gewesen,  und  es  haben 
sich  in  letzter  Zeit  solche  Bedenken  gegen  diese  Theorie  geltend 
gemacht,  dass  ich  glaube,  die  Zeit  sei  noch  ferne,  da  man  die 
Farbentheorie  von  Young-Helmholtz  als  etwas  Erledigtes  bei- 
seite lassen  könnte.  Vielmehr  wird  man  nach  meiner  Ueberzeu- 
gung  auf  jede  Thatsache  besonderes  Augenmerk  richten  müssen, 
die  zu  einer  Entscheidung  zwischen  beiden  Theorien  sich  verwerthen 
lassen  könnte  und  man  wird  vor  Allem  die  Young-Helmholtz'sche 
Theorie  nicht  eher  verlassen  dürfen,  als  bis  es  gewiss  ist,  dass 
sich  dieselbe  durch  die  Hering'sche  mit  wesentlichem  Vortheil 
ersetzen  lässt. 

Diese  geht  eben  von  der  Einfachheit  wie  von  einem  Princip 
aus,  indem  sie  sagt:  Es  gibt  doch  nichts  Einfacheres,  als  weiss 
und  schwarz;  und  um  dies  zu  erklären,  musstet  Ihr  drei  Faser- 
gattungen annehmen?  Ebenso  sind  roth,  gelb,  grün,  blau  einfach, 
wie  schon  daraus  hervorgeht,  dass  man  ihnen  in  der  Sprache  eigene 
Namen  —  in  der  deutschen  Sprache  sogar  einsilbige  —  gegeben 
hat,  während  man  die  übrigen  nur  durch  Vergleich  mit  Natur- 
gegenständen bezeichnet,  z.  B.  mit  einer  Pomeranze  (orange) 
oder  mit  einem  Veilchen  (violett).  Gegen  diese  Behauptung  lässt 
sich  nichts  einwenden;   nur   muss   man   im   Auge   behalten,    dass 


*)  Wien.  akad.  Sitzungsber.  LXIX,  179;  LXX.  169. 


Theorien  der  Farbenwalirnehmung.  81 

kein  Grund  vorliegt,  zu  glauben,  bei  der  Construction  der  Natur 
sei  auf  ihre  Verständlichkeit  für  uns  besondere  Eücksicht  genom- 
men. Dass  also  eine  Erklärung  complicirt  ist,  ist  noch  kein  Argu- 
ment dafür,  dass  sie  unrichtig  ist.  Man  darf  nicht  vergessen,  dass 
„Einfachheit"  in  Hering's  Sinn  nichts  Anderes  ist,  als  Leichtver- 
ständlichkeit für  uns. 

Ein  anderes  ist  es,  wenn  behauptet  wird,  die  Empfindung 
gelb  sei  eine  einfache  Empfindung,  und  es  sei  unrichtig  zu  be- 
haupten, dass  sie  aus  roth  und  grün  zusammengesetzt  sei.  Wenn 
man  Jemand  die  Frage  vorlegt,  ob  seine  Empfindung  von  gelb 
aus  den  Empfindungen  von  roth  und  grün  zusammengesetzt  ist,  so 
wird  jeder  unbefangene  Mensch  mit  Nein  antworten  und  behaupten, 
wenn  er  etwas  gelbes  ansehe,  so  sehe  er  eben  nur  gelb,  und 
nicht  roth  und  grün.  Wenn  auch  dieser  Grund  ohne  Weiteres  sich 
nicht  abweisen  lässt,  so  ist  er  doch  nicht  einwandfrei.  Fragt  man 
einen  Menschen,  was  er  eine  einfache  Bewegung  nennt,  und  ob 
eine  wesentliche  Complication  zur  Bewegung  des  Arms  im  Ell- 
bogengelenk nothwendig  sei,  so  wird  er  sagen:  eine  einfachere 
Bewegung  als  die  Bewegung  des  Arms  im  Ellbogengelenk  gibt  es 
nicht;  das  ist  eine  einfache  Bewegung.  Er  hält  diese  Bewegung 
für  einfach,  weil  er  sie  sich  als  einen  einfachen  Willensact  vor- 
stellt, von  keiner  Complication  weiss,  die  zwischen  Intention  und  Aus- 
führung  liegt  und  nur  wieder  die  letztere,  ihm  als  etwas  einfaches  er- 
scheinende, kennt.  Nichtsdestoweniger  wissen  Sie,  dass  zwischen 
diesen  einfachen  Dingen  ein  sehr  complicirter  physiologischer  Process 
liegt,  dass  verschiedene  Nerven,  verschiedene  Muskeln  in  Anspruch 
genommen  werden,  dass  also  zwischen  dem  einfachen  Willensact 
und  seiner  einfachen  Ausführung  eine  sehr  complicirte  Beihe  von 
vielfachen  anatomischen  Apparaten  und  physiologischen  Vorgängen 
liegen  kann.  Ebenso  ist  es  nicht  nothwendig,  dass  zwischen  einer 
einfachen  Wellenlänge  und  einer  einfachen  Farbenempfindung  auch 
nur  ein  einfacher  physiologischer  Process  eingeschaltet  ist,  sondern 
es  kann  ein  Process  von  beliebiger  Complication  eingeschaltet  sein, 
ohne  dass  wir  es  bemerken.  Denn  wir  sind  so  gebaut,  dass  wir 
von  den  physiologischen  Details,  die  unser  Leben  bedingen  und 
ausmachen,  nichts  erfahren.  Dass  also  Gelb  und  Blau  uns  einfach 
vorkommen,  ist  kein  Grund  dafür,  dass  ihr  Gesehenwerden  in 
Wirklichkeit  auf  einem  einfachen  physiologischen  Process  beruht. 

Med.  Jahrbücher.  1882.  ß 


82  v.  Fleischt. 

Hering 's  Theorie  behauptet  nun,  dass  wir  irgendwo  eine  Seh- 
substanz haben  —  man  muss  ausdrücklich  „irgendwo"  sagen,  weil 
er  sich  streng  dagegen  verwahrt,  dieselbe  mit  Bestimmtheit  in 
die  Netzhaut  zu  verlegen  —  dass  also  irgendwo  in  dem  Nerven- 
apparat, den  wir  zum  Sehen  brauchen,  mehrere  Substanzen  ver- 
theilt  sind,  welche  durch  die  Einwirkung  des  Lichts  verschiedene 
Veränderungen  erfahren.  Am  einfachsten  ist  dies  zu  verstehen, 
bezüglich  dessen,  was  Hering  schwarz  weisse  Sehsubstanz  nennt.  Er 
sagt,  es  gibt  eine  Substanz  von  der  Beschaffenheit,  dass,  wenn  sie 
aus  den  nächsten  chemischen  Constituenten  aufgebaut  wird,  wir 
die  Empfindung  schwarz  haben,  wenn  sie  aus  irgend  einem  Grund 
zerfällt,  wir  die  Empfindung  weiss  haben.  Mit  anderen  Worten: 
Dissimilirung  dieser  Substanz  gibt  weiss,  Assimilirung  derselben 
gibt  schwarz.  Diese  „schwarz-weisse"  Substanz  wird,  wenn  Licht 
irgend  eines  Grades  und  irgend  einer  Art  auf  sie  fällt,  immer 
theilweise  zerlegt,  und  dieser  Process  bedingt  dann,  dass  wir  weiss 
sehen.  Fällt  weisses  Licht  auf  sie,  so  sehen  wir  es  als  solches. 
Fällt  farbiges  Licht  ein,  so  hat  es,  von  welcher  Farbe  es  immer 
sein  mag,  allemal  auch  eine  dissimilirende  Wirkung  auf  die  schwarz- 
weisse  Sehsubstanz,  bedingt  die  Helligkeit  (besser  Weisslichkeit) 
der  gesehenen  Farbe.  Diese  Substanz  ist,  wie  Alles  im  menschli- 
chen Körper  im  steten  Wechsel  begriffen,  im  Stoffwechsel,  und 
hierauf  beruht  es,  dass,  wenn  wir  die  Augen  schliessen,  wir  ein 
mittleres  Grau  sehen.  Hering  nennt  es  so,  ebenso  wie  er  den  Zu- 
stand, in  welchen  unsere  Augen  kommen,  wenn  wir  schwarz  sehen, 
ein  mittleres  Grau  nennt,  wenn  Assimilation  und  Dissimilation 
gleich  stark  sind.  Dass  diese  Behauptung  gegen  die  Natur  spricht, 
auf  die  er  sich  so  gern  beruft,  darüber  hat  Hering  geschwiegen. 
Wirkliches  Schwarz  zu  sehen  —  sagt  er  —  dazu  gibt  es  auf  der 
Erde  überhaupt  kein  Mittel. 

Ebenso  wie  diese  schwarzweisse  gibt  es  auch  eine  rothgrüne 
und  eine  blaugelbe  Substanz.  Wird  die  rothgrüne  aufgebaut,  sehen 
wir  roth ;  wird  sie  zerlegt,  sehen  wir  grün  (oder  umgekehrt).  Doch 
wirkt,  wie  gesagt,  farbiges  Licht  immer  auch  auf  die  schwarzweisse 
Substanz  ein.  —  Einer  der  Hauptvortheile  der  Hering'schen  Theorie 
ist,  dass  jene  merkwürdige  Thatsache,  die  ich  bereits  aus  der 
Young-Helmholtz'schen  Theorie  erklärt  habe,  sich  aus  ihr  einfacher 
erklären  lässt.   Wenn  Menschen,  welche  rothblind  sind,  immer  grün 


Theorien  der  Farbenwahrnehmung.  83 

mit  grau  verwechseln,  so  fehlt  ihnen  nach  Hering  die  rothgrüne  Seh- 
substanz; es  ist  also  natürlich,  dass  sie  auch  nicht  grün  sehen, 
wenn  sie  roth  nicht  sehen.  Die  rothgrüne  Sehsubstanz  derHering'- 
schen  Theorie  ist  eine  Substanz,  welche  zwei  einander  complemen- 
täre  Farben  in  unserm  Bewusstsein  hervorruft  *),  nämlich  einmal 
—  wenn  sie  aufgebaut  wird  —  die  rothe  und  das  anderemal  — 
wenn  sie  zerlegt  wird  —  die  der  rothen  complementäre  blaugrüne, 
d.  h.  eine  Farbe,  welche  an  einer  bestimmten  Stelle  im  Spectrum 
liegt.  Diese  Farbe  müssen  also  die  Bothgrünblinden  verwechseln 
sowohl  mit  roth  wie  mit  grau.  Wenn  man  aber  einen  Farbenblin- 
den fragt  —  und  ich  habe  das  selbst  versucht  und  genau  geprüft  — 
welchen  Theil  des  Spectrums  er  für  ungefärbt  hält,  so  findet  man 
nie  jenen  Theil  des  Spectrums,  welcher  zu  dem  Bothen  comple- 
mentär  ist,  der  ihm  nach  Hering' s  Theorie  fehlen  müsste,  son- 
dern jenen  Theil  des  Spectrums,  in  welchem  sich  nach  der  Toung- 
Helmholtz'schen  Theorie  die  beiden  anderen  Farbencurven  schnei- 
den; es  fehlt  ihm  also  jene  Farbe,  die  von  Helmholtz  als  fehlend 
postulirt  wird. 

Es  Hesse  sich  noch  Vieles  über  die  Hering'sche  Theorie  und 
über  die  Schwierigkeiten,  die  sie  darbietet,  sagen.  Es  ist  nach 
Helmholtz  sehr  begreiflich,  dass  es  Menschen  gibt,  die  rothblind 
sind,  andere,  die  grünblind,  andere  die  violettblind  sind.  Wieder 
andern  fehlen  zwei  Fasergattungen;  diese  Menschen  haben  dann 
ein  monochromatisches  (graues)  Sehen;  weil  sie  eben  nur  eine  Art 
von  Nervenfasern  haben.  Fehlen  ihnen  alle  drei  Fasergattungen,  so 
sind  sie  ganz  blind.  Hering  stellt  nebeneinander  die  schwarz-weisse, 
die  blau-gelbe  und  die  roth-grüne  Sehsubstanz.  Er  kennt  Men- 
schen, denen  die  rothgrüne  Substanz  fehlt  (die  Bothgrünblinden); 
andere  denen  die  blaugelbe  Substanz  fehlt  (die  Blaugelbb linden).  Man 
kann  nun  aber  mit  Becht  fragen,  warum  er  glaubt,  dass  Menschen 
nie  die  schwarzweisse  Substanz  fehlt,  oder  wie  diese  Menschen 
sehen  sollten?  Diese  müssten  die  Dinge  alle  farbig  sehen,  aber 
ohne  Grad  von  Helligkeit.  Es  scheint  mir  überhaupt  ganz  beson- 
ders unseren  Empfindungen  zu  widerstreiten,  dass  wir  die  Hellig- 
keit als  eigene  Sinnesqualität  ansehen   sollen,   die   von   der   Farbe 


')  Sind  Assimilation  und   Dissimilation    in   der   roth-grünen    Substanz 
gleich  stark,  so  sehen  wir  grau  oder  weiss. 

6* 


84  v-  Flei«chL 

ganz  verschieden,  ganz  getrennt  ist.  Wir  sind  gewöhnt,  Helligkeit 
als  Grad  der  Farbe  anzusehen,  nicht  als  eigene  Qualität. 

Durch  alle  diese  und  sehr  viel  andere  besonders  in  letzter 
Zeit  häufig  angestellte  Erwägungen  ist  aber  eine  Entscheidung 
über  die  grössere  oder  geringere  Berechtigung  der  einen  oder  der 
anderen  Theorie  nicht  zu  gewinnen  gewesen,  und  es  haben  sich 
deshalb  Viele  bemüht,  zu  einer  wirklichen  Entscheidung,  zu  einem 
Experimentum  crucis  zu  gelangen. 

Gerade  in  der  allerletzten  Zeit  sind  wieder  einige  hierherge- 
hörige Publicationen  erschienen;  doch  muss  ich  —  obwohl  sich 
unter  den  Autoren  sehr  bedeutende  Namen  befinden  und  in  den 
Publicationen  sehr  wichtige  und  interessante  Dinge  mitgetheilt 
sind  —  sagen,  dass  ich  ein  Eiperimentum  crucis,  welches  zwingen 
würde,  sich  wenigstens  einstweilen  für  die  eine  oder  die  andere 
Theorie  zu  entscheiden,  nur  in  zwei  Abbandlungen  gefunden  habe, 
über  welche  ich  noch  kurz  referiren  möchte. 

Die  eine  dieser  Abhandlungen  ist  schon  vor  mehreren  Jahren 
erschienen  und  hat  Herrn  v.  Kries  zum  Verfasser  (Arch.  f.  Physiol. 
1878.  S.  503).  —  Diese  Arbeit  ist  in  eine  etwas  complicirte  Form 
gekleidet;  sie  beginnt  gleich  mit  einem  System  von  Gleichungen, 
und  ich  glaube  gerade,  dass  diese  mathematische  Ausdrucksweise 
vielleicht  Manchen  abgehalten  hat,  die  Abhandlung  genau  durch- 
zulesen und  ihren  werth vollen  Inhalt  zu  benützen.  Prof.  v.  Kries 
sagt:  Wenn  ich  einen  rothen  Gegenstand  ansehe  und  meine  Netz- 
haut dadurch  für  roth  ermüde,  so  wird  das  nach  Young's  Theorie, 
sobald  ich  später  einen  grauen  Gegenstand  ansehe,  ein  blaugrünes 
Nachbild  abgeben,  und  zwar  wird  es  dabei  gleichgiltig  sein,  ob 
dieser  graue  Gegenstand  eine  Mischung  von  weissem  und  schwar- 
zem Pulver  ist,  oder  eine  Mischung  von  schwarzen  und  weissen 
Sectoren  einer  Scheibe,  welche  rasch  gedreht  wird;  oder  ob  ich 
dieses  Grau  dadurch  erzeugt  habe,  dass  ich  eine  mit  allen  Farben 
des  Spectrums  versehene  Scheibe  rasch  drehe.  Es  ist  also  ganz 
gleichgiltig,  auf  welche  Weise  das  Grau  der  Fläche  erzeugt  und 
zusammengesetzt  ist;  sobald  ich  sie  mit  einem  für  roth  ermüdeten 
Auge  ansehe,  werden  die  anderen  Fasern  erregt,  und  ich  sehe  ein 
blaugrünes  Nachbild.  Das  ist  aber  nicht  ebenso  der  Fall,  wenn 
die  Hering'sche  Theorie  unserer  Betrachtung  zu  Grunde  gelegt 
wird.    Wenn  wir  dies  thun,    so  muss  nach  Kries  der   Erfolg   ein 


Theorien  der  Farbenwahrnehmung.  85 

anderer  sein,  je  nachdem  die  graue  Fläche  grau  ist,  weil  sie  aus 
weiss  und  schwarz  zusammengesetzt  ist;  oder  grau  ist,  weil 
sie  aus  einem  anderen  Paar  von  Farben  zusammengesetzt  ist,  welche 
zusammen  eben  dieses  Grau  geben.  Denn  wenn  ich  ein  für  roth 
ermüdetes  Auge  von  einem  grauen  Licht  beeinflussen  lasse,  wel- 
ehes  aus  weiss  und  schwarz  besteht,  so  wird  die  roth-grüne  Seh- 
substanz  dadurch  beeinflusst.  Betrachte  ich  aber  eine  Fläche,  die 
grau  ist,  weil  sie  aus  blau  imd  gelb  zusammengesetzt  ist,  so  wird 
das  Grau  auf  meine  roth-grüne  Sehsubstanz  nicht  einwirken,  und 
es  ist  nicht  der  mindeste  Grund  dafür  vorhanden,  warum  ich  ein 
grünes  Nachbild  sehen  soll.  Wenn  man  nun  Versuche  anstellt,  so 
sieht  man  allerdings,  dass  kein  Unterschied  in  den  Einwirkungen 
einer  wirklich  grauen  und  einer  aus  blau  und  gelb  gemischten 
Fläche  besteht,  falls  man  die  Flächen  so  einrichtet,  dass  sie  in 
einer  Linie  aneinanderstossen.  Diese  beiden  Fachen  werden  zuerst 
ganz  gleich  grau  hergerichtet  und  dann  werfen  Sie  auf  diese  bei- 
den Flächen,  da  wo  sie  aneinanderstossen,  den  Theil  ihres  Sehfeldes, 
auf  welchem  das  grüne  Nachbild  von  einem  rothen  Kreise  erscheint, 
den  Sie  vorher  angesehen  haben.  Dann  sehen  Sie,  dass  das  grüne 
Nachbild  über  beide  Flächen  in  gleicher  Weise  weggeht.  Das  ist 
aber  das  Kesultat  der  Helmholtz'schen  Theorie  und  spricht  wider 
die  Hering'sche  Theorie.  Hering  hat  auf  die  Einwände,  die  gegen 
seine  Theorie  gemacht  werden,  noch  nicht  geantwortet;  aber  dies 
muss  eben  abgewartet  werden  imd  es  ist  nicht  ausgeschlossen,  dass 
er  einen  Ausweg  und  eine  Vertheidigung  gegen  diesen  Einwand 
zu  finden  wisse;  einstweilen  steht  v.  Kries'  Argument  unange- 
fochten da. 

Ich  komme  mm  zu  den  Abhandlungen,  über  die  Mac 6  und 
Nicati  in  der  französischen  Academie  der  Wissenschaften  Vorträge 
gehalten  haben,  welche  in  den  Comptes  rendus  wiedergegeben  sind 
und  zwar  in  den  Berichten  über  die  Sitzungen  vom  27.  X.  79; 
31.  V.  80;    11.  X.  80;    27.  Xu.  80;    13.  VI.  81. 

Diese  scheinen  uns  für  die  ganze  Lehre  vom  Sehen  der  Far- 
ben überhaupt  ausserordentlich  wichtig  zu  sein.  Unter  Anderm 
geht  aus  ihren  Versuchen  ein  Kesultat  hervor,  welches  ich  mit 
den  Voraussetzungen  der  Hering'schen  Theorie  für  unvereinbar 
halten  muss.  Die  Art,  wie  diese  beiden  Herren  ihre  Versuche  an- 
gestellt haben,  ist  so  einfach  und  überzeugend,  dass  sie  geradezu  als 


86  v.  Fidschi. 

mustergiltig  hingestellt  werden  kann.  Zunächst  stellten  sie  sich 
die  Aufgabe,  zu  erforschen,  wie  gross  die  Helligkeit  ist,  mit  wel- 
cher wir  die  einzelnen  Theile  des  Sonnen spectrums  sehen,  und 
zwar  haben  sie  sich  zur  Festsetzung  dieses  Werths  keiner  compli- 
cirten  photometrischen  Methode  bedient,  sondern  die  Helligkeit  an 
dem  gemessen,  woran  sie  gemessen  werden  muss,  wenn  sie  zur 
Entscheidung  in  solchen  Fragen  benützt  werden  soll  —  nämlich 
direct  an  dem  Auge.  Sie  haben  die  Sehschärfe  am  normalen  Auge 
bei  Beleuchtung  des  Objects  mit  verschiedenen  Theilen  des  Spec- 
trums gemessen.  Sie  haben  die  Sehschärfe,  welche  ein  normales 
Auge  hat,  wenn  es  einen  Gegenstand  mit  dem  hellsten  Theil  des 
Sonnenspectrums,  nämlich  mit  dem  gelben,  beleuchtet  ansieht, 
gleich  1000  gesetzt.  Dann  haben  sie  die  Sehschärfe,  welche  man 
hat,  wenn  man  dasselbe  Object  nicht  mit  dem  gelben,  sondern 
mit  dem  rothen  Theil  des  Spectrums  beleuchtet,  gemessen  und 
diese  z.  B.  für  das  äusserste  Roth  ausgedrückt  durch  die  Zahl  15. 
Der  Apparat,  dessen  sie  sich  zu  ihren  Messungen  bedienten, 
bestand  aus  einem  Spalt,  durch  welchen  das  Sonnenlicht  einge- 
lassen wurde,  einem  Prisma,  in  welchem  das  Licht  zerlegt  wurde 
und  aus  einem  zweiten  Spalt,  durch  welchen  sie  nur  denjenigen 
Theil  des  Lichts  durchliessen,  den  sie  auf  das  Object  fallen  lassen 
wollten.  Mit  diesem  Theil  des  Spectrums  haben  sie  dann  einfach 
ein  Fixationszeichen,  eine  Mire  beleuchtet.  Diese  bestand  aus  drei, 
millimeterbreiten  Streifen,  welche  in  Millimeterabstand  von  einan- 
der vor  weissem  Grunde  gelegen  waren.  Die  Mire  wurde  nun  z.  B. 
mit  rothem  Licht  beleuchtet,  während  die  Beobachter  in  bestimm- 
ter Entfernung  von  derselben  sich  befanden.  Dann  wurde  die  Ge- 
sammtmenge  des  auf  das  Prisma  auffallenden  Lichts  so  lange  ver- 
ändert, bis  die  Beobachter  eben  mit  Deutlichkeit  das  Zeichen 
sahen;  die  Einstellung  des  Apparats,  von  der  das  Lichtmass  ab- 
hing, wurde  gemessen,  und  diese  Messungen  für  eine  ganze  Reihe 
von  Versuchen  ausgeführt,  und  zwar  an  verschiedenen  normalsich- 
tigen Individuen.  Sie  haben  nun  zunächst  z.  B.  für  rothes  Licht, 
welches  etwa  der  Fraunhofer'schen  Linie  C  entspricht,  eine  Seh- 
schärfe gleich  111  gefunden,  also  etwa  den  neunten  Theil  dies 
Werths,  den  man  bekommt,  wenn  man  dasselbe  Object  mit  eben 
so  viel  gelbem  Licht  beleuchtet.  Für  das  Licht,  welches  der  Wellen- 
länge D  entspricht,   fanden  sie  die  Sehschärfe  gleich  768    (für  ein 


Theorien  der  Farbenwahrnehmung.  87 

Licht,  welches  nicht  gerade  durch  eine  Fraunhofer'sche  Linie  be- 
zeichnet werden  kann,  hatten  sie,  wie  schon  oben  bemerkt,  1000 
gesetzt);  für  die  Fraunhofer'sche  Linie  E,  welche  für  grün  als 
charakteristisch  angesehen  wird,  bestimmten  sie  eine  Sehschärfe 
gleich  314;  für  F  im  Blau  eine  Sehschärfe  gleich  42  und  für  die 
Linie  G,  die  tief  im  Violetten  liegt,  eine  Sehschärfe  gleich  0*2. 
Die  Sehschärfe  im  violetten  Licht  ist  also  ausserordentlich  gering, 
wie  übrigens  jeder  weiss,  der  sich  mit  solchen  Versuchen  be- 
schäftigt. 

Dieselben  Versuche  haben  nun  beide  Forscher  auch  mit  farben- 
blinden Menschen  angestellt.  Auf  diese  Weise  musste  sich  heraus- 
stellen, ob  Rothblinde  auch  grünblind  sind  oder  nicht.  Denn  wenn 
jemand  rothgrünblind  ist,  muss  bei  ihm  nicht  nur  die  Sehschärfe 
für  das  Kothe  ausserordentlich  viel  geringer  sein  als  bei  normal- 
sichtigen Menschen,  sondern  auch  die  Sehschärfe  für  das  Grüne, 
da  ihm  die  rothgrüne  Sehsubstanz  fehlt,  welche  zerlegt  werden 
könnte. 

M.  und  N.  nahmen  nun  drei  Kothblinde  und  einen  Grün- 
blinden für  ihre  Versuche,  und  legten  für  jeden  eine  Liste  seiner 
Sehschärfen  bei  verschiedenen  Spectralfarben  an.  Die  Ziffern  dieser 
Listen  sind  Verhältnisszahlen,  bezogen  auf  die  Sehschärfen  normal- 
sichtiger Personen  für  dieselben  Farben;  so  dass,  wenn  der  Unter- 
suchte selbst,  normalsichtig  für  Farben  wäre,  seine  Liste  aus  lauter 
Einern  zu  bestehen  hätte.  Ist  aber  z.  B.  seine  Sehschärfe  für  eine 
Farbe  =  100,  für  welche  die  Sehschärfe  des  normalen  Auges  = 
300  ist,  dann  kommt  in  der  Liste  für  diesen  Farbenblinden  zu 
der  untersuchten  Farbe  die  Zahl  */9  zu  stehen;  er  hat  eben  für 
dieses  Licht  nur  ein  Drittel  der  normalen  Sehschärfe. 

Wenn  ich  nun  hier  einen  Auszug  aus  diesen  Listen  mittheile 
und  für  den  einen  der  Untersuchten  zur  Linie  C  die  Zahl  0,143 
schreibe,  so  sagt  dies,  dieser  Mensch  hat  für  rothes  Licht,  von  der 
Wellenlänge  C  eine  Sehschärfe,  die  ungefähr  den  siebenten  Theil  so 
gross  ist,  als  die  Sehschärfe  eines  normalsichtigen  Menschen.  Für 
licht  von  der  Wellenlänge  D  hatte  dieser  Mann  auch  nicht  eine 
Sehschärfe  1  sondern  0,5 ;  für  Licht  von  der  Wellenlänge  des  grünen 
Lichts  die  Sehschärfe  1,7.  Diese  einzige  Zahl  beweist  schon,  dass 
dieser  Mann  nicht  seiner  roth- grünen  Sehsubstanz  verlustig  war, 
sondern  dass  er  sogar  für  grünes  Licht  viel  empfindlicher  war,  als 


n         n 


88  v.  Fidschi. 

ein  normalsichtiger  Mensch.  Derselbe  Mensch  hatte  für  blaues  Licht 
von  der  Linie  F  die  Sehstärke  3,1  und  für  violettes  licht  bei  der 
Linie  6  finden  wir  sogar  die  Sehschärfe  5  angegeben.  Ich  möchte 
diesen  Zahlen  keinen  absoluten  Werth  beimessen,  weil  es  bei  far- 
bigem Licht,  wie  es  hier  beobachtet  ist,  schwer  ist,  sich  nicht  um 
grosse  Beträge  zu  irren,  aber  das  unterliegt  keinem  Zweifel,  dass 
dieser  Rothblinde  Grün  heller  gesehen  hat,  als  wir  es  sehen;  dass 
man  also  die  Irrthümer  in  seinen  Farbenangaben  nicht  aus  dem 
Fehlen  einer  roth-grünen  Substanz  bei  ihm  erklären  kann. 

Der  Zweite  von  den  Leuten  hatte 

für  roth  (C)  die  Sehschärfe  =  0,2 

für  die  Linie  D  =  0,7 

E  =  2,8 

F  =  3,0 

Noch  weiter  gegen  das  brechbare  Ende  des  Spectrums  zu 
nimmt  seine  verhältnissmässige  Sehschärfe  wieder  ab.  Analog  sind 
die  Zahlen  für  den  dritten  Rothblinden. 

Der  Grünblinde  hatte  für  Licht  von  der  Wellenlänge  C  eine 
Sehschärfe,  welche  2,7  mal  so  gross  war,  als  die  eines  normalsich- 
tigen Menschen,  dafür  war  seine  Sehschärfe  für  gelbes  Licht  nur 
0,5,  für  grünes  Licht  0,2,  für  violettes  hingegen  wieder  2,1. 

Das  ist  ein  ausserordentlich  wichtiges  Resultat.  Die  Herren  M. 
und  N.  sind  sich  dessen  vollkommen  bewusst,  dass  diese  Zahlen 
mit  der  Hering'schen  Theorie  absolut  unvereinbar  sind,  und  sie  sagen 
das  auch  mit  emphatischen  Worten.  Sie  unterlassen  es  aber  einst- 
weilen, auf  eine  naheliegende  Deutung  aus  der  Helmholtz'schen 
Theorie  hinzuweisen,  wenngleich  ich  nicht  zweifle,  dass  die  Herren 
Mace  und  Nicati  auch  auf  diese  Deutung  verfallen  sind.  Man 
kann  nämlich  annehmen,  dass  die  Rothblinden  nicht  einfach  keine 
rothempfindenden  Fasern  gehabt  haben,  sondern  vielmehr,  dass  die 
Fasern,  welche  bei  normalsichtigen  Menschen  rothempfindend  ge- 
wesen wären,  bei  ihnen,  je  nachdem,  bei  dem  Einen  ganz  zu  den 
grünempfindenden  geschlagen  oder  bei  dem  andern  zu  den  violett- 
empfindenden oder  in  irgend  einer  Weise  sonst  zwischen  Grünem- 
pfindung und  Violettempfindung  ausgetheilt  worden  sind.  Dafür 
spricht,  dass  der  rothblinde  Mann  für  violettes  Licht  so  empfind- 
lich war.    Endlich   ist   es   sehr  auffallend,    dass  der  Farbenblinde, 


Theorien  der  Farbenwahrnehmung.  89 

der  für  Grün  eine  so  geringe  Entscheidung  hatte,  für  die  beiden 
andern  von  Helmholtz  als  Grundfarben  gewählten  Farben  eine  so 
übermässige  Empfindlichkeit  hatte. 

Ich  bin  nicht  der  Meinung,  dass  man  aus  diesen  Daten  ohne 
Weiteres  auf  die  Unhaltbarkeit  der  Hering'schen  Theorie  schliessen 
kann,  ebenso  wenig,  wie  ich  der  Meinung  war,  dass  man  aus  den 
Erörterungen  von  Prof.  v.  Kries  ohne  Weiteres  ein  Verdammungs- 
urtheil  über  die  Hering'sche  Theorie  aussprechen  darf,  Hering  hat 
nur  in  vorläufigen  Mittheilungen  seine  Ansichten  dargelegt,  es  ist 
daher  noch  abzuwarten,  was  er  auf  alle  diese  Einwände  antworten 
wird.  Immerhin  aber  glaube  ich  zu  der  Behauptung  berechtigt  zu 
sein,  dass  bis  jetzt  weder  die  Helmholtz'sche  Theorie  wider- 
legt, noch  aber  die  Hering'sche  bewiesen  ist. 


+<s**ita*-*- 


VI. 

LocaMchen  und  OrgangefuMe. 

Von 

Prof.  Ernst  v.  Fleischt 

Assistenten  am  Wiener  physiologischen  Institute. 

(Am  21.  Februar  1882  von  der  Redaction  übernommen.) 


Im  LXXX1II.  Baude  der  Sitzungsberichte  der  Wiener  Akade- 
mie der  Wissenschaften  habe  ich  unter  dem  Titel  „physiologisch- 
optische Notizen"  eine  kleine,  aus  drei  von  einander  vollständig 
unabhängigen  Theilen  bestehende  Abhandlung  veröffentlicht. 

Der  erste  Theil  dieser  Abhandlung  lautet  wie  folgt: 

„In  einem  Blechschirme,  der  nahe  und  parallel  der  Flamme 
eines  Schmetterling-Brenners  aufgestellt  wurde,  befanden  sich  zwei 
runde  Löcher  von  einigen  Millimetern  Durchmesser  in  gleicher 
Höhe  und  in  einer  gegenseitigen  horizontalen  Entfernung,  welche 
der  Distanz  meiner  Pupillen  von  einander  gleichkam.  Das  Licht, 
welches  von  diesen  beiden  Oeffnungen  ausging,  wurde  nun  durch 
ein  System  reflectirender  und  brechender  Flächen,  die  in  unsym- 
metrischer Weise  aufgestellt  waren,  derart  im  Baume  herumgewor- 
fen und  von  gewissen  Stellen  des  Baumes  abgeblendet,  dass  ein 
Auge,  welches  sich  in  einiger  Entfernung  vor  dem  Schirme  hin- 
und  herbewegte,  in  rascher  Aufeinanderfolge,  aber  nach  ungleichen 
Intervallen  ein  Bild  einer  Oeffhung  erblickte.  Die  Gasflamme  wurde 
übrigens  so  eingeschlossen,  dass,  ausser  durch  jene  beiden  Löcher, 
kein  Licht  von  ihr  den  Baum  erhellte,  dieser  also  fast  ganz  dunkel 
war.  Ich  habe  nun  mit  dieser  einfachen  Anordnung  folgenden  Versuch 
angestellt.  Ich  setzte  mich  in  einer  Entfernung  von  1  —  V/z  Meter 


92  v.  Fleischl. 

vor  den  Schirm  und  schloss  beide  Augen,  machte  dann  mit  dem 
Oberkörper  oder  mit  dem  Kopf  eine  Bewegung  und  öflhete  nun  die 
Augen,  um  sie  dann  sofort  wieder  zu  schliessen,  achtete  jedoch 
darauf,  dass  ich  von  dem  Momente  an,  in  dem  ich  die  Augen  für 
kurze  Zeit  geöffnet  hatte,  keine  Bewegung  mehr  weder  mit  dem 
Rumpfe,  noch  mit  dem  Kopfe,  noch  mit  den  Augen  machte.  Bei 
jenem  Augenaufschlag  hatte  ich  entweder  kein  oder  ein  oder  zwei 
Bilder  gesehen,  und  wenn  einer  der  beiden  letzteren  Fälle  einge- 
treten war,  so  versuchte  ich  nachträglich  festzustellen:  für  den 
Fall,  dass  ich  ein  einziges  Bild  gesehen  hatte,  mit  welchem  der 
beiden  Augen  ich  es  gesehen  hatte,  und  für  den  Fall,  dass  ich 
zwei  Bilder  gesehen  hatte,  ob  ich  mit  jedem  Auge  eines,  oder  beide 
mit  demselben  Auge,  und  mit  welchem  Auge  ich  sie  beide  gesehen 
hatte.  Die  Kichtigkeit  meiner  Vermuthungen  prüfte  ich  dann,  indem 
ich,  ohne  meine  Stellung  verändert  zu  haben,  abwechselnd  das  eine 
und  das  andere  Auge  öffnete.  Hiebei  zeigte  es  sich,  dass  mein 
Urtheil  ungefähr  so  oft  falsch  war,  als  es  falsch  sein  musste  unter 
der  Voraussetzung,  dass  wir  keine  Kenntniss  davon  haben, 
mit  welchem  unserer  beiden  Augen  wir  etwas  sehen;  dass 
ich  also  z.  B.:  wenn  ich  blos  ein  Bild  erblickt  hatte,  ungefähr 
ebenso  häufig  auf  das  richtige  Auge  rieth,  wie  auf  das  falsche. 
Meine  Augen  wichen  in  der  kurzen  Zeit,  während  welcher  ich  sie 
geöffnet  hielt,  nicht  merklich  aus  ihrer  Parallelstellung  ab,  so  dass 
ich,  selbst  in  dem  Falle,  dass  ich  eine  der  beiden  Oeffhungen  gar 
nicht,  die  andere  aber  mit  beiden  Augen  sah,  Doppelbilder  erhielt; 
diese  Doppelbilder  vermochte  ich  nicht  zu  unterscheiden  von  jenen, 
die  entstanden,  wenn  ich  mit  einem  Auge  gar  nichts,  mit  dem  an- 
deren die  beiden  Oeffnungen  sah,  so  dass  ich  mich  auch  für  be- 
rechtigt halte,  den  Satz  auszusprechen,  dass  wir  keine  unmit- 
telbare Kenntniss  davon  haben,  ob  wir  monoculär  oder  bi- 
noculär  sehen. 

Diese  Beobachtungen  lassen  sich  noch  auf  mannigfache  andere 
Weise  anstellen,  doch  ist  immer  eine  gewisse  Vorsicht  notbwendig, 
um  alle  Umstände  auszuschliessen,  die  ims  zu  Elementen  für  einen 
Schluss  verhelfen  könnten.  Wenn  man  in  einem  von  mehreren 
Flammen  erleuchteten  Räume  einen  Brillanten  in  solcher  Entfer- 
nung vor  der  Nasenwurzel  hält,  dass  es  eben  noch  gelingt,  den- 
selben einfach  —  wenn  auch  undeutlich  —  zu  sehen  und  man  nun 


Localzeichen  und  Organgefühle.  93 

eine  ganz  kleine  drehende  Bewegimg  mit  dem  Steine  ausfuhrt,  so 
gerathen  sämmtliche  Spectra  in  Bewegung,  einige  verschwinden, 
neue  tauchen  auf.  Man  frage  sich  nun  von  einem  solchen  eben 
aufgeblitzten  Spectrum,  mit  welchem  Auge  man  es  sieht,  und 
prüfe  dann  die  Kichtigkeit  der  Antwort  durch  abwechselndes 
Schliessen  der  Augen.  Auch  hiebei  wird  man  ungefähr  ebenso  häu- 
fig falsch  wie  richtig  rathen. 

Aus  diesen  Versuchen  scheint  mir  hervorzugehen,  dass  ein 
„Organgefühl"  der  Augen  in  dem  Sinne,  wie  es  in  neuerer  Zeit 
gelegentlich  zur  Beantwortung  physiologischer  und  psychologischer 
Fragen  angenommen  wurde,  und  von  welchem  sogar  unser  Raum- 
sinn  abzuleiten  versucht  wurde,  nicht  existirt.  Es  mag  immerhin 
zugegeben  werden,  dass  sehr  bald  nach  excessiven  adäquaten  Sin- 
nesreizen sich  Veränderungen  in  dem  gereizten  Organe  secundär 
ausbilden,  die  nun  vermittelst  der  dem  Organe  angehörigen  schmerz- 
empfindenden Nerven  wahrgenommen  und  richtig  localisirt  werden 
—  eine  directe  Wahrnehmung  der  anatomischen  Lage  des  gereiz- 
ten Sinnesapparates,  ein  Organgefühl  kann  selbst  bei  sehr  inten- 
siven Beizen  —  für  das  Auge  wenigstens  —  nach  dem  eben  Mit- 
geteilten nicht  zugegeben  werden". 


Gegen  diese  Mittheilung  richtet  sich  ein  in  dem  letzten  Hefte 
dieser  Jahrbücher  enthaltener  Aufsatz  von  Hrn.  Prof.  S.  Stricker1). 

Ich  will  nun  im  Folgenden,  um  der  Geduld  des  Lesers  nicht 
zu  viel  zuzumuthen,  von  vielen  mehr  persönlichen  Bemerkungen, 
welche  in  diesem  Aufsatze  enthalten  sind,  absehen  imd  nur  einige 
Punkte  berühren,  deren  Darstellung  in  dem  erwähnten  Aufsätze 
geeignet  ist,  denjenigen  Lesern,  welche  nicht  von  vornherein  über 
die  Sache  unterrichtet  sind,  irrige  Vorstellungen  über  zum  Theil 
sehr  wichtige  Dinge  beizubringen. 

Der  erste  von  diesen  Punkten  betrifft  die  „Localzeichen". . 

Eine  Gesichtsempfindung  unterscheidet  sich  von  einer  Tonem- 
pfindung durch  die  „Modalität  der  Empfindung". 

Eine  andere  minder  eingreifende  Unterscheidung  ist  die  zwi- 
schen  verschiedenartigen   Empfindungen   desselben    Sinnesorganes, 

*)  S.  Stricker,  Beiträge  zur.  Kenntniss  der  Organgefühle.  Diese  Jahr- 
bücher 1881,  pag.  545—563. 


94  v-  Fleischl. 

z.  B.  zwischen  roth  und  grün;  diese  unterscheiden  sich  voneinander 
durch  die  „ Qualität  der  Empfindung". 

Zwei  Empfindungen  von  gleicher  Qualität  können  sich  noch 
durch  ihre  „Intensität"  voneinander  unterscheiden. 

Nun  unterscheiden  wir  aber  an  Modalität,  an  Qualität  und  auch 
an  Intensität  gleiche  Empfindungen  doch  noch  von  einander,  wenn  sie 
von  verschiedenen  Stellen  der  empfindenden  Oberfläche1)  ausgehen. 
Dasjenige,  wodurch  sich  solche  Empfindungen  noch  für  uns  von 
einander  unterscheiden,  das  ist  das  von  Lotze  jeder  Elementar* 
Empfindung  zugeschriebene,  ihr  eigenthümliche  „Localzeichen". 
Die  Localzeichen  entbehren,  da  nach  Lotze's  Meinung  die  Empfin- 
dungen selbst  kein  räumliches  Element  enthalten  können,  jeder 
unmittelbaren  Beziehung  auf  den  Baum,  werden  aber  von  uns  zur 
Cönstruction  des  Raumes  verwendet.  Also  dasjenige  subjective 
Element  in  jeder  Empfindung,  welches  uns  befähigt,  je  zwei  gleich- 
zeitige an  Qualität  und  Intensität  einander  gleiche  Empfindungen,  doch 
noch  von  einander  zu  unterscheiden;  hingegen  je  zwei  nur  der  Zeit 
nach  verschiedene  sonst  aber  identische  Empfindungen  als  identische 
zu  erkennen  —  das  nennt  man  „Localzeichen  der  Empfindung". 

Stricker  behauptet,  ich  weise  die  Hypothese  von  den  Local- 
zeichen zurück.  Um  diese  in  Wirklichkeit  völlig  unbegründete  Behaup- 
tung seinen  Lesern  glaublich  zu  machen,  gibt  er  ihnen  folgenden  durch- 
aus unzutreffenden  Bericht  über  das,  was  Begründer  und  Verthei- 
diger  der  Hypothese  von  den  Localzeichen  unter  „Localzeichen" 
verstehen.  Er  sagt  nämlich  (1.  c.  pag.  549) :  „ —  —  In  diesem 
„Sinne  hat  Lotze  die  Hypothese  von  den  »Localzeichen4  eingeführt, 
„und  hat  Helmholtz,  der  Empirist  ist,  diese  Hypothese  ange- 
ln ommen.  Diese  Hypothese  sagt:  Wir  müssen  ein  ursprüngliches 
„(angeborenes)  Vermögen  besitzen,  den  Ort,  an  welchem  unsere 
„Nerven  in  der  Peripherie  gereizt  werden,  zu  erkennen,  wir  müssen, 
„um  es  mit  anderen  Worten  auszudrücken,  ein  ursprüngliches  Zei- 
chen besitzen,  welches  uns  über  die  Localität  der  gereizten  Stelle 
„Auskunft  gibt  u.  s.  w.tt.  — 

Dass  Lotze  uns  nichts  weniger,  als  ein  angeborenes  Ver- 
mögen „den  Ort  an  welchem  unsere  Nerven  an  der  Peripherie  ge- 
reizt werden,  zu  erkennen"  zugeschrieben  hat,  indem  er  uns  „Local- 

')  Die  ganze  Auseinandersetzung  bezieht  sich  nur  auf  den  Gesichts- 
und Tastsinn. 


Localzeichen  und  Organgefühle.  95 

zeichen"  zuschrieb,  geht  aus  seiner  ganzen  Darstellung  hervor,  be- 
sonders deutlich  aus  folgenden  Worten  LotzeV):  »Die  Local- 
„zeichen  bilden  immer  ein  an  sich  ganz  unräumliches,  arithmetisch- 
qualitatives  Beihensystem". 

Ferner  geht  es  hervor  aus  der  ganzen  Darstellung,  welche 
Helmholtz  von  dieser  Lehre  gibt,  u.  A.  aus  dem  Satze2):  „Von 
„welcher  Art  diese  letzteren  (die  Localzeichen)  sind,  darüber  wissen 
„wir  gar  nichts;  dass  dergleichen  da  sein  müssen,  schli essen  wir 
„eben  nur  aus  dem  Umstände,  dass  wir  Lichteindrücke  auf  ver- 
schiedenen Theilen  der  Netzhäute  zu  unterscheiden  vermögen". 
"Wohlgemerkt:  „Lichteindrückett  unterscheiden  wir  von  einander 
vermöge  der  Localzeichen,  und  nicht  Netzhautstellen,  wie  Stricker 
seine  Leser  glauben  macht. 

Ein  auf  diese  Weise  beim  Leser  hervorgerufenes  Missver- 
ständni8s  würde  dieser  aber  nicht  etwa  mit  dem  Autor,  der  es 
hervorgerufen  hat,  theilen ;  denn  dieser  ist  in  Wirklichkeit  ganz  gut 
über  die  Sache  unterrichtet,  er  weiss  sehr  wohl,  dass  die  Anschau- 
ung, Localzeichen  seien  Ortsempfindungen,  nicht  Lotze's  und  Helm- 
holtz's,  sondern  seine  Anschauung  ist;  wenigstens  wusste  er  es 
vor  fünf  Jahren,  als  er  in  dichtem  Anschlüsse  an  das  auch  hier 
wiedergegebene  Citat  von  Helmholtz  über  die  Localzeichen  sagte8): 
„Doch  sage  ich  nicht,  es  sei  uns  unbekannt,  welcher  Art  sie  sind, 
„sondern  ich  spreche  sie  als  unmittelbare  ursprüngliche  Ortsempfin- 
„dungen  an". 

Lotze  hat  sich  dieser  ganz  neuen  Auffassung  soviel  mir  be- 
kannt ist  nicht  angeschlossen,  Helmholtz  vertritt  in  einer  meister- 
haften Bede,  auf  die  ich  noch  zu  sprechen  komme,  eine  dieser  Auf- 
fassung geradezu  entgegengesetzte  —  Stricker  hingegen  führt 
seine  Privat-Meinung  dem  Leser  unter  der  Firma  Lotze-Helm- 
holtz  vor.    Es  thut  mir  leid,  aber  das  musste  gesagt  werden. 

Nun  komme  ich  zu  den  „Organgefühlen".  Von  diesen  sagt 
Stricker  seinen  Lesern  zwar,  dass  sie  durch  ihn  in  diese  Lehre 
einbezogen  wurden,   und  sagt  ihnen  auch,  aus  welchen  Gründen  er 

')  Mittheilung  Lotze'siniStumpf,  Ueber  den  psychologischen  Ursprung 
der  Raumvorstellung  p.  322. 

■)  Helmholtz,  Physiologische  Optik,  p.  530. 

•)  Stricker,  Unters,  üb.  d.  Ortsbewusstsein  u.  s.  w.  Wiener  Akadem.- 
Berichte.  LXXVI.  Bd.  EL  Abth.  p.  10  des  Sep.-Abdr. 


96  v.  Fidschi. 

sie  für  nothwendig  hält.  Dadurch  wird  aber  die  irrige  Meinung, 
die  er  seinen  Lesern  über  das  beigebracht  hat,  was  Lotze  und 
Helmholtz  unter  Localzeichen  verstehen,  nicht  rectificirt. 

Gegen  diese  Organgefühle  und  nicht  gegen  die  Localzeichen 
spricht  nun  der  von  mir  angestellte  Versuch  und  der  daraus  ge- 
zogene Schluss.  Es  ist  ein  Irrthum,  wenn  Stricker  meint,  dass 
meine  physiologisch-optischen  Notizen  „geeignet  sind,  eine  der 
„wichtigsten  Lehren  der  Psychologie  in  ihren  Fundamenten  zu  er- 
schüttern* *);  es  ist  ein  kaum  begreiflicher  Irrthum,  wenn  er  sagt2): 
„Dem  Wortlaute  der  Publication  zufolge  hat  Herr  Prof.  v.  Fleischl 
„seine  Behauptungen  gegen  jene  Fundamente  der  Lehre  von  den 
„Kaumvorstellungen  gerichtet,  welche  in  den  letzten  25  Jahren  als 
„feststehend  anerkannt  worden  sind". 

So  wichtig  und  so  alt  ist  die  Lehre  von  den  Organgefühlen 
nicht,  wohl  aber  die  von  den  Localzeichen,  mit  der  hat  aber  meine 
ganze  Notiz  nichts  zu  schaffen. 

Hier  will  ich  beiläufig  bemerken,  dass,  wenn  dem  Allem 
nicht  so  wäre,  und  ich  wirklich  eine  wichtige  und  alte  Lehre  zu 
erschüttern  versucht  hätte,  ich  an  und  für  sich  auch  daran  nichts 
fände,  es  ist  schon  öfters  vorgekommen,  dass  wichtige  und  alte 
Lehren  erschüttert  wurden.  — 

« 

Ein  anderer  Punkt,  über  welchen  bei  dem,  sonst  nicht  mit 
diesen  Fragen  vertrauten,  Leser  des  Stricker'schen  Aufsatzes  noth- 
wendig ein  Missverständniss  eintreten  muss,  ist  in  jenem  Aufsatze 
unter  Abschnitt  I.  behandelt. 

Dieser  Abschnitt  I.  beginnt  mit  folgenden  Worten8):  „Die 
„Behauptung  des  Herrn  Prof.  v.  Fleischl,  dass  seinen  Versuchen 
„zufolge  die  Organgefühle  der  Augen  nicht  zu  existiren  scheinen, 
„steht  auf  derselben  logischen  Grundlage  wie  die  Behauptung  jenes 
„Herrn,  der  im  Juli  ein  Flussbad  genommen  hat,  und  daraufhin 
„das  Vorkommen  zugefrorener  Flüsse  läugnet".  Hätte  ich  keine  so 
grosse  Abneigung  gegen  Beispiele  und  Gleichnisse,  so  müsste  ich 
hierauf  antworten:  Mein  Gegner  ist  ein  Mann,  der  behauptet,  alle 
Flüsse  sind  immer  zugefroren  —  einem  solchen  gegenüber   ist   die 


*)  Stricker,  Beiträge  zur  Kenntniss  der  Organgefühle.    1.  c.  p.  545. 

*)  1.  c. 

8)  1.  c.  p.  552. 


Localzeichen  und  Organgefühle.  97 

glaubhafte  Versicherung,  man  habe  einmal  ein  Flussbad  genommen, 
ganz  am  Platze. 

Die  Sache  liegt  nämlich  nicht  etwa  so,  dass  Stricker  be- 
hauptet hätte,  Organgefühle  kämen  gelegentlich  vor,  und  ich  nun 
gemeint  hätte,  gegen  diesen  Satz  durch  den  Nachweis  eines  Falles 
in  dem  sie  nicht  vorkommen,  etwas  auszurichten;  sondern  sie  liegt 
vielmehr  so,  das  Stricker  behauptet  hat  mit  jeder,  absolut 
jeder  normalen  Sinneswahrnehmung  sei  das  Bewußtsein  des  Ortes 
der  gereizten  Sinnesoberflache  verknüpft,  und  ich  für  die  all  er- 
wichtigste und  grösste  Gruppe  von  Sinneswahmehmungen  das  Fehlen 
dieses  Bewusstseins  nachgewiesen  habe. 

Dass  diese  meine  Darstellung  von  der  Lage  der  Sache  die 
richtige  ist,  und  nicht  etwa  jene  Vorstellung  von  der  Lage  der 
Sache,  welche  in  jedem  Leser  durch  den  oben  citirten  Vergleich 
Stricker' s  erweckt  wird,  —  das  geht  aus  folgenden  Stellen  der 
Stricker'schen  Abhandlung  .Untersuchungen  über  das  Ortäbewusst- 
sein  und  dessen  Beziehungen  zu  der  Baumvorstellung'' f)  hervor. 

pag.  8.  „An  jede  Empfindung  knüpft  sich  das  Bewusst- 
„8 ein  zweier  Orte,  und  zwar,  eines  Ortes  im  Centrum  und 
„eines  in  der  Peripherie*. 

Dieser  Satz  ist  im  Original,  wie  hier,  mit  gesperrter  Schrift 
gedruckt;  er  ist  eines  der  drei  Hauptergebnisse  der  ganzen  Ab- 
handlung. Das  hier  für  jede  Empfindung  behauptete  BewTjj-ati-ein 
eines  Ortes  in  der  Peripherie  ist  nichts  andere*  als  da*  von  n.ir 
fftr  den  Fall  des  Sehens  bestrittene  Orgatgefühl  de«  Aq?<*.  Ya 
geht  dies  u.  A.  aus  folgender  Stelle  der  Stricker'schen  Abhandlung 
hervor,  (pag.  20):  .Da  ich  in  dem  Ab-chn.tte  A  gezeigt  habe, 
„dass  sich  an  jede  psychische  Function  ein  Bewusst>.ein  de*  Orte« 
„knüpft,  an  welchem  sie  ausgelfct  wird:  ferner  m  dem  Abschnitt* 
„B.,  dass  wir  uns  bei  jeder  normalen  Empfindong  auch 
„desjenigen  Ortes  im  peripheren  Xerver.  bewuaat  w*rd<*n, 
.aufweichen  der  Gegenstand  >ier  Empfinding  zewirk*:  hat, 
„so  ist  hiermit  die  ursprüngliche  d:;-pehe  Is&rmq  vr*\**.*xsx ,. 


f)  Wiener  akad.  Sitzungs-IterähTa  \.\XT*l.  Jui.  !*TT.  1»  .v--/V7.Mr.>fl 
sind  nach  dem  Sep.-Abdr.  dtirt. 

■)  Die  Hervorhebung  einzeln*?  Sa*  jrh  ■*:".•»  ti.**h  jr**n*rrv  in.-I  f**te 
Schrift  in  diesem  Citate  rührt  von  mir  :.*t.  F. 

Med.  Jakrbftcker.  1882.  - 


98  ▼-  Fleischl. 

Wie  man  sieht,  sind  diese  Sätze  in  vollkommener  Allgemein- 
heit, ohne  Beschränkung  hingestellt.  Das  genügt  für  mich.  Aber 
es  ist  der  Fall,  den  ich  bestritten  habe,  auch  noch  in  specieller 
Erwähnung  hervorgehoben,  pag.  22.  „Wir  lociren,  wie  ich  schon 
erwähnt  habe,  die  Tonempfindungen  gleich  den  Gesichts-  und 
Tastempfindungen  central  und  peripher".  —  Sonach  ist  wohl  die 
gänzliche  Haltlosigkeit  der  Behauptung,  meine  Logik  gleiche  der 
des  Herrn,  der  ein  Flussbad  genommen  hat  u.  s.  w.,  nachgewiesen. 

Ein  weiterer  Punkt,  der  der  Aufklärung  bedarf,  betrifft  die 
Stärke  der  in  meinen  Versuchen  angewandten  Lichtreize. 

Für  die  Lichtstärken,  mit  welchen  ich  die  Augen  reizte,  gibt 
Stricker  die  Eichtigkeit  meiner  Beobachtungen  zu;  und  stellt  nach 
einer  etwas  anderen  Methode  Versuche  mit  demselben  Ergebnisse  an, 
welches  sich  mir  dargeboten  hatte.  Es  wäre  also  an  ihm  gewesen  zu 
erklären,  dass  sein  in  grösster  Allgemeinheit  hingestellter  Lehrsatz 
falsch  ist,  dass  er  sich  vielmehr  davon  überzeugt  hat,  dass  "für  die 
Augen  ein  solches  Bewusstwerden  des  Ortes  in  peripheren  Nerven, 
auf  welchen  der  Beiz  gewirkt  hat,  nicht  stattfinde.  Statt  jedoch 
diesen  nothwendig  gewordenen  Bückzug  anzutreten,  sagt  Stricker, 
ich  hätte  mit  stärkeren  Lichtreizen  arbeiten  müssen,  um  meinen 
Ausspruch  zu  begründen;  bei  stärkeren  Beigen  sei  das  von  ihm 
behauptete  Unterscheidungs vermögen  der  Augen"  nachweisbar.  Hiezu 
war  aber  in  Wirklichkeit  gar  keine  Veranlassimg  für  mich  vorhan- 
den, denn  Stricker  hat  seinen  Satz  wie  ich  bereits  mehrmals  her- 
vorhob, ganz  allgemein  hingestellt  —  im  Gegentheile  durfte  ich 
eine  gewisse  Lichtstärke  nicht  wohl  überschreiten,  denn  die  einzige 
Beschränkung,  die  Stricker  der  Allgemeinheit  seines  Satzes  aufer- 
legt hat,  liegt  darin,  dass  er  sich  der  Worte  bedient  „bei  jeder 
normalen  Empfindung"  1).  Welchen  Sinn  hat  wohl  die  Zumuthung, 
die  Stricker  mir  macht,  ich  solle  um  die  Vorgänge  bei  der  nor- 
malen Empfindung  zu  prüfen,  abnorme  Beize  anwenden? 

Ich  konnte  von  vorneherein  nicht  wissen,  in  welcher  Beziehung 
die  Empfindungen  „normal"  sein  müssen,  damit  der  Stricker'sche 
Satz  auf  sie  seine  Anwendung  finde.  Dass  aber  die  Empfindungen, 
mit  denen  ich  gearbeitet  habe,  welche  also  auch  in  Beziehung  auf 
Intensität  weder  abnorm  stark  noch  abnorm  schwach  waren,  über- 
haupt „normale"  waren,  unterliegt  gar  keinem  Zweifel.    Dass  man 

')  S.  d.  Citat  p.  97. 


Localzeichen  und  Organgefühle.  99 

femer  von  einem  Wesen,  dessen  rechtes  Auge  von  einem  Lichtreiz 
getroffen  wurde,  und  welches  nachher  nicht  weiss,  dass  sein  rechtes 
Auge  getroffen  wurde,  sondern  die  Angabe  macht,  es  sei  das  linke 
gewesen;  dass  man  von  einem  solchen  Wesen  nicht  sagen  kann: 
dasselbe  werde  sich  bei  jeder  Empfindung  auch  desjenigen  Ortes  im 
peripheren  Nerven  bewusst,  auf  welchen  der  Gegenstand  der  Em- 
pfindung gewirkt  hat,  ist  ebenfalls  keinem  Zweifel  unterworfen. 
Sonach  ist  also  unzweifelhaft)  der  von  Stricker  in  solcher  Allge- 
meinheit ausgesprochene  Satz  falsch;  und  ich  glaube  es  wäre  am 
einfachsten  gewesen,  dieses  zuzugeben. 

Prof.  Stricker  macht  statt  dessen  in  einem  II.  Abschnitte 
seiner  Streitschrift  noch  einen  vergeblichen  Versuch  seinen  Lehr- 
satz zu  retten.  Dieser  Versuch  liegt  in  folgenden  Worten1):  „Wenn 
„ich  nämlich  bei  schwächeren  Lichtintensitäten  auch  nicht  zu  ent- 
scheiden vermag,  mit  welchem  Auge  ich  sehe,  so  weiss  ich  doch 
„ganz  bestimmt,  dass  ich  mit  den  Augen  sehe." 

„Ich  weiss,  dass  ich  mit  den  Augen  sehe,  weil  ich  es  fühle, 
„und  keine  wie  immer  geartete  Nachricht  kann  mich  dieser  Er- 
„kenntniss  entfremden.  Nun  ist  es  mir  bekannt,  dass  es  Menschen 
„mit  stumpferen  Sinnen  gibt,  die  behaupten,  sie  wüssten  nicht,  dass 
„sie  mit  den  Augen  sehen,  wenn  sie  nicht  die  Erfahrung  machen 
„würden,  dass  sie  bei  geschlossenen  Augen  nicht  sehen". 

Dass  man  nicht  unmittelbar  weiss,  mit  welchem  Auge  man 
sieht,  ist  für  sich  ganz  allein  ausreichend,  um  die  Lehre  von  der 
peripheren  Locirung  in  der  Form,  welche  ihr  Erfinder  ihr  selbst 
gegeben  hat,  umzustossen  —  wenn  Stricker,  um  einen  Best  dieser 
Lehre  zu  retten,  behauptet:  dass  wir  überhaupt  vermittelst  der 
Augen  sehen,  wissen  wir  nicht  aus  Erfahrung,  sondern  daher,  dass 
wir  es  fühlen;  so  ist  dies  eine  neue  Frage,  deren  Beantwortung  an 
der  bereits  getroffenen  Entscheidung  im  Principe  nichts  ändert,  es 
wird  aber  der  Beweis  für  diese  Behauptung  Stricker's  abzuwarten 
sein,  ehe  man  ihr  weitere  Folgen  beimisst.  Leicht  wird  dieser  Be- 
weis, der.  Natur  der  Sache  nach,  nicht  zu  erbringen  sein  —  es  sind 
diese  Dinge  den  strengen  wissenschaftlichen  Methoden  schwer  und 
nur  an  wenigen  Punkten  zugänglich  —  habe  ich  doch  auch  meine 
Beobachtung,  die  den  Ausgangspunkt  dieser  Discussion  bildet,  nur 
deshalb    für    der    Erwähnung    werth    gehalten,    weil    sie    einen 

')  p.  558. 


100  v-  Fleischt 

der  objectiven  Controlle  unterwerfbaren   Fall   aus   diesem   Gebiete 
betrifft. 

Welcher  Art  immer  diese  Beweise  sein  werden  —  jedenfalls 
werden  sie  in  etwas  anderem  zu  bestehen  haben,  als  darin,  dass 
jene  Beobachter,  welche  behaupten,  sie  wüssten  nur  durch  den  Ver- 
such, dass  sie  mit  den  Augen  sehen,  für  Menschen  mit  „stumpferen 
Sinnen"  ausgegeben  werden. 

Woher  wir  wissen,  dass  wir  mit  den  Augen  sehen,  dass  soll 
ja  erst  entschieden  werden,  da  kann  man  doch  nicht  damit  anfangen 
zu  sagen:  wer's  nicht  so  entscheidet  wie  ich,  der  hat  eben 
stumpfere  Sinne.  Uebrigens  handelt  es  sich  hiebei  nicht  nur  um 
die  Schärfe  der  Sinne,  sondern  auch  um  die  Schärfe  und  Ver- 
lässlichkeit  des  Urtheils  darüber,  ob  gewisse  mit  Sinneswahrneh- 
mungen vielfach  verknüpfte  Bewusstseins-Acte  unmittelbar  aus  der 
jedesmaligen  Thätigkeit  des  Sinnesorganes  entspringen,  oder  ob  sie 
eine  andere  Quelle  haben  und  nur  durch  Associationsgewohnheit 
in  so  nahe  Beziehung  zur  Sinneswahrnehmung  gestellt  sind.  Solche 
Fragen  sind  im  allgemeinen  äusserst  schwierig  zu  beantworten,  und 
es  möchte  kaum  angehen,  dem  einen  oder  dem  anderen  Forscher, 
geschweige  denn  sich  selbst,  einen  höheren  Grad  von  Befähigung 
hiefür  zuzusprechen,  respective  den  Uebrigen  abzusprechen. 

Sehen  wir  uns  nun  nach  den  Beweisen  etwas  objectiverer  Natur 
um,  die  Stricker  für  seine  Behauptung  vorbringt,  so  finden  wir 
deren  zwei  vor,  die  übrigens  Stricker  selbst,  und  zwar  mit  Recht, 
nicht  für  ganz  beweisend  hält;  denn  er  sagt,  nachdem  er  sie  vor- 
getragen hat  *) :  „Ich  habe  auch  gar  keine  Neigung  den  Beweis 
„an  diesem  Orte  durch  eine  weitere  Argumentirung  auf  das  schärfste 
„herzustellen". 

Der  eine  von  den  Beweisen  Stricker' s  stützt  sich  auf  die 
bekannte  Bemerkung,  „dass  man  sich  die  Kegion  des  Hinterhauptes 
„weder  hell  noch  dunkel  und  überhaupt  in  keiner  Lichtqualität 
„vorstellt".  Die  zweite  Stütze  für  seine  Ansicht  findet  Stricker  in 
dem  berühmten  Falle  Cheselden's,  in  welchem  der  blindgeborene 
Knabe  nach  der  Operation  zuerst  meinte  die  gesehenen  Gegenstände 
berührten  seine  Augen. 

Das  letztere  Argument  scheint  mir  eher  gegen  Stricker's 
Auffassung  zu  sprechen,   indem  es  zeigt,    wie   sehr   wir   in   diesen 

*)  p.  559. 


Localzeichen  und  Organgefüblc.  101 

Dingen  von  unseren  auf  andere  Weise  gewonnenen  Erfahrungen 
abhängen  —  der  Knabe,  der  noch  keine  ordentlichen  Erfahrungen 
mit  seinem  Gesichtssinne  gemacht  hatte,  verwerthete  eben  in 
plumpster  Weise  die  aus  seinem  Tastsinne  abstrahirten  Erfahrun- 
gen indem  er  meinte,  das  Sinnesorgan  müsse  von  den  Gegenstän- 
den selbst  berührt  werden.  Dass  er,  der  13jährige  Junge,  der 
immer  gehört  hatte,  es  fehle  ihm  etwas  an  den  Augen,  eine  Fähigkeit, 
die  die  anderen  Menschen  haben  u.  s.  w.,  er,  an  dessen  Augen 
«ine  sehr  empfindliche  Operation  vorgenommen  war,  in  Folge  deren 
eine  so  fundamentale  Veränderung  mit  ihm  eintrat,  den  Inhalt  der 
neuen  Wahrnehmungen  in  Beziehung  zu  seinen  Augen  setzte,  ist 
ganz  natürlich  und  es  folgt  hieraus  nichts  für  die  Annahme  eines 
Organgef&hles  oder  für  die  Annahme,  man  erfahre  unmittelbar  aus 
dem  Gef&hle,  dass  man  mit  den  Augen  sieht.  Was  aber  mehr  nocli 
als  alles  dies  die  Verwerthung  des  Falles  im  Sinne  Stricker's  ans- 
schliesst,  ist,  dass  dieser  Knabe  schon  vor  der  Operation  (es  han- 
delte sich  um  angeborenen  grauen  Staar)  ein  nicht  unbeträchtliches 
Sehvermögen  hatte,  Liebt  und  Dunkel  unterschied,  und  die  Rich- 
tung, aus  der  das  Licht  kam,  durch  Bewegungen  seines  Körpers 
und  seiner  Augen  aufzusuchen  vermochte.  Hiernach  beweist  also 
dieser  Fall  gar  nichts,  denn  der  Knabe  wussto  längst  vor  der 
Operation  aus  der  Erfahrung  von  einer  Beziehung  des  Lichts  zu 
seinen  Augen.  Stricker  musste  das  wissen,  denn  Helmholtz,  aus 
dessen  physiologischer  Optik  er,  wie  er  sagt,  den  Fall  kennt,  erwähnt 
es  daselbst  nachdrücklich  und  ausführlich  *)  und  knüpft  einige  Be- 
merkungen daran. 

Wie  die  Bemerkung,    dass  man  sich  den   Raum    hinter   dem 
Hinterhaupt  weder  hell  noch  dunkel  vorstelle,   oder  wie   der   Um- 
stand,  dass  man  sich  auch  über  die   Lage    des   dunklen   Gesichts- 
feldes klar  ist,  zur  Entscheidung  der  Frage  etwas  beitragen  sollen, 
ob  unsere  Kenntniss  von  der  Function  der  Augen   angeboren   oder 
erworben  ist  —  das  sehe  ich  nicht  ein.    Ob   diese   Frage  in   dem 
einen  oder  in  dem   anderen   Sinne   entschieden   wird,    ist  für   das 
VerstÄndniss  jener  Thatsachon  vollkommen  gleichgiltig.     Zum   Be- 
ireise hiefttr  werde  ich  dieselben  erklären  unter  Voraussetzung  einer 
Werts*  getroffenen  Entscheidung  jener  Frage,   und  zwar  werde  ich 

')  Helmholtz,  physiol.  Optik,  p.  587,  588. 


102  v.  Fidschi. 

jene  Entscheidung  voraussetzen,  deren  Unhaltbarkeit  Stricker  durch 
den  Hinweis  auf  diese  Thatsachen  zu  begründen  glaubt.  Ich  setze 
also  voraus,  dass  ich  aus  der  Erfahrung  und  nur  aus  der  Erfahrung 
weiss:  1.  dass  ich  Augen  habe,  2.  dass  ich  mit  den  Augen  sehe, 
3.  dass  die  Grenzen  meines  Sehfeldes  bestimmte  Lagen  gegen 
meinen  Kopf  und  meine  Augen  haben,  4.  dass  die  Qualität  der 
Empfindimg,  welche  wir  „schwarz*  nennen  und  welche  bei  offenen 
Augen  und  in  hellen  Bäumen  nur  gelegentlich  Theile  meines  Ge- 
sichtsfeldes erfüllt,  eine  über  das  ganze  Gesichtsfeld  verbreitete  wird, 
sobald  ich  die  Augen  schliesse  oder  in  einen  dunklen  Baum  trete. 

Nun,  um  in  irgend  einer  Bichtung  des  Baumes  schwarz  zu 
sehen,  dazu  gehört  zweierlei:  erstens  das  Bewusstsein,  dass  von 
dieser  Bichtung  her  unser  Auge  erregt  werden  könnte;  und  zweitens 
die  Thatsache,  dass  es  von  dieser  Bichtung  her  nicht  erregt  wird. 
Was  jenes  Bewusstsein  anlangt,  so  ist  der  Grad  analytischer  Deut- 
lichkeit der  ihm  zukommt  irrelevant,  möglicher  Weise  braucht  es 
blos  ein  sehr  unvollkommen  ausgesprochenes  zu  sein ;  was  für 
unsere  Frage  von  Bedeutung  ist,  das  ist  die  Quelle,  die  Provenienz 
dieses  Bewusstseins,  und  diese  kann  ebensowohl  in  den  drei  ersten 
der  oben  angefahrten  Erfahrungs-Eesultate  liegen,  als  sie  in  einer 
angeborenen  Orientirung  hierüber  liegen  kann.  Wenn  also  dieses 
Bewusstsein  aus  der  Erfahrung  stammt,  so  gibt  es  uns  dämm  nicht 
minder  die  Bichtung  an,  aus  der  eine  Erregung  der  Augen  statt- 
finden könnte;  und  wenn  diese  Erregimg  nun  nicht  stattfindet,  so 
gibt  es  uns  eben  die  Bichtung  an,  in  der  wir  schwarz  sehen.  Dem- 
nach spricht  die  Thatsache,  dass  wir  bei  geschlossenen  Augen  den 
Baum  vor  unseren  Augen,  und  nur  diesen,  schwarz  sehen,  in  keiner 
Weise  gegen  die  Annahme,  dass  wir  die  Function  unserer  Augen 
erst  durch  den  Gebrauch  und  die  Erfahrung  kennen  lernen;  durch 
die  Erfahrung  nämlich,  dass  mit  den  Bewegungen  der  Augen  der 
Inhalt  des  Sehfeldes  sich  in  regelmässiger  Weise  ändert  und  dass 
nach  Bedeckung  der  Augen  jeder  Inhalt  des  Sehfeldes1)  schwindet. 

Hiedurch  ist  nun  jener  Best  von  Organgefuhl,  den  Stricker 
noch  zu  retten  versucht,  nämlich  das  allgemeine  Gefühl,  dass  wir 
überhaupt  mittels  der  Augen  sehen,  zwar  als  unbewiesen  und  zur 
Erklärung  der  Thatsachen  nicht  erforderlich  dargestellt;  sein  Be- 
stehen jedoch  nicht  als  unmöglich  bezeichnet.  Zur  Construction  des 

')  Die  Nachbilder  und  den  Nebel  des  duuklen  Gesichtsfeldes  ausgenommen. 


Localzeichen  und  Organgefühle.  103 

Baumes  werden  aber  so  stumpfe  und  undeutliche  Gefühle,  die 
sich  nicht  einmal  in  die  beiden  Organe  des  feinst  ausgebildeten 
Sinnes  gesondert  erstrecken,  kaum  verwerthbar  sein,  und  darum 
habe  ich  in  meiner  kleinen  Notiz  auch  nicht  das  Organgefühl  der 
Augen  überhaupt  bestritten,  sondern  nur  in  dem  Sinne,  wie  es  in 
neuerer  Zeit  zur  Beantwortung  gewisser  Fragen  angenommen,  und 
in  welchem  es  zur  Ableitung  des  Kaumsinnes  verwerthet  wurde, 
und  gerade  diese  Einschränkung  erscheint  Stricker  so  wenig  ge- 
rechtfertigt, dass  er  von  ihr  sagt1):  „Wenn  es  aber  dem  Autor 
„darum  zu  thun  gewesen  wäre,  durch  die  physiologisch-optischen 
„Notizen  die  herbste  Kritik  wachzurufen,  er  hätte  es  nicht  geschick- 
ter anstellen  können,   als  durch  die  genannte  Einschränkung u. 

Bei  der  Deutung  der  Veränderungen  in  unserem  Innern 
auf  eine  Aussenwelt  schliessen  wir  in  eminenter  Weise 
die  Eeconstruction  der  Vorgänge  im  Sinnesorgan  aus;  — 
wir  rechnen  nicht  etwa  unsere  Localzeichen  um,  auf  Zu- 
stände des  Sinnesorganes,  und  dann  diese  auf  Ursachen  in 
der  Aussenwelt;  sondern  wir  (fonstruiren  unmittelbar  aus 
den  Localzeichen  ihr  supponirtes  objectives  Correlat. 
Hienach  würde  ein  directes  Bewusstwerden  der  Vorgänge  und  ihrer 
Orte  im  Sinnesorgan  uns  über  Einzelnheiten  belehren,  deren  Kennt- 
nis? wir  nicht  verwenden  und  bedürfen,  deren  Einmischimg  uns  also 
nur  stören  würde,  so  lange  es  sich  um  die  naturgemässe  Verwen- 
dimg der  Sinne  zum  Erfassen  der  Aussenwelt  und  nicht  um  ein 
physiologisches  Studium  über  die  Beschaffenheit  und  Wirkungsweise 
des  Sinnesorganes  selbst  handelt.  Aus  diesen  Gründen  habe  ich 
die  von  Stricker  so  scharf  getadelte  Einschränkung  gemacht. 

Sollte  ich  jedoch  Stricker  überhaupt  missverstanden  haben,  und 
er  gar  nicht  die  Absicht  gehabt  haben,  aus  den  —wie  er  meint  —  jedes- 
mal bei  Erregung  eines  Sinnesorganes  uns  zukommenden  Nachrich- 
ten über  den  Ort  der  erregten  Sinnesoberfläche  etwas  für  das  Zu- 
standekommen der  Kaumvorstellung  zu  folgern  —  dann  hätte 
Stricker  aus  jener  Einschränkung  den  Schluss  ziehen  müssen,  dass 
er  und  seine  Lehre  gar  nicht  von  meinen  Einwendungen  betroffen 
wurden;  umsomehr  als  ich  gar  keinen  Namen  genannt  habe,  und 
mich  überhaupt  nur  gegen  Meinungen  und  nicht  gegen  Personen 
gewendet  habe. 

*)  p.  560. 


104  v»  Fleisch  1.  Localzeichen  und  Organgeföhle. 

Was  nun  etwa  noch  ausserdem  gegen  eine  Verwendung  etwai- 
ger uns  angeborener  Organgefühle  zur  Erklärung  der  Raumvor- 
stellung und  was  andererseits  für  die  Erklärbarkeit  der  Raum  Vor- 
stellung aus  der  Theorie  der  Localzeichen  zu  sagen  wäre,  das  ist 
in  so  klarer  und  erschöpfender  Weise  in  jener  pag.  95  erwähnten 
Rede  von  Helmholtz1)  vorgebracht,  dass  ich  mich  durch  den 
Hinweis  auf  diese  Bede  für  der  Mühe  überhoben  halten  darf,  alles 
dies  hier  vorzubringen. 

In  der  ersten  Beilage  zu  dieser  Bede  (über  die  Localisation 
der  Empfindungen  innerer  Organe)  sind  zahlreiche  Widerlegungen 
von  „Organgefuhlen"  im  engeren  Sinne  abgehandelt,  von  denen 
das  pag.  48  vorgebrachte  eine  so  grosse  Aehnlichkeit  mit  dem  von 
mir  nachgewiesenen  Verhältniss  hat,  dass  ich  es  hier  citiren  will: 
Helmholtz  sagt  daselbst:  „Femer  ist  sehr  merkwürdig,  dass  bei 
„Zahnschmerzen  von  Beinhautentzündung  eines  Zahnes  die  Patienten 
„im  Anfang  gewöhnlich  unsicher  sind,  ob  von  einem  Paar  überein- 
„  anderstehender  Zähne  der  obere  oder  untere  leidet.  Man  muss 
„erst  kräftig  auf  beide  Zähne  drücken,  um  zu  finden,  welcher  die 
„Schmerzen  macht.  Sollte  dies  nicht  davon  herrühren,  dass  Druck 
„auf  die  Beinhaut  der  Zahnwurzel  im  normalen  Zustande  nur  beim 
„Kauen  vorzukommen  pflegt,  und  dabei  immer  beide  Zähne  jedes 
„Paars  gleichzeitig  gleich  starken  Druck  erleiden ?u  Im  weiteren 
Verlaufe  stellt  Helmholtz  die  Behauptung  auf8):  „In  der  That 
„aber  reicht  unsere  Kenntniss  von  der  Form,  Grösse,  Bewegung 
„unserer  eigenen  Organe  nur  gerade  so  weit,  als  wir  diese  sehen 
„und  betasten  können". 

Zum  Schlüsse  möchte  ich  mir  nun  noch  eines  auf  alle  Fälle 
von  meinem  Gegner  in  dieser  Discussion  ausbitten:  Die  Anerken- 
nung der  in  der  ganzen  gebildeten  Welt  geltenden  Regeln  für  den 
Gebrauch  der  Anfuhrungszeichen. 

Diese  Regeln  schliessen  die  Verwendung  von  Anführungs- 
zeichen an  den  Enden  eines  citirten  Satzes,  der  nicht  wörtlich  citirt 
ist,  vollständig  aus  —  nach  diesen  Regeln  hätten  also  bei  dem 
mir  untergeschobenen  widersinnigen  Satze  auf  der  letzten  Seite 
der  Stricker1  sehen  Abhandlung  durchaus  keine  Anführungszeichen 
angebracht  werden  dürfen. 

')  H.  Helmholtz,  Die  Thatsachen  in  der  Wahrnehmung.  Berlin  1879. 
J)Up.  49. 


vn. 
Ueber  Beckenfracturen. 

Experimentelle  Untersuchung 

von 

W.  Kusmin 

Privat-Doccnt  für  Chirurgie  in  Moskau. 

(Am  28.  Februar  4882  von  der  Kedaction  übernommen.) 

Hiezu  Tafel  VI  und  VII. 


Ueber  die  Beckenfracturen  hat  man  schon  im  Mittelalter  ge- 
schrieben. So  hat  schon  im  siebenten  Jahrhundert  der  grosse  Byzan- 
tinische Chirurg  und  Accoucheur  Paulus  ex  Aegina  Methoden  an- 
gegeben, nach  denen  Fracturen  der  Beckenknochen  behandelt  werden  \ 
sollten.  Seit  jener  Zeit  lenkte  diese  Frage  fast  gar  keine  Aufmerk- 
samkeit der  Forscher  auf  sich  und  ist  auch  jetzt,  nach  einem 
Zeitraum  von  zwölf  Jahrhunderten  noch  sehr  unvollständig  auf- 
geklärt. Wir  finden  in  der  Literatur  Fälle  mit  Angabe  therapeu- 
tischer Details  nebst  Beurtheilung  von  diesem  oder  jenem  klinischen 
Standpunkte  verzeichnet,  aber  vergeblich  würden  wir  nach  Bestre- 
bungen suchen,  die  möglichen  Formen  und  Arten  von  Fracturen 
des  Beckens  auf  experimentellem  Wege  zu  erzeugen  und  auf  diese 
Weise  ein  Licht  in  die  noch  dunkle  Frage  der  Beckenfracturen  zu 
bringen. 

In  der  letzten  Zeit  hat  Otto  Messerer  einige  Untersuchungen 
angestellt,  um  die  Grösse  der  Kraft  zu  bestimmen,  die  Frac- 
turen an  Knochen  überhaupt  zu  erzeugen  im  Stande  wäre  und 
die  Resultate  seiner  Experimente  in  einer  Monographie:  „Ueber 
Elasticität  und  Festigkeit  der  menschlichen  Knochen  1880*  ver- 
öffentlicht. Zu  seinen  Untersuchungen  hat  er  auch  das  Becken  be- 


106  Kusmin. 

nutzt  und  wies  dann  manche  von  den  Stellen  nach,  in  denen 
Fracturen  am  Becken,  bei  allmäliger  Compression  in  der  Werder'- 
schen  Festigkeitsmaschine  erfolgten.  Aber  eingehend  behandelt  er 
die  Frage  betreffs  des  Fracturmechanismus  nicht. 

Im  Allgemeinen  kommen,  wie  es  die  Statistik  in  der  letzten 
Zeit  bewiesen  hat,  die  Beckenbrüche  äusserst  selten  vor.  Aus  den 
von  Gurlt  (Handbuch  der  Lehre  von  den  Knochenbrüchen  1861. 
Bd.  I)  zusammengestellten  Berichten  von  acht  Hospitälern,  welche 
eine  Gesammtzahl  von  13.041  Fracturen  aufzuweisen  haben,  lassen 
sich  108  Beckenbrüche  herausziehen;  das  sind  0#8#.  Berücksich- 
tigt man  nur  eine  Fracturen -Statistik  des  Londoner  Hospitals, 
die  22.616  Fälle  aus  den  Jahren  1842  bis  1862  umfasst,  kommt 
auf  die  Beckenfracturen  ein  Percentsatz  von  0*3  %  (Gurlt,  Archiv 
für  klinische  Chirurgie.  Bd.  HI).  Biedinger  fand  dagegen  unter 
159  Fracturen  des  Juliushospitals  in  Würzburg  aus  den  Jahren 
1870 — 73  nur  eine  Beckenfractur,  0*6  #  (Archiv  für  klinische 
Chirurgie  1876  Bd.  20),  Edmund  Kose  (Charite-Annalen  Bd.  13, 
Heft  2)  berechnet  \%. 

Man  hat  beobachtet,  ja  sogar  durch  Präparate  bewiesen,  dass 
die,  das  Becken  zusammensetzenden  Knochen  manchesmal  einzeln, 
öfters  dagegen  combinirt  mit  anderen  brechen.  Wenn  man  die 
Häufigkeit,  wie  die  einzelnen  Knochen  gebrochen  wurden,  berück- 
sichtigt, so  hat  sich  erwiesen,  dass  das  Os  pubis  am  häufigsten 
fracturirt  wird,  dann  das  Os  ilium,  Os  ischii  und  zuletzt  am  sel- 
tensten das  Os  sacrum.  Man  hat  versucht,  statistisch  die  Brech- 
barkeit auch  einzelner  Theile  der  einzelnen  Knochen  darzustellen, 
so  z.  B.  Kami  horizontalis  und  descendentis  ossis  pubis,  aber  be- 
weisende Resultate  hat  man  bis  nun  noch  nicht  erhalten.  Während 
bei  Wernher  in  seiner  Zusammenstellung  von  8  Fällen  von 
Beckenbrüchen  5  auf  den  Raums  descendens  ossis  pubis  entfallen, 
kamen  bei  Streubel  in  seinen  21  Fällen  von  Beckenfracturen,  die 
er  meistens  aus  der  Praxis  der  englischen  Chirurgen  zusammen- 
stellte, 10  Fälle  auf  den  Ramus  horizontalis  und  nur  2  auf  den 
Ramus  descendens  (Lancet  1865.  Septemberheft).  Alle  diese  Ziffern 
betreffen  nur  die  Statistik  der  Beckenbrüche. 

Die  Schlüsse  jedoch,  die  aus  derselben  gezogen  werden,  sind 
mangelhaft;  es  fehlt  da  an  wichtigen  Details  sowohl  in  Betreff  des 
Alters,  als  auch  des  Geschlechtes,  der  Form  des  Beckens  u.  s.  w. 


Ueber  Beckenfracturen.  107 

Alle  die  Details  zu  beantworten,  ist  der  Zukunft  vorbehalten, 
wenn  man  über  eine  grössere  Zahl  von  casuistischen  Fällen  wird 
verfügen  können;  deswegen  will  ich  mich  nun  mit  der  Beant- 
wortung der  Frage  nicht  befassen.  In  dem  Momente  habe  ich  mir 
zur  Aufgabe  gemacht  den  Mechanismus  der  Beckenfracturen  auf 
dem  Wege  des  Experimentes  an  den  Leichen  zu  erklären.  Auf 
diese  Weise  glaube  ich  der  Lösung  der  Frage  über  den  Mecha- 
nismus der  Beckenfracturen  näher  zu  rücken.  Ich  will  nicht  be- 
haupten, dass  die  Besultate,  die  ich  durch  Experimente  erzielt 
habe,  absolut  der  Wirklichkeit  entsprechen,  nichts  destoweniger 
finde  ich  keine  Beweise,  die  mich  zwingen  würden  einen  grossen 
Abstand  zwischen  Experiment  und  Wirklichkeit  zu  sehen.  In  eben- 
demselben Masse  als  Experimente  an  der  Leiche  zur  Erklärung  des 
Mechanismus  und  der  Form  der  Knochenbrüche  im  Allgemeinen 
beigetragen  haben,  hoffe  ich,  dass  auch  meine  Experimente  ein 
Licht  auf  die  gestellten  Fragen  werfen  werden.  Wenn  man  vom 
Unterschied  zwischen  Experiment  und  Wirklichkeit  sprechen  wollte, 
so  würde  das  bei  der  Symptomatologie  zutreffen,  hier,  wo  es  sich 
nur  um  den  Mechanismus  und  die  Form  der  Brüche  handelt,  ist  es 
von  keinem  Belange.  Es  ist  natürlich,  dass  die  Circulation  des 
Blutes  und  die  Kelation  zwischen  den  Organen  in  dem  Becken 
einen  gewissen  Einfluss  auf  die  Elasticität,  Consistenz,  den  Brüchig- 
keitscoefficienten  des  Knochens  haben  muss,  doch  dürfte  man  an- 
nehmen, dass  diese  Einflüsse  auf  den  Mechanismus  der  Becken- 
fracturen selbst,  von  keiner  grossen  Bedeutung  sein  können,  da 
derselbe  am  Becken,  wo  die  Knochen  zu  einem  Ring  zusammen- 
gesetzt sind,  den  physikalischen  Gesetzen  unterworfen  ist. 

Die  Form  und  die  Richtung  der  Brüche  könnte  man  mathe- 
matisch bestimmen,  wenn  man  einen  regelmässigen  Ring  und  den- 
selben Brechungscoefficienten  an  allen  Punkten  desselben  kennen 
würde,  —  beim  Becken,  wo  das  alles  nicht  zutrifft,  ist  es  unmög- 
lich. Ein  Gesetz  gilt  aber  trotzdem.  In  dieser  Ausführung  bin 
ich  auch  durch  die  Analogie  meiner  Präparate  mit  den  in  der 
Literatur  bekannten  Fällen  bestärkt  worden.  Nun  handelte  es  sich 
um  die  Auswahl  der  wirkenden  Kräfte,  damit  das  Experiment  der 
Wirklichkeit  möglichst  nahe  entspräche. 

Das  Zusammendrücken  des  Beckens  in  einem  Schraubstock 
entspricht  einigen  Fällen,  die  in  Wirklichkeit  vorkamen,  die  grosse 


108  Kusmin. 

Zabl  der  Beckenbrüche  dagegen  geschieht  entweder  dadurch,  dass 
eine  momentane  Gewalt  auf  das  Becken  selbst,  welches  gestützt 
oder  frei  sein  kann,  wirkt,  oder  dass  das  Becken  selbst  auf  irgend 
eine  Unterlage  auffällt,  oder  dass  die  Gewalt  von  irgend  einem 
Körpertheile  auf  das  Becken  übertragen  wird  und  dasselbe  lädirt. 
In  der  That  bemerkt  man  aus  den  casuistischen  Fällen,  die  in  der 
Literatur  verzeichnet  sind,  dass  Beckenbrüche  bedingt  werden  durch 
Wirkung  dieser  oder  jener  Gewalt,  die  das  Becken  zusammendrückt, 
erschüttert  oder  von  ihm  ein  Stück  ausreisst.  Zu  den  nicht  gar 
seltenen  Ursachen  gehört  z.  B.  das  Ueberfahren  des  Beckens  durch 
einen  schwer  beladenen  Wagen,  das  Verschütten  durch  Mauer- 
einsturz oder  in  den  Sandgruben,  der  Fall  von  einer  bedeutenden 
Höhe  z.  B.  bei  De  Morgan:  Fracture  of  the  pelvis,  sternum  and 
spine  resulting  from  a  jump  from  a  window.  (Med.  Times  and  Gaz. 
Jan.  7.  Jahrg.  1881).  Hancock  (The  Lancet,  May  1846):  Eine 
Fractur  des  absteigenden  Astes  des  Schambeines  an  seiner  Ver- 
einigung mit  dem  Sitzbeine,  die  nach  einem  Sturze  von  14  Fuss 
Höhe  herab  entstanden  war.  Boeckel:  Fracture  de  la  cavitö  coty- 
loide  par  chute  sur  la  hanche,  Simulant  une  fracture  du  col  du 
f&nur  (Gaz.  med.  de  Strassbourg  1873,  Jahrg.  19).  Das  Zusammen- 
drücken zwischen  den  Puffern  von  Eisenbahn  Waggons;  der  Stoss  von 
der  sich  schnell  bewegenden  Draisine  gegen  das  Os  innominatum 
(Greenamyer,  Philad.  med.  and  surg.  Kep.  1875,  July  17)  u.  s.  w. 
siehe  Malgaigne:  Ueber  die  Knochenbrüche  1851,  endlich  das 
Abreissen  dieses  oder  jenes  Beckenknoclienstückes  (Kiedinger,  Lan- 
genbeck's  Archiv  f.  Chir.  1876  Bd.  20).  Capeletti  (1848,  Giornale 
per  servire  al  progressi  della  pathologia)  Beckenfractur  in  Folge  von 
Muskelcontraction  und  Bänderauspannung,  May  dl,  Bissfractur  des 
horizont.  Schambeinastes  (Allgem.  med.  Zeitung  1881.  Nr.  22). 

Kiedinger  ist  geneigt,  indem  er  sich  auf  Untersuchungen  von 
L inhart  und  seine  eigene,  die  bei  Anspannung  des  Ligamentum 
Bertini  das  Abreissen  der  Spina  Ilei  ant.  infer.  zeigten,  stützt,  an- 
zunehmen, dass  ähnliche  Ursachen  auch  bei  Fracturen  in  anderen 
Theilen  des  Beckenringes  wirken  können,  —  z.  B.  das  Abreissen  der 
Spina  Ilei  anter.  super,  bei  Contractur  des  Musculus  sartorius,  crista 
ilei  durch  Contractur  der  Musculi  glutei.  Dem  genannten  Autor  zu 
Folge  erklären  sich  die  Fracturen  der  Crista  ilei  in  dem  vorderen 
kleir^ren  und  hinteren,  grösseren  Theil   auf  die   Weise,   dass   der 


lieber  Bcckcnfractnren.  109 

Musculus  glutaeus  maximus  am  vorderen  kleineren  Theile  und  der 
Musculus  glutaeus  medius  an  dem  übrigen  Theile  der  Crista  sich 
inseriren.  Und  die  Fälle  aus  der  Casuistik,  wo  das  Os  ilei  in  das  obere 
kleinere  und  untere  grössere  Stück  fracturirt  erscheint,  erklärt  sich 
unter  anderem  nach  demselben  Autor  auch  durch  die  Wirkung  des 
Musculus  glutaeus  minimus. 

Hier  ist  nicht  der  Ort  dazu,  näher  auf  die  Erklärungen 
Riedinger's  einzugehen.  Es  sei  nur  bemerkt,  dass  sie  absolut 
theoretisch  gebaut  sind,  —  sie  stützen  sich  weder  auf  Experi- 
mente, noch  auf  klinische  Beobachtungen  und  tragen  den  Cha- 
rakter einer  Verallgemeinerung  einzelner  Fälle,  bei  welchen 
nur  Fracturen  der  Spinae,  tubera  und  des  schmächtigen  Thei- 
les  des  Schambeinastes,  bei  Contraction  der  Muskel  vorkamen. 
Der  von  mir  aus  der  Literatur  angeführte  Fall  von  Capeletti 
lässt  sich  eher  als  eine  Fractur  des  Bamus  ascendens  ossis  ischii 
und  descendens  ossis  pubis  durch  Einwirkung  einer  Gewalt  auf  das 
Becken  selbst,  als  durch  die  Muskelcontractur  allein  erklären.  Wohl 
nicht  anders  als  durch  Muskelcontraction  zu  erklären  bleibt  der 
Fall  von  May  dl. 

Bevor  ich  näher  auf  die  Besultate  meiner  Experimente  übergehe, 
will  ich  zuerst  die  Aufmerksamkeit  des  Lesers  auf  die  Art  und 
Weise  und  die  Umstände,  unter  welchen  meine  Experimente  ange- 
stellt wurden,  in  Anspruch  nehmen. 

Erstens  benützte  ich  zu  meinen  Experimenten  die  Becken  Er- 
wachsener, geöffneter  und  nicht  geöffneter  Leichen,  zuletzt  auch 
ganz  auspräparirte  Becken  im  Zusammenhange  mit  der  Wirbel- 
säule und  den  Oberschenkeln.  Die  Verwachsung  einzelner,  das 
Becken  zusammensetzender  Knochen  war  schon  zu  Stande  ge- 
kommen, so  dass  man  keine  Spur  von  Knorpellinien  sowohl  in  den 
Acetabulis  als  auch  an  anderen  Stellen  bemerken  konnte.  Fracturen 
wurden  bei  verschiedenen  Stellungen  des  Körpers  ausgeführt,  sowohl 
in  vertdcaler  als  auch  in  horizontaler  Lage.  Ich  habe  ein  Stück  Holz 
im  Gewichte  von  2  Pud  (=  80  Pfund),  in  der  Länge  von  3  Meter, 
im  Durchschnitt  von  10  Ctm.  mit  oder  ohne  Gewalt  auf  das  Becken 
herunterfallen  lassen,  sodann  ein  Metallgewicht  von  2,  3,  4  Pud,  von 
der  Höhe  von  beiläufig  5  Meter  heruntergelassen,  oder  das  Becken 
zwischen  zwei  Platten  eines  Schraubstockes  beinahe  bis  zum  Anein- 
andernähern  beider  Flächen  in   sagittaler  und   frontaler  Bichtung 


HO  Kasmin. 

zusammengepreßt.  Die  Richtungen,  in  denen  die  Kraft  gewirkt 
hat,  waren  auch  verschieden:  in  der  Sichtung  Ton  der  Symphysis 
ossium  pubis  zum  Kreuzbein  und  umgekehrt,  in  frontaler,  diago- 
naler Sichtung,  auf  das  Os  ilei  auf  den  Trochanter  femoris;  bei 
sitzender  und  nach  Tome  geneigter  Stellung  des  Körpers,  auf  die 
hintere  Fläche  des  Kreuz-  und  Darmbeingebietes;  in  verticaler 
sitzender  Stellung  auf  die  abgeschnittene  Wirbelsäule;  auch  umge- 
kehrt (mit  dem  Kopfe  noch  unten),  indem  ich  die  Kraft  auf  die 
Sitzbeinknorren,  auf  das  Kreuzbein  und  auf  die  Knie  wirken  Hess. 
Um  genauer  die  Wirkung  auf  einen  bestimmten  Punkt  zu  locali- 
siren,  habe  ich  auf  die  beabsichtigte  Stelle  ein  entsprechendes  Stück 
Brett  gelegt  und  darauf  die  Gewalt  wirken  lassen;  die  Leichen 
habe  ich  auf  einen  hölzernen  Boden  gelegt,  oder  an  verticale 
Säulen  angebunden.  Auf  dem  Wege  der  Wirkung  oben  erwähnter 
Kräfte  bei  verschiedenen  Lagen,  habe  ich  nun  die  unten  näher 
besprochenen  Daten  erzielt. 

Bevor  ich  auf  diese  eingehe,  will  ich  nochmals  bemerken, 
dass  ich  den  Mechanismus  und  die  Form  der  Fracturen  der  Becken- 
knochen in  ihrer  Zusammenstellung  zum  Beckenring,  vorzüglich 
berücksichtigt  habe;  mit  einem  Worte,  ich  wollte  den  Weg,  den 
schon  Malgaigne  bezeichnet,  und  später  E.  Böse  (Die  Diagnostik 
der  einfachen  Beckenfracturen,  E.  Böse,  Annalen  des  Charite- 
krankenhauses  1865,  Bd.  XIII.)  und  Tardieu  (Fracture  du  bassin, 
Paris  1869)  erweitert,  betreten.  Die  letztgenannten  Autoren  haben 
das  Becken  als  ein  Ganzes  aufgefasst,  in  dem  manchesmal  mehrere 
Knochen  gebrochen  werden,  so  z.  B.  in  den  von  Malgaigne  be- 
schriebenen Fällen  von  Fracturen  des  Acetabulum  und  sogenannten 
doppelten  Fracturen  dreier  Knochen  auf  einmal  (Os  ilei,  ischii,  pubis). 

Indem  ich  nun  zu  den  Besultßten  meiner  Experimente  über- 
gehe, will  ich  zu  allererst  die  beschreiben,  die  ich  erhalten,  indem 
ich  die  Kraft  in  der  Sichtung  von  vorne  nach  rückwärts  und  um- 
gekehrt wirken  liess. 

Das* Präparat  Nr.  1  (Taf.  VI,  Fig.  1)  stellt  ein  weibliches  Becken 
vor,  das  bei  nicht  geöffneter  Leiche,  bei  horizontaler  Lage  mit  auf  den 
hölzernen  Boden  gelegtem  Kreuzbein  mittelst  des  beschriebenen  hölzer- 
nen Blockes  fracturirt  wurde.  Um  die  wirkende  Gewalt  genauer  auf 
das  Os  pubis  zu  localisiren,  habe  ich  ein  3  Zoll  dickes  Brett  mit  der 
längeren  Achse  parallel  der  Körperachse  angebunden.  Der  Schlag  wurde 


Ueber  Beckenfracturen.  \\\ 

von  der  Seite  ausgeführt  und  das  Resultat  auf  einmal  erzielt.  Nach 
der  vorsichtigen  Entfernung  der  Weichtheile  fand  ich  Folgendes:  das 
ganze  Os  pubis  war  herausgeschlagen  und  in  den  Raum  des  kleinen 
Beckens  hineingetrieben,  Bruchstellen  fielen  in  die  Rami  horiz.  ossium 
pubis  und  Rami  ascendentes  ossium  ischii  und  descendentes  ossium 
pubis.  In  Hämo  horiz.  oss.  pub.  dextro  erschienen  zwei  Trennungspunkte: 
a)  in  der  Nähe  des  Tuberc.  ileo-pectineum,  b)  am  Tubercul.  pubicum  in 
der  Nähe  des  Canalis  obtur.  Beide  Trennungsflächen  waren  gegen  das 
Foramen  obtur.  gerichtet,  die  erste  gegen  den  oberen  hinteren,  die 
zweite  gegen  den  unteren  vorderen  Theil  desselben,  —  die  letztere 
Bruchlinie  etwas  schief  von  oben  und  innen  nach  unten  und  aussen 
verlaufend.  Die  Form  der  Trennungsfläche  zeigt  sich  uneben,  unregel- 
m&ssig,  an  manchen  Stellen  zackig  (c).  Am  Ram.  horiz.  oss.  pubic.  sinistr. 
verlief  die  Trennungsfläche  von  der  Nähe  des  Tuberc.  pub.,  wo  der 
Ganalis  obturat.  in  das  Becken  mündet  in  der  Richtung  gegen  das 
Foram.  obturatum.  Sie  war  unregelmässig  und  zackig.  An  der  rechten 
Seite  des  Schoossbogens  fiel  die  Trennung  in  den  Ramus  asc.  ossis 
ischii  beim  Tuber  ossis  ischii  (d)  nnd  bildete  ausserdem  eine  kaum  be- 
merkbare Fissur  (e)  in  dem  Gebiete  der  Vereinigungsstelle  des  Ramus 
descendens  ossis  pubis  und  ascendens  ossis  ischii.  An  der  linken 
Seite  in  die  Nähe  des  Tub.  oss.  ischii.  (/")  Beim  Einblick  von  innen, 
bemerkte  man  an  den  Trennungsstellen  spitz  hervorragende  Knochen- 
zacken. 

Das  eben  geschilderte  Präparat  bezeugt,  dass  alle  die  Frac- 
turen  in  Folge  der  unmittelbaren  Wirkung  der  Gewalt  auf  die 
Schoossfuge  entstanden  sind  u.  zw.  an  den  Stellen, welche  nach  ande- 
ren später  zu  beschreibenden  Präparaten  als  typisch  ersichtlich  sein 
werden.  Eine  Uebertragung  der  Wirkung  auf  die  übrigen  Theile 
des  Beckenringes,  auf  das  Kreuzbein  hat  nicht  stattgefunden.  Die 
Fractur  ist  mit  anderen  Worten  ganz  typisch  vor  sich  gegangen, 
indem  das  Gebiet  um  die  Symphysis  aber  ohne  Trennung  derselben 
ausgerissen  und  in  den  Beckenraum  hineingetrieben  wurde.  Das 
ist  also  die  erste  Fracturform,  die  nicht  zu  den  gar  seltenen  gehört, 
und  die  in  der  Gestalt  des  Herausschlagens  der  vorderen,  mehr 
gebrechlichen  Wand  des  Beckenringes  erscheint. 

Gleichzeitig  mit  dem  vorhererwähnten  Falle,  will  ich  noch  ein 
zweites  Präparat  anführen,  bei  welchem  die  Kraft  auch  von  vorne 
nach  rückwärts  wirkte,  wenn  auch  unter  anderen  Bedingungen.  Ich 
habe  nämlich  das  Becken  zwischen  zwei  Flächen  eines  Schraubstockes, 
beinahe  bis  zur  Berührung  der  gegenüber  liegenden  Beckenwände  ein- 
gezwängt, indem  ich  durch  dieses  Experiment  das  Zusammendrücken 


112  Kusmin. 

des  Beckens  zwischen  den  Puffern  von  Eisenbahn- Waggons  nachzu- 
ahmen trachtete.  Bei  diesem  Präparat  Nr.  2  erschien  der  Beckenring 
ebenfalls  auf  dieselbe  Weise  gebrochen,  indem  die  vordere  Beckenwand 
aus  dem  Zusammenhang  mit  den  übrigen  Knochen  herausgebrochen 
wurde,  zwar  nicht  in  der  Nähe  des  Canalis  obtur.,  aber  beiderseits 
boi  dem  Tuberc.  ileopectineum;  wobei  der  ßamus  horizontalis  ossis 
pubis  im  Acetabulo  aus  dem  Zusammenhange  mit  dem  Os  ilei  und 
ischii  herausgerissen  wurde. 

Das  Experiment  habe  ich  folgendermassen  angestellt: 

Präparat  Nr.  2.  Das  aus  dem  Körper  ausgeschnittene  Becken, 
auf  dem  die  Weichtheile  geblieben  waren,  habe  ich  zwischen  zwei 
Bretter  des  Schraubstockes  so  eingefügt,  dass  das  Kreuzbein  nach  oben, 
und  die  Symphyse  nach  unten  zu  liegen  kamen.  Die  Schraube  wurde 
möglichst  stark  angezogen,  bis  das  Bocken  vollständig  comprimirt 
wurde.  Nach  Entfernung  der  Weichtheile  habe  ich  folgendes  Bild 
erhalten:  die  Schambeine  wurden  oben  beiderseits  in  der  Richtung 
vom  Tuberculum  pubis  bis  zum  vorderen  unteren  Theil  des  Fora- 
men obturat.  schräg  fracturirt;  der  ßamus  horizont.  ossis  pub.  wurde 
rechterseits  ausserdem  noch  aus  dem  Zusammenhang  mit  dem  Os  ilei 
und  Os  ischii  in  der  Pfanne,  linkerseits  nur  aus  dem  Zusammenhang 
mit  dem  os  ilei  in  der  Gegend  des  Tuberc.  ileo-pectin.  herausgebrochen. 
Aus  den  Rami  ascend.  ossis  ischii  wurden  beiderseits  Stucke,  beginnend 
vom  Tuber  ossis,  ischii  bis  zur  Vereinigungsstelle  mit  dem  Bamus  de- 
scend.  ossis  pub.  ausgebröchen.  Ausserdem  bemerkt  man  noch  an  die- 
sem Becken  Verletaangen  am  hinteren  Theile  des  Beckenringes  und 
zwar  in  dem  vorderen  Theile  der  Regio  sacro-iliaca,  die  dadurch  ent- 
standen, dass  die  Darmbeine  umgelegt  worden,  und  dabei  Ligamenta 
sacro-iliaca  anteriora  zwei  Knochenstücke  aus  der  Pars  pelvina  der 
Kreuzbeinflügel  ausgerissen  haben.  Das  Kreuzbein  selbst  wurde  längs 
der  Foramina  sacralia  fracturirt. 

In  diesem  zweiten  Fall,  der  der  Grundform  des  ersten  sehr 
ähnlich  ist,  besteht  der  Unterschied  nur  darin,  dass  die  Fractur, 
der  grösseren  wirkenden  Gewalt  entsprechend,  stärker  ausgeprägt 
ist,  und  zweitens,  dass  die  Fractur  des  Kam.  hör.  os.  pub.  beim 
Tuberc.  ileo-pectin.  die  Bichtung  gegen  das  Acetabulum  und  von 
dort  gegen  das  Foramen  obturatum  nahm,  als  ob  der  Knochen  aus 
dem  Gebiete  seiner  ursprünglichen-  knorpeligen  Verbindung  in 
Acetabulo  ausgerissen  worden  wäre.  Entsprechend  der  grösseren 
Gewalt  wurde  die  Wirkung  im  Beckenringe  auch  beiderseits  auf  die 
Articulationes  sacro-iliacae  übertragen.  Was  dieFractur  des  perinealen 
und  eines  Theiles  des  pelvinen  Kreuzbeinrandes  anbelangt,  so  muss 


Ueber  Beckenfracturen.  113 

man  dieselbe  dem  Zuge  der  Ligament,  tuberoso-sacra,  spinoso-sacra 
lind  sacro-iliaca  zuschreiben.  Bei  weiteren  Präparaten  werden 
wir  genug  Gelegenheit  haben  uns  zu  überzeugen,  dass  die  oben 
erwähnte  Art  des  Herausbrechens  eines  Stückes  vom  Eamus  horizon- 
talis  ossis  pubis  in  Acetabulo  nicht  zu  den  seltenen  gehört  und 
sowohl  an  einer  Seite  oder  an  den  beiden,  mit  oder  ohne  Combi- 
nation  mit  der  Fractur  der  ersten  Form  vorkommt.  Ich  habe 
hier  nur  die  am  meisten  charakteristischen  Formen  angeführt, 
und  will  bemerken,  dass  meine  übrigen  Experimente,  die  ich  auf 
ähnliche  Art  angestellt  habe,  gleiche  Fracturformen  ergaben. 

Wenn  man  die  Gewalt  in  der  Bichtung  von  rückwärts  nach 
vorne  wirken  lässt,  so  erhält  man  an  der  vorderen  Wand  des 
Beckenringes  entweder  die  obenerwähnten  zwei  Fracturformen  oder 
eine  dritte  Form. 

Präparat  Nr.  3,  Taf.  VI,  Fig.  2.  Eine  nicht  eröffnete  männliche 
Leiche  wurde  auf  den  Bauch  gelogt,  an  das  Kreuzbein  dem  Körper  entlang 
ein  Brett  von  der  Breite  des  Kreuzbeins  angebunden,  und  der  Schlag 
wie  früher  ausgeführt.  Der  Schlag  fand  nur  einmal  statt.  Wir  erhielten 
folgendes  Resultat:  Das  Kreuzbein  wurde  in  den  Beckenraum  merklich 
hineingetrieben,  die  Ligamenta  sacro-iliaca  th  eil  weise  gezerrt;  Ramus 
horizontalig  ossis  pubis  dextri  (a,  b)  aus  dem  Zusammenhange  gelöst, 
ebenso,  wie  in  der  ersten  Form,  nämlich  beim  Tuberculum  ileo-pectineum 
und  Tuberculum  pubic.  in  der  Nähe  des  Canalis  obtur.,  das  heisst  im 
dünnsten  Theile  des  Knochens;  die  Fracturrichtung  verlief  gegen  das 
Foramen  obturatorium;  linkerseits  ging  die  Fracturrichtung  vom  tuber- 
culum ileo-pubicum  diametral  durch  das  Acetabulum  (c)  nach  hinten  und 
unten  und  endete  in  der  Incisura  ischiadica  major  oberhalb  der  Spina 
oss.  ischii,  das  heisst,  es  wurde  das  Os  pubis  und  Os  ischii,  mitsammen 
um  das  Foramen  obtüratum  einen  Ring  bildend,  herausgebrochen.  Aus 
dem  Ramus  ascend.  ossis  ischii  (d)  wurde  an  derselben  typischen  Stelle 
wie  im  ersten  Fall,  ein  Stück  beginnend  einerseits  beim  Tuber  ossis 
ischii,  endend  andererseits  an  der  Vereinigungsstelle  zwischen  Ramus 
ascend.  ossis  ischii  und  Ramus  descend.  ossis  pubis  herausgeschlagen, 
blieb  jedoch  mit  dem  oben  erwähnten  Ringe  im  Zusammenhang. 

Hier  wurde  also  die  Fractur  durch  den  Schlag  von  rück- 
wärts auf  das  Kreuzbein  direct  und  durch  den  Gegendruck  auf  die 
vordere  Fläche  des  Beckenringes  indirect  erzeugt.  Der  Gegendnick, 
indem  er  auf  die  drei  hervorragenden  Punkte  der  vorderen  Becken- 
wand (Spinae  anteriores  superiores;  Symphysis  ossium  pubis)  wirkte, 
hat  einen  Einfluss  auf  Fracturform  der  vorderen  Beckenwand  aus- 

Ved.  Jafcrbftclier.  1882.  g 


114  Knsmin. 

geübt.  Die  Frage,  warum  nur  links  der  Bruch  durch  das  Acetab. 
gegangen,  habe  ich  schon  damals  mir  dahin  beantwortet,  dass  der 
Körper  so  gelegen  war,  dass  die  Gegenkraft  mehr  links  gewirkt 
hat.  Ein  ähnliches  Präparat  (Nr.  4),  habe  ich  noch  bei  folgendem 
Experiment  bekommen: 

Eine  weibliche  Leiche  habe  ich  in  stark  nach  vorne  geneigter, 
sitzender  Stellung,  mit  nach  vorne  gestreckten  Beinen,  befestigt,  und 
einen  Schlag  auf  die  obere  hintere  Fläche  der  Kreuz-  und  Darmbeine 
ausgeführt.  Beim  ersten  Schlage  hat  nur  die  Neigung  der  Leiche  zuge- 
nommen, beim  zweiten  Schlag  ist  die  Verletzung  zu  Stande  gekommen, 
die  sich  folgendermassen  darstellt:  die  vordere  Wand  des  Beckenringes 
wurde  ausgebrochen,  wobei  rechterseits  die  Fracturrichtung  vom  Tuber- 
culum  ileo-pectineum  durch  das  Acetabulum  —  wie  auch  in  früher 
erwähntem  Beispiele  —  ging  und  in  der  Incisura  ischiadica  major 
endete.  Eine  zweite  Fractur  fahrte  vom  Tuberculum  pubicum,  wo  auch  ein 
kleines  Knochenstück  herausgeschlagen  wurde,  in  der  Richtung  gegen 
das  Foramen  ovale  ohne  jedoch  dasselbe  zu  erreichen.  Linkerseits  ging  die 
Bruchrichtung  von  der  Gegend  des  Tuberculum  üeo-pectineum  in  das  Fora- 
men obturat.  ähnlich  den  früher  angegebenen  Formen.  Der  Bamus  ascend. 
ossis  ischii  wurde  ebenso,  wie  bei  den  früheren  Formen  fracturirt,  näm- 
lich in  der  Nähe  des  Tuber  ossis  ischii  complet,  an  der  Vereinigungs- 
stelle des  Bamus  ascendens  ossis  ischii  mit  Bamus  descend.  ossis  pubis 
incomplet.  Die  Verbindung  zwischen  dem  Kreuz-  und  Darmbein  zeigt 
sich  rechterseits  leicht  klaffend,  in  Folge  der  theilweisen  Zerrung  der 
Ligamenta  sacro-iliaca. 

Der  Fracturmechanismus  erklärt  sich  dadurch,  dass,  indem  bei 
der  erwähnten  Körperlage  der  Schlag  auf  das  Kreuz-  und  Darmbein 
wirkte,  der  rechte  vordere  Theil  des  Beckenringes,  der  einen  Ring 
um  das  Foramen  obturatorium  bildet  und  dem  Gegendrucke  am 
meisten  ausgesetzt  war,  ausgebrochen  wurde.  Dass  dies  nur  auf  der 
rechten  Seite  geschah,  kann  man  auf  die  Weise  erklären,  dass  rech- 
terseits die  Kraft  stärker  gewirkt  hat,  was  auch  durch  das  Aus- 
einanderklaffen der  Articulatio  sacro-iliaca  dieser  Seite  angedeutet 
wird.  —  Die  bezeichneten  drei  Fracturformen  der  Beckenkno- 
chen im  Gebiete  der  vorderen  Beckenwand,  haben  sich,  bei 
meinen  Experimenten  bei  den  genannten  Richtungen  der  Kraft, 
entweder  in  ganz  reinen  Formen  ohne  Combination  mit  anderen 
Fracturen,  oder  auch  verbunden  mit  Verletzungen  in  anderen 
Punkten,  meistentheils  in  dem  hinteren  Gebiete  des  Beckenrin- 
ges  wiederholt.     Bei   der    Beschreibung    des   zweiten   Präparates, 


Ueber  Beckenfracturen.  115 

wo  das  Becken  im  Schraubstock  comprimirt  wurde,  haben  wir 
schon  eine  Verletzung  am  Kreuzbein  gesehen,  vorzüglich  im 
unteren  perinealen  Theile  desselben.  Dort  haben  wir  die  Er- 
scheinung durch  die  Anspannung  der  sich  am  Os  sacnim  inse- 
rirenden  Ligamente  beim  Bestreben  der  Darmbeinknochen,  sich 
umzulegen  erklärt. 

Jetzt  will  ich  Fälle  anfuhren,  bei  denen  die  Kreuzbein-Ver- 
letzung bei  Compression  des  Beckens  in  sagittaler  Bichtung  noch 
deutlicher  ausgesprochen  war. 

Das  Präparat  Nr.  5,  Taf.  I,  Fig.  3  stellt  ein  männliches  Becken, 
einer  nicht  geöffneten  Leiche  dar.  Dieselbe  wurde  auf  dem  Bauch  gelegt; 
über  das  Kreuzbein  wurde  zum  Unterschiede  von  den  anderen  Fällen,  ein 
Brett  quer  angebunden;  der  Schlag  erfolgte  durch  Herunterlassen  eines 
80  Pfand  schweren  Metallgewichtes  von  der  Höhe  von  5  Meter.  Die 
Fractur  erfolgte  nach  einem  Schlage  und  stellte  nach  Entfernung  der 
Weichtheile  folgendes  Bild  dar: 

Die  vordere  Beckenwand  zeigte  an  den  schon  bekannten  Stellen 
Brüche,  und  zwar  rechterseits  beim  Tuberculum  ileo-pectineum  mit  der 
Fracturrichtung  gegen  das  Foramen  obturatum  («);  linkerseits  beim 
Tuberculum  pubicum  in  der  Gegend  des  Canalis  obturatorius  mit  der 
Bichtung  gegen  das  Foramen  ovale  sinistrum  (b),  beiderseits  wurden 
ferner  die  mehrmals  erwähnten  Stücke  (cc\  dtf)  vom  Kamus  ascendens 
ossis  ischii,  nämlich  zwischen  dem  Tub.  ossis  ischii  und  der  Vereini- 
gungsstelle desselben  mit  dem  Hämo  descendente  ossis  pubis  ausge- 
brochen. Im  Gebiete  des  Kreuzbeines  bemerkten  wir,  dass  ein  Stück 
vom  Kreuzbeinflügel  (e)  an  der  rechten  Seite  bis  zum  zweiten  Foramen 
sacrale  abgerissen  und  mit  der  Articulatio  sacro-iliaca  am  Os  ilei  zu- 
rückgeblieben war.  Der  perineale  Rand  (f)  des  Kreuzbeins  wurde 
rechterseits  den  Fora  min a  sacralia  entlang  abgerissen,  ähnlich  wie  es  am 
zweitbeschriebenen  Präparat  beiderseits  geschah.  In  der  vorderen  Gegend 
der  Articulatio  sacro-iliaca  sinistra  bemerkten  wir  ein  Klaffen,  durch 
die  Zerrung  der  Ligamenta  bedingt.  Das  Kreuzbein  (g)  erscheint  etwas 
nach  vorne  und  oben  dislocirt,  und  bis  l1/*  Ctm.  erhoben.  Ausserdem 
sehen  wir  noch  am  Präparate,  dass  die  Spina  superior  anterior  sinistra 
und  dextra  (h,  i)  zerbrochen  ist. 

Wenn  wir  das  ganze  Bild  der  Fractur  ins  Auge  fassen,  so 
stellt  sich  der  Mechanismus  der  Fractur  folgendermassen  dar:  die 
brüsk  wirkende  Gewalt  hat  eine  Compression  des  Beckens  in  sagit- 
taler Bichtung  von  rückwärts  nach  vorne  hervorgerufen.  Der  Ge- 
gendruck wirkte  auf  das  Schambein  und  beide  Spin,  anter.  supe- 
rior.  Dies  beweist  auch  der  Effect,   indem  alle  drei  Angriffspunkte 

8* 


116  Kusmin. 

lädirt  wurden.  Die  Darmbeine  zeigten  in  Folge  der  Wirkung  des 
Gegendruckes  gegen  die  primäre  Kraft,  die  den  hinteren  Bogentheil 
des  Beckenringes  abzuplatten  trachtete,  das  Bestreben  sich  umzu- 
legen und  das  Resultat  dessen  war  einerseits  das  Ausreissen  eines 
Stückes  vom  Kreuzbeinflügel,  andererseits  die  Zerrung  der  Ligamenta 
sacro-iliaca.  Dieses  Bestreben  der  Darmbeine  zum  Auseinanderwei- 
chen wird  auch  nicht  ohne  Einfluss  gewesen  sein  auf  die  Fractur 
im  Gebiete  der  vorderen  Beckenwand.  —  Die  Verletzung  am  pe- 
rinealen Bande  des  Kreuzbeins  kann  ebenfalls  auf  die  bekannte 
Weise,  nämlich  durch  die  Anspannung  der  Ligamenta  ischio-  und 
tuberoso-sacrälia  erklärt  werden.  Die  Verschiedenheit  des  Bildes 
rechts  und  links  wird  wahrscheinlich  bis  zum  gewissen  Grade  in 
der  ungleichmässigen  Vertheilung  der  Kraft  und  des  Gegendruckes 
auf  beiden  Seiten  ihren  Grund  haben.  Die  ungleichmässige  Ver- 
theilung der  Kraft  in  der  Region  der  Articulatio  sacro-iliaca, 
konnte  auch  davon  abhängen,  dass  man  auch  vorne  verschieden 
grosse  Kräfte  anwenden  musste,  um  die  Beckenwand  in  verschiede- 
nen Punkten,  einerseits  in  der  Nähe  des  Tuberculum  pubicum,  ande- 
rerseits in  der  Nähe  des  Tuberculum  ileo-pectineum  zu  fracturiren. 
Nach  dieser  Annahme  nun,  bleiben  auch  für  beide  hinteren  Ke- 
gionen verschieden  grosse  Kräfte.  Der  Unterschied  zwischen  dem 
soeben  beschriebenen  Fall  und  den  Präparaten  Nr.  3  und  4  be- 
steht darin,  dass  dort  die  Kraft  unmittelbar  nur  auf  das  Kreuzbein 
gewirkt  und  dasselbe  in  den  Beckenraum  hineinzutreiben  bestrebt 
war,  hier  dagegen  dieselbe  nicht  auf  das  Kreuzbein  allein,  son- 
dern im  Zusammenhange  desselben  mit  anderen  Knochen  wirkte, 
die  Darmbeine  stark  umzulegen  trachtete  und  dadurch  die 
eben  geschilderte  Verletzung  in  der  Kegio  sacro-iliaca  verur- 
sachte. 

Um  die  soeben  gegebene  Erklärung  des  Fracturmechanismus 
noch  besser  zu  beweisen,  habe  ich  das  Experiment  noch  folgender- 
massen  variirt. 

Präparat  Nr.  6.  Eine  weibliche,  nicht  geöffnete  Leiche  legte 
ich  auf  den  Bauch  und  schob  unter  die  Spin,  anterior,  superior. 
ein  Brett  von  der  Dicke  7  Ctm.,  um  die  Wirkung  des  Gegendruckes 
an  diesen  Stellen  mehr  zu  localisiren.  Auf  das  Kreuzbein  habe  ich  das 
Brett  ebenso  wie  im  früheren  Falle  gelegt.  Der  Schlag  wurde  mit 
demselben  Gewicht,  von  der  nämlichen  Höhe  ausgeführt.     Die  Fractur 


Ueber  Beckenfraeturen.  117 

entstand  auf  einmal  und  stellte  nach  Entfernung  der  Weichtheile  fol- 
gendes Bild  dar:  (Taf.  VI,  Fig.  4.) 

Die  vordere  Beckenwand  wurde  rechterseits  vom  Tuberculum  ileo- 
pectineum  (a)  beginnend  durch  das  Acetabulum  bis  in  die  Incisura 
ischiad.  major,  linkerseits  vom  Tuberculum  ileo-pectineum  (b)  gegen  das 
Foramen  ovale  fracturirt.  Ausserdem  zeigte  sich  linkerseits  noch  eine 
Fractur  an  der  typischen  Stelle  in  der  Nähe  des  Tuber  ischii  (c).  Am 
Kreuzbein  bemerkte  man  eine  Fractur  am  linken  Flügel  (d),  den  drei 
oberen  Kreuzbeinlöchern  entlang.  Bechterseits  sah  man  nach  Entfernung 
des  gezerrten  vorderen  Ligamentes  ein  leichtes  Klaffen  (e)  der  Articulatio 
sacro-iliaca.  An  beiden  Spin,  anterior,  superior.  (ff)  bemerkte  man 
eine  Läsion. 

Das  dargestellte  Präparat  beweist  am  schlagendsten  die  Bich- 
idgkeit  der  früher  gegebenen  Erklärung.  In  der  That  erfolgte  beim  Um- 
legen der  seitlichen  Beckenhälften  in  Folge  des  Gegendruckes,  welcher 
auf  das  Darmbein  wirkte  und  an  den  Angriffspunkten  eine  Läsion  her- 
vorgerufen hatte,  einerseits  eine  Fractur  des  Kreuzbeinflügels,  die  durch 
die  drei  oberen  Foramina  sacralia  ging,  —wie  im  vorhergehenden  Falle; 
andererseits  eine  Zerrung  der  Ligamente  und  Diastasis  der  Articulatio 
sacro-iliaca.  Der  Unterschied  von  dem  eben  beschriebenen  Präparate 
besteht  nur  im  vorderen  Theile  des  Beckenringes.  Es  konnte  aber 
auch  nicht  anders  sein,  da  bei  dem  letzterwähnten  Präparat  das 
Schambeingebiet  sich  in  anderen  Bedingungen  gegenüber  dem  Ge- 
gendruck befand.  Derselbe  wirkte  hier  erst  dann,  nachdem  er  eine 
grossere  Kraftmenge   an   die  Angriffspunkte  in   den   Spin,  anter. 
superiores  abgegeben  hatte;  dadurch  erklärt  sich  auch,  dass  im  Ge- 
biete des  Schambeins  selbst  keine  Verletzung  entstanden  ist.   Der 
ganze    Effect  der  fracturirenden   Kraft  äusserte   sich   rechterseits 
im  Gebiete  der  Vereinigungsstelle  des   Darm-,   Scham-  und  Sitz- 
beines,  linkerseits   dagegen   zeigte   er   sich  in  Folge  dessen,   dass 
die  Verbindimg    zwischen    dem    Darm-    und    Sitzbein   die   Kraft- 
einwirkung ausgehalten,    an  zwei  viel  schwächeren  Stellen  nämlich 
neben  dem  Tuberc.  ossis  ischii  und  medialwärts  von  der  Pfanne 
im    horizontalen   Schambeiuaste.    Das    Uebergreifen   der    Fractur- 
linie  auf  der  linken  Seite  auf  den   Bamus   ascendens   ossis   ischii 
räumt  mir  das  Becht  ein,    den  Fracturmechanismus   auf  die  Weise 
vorzustellen,   dass  das  Darmbein  im   Momente   der  Wirkung,   bei 
gegebenen  Umständen  sich  mit  dem  Sitzbein  nach   aussen   rotirte» 
Auf  der  rechten  Seite  würde  dasselbe  Besultat  zu  Stande  kommen, 


118  Kusmin. 

wenn  die  Vereinigungsstelle  zwischen  Darm  und  Sitzbein  nicht  früher 
nachgelassen  hätte.  Den  Grund  anzugehen,  warum  in  manchen 
Fällen  die  Vereinigungsstelle  zwischen  Darm  und  Sitzbein  einerseits, 
und  Schambein  andererseits,  in  anderen  Fällen  dagegen  zwischen 
Sitz-  und  Schambein  einerseits,  und  Darmbein  andererseits  erfolgt, 
ist  schwer.  Vermuthen  kann  man,  dass  die  Verschiedenheit  der  Tren- 
nungslinien von  der  Sichtung  der  ßesultirenden,  des  Druckes  und 
Gegendruckes,  von  der  Grösse  jeder  der  Gomponenten  und  Ver- 
schiedenheit ihrer  Angriffspunkte  und  auch  von  den  Sichtungen  der 
durch  die  Kraft  hervorgebrachten  Erschütterungswellen  im  Knochen 
selbst  abhängt. 

Wenn  die  Erklärungen  des  Fracturmechanismus  richtig  sind, 
so  soll  man  ebenfalls  dasselbe  Fracturbild  in  dem  hinteren  Ab- 
schnitte des  Beckenringes  erhalten,  auch  in  dem  Falle,  wenn 
bei  Bückenlage  des  Beckens,  die  Kraft  in  der  Bichttmg  von  vorne 
nach  rückwärts  im  Gebiete  der  Spin,  anterior,  superiores  beider- 
seits wirken  würde.  Um  das  zu  beweisen  führte  ich  das  Experiment 
folgendennassen  aus. 

Präparat  Nr.  7,  Taf.  VI,  Fig.  5.  Ich  legte  eine  weibliche  Leiche 
auf  den  Bücken,  band  im  Gebiete  der  beiden  Spin,  superior.  anterior,  quer 
ein  Brett  an  und  führte  den  Schlag  auf  dasselbe  mit  dem  beschriebe- 
nen Holzstück.  Die  Fractur  entstand  auf  einmal  und  stellte  sich  nach 
Entfernung  der  Weichtheile  folgen dermassen  dar:  Im  vorderen  Theile 
des  Beckenringes  gingen  die  Fracturlinien  beiderseits  (ff,  b,  c,  d)  vom 
Tuberculum  ileo-pectineum  durch  das  Foramen  ovale  und  die  schon  öfters 
erwähnten  typischen  Stellen  in  der  Nähe  des  Tuber  ossis  ischii.  Im 
hinteren  Gebiete  des  Beckenringes  zeigten  sich  Verletzungen  an  bei- 
den Kreuzbeinflügeln.  Die  innere  Begrenzungslinie  der  Fragmente  ging 
beiläufig  durch  die  oberen  Kreuzbeinlöcher  (e,  /*). 

Dieses  Präparat,  wie  es  sich  nun  darstellt,  liefert  den  klar- 
sten Beweis  für  die  Bichtigkeit  unserer  Erklärung  des  Fractur- 
Mechanismus,  die  bei  den  vorhergehenden  Präparaten  gegeben  wurde. 
Auch  hier  bewirkte  das  Bestreben  der  Darmbeine  sich  umzulegen, 
das  eben  erhaltene  Fracturbild.  Auf  diesen  Umstand  lenke  ich 
schon  jetzt  die  Aufmerksamkeit  des  Lesers,  weil  wir  darauf  noch- 
mals zurückkommen  werden,  wenn  wir  von  der  Meinung,  die  in 
dieser  Beziehung  Prof.  König  auf  Grund  von  Untersuchungen 
einiger  pathologischer  Präparate  ausgesprochen  hatte,  handeln  wer- 


Ueber  Beckenfracturen.  119 

den.  Nachdem  ich  die  Experimente  auf  die  beschriebene  Weise 
angestellt  und  die  bekannten  Resultate  erhalten,  habe  ich,  um  eine 
Lücke  in  dem  Anstellungsmodus  des  Versuches  auszufüllen,  das 
Experiment  Nr.  6  so  variirt,  dass  ich  die  Kraftwirkung  auf  das 
Kreuzbein  allein  localisirte. 

Präparat  Nr.  8.  Eine  männlich o,  nicht  geöffnete  Leiche  legte 
ich  auf  den  Boden,  schob  unter  die  Spin,  anter.  superior.  quer  ein 
Brett,  band  ein  im  Querdurchmesser  weniger  als  die  hintere  Darmbein- 
distanz betragendes  zweites  Brett  dem  Kreuzbein  entlang  und  führte 
den  Schlag  von  der  Seite  mit  dem  bekannten  Holzstück  aus.  Die 
Fractur  erfolgte  nach  einem  Schlage  und  stellte-  folgendes  Bild  dar: 

Im  vorderen  Theile  des  Beckenringes  verläuft  rechterseits  die 
Fracturrichtung  vom  Tuberculum  ileo-pectineum  durch  das  Acetabulum 
in  das  Foramen  ovale  und  setzt  sich  durch  die  typische  Stelle  in  der 
Nähe  des  Tuber  ossis  ischii  fort;  linkerseits  durch  dieselben  Punkte 
und  ausserdem  noch  in  der  Nähe  des  Tuberculum  pubicum  in  das 
Foramen  obturatum.  Articulatio  sacro-iliaca  zeigte  sich  nach  Entfernung 
der  gezerrten  vorderen  Ligamente  beiderseits  klaffend.  Der  freie  untere 
Band  des  Kreuzbeines  stellte  im  Gebiete  der  3.,  4.  Foraraina  sacralia 
eine  vollständige  Rissfractur  linkerseits  und  eine  Fissur  rechterseits 
dar.  Das  Kreuzbein  ragte  bis  8/4  Ctm.  in  den  Beckenraum  hinein. 

Das  beschriebene  Becken  beweist  ebenfalls,  dass  die  Fractur 
im  vorderen  Theile  des  Beckenringes  an  den  typischen  Stellen,  wie 
bei  den  früher  erwähnten  Präparaten  erfolgte,  dass  das  Klaffen  der 
Articulatio  sacro-iliaca  und  das  Hineinragen  des  Kreuzbeins  bis 
*/K  Cmt.  in  den  Beckenraum,  so  wie  auch  die  Fractur  des  freien 
Kreuzbeinrandes  durch  die  Wirkung  des  früher  beschriebenen  Me- 
chanismus erfolgten.  Es  waltet  nur  der  Unterschied  ob,  dass  im 
letzteren  Falle  das  Umlegen  der  Darmbeine  nach  aussen  in  Folge 
des  Zuges  des  durch  die  unmittelbare  Wirkung  der  Kraft  in  den 
Beckenraum  hineingetriebenen  Kreuzbeines  erfolgte.  Durch  densel- 
ben Mechanismus  erklärt  sich  auch  die  Fractur  der  perinealen 
Kreuzbeinränder  par  arrachement.  Der  ungleichmässigen  Vertheilung 
der  Kraftwirkung  muss  man  die  linksseitige  Fractur  des  Kamus 
horizontalis  ossis  pubis  an  zwei  Stellen  zuschreiben,  —  was  auch 
durch  den  Effect  am  Kreuzbein,  wo  linkerseits  eine  vollständig^ 
Fractur  zu  Stande  kam,  bewiesen  wird. 

Damit  schliesse  ich  '  die  Beschreibung  des  Mechanismus  und 
der  Form  der  Beckenbrüche  bei  sagittaler  Kichtung  der  Kraft.  Ich 


120  Kusmin. 

habe  mich  darauf  beschränkt,  nur  typische  Fracturformen  abzubil- 
den, denn  es  wäre  für  den  Leser  ermüdend,  wenn  ich  alle  Expe- 
rimente, die  ich  angestellt  habe,  beschreiben  wollte.  Hier  will 
ich  noch  bemerken,  dass  die  Eesultatt,  die  ich  unter  beschriebe- 
nen Umständen  bei  den  Experimenten  unzählige  Male  gesehen, 
sich  stets  gleich  blieben.  Bevor  ich  aber  noch  zu  den  ^Resultaten 
übergehe,  die  ich  dadurch  erhielt,  dass  ich  die  Kraft  in  ande- 
deren  Bichtungen  habe  wirken  lassen,  will  ich  hier  ein  Besinne 
der  Resultate  geben  und  die  Schlüsse,  die  sich  daran  knüpfen, 
anführen. 

Zu  allererst  will  ich  auf  den  Unterschied,  zwischen  den  Mei- 
nungen, die  König  auf  Grund  der  von  ihm  untersuchten  patho- 
logischen Präparate,  auszusprechen  sich  bewogen  fühlte  und  den 
Resultaten  meiner  Experimente  hinweisen.  König  sagt  in  seinem 
Lehrbuch  der  speciellen  Chirurgie  (2.  Aufl.  B.  IL  pag.  782) 
Folgendes : 

In  den  meisten  Fällen  treten  als  Folge  einer  comprimirenden 
Gewalt  in  der  Richtung  von  vorne  nach  hinten,  bei  welcher  die  An- 
griffspunkte vorne  die  Symphysengegend,  hinten  das  Kreuzbein  sind, 
ziemlich  bestimmte  Fracturen  des  vorderen  Theiles  vom  Ring  und  meist 
auch  ganz  typische  am  hinteren  Segment  ein.  Am  häufigsten  bricht, 
kurz  gesagt,  vorne  die  median  gelegene  Knochenumrandung  beider  Fo- 
ramina  ovalia  ein,  und  die  einzelnen  Knochenstücke  dislociren  sich 
mehr  oder  weniger  nach  innen.  Somit  finden  sich  annähernd  symme- 
trische Brüche,  entsprechend  den  Horizontal  ästen  der  Schambeine,  meist 
ziemlich  nahe  dem  Tuberculum  iloo-pectineum.  Zu  diesen  Fracturen  gesellen 
sich  ebenfalls  symmetrische  an  den  absteigenden  Schambeinästen  in 
der  Nähe  ihrer  Verbindung  mit  den  aufsteigenden  Sitzbeinästen.  Dass 
es  sich  so  verhalten  muss,  ist  ja  auch  leicht  einzusehen.  Der  Druck 
auf  die  vordere  Beckenumrandnng  biegt  dieselbe  ein,  bis  die  Kraft  den 
Elasticitätcoefißcienten  der  dünnen,  biegsamen  Knochen  überschreitet. 
Dann  brechen  sie  an  den  verhältnissmässig  dünnsten,  sich  den  starken 
Partien  des  Knochens  anschliessenden  Stellen  an.  Zuweilen  sieht  man 
bei  solch  symmetrischer  Fractur  als  Zeichen,  dass  die  Knochen  einge- 
bogen waren,  auf  einer  Seite  nur  eine  unvollkommene  Fractur. 

Bei  den  meisten  der  fraglichen  symmetrischen  Fracturen,  welche 
mir  im  Präparat  vorliegen,  beschränkt  sich  die  Verletzung  am  hin- 
teren Theil  des  Beckenringes  auf  eine  Seite.  Die  Trennung 
des  Zusammenhanges  liegt  hier,  wenn  nicht  in  der  Synchondrose 
—  das  seltenere  Verhalten — so  meist  in  der  Nähe  der  Synchon- 
drose. An  dem  nahe  der  Synchondrose  auf  der  vorderen  Seite  gelegenen 


Ueber  Beckenfracturen.  121 

Theil  des  Kreuzbeines  findet  sich  ein  öfter  mit  massiger  Zer- 
trümmerung und  Coinpression  der  Spongiosa  verbundener  Kno- 
chenbruch, welcher  sich  fortsetzt  von  da  in  die  Foramina  sacralia,  hier 
als  Fissur  endend,  also  keine  Dislocation  herbeiführend.  Offenbar  ist 
durch  den  von  vorne  nach  hinten  wirkenden  Druck  der  an  der  Lin. 
innominata  gelegene  Theil  des  Darmbeines  in  das  angrenzende  Kno- 
chengewebe des  Kreuzbeins  hineingedrängt  worden  und  hat  dasselbo 
zertrümmert.  Steigert  sich  dieser  Druck  noch  mehr,  so  wird  das 
Kreuzbein  in  der  Richtung  von  einer  zur  anderen  Seite 
comprimirt  und  an  der  schwächsten  Stelle,  an  der  Verbindung 
zwischen  den  Foram.  sacralia  eingeknickt,  so  entsteht  hier  meist 
eine  Fissur.  Zu  dem  gedachten  Zertrümmerungsbruch  auf  dor  vorderen 
Seite  gesellt  sich  aber  gern  ein  Bissbruch  hinten  am  Darmbein,  indem 
der  Compression  der  Sjnchondrose  vorne  ein  Auseinanderstehen  auf 
der  Hinterseite  entspricht.  Dabei  werden  die  entsprechenden  Bänder 
gespannt  und  reissen  Stücke  von  wandelbarer  Grösse  entsprechend  den 
hinteren  Theilen  des  Darmbeinkammes  und  der  Spina  ab.  Wenn  wir 
als  Regel  bezeichneten,  dass  der  vordere  Bruch  durch  den  dünnsten 
Theil  des  Horizontalastes  vom  Schambein  verlief,  so  wollen  wir  die 
verschiedenen  Abweichungen  nicht  verschweigen.  Zunächst  nähert  er 
sich  zuweilen  der  Symphysis  oss.  pubis  auf  einer  oder  auf  beiden 
Seiten  und  nicht  selten  wird  er  doppelt,  d.  h.  es  bricht  ein  ganzes 
Stück  des  Horizontalastes  für  sich  heraus.  Die  bedeutendste  und  ziem- 
lich häufige  Abweichung  ist  die,  dass  die  Fractur  in  das  Hüftgelenk 
hineingeht,  indem  der  Schambeintheil  des  Gelenkes  mehr  weniger  nahe 
der  knorpeligen  Verbindung  mit  Sitz-  und  Darmbein  herausbricht.  Ich 
sah  dies  Verhältniss  bei  einem  jugendlichen  Individuum,  bei 
welchem  die  drei  Knochen  genau  aus  ihrer  Vorbindung  gelöst  wurden. 
In  diesen  Fällen  schliesst  sich  gerne  an  den  Spaltbruch  der  Pfanne 
eine  Fractur  in  das  Dannbein  an,  welche  in  das  Foramen  ischiadicum 
hineinläuft.  Besonders  bei  einseitigen  Brüchen  des  vorderen  Becken- 
ringes scheint  die  Pfanne  öfter  auseinandergesprengt  zu  werden,  während 
gleichzeitig  der  Bamus  descendens  pubis  einbricht,  und  man  gewinnt 
den  Eindruck,  dass  die  fracturirende  Gewalt,  vielleicht  vom  Trochanter 
aus,  so  auf  den  Schcnkelknopf  wirkte,  dass  derselbe  die  Pfanne  sprengte 
und  dabei  den  unteren  Begrenzungsring,  den  Bamus  descendens  pubis, 
zerbrach. 

Was  die  Meinung  des  Autors  anbelangt,  dass  die  Fracturen 
am  häufigsten  in  der  Symphysengegend  stattfinden,  so  muss  ich 
sie  nach  meinen  Experimenten  nur  bestätigen.  Die  Erklärung  des 
Frakturmechanismus  im  Kreuzbeingebiete  steht  dagegen  mit  meinen 
Eesultaten  im  Widerspruche.  In  der  That  wenn  „der  Druck  auf 
die  vordere  Beckenumrandung  dieselbe  einbiegt,  in  soferne  der 
Elasticitätscoefficient  es  erlaubt",  so  konnte  man  sich  die  Ueber- 


122  Ku8min. 

tragung  dor  Wirkung  der  Kraft  auf  das  Kreuzbein  nur  in  der 
Weise  erklären,  dass  die  Darmbeine  sich  umzulegen  bestrebt  waren 
und  Knochentheile  aus  den  vorderen  Kreuzbeinrändern  ausrissen, 
aber  nicht  dass  die  vordere  Kreuzbeinwand  comprimirt  und  zertrüm- 
mert würde.  Dieser  Mechanismus,  wie  ihn  Prof.  König  beschrieben, 
kann  vorkommen,  was  ich  auch  durch  meine  Experimente  bestätigt 
fand,  aber  nur  dann,  wenn  die  Kraft  in  frontaler  Bichtung  wirkt, 
wie  ich  es  später  noch  deutlicher  darstellen  werde.  Ich  beobachtete 
den  Kissbruch  hinten  am  Darmbein  bei  frontaler  Wirkung  der  Kraft 
während  Prof.  König  ihn  durch  die  Wirkung  der  Kraft  in  sa- 
gittaler  Richtung  entstehen  lässt.  Ich  glaube  mich  für  berech- 
tigt halten  zu  dürfen,  diese  Meinung  umsomehr  auszusprechen, 
als  ich  durch  meine  Experimente  dazu  veranlasst  wurde.  Wenn 
mich  auch  meine  Experimente  gezwungen  haben,  eine  andere  Erklä- 
rung des  Fracturmechanismus  zu  geben  als  wie  sie  Prof.  König 
gibt,  so  fand  ich  durch  diese  Experimente  die  Stellen,  die  er  als 
am  meisten  gebrechlich  darstellt  um  so  mehr  bestätigt.  Nur  wollte 
ich  dieselben,  indem  ich  die  Lagen  der  Leichen  und  die  Richtungen 
der  Kraft  verschieden  änderte,  präciser  in  Zusammenhang  mit 
dem  ganzen  Fracturmechanismus  bringen. 

Wenn  wir  noch  alle  Fracturbilder  Revue  passiren  lassen,  so 
können  wir  folgende  Fracturformen  bei  sagittaler  Wirkung  der 
Kraft  aufstellen: 

I.  Bei  der  Wirkung  der  Kraft  von  vorne  nach  rück- 
wärts auf  das  Schoossgebiet  im  engeren  Sinne,  werden  die 
dieses  Gebiet  zusammensetzenden  Knochen  fracturirt  oder 
herausgeschlagen  und  zwar  in  folgenden  Punkten: 

1.  Am  Eamus  horizontalis  ossis  pubis  in  zwei  Punkten: 

a)  beimTuberculum  pubicum,  in  der  Nähe  des  Canalis  obtura- 
torius  mit  der  Fracturrichtung  gegen  das  Foramen  ovale; 

b)  beim  Tuberculum  ileo-pectineum  mit  der  Fracturrichtung 
gegen  das  Foramen  ovale,  indem  der  horizontale  Schambein- 
theil  entweder  in  der  Nähe  des  Tuberculum  ileo-pecti- 
neum abgebrochen  oder  aus  der  Verbindung  mit  dem  Sitz- 
und  Darmbein  gelöst  wird;  c)  durch  das  Acetabulum  hin- 
durch in  die  Incisura  ischiadica  major  oberhalb  der  Spina, 
indem  auf  die  Weise  ein  Ring  um  das  Foramen  ovale 
herausgeschlagen  wird. 


Üeber  Beckenfracturen.  123 

2.  a)  Am  Bamus  ascendens  ossis  iscliii  in  der  Nähe 
des  Tuber  ossis  ischii;  b)  an  der  Vereinigungsstelle  des 
Bamus  ascendens  ossis  ischii  mit  dem  Bamus  descendens 
ossis  pubis. 

Hiemit  sehen  wir,  dass  die  Verletzung  1.  dort  zu 
Stande  gekommen,  wo  die  Knochen  am  dünnsten  sind,  oder 
2.  wo  dieselben  in  dickere  Partien  übergehen,  und  3.  wo 
dieselben  in  Jugendjahren  durch  Knorpelfugen  verbun- 
den sind. 

Dass  bei  der  Wirkung  der  Kraft  auf  das  Schambeingebiet, 
sehr  oft  keine  Verletzungen  im  Gebiete  der  Kreuzbeinfuge  ent- 
stehen, hat  seinen  Grund  darin,  dass  die  genannten  Knochen  in 
Folge  ihrer  Zerbrechlichkeit  bei  brüsk  wirkender  Kraft  früher  noch 
fracturiren,  bevor  die  Kraft  auf  das  Kvcuz-Darmbeingebiet  über- 
tragen wird. 

Die  Fracturen  an  diesen  genannten  Stellen  kommen  in  der 
grösseren  Mehrzahl  der  Fälle  combinirt  oder  auch  beiderseits  sym- 
metrisch, mit  Zersplitterung  oder  ohne  dieselbe  vor.  Die  Bestän- 
digkeit mit  der  die  Fracturen  an  den  erörterten  Stellen,  bei  meinen 
Experimenten  —  exclusive  an  Erwachsenen  —  vorkamen,  gibt  mir 
Anlass  zu  denken,  dass  der  Brechungscoefficient  an  diesen  Stellen 
ein  anderer,  nämlich  ein  kleinerer  ist,  als  an  den  übrigen. 

II.  Wenn  die  Kraft  stark  und  expansiv  wirkt,  z.  B. 
beim  Zusammenpressen  zwichen  den  Puffern,  oder  im 
Schraubstock,  beim  Schlage  mit  grossen  Gewichten  u.  s.w., 
so  wird  ihre  Wirkung  auf  das  Kreuz-Darmbeingebiet 
übertragen,  wobei  folgende  Verletzungen  zu  Stande 
kommen  können: 

a)  Zerrung  der  Bänder  und  Diastase  der  Articulatio 
sacro-iliaca  im  vorderen  Theile  derselben,  zuweilen  mit 
Dislocation  des  Kreuzbeins  nach  vorne  und  oben  verbunden. 

b)  Abreissen  der  Theile  vom  Kreuzbeinflügel  entlang 
den  Foramina  sacralia  entsprechend  der  Articulatio  sacro- 
iliaca. 

c)  Fracturen  des  freien  Kreuzbeinrandes  durch  die 
Anspannung  der  Ligamente,  im  Gebiete  des  3.  und4.  Kreuz- 
beinloches. 


124  Ku8min. 

Dieselben  Resultate  werden  auch  durch  die  Wirkung  der 
Kraft  von  rückwärts  nach  vorne  erzeugt,  nur  mit  dem  Unterschied, 
dass  bei  letztgenanntem  Umstände  die  Verletzung  mehr  auf  die 
Rechnung  des  Gegendruckes  kommt. 

Als  Summa  summarum  haben  wir  also  Folgendes: 

Die  Fracturen  des  Beckens  kommen  in  Folge  des  Zusammen- 
drückens des  Beckenringes  in  sagittaler  Richtung  zu  Stande,  wobei 
nach  Verschiedenheit  der  Kraft  und  ihrer  Angriffspunkte  entweder 
ein  Theil  des  Beckenringes  a)  direct  herausgeschlagen  wird, 
wie  z.  B.  bei  der  Wirkung  der  brüsken  Kraft  auf  das  Schoossgebiet, 
oder  b)  die  Wirkung  zugleich  auf  entferntere  Punkte  über- 
tragen wird,  oder  endlich  c)  nur  übertragen  ohne  an  dem 
Angriffspunkte  oder  dessen  Nachbarschaft  eine  Ver- 
letzung zu  erzeugen,  wie  z.  B.  bei  Wirkung  der  Kraft  auf -die 
Spinae  anteriores  superiores,  wie  wir  es  nicht  selten  bei  Experi- 
menten gesehen,  wo  wir  unter  die  Spinae  anteriores  ein  Brett  unter- 
legt haben,  und  entweder  auf  dasselbe  oder  auf  das  Kreuzbein-  und 
Darmbeingebiet  einen  Schlag  ausgeführt  haben. 

Auf  dem  Wege  der  Uebertragung  werden  häufig  vorkommende 
Fracturformen  erzeugt,  wobei  bei  Angriffspunkten  im  Kreuz-Darm- 
beingebiet eine  Fractur  durch  das  Acetabulum  bis  in  die  Incisura 
iscbiadica  major  veranlasst  wird,  indem  das  ausgeschlagene  Knochen- 
stück einen  Ring  um  das  Foramen  ovale  bildet;  oder  es  wird  die 
Wirkung  noch  weiter  übertragen  und  eine  Fractur  im  Ramus  ascen- 
dons  ossis  ischii  an  den  typischen  Stellen  verursacht. 

Nun  übergehe  ich  zu  der  Beschreibung  der  Fracturformen, 
die  ich  bei  der  Wirkung  der  Kraft  in  frontaler  Richtung  erhalten. 
Bei  diesen  Fällen  habe  ich  auch  die  Angriffspunkte  der  Kraft  und 
des  Gegendruckes  variirt,  nämlich  auf  die  Crista  ossis  ilei,  auf  den 
Troch  anter  beiderseits  oder  auf  die  Crista  ossis  ilei  einerseits  und 
den  Trochanter  andererseits.  Die  Experimente  habe  ich  sonst  unter 
denselben  Umständen  angestellt.  Um  die  Wirkung  zu  localisiren, 
habe  ich  auch  hier  auf  bestimmten  Stellen  von  der  Seite  des 
Angriffspunktes  der  Kraft  ein  Stück  Brett  angebracht,  und  den 
Schlag  mit  dem  bekannten  Holzstück  ausgeführt.  Bei  dem  Experi- 
mente habe  ich  Kräfte  von  der  Grösse  angewendet,  die  eine  Fractur 
des  Beckonringes  erzeugen  konnten. 


Ueber  Beckenfracturen.  125 

Vor  Allem  will  ich  mich  jetzt  mit  solchen  Fällen  befassen, 
bei  denen  die  Kraft  auf  die  Crista  ossis  ilei  gewirkt  hat.  Hiebei 
erhalten  wir  wiederum  mehrere  Fracturformen. 

Präparat  Nr.  9,  Taf.  VI.  Fig.  6  stellt  folgendes  Bild  dar:  Eine 
männliche  nicht  geöffnete  Leiche  Ijei  40  Jahre  alt,  wurde  auf  die  Seite 
gelegt.  Entsprechend  dem  Gebiete  der  Spinae  superioris  anterioris  von 
der  linken  Seite  wurde  das  beschriebene  Brett  quer  angebunden.  Der 
Schlag  wurde  mit  dem  bekannten  Holzstück  ausgeführt.  Die  Fractur 
erfolgte  nach  einem  Schlag  und  stellte  nach  der  Entfernung  der  Weich- 
theile  folgendes  Bild  dar: 

Die  Fracturlinien  verlaufen  beiderseits  von  der  Nähe  des  Tuberc. 
ileo-pectineum  (0,  b)  durch  das  Foramen  ovale  und  die  typische  Stelle 
in  der  Nähe  des  Tuber  ossis  ischii  (a,  b).  Im  Gebiete  der  Articulatio 
sacro-iliaca  konnte  man  keine  deutlich  bemerkbaren  Verletzungen  ent- 
decken. 

Der  Fracturmechanismus  bestand  offenbar  im  Folgenden: 
Die  Kraft  und  der  Gegendruck  wirkten  auf  Darmbeinkämme 
und  bestrebten  auf  die  Weise,  dieselben  einander  zu  nähern.  Dem 
wirkte  das  Kreuzbein  und  das  Schoossgebiet  entgegen.  Das  letztere 
gab  in  Folge  der  grösseren  Brüchigkeit  früher  nach  und  brach  an 
den  angegebenen  Stellen,  während  das  Kreuzbein-Darmbeingebiet 
unversehrt  blieb.  Das  Darmbein  musste  beim  Aneinand ernähern 
eine  Art  Kotation  nach  einwärts  machen,  wie  es  unter  früher 
beschriebenen  Umständen  um  eine  ideale  Axe,  die  durch  die  Arti- 
culatio sacro-iliaca  verläuft,  nach  aussen  ausführte. 

In  Folge  dieser  Botation  und  Aneinandernäherns  der  seitlichen 
Beckenhälften  entstanden  Fracturlinien,  welche  beiderseits  vom 
Tuberculum  ileo-pectineum  in  das  Foramen  ovale  und  durch  die 
typische  Stelle  in  der  Nähe  des  Tub.  ossis  ischii  verlief. 

Die  Uebertragung  der  Wirkung  erfolgte  offenbar  dadurch,  dass 
die  Brüchigkeit  am  letzteren  Punkte  eine  kleinere  war. 

Bei  derselben  Kraftrichtung  habe  ich  auch  ein  etwas 
variirtes  Präparat  (Nr.  10  a)  erhalten,  in  welchem  die  Fractur 
rechterseits  durch  das  Acetabulum  in  die  Incisura  ischiad.  major  verlief 
und  in  der  Nähe  des  Tuber  ossis  ischii  dext.  keine  Verletzung  zeigte. 

Fast  ein  gleiches  Bild  stellte  noch  ein  Präparat  Nr.  10  b  dar, 
in  welchem  bei  demselben  Mechanismus  die  Fractur  beiderseits 
durch  das  Acetabulum  gegangen  und  in  der  Incisura  ischiadica 
major  endete. 


126  Kusmin. 

Die  Erklärung  dieses  Präparates  schliesst  sich  ganz  an  die 
vorhergehende  an. 

Ein  in  den  Grundzügen  gleiches  Präparat  sehen  wir  noch  in 
Nr.  11,  das  wir  folgendennassen  angestellt  haben. 

Taf.  VII,  Fig.  7.  Eine  männliche  Leiche  wurde  analog  dem  früher 
beschriebenen  Fall  gelegt.  Der  Schlag  wurde  mit  einem  Gewichte  ausge- 
führt. Die  Fractur  erfolgte  auf  einmal  und  zeigte  folgendes  Bild:  der 
Bruch  fand  in  der  vorderen  Beckenwand  statt;  seine  Richtungen  ver- 
liefen oben  beiderseits  vom  Tuberculum  ileo-pectineum  (#,  d)  und  Tu- 
berculum  pubicum  (c,  c)  in  das  Foramen  ovale;  unten  verlief  die  Frac- 
turrichtung  durch  die  typischen  Stellen  am  Tuberc.  ossis  ischii  (ft,  e). 

Dieses  Experiment  liefert  noch  einen  Beleg  för  unsere  oben 
gegebene  Erklärung  des  Fracturmechanismus,  nur  erfolgten  im 
gegebenen  Fall  in  Folge  eines  stärkeren  Aneinanderbringens  der 
Darmbeine  die  Fracturen  noch  in  anderen  Punkten.  Auf  die  Weise 
wurde  das  Hinderniss,  welches  das  Aneinanderbringen  der  Darm- 
beine hemmte,  entfernt. 

An   den   beschriebenen   Präparaten  haben  wir  Beispiele  der 

Verletzung  in  der  vorderen  Beckenwand  gehabt,   aber  wir  können 

Verletzungen  auch  in  dem  hinteren  Theile  des  Beckenringes,    bei 

derselben  Bichtung  der  Kraftwirkung  bekommen,   und   zwar  unter 

unten  bezeichneten  Umständen. 

Präparat  Nr.  12.  Ein  männliches  Becken  wurde  seitlich  in 
einem  Schraubstock  zusammengedrückt.  Nach  Entfernung  der  Weich- 
theile  wurde  Folgendes  gefunden:  Der  Beckenring  war  in  querer  Rich- 
tung platt  gedrückt,  das  rechte  Darmbein  unversehrt  und  in  Zusam- 
menhang sowohl  mit  dem  Schambein  als  auch  Sitzbein  geblieben.  Die 
Fractur  erfolgte  im  linken  Theile  des  Beckenringes  und  zwar  beim 
Tuberculum  pubicum  mit  der  Fracturrichtung  gegen  das  Foramen  ovale, 
beim  Tuberc.  ileo-pectineum,  mit  der  Fracturrichtung  gegen  das  Foramen 
ovale,  und  durch  das  Acetabulnm  hindurch  in  die  Incisura  ischiadica 
major,  beim  Tuberc.  ossis  ischii  sin.  und  im  Gebiete  der  Vereinigungsstelle 
des  Bamus  ascendens  ossis  ischii  sin.  und  descendens  ossis  pubis  sin.  und 
zuletzt  am  linken  Kreuzbeinflügel  im  Gebiete  des  1.,  2.  Foramen  sacrale, 
als  Zertrümmerung  desselben.  Kurz  gesagt,  in  allen  den  typischen 
Stellen,   die   schon  öfters  erwähnt  waren. 

Der  Fracturmechanismus  erklärt  sich  folgendermassen: 
Die  continuirlich  wirkende   Gewalt   trachtete   die   Darmbeine 
aneinander  zu  nähern;  da  hiebei  die    vordere   Wand   des   Becken- 
ringes ein  Hinderniss  bildete,  so  musste  dieselbe  bei  der  stärkeren 
Gewalt  nachgeben,  und  an  den  typischen  Stellen,  die  wir  schon  so 


Ueber  Beckenfracturen.  127 

oft  bezeichnet  haben,  brechen.  Die  Kraft  wirkte  aber  noch  weiter 
und  erzeugte  bei  weiterem  Versuche,  das  Darmbein  nach  einwärts 
zu  bringen,  die  Zertrümmerung  des  Kreuzbeiuflügels.  Die  gegebenen 
Auseinandersetzungen  erschöpfen  aber  noch  nicht  die  Erklärung  des 
ganzen  Bildes,  indem  erstens  trotzdem,  dass  die  vordere  Becken- 
wand an  den  typischen  Stellen  (bei  Tuberc.  pubicum  sin.  und  bei 
Tub.  ossis  ischii)  gebrochen  wurde,  sich  noch  eine  Fractur  vom 
Tub.  ileo-pectineum  ins  Foramen  ovale  und  durch  das  Acetabulum 
in  die  Incisura  ischiadica  major  fortsetzte;  zweitens  dass  die 
Fractur  nur  an  einer  Seite  (links)  des  Beckenringes  erfolgte.  Das 
erstere  erklärt  sich  folgendermassen:  durch  die  comprimirende 
Wirkung  der  Gewalt  wurde  das  im  Tuberculo  pubico  schief  losge- 
trennte Stück  des  Bamus  horizontalis  sinister  ossis  pubis  hinter  dem 
horizontalen  Schambeinaste  der  rechten  Seite  verschoben,  bis  es 
sich  am  rechten  Darmbein  anstemmte  und  nun  von  diesem  neuen 
Stützpunkte  aus  wahrscheinlich  einen  Gegendruck  erzeugte,  der  den 
Zusammenhang  zwischen  Darm-,  Sitz-  und  Schambein  linkerseits 
löste.  Das  zweite  Moment  würde  seinen  Grund  darin  haben,  dass 
hier  Compression  in  Folge  der  kleinen  Höhe  der  Schraubenwin- 
dungen sehr  langsam  vor  sich  ging,  und  dass  hier  zum  Unterschied 
von  den  früheren  Experimenten  eine  Fractur  ohne  eine  Erschütte- 
rung, sondern  durch  allmäliges  Aneinanderbringen  der  beiden  seit- 
lichen Beckenhälften  entstand.  Es  verdient  auch  der  Umstand  unsere 
Aufmerksamkeit,  dass  die  linksseitige  vordere  Beckenwand  früher 
nachgelassen  und  dadurch  die  rechte  Seite  unversehrt  geblieben, 
indem  schon  durch  die  frühere  Fractur  der  Querdurchmesser  des 
Beckens  zur  Genüge  verkleinert  wurde.  Es  ist  sehr  wahrscheinlich, 
dass  bei  der  Wirkung  der  Gewalt  in  der  angegebenen  Kichtung 
auch  an  den  Lebenden  die  Verletzung  in  der  erwähnten  Form  ent- 
stehen kann,  weswegen  wir  auch  unsere  Auseinandersetzungen  in 
extenso  gegeben  haben. 

Als  dritte  Abart  der  Fracturform,  die  bei  seitlicher  Wir- 
kung der  Kraft  erfolgte,  wollen  wir  noch  ein  folgendes  Präparat 
anführen: 

Eine  männliche  Leiche,  30  Jahre  alt,  wurde  auf  die  rechte  Seite 
gelegt  und  in  dieser  Lage  fixirt.  Auf  den  Darmbeinkamm  wurde  das 
bekannte  Brett  angebunden  und  auf  dasselbe  ein  Schlag  mit  einem 
Stück  Holz  ausgeführt.  Die  Fractur  zeigte  sich  folgendermassen:  ■ 


128  Kusmin. 

Präparat  Nr.  18  a,  Taf.VII,Fig.  8  a.  In  der  vorderen  Beckenwand 
verläuft  die  Richtung  der  Fractur  linkerseits  vom  Tuberculum  pubicum  (a) 
in  das  Foramen  ovale,  wo  auch  ein  Enochenstück  vom  Ramus  horizon- 
talis  ossis  pnbis  herausgeschlagen  wurde,  ßamus  ascendens  ossis  ischii 
wurde  an  beiden  typischen  Stellen,  nämlich  in  der  Nähe  des  Tuberis 
ossis  ischii  (b)  und  in  der  Nähe  der  Voreinigungsstelle  des  Bamus 
ascendens  ossis  ischii  mit  dem  Os  pubis  (c),  fracturirt.  Am  hinteren 
Theile  des  Beckenringes  zeigten  sich  Verletzungen  an  beiden  Seiten 
des  Kreuz-Darmbein gebietes,  wurden  nämlich  vorne  beiderseits  Stücke 
(d,  e)  vom  Kreuzbeinflügel  zertrümmert,  und  ausserdem  noch  linkerseits, 
also  auf  der  Seite,  wo  die  Kraft  wirkte,  das  Darmbein  selbst  fracturirt. 
Hier  verlief  die  Fractur  (a)  vertical  von  Crista  ossis  ilei  in  einer  Entfer- 
nung von  2  Centim.  von  der  Articulatio  sacro-iliaca  in  die  Incisura 
ischiadica  major,  wie  Fig.  8  (b)  zeigt. 

Die  Fractur  erfolgte  hier  in  Folgo  der  Verkleinerung  des 
Beckenraumes  in  seitlicher  Kichtung,  was  nur  erfolgen  konnte,  wenn 
die  vordere  Beckenwand  nachgelassen  hatte  die  freien  Kreuzbein- 
ränder zertrümmert  wurden,  und  nachdem  zuletzt  das  Darmbein 
selbst  fracturirt  wurde.  Letztere  Darmbeinfractur  entstand  deswegen, 
weil  hier  die  Festigkeit  der  Ligamente  die  Brechbarkeit  der  Knochen 
übermannt.  Hiermit  sehen  wir,  dass  auch  am  Cadaver  auf  experimentel- 
lem Wege  die  Fracturen,  die  Malgaigne  unter  dem  Namen  der  dop- 
pelten verticalen  beschreibt,  erzeugt  werden  können.  Dieselben  habe 
ich,  sowohl  bei  der  Wirkung  der  Kraft  auf  die  Darmbeine  als  auch 
auf  die  Trochanteren  erhalten.  Ich  will  den  Leser  mit  weiteren 
Beschreibungen  meiner  Experimente  nicht  ermüden,  will  nur  hin- 
zusetzen, dass  die  Kesultate,  die  ich  bei  anderen,  ähnlich  ange- 
stellten Experimenten  erhalten,  ähnlich  ausfielen. 

Nun  übergehe  ich  zu  den  Präparaten,  bei  denen  ich  die  Kraft 
habe  auf  den  Trochanter  Avirken  lassen. 

Präparat  Nr.  14.  Eine  männliche  Leiche  wurde  auf  die  rechte 
Seite  gelegt  und  in  derselben  fixirt.  Zur  Localisirung  des  Schlages  war 
an  den  Trochanter  linkerseits  das  genannte  Brett  angebunden,  und 
der  Schlag  wie  gewöhnlich  ausgeführt.  Die  Fractur  stellte  folgendes 
Bild  dar:  an  der  rechten  Seite  erfolgte  eine  Fractur,  deren  Richtung  vom 
Tuberculo-pubico  in  das  Foramen  ovale  verlief;  ausserdem  noch  eine 
zweite,  die  im  Ausschlagen  eines  Stückes  aus  dem  Bamus  ascendens 
ossis  ischii  an  den  typischen  Stellen  bestand.  Ferner  bemerkte  man 
noch  am  hinteren  Theile  des  Beckenringes  zwei  Zertrümmerungen,  eine 
stärkere  am  Kreuzbeinflügel  rechterseits  —  und  eine  schwächere  linker- 
seits, die  in  Folge  der  seitlichen  Compression  entstanden.   Am  rechten 


Ueber  Beckenfracturen.  129 

Darmbeine  selbst,  verlief  eine  Fractur  quer  dnrch  dasselbe,  welches 
ein  oberes  kleineres  Stück  des  Darmbeines  von  dem  unteren  grösseren 
abtrennte. 

Die  Fractur  im  Kreuz-  und  Schambein  bezeugt,  dass  hier 
dieselbe  nach  dem  schon  öfters  erwähnten  Mechanismus  erfolgte, 
nämlich  in  Folge  des  Aneinandernäherns  der  Darmbeine.  Was  die 
Verletzung  am  Darmbeine  anbelangt,  so  erklärt  sich  dieselbe 
dadurch,  dass  an  diesem  Punkte  der  Gegendruck  am  stärksten  ge- 
wirkt hat.  In  der  That  bezeugen  auch  die  anderen  Präparate,  wo 
die  Leiche  auf  die  Seite  gelegt  und  der  Schlag  am  Trochanter  er- 
folgte, dass  der  Gegendruck  gewöhnlich  an  diese  Stelle  übertragen 
wurde. 

Präparat  Nr.  15,  Taf.  VH,  Fig.  9.  Eine  weibliche  Leiche 
wurde  auf  die  rechte  Seite  gelegt,  und  in  dieser  Stellung  fixirt.  Der 
Schlag  wurde  mit  dem  bekannten  Holzstück  ausgeführt. 

Die  Fractur  erfolgte  nach  dreimaligem  Schlag  und  stellte  folgen- 
des Bild  dar:  An  der  vorderen  Beckenwand  zeigte  sich  eine  Fractur 
an  den  typischen  Stellen:  rechterseits  am  Bamus  horizontalis  ossis 
pubis  vom  Tuberculum  pubicum  (a)  und  Tuberculum  ileo-pectineum 
(b),  gegen  das  Foramen  ovale,  am  Bamus  ascendens  ossis  ischii  in  der 
Nähe  des  Tuber  ischii  (c)  und  nahe  der  Vereinigungsstelle  des  Bamus 
ascendens  ossis  ischii  mit  dem  Os  pubis  (d),  linkerseits  verlief  die 
Fractur  vom  Tuberculum  ileo-pectineum  (e),  in  das  Foramen  ovale 
und  setzte  sich  neben  dem  Tuber  ossis  ischii  weiter  fort  (/).  Im  hin- 
teren Theile  des  Beckenringes  fand  eine  Zertrümmerung  des  rechten 
Kreuzbeines  in  dem  am  meisten  brechbaren  Theile,  im  Gebiete  der 
Foramina  sacralia  (g)  statt.  Ausserdem  wurde  noch  ein  Stück  aus  dorn 
oberen  Theile  des  Darmbeines  —  so  wie  im  früheren  Präparat  — 
firacturirt  (h). 

Das  Präparat  ist  dem  früheren  ganz  analog,  und  erfolgte  hier 
die  Fractur  an  einer  Seite  des  Kreuzbeins  und  exclusive  im  Gebiete 
der  Foramina  sacralia.  —  Der  Mechanismus  erklärt  sich  ganz  wie 
im  vorhergehenden  Falle. 

Wir  wollen  hier  noch  ein,  von  dem  eben  angeführten  etwas 
Tariirendes  Präparat  (Nr.  16)  erwähnen,  bei  dem  die  Zertrüm- 
merung im  Kreuzbein  auf  der  Seite  der  Wirkung  der  primären 
Kraft  erfolgte  und  nicht  auf  der  Seite  des  Gegendruckes,  wie  es 
in  früher  beschriebenen  Exemplaren  geschehen. 

Bei  der  Modificirung  des  Experimentes,  die  darin  bestand, 
dass  wir  auch  den  Gegendruck  am  Trochanter  durch  Unterlegung 

Miri.  Jahrbücher.  1882.  Q 


130  Knsmiu. 

einos  Brettes  localisirten,  erhielten  wir  analoge  Verletzungen,  wie 
die  eben  beschriebenen,  mit  dem  Unterschiede,  dass  dieselben  an 
der  vorderen  Wand  am  deutlichsten  ausgeprägt  waren.  Am  häufig- 
sten trat  die  Fractur  im  Schoossgebiete,  selten  im  Gebiete  des 
Tuberculum  ileo-pectineum  mit  dem  Auseinanderbringen  aller  drei 
das  Acetabulum  zusammensetzender  Knochen  verbunden,  ein.  — 
Niemals  ist  es  mir  gelungen,  den  Femurkopf  in  den  Beckenraum 
hineinzutreiben,  denn  bei  Anwendung  einer  grösseren  Gewalt  brach 
der  Hals  in  bekannter,  von  Heppner  beschriebener  Form  früher, 
bevor  das  Caput  hineingedrängt  werden  konnte. 

Präparat  Nr.  16,  Taf.  VII,  Fig.  10.  In  einem  Fall,  wo  ich  das 
Becken  eines  30  J.  alten  Mannes  gebrauchte,  legte  ich  das  Brett  längs 
des  Körpers  auf  den  vorderen  Theil  der  Crista  ossis  ilei  und  Trochanter 
major,  dass  diese  Angriffspunkte  zu  gleicher  Zeit  der  Wirkung  der 
Kraft  von  der  linken  Seite  ausgesetzt  waren.  Der  Schlag  wurde  in  der 
Mitte  des  Brettes  ausgeführt.  Als  Resultat  erhielt  ich  folgendes 
Präparat : 

Auf  der  linken  Seite  (von  innen  gesehen)  ging  eine  Fractur  vom 
vorderen  Theile  der  Crista  ossis  ilei  vertical  durch  das  Darmbein  gegen 
das  Tuberculum  ileo-pectineum  um  von  daher  im  Foramen  ovale  zu 
endigen.  Auf  der  Aussenseite  des  Darmbeines  verlief  diese  Fractur,  wie 
Fig.  X  zeigt,  vom  oberen  Darmbeinrande  vertical  gegen  das  Acetabulum 
(a)  und  endete  am  hinteren  Theile  desselben.  Auf  der  linken  Seite 
zeigte  sich  auch  am  Raums  horizontalis  ossis  pubis  eine  Fissur,  (auf  der 
Zeichnung  nicht  sichtbar)  die  vom  Tuberculum  pubicum  in  das  Foramen 
ovale  verlief,  am  Ramus  ascendens  ossis  ischii  wurde  an  den  typischen 
Stellen  ein  Knochenstück  ausgebrochen  (dy  e).  An  der  rechten  Seite 
bemerkte  man  eine  Fractur,  die  vom  Tuberculum  ileo-pectineum  gegen 
das  Foramen  ovale  verlief  (/*)  und  in  der  Nähe  des  Tuber  ossis  ischii 
(g)  fortsetzte;  —  ausserdem  war  noch  eine  Zertrümmerung  am  vor- 
deren oberen  Rande  des  Darmbeines  (h)  vorhanden.  Im  hinteren  Gebiete 
des  Beckenringes  hat  eine  Zertrümmerung  an  der  linken  Seite  des  Kreuz- 
beines im  Gebiete  der  drei  oberen  Foramina  sacralia  stattgefunden. 

Der  Mechanismus  bestand  auch  hier  in  einem  Aneinander- 
bringen  der  Darmbeine,  nur  wurde  er  in  Folge  der  Verschie- 
denheit der  Angriffspunkte  modificirt.  Es  erfolgte  nämlich  in 
Folge  dessen  eine  Fractur  des  vorderen  Bandes  des  Darmbeines, 
wobei  die  Fracturrichtung  mit  der  typischen  in  der  Nähe  des 
Tuberculum  ileo-pectineum  zusammentraf.  Das  könnte  man  für 
ein  Variant  des  doppelten  verticalen  Bruches  nach  Mal- 
gaigne    auffassen,   nur  mit   dem    Unterschiede,   dass  hier  ausser 


Ueber  Beckenfracturen.  131 

den  Fracturen  im  vorderen  Theile  des  Beckenringes  die  zweite 
Fractur  nicht  in  der  hinteren  Partie  des  Kreuz  -  Darmbeinge- 
bietes, wie  sie  nach  Malgaigne  sein  sollen,  sondern  im  vorderen 
Theile  des  Darmbeines  erfolgten. 

Mit  diesen  Beispielen  habe  ich  nach  meiner  Meinung  alles 
erschöpft,  was  in  Bezug  der  Wirkung  der  Kraft  in  frontaler  Rich- 
tung  zu  sagen  wäre.  Aus  diesen  Experimenten  lassen  sich  folgende 
allgemeine  Betrachtungen  über  den  Mechanismus  der  Fracturen  des 
Beckenringes  ziehen: 

Das  Hauptmoment,  das  die  Fractur  bedingt,  besteht  in  der 
Verkleinerung  des  Beckenraumes  im  Querdurchmesser,  was  nur  bei 
Beseitigung  des  Hindernisses,  das  das  Schoossgebiet  und  Kreuz- 
bein-Darmbeingebiet liefert,  entstehen  kann.  Diese  Beseitigung 
geschieht  vorne  durch  Fracturen  an  den  typischen  Stellen  des 
Schoossgebietes.  Dieselben  entsprechen  entweder  den  embryonalen 
Verbindungsstellen  der  Beckenknochen  oder  in  der  Nähe  derselben, 
oder  den  Stellen,  wo  die  dünneren  Knochentheile  in  dickere  über- 
gehen, oder  wo  die  Knochen  am  dünnsten  sind.  Von  rückwärts 
wird  es  durch  Zertrümmerung  des  Kreuzbeines  im  Gebiete  zwischen 
der  Articulatio  sacro-iliaca  und  den  Kreuzbeinlöchern  zu  Wege  ge- 
bracht. Nachdem  die  Hindernisse  auf  diese  Weise  auf  einem  oder 
anderen  Orte  des  Beckenringes  beseitigt  worden,  fuhren  die  seitlichen 
Beckenhälften  eine  Art  Botation  in  der  Richtung  nach  innen  aus  und 
als  Resultat  dessen  zeigt  sich  in  manchen  Fällen  eine  Fractur  im 
hinteren  Gebiete  (in  der  Nähe  der  Spina  ilei  posterior)  und  erzeugt 
den  sogenannten  doppelten  verticalen  Bruch  nach  Malgaigne.  An 
den  Angriffspunkten  der  Kraft  und  des  Gegendruckes  können  noch 
locale  Verletzungen  entstehen,  wie  z.  B.  des  Darmbeines  in  hori- 
zontaler oder  verticaler  Richtung. 

Um  noch  im  Kurzen  Belege  für  unsere  Betrachtungen  anzu- 
führen, wollen  wir  noch  einzelne  Fracturformen  recapituliren: 

A.  Bei  Wirkung  der  Kraft  auf  das  Darmbein  bemerken  wir 
folgende  typische  Fracturstellen : 

1.  in  der  vorderen  Wand  des  Beckenringes  ohne  Zer- 
trümmerung im  Kreuzbeingebiete,  auf  einer  oder  beiden 
Seiten   symmetrisch   oder  in   verschiedenen   Punkten,  am 

9* 


132  Kusmin. 

häufigsten  a)  im  Schoossgebiete  vom  Tuberculum  pubicum 
oder  seiner  Nähe  in  das  Foramen  ovale  verlaufend; 

b)  beim  Tuber  ossis  ischii  und  an  der  Vereinigungs- 
stelle des  Kamus  ascendens  ossis  ischii  mit  Ramus  descen- 
dens  ossis  pubis; 

seltener  im  Gebiete  des  Tuberculum  ileo-pectineum, 
mit  der  Fracturrichtung  c)  gegen  das  Foramen  ovale,  und 
noch  seltener  gegen  die  Incisura  ischiadica  major. 

IL  in  der  vorderen  Beckenwand  mit  der  Zertrümme- 
rung im  Gebiete  der  Kreuzbeinflügel  von  einer  oder  von 
beiden  Seiten. 

Hier  muss  ich  aber  hinzufugen,  dass  die  Form  und  der  Cha- 
rakter der  Verletzung  des  Kreuzdarmbeingebietes  eine  andere  war, 
als  bei  der  Wirkung  der  Kraft  in  sagittaler  Eichtung.  Dort  haben 
wir  eine  Abreissimg  des  Kreuzbeinflügels  wie  auch  der  freien  Kreuz- 
beinränder gesehen,  während  hier  eine  wahre  Zertrümmerung  des 
articulären  Kreuzbeinflügels  zu  Stande  kam  und  keine  Verletzung 
des  freien  Kreuzbeinrandes.  Das  dient  uns  wieder  zum  Beweise  f&r 
die  Kichtigkeit  der  gegebenen  Erklärungen  des  Fracturmechanismus 
im  Beckenringe. 

III.  Ander  vorderen  Beckenwand  auf  dieser  oder  jener 
typischen  Stelle,  im  Kreuzbein  auf  der  einen  oder  beiden 
Seiten  und  zugleich  am  Darmbein,  wo  sie  sich  in  einer 
Rissfractur  des  hinteren  Stückes  des  Darmbeines  äussert. 

Die  letzterwähnte  Form,  die  sogenannte  doppelt  verticale  nach 
Malgaigne,  die  sich  nach  dem  von  mir  beschriebenen  Mechanis- 
mus am  besten  erklären  lässt,  bezeugt  noch  schlagender  die  Rich- 
tigkeit desselben. 

B.  Bei  Wirkung  der  Kraft  auf  den  Trochanter  kamen  analoge 
Fracturformen  vor,  nur  mit  dem  Unterschiede,  dass  bei  diesen  Be- 
dingungen, wenn  die  Leiche  am  ebenen  Boden  lag,  öfters  der  An- 
griffspunkt des  Gegendruckes  auf  die  Darmbeinschaufel  übertragen 
wurde  und  als  ob  die  Wirkung  der  Gewalt  sich  in  diagonaler  und 
nicht  in  querer  Eichtung  verbreiten  würde.  Im  Allgemeinen  habe 
ich  mich  überzeugt,  dass  in  Folge  der  Beweglichkeit  des  Trochan- 
ters  es  überhaupt  schwer  gelingt,  die  Kraft  in  genau  querer  Rich- 
tung, von  einem  Trochanter  zum  anderen,  wirken  zu  lassen.  In 
diesen  Fällen,  wo  ich   bei   Anwendung   der  verschiedenen   Kunst- 


Ueber  Beckenfracturen.  133 

griffe  die  Wirkung  der  Kraft  in  querer  Eichtung  übertragen  habe, 
habe  ich  keine  neuen  Fracturforinen  wahrgenommen,  ausser  dass 
der  Effect  der  Wirkung  nur  mehr  auf  der  vorderen  Beckenwand 
ausgeprägt  wurde.  Das  Eindringen  des  Femurkopfes  in  den  Becken- 
raum habe  ich  bei  meinen  Experimenten  an  Erwachsenen  nie  er- 
halten können,  was  davon  abhängt,  dass  Kräfte  von  dieser  Grösse, 
welche  das  Acetabulum  überwunden  hätten,  bei  meinen  Experi- 
menten früher  das  Collum  femoris  brachen. 

C.  Bei  der  Wirkung  der  Kraft  auf  das  Darmbein,  Trochanter 
oder  auf  beide  zugleich,  können  ausser  den  Fracturen  an  den  typi- 
schen Stellen  (an  der  vorderen  und  hinteren  Wand  des  Becken- 
ringes) auch  Bruchlinien  an  der  Darmbeinschaufel  entstehen,  die 
in  verticaler  Bichtung  verlaufen.  Hierbei  muss  ich  bemerken,  dass 
die  verticale  Bruchrichtung  am  Darmbein  nicht  nur  auf  die  hinte- 
ren Stellen,  die  Malgaigne  bei  seinen  doppelt  verticalen  Frac- 
turen beschrieben,  beschränkt  bleibt,  sondern  sich  auch  vorne,  wie 
in  von  mir  angeführtem  Falle  zeigen  könne  (Präp.  16,  Fig.  10).  Der 
Unterschied  besteht  darin,  dass  im  ersten  Falle  die  Fractur  in  Folge 
eines  Abrisses  bei  Botation  der  Darmbeine  nach  einwärts  zu  Stande 
kommt,  im  zweiten  Falle  dagegen  in  Folge  der  unmittelbaren  Wir- 
kung der  Gewalt. 

Um  die  in  Wirklichkeit  häufig  vorkommenden  Fälle 
der  Uebertragung  der  Kraftwirkung  von  den  Unterextre- 
mitäten auf  das  Becken,  wie  z.  B.  bei  einem  Falle  auf  die 
Füsse  nachzuahmen,  habe  ich  einige  Experimente  folgender- 
massen  angestellt. 

Die  Leiche  habe  ich  mit  dem  Kopfe  nach  unten  fixirt  und 
führte  einen  Schlag  auf  die  stark  gebogenen  zusammengebundenen 
Kniee  aus.  Trotzdem  mehrere  Schläge  mit  dem  bekannten  Holzstück 
ausgeführt  wurden,  habe  ich  keine  Fracturen  am  Becken  erhalten. 
Nach  fünf  bis  sechs  Schlägen  brach  gewöhnlich  der  Oberschenkel 
am  Halse  oder  seltener  in  der  Continuität  ab.  Fracturen  an  der 
vorderen  Beckenwand  (an  typischen  Stellen)  habe  ich  beim  Schlag 
auf  die  Kniee  unter  diesen  Umständen  nie  erhalten.  Wenn  ich  aber 
die  Beine  stark  abducirt  habe,  sie  in  dieser  Stellung  durch  Hinein- 
legen eines  Holzstückes  fixirt,  und  die  Kraft  auf  jedes  Knie 
für  sich  bei  Fixirung  des  anderen  habe  wirken  lassen,  dann  habe 
ich  sie  erzeugen  können.  Dieses  Experiment  hat   mich   überzeugt, 


134  Kusmin. 

dass  bei  Uebertragung  der  Wirkung  durch  die  Oberschenkel  ein 
Beckenbruch  meistentheils  nur  unter  den  angeführten  Umständen  zu 
Stande  kommen  kann.  Das  Eindringen  des  Kopfes  in  den  Becken- 
raum habe  ich  auch  unter  diesen  Umständen  nicht  erhalten. 

Ohne  grosse  Schwierigkeit  gelang  es  mir  auf  expe- 
rimentellem Wege,  die  Beckenfracturen  beim  Ver- 
setzen der  Angriffspunkte  der  Gewalt  und  des  Gegen- 
druckes auf  die  Sitzknorren  zu  erhalten. 

Das  Experiment  Fig.  11,  Taf.  VII  (Präp.  17)  habe  ich  folgen- 
dermassen  angestellt: 

Eine  männliche  Leiche  fixirte  ich  mit  dem  Kopfe  nach  unten  mit 
an  den  Hals  angebundenen  Füssen,  der  Schlag  wurde  mit  einem  Ge- 
wichte auf  das  an  die  Sitzknorren  angebundene  Brett  ausgeführt.  Die 
Fractur  wurde  nach  3  Schlägen  erzielt  und  stellte  nach  Entfernung 
der  Weichtheile  folgendes  Bild  dar: 

Im  Gebiete  der  Symphysis  ossium  pubis  keine  Verletzung,  das 
Scham-  und  Sitzbein  wurden  in  Gestalt  eines  um  das  Foramen  ovale 
geschlossenen  Einges  beiderseits  herausgeschlagen.  Die  Fracturlinie 
ging  durch  das  Acetabulum  («,  b)  in  der  Eichtung  gegen  die  Inci- 
sura  ischiadica  major,  mit  einem  Worte  ganz  analog  dem  Falle  Nr.  4, 
wo  die  Kraft  auf  das  Darm-Kreuzbeingebiet  und  der  Gegendruck  an 
den  Sitzknorren  gewirkt  haben. 

Im  gegebenen  Falle  wurde  mit  dem  beschriebenen  Eing  auch  ein 
zungenförmiges  Stück  von  der  inneren  hinteren  Fläche  des  Darmbeines 
oberhalb  der  Linea  innominata  herausgeschlagen  (c,  d). 

Der  Fracturmechanismus  erfolgte  hier  auf  die  Weise,  —  wie 
es  aus  dem  Bilde  ersichtlich  —  dass  durch  Vermittlung  des  Knor- 
rens aus  dem  Beckenringe  die  beschriebenen  Theile  ausgeschlagen 
wurden.  Bei  anderen  Experimenten,  die  unter  ähnlichen  Umständen 
angestellt  wurden,  wiederholte  sich  gewöhnlich  diese  Bruchform  und 
sie  stellt  hiermit  unzweifelhaft  eine  von  den  typischen  Formen,  bei 
obengenannter  Eichtung  der  Wirkung  der  Kraft  dar.  Bei  folgendem 
Beispiel  dagegen  äusserte  sich  in  Folge  der  grösseren,  auf  den 
Tuber  ischii  wirkenden  Gewalt,  der  Effect  nicht  nur  im  Gebiete 
der  vorderen  Beckenwand,  sondern  auch  im  hinteren  Kreuzdarm- 
beingebiete. 

Präparat  Nr.  18.  Eine  weibliche  Leiche,  bei  der  der  Kopf 
sammt  der  Halswirbelsäule  entfernt  wurde,  stellte  ich  auf  den  abge- 
schnittenen Theil  des  Oberkörpers  fest  und  führte  einen  Schlag  auf 
das  auf  den  Sitzknorren  befestigte  Brett  mit  einem  Gewichte  von  8  Pud 


Ueber  Beckenfracturen.  135 

(120  Pfund)  ans.  Die  Fractur  erfolgte  anf  einmal  und  stellte  folgendes 
Büd  dar: 

An  der  linken  Seite  bemerkte  man  vom  Tuber  ossis  ischii  aus- 
gehend und  denselben  etwa  schief  spaltend  eine  Fractur,  die  nach  oben 
ging  und  ins  Foramen  ovale  mündete;  ebenso  eine  Fractur  an  der 
typischen  Stelle,  nämlich  an  der  Verbindungsstelle  zwischen  Ramus  ascen- 
dens  ossis  ischii  sin.  und  Ramus  descendens  ossis  pubis  sin.;  Ramus  hori- 
zontalis  ossis  pubis  sin.  zeigte  eine  Fractur  an  beiden  typischen  Stellen, 
nämlich  vom  Tuberculum  pubicum  in  das  Foramen  ovale  hinein,  und 
vom  Tuberculum  ileo-pectineum  in  das  Acetabulum;  dasselbe  Aceta- 
bulum  war  noch  entsprechend  den,  die  drei  Knochen  zusammenheften- 
den Fugen,  gespalten,  und  die  hintere  Fracturlinie  verlief  bis  in  die 
Incisura  ischiadica  major. 

Rechterseits  bemerkte  man  am  Tuber  ossis  ischii  nebst  einer 
Zertrümmerung  desselben  eine  Fractur,  die  durch  den  Tuber  ging  und 
in  das  Foramen  ovale  mündete.  Am  Raraus  horizontalis  ossis  pubis, 
verlief  eine  Fractur  von  der  Nähe  des  Tuberculum  ileo-pectineum  durch 
das  Acetabulum  in  das  Foramon  ovale.  Im  hinteren  Theile  des  Becken- 
ringes fand  linkerseits  eine  Diastase  der  Articulatio  sacro-iliaca  an 
der  vorderen  Fläche  statt,  an  der  hinteren  dagegen  ein  Ausreissen 
einiger  Splitter  vom  Kreuzbeinflügel  den  oberen  drei  Kreuzbeinlöchern 
entsprechend;  rechterseits  wurden  die  Ligamenta  sacro-iliaca  gezerrt 
und  ein  Fragment  aus  dem  oberen  Theile  des  Kreuzbeinflügels  nach 
oben  ausgebrochen. 

Hiermit  hat  die  primäre  Kraft  nicht  nur  im  vorderen  Becken- 
theile  gewirkt,  sondern  ihre  Wirkung  wurde  auch  durch  die  Darm- 
beine und  den  Apparatus  ligamentosus  der  Articulatio  sacro-iliaca 
auch  dem  Kreuzbein  übertragen  und  verursachte  an  dem  hinteren 
und  oberen  Theile  desselben  die  Fractur  par  arrachement. 

In  Anbetracht  dessen,  dass  bei  anderen,  nach  demselben  Modus 
angestellten  Experimenten,  d.  h.  bei  Einwirkung  der  Gewalt  oder 
des  Gegendruckes  auf  die  Sitzbeinknorren  die  Fracturformen  sich  wie- 
derholten, will  ich  ein  Eesume  der  oben  besprochenen  Fälle  kurz  an- 
geben. Wir  erhielten  folgende  Fracturformen: 

1.  Fracturen  im  Gebiete  der  Angriffspunkte  der 
Kraft; 

2.  Fracturen  in-Folge  der  Uebertragung  der  Wirkung 
auf  entfernte  Punkte. 

Bei  der  ersteren  ist  entweder  ein  unversehrter  Kno- 
chenring,  der  vom  Scham-  und  Sitzbein  um  das  Foramen 
ovale   gebildet   war,   herausgeschlagen    worden,   oder    er 


136  Kusmin. 

wurde  an  den  typischen  Stellen  (nämlich  in  der  Nähe 
des  Tuber  ossis  ischii  oder  tuberculi  pubis  mit  der  Frac- 
turrichtung  gegen  das  Foramen  ovale)  einer  oder  der 
anderen  Seite  gebrochen.  Die  zweite  Form  kann  sich 
am  Kreuzbein  sowohl  in  Gestalt  der  Diastase  des  Ge- 
lenkes, der  Zerrung  der  Ligamente  und  auch  als  Abreis- 
sen  kleiner  Enochenstücke  äussern. 

Zum  Schlüsse  will  ich  noch  ein  Präparat  anführen,  wo  die 
Fractur  bei  Wirkung  der  Kraft  auf  das  freie  Ende  des  Kreuzbeins 
erzielt  wurde. 

Präparat  Nr.  19.  Eine  nicht  geöffnete  weibliche  Leiche  wurde 
in  verticaler  Richtung  mit  dem  Kopfe  nach  unten  fiiirt,  auf  das  freie 
Kreuzbeinende  wurde  ein  entsprechend  angepasstes  Holzstück  gelegt, 
und  darauf  ein  Schlag  ausgeführt.  Die  Fractur  erfolgte  nach  einem 
Schlag  und  stellte  nach  Entfernung  der  Weichtheile  folgendes  Bild  dar: 

Das  Os  coccygis  und  das  freie  Kreuzbeinende  wurde  zertrümmert 
und  ausserdem  verlief  noch  eine  Fractur  quer  über  das  Kreuzbein 
beiderseits  vom  freien  Kreuzbeinrande  bis  zu  den  ersten  Foramina 
sacralia  sich  erhebend.  In  der  Articulatio  sacro-iliaca  bemerkte  man 
keine  deutlichen  Verletzungen. 

An  diesem  Präparate  bemerkten  wir  also  dieselben  Verletzungen, 
wie  sie  am  Lebenden  beschrieben  wurden.  Oefters  wiederholte  Ver- 
suche lieferten  dasselbe  Bild. 

In  drei  Experimenten  habe  ich,  nachdem  ich  das  Becken  mit 
einer  Seite  an  eine  Säule  gelehnt  und  den  Körper  in  dieser  Stel- 
lung befestigt  hatte,  die  Wirkung  auf  das  Kreuzbein  so  zu  über- 
tragen versucht,  dass  ich  von  oben  auf  die  abgeschnittene  Wirbel- 
säule einen  Schlag  führte.  In  allen  Fällen  erfolgte  eine  Verletzung 
der  Wirbelsäule,  am  häufigsten  im  Gebiete  des  Promontoriums, 
der  Kreuzbeinflügel  wurde  meistentheils  nicht  merkbar  verletzt, 
mit  Ausnahme  eines  Falles,  wobei  ein  Stückchen  vom  linken 
Kreuzbeinflügel  ausgerissen  wurde.  In  den  übrigen  Präparaten 
konnte  man  im  Kreuzdarmbeingeleüke  nur  einen  geringen  Grad  von 
Diastase  wahrnehmen. 

Hiermit  will  ich  die  Beschreibung  einzelner  Präparate  ab- 
schliessen  und  kurz  noch  einmal  zu  den  allgemeinen  Schlüssen 
übergehen,  die  sich  aus  meinen  Versuchen  ziehen  lassen. 


Ueber  Beckenfracturen.  137 

Bei  der  Wirkung  einer  Gewalt  auf  den  Beckenring  kommen 
die  Practuren  am  leichtesten  dort  zu  Stande,  wo  das  Minimum  des 
Widerstandes  und  das  Maximum  der  Kraft  zusammentreffen.  So  zum 
Beispiel: 

Bei  der  Wirkung  der  Kraft  in  der  Richtung  von  vorne  nach 
rückwärts  können  Fracturen  an  der  vorderen  Beckenwand,  in  Folge 
ihrer  Zerbrechlichkeit  bei  brüsk  wirkenden  Kräften,  ohne  Uebertra- 
gung  der  Wirkung  auf  entferntere  Stellen  des  Beckenringes  erfol- 
gen. Hier  werden  die  das  Schoossgebiet  zusammensetzenden  Knochen 
einzeln  oder  im  ganzen  ausgeschlagen  und  in  den  Beckenraum 
hineingetrieben.  Das  Minimum  der  Widerstandsfähigkeit  findet  sich 
am  vorderen  Theile  am  Beckenring  an  folgenden  Stellen:  vom 
Tuberculum  pubicum  oder  seiner  Nähe  in  der  Gegend  des  Canalis 
obturatorius  mit  der  Richtung  gegen  das  Foramen  ovale;  vom 
Tuberculum  ileo-pectineum  oder  seiner  Nähe  mit  der  Richtung 
entweder  in  das  Foramen  ovale,  oder  durch  das  Acetabulum  hin- 
durch in  die  Incisura  ischiadica  major;  beim  Tuber  ossis  ischii  an 
seinem  Uebergang  in  den  dünnen  Theil,  nämlich  in  den  Ramus 
ascendens;  im  Vereinigungsgebiete  des  letzteren  mit  dem  Ramus 
descendens  ossis  pubis.  In  diesen  Punkten  erfolgen  die  Fracturen, 
entweder  nur  an  der  einen  Seite,  oder  an  beiden,  sehr  häufig  auch 
symmetrisch,  —  was  von  der  Disposition  der  Angriffs-  und  Gegen- 
druckspunkte der  Kraft  abhängt. 

In  Folge  dessen,  dass  die  genannten  Knochen  in  den  Becken- 
raum hineingeschlagen  werden,  bemerkt  man  bei  diesen  Fracturen 
Verletzungen  der  im  Becken  befindlichen  Organe.  In  manchen 
meiner  oben  angeführten  Fälle  beobachtete  ich,  dass  sogar  Splitter 
in  die  Harnblase  hinein  ragten.  Wenn  der  Effect  der  Wirkung 
einer  Gewalt  nicht  auf  das  Gebiet  des  Angriffspunktes  beschränkt 
bleibt  und  dieselbe  nicht  momentan  ein  Knochenstück  aus  der 
vorderen  Beckenwand  herausschlägt,  sondern  auf  entferntere  Stellen 
tibertragen  wird,  wobei  eine  gewisse  Kraftmenge  auf  das  Aus- 
gleichen des  Beckenbogens  verwendet  wird,  so  zeigt  dann  der 
Fracturmechanismus  viel  complicirtere  Verhältnisse.  Es  werden 
nämlich  nicht  selten  die  Fracturstellen  von  den  medianen  Punkten 
auf  die  lateralen  in  die  Nähe  des  Tuberculum  ileo-pectineum  der 
vorderen  Beckenwand  versetzt,  der  sagittale  Durchmesser  des  Beckens 
wird  verkleinert;  die  Darmbeine   nach   auswärts   rotirt;   die  Liga- 


138  Kusmin. 

menta  sacro-iliaca  anteriora  gespannt,  gezerrt  und  die  Kreuzbein- 
flügel manchesmal  bis  zu  den  Foraminis  sacr.  abgebrochen.  Es  ist 
selbstverständlich,  dass  je  stärker  die  seitlichen  Beckenhälften  nach 
innen  oder  nach  aussen  rotiren,  der  Effect  an  der  hinteren  Wand 
um  so  intensiver  ausgesprochen  sein  wird;  andererseits  habe  ich  Ge- 
legenheit gehabt  mich  zu  überzeugen,  dass,  je  weiter  nach  aussen  die 
Fracturstelle  beiderseits  in  der  vorderen  Beckenwand  lag,  um  so  häu- 
figer der  Bruch  mit  einer  Bissfractur  des  Kreuzbeinflügels  verbun- 
den war. 

Die  am  meisten  typischen  Bilder  in  diesem  Sinne  stellten 
sich  dann  dar,  wenn  die  beiderseitigen  Verletzungen  beim  Tuber- 
culum  ileo-pectineum  mit  eben  solchen  am  Kreuzbein  eintraten, 
z.  B.  Präp.  7  Fig.  5. 

Schon  ein  Blick  genügt,  um  sich  zu  überzeugen,  dass  das 
hineingeschlagene  Knochenstück  so  sehr  die  Darmbeine  auseinander 
zu  bringen  trachtete,  dass  dadurch  Verletzungen  der  Kreuzbein- 
flügel entstanden.  Dieselben  zeigen  sich  gewöhnlich  als  Eissfracturen 
der  Kreuzbeinflügel  und  manchmal  ihrer  freien  perinealen  Bänder, 
(in  Folge  der  Ligamenta)  und  nicht  als  Zertrümmerungen,  was 
abermals  als  Beleg  für  die  Bichtigkeit  meiner  Erklärung  dient. 

Bei  Wirkung  einer  Kraft  auf  die  Spinae  anteriores  superiores 
in  sagittaler  Bichtung  besteht  der  Mechanismus  darin,  dass  die 
Darmbeine  durch  die  unmittelbare  Wirkung  sich  nach  auswärts  zu 
bewegen  trachten,  wodurch  auch  die  Abtrennung  derselben  von 
der  vorderen  Beckenwand  entweder  im  Gebiete  des  Acetabulum 
vom  Os  pubis  und  Os  ischii  zugleich,  oder  vom  Os  pubis  im 
Acetabulum  und  vom  Os  ischii  vorn  beim  Tuber  ossis  ischii  ver- 
anlasst wurde,  oder  auch  eine  Fractur  in  der  Nähe  des  Tuberculum 
pubicum  eintrat.  Bei  diesem  Mechanismus  treten  die  Verletzungen 
des  Kreuzbeines  in  Form  der  Eissfracturen  und  Diastase  des  Ge- 
lenkes um  so  stärker  hervor,  je  früher  die  vordere  Beckenwand 
nachgibt. 

Bei  der  Wirkung  der  Kraft  von  rückwärts  nach  vorne  auf 
das  Kreuzbein,  im  stricten  Sinne  des  Wortes,  trachtet  dieselbe  das 
Kreuzbein  in  den  Beckenraum  hineinzuschlagen.  Das  kommt  aber 
schwer  zu  Stande.  Gewöhnlich  wird  früher  eine  Fractur  an  den 
typischen  Stellen  der  vorderen  Beckenwand  zu  Wege  gebracht.  Das- 
selbe geschieht  auch  beim  Schlage  auf  das  Kreuz-Darmbeingebiet, 


Ueber  Beckenfracturen.  139 

wobei  hier,  wie  auch  bei  den  früher  erwähnten  Umständen  eine 
Bissfractur  der  Kreuzbeinränder  eintreten  kann. 

Alles  Gesagte  beweist  evident,  dass  auch  bei  dieser  Bichtung 
der  Wirkung  einer  Gewalt  die  Verletzungen  in  Folge  der  Ver- 
kleinerung des  Beckenraumes  in  sagittalem  Durchmesser  erzeugt 
werden. 

Ganz  entgegengesetzt  stellt  sich  der  Mechanismus  bei  der 
Wirkung  der  Kraft  in  frontaler  Bichtung.  Hier  treten  Verletzungen 
an  denselben  typischen  Stellen  ein,  aber  nicht  in  Folge  der  Ver- 
kleinerung des  Beckenraumes  in  sagittaler  Bichtung,  sondern  in 
Folge  einer  Compression  in  frontalem  Durchmesser.  Die  Knochen- 
splitter haben  weniger  Neigung  nach  innen  als  nach  aussen  einge- 
schlagen zu  werden.  Die  Kreuzbeinflügel  werden  meistentheils  im  Ge- 
biete der  Foramina  sacralia  zertrümmert.  Die  freien  Kreuzbeinränder 
bleiben  unverletzt.  Auf  den  Darmbeinen  kann  bei  ihrem  Aneinander- 
nähem,  in  Folge  des  Ueberschlagens  derselben  um  die  vorderen  Bänder 
der  Kreuzbeinflügel,  als  Stützpunkten,  bei  der  extremen  Festigkeit  der 
Ligamenta  sacro-iliaca  postica  eine  Bissfractur  in  verticaler  Bich- 
tung, von  der  Crista  ilei  gewöhnlich  in  die  Incisura  ischiadica 
major  (sogenannte  doppelte  verticale  Fractur  nach  Malgaigne) 
eintreten.  In  manchen  Fällen  verläuft  bei  demselben  Mechanismus 
die  Fractur  auch  am  vorderen  Theile  des  Darmbeines  (A,  h)  näher 
der  Angriffsstelle  der  primären  Kraft.  Die  Zertrümmerung  der 
Kreuzbeinflügel  beobachtet  man  sowohl  bei  der  Wirkung  der  Kraft 
auf  die  Darmbeine  als  auch  auf  die  Trochanteren,  wobei,  wenn  die 
Angriffspunkte  der  Kraft  und  des  Gegendruckes  an  den  letzteren 
im  stricten  Sinne  des  Wortes  localisirt  sind,  dann  die  Verletzungen 
an  der  vorderen  Beckenwand  deutlicher  ausgeprägt  sind. 

Gewöhnlich  verhält  sich  die  Sache  bei  der  Wirkung  der 
Kraft  auf  das  Trochantergebiet  in  folgender  Weise.  Bei  der  Lage 
der  Leiche  auf  der  Seite  und  beim  Schlage  auf  den  Trochanter 
wird  der  Gegendruck  auf  den  Darmbeinkamm  versetzt,  d.  h. 
die  Bichtung  der  Wirkung  der  Kraft  verläuft  diagonal  durch  das 
Becken.  Dies  wird  auch  dadurch  bewiesen,  dass  bei  entsprechend 
angestellten  Experimenten  sich  in  den  meisten  Fällen  auf  der  Seite  des 
Gegendruckes  die  Verletzung  der  Darmbeinschaufel  zeigte.  Der 
Fracturmechanismus  bleibt  auch  hier  derselbe.  Die  Fracturen  sowohl 
an  der  vorderen  Beckenwand,  als  auch  im  hinteren   Gebiete   des 


140  Kusmin. 

Beckeniinges  verliefeD  an  den  typischen  Stellen.  Die  ersteren  be- 
gleiteten immer  die  letzteren  in  Folge  der  grössten  Zerbrechlich- 
keit des  Beckenringes  in  der  vorderen  Beckenwand. 

Beim  Schlage  auf  die  parallel  gestellten  Oberschenkel  mit  der 
Absicht  auf  das  Acetabulum  zu  wirken,  um  das  Caput  in  den 
Beckenraum  hineinzutreiben,  habe  ich  keinen  Erfolg  gesehen.  Auch 
in  vivo  kann  man  annehmen,  kommt  dieser  Effect  selten  vor,  am 
wahrscheinlichsten  bei  pathologischen  Veränderungen  des  Aceta- 
bulum. 

Nachdem  ich  das  Experiment  auf  die  Weise  angestellt,  dass 
die  Gewalt  auf  die  stark  abducirten  Füsse  wirkte,  gelang  es  mir 
Fracturen  in  der  vorderen  Wand  des  Beckenringes  zu  bekommen, 
bevor  noch  eine  Verletzung  des  Acetabulum  eintreten  konnte. 

Bei  Wirkung  der  Kraft  auf  die  Sitzknorren  dienten  die 
letzteren  entweder  als  Angriffspunkte  der  primären  Kraft,  oder 
die  Kraft  wirkte  auf  sie  als  auf  Stützpunkte,  wenn  der  Schlag  auf 
die  Wirbelsäule  geführt  wurde.  Hiebei  erhielt  ich  zwei  Formen. 
Entweder  beschränkte  sich  die  Verletzung  auf  das  Ausschlagen 
eines  um  das  Foramen  ovale  sich  bildenden  Knochenringes  in  unge- 
brochenem oder  verletztem  Zustande;  oder  es  erfolgte  dabei  auch 
eine  Uebertragung  der  Wirkung  durch  das  Darmbein  auf  das 
Kreuz-Darmbeingebiet,  wo  entweder  eine  Zerrung  der  Bänder  und 
Diastase  des  Gelenkes,  oder  eine  Rissf ractur  des  oberen  und  hin- 
teren Kreuzbeintheiles  erzeugt  wurde. 

Ausserdem  bemerkte  man  auch  locale  Verletzungen  in  Form 
einfacher  Fracturen  oder  Zersplitterungen  am  Sitzknorren.  Die 
Form  und  ihre  Verbreitung  entsprachen  der  Grösse  der  wirkenden 
Kraft. 

Zum  Schlüsse  will  ich  noch  bemerken,  dass,  nachdem  ich 
den  Fracturmechanismus  bei  der  Wirkung  der  Kraft  und  des  Ge- 
gendruckes erklärt  habe,  ich  zum  Schlüsse  gekommen  bin,  dass 
wenn  die  von  mir  gegebenen  Erklärungen  richtig  sind,  analoge 
Fracturförmen  bei  der  Wirkung  der  Kraft  auf  frei  suspendirte 
Becken  entstehen  müssen  und  die  Experimente  haben  meine  Voraus- 
setzungen thatsächlich  bewiesen. 

Die  Experimente  stellte  ich  folgendermassen  an: 

Die  Leichen  habe  ich  auf  festen  Schnüren  suspendirt  und  ver- 
setzte Schläge  in  sagittaler  und   frontaler  Richtung.    Die  Fractur- 


Ueber  Beckenfracturen.  141 

bilder,  die  ich  hiebe!  erhalten,  waren  den  'vorhergehenden  analog. 

Bei  Schlag  von  vorne  nach  rückwärts  habe  ich  häufiger  beob- 
achtet, dass  Knochen  aus  der  vorderen  Beckenwand  nach  innen 
hineingeschlagen  wurden. 

Es  kamen  auch  Fälle  vor,  wo  die  Wirkungen  auf  die  ange- 
gebene Weise  auf  den  hinteren  Theil  des  Beckenringes  übertragen 
wurden. 

Bei  brüsken  und  kräftigen  Schlägen  von  rückwärts  nach 
vorne  erhielt  ich  Verletzungen  manchmal  am  Kreuzdarmbeingebiet 
und  an  der  vorderen  Beckenwand.  Bei  Schlägen  in  seitlicher  Bich- 
tung  trat  eine  Verletzung  sowohl  vorne  als  auch  rückwärts  an 
der  Seite  des  Angriffspunktes  der  Kraft  ein. 

Der  Fracturmechanismus  erklärt  sich  in  den  angeführten  Fällen 
folgendermassen:  Die  wirkende  Kraft  wird  einerseits  dazu  ver- 
wendet, um  die  Masse  des  Körpers  in  Bewegung  zu  setzen,  anderer- 
seits um  die  Erschütterung  im  Beckenring  hervorzurufen.  Als  Be- 
sultat  der  Wechselwirkung  der  erschütternden  Kraft  oder  der 
Gegenwirkung  in  Folge  der  Trägheit  der  Masse  und  der  hiebei 
nothwendig  folgenden  Gestaltveränderung  des  Beckenringes  erscheinen 
eben  die  Fracturformen  wieder  an  typischen  Stellen. 

Alles  Gesagte  lässt  es  ausser  Zweifel,  dass  die  gegebene 
Erklärung  des  Mechanismus  der  Beckenfracturen  richtig  ist  und  dass 
Fracturen  in  dem  oder  jenem  Punkte  des  Beckenringes  in  Folge 
der  Compression  desselben,  wenn  die  Elasticitätsgrenze  überschritten 
wird,  zu  Stande  kommen. 

Diese  experimentelle  Untersuchung  wurde  im  Jahre  1879 — 1880 
ausgeführt  und  die  Resultate  derselben  sammt  Demonstrirung  der 
Präparate  im  November  1880  an  der  Moskauer  Universität  vorge- 
tragen. Nur  in  Folge  von  mir  unabhängigen  Ursachen  hat  sich  die 
Veröffentlichung  der  Arbeit  verspätet. 

Wien,  27.  Februar  1882. 


4^ 


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Berichtigung. 

Seite  42  Zeile  8  von  oben  soll  es  statt  Frontalschnitten  heissen:  Sagi  t tal- 
schnitten. 


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"Geber  Priapismus  und  Cavernitis. 

Von 

Prof.  Dr.  I.  Neumann. 

Hiezu  Tafel  VIU. 
(Am  16.  März  1882  von  der  Eedaction  Übernommen.) 


Der  Bau  des  Gefässapparates  der  männlichen  Kuthe  ermöglicht 
die  Erection  vorwiegend  durch  Stauung  des  Blutes  in  den  cavernösen 
Bäumen  und  erfüllt  hiedurch  die  wichtigste  Bedingung  bei  der  ge- 
schlechtlichen Function.  Ueber  die  Frage,  in  welcher  Weise  über- 
haupt die  Erection  in  Folge  der  Einwirkung  des  Centralnerven- 
systems  entstehe,  hat  das  Experiment  unwiderlegbare  Daten  ge- 
liefert. 

Schon  Eckhard  *)  hat  gezeigt,  dass  nach  Durchschneidung 
der  aus  dem  Plexus  lumbalis  stammenden,  zum  Corpus  cavernosum 
penis  ziehenden  Nervi  erigentes  und  hierauf  folgender  Eeizung  ihrer 
peripheren  Enden  durch  Einschnitt  ins  Corpus  cavernosum  Beschleu- 
nigung der  Blutcirculation  entsteht.  Ebenso  ist  die  Blutmenge,  welche 
einer  Vena  pudenda  während  der  vorgenommenen  Eeizung  zuströmt, 
weit  grösser  als  vor  der  Reizung,  so  dass  behauptet  werden  kann, 
dass  während  der  Erection  eine  absolut  grössere  Menge  Blut  den 
Penis   durchsetzt   als   bei   der   Nichterection. 

Weitere  Versuche  Eckhard's8)  lehrten,  dass  man  durch  elek- 
trische Eeizung  von  allen  Abschnitten  des  Rückenmarkes  sowohl, 
als  auch  von  verschiedenen  Hirntheilen  aus,  Erection  anregen  kann. 

*)  Beiträge  zur  Anatomie  und  Physiologie.  Pflüger's  Arch.  Bd.  III, 
Heft  12,  1863. 

*)  Pflüger's  Arch.  Bd.  IV  und  VII. 

Med.  Jahrbücher.  1882.  \Q 


144  Neumann. 

Aus  dieser  Thatsache  schloss  Eckhard,  dass  das  Centrum 
der  Erection  im  Gehirn  gelegen  sei  und  dass  von  diesem  aus  die 
Nervenbahnen,  welche  die  Erection  vermitteln,  innerhalb  des  Bücken- 
markes nach  abwärts  laufen,  um  dasselbe  erst  tief  unten  im  Plexus 
lumbalis  zu  verlassen.  Doch  hat  Goltz  im  Vereine  mit  seinem 
Assistenten  Prensberg  *)  an  Hunden  nachgewiesen,  dass  das  nächste 
Nervencentrum  für  die  Erection  im  Lendenmarke  gelegen  ist.  l)er 
Beweis  wurde  durch  folgendes  Experiment  gebracht:  Hunden  wurde  in 
der  Narkose  an  der  Grenze  zwischen  Brust-  und  Lendenmark  das 
Eückenmark  durchschnitten;  die  Thiere  liefen  nach  Beendigung  der 
Operation,  sobald  die  Narkose  zu  wirken  aufgehört,  die  Hinter- 
beine nachschleppend  auf  den  Vorderbeinen.  Durch  äussere  Beize, 
wie  z.  B.  Berührung,  Keibung  der  Vorhaut  an  der  Eichel,  durch 
Beizung  des  Mastdarmes  erfolgte  sofort  Erection.  Somit  entsteht 
noch  Erection  selbst  nach  durchschnittenem  Bückenmark,  und  das 
reflectorische  Centrum,  welches  bei  diesen  Vorgängen  mitwirkt,  hat 
im  Lendentheile  seinen  Sitz;  zerstört  man  das  Lendenmark  dagegen, 
so  hört  jede  weitere  Steifung  auf. 

In  der  Buhe  befinden  sich  die  kleinen  Arterien  des  Penis  und 
vielleicht  auch  die  anderen  Gefässräume  desselben  in  einem  Zustande 
mittlerer  Contraction,  durch  welche  der  Blutstrom  in  den  Penisge- 
fässen  erheblichen  Widerstand  erfährt.  Wahrscheinlich  wird  dieser 
Tonus  der  Gefässe  unterhalten  durch  die  Thätigkeit  der  kleinen 
Ganglien,  welche  Chr.  Loven2)  am  Penis  nachgewiesen  hat. 

Von  den  Nerven,  welche  der  Pars  membranacea  entlang  laufen, 
gehören  nur  die  auf  der  lateralen  und  hinteren  Fläche  gelegenen, 
den  Nervi  erigentes  an.  Ganglien  hat  Loven  nachgewiesen  an  der 
hinteren  Fläche  der  Pars  membranacea;  sie  liegen  hier  einzeln  oder 
gruppenweise  am  hinteren  Theile  des  Bulbus  urethrae  und  an  der 
Seite  des  Bulbus.  Wenn  nun  die  Nervi  erigentes  in  Thätigkeit  ge- 
rathen,  so  hat  dies  den  Erfolg,  dass  die  bis  dahin  tonisch  zusam- 
mengezogenen Arterien  des  Penis  erschlaffen.  Sie  erweitern  sich 
alsbald  unter  dem  vorhandenen  Blutdruck,  und  unter  Beseitigung 
des  bisher  bestandenen  Widerstandes  ergiesst  sich  das  Blut  über- 
reichlich in  die  Maschenräume  des  Schwellkörpers,  um  diese   strot- 


')  Pflüger's  Arch.  3,  Bd.  p.  460. 

2)  Arbeiten  aus  dem  physiolog.  Laboratorium  in  Leipzig  1866. 


Ueber  Priapismus  und  Cavernitis.  145 

Äend  zu  füllen.  Indeni  Goltz  geneigt  ist,  die  Lov&i'schen  peripheren 
Ganglien  als  die  Gentren  des  Gefässtonus  im  Penis  zu  betrachten, 
wurden  die  Erectionsnerven  bei  ihrer  Thätigkeit  diese  Ganglien 
gleichsam  lähmen  oder  hemmen,  wie  der  Vagus  bei  seiner  Thätig- 
keit die  Ganglien  des  Herzens  lähmt. 

Die  physiologische  Erection  in  Folge  Blutüberfullung  im 
Corpus  cavernosum  wird  durch  Nachlass  der  Spannung  in  den 
Gefässmuskeln,  welche  das  Netzwerk  darstellen,  bedingt.  Der  Bück- 
fluss  des  Blutes  in  die  Vena  dorsalis  soll  noch  durch  den  Houston- 
Muskel  erschwert  werden,  welcher  das  Lumen  der  Vene  zuklemmt. 

Die  pathologische  Erection  ist  die  Folge  eines  längere  Zeit 
fortbestehenden  Keizungszustandes  der  Nervi  erigentes  bei  cen- 
tralem oder  peripherem  Beize. 

Krankhafter  Weise  kann  der  Gefass-  und  Nervenapparat 
gleichwie  die  übrigen  Gewebe  des  Penis  Veränderungen  erleiden, 
die  zu  einer  andauernden  Steifheit  desselben  führen,  welche  Er- 
scheinung mit  dem  Namen  Priapismus  bezeichnet  wird.  Die 
Processe,  welche  diese  Erkrankung  zur  Folge  haben,  sind  so  man- 
nigfach, dass  wir  dieselben  detaillirt  erörtern  müssen.  Von  jenen 
Formen  abgesehen,  die  durch  pathologische  Veränderungen  im  Cen- 
tralnervensystem  z.  B.  bei  Geisteskrankheiten,  bei  Affectionen  des 
Bückenmarkes,  namentlich  bei  Fracturen  im  oberen  Theile  der 
"Wirbelsäule  entstehen,  interessiren  uns  zunächst  jene  Priapismen, 
welche  Folge  palpabler  Ursachen  sind,  imd  welche  anatomische 
Veränderungen  im  Corpus  cavernosum  selbst  aufweisen,  demnach 
die  eigentliche  Cavernitis  darstellen. 

B.  Beck  (Virch.  Arch.  Bd.  75  p.  231)  erwähnt  in  einer  inter- 
essanten Arbeit  über  Verletzungen  der  Wirbelsäule  und  des  Bücken- 
markes einen  Fall  von  Erschütterung  der  Wirbelsäule  und  des 
Bückenmarkes,  in  welchem  sich  der  Penis  im  Zustande  der  Steif- 
heit, nicht  in  Folge  eines  activen  Beizungsprocesses,  sondern  in 
Folge  von  Lähmung  befunden  hat.  Wenn  der  Penis  bei  der  Bücken- 
lage unterstützt  war,  nahm  die  Geschwulst  ab,  während  er  sich  in 
der  Seitenlage  strotzend  mit  Blut  füllte.  Durch  die  aufgehobene 
Function  der  vasomotorischen  Nerven  war  auch  der  Tonus  der  Ge- 
ftsswandung  verloren  gegangen;  sobald  der  Blutzufiuss  erleichtert, 
der  Bückfluss  erschwert  war,  stellte  sich  momentan  Erection  ein. 

10* 


146  Neumann. 

Die  Cavernitis  selbst  wird  durch  verschiedene  Processe  her- 
beigeführt: So  durch  Metastasen  z.  B.  bei  Typhus,  Blattern, 
und  bei  Leukämie.  Am  allerhäufigsten  erscheint  dieselbe  durch 
locale  Ursachen :  Durch  Compression  in  Folge  von  Geschwülsten, 
welche  die  Circulation  in  den  Gefassen  des  Penis  erschweren  oder 
ganz  aufheben,  durch  Embolie  in  den  Venen  des  Schwellnetzes, 
durch  Entzündungen  und  consecutive  Eiterung,  z.  B.  bei  weichem 
oder  hartem  Schanker,  bei  Urethritis  mit  consecutiver  Lymphangioms 
(Scholz),  wie  dies  vorwiegend  in  Folge  Injection  intensiver  Adstrin- 
gentien  zu  beobachten  ist.  Bei  Stricturen,  Periurethralabscessen 
(Dittel),  Urethritis,  wodurch  eine  abnorme  Steifung  (Chorda) 
des  Gliedes  entsteht,  und  durch  Fortpflanzung  der  Entzündung 
von  der  Urethralschleimhaut  auf  das  Corpus  cavernosum  (Zeissl), 
bei  Trauma  (Albert);  ferner  in  Folge  von  Compression  des  Corpus 
cavernosum,  welche  Kuptur  der  Gefässe  erzeugt. 

Ich  will  nun  in  kurzer  Skizze  die  wenigen  Daten  aus  der 
Literatur  der  Cavernitis  hervorheben. 

Weise  *)  beschreibt  einen  Fall  von  Priapismus  e  causa 
arthritica.  Ein  45jähriger  Mann  litt  durch  mehrere  Jahre  an  Arthri- 
tis. Der  Penis  befand  sich  in  einer  fortwährenden  schmerzhaften 
Erection  und  wurde  erst  nach  Heilung  der  Gicht  wieder  normal. 

Bei  Ad.  Ch.  G.  Klemme2)  findet  sich  die  Beschreibung  einer 
Cavernitis,  welche  in  Folge  von  Leukämia  lienalis  entstanden  und 
der  Penis  erigirt,  die  Wurzeln  des  Penis  keulenförmig  angeschwollen 
waren.  Die  Erection  hat  durch  6  Wochen  gedauert.  Ueber  den  wei- 
teren Verlauf  dieses  Falles  ist  nichts  bekannt  geworden.  Bei  diesem 
Kranken  war  die  Zahl  der  rothen  und  weissen  Blutkörperchen  fast 
gleich  gross,  die  Milz  beträchtlich  vergrössert,  die  Hautvenen  stark 
gefüllt,  die  Lymphdrüsen  vergrössert.  Blutung  aus  dem  Mastdarme. 
Hier  dürfte  der  Priapismus  durch  Blutimg  in  das  Corpus  caver- 
nosum entstanden  sein. 

Longuet3)  theilt  einen  Fall  mit,  welcher  durch  Leukämie 
bedingt  war.  Ein  26jähriger  Soldat  wurde  im  Jahre  1874  im  Hdpital 
de  Piti£  aufgenommen  und  gab  an,  dass  er  gerade  vor  dem  Spital- 


')  Schmidts  Jahrb.  Suppl.  1840,  p.  74. 

*)  Inaug.-Diss.  Cassel  1863  u.  Schmidt's  Jahrb.  1866,  p.  173. 

a)  Le  Progres  möd.  Nr.  32,  1876  und  Med.  Centralzeitung  1876. 


Ueber  Priapismus  und  Cavernitis.  147 

Eintritt  schon  mehrere  Male  des  Morgens  mit  schmerzhafter 
Erection  und  Harndrang  erwacht  sei.  Die  Erection  dauerte  eine 
halbe  bis  eine  Stunde  und  war  durch  keine  wollüstigen  Träume 
hervorgerufen  worden.  Im  Juni  1874  trat  ein  hoher  Grad  von 
Steifheit  ein,  die  durch  2  Wochen  mit  anhaltenden  Schmerzen  fort- 
gedauert hatte.  Die  Erection  war  beträchtlich,  der  Penis  dunkelblau, 
voluminös,  lang,  hart;  Eichel  und  Bulbus  cavernosus  schlaff.  Lymph- 
drüsen und  Milz  geschwellt;  Prostata  voluminös;  das  Verhältniss  der 
weissen  zu  den  rothen  Blutkörperchen  1 : 2.  Die  Erection  des  Penis 
Hess  allmälig  nach,  doch  blieben  die  Schwellkörper  voluminös.  Der 
Kranke  verliess  Paris  in  gebessertem  Zustande  1). 

In  einem  zweiten  von  Longuet  beobachteten  Falle  traten 
vorher  rheumatische  Schmerzen  und  hochgradige  Anämie  ein.  Der 
Priapismus  entstand  plötzlich  und  war  von  ö1/* wöchentlicher  Dauer. 
Der  Penis  reichte  bis  zum  Nabel.  Nach  Aufhören  des  Priapismus 
war  auch  die  Erection  fast  geschwunden.  Ein  Jahr  später  stellte  sich 
die  Erscheinung  hochgradiger  Leukämie  mit  Schweissucht  ein,  und 
unter  Marasmus  erfolgte  der  Tod.  Die  Obduction  ergab  Hypertrophie 
der  Milz  und  eine  bedeutende  Vermehrung  der  weissen  Blutkör- 
perchen. 

Neidhart2)  sah  einen  Fall  von  leukämischem  Priapismus  bei 
einem  18jährigen  Manne,  der  längere  Zeit  an  Intermittens  gelitten. 
Die  Milz  zeigte  beträchtliche  Schwellung.  Der  Penis  durch  2—3 
Wochen  erigirt,  blauroth  gefärbt.  Neidhart  glaubt,  dass  der  Pria- 
pismus hier  durch  Nervenreizung  entstanden  sei. 

F.  Salz  er8)  schildert  einen  einschlägigen  Fall:  Hier  hatte  der 
Priapismus  durch  7  Wochen  bestanden  und  zwar  bei  einem  46  Jahre 
alten  cachectischen  Individuum,  bei  welchem  auch  hochgradige  Milz- 
schwellung nachzuweisen  war.  Der  Penis  war  13  Ctm.  lang.  Glans 
bläulich  gefärbt.  Der  Druck,  namentlich  an  der  Wurzel  des  Gliedes 
schmerzhaft.  Prostata  nicht  vergrössert.  Totaler  Verlust  der  Erec- 
tionen  und  jeder  geschlechtlichen  Erregung.  Ein  Jahr  nach  der 
ersten  Erkrankung  war  hier  der  letale  Ausgang  in  Folge  von 
Lungenblutung  eingetreten. 


')  Mathias.  Berl.  Centralz.  1876,  Nr.  77,  78. 

8)  Berl.  Centralz.  1876  Nr.  55. 

8)  Berl.  Wochenschrift  1879,  p.  152. 


148  Neumann, 

Auf  Hofrath  y.  Bamberger's  Klinik  beobachtete  Kauders 
einen  Fall,  welcher  unter  plötzlich  entstandenen  und  heftigen  Schmer- 
zen im  Penis  sofort  zur  Cavernitis  führte  mit  hochgradiger  Schwellung 
und  cyanotischer  Färbung  des  ganzen  Gliedes.  Bei  der  Obduction 
zeigte  sich  Tuberculosis  pulmonum  subacuta  disseminata,  —  miliare 
Tuberculose  in  der  Leber,  Milz  und  Nieren,  gleichwie  Morbus 
Brigthii,  Thrombosis  corporum  cavernos.  penis  et  urethrae  mit 
Oedem  der  Haut  und  des  Präputium  penis,  sowie  ausgedehnte, 
marantische  Thrombosenbildung  in  den  Venen  des  Plexus  puden- 
dus und  vesicalis, 

Scholz1)  veröffentlichte  einen  Fall  von  Cavernitis  in  Folge 
Entzündung  der  Lymphgefässe;  ebenso  Albert*),  nach  Trauma. 
Nach  Rokitansky3)  kommt  die  Cavernitis  selten  in  Folge  von 
Quetschung,  Fisteln  der  Harnröhre,  noch  seltener  durch  innere 
Ursachen  zu  Stande.  In  acuten  Fällen  sind  die  Corpora  cavernosa 
von  Eiter  strotzend  gefüllt,  stellenweise  nekrotisirend,  der  Penis  in 
einem  Zustande  von  Schwellung  und  Erection.  In  einem  von  Ro- 
kitansky obducirten  Falle  hatte  die  krankhafte  Erection  durch 
40  Tage  vor  dem  Tode  bestanden  und  konnte  erst  wenige  Tage 
vor  dem  Exitus  letalis  durch  Druck  auf  die  Wurzel  des  Penis 
Eiter  entleert  werden.  Der  Penis  war  angeschwollen,  halb  erigirt, 
mit  ödematösem  Präputium;  auch  die  Corpora  cavernosa  verdickt, 
fluctuirend,  das  schwammige  Gewebe  von  Eiter  strotzend,  in  Strecken 
matsch,  zu  einer  blassröthlichen  Pulpe  zerfallend.  Nach  hinten  war 
die  fibröse  Hülle  vielfach  durchbrochen,  ihre  Räume  communicirten 
mit  zahlreichen  Eiterherden,  die  in  der  Pars  prostatica  et  membra- 
nacea  und  am  Bulbus  urethrae  ihren  Sitz  hatten.  Die  CowperV 
sehen  Drüsen  waren  erweitert. 

M.  M.  Walker*)  beobachtete  einen  26jährigen  Neger,  bei 
welchem  ohne  wollustartige  Empfindung  Steifheit  des  Penis  auftrat, 
an  welcher  nur  die  Glans  nicht  vollständig  theilnahm. 

Bevor  die  Erection  eingetreten,  war  ein  schmaler  Ring  etwa 
2  Zoll  vor  der  Eichel  hart  zu  fühlen. 


*)  Wiener  med.  Wochenschrift  1858. 

*)  Diagnostische  Vorlesungen  über  chirurgische  Krankheiten. 

a)  Lehrbuch  der  pathol.  Anatomie. 

*)  Amer.  Journal  CXLVL  April  1877  und  Schmidfs  Jahrb.  1877. 


Ueber  Priapismus  und  Cavernitis.  149 

Jüngst  veröffentlichte  Jewsejenko1)  einen  Fall  von  Priapis- 
mus, in  welchem  Beizung  des  Penis  schon  bei  geringer  Berührung 
andauernd  Erection  erzeugt  hat.  Die  Ursache  lag  hier  in  Wuche- 
rungen von  erbsengrossen  Tumoren  in  der  Fossa  navicularis.  Nach 
Abbinden  derselben  trat  Heilung  ein. 

Anschliessend  sei  noch  jene  Veränderung  des  Corpus  caverno- 
sum  erwähnt,  welche  in  Folge  Urethritis  erscheint  und  theils  in 
Form  periurethraler  Infiltration  vorwiegend  im  Sulcus  coronarius 
in  der  Nähe  des  Frenulum  ihren  Sitz  hat  und  abnorme  Steifung 
des  Gliedes,  theils  andere  entzündliche  Infiltrate  in  den  übrigen 
Schwellkörpern  erzeugt.  Diese  Infiltration  erfolgt  gewöhnlich  durch 
Fortpflanzung  von  Seite  der  Urethralschleimhaut.  Die  Erection  ver- 
ursacht ausnahmslos  hochgradige  Schmerzen,  häufig  erscheint  eine 
Krümmung  des  Gliedes,  welche  man  mit  dem  Namen  Chorda 
veneris  bezeichnet.  Nach  Zeissl  a)  sitzt  die  Infiltration  in  den 
Alveolen  der  Schwellkörper,  u.  z.  nicht  nur  in  den  Corp.  cavernos. 
urethrae,  sondern  auch  in  denen  des  Penis. 

Ich  habe  den  oben  angeführten  Fällen  von  eigentlicher  Caver- 
nitis zwei  anzuschliessen.  Der  eine  betrifft  einen  50  Jahre  alten 
Schmiedgesellen,  der  am  1.  Nov.  1877  auf  meiner  Klinik  aufge- 
nommen wurde. 

Anamnese:  Der  Kranke  wurde  bereits  im  Jahre  1876  wäh- 
rend 18  Tage  im  allgemeinen  Krankenhause  an  ödematöser  Schwel- 
lung der  unteren  Extremitäten  behandelt.  Mitte  August  1881  stellte 
sich  Hämaturie  ein,  die  sich  fort  und  fort  steigerte,  so  dass  Patient 
genöthigt  war,  am  17.  Sept.  neuerdings  ärztliche  Hilfe  zu  suchen. 
Ende  October  erneuerten  sich  die  Blutverluste  und  der  Kranke  wurde 
auf  der  Abtheilung  des  Herrn  Primarius  Kolisko  aufgenommen. 
Am  1.  November  stellten  sich  hochgradige  Schmerzen  im  Perineum 
mit  gleichzeitiger  Schwellung  des  Penis  ein,  weshalb  der  Kranke 
auf  meine  Klinik  transferirt  wurde. 

Status  praesens:  Patient  mittelgross,  von  massig  kräfti- 
gem Knochenbau,  Haut  und  Schleimhaut  der  Mundhöhle,  Lippen 
und  Conjunctiva  blass  und  blutarm,  ßespirationsorgane  normal, 
ebenso   Leber  und   Milz.    Die   Corpora   cavernosa  penis   und   das 


4)  Petersb.  med.  Wochenschrift  1881,  39. 
*)  Lehrb.  für  Syphilis  p.  21. 


150  Neumann. 

der  Urethra  geschwellt,  derb;  der  Penis  zeigt  eine  Länge  von 
13  Ctm.  und  ist  beträchtlich  verdickt.  Namentlich  sind  die  in- 
filtrirten  Corpora  cavernosa  penis,  vorwiegend  an  ihrem  Ur- 
sprünge, gleichwie  das  Corpus  cavernosum  urethrae,  als  harte, 
derbe  Stränge  zu  verfolgen.  Das  Präputium  ist  geröthet,  Ode- 
rn atös,  in  phimotischer  Weise  über  den  Penis  gezogen.  Ein 
Fistelgang,  beginnend  unter  der  hinteren  Commissur,  erstreckt  sich 
beiläufig  4  Ctm.  dem  Corpus  cavernosum  urethrae  entlang.  Fieber- 
erscheinungen  hochgradig  (40*6).  Der  Harn  wird  spontan  nur  schwer 
u.  z.  tropfenweise  entleert.  Derselbe  ist  blutig  gefärbt,  von  alkali- 
scher Eeaction  und  enthält  Krystalle  von  phosphorsaurer  Ammo- 
niak-Magnesia, harü  saurem  Ammoniak,  Eiter-  und  Blutkörperchen, 
Pflasterepithelien,  Pilze  und  Bacterien,  Albumen  entsprechend  den 
Eiter-  und  Blutkörperchen,  ebenso  Blutfarbstoff,  Urate  und  kohlens. 
Ammon.  (nach  E.  Ludwig).  Das  Fieber  steigerte  sich  im  weiteren 
Verlaufe  und  es  traten  profuse  Diarrhöen  ein;  der  blutig  gefärbte 
Urin  blieb  alkalisch.  Auch  die  derbe  Consistenz  der  Schwellkörper 
steigerte  sich  namentlich  um  den  Bulbus  urethrae. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  des  Blutes  zeigte  eine  be- 
trächtliche Anzahl  weisser  Blutkörperchen,  die  Milz  war  beträcht- 
lich geschwellt. 

19.  November.  Das  Perineum  ist  hart  infiltrirt  bis  zum  After. 
An  Hoden  und  Nebenhoden  nichts  Abnormes  nachzuweisen.  Länge 
des  Penis  13  Ctm.  Einreibung  von  grauer  Salbe  am  Perineum. 
Salep  mit  Opium  gegen  Diarrhöe. 

20.  November.  Der  Bulbus  ist  seit  gestern  um  die  Hälfte 
kleiner  geworden.  Die  Derbheit  der  Schwellkörper  im  Ganzen  ge- 
ringer, das  Präputium  beweglicher.  Mit  dem  Urin  wird  auch  eine 
grosse  Eitermenge  entleert,  enthält  im  Uebrigen  die  gleichen  che- 
mischen Bestandteile,  wie  sie  oben  angeführt  wurden.  Beim  Her- 
ausnehmen des  Katheters  entleert  sich  neben  blutigen  Massen  auch 
Luft,  die  knisternd  entweicht. 

Der  Kranke  ist  cachectisch,  collabirt,  Puls  klein,  frequent. 

22.  November.  Der  Bulbus  ist  hart,  das  Fieber  hochgradig, 
der  Athem  erschwert.  Kückwärts  an  der  Lunge  beiderseits  Bassein. 
Pat.  apathisch;  nur  hie  und  da  schreit  er  bei  heftigeren  Schmer- 
zen auf.  —  23.  November.  Pat.  collabirt,  starke  Basseigeräusche  in 
beiden  Lungen. 


Ueber  Priapismus  und  Cavernitis.  151 

23.  November  Nachmittags :  Pat.  dyspnoisch.  —  Cyanose  des 
Gesichtes  und  der  Extremitäten.  Exitus  letalis. 

Die  von  Herrn  Dr.  Zemann  vorgenommene  Section  ergab 
folgenden  Befand: 

Körper  mittelgross,  mager  blass.  Kopfhaar  blond,  Hals  mittel- 
lang. Brustkorb  lang,  schmal,  massig  gewölbt.  Bauchdecken  wenig 
ausgedehnt,  gespannt.  Die  linke  untere  Extremität  um  ca.  4  Quer- 
finger kürzer  als  die  rechte.  Der  Penis  ca.  13  Ctm.  lang,  bei  einer 
Circumferenz  von  12  Ctm.,  bläulich  verfärbt,  ziemlich  hart.  Schädel- 
dach kurz,  oval,  von  gewöhnlicher  Dicke.  Die  harte  Hirnhaut  blass. 
Die  inneren  Meningen  blass,  stellenweise  etwas  verdickt.  Die  Hirn- 
substanz sehr  blass,  leicht  ödematös.  Die  Gehirnkammern  von  nor- 
maler Weite,  im  Innern  klares  Serum.  Die  basalen  Hirnarterien 
stellenweise  leicht  verdickt;  die  Hirnwindungen  etwas  verschmälert. 
Schilddrüse  massig  vergrössert,  ziemlich  schlaff,  ziemlich  stark 
colloid  entartet.  In  der  Luftröhre  bräunlichgelber  Schleim,  Schleimhaut 
blass.  Die  linke  Lunge  im  ganzen  Umfange  locker  angewachsen, 
substanzarm,  ziemlich  gedunsen,  stark  ödematös.  Die  rechte  Lunge 
massig  mit  Blut  versehen,  leicht  ödematös.  In  den  Bronchien  ziem- 
lich viel  Schleim.  Im  Herzbeutel  etwa  20  Gramm  klaren  Serums. 
Das  Herz  von  gewöhnlicher  Grösse,  etwas  mit  Fett  bewachsen, 
ziemlich  contrahirt,  in  seinen  Höhlen  wenige  Fibringerinnsel.  Klappen 
ziemlich  zart.  Herzfleisch  blass;  im  Septum  ventriculorum  eine  über 
hanfkorngrosse.  weissliche  Schwiele.  In  der  Bauchhöhle  etwa  zwei 
Liter  eitrigen  Exsudates.  Die  Leber  blass,  in  der  Gallenblase  licht- 
gelbe Galle.  Die  Milz  etwa  auf  das  5fache  vergrössert,  sehr  blass, 
weich,  ihre  Kapsel  runzelig,  etwas  verdickt.  Beide  Nieren  um  ein 
Drittel  grösser,  blass,  etwas  weicher,  stark  ödematös,  in  der  Corti- 
calis  zahlreiche,  theils  einzelnstehende,  theils  zusammenfliessende, 
von  einem  rothen  Hofe  umgebene  Abscesse  von  durchschnittlich 
Hanfkorngrosse.  Die  Kelche  der  Nieren  ausgedehnt,  in  ihnen  trübe, 
schmutzig-schwärzlich,  grünliche,  jauchige  Flüssigkeit.  Schleimhaut 
stark  injicirt  und  ecchymosirt;  in  ihrer  grössten  Ausdehnung  mit 
einem  dickbreiigen,  schmutzig-grünlichen,  hie  und  da  festhaftenden 
Exsudat  bedeckt.  Die  Schleimhaut  der  Uretheren  massig  mit  Blut 
versehen,  etwas  geschwellt.  In  der  Harnblase  ca.  300  CCtm.  einer 
missfärbigen,  mit  nekrotischen  Gewebsstücken  gemengten,  bräunlich- 
röthlichen,  übelriechenden  Flüssigkeit.    Schleimhaut  blass,  ziemlich 


152  Neumann. 

dick.  Die  ganze  Blasenwand  hypertrophirt.  An  der  vorderen  Wand 
die  Harnblasenschleimhaut  in  grösserer  Ausdehnung  mit  einer 
dünnen  Schicht  grünlich-missfarbigen,  festhaftenden  Exsudates  be- 
kleidet; an  der  hinteren  Wand  etwas  nach  rechts  von  der  Median- 
linie eine  ungefähr  3 — 4  Ctm.  im  Durchmesser  haltende,  rundlich 
nach  abwärts  bis  an  die  Mündung  des  rechten  Urethers  reichende, 
mit  zottigem,  missfärbigem,  weichem,  leicht  zerreisslichem  Gewebe 
bekleidete  Stelle,  deren  Randpartien  etwas  aufgeworfen,  härtlich 
erscheinen.  Beim  Einschneiden  erweisen  sich  diese  Partien  als  eine 
weissliche,  ziemlich  weiche  Aftermasse,  welche  einerseits  in  die  be- 
nachbarte Schleimhaut,  anderseits  in  die  Tiefe  der  Muscularis  all- 
mälig  und  ohne  scharfe  Grenze  übergeht. 

Die  Blasenwand  der  exulcerirten  Partie  in  ihrer  ganzen  Dicke 
erweicht,  leicht  zerreisslich ,  mit  einer  schmutzig -graugrünlichen 
Flüssigkeit  durchsetzt.  Die  Serosa  der  Blase  darüber  etwas  abge- 
hoben, missfarbig,  auf  der  Oberfläche  mit  grünlich-gelblichen  Exsu- 
datlamellen bekleidet.  Das  pericystische  Zellgewebe  im  Bereiche 
des  Fundus  der  Harnblase  etwas  derber,  mit  weisslichen  Aftermassen 
durchsetzt.  Die  hintere  Blasenwand  etwa  unter  der  Mitte  der 
Harnblase  linkerseits  perforirt.  Seitlich  hievon  ist  das  linke  Vas 
deferens  und  der  linke  Urether  von  einem  dichten  starren  Gewebe 
umschlossen,  und  im  unteren  Abschnitte  des  letzteren  finden  sich 
2  längliche  graue  an  der  Oberfläche  granulirte  Plaques.  Die  Wan- 
dungen der  Samenbläschen  verdickt.  Der  Bulbus  urethrae  durch 
den  anstossenden  Abscess  comprimirt. 

Die  Venen  des  Plexus  pudendus  sämmtlich  durch  röthlich- 
weissliche,  grösstentheils  breiige  Pfropfe  verstopft,  von  dichtem, 
derbem  Gewebe  umschlossen.  Die  Schleimhaut  der  Harnröhre  in 
ihrer  ganzen  Ausdehnung  zu  einer  schwärzlichen,  weichen,  zerreiss- 
lichen  Masse  zerfliessend.  Das  periurethrale  Zellgewebe  gleichfalls 
leicht  zerreisslich,  schwärzlich,  missfarbig,  mit  einer  missf&rbigen 
Flüssigkeit  durchtränkt.  Um  die  Pars  membranacea  urethrae  eine 
ungefähr  über  haselnussgrosse  Jauchehöhle.  Die  Prostata  von  gewöhn- 
licher Grösse,  etwas  weicher,  auf  der  Schnittfläche  weisslich-röthlich. 
Das  Corpus  cavernosum  penis  sehr  locker,  von  einer  röthlichen, 
dünnbreiigen  Flüssigkeit  durchsetzt.  Die  Vena  dorsalis  et  profunda 
penis  in  ihrer  ganzen  Länge  durch  einen  etwas  derberen  röthlichen 
Pfropf  verstopft.  Das  Zellgewebe  der  Haut  des  Penis  und  Scrotums 


Ueber  Priapismus  und  Cavemitis.  153 

sowie  das  subseröse  Zellgewebe  im  kleinen  Becken  missfärbig,  von 
jauchiger  Flüssigkeit  durchsetzt.  Die  Albuginea  der  Pars  pendula 
stark  verdickt,  schwielig. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  bestätigt  den  schon  mit 
unbewaffnetem  Auge  constatjrten  Befund  vollkommen,  Peine  Durch- 
schnitte zeigen,  dass  die  Albuginea  (Fig.  a)  schwielig  verdickt,  derb, 
allenthalben  durch  kleinzellige  (b),  dichtgedrängte  Wucherungen 
infiltrirt  ist.  Diese  Infiltration  setzt  sich  sowohl  in  die  inneren  als 
auch  die  äusseren  Netze  der  Schwellkörper  des  Penis  und  der 
Urethra  fort,  deren  Bäume  von  letzteren  ganz  ausgefüllt,  theils 
verengt  sind.  Jene  namentlich  an  der  Peripherie  gelegenen  Par- 
tien des  Schwellkörpers  sind  von  carcinomatösen  Zellen  infiltrirt 
(<?),  die  hier  nach  den  Wandungen  des  Schwellnetzes  angeordnet 
sind.  Die  in  der  Vena  dorsalis  und  profunda,  gleichwie  im  Plexus 
Santorini  vorkommenden  Embolien,  die  ausser  Fibringerinnsel  vor- 
wiegend aus  Carcinomzellen  bestehen,  lassen  keinen  Zweifel  über 
die  Provenienz  dieser  letzteren  in  den  Schwellkörpern., 

Der  zweite  zu  beschreibende  Krankheitsfall  betrifft  einen 
58jährigen  Hafnergesellen,  welcher  am  2.  Dec.  1881  auf  meiner 
Abtheilung  aufgenommen  wurde. 

Status  praesens:  Die  Haut  des  Penis,  insbesondere  des 
Präputium  ödematös  geschwellt,  über  der  Glans  phimotisch.  Aus 
der  verengten  Präputialöffnung  quillt  übelriechender,  missfarbiger 
Eiter,  Am  Kücken  des  Penis  etwa  in  der  Gegend  des  Sulcus 
coronarius  findet  man  einen  über  haselnussgrossen,  derben,  rundlichen 
Knoten,  von  dem  aus  sich  das  strangförmige,  geschwellte,  dorsale 
Lymphgefäss  bis  nahe  unter  die  Symphyse  verfolgen  lässt.  In  bei- 
den Leisten  sind  einige  derbe,  schmerzlose,  geschwellte  Lymphdrüsen 
tastbar.  Sonst  am  übrigen  Körper  des  schlecht  genährten  Pat.  keine 
Spuren  von  Syphilis.  Beiderseitige  freie  Leistenhernie. 

Wiederholte  Bespülungen  mit  Carbolwasser. 

7.  December.  Das  Oedem  des  Präputium  hat  etwas  abge« 
nommen,  dasselbe  ist  soweit  retrahirbar,  dass  am  Bücken  der  Glans 
beiläufig  in  der  Mitte  zwischen  Urethralmündung  und  Sulcus  coro- 
narius der  Band  eines  eitrig  belegten  Substanzverlustes  sichtbar 
wurde.  Gypstheer. 

Am  10.  December  wurde  die  Dorsalincision  vorgenommen  und 
es  zeigte  sich  am  Dorsum  penis  eine  über  kreuzergrosse,  nekrotische, 


154  Neumann. 

gelbe,  zerfliessende  Geschwürsfläche,  die  bis  auf  das  Corpus  caver- 
nosum  urethrae  reichte. 

18.  December.  Der  gangränöse  Substanzverlust  am  Dorsum 
penis  greift  weiter,  rascher  eitriger  Zerfall. 

Die  beiden  Corpora  cavernosa  penis  sind  als  seitliche  Wülste 
fühlbar,  zwischen  denen  in  der  oberen  Hälfte  das  Corp.  cavemosum 
urethrae  hervortritt,  während  im  unteren  Theile  die  Corp.  caver- 
nos.  penis  noch  aneinander  liegen.  Beim  Uriniren  tritt  der  Urin 
an  3  Stellen  aus  u.  z.  im  unteren  Wundwinkel  der  Circum- 
cision,  im  Berührungswinkel  der  beiden  Corpora  cavernosa  penis, 
endlich  dort,  wo  die  Corpora  cavernosa  urethrae  und  Glans  zu- 
sammenstossen.  An  letzterer  Stelle  ist  ein  7a  Centim.  langer 
Spalt  in  der  Urethra  wahrzunehmen.  Sonden  in  die  beiden  ande- 
ren Oeffnungen  geführt  dringen  in  Pistelgänge,  die  schief  gegen 
die  Symphyse  verlaufen,  deren  Einmündungen  in  die  Urethra  aber 
nicht  aufzufinden  sind. 

Gypstheer,  protrahirte  Bäder. 

29.  December.  Während  in  der  oberen  Hälfte  der  Wunde  der 
Zerfall  sistirt  und  sich  reine  Granulationen  bilden,  schreitet  die 
Infiltration  und  der  consecutive  Zerfall  den  oben  erwähnten  Fistel- 
gängen entlang  zwischen  Haut  und  den  Corpora  cavernosa  weiter, 
aber  auch  die  Corpora  cavernosa  selbst  sind  mit  ergriffen,  indem 
sich  dieselben  derb  und  drusig  anfühlen  und  bei  Druck  auf  diesel- 
ben beträchtliche  Eitermengen  sich  entleeren.  Die  Haut  über  der 
Pars  pendula  des  Penis  ist  ödematös.  Einreibungen  mit  grauer  Salbe. 

12.  Jänner  1882.  Infiltrationsprocess  und  Zerfall  schreiten 
allmälig  weiter,  haben  bisher  die  ganze  Pars  pendula  ergriffen,  die 
Corp.  cavernos.  sind  derber  und  breiter,  namentlich  gegen  die 
Symphyse  hin. 

28.  Jänner.  Der  fortschreitende  Infiltrationsprocess  hat  sich 
über  die  ganzen  Corpora  cavernosa  bis  zum  Bulbus  fortgesetzt  und 
auch  das  dorsale  Lymphgefass  ist  in  der  Infiltration  aufgegangen. 
Die  Corp.  cavernos.  fühlen  sich  überall,  besonders  aber  in  dem 
hinteren  Theile  der  Pars  pendula  und  bulbosa,  als  eine  unebene, 
höckerige,  pralle  Masse  an;  ihr  Volumen  dem  im  erigirten  Zustande 
entsprechend.  Die  Haut  über  denselben  ist  intact,  leicht  verschieb- 
bar. Druck,  namentlich  am  Bulbus  schmerzhaft.  Vom  Angulus 
peno-scrotalis  nach  vorne  ist  dagegen  die  Infiltration,   wohl  wegen 


Ueber  Priapismus  und  Cavernitis.  155 

eitrigen  Zerfalles  des  Infiltrates  geringer.  Von  rückwärts  nach  vorne 
nehmen  die  Corp.  cavernos.  an  Volumen  und  Derbheit,  somit 
auch  an  Masse  ab,  so  dass  sie  im  vorderen  Drittel  der  Pars  pen- 
dula schlaff  und  substanzarm  sind.  Die  Glans  ist  auf  */t  ihres  frü- 
heren Bestandes  reducirt,  schlaff,  nicht  infiltrirt. 

Der  Substanzverlust  im  Sulcus  coronarius,  der  beiläufig  dessen 
mittleres  Drittel  einnimmt,  zeigt  schon  Granulationen. 

Die  früher  erwähnten  Fistelgänge  haben  sich  zu  klaffenden 
Spalten  umgewandelt,  deren  eine  zwischen  Penishaut  und  Corpora 
cavernosa  penis,  die  andere  zwischen  beiden  auseinandergewichenen 
und  verschmächtigten  Corp.  cavernos.  penis  und  dem  Corpus 
cavernosum  urethrae  gegen  die  Symphyse  dringen.  Druck  auf  die 
Corp.  cavernos.  bis  beiläufig  gegen  die  Mitte  des  Scrotum  hin, 
entleert  aus  diesen  Spalten  ein  reichliches,  dünnflüssiges,  eitrig  ge- 
färbtes, höchst  übelriechendes  Secret.  Prostata  normal,  massig  gross, 
weich. 

Pat.  verfällt  sichtlich,  hat  in  der  Zeit  seines  Aufenthaltes  im 
Spitale  um  27a  Kilo  abgenommen,  seine  Haut  icterisch  gefärbt, 
trocken;  massige  Temperaturerhöhungen. 

8.  Februar.  Nachdem  die  Eiterentleerung  eine  sehr  profuse 
ist,  der  Eiter  bis  aus  den  hintersten  Theilen  der  Pars  bulbosa  her- 
vorkommt, anderntheils  vom  hinteren  Wundwinkel  der  Wunde  im 
Sulcus  coronarius  mit  einer  Sonde  bis  an  die  Symphyse  vorgedrungen 
werden  kann,  so  wird  etwa  1  Ctm.  vor  der  Symphyse  auf  der 
Hohlsonde  eine  1  Ctm.  lange  Spaltung,  und  damit  Gegenöffnung 
der  Fistel  vorgenommen,  die  reichliche  parenchymatöse  Blutung 
durch  Vernähung  der  äusseren  Haut  an  die  Hülle  des  Fistelganges 
durch  5  Nähte  gestillt.  Von  der  so  gewonnenen  Fistelöflhung  dringt 
man  mit  der  Sonde  entlang  der  Urethra,  innerhalb  deren  Corpus 
cavernosum  bis  über  den  Scrotaltheil  der  Pars  cavernosa. 

14.  Februar.  Die  durch  einige  Tage  mit  gangränösen  Fetzen 
bedeckte  Wunde  reinigt  sich  und  entleert  sich  aus  derselben  aller 
vom  Bulbus  kommende  Eiter,  während  die  vordere  Oeflhung  nur 
mejir  wenig  entleert. 

18.  Februar.  Etwas  nach  rechts  vom  Bulbus,  noch  innerhalb 
des  Corpus  cavernosum  penis  Fluctuation. 

Eröffnung  des  Abscesses  von  der  Haut  in  der  rechten  Genito- 
cruralfalte,   reichliche  Eiterentleerung   (durch   Prof.  Dittel).    Die 


156  Neumann. 

Oefihung  erweist  sich  mit  der  am  Dorsum  penis  in  Commuuication 
und  wird  durah  ein  gemeinsames,  bogenförmig  verlaufendes  Drai- 
nagerohr  mit  ihr  verbunden. 

21.  Februar.  Die  Eiterentleerung  bedeutend,  die  Corp.  cavernosa 
verschmächtigen  sich  gegen  den  Bulbus  zu;  in  der  Pars  pen- 
dula sind  sie  schon  grösstenteils  in  derbe  Strange  verwandelt. 
Fistel  im  Sulcns  coronarins  verheilt,  die  Wunde  daselbst  in  Verklei- 
nerung. 

25.  Februar.  Eiterung  beträchtlich,  die  Fistelgänge  gangränös. 
Pat.  icterisch,  hat  allabendlich  Temperatur  bis  39  und  Fröste.  Im 
Urin  kein  Eiweiss. 

2.  März.  Die  Eiterung,  die  bis  Ende  Februar  zunahm,  bat  am 
27.  März  ihre  Acme  erreicht,  nimmt  seither  conti  nuirlich  und 
rasch  ab. 

Die  Fistelgänge  sind  rein.  Nachdem  sich  aus  denselben  kein 
Eiter  mehr  entleert,  wird  das  Drainrohr  entfernt.  Pat.  afebril.  Aus- 
sehen in  steter  Besserung. 

6.  März.  Patient  fühlt  sich  wohler.  Der  Fistelgang,  in  dem  das 
Drain  sass,  ebenso  der  am  Dorsum  penis  verschlossen.  Die  Fiatelöff- 
nungen  mit  reinen  Granulationen  ausgefüllt,  flach.  Die  Corp.  cavern. 
Überall  in  eine  fibröse,  wulstartige,  derbe,  daumenbreite  Masse  ge- 
schrumpft. Uriniren  geht  anstandslos  vor  sich.  Erectionen  kommen 
nicht  zu  Stande.  Der  Urin  entleert  sich  nur  mehr  aus  der  Urethral- 
Mfming  und  der  unterhalb  der  Glans  im  Sulcus  coronarius  gelegenen 
'/,  Ctm.  breiten  Fistelöfmung. 

Am  2.  April  1882  wurde  der  Kranke  geheilt  entlassen. 

Die  eben  angeführten  Beobachtungen  zeigen  zur  Genüge,  wie 
viele  und  wie  mannigfache  Ursachen  Priapismus  und  Cavernitis  zur 
Folge  haben.  So  sind  es  Stricturen,  Urethritis,  Periurethralabscosse, 
6umm  ata,  weiche  und  harte  Schanker,  Carcinome .  einerseits,  ander- 
seits Geschwulste,  welche  auf  die  Vena  pudenda  uud  den  Plexus 
Sautorini  eineu  Druck  ausüben  und  ein  mechanisches  Hinderniss 
der  Circulation  erzeugen.  Im  letzteren  Falle  entsteht  die  Cavernitis, 
iudem  das  Blut  durch  die  Arterien  iu  normaler  Menge  wohl 
zuströmen,  durch  die  Venen  aber  nicht  ahfliessou  kann. 

Von  grossem  Interesse  sind  jene  Cavemitiden,  welche  durch 
Metastasen,    Typhus,    Tuberculose,    gleichwie    in    Folge    Leukämie 


Ueber  Priapismus  und  Cavernitis.  157 

entstehen.  So  klar  und  anatomisch  begründet  die  Entstehung  der 
Cavernitis  aus  obbenannten  Ursachen  ist,  so  hypothetisch  ist  noch 
die  Erklärung  jener  Formen,  die  in  Folge  von  Leukämie  beobachtet 
wurden.  Sehr  plausibel  ist  jene  Annahme,  welche  die  Krankheit  in 
Folge  des  erheblichen  Widerstandes,  den  die  Blutbewegung  vermöge 
der  grossen  Klebrigkeit  der  stark  vermehrten  farblosen  Blutkörper- 
chen in  den  Gapillaren  erfährt,  entstehen  lässt,  wobei  auch  in  den 
Gefassen  anderer  Organe  eine  Verlangsamung  oder  gar  Hemmung 
der  CircuJation  eintritt,  so  dass  durch  Zusammenbettung  weisser 
Blutkörperchen  kleine  und  grosse  Embolie  entsteht1).  Unter  dem 
Einflüsse  der  Leukämie  in  den  Schwellkörpern  entstehen  Hämor- 
rhagien  gerade  so  wie  in  anderen  Organen.  Man  soll  somit  bei 
jedem  länger  andauernden  Priapismus  Milz,  Lymphdrüse  und  Blut 
untersuchen.  Ob,  wie  Salzer  glaubt,  die  Nerven  Wirkung  bei  Leu- 
kämie dadurch  Priapismus  erzeugt,  dass  eine  anatomische  Verände- 
rung in  den  Erectionsnerven  vorgekommen  ist  oder  ob  die  Erection 
in  einer  Beizung  der  Nerven  durch  Druck  geschwellter  Lumbaidrüsen 
beruhen,  scheint  jedenfalls  sehr  fraglich.  In  unseren  Fällen  sind 
palpable  Ursachen  zu  finden;  in  dem  einem  Falle  waren  die  Tra- 
bekeln durch  Bindegewebsneubildung  verengt  und  die  Venen  und 
die  Alveolen  durch  carcinomatöse  Thromben  und  Wucherung  ver- 
legt worden,  wodurch  Stauung,  Exsudation,  Wucherung  der  Trabe- 
keln, Austritt  von  Blut  in  das  Gewebe  bedingt  ward,  in  dem  zweiten 
Falle  war  die  Cavernitis  als  Folge  von  Entzündung  mit  Vereiterung 
der  Schwellkörper. 

Wenn  das  Corpus  cavernosum  nur  partiell  entzündet  ist,  wird 
nur  der  für  das  Blut  zugängliche  Theil  eine  gewisse  Erigität  zeigen, 
während  die  vorderen,  blutleeren  Partien  nicht  erigirt  werden 
können.  Bei  Gummata  auch  nur  in  einem  Corpus  cavernosum,  selbst 
bei  der  Grösse  einer  Haselnuss,  kann  man  vielfache  Deviationen 
des  erigirten  Penis  beobachten.  Bei  längerer  Dauer  der  Cavernitis 
werden  durch  Proliferation  des  Bindegewebes  der  Trabekeln  die 
Alveolen  veröden,  wodurch  die  Erectionsfähigkeit  vollständig  aufge- 
hoben ist,  auch  wird  das  Corpus  cavernosum  urethrae  mit  in  den 
Process  einbezogen,  und  es  tritt  Verschrumpfung  des  Penis  ein 
(Rokitansky). 


*)  Zicmssen;  Mosler,  Leukämie. 


158  Neumann.  Ueber  Priapismus  u.  Cavernitis. 

Recapituliren  wir  nun  den  ganzen  Process,  wie  er  in  unserem 
1.  Falle  sich  ergeben  hat,  so  resumirt  sich  Folgendes:  Durch  carci- 
nomatöse  Wucherung  an  der  Blasenwanduug  kam  es  zur  Perforation 
der  Blasenwand  gleichwie  zur  eitrigen  Peritonitis  und  durch  Wu- 
cherung der  Neubildung  zur  Compression  des  Plexus  Santorini,  zur 
carcinomatösen  Entartung  der  Samenbläschen,  des  Urethers  und  des 
Vas  deferens.  Hiedurch  musste  Stauung  in  den  Blutgefässen,  con- 
secutive,  ödematöse  Schwellung  und  Entzündung  der  Corpora  caver- 
nosa  entstehen.  Die  plötzlich  erfolgte  Volumszunahme  muss  wohl 
durch  acute  Embolie  veranlasst  worden  sein.  Die  Destruction  der 
Urethralschleimhaut,  die  Abscessbildung  und  die  hiemit  verbundene 
Bloslegung  der  Gefasse  und  Nerven  mögen  den  ganzen  Process 
begünstigt  haben.  Berücksichtigt  man  ferner  die  Thromben,  die 
sich  am  frischen  anatomischen  Präparate  in  den  Plexus  Santorini, 
der  Vena  profunda  und  dorsalis  penis  zeigten,  und  welche  bei  mi- 
kroskopischer Untersuchung  sich  als  Carcinomzellen  erwiesen;  be- 
achtet man  gleichfalls  die  carcinomatöse  Wucherung  im  Schwellnetze, 
dann  ist  wohl  jeder  Zweifel  über  das  Zustandekommen  des  ganzen 
Processes  vollständig  behoben. 

Es  hat  somit  der  Priapismus  hier  im  Ganzen  31  Tage  ge- 
dauert und  nur  wenige  Stunden  vor  dem  Tode  hat  das  Volumen 
des  Penis  um  ein  Geringes  abgenommen,  im  zweiten  Falle  war 
Heilung  mit  schwieliger  Schrumpfung  der  Corpora  cavernosa  ein- 
getreten. 


^^sSM^m 


IX. 

Ueber  die  histologischen  Veränderungen  der 
Haut  lei  Morhillen  und  Scarlatina. 

Von 

Prof.  Dr.  I.  Neumann. 

Mit  4  Holzschnitten. 
(Am  16.  März  1882  von  der  Redaction  übernommen.) 


Es  ist  gewiss  in  hohem  Masse  auffallend,  dass  zwei  so  häufig 
vorkommende  Krankheiten,  wie  Masern  und  Scharlach,  in  ihren 
histologischen  Veränderungen  bisher  fast  gar  nicht  gekannt  sind. 

Es  finden  sich  allerdings  in  der  Literatur  Andeutungen,  welche 
schon  durch  die  klinischen  Erscheinungen  des  Hautexanthems  ver- 
muthet  werden  können,  positive  durch  das  Mikroskop  constatirte 
Befunde  liegen  jedoch  nicht  vor. 

Zwar  hat  schon  der  um  das  Studium  der  pathologischen 
Anatomie  der  Hautkrankheiten  hochverdiente  G.  Simon  *)  mor- 
billöse  Hautstücke  untersucht,  doch  konnte  er  weder  an  den  Folli- 
keln der  Haut,  noch  in  den  Papillen  irgend  welche  krankhafte 
Veränderungen  finden.  Er  lässt  die  Papel  bei  Morbillen  aus  einer 
Anschwellung  der  Cutis  in  Folge  einer  exsudirteu  Flüssigkeit  her- 
vorgehen. Zwischen  den  Cutisfasern  selbst  konnte  er  überdies  kleine 
in  Essigsäure  unlösliche  Molecüle  vorfinden. 

Spätere  Beobachter  wie  F.  Mayr2)  verlegen  den  morbillösen 

*)  Die  Hantkrankheiten,  Berlin  185 1,  pag.  124. 
»)  Hebra's  Pathol.  und  Therap.  der  Hautkr.  I.  Bd. 

Med.  Jahrbücher.  1A&2.  \  \ 


160  Neumann. 

Process  vorwiegend  in  die  Talgdrusen,  während  die  Haarbälge  nor- 
mal bleiben  oder  nur  zufallig  mitbeteiligt  sein  können. 

Auch  Hebra1)  spricht  aus  dem  Verlaufe  dieses  Exanthems 
nur  die  Vermuthung  aus,  dass  die  Exsudation  vorwiegend  in  die 
Ausfuhrungsgange  der  Follikel  erfolgt,  und  dass  diese  hiedurch  in 
Form  von  kleinen  Knötchen  oder  Bläschen  emporgehoben  werden. 

Das  Sammelwerk  von  Gerhardt8)  enthält  über  Masern  nur 
die  Bemerkung:  „Dia  feineren  histologischen  Vorgänge  in  der  Haut 
sind  nur  dürftig  gekannt". 

Diese  kleine  historische  Skizze  über  die  Histologie  der  Masern 
dürfte  genügen,  um  darzuthun,  wie  wenig  gerade  über  die  Anatomie 
derselben  bekannt  ist,  und  wird  es  gerechtfertigt  erscheinen  lassen, 
wenn  es  den  Fachmann  drängt,  durch  eigene  Untersuchungen  Auf- 
klärung über  die  pathologischen  Processe  zu  gewinnen. 

Die  klinischen  Veränderungen  des  Exanthems  bestehen,  wie 
zur  Genüge  bekannt  ist,  in  linsen-  bis  silbergrosch engrossen  Flecken 
von  unregelmässiger  Begrenzung,  welche  sich  über  das  Niveau  der 
Haut  erheben  und  im  Centrum  Knötchen  enthalten  (Morbilli  papu* 
losi),  die  den  geschwellten  Hautfollikeln  entsprechen.  Ausnahmsweise 
erscheinen  auch  Quaddeln  von  verschiedener  Grösse,  vorwiegend  im 
Gesichte,  Hämorrhagien  namentlich  an  den  unteren  Extremitäten,  und 
zwar  theils  in  Form  von  kleinen  oder  grösseren  Punkten,  die  nach 
kurzem  Bestände  je  nach  den  Veränderungen  des  Blutfarbstoifes 
verschiedene  Farbennüancirungen  annehmen.  Die  Wirkung  des  Con- 
tagiums  scheint  in  letzteren  Fällen  direct  die  Gefasswandung  zu 
treffen,  welche  hiebei  theils  zerreisslich  wird,  theils  die  Auswande- 
rung der  rothen  Blutkörperchen  gestattet. 

Uebergehend  zur  Erörterung  des  mikroskopischen  Befundes, 
muss  ich  zunächst  betonen,  dass  diese  Darstellung  keine  alle  Momente 
der  Krankheit  umfassende  sein  konnte,  da  die  Herbeischaffung  des 
Untersuchungsmateriales  keine  leichte  ist  und  ich  bisher  nur  we- 
nige Fälle  untersuchen  konnte  (worunter  zwei,  die  mir  Herr  Pro- 
sector  Dr.  Chiari  und  Assistent  Dr.  Gnaendinger  zur  Verfügung 


*)  Lehrb.  der  Hautkr.  pag.  137,  II.  Aufl. 

*)  Handbuch  der  Kinderkrankheiten,    II.   Bd.:   Masern    bearbeitet    von 
Bohn,  pag.  315. 


Veränderungen  der  Haut  bei  Morbülen  u,  riisrlalina. 


1(1] 


gestellt).' Ich  hätte  namentlich  gewünscht,  die  verschiedenen  Stadien 
der  Krankheit  der  Reihe  nach  einem  näheren  Studium  zu  unter- 
ziehen. Vorläufig  will  ich  meine  bisher  gewonnenen  Ergebnisse 
in  Folgendem  dem  Leser  vorfuhren. 

Die  Methode  der  Präparirung  war  sehr  einfach,  indem  die  zu 
untersuchenden  Hautstücke  in  diluirter  Chromsäure  gehärtet,  mit 
Carmin,  Hämatoxylin  und  Pikrocarmin  gefärbt  wurden. 

Die  Schnitte  ergaben  folgenden  Befund: 

Die  pathologischen  Veränderungen  beschränken  sich  fast  aus- 
schliesslich auf  die  Hautdrüsen  und  die  Blutgefässe  (Fig.  1  a), 

Fig.  1. 


dritte,  t  Hmrbalg  mit 


An  der  Gefässwandung,  vorwiegend  in  dem  oberen  Theile  der 
Cutis  findet  man  Rundzellenwucherungen,  welche  in  dicht- 
gedrängten Lagen  (Fig.  1«)  auch  die  Gefässschlinge  bis  in  die 
Papillen  begleiten.  Die  Gefässe  selbst  sind  erweitert,  hyper- 
ämisch. 


Interessante  Veränderungen  bieten  die  Schwelssdrusen  dar. 
Sie  sind  vergrößert  und  zeigen  sowohl  an  ihrer  Wandung  (Fig.  1  a,  b), 
im  Drüsenknäiiel  (Fig.  1  <j)  als  auch  am  Ausführungsgange  (Fig  1  h 
und  Fig.  2b)  dichtgelagerte  Bundzellen,  während  das  sie  begren- 
zende Outisgewebe  frei  von  Wucherungen  bleibt. 


BT" 


c  kolbenförmige  AdbI 
Hmb.lg,  /  Blulgefs 
»dpighii.  Hutnuk  ■ 


Diese  Proliferationen  liegen  jedoch  stets  an  "der  Aussenseite 
der  Wandungen,  nie  innerhalb  derselben.  Auch  die  Talgdrüsen 
sind  in  gleicher  Weise  verändert  (Fig.  1  </). 


Veränderungen  der  Haut  bei  Morbillen  u.  Scarlatina.  168 

Der  Haarbalg  zeigt  kolbenförmige  Ausbuchtungen  (Fig.  1  e 
und  Fig.  2  c\  welche  genau  der  Insertionsstelle  des  Arrector  pili 
entsprechen,  daher  nur  durch  Contraction  des  Muskels  entstanden 
sein  müssen.  Jene  Muskeln  selbst  (Fig.  2  d)  enthalten  zwischen  den 
Muskelzellen  zerstreut  Bundzellen,  sind  somit  an  dem  Entzündungs- 
processe  mitbetheiligt  (Fig.  2). 

In  gleicherweise  wie  die  Schweissdrüsen  ist  auch  der  Haar- 
bai g  in  seiner  ganzen  Ausdehnung  (Fig.  1/  und  Fig.  2  e)  in  Run d- 
zellenwucherungen  eingeschlossen,  die  in  den  unteren  Theilen 
in  grösserer  Menge  angehäuft  sind,  als  in  den  oberen. 

Ich  gehe  nun  zur  Besprechung  des  Scharlachs  über. 

Auch  hier  zeigen  sich  anfangs  blassrothe  Flecken,  die  jedoch 
schon  nach  wenigen  Stunden  dunkelrothgefärbt  sind.  Sie  werden  ge- 
wöhnlich durch  weisse  Linien  von  einander  geschieden  und  die  Röthung 
erscheint  in  einzelnen  Fällen  mehr  netzförmig.  Die  geschwellten 
Hautfollikel  treten  in  Form  von  punktförmigen  Knötchen  über 
das  Niveau  hervor;  Cutis,  subcutanes  Bindegewebe,  vorwiegend  im 
Gesichte,  an  den  Ohrmuscheln  und  den  Fingern  werden  alsbald 
serös  infiltrirt.  Je  intensiver  der  Krankheitsprocess,  desto  mehr 
wird  die  Haut  entfärbt. 

Ausser  den  papulösen  Efflorescenzen  bilden  sich  nicht  selten 
Bläschen,  die  bisweilen  zu  Blasen  coufluiren,  aus  denen  eine  zähe 
weisse  Flüssigkeit  aussickert,  worauf  die  Haut  excoriirt  erscheint. 
Um  die  Hautfollikel  kommt  es  bisweilen  zu  Hämorrhagien,  welche 
der  Scharlachhaut  ein  dunkelgesprenkeltes  Aussehen  verleihen. 

Das  Desquamationsstadium  folgt  je  nach  der  Intensität  der 
Krankheit  in  variablen  Zeiträumen  zwischen  dem  5. — 14.  Tage. 

Von  den  Schuppen  wird  angenommen,  dass  sie  einen  hohen 
Grad  von  Virulescenz  besitzen,  daher  die  Ansteckung  in  Schulen 
häufig  durch  allzufrühe  Entlassung  der  Reconvalescenten  erfolgt. 

Der  Erörterung  der  histologischen  Veränderungen  der  Haut  bei 
Scarlatina  will  ich  gleichfalls  einige  Angaben  aus  der  Literatur 
vorausschicken: 

Schon  Lö  sehn  er  gibt  an,  Exsudatkörper  im  Rete  Malpighii 
gefunden  zu  haben. 

Nach  Tanwick  ist  die  Grundmembran  der  Schweissdrüsen 
verdickt,  ihr  Epithel  abgelöst  und  die  Sehweisskanäle  durch  Epi- 
thel und  Blutextravasate  verstopft. 


n>4 


Nei 


Hohn  ')  glaubt  annehmen  zu  können,  dass  die  krankhaften 
Veränderungen  in  den  tiefen  Schichten  der  Epidermis  ihren  Anfang 
nehmen,  wodurch  diese  zunächst  in  den  krankhaften  Process  einbe- 
zogen werden. 

M.  Kaposi*)  konnte  Hyperämie  mit  massiger  Exsudativ, 
Zellenwucherung  in  den  Papillen  und  dem  Bete,  Blutextravasate 
in  Papillen  und  Cutis  nachweisen. 

Meiue  Untersuchungen  ergaben  Folgendes : 

Fig.  3. 


Bluteitrivisite,  d  Eisndab 


Die  Retezellen  sind  geschwellt,    namentlich  deren  Kerne.   Tu 
den  unteren  Lagen  (der  Staclielzellonschicht)  sind  in  vielen  Präpa- 


')  Gerhardt,  pag.  358. 

'J  Lehrb.  der  Haulkrankh..  paj.'.  213. 


Veränderungen  der  Hunt  bei  Murbill«!  n.  Scarlatina. 


KS5 


raten  die  Zellen  in  die  Länge  gezogen,  zumeist  spindelförmig  aus- 
gedehnt, bilden  stellenweise  Lücken  und  Fachwerke,  wenn 
auch  in  geringerem  Grade  als  bei  Variola,  in  welchen  Exsudatzellen 
eingelagert  erscheinen.  An  vielen  Stellen  können  selbst  umschrie- 
bene Bluteitravasate  gefunden  werden,  durch  welche  die  Retezellen 
ganz  auseinander  gedrängt  werden. 


Besonderes  Interesse  bieten  die  zahlreichen  dichtgedrängten, 
stellenweise  die  Epidermis  vollständig  substituirenden  Exsudat- 
zellen,  die  bis  an  die Hornschicht  reichen,  ja  stellenweise  letztere 
ganz  verdrängen,  daher  auf  freier  Oberfläche  der  Haut  erscheinen. 
Um  den  Ausfuhrungsgang  der  Hautfollikel  finden  sich  dieselben 
namentlich  dicht  gedrängt  an  deren  Wandung  (Fig.  4). 

Das  Cutisgewebe  selbst  ist  geschwellt,  die  Cutisbüudel 
verdickt,  stellenweise  auseinandergedrängt  und  zwar  vorwiegend 
durch  Wucherungen,  stellenweise  jedoch  durch  enorm  grosse  Ge- 
fässe,  welche  ampullenartig  erweitert  sind  und  in  vergrößerten 
Papillen  nicht  mehr  deutlich  als  Schlingen  unterschieden  werden 
können;  dieselben  sind  gefüllt. 


156  Neumann. 

Die  Wucherungen,  vorwiegend  am  oberen  Theile  des  Cutis- 
gewebes,  nehmen  die  Eichtung  der  Schweissdrüsen,  der  Haar- 
bälge oder  auch  der  Gefässe  ein,  sind  jedoch  hier  so  beträcht- 
lich, dass  es  sich  eigentlich  nicht  wie  bei  Morbillen  entscheiden 
lässt,  welches  ihr  eigentlicher  Anfangsherd  ist.  Ebenso  bleibt  es 
eine  offene  Frage,  wie  die  Lymphgefässe  sich  hier  verhalten.  Man 
findet  nämlich  direct  unter  den  Papillen  und  im  Stratum  vasciüare 
der  Cutisräume,  deren  Begrenzungswand  mit  Epithel  bekleidet 
ist,  Räume,  welche  beträchtlich  erweitert  sind. 

Der  anatomische  Befund  zeigt  hier  jedenfalls  zum  Unterschiede 
vom  Masernprocess,  warum  der  Scharlach  gerade  im  Stadium  der 
Abschuppimg  einen  so  hohen  Grad  von  Ansteckungsfahigkeit  besitzt, 
warum  ferner  die  Möglichkeit  der  Uebertragung  sich  selbst  so 
lange  ausdehnen  kann,  bis  sich  der  letzte  Rest  der  Schuppen  abge- 
löst hat,  was  sich  bei  einzelnen  Formen  selbst  auf  mehrere  Wochen 
ausdehnen  kann. 

Ich  glaube  aus  dem  Befunde  bei  beiden  Krankheiten  Folgen- 
des schliessen  zu  dürfen:  Bei  Morbillen  dürften  die  durch  das  Con- 
tagium  in  die  Haut  gesetzten  pathologischen  Produkte  vorwiegend 
die  Blutgefässe  und  Drüsen  afficiren,  da  das  Cutisgewebe  selbst 
gleichwie  die  Epidermis  keine  wesentlichen  Veränderungen  zeigen. 

Es  sind  auch  alle  Versuche  mit  den,  den  Morbillösen  ent- 
nommenen Epidermismassen,  welche  einzelne  Forscher  wie  F.  Mayr, 
Alex.  Monro  (de  venis  lymphat.)  theils  in  die  Haut  eingeimpft, 
theis  dem  Magen  gesunder  Individuen  einverleibt  hatten,  bisher 
ohne  positive  Resultate  geblieben. 

Nur  die  Einimpfungen  mit  dem,  Masernkranken  entnomme- 
nen Blute,  welche  Fr.  Home  in  Edinburgh1)  schon  im  Jahre  1758 
in  der  Weise  gemacht  hat,  dass  er  an  deren  Haut  Ritze  gemacht, 
sodann  das  Blut  an  Gesunde  impfte,  hatten  spontane  Resultate 
ergeben.  Später  hat  man  durch  Thränen,  Nasenschleim,  Spei- 
chel, welche  Masernkrankon  entnommen  wurden,  an  Gesunden  den 
gleichen  Krankheitsprocess  hervorgerufen. 

Durch  den  Sitz  der  abgelagerten  Krankheitsprodukte  unter- 
scheiden   sich  die  Masern  von  Blattern  und  Scharlach,  indem  die 


')  Princip.  Med.  und  Media  Taste  and  experim.  libr.  2.  Sect.  VIII. 


Veränderungen  der  Haut  bei  Morbillen  u.  Scarlatina.  1  r37 

Kruste  von  Variola  gleichwie  die  Schuppen  von  Scharlach,  welche 
auf  Gesunde  übertragen  werden,  die  Erkrankung  des  Individuums 
zur  Folge  haben.  Versuchen  wir  ferner  aus  den  gefundenen  ana- 
tomischen Veränderungen  einen  Eückschluss  auf  die  pathologischen 
Vorgänge  bei  Masern  zu  ziehen,  so  werden  wir  aus  der  Beobach- 
tung, dass  die  Krankheitserscheinungen  vorwiegend  an  den  Gefäs- 
sen  und  Follikeln  auftreten,  mit  Recht  zur  Annahme  gedrängt, 
dass  der  inficirende  Stoff,  welcher  Natur  er  immer  sein  mag, 
gerade  durch  diese  Atrien  aus  den  Gefässen  nach  aussen  zu  drin- 
gen sucht  und  hiebei  das  so  scharf  begrenzte  Exanthem  zu  erzeu- 
gen vermag.  Die  Knötchen  würden  somit  den  geschwellten  und 
entzündeten  Haarbälgen,  die  Röthung  den  injicirten  Gefässen  und 
deren  Wucherungen  entsprechen.  Es  entstünde  dieses  Exanthem 
analog  jenen  Hautausschlägen,  die  nach  Einverleibung  einzelner 
Arzneien  wie  Jod,  Brom,  Balsamum  copaivae,  Chinin,  von  den 
Follikeln  aus  ihre  Entwicklung  nehmen. 

Schon  Baerensprung  hat  sich  über  diese  Art  der  Entstehung 
einzelner  Hautkrankheiten  allerdings  in  einer  nicht  ganz  umfassen- 
den Weise  ausgesprochen.  Die  Fermente,  sagte  dieser  Autor,  die 
im  Blute  circuliren,  finden  eben  so  viele  Angriffspunkte  auf  der 
Haut,  als  es  Mittelpunkte  der  Blutvertheilung  in  derselben  gibt. 
Bei  den  Arzneiexanthemen  wirken  die  dem  Organismus  einverleibten 
Stoffe  vom  Blute  aus  reizend  auf  die  Haut  und  da  diese  in  das 
Hautgewebe  gleichzeitig  an  vielen  Punkten  durch  das  Gefässsystem 
gelangt,  wird  auch  an  jedem  dieser  Punkte  ein  kleiner  Entzün- 
dungsherd leicht  entstehen. 

Was  Baeren sprung  nur  als  Vermuthung  bezüglich  der 
Geftsse  hingestellt,  ist  in  der  Neuzeit  durch  exacte  Untersuchun- 
gen auch  für  die  Hautdrüsen  sichergestellt  worden.  Es  konnte 
auf  chemischem,  und  wie  ich  von  der  Bromakne  gezeigt,  auch 
auf  anatomischem  Wege  der  Nachweis  geliefert  werden,  dass 
einzelne  Medicam ente,  durch  deren  Einwirkung  in  den  Orga- 
nismus Hautausschläge  entstehen,  in  die  Drüsen  ausgeschieden 
werden.  Diese  Stoffe  müssen  nun  selbstverständlich,  um  aus  dem 
Körper  treten  zu  können,  durch  die  Gefässe  ihren  Weg  nehmen, 
und  sie  gelangen  von  hier  aus  in  die  Drüsen  und  ihre  Kanäle. 
Wurde  z.  B.  Jod  dem  Magen  einverleibt,  so  gelingt  es  nicht  schwer 
dasselbe  im  Schweisse,  in  der  Thränenflüssigkeit,  dem  Nasenschleim. 


1(58  Neuin ann.  Veränd.  der  Haut  bei  Morbülen  u.  Scarl. 

und  dem  Eiter,  der  Aknepustel  chemisch  nachzuweisen,  wie  das 
schon  von  anderen  Beobachtern,  namentlich  in  der  Jüngstzeit  von 
Adamkiewicz *)  constatirt  werden  konnte.  Einer  solchen  An- 
schauung über  die  Entstehung  einzelner  acuter  contagiöser  Haut- 
krankheiten Baum  zu  geben,  dürfte  durch  Constatirung  der  oben 
angegebenen  anatomischen  Veränderungen  der  Haut  nicht  ganz 
grundlos  sein.  Der  Organismus  hat,  wie  Adamkiewicz  mit 
Recht  betont,  eine  ansehnliche  Zahl  von  Bahnen,  um  sich  jeder 
Zeit  vor  Gefahren  zu  schützen,  in  welche  ihn  das  Verbleiben  un- 
verwendbarer oder  ihm  gefahrdrohender  Stoffe  versetzen  würde; 
und  hier  können  es  wieder  nur  unter  normalen  Verhältnissen,  ja 
fast  ausschliesslich  die  Hautfollikel  sein,  welche  die  Ausscheidung 
vermitteln. 


•)  Charite--Annalen  1879. 


->♦—•- 


X. 


Stenose  des  Kehlkopfes  und  der  Luftröhre 

hei  Ehinosklerom 


von 


Dr.  0.  Chiari 

emerit.  klin.  Assistent  u.  Docent. 

Aus  der  Prosectur  des  Doc.  Dr.  H.  Chiari. 

Hiezu  Tafel  IX. 
(Am  18.  März  1882  von  der  Redaction.  übernommen.) 


Von  den  bis  jetzt  bekannten  circa  30  Fällen  von  Rhinosklerom 
waren  5  mit  gleichzeitiger  Verengerung  des  Kehlkopfes  und  theil- 
weise  auch  der  Luftröhre  behaftet *),  aber  noch  keiner  kam  in  Be- 
zug auf  die  Luftwege  zur  histologischen  Untersuchung.  Makro- 
skopisch, nach  dem  Spiegelbefunde  und  nach  dem  Verlaufe  zeigten 
sie  grosse  Uebereinstimmung. 

Die  Verengerung  trat  nämlich  stets  in  Form  einer  sehr  be- 
deutenden Verdickung  besonders  der  unteren,  inneren  Fläche  der 
Stimmbänder  oder  von  Längswülsten  unmittelbar  unter  denselben 
und  parallel  mit  ihnen  auf,  und  waren  die  Stimmbänder  im  ersteren 
Falle  in  ihrer  Bewegung  sehr  beeinträchtigt,  in  letzterem  fast  gar 
nicht.  Die  Trachea  konnte  wegen  dieser  Stenose  des  Larynx  nicht 
oder  nur  mangelhaft  besichtigt  werden.  Es  hatte  also  diese  Stenose 
ganz  die  Form  der  von  Gerhardt  als  Chorditis  vocal.  inferior 
hypertrophica  chronica,  von  Voltolini,  Ziemssen  u.  a.  als  Laryn- 


f)  Friedr.  Ganghofner.  ,rUcber  die  chronische  stenosirende  Entzün- 
dung der  Kehlkopf-  und  Luitrohrenschleinihaut".  Zeitschrift  für#  Heilkunde. 
Prag  1881.  Bd.  I. 


170  Chiari. 

gitis  hypoglottica  chronica  beschriebenen  Erkrankung,  die  man  theils 
auf  chronischen  Katarrh,  theils  auf  die  sogenannte  „chronische 
Blennorrhoe  der  Respirationsschleimhaut"  Störk's  zurückführte. 
Schrötter1)  wies  auf  das  unpassende  der  Auffassung  dieser  Ste- 
nosenform als  eigene  Krankheit  hin,  da  sie  ja  als  Begleiterscheinung 
bei  den  verschiedensten  Grundkrankheiten  auftreten  könne,  so  bei 
Rhinosklerom,  chronischem  Nasen-Rachenkatarrh,  Typhus,  Syphilis 
und  anderen  Leiden.  Er  spricht  sich  dabin  aus,  dass  erst  von  dem 
Messer  Aufklärung  über  das  pathologisch -anatomische  Wesen  zu 
erwarten  sei. 

Aus  der  vorlaryngoskopischen  Zeit  findet  sich  nur  eine  hierher 
gehörige  Bemerkung  Rokitansky^ *)  in  seinem  Lehrbuche;  er 
spricht  von  einer  in  selteneren  Fällen  bei  chronisch  katarrhalischer 
Entzündung  im  Kehlkopfe  vorkommenden  Degeneration  der  Schleim- 
haut und  des  submucösen  Gewebes  zu  Schwiele,  die  besonders  im 
Umfange  der  Glottis  massenhaft  auftritt  und  eine  endlich  tödtende 
Stenose  begründet. 

Die  ersten  genaueren  histologischen  Daten  aber  über  diese 
Erkrankungen  lieferten  Prof.  Eppinger3)  und  Ganghofner  1.  c, 
auf  deren  Arbeiten  ich  später  noch  zurückkomme.  Der  letztere 
sprach  sich  sogar  für  die  Zusammengehörigkeit  der  Chorditis  infer. 
hypertroph,  chronica  mit  dem  Rhinosklerom  aus  und  schlägt  für 
die  chronische  stenosirende  Entzündung  der  Kehlkopf-  und  Luft- 
röhrenschleimhaut  den  Namen  Sklerom  des  Larynx  und  der  Tra- 
chea vor. 

Ich  hatte  nun  Gelegenheit  bei  ausgesprochenem  Rhinosklerom 
(es  wurde  von  weiland  Prof.  Hebra  diagnosticirt)  die  stenosirten 
Luftwege  zu  untersuchen.  Es  handelte  sich  um  eine  Kranke  H.  K., 
Magistratsdienersgattin,  41  Jahre  alt,  welche  von  Jarisch  in  der 
k.  k.  Gesellschaft  der  Aerzte  demonstrirt  wurde,  und  über  welche  er 
im  ärztlichen  Berichte  des  k.  k.  allg.  Krankenhauses  zu  Wien  vom 
Jahre  1879  p.  297  ausführlich  berichtet.  Ganghofner  1.  c.  und  ich*) 


')  Monatschrift  für  Ohrenheilkunde  etc.  4878,  Nr.  12. 
*)  Lehrbuch  der  pathol.  Anatomie  III.  Bd.  p.  16,  1861. 
8)  Handbuch  der  pathol.  Anatomie  von  Klebs.  II.  Bd.  1.  Abth.  p.  284. 
*)  „Ueber  Kehlkopistenosen  und  ihre  Therapie".  Monatschrift  f.  Ohren- 
heilkunde etc.   6.  u.  7.   1881. 


Stenose  hei  Rhinosklerom.  171 

citirten  denselben  Fall.  Ich  will  nur  das  Wichtigste  der  Kranken- 
geschichte und  des  Sectionsbefundes  hier  anfuhren. 

Die  früher  gesunde,  niemals  an  Syphilis  erkrankte  Frau,  litt 
seit  sechs  Jahren  an  Halsschmerzen,  später  an  Heiserkeit  und  Athem- 
beschwerden  und  seit  vier  Jahren  an  Anschwellung:  der  Nase.  Bei 
der  Ende  October  1879  durch  die  Güte  des  Doc.  Dr.  Jarisch  mir 
übertragenen  Kehlkopfuntersuchung  konnte  man  Folgendes  consta- 
tiren.  An  Stelle  des  weichen  Gaumens  mächtiges,  weiss  strabliges 
Narbengewebe,  welches  sich  bis  an  die  hintere  Rachenwand  erstreckt 
und  die  Communication  der  Mundhöhle  mit  dem  Nasenrachenräume 
auf  eine  federkieldicke  Lücke  reducirt.  Der  Kehlkopfbefund  ergab 
Stenosis  glottidis,  bedingt  durch  sehr  geringe  Beweglichkeit  der 
wahren  Stimmbänder,  die  fast  immer  nur  eine  bleistiftdicke  Lücke 
zwischen  ihren  hinteren  Antheilen  übrig  lassen.  Die  Stimmbänder 
selbst  sind  bedeutend  geschwellt,  besonders  das  rechte  an  seinem 
Innenrande,  und  grauroth,  höckerig,  uneben.  Am  vorderen  Stimm- 
bandwinkel ein  kleines,  oberflächliches  Ulcus.  Der  Einblick  in  die 
Trachea  war  unmöglich.  Am  12.  November  1879  starb  die  Kranke 
plötzlich  suffocativ. 

Die  Section  zeigte  in  den  oberen  Antheilen  der  Luftröhre  und 
in  dem  stark  verengten  Canale  des  Larynx  eine  cylindrische,  diese 
Theile  des  Bespirationskanales  vollständig  ausfüllende,  zähe  Schleim- 
masse. In  den  seitlichen  Pharynxwänden  knorpelharte  Platten,  über 
denen  das  Epithel  tbeils  verdickt,  theils  excoriirt  ist.  Im  Larynx 
reichliches  Narbengewebe,  welches  sich  gleich  den  Verdickungen 
des  Epithels  auch  auf  die  Trachea  verfolgen  lässt.  Zur  histologi- 
schen Untersuchung  konnte  von  dem  damaligen  Prosoctor  und 
Docenten  Dr.  Hans  Chiari  nur  eine  vom  Gaumensegel  auf  den 
harten  Gaumen  sich  erstreckende  narbige  Partie  und  eine  an  der 
linken  Seite  des  Septum  narium  befindliche,  linsengrosse,  strahlige 
Narbe  verwendet  werden,  da  Zunge,  wejcher  Gaumen,  Pharynx 
und  Larynx  sammt  Trachea  als  Museums-Präparat  conservirt  wurden. 
Es  fand  sich  Hypertrophie  der  Papillen,  darüber  das  Epithel  theils 
defect,  theils  gequollen,  die  Schleimhaut  hyperämisch,  von  runden 
spindel-  und  sternförmigen  Zellen  durchsetzt.  Ebenso  infiltrirt  das 
submucöse  Fett-  und  Drüsengewebe. 

Histologische  Diagnose:  Chronisch  entzündliche  Infiltration 
mit  productivem  Charakter. 


172  Chiari. 

Schnitte  durch  die  oben  erwähnte  Partie  des  Septums  zeigten 
nur  Narbengewebe  in  der  Schleimhaut. 

Ich  hob  schon  damals  (1.  c.)  die  Analogie  dieser  Befunde  mit 
den  Angaben  Ganghofner's  hervor,  konnte  aber  erst  vor  Kurzem 
die  histologische  Untersuchung  der  übrigen  Theile  des  Präparates 
machen.  Das  Ergebniss  derselben  lasse  ich  einer  detaillirteren  ma- 
kroskopischen Schilderung  des  Aussehens  der  erkrankten  Theile 
folgen,  (v.  Fig.  1.) 

Das  Lumen  des  Kehlkopfes  von  den  wahren  Stimmbändern 
an  nach  unten  und  das  der  Luftröhre  bis  zum  7.  Knorpelringe 
bedeutend  verengert  durch  eine  höckerig  warzige  Verdickung  der 
Schleimhaut.  Die  Stimmbänder  und  die  unmittelbar  darunter  lie- 
genden Schleimhautpartien  sind  in  einen  zusammenhängenden  3  bis 
4  Mm.  dicken  Wulst  umgewandelt.  In  dem  ganzen  Bereiche  der 
Verengerung  ist  die  Innenfläche  der  Luftwege  höckerig,  uneben, 
schwielig,  das  Epithel  stellenweise  sehr  verdickt,  und  kann  man  an 
einzelnen  Stellen  knochenharte  Theilchen  in  dieser  Schwiele*  unter- 
scheiden. Diese  Veränderung  grenzt  sich  nach  oben  scharf  in  der 
Höhe  der  Stimmbänder  ab,  während  sie  nach  unten  zu  mehr  das 
Aussehen  einer  gestrickten  flachen  Narbe  annehmend  allmälig  in 
das  gesunde  Gewebe  übergeht.  Unter  dem  8.  Binge  ist  die  Schleim- 
haut nicht  mehr  verdickt  und  zeigt  nur  wenige,  bis  hirsekorngrosse 
harte  Knötchen. 

Die  die  Stelle  des  weichen  Gaumens  einnehmende  Narben- 
masse zeigte,  wie  schon  oben  erwähnt,  das  Aussehen  einer  weiss- 
strahligen,  dicken  Narbe  mit  einzelnen  knorpelharten  Stellen.  Zur 
mikroskopischen  Untersuchung  wurden  Stücke  der  Schleimhaut  des 
Septum  narium  mit  einer  narbigen  Partie,  dann  des  narbigen  Ve- 
lums,  des  Kehlkopfs  und  der  Luftröhre  verwendet;  leider  hatte  das 
Präparat  durch  zweijährige  Conservirung  in  Alkohol  etwas  gelitten. 

1.  Schleimhaut  des  Septum  nar.  in  der  Umgebung  der  Narbe. 
Das  Flimmerepithel  auf  der  dicken  Membrana  propria  ist  erhalten, 
die  ganze  Mucosa  und  die  Submucosa  mit  zahlreichen  Bundzellen 
infiltrirt,  die  besonders  um  die  Drüsen  herum  stellenweise  so  dicht 
gelagert  sind,  dass  sie  einzelne  Acini  zum  Schwinden  gebracht; 
die  Gefässe  zahlreich,  dünnwandig,  in  den  oberen  Partien  viele 
Capillaren. 

2.  Narbig  erscheinende  Partie   der  Schleimhaut  des  Septums. 


Stenose  bei  Rhinosklerom.  173 

Das  Epithel  fehlt  grösstenteils,  an  einzelnen  Stellen  zeigt  es  sich 
aber  als  Flimmerepithel,  Membrana  propria  vorhanden;  die  ganze 
Mucosa  und  Submucosa  zeigt  reichliches,  dichtes,  faseriges  Gewebe 
mit  spärlichen  Spindelzellen;  besonders  in  der  Drüsenschichte  ist 
diese  Narbenmasse  stark  entwickelt,  und  sieht  man  von  den  Drüsen 
nur  mehr  sehr  wenige  Beste  in  ectasirten  mit  feinkörniger  Masse 
(wahrscheinlich  geronnenem  Inhalte)  gefüllten  Acinis  bestehend. 
Die  Gefässe-  sind  dickwandig,  mit  Spindelzellen  infiltrirt  und  beson- 
ders in  den  oberen  Partien  spärlich. 

3.  Partie  aus  dem  Uebergange  der  hinteren  Fläche  des  weichen 
Gaumens  in  die  rechte  Choane.  Das  Epithel  ist  verloren  gegangen, 
die  Mucosa  verdickt,  in  den  obersten  Partien  mit  Bundzellen  dicht 
infitrirt,  in  den  tieferen,  in  faseriges,  dichtes  Bindegewebe  mit 
spärlichen  Spindelzellen  umgewandelt;  Bundzellen  rinden  sich  zwi- 
schen den  Faserzügen  nur  wenige.  Die  nun  folgende  sehr  mächtige 
Drüsenschicht  zeigt  die  Acini  von  reichlichem  Infiltrate  umlagert. 

4.  Partie  aus  der  Mitte  der  hinteren  Fläche  des  Velums.  Das 
Epithel  ist  ein  dickes  vielfach  geschichtetes  Plattenepithel.  Die 
Schleimhautoberfläche  ist  mit  grossen  Höckern  imd  vielen  kleinen 
Papillen  versehen,  zwischen  die  das  Epithel  sich  fortsetzt,  ohne  aber 
grosse  Zapfen  in  die  Tiefe  zu  senden.  Die  Mucosa  selbst  ist  sub- 
stituirt  von  derbfaserigem  Gewebe,  zwischen  dessen  Züge  stellen- 
weise noch  Herde  von  Bundzellen  eingelagert  sind.  Die  hier  eben- 
falls sehr  mächtige  Drüsenschicht  zeigt  einige  Läppchen  nur  wenig 
verändert,  meist  ist  aber  die  Umgebung  der  Acini  mit  Bundzellen 
infiltrirt,  welche  in  einzelnen  Läppchen  so  massenhaft  vorhanden 
sind,  dass  die  Drüsensabstanz  bis  auf  wenige  cystenartige  Bäume 
mit  sehr  mangelhaftem  Epithel  geschwunden  ist. 

Zwischen  den  Läppchen  mehr,  weniger  dichtes  Bindegewebe 
mit  einzelnen  quergestreiften  Muskelfasern.  Es  zeigt  also  der  Be- 
fund in  der  Nase  und  im  Bachen  eine  Infiltration  der  Gewebe 
durch  Bundzellen,  die  in  Spindelzellen  und  zuletzt  in  derbfaseriges, 
narbenartiges  Gewebe  übergehen  und  die  Drüsen  mehr  weniger 
zum  Schwunde  bringen. 

5.  Vorderes  Ende  des  linken  Stimmbandes  und  des  unmittel- 
bar darunter  liegenden  Wulstes.  Das  dicke,  geschichtete  Platten- 
epithel ohne  Biflfelzellen  schickt  zapfenartige  Verlängerungen  aus, 
zwischen   die   sich    zahlreiche,    oft   dicht  beisammen  stehende  und 


174  Thiari.   . 

verzweigte  Papillen  einlagern.  Diese  Papillen  und  die  darunter 
liegende,  vielleicht  auf  das  Vierfache  des  Normalen,  verdickte 
Schleimhaut  .erscheinen  ungemein  dicht  mit  Bundzellen  infiltrirt, 
und  reicht  diese  Infiltration  bis  an  die  quer  gestreifte  Musculatur 
der  Stimmbänder.  Faserige  Bündel  von  derbem  zellcnarmen  Binde- 
gewebe finden  sich  nur  wenige.  Von  Djüsen  ist  der  Loyalität  ent- 
sprechend nichts  zu  sehen. 

6.  Trachea  im  Bereiche  der  starken  Verdickung  der  Schleim- 
haut (v.  Fig.  2).  Das  der  gesunden  Trachea  zukommende  Flimmer- 
epithel ist  überall  ersetzt  durch  ein  dickes  geschichtetes  Pflaster- 
epithel, zwischen  dessen  Zapfen  sich  dicke,  manchmal  verzweigte, 
stark  infiltrirte  Papillen  befinden.  Eine  Membrana  propria  fehlt 
überall. 

Nach  einer  dünnen  Schichte  von  Bundzellen  folgt  dann  eine 
dicke  Lage  von  narbenartigem  Bindegewebe  mit.  sehr  wenigen  klei- 
nen Spindelzellen  und  zwischen  den  Bundein  dieses  Gewebes  spär- 
liche Bund-  und  Spindelzellen,  welche  die  kleinen  Gefässe  dieser 
Schichte  begleiten.  Die  Faserzüge  dieser  Bündel  verlaufen  meist 
parallel  der  Schleiijjhautoberfläche,  aber  an  Stellen  makroskopischer 
Höcker  manchmal  auch  vertical.  Diese  Schichte  nimmt  ^g  der 
ganzen  Schleimhautdicke  ein  und  wird  an  einzelnen  Stellen  von 
Epithelzapfen  oder  von  den  Ausführungsgängen  der  Drüsen  durch- 
brochen. 

Die  nächst  darunter  liegende  Schleimhautschichte  ist  von 
Bund-  und  Spindelzellen,  hie  und  da  auch  von  Faserzügen  reich- 
lich durchsetzt  und  sind  namentlich  die  Rundzellen  oft  zu  grossen 
Haufen  an  einander  gelagert.  Die  Gefässe  sind  zahlreich,  ziemlich 
dickwandig. 

Das  Eigenthümlichste  dieser  Schleimhautpartie  ist  aber  Fol- 
gendes: 

Man  findet  in  ihr  zahlreiche  Knorpelherde  umgeben  von  fase- 
rigem und  zelligem  Gewebe  und  anscheinend  aus  demselben  her- 
vorgegangen. Einzelne  dieser  Knorpelherde  sind  in  deutlicher  Ver- 
kalkung der  Intercellularsubstanz  begriffen,  und  manchmal  schliesst 
sich  dicht  an  diesen  verkalkten  Knorpel,  deutlich  ausgebildeter 
Knochen  mit  Knochenkörperchen,  Lamellen  und  Haversischen  Ka- 
nälen ja  sogar  grösseren  Markräumen  an. 


Stenose  bei  Rhinosklerom.  175 

Gewöhnlich  trifft  man  aber  den  Knochen  als  Plättchen  oder 
Spangen  unmittelbar  in  die  Schleimhaut  eingelagert.  Ich  neigte 
mich  zuerst  der  Ansicht  hin,  dass  dieser  Knorpel  und  Knochen 
direct  aus  dem  Bindegewebe  entstanden  sei,  da  ich  nirgends  einen 
Zusammenhang  mit  dem  Trachealknorpel  wahrnehmen  konnte. 
Endlich  aber  fand  ich  an  einer  Reihe  von  Präparaten  von  dem 
Trachealknorpel  ausgehend  Ecchondros.en,  die  sich  auch  bis  über 
die  Drüsenschicht  hiuauf  fortsetzten.  An  den  meisten  Schnitten 
fehlten  wohl  die  Ecchondrosen,  während  Knochen-  oder  doch  wenig- 
stens Knorpelstückchen  ober  den  Drüsen  fast  in  keinem  vermisst 
wurden.  Man  musste  also  ein  pilzartiges  Auswachsen  der  Ecchon- 
drosen annehmen,  so  dass  man  eben  nur  an  einer  kleinen  Stelle 
den  Zusammenhang  nachweisen  konnte.  In  dieser  Anschauung  wurde 
ich  noch  bestärkt  durch  die  Untersuchung*  eines  zufällig  in  der 
Trachea  eines  circa  40jährigen  Mannes  gefundenen,  wie  bekannt  so 
seltenen  Falles,  von  Osteoma  der  Schleimhaut.  Es  handelte  sich 
um  ein  1  Ctm.  langes  und  l/2  Ctm.  breites  und  1  Mm.  dickes 
Knochenplättchen,  welches  in  den  obersten  Schleimhautschichten 
lag.  Nach  Entkalkung  des  Präparates  in  Alcohol  absolut.  100  Acid. 
muriat.  2*00  legte  ich  eine  Reihe  von  Schnitten  durch  die  ganze 
Schleimhaut  an,  und  fand  zahlreiche  Knochenspangen  in  den  ober- 
sten Schichten  der  Schleimhaut  nirgends  aber  einen  Zusammenhang 
mit  den  Knorpelringen.  Endlich  aber  kam.  ich  auf  eine  Stelle,  wo 
der  Knorpel  eine  vielleicht  hirsekorngrosse  Ecchondrose  aufsitzen 
hatte,  die  theilweise  verkalkt  und  verknöchert  in  ihrem  Inneren 
einen  Markraum  zeigte.  Die  Spitze  dieser  stumpfkugeligen  Pro- 
minenz reichte  bis  in  die  oberen  Schleimhautschichten,  und  näherten 
sich  ihr  einige  der  obigen  Knochenspangen  fast  bis  zur  Berührung. 
Man  musste  daher  in  diesem  Falle  mit  grösster  Wahrscheinlich- 
keit annehmen,  dass  die  Ecchondrose  verknöcherte  Auswüchse  in  die 
Schleimhaut  ausgeschickt  habe,  deren  Durchschnitte  eben  als  Kno- 
chenspangen sich  zeigten.  Bei  den  zwei  anderen  bis  jetzt  beschrie- 
benen Fällen  von  Osteomen  in  der  Tracheaischleimhaut1)  konnte 
man  wohl  ein  solches  Verhalten  nicht  nachweisen,  obwohl  man 
darnach  suchte.    H.  Chiari  besonders   spricht   nämlich   von    „der 


')  Steudener,  Virchow's  Archiv  Bd.  42.  —    H.  Chiari,  Wiener  med. 
Wochenschrift  1878,  Nr.  34. 

Med.  Jahrbücher.  1882.  1  "Z 


176  Chiari. 

a  priori  sehr  nahe  liegenden  Annahme,  dass  die  Knochenneubildun- 
gen   verknöcherte  Ecchondrosen  der  Trachealknorpel  darstellten". 

Ich  halte  mich  daher  berechtigt,  die  Knorpel-  und  Knochen- 
bildungen auch  bei  meinem  Falle  als  durch  pilzartiges  Auswachsen 
umschriebener  Ecchondrosen  bedingt  anzusehen,  wenn  auch  einzelne 
Bilder  die  Möglichkeit  directer  Entstehung  aus  dem  Infiltrate  im 
ersten  Momente  zu  beweisen  scheinen. 

Man  sieht  nämlich  an  manchen  Stellen  (v.  Fig.  3)  faseriges 
Bindegewebe  mit  Bindegewebskörperchen  übergehen  in  eine  von 
Karmin  noch  lebhaft  gefärbte,  aber  ziemlich  homogene  Grund- 
substanz mit  eingelagerten  Zellen.  Daran  schliesst  sich  eine  Zone, 
wo  die  reichlichere  Grundsubstanz  sich  nicht  mehr  färbt  und  die 
Zellen  von  einer  Art  Kapsel  umschlossen  sind  (also  echter  Knorpel) 
oder  man  sieht  die*  allmälige  Verkalkung  der  Grundsubstanz  zu- 
nächst noch  einen  kleiuen  strahlig  ausgezackten  Baum  um  die 
Zellen  herum  freilassend  soweit  vorschreiten ,  dass  endlich  die 
zelligen  Gebilde  ganz  die  Form  der  typischen  Knochenkörperchen 
annehmen,  die  in  der  verkalkten  Grundsubstanz  liegen  (also  echter 
Knochen). 

Wenn  nun  auch  nach  diesen  Bildern  das  Uebergehen  von 
Bindegewebe  in  Knorpel  und  Knochen  sichergestellt  ist,  so  bleibt 
eben  immer  noch  der  Umstand  zu  berücksichtigen,  dass  man  an 
der  Grenze  des  sich  bildenden  Knochens  oder  Knorpels  ganz  den- 
selben Uebergang  aus  dem  Bindegewebe  beobachtet,  so  dass  man 
dieses  Knorpel  und  Knochen  bildende  Gewebe  als  ausgewachsenes 
Perichondrium  zu  betrachten  das  Kecht  hat. 

Mikulicz1)  ist  in  Bezug  auf  Knochentheilchen  in  einem 
Rhinosklerom  der  Oberlippe  derselben  Ansicht.  Er  glaubt  nämlich, 
„dass  das  Periost  von  kleinzelliger  Infiltration  befallen  werde,  und 
dass  damit  Osteophytenbildungen  an  der  Oberfläche  einhergehen". 
Billroth  sprach  sich  gelegentlich  einer  Discussion  über  das  BMno- 
sklerom  in  der  k.  Jk.  Gesellschaft  der  Aerzte  in  Wien  am  24.  October 
1879  gegen  diese  Ansicht  aus,  da  bei  einer  Verknöcherung  eines 
Rhinoskleroms  der  Oberlippe  das  Periost  nicht  in  Mitleidenschaft 
gezogen  war.  Ganghofner  1.  c.  constatirte  bei  einer  ähnlichen  Er- 
krankung  der   Trachea   auch   das   Vorkommen   von  Knorpel-  und 


')  Ueber  das  Rhinosklerom.  Langenbeck's  Archiv,  Bd.  50,  p.  520. 


Stenose  bei  Rhinosklerom.  .  177 

Knochenstückchen  in  der  Schleimhaut,  lässt  sie  aber  aus  dem  zelligen 
Infiltrate  hervorgehen,  obwohl  er  stellenweise  die  Theilnahme  des 
Perichondriums  an  der  chronischen  hyperplastischen  Entzündung, 
ja  sogar  Knorpelwucherung  von  der  Knorpelhaut  der  Tracheairinge 
ausgehen  sah.  Offenbar  veranlasste  ihn  das  seltenere  Vorkommen 
der  Ecchondrosen  im  Vergleiche  zur  Häufigkeit  der  Knorpelstückchen 
in  der  Schleimhaut  zu  dieser  Annahme,  die  noch  dadurch  unterstützt 
wurde,  dass  sich  am  Rande  der  vermeintlichen  Chondrome  und 
Osteome  alle  Stadien  des  Ueberganges  zum  Bindegewebe  vorfanden. 

Wenn  man  aber  das  pilzartige  Auswachsen  umschriebener 
Ecchondrosen  und  den  Umstand  in  Betracht  zieht,  dass  das 
wuchernde  bindegewebige  Periost  diese  Auswüchse  überall  bekleiden 
muss,  so  ist  meine  Ansicht  die  wahrscheinlichere.  Natürlich  kann 
die  Möglichkeit  der  anderen  Entstehungsweise  für  einzelne  der 
Knochenbildungen  nicht  absolut  negirt  werden ,  da  ja  auch  in 
anderen  Geweben  selbstständige  Bildung  von  Knorpel  und  Knochen 
erwiesen  ist. 

Die  Drüsen  sind  theils  durch  Rundzellen  und  Fasern  ausein- 
ander gedrängt,  theils  sind  viele  Acini  durch  den  Druck  des  Infil- 
trates zu  Grunde  gegangen  und  findet  man  an  ihrer  Stelle  Binde- 
gewebe, welches  ectatische  Reste  von  Acinis  oder  Ausführungsgängen 
einschliesst.  Endlich  nimmt  das  Perichondrium  an  vielen  Stellen 
Theil  an  der  allgemeinen  Wucherung;  es  verdickt  sich  und  kommt 
es,  wie  oben  gesagt,  zu  ganz  bedeutenden  Ecchondrosenbildungen. 

7.  Trachea  an  der  unteren  Grenze  des  erkrankten. 

Das  Epithel  fehlt  und  wird  die  Schleimhaut  nach  oben  abgeschlossen 
durch  eine  verdickte  Membrana  propria.  In  den  oberen  Schichten, 
die  mit  reichlichen  Gefassen  versehen  sind,  finden  sich  viele  Rund- 
zellen, in  den  tieferen  Schichten  mehr  faseriges  Gewebe  und  sind 
die  Drüsenacini  von  kleinzelligem  Infiltrate  umgeben.  Knorpel  und 
Knochenstückchen  oberhalb  der  Drüsenschicht  findet  man  nur  mehr 
spärlich. 

8.  Makroskopisch  normal  erscheinender  Theil  der  Trachea  bis 
zur  Bifurcation.  Verschiedene  Schnitte  durch  die  nicht  verdickte 
Schleimhaut  ergeben  eine  nicht  bedeutende  Infiltration  derselben 
durch  Rund-  und  Spindelzellen  und  sehr  vereinzelt  auch  Knorpel- 
und  Knochenstückchen  oberhalb  der  Drüsen.  Die  Membrana  propria 
ist  deutlich  nachzuweisen,  das  Epithel  abgängig. 

12* 


178  .  Chiari. 

9.  Die  Bronchialschleimhaut  zeigt  ausser  Verlust  des  Epithels 
keine  Abweichung  vom  normalen.  Offenbar  kommt  allen  den  Schleim- 
hautpartien, die  eine  Membrana  propria  besassen,  ein  Flimmer- 
epithel zu,  welches  aber  in  Folge  der  langen  Conservirung  des 
Präparates  verloren  ging. 

Es  handelt  sich  also  bei  dieser  Erkrankung  der  Trachea  um 
eine  chronisch  entzündliche  Infiltration  der  Schleimhaut  durch  Rund- 
zellen,  welche  sich  allmälig  in  Spindelzellen  und  faseriges  Gewebe 
umwandeln.  Das  faserige  Gewebe  bildet  sich  in  den  oberen  Schleim- 
hautschichten  in  eine  narbenartige  Masse  um;  das  Flimmerepithel 
geht  verloren,  die  Membraua  propria  schwindet  und  ein  geschichtetes 
Pflasterepithel  bedeckt  die  Oberfläche.  Dabei  bleiben  die  Drüsen 
nicht  verschont.  Ihre  Acini  werden  von  Rundzellen  oder  faserigem 
Gewebe  umlagert,  gehen  aber  nur  theilweise  zu  Grunde.  Endlich 
nimmt  auch  das  Perichondrium  Theil;  es  sendet  knorpelige  Fort- 
sätze aus  und  diese  wachsen  besonders  in  der  Schichte  unmittelbar 
über  den  Drüsen  in  weiter  Ausbreitung  und  verknöchern  nicht  selten. 

Wie  verhält  sich  nun  diese  Erkrankung  in  den  Wandungen 
des  Respirationstractes  zu  dem  Rhinosklerom  der  Nase  und  der 
Lippe? 

Hebra1),  Kaposi2),  Geber3),  Mikulicz*),  Schmiedicke  5), 
Neumann6)  beschreiben  dieses  im  wesentlichen  übereinstimmend  als 
eine  hochgradige  Infiltration  von  Rundzellen  in  die  Haut,  Schleim- 
haut und  das  darunter  liegende  Gewebe,  wodurch  die  ursprünglichen 
Gewebsbestandtheile  nach  und  nach  verschwinden.  Später  geht  das 
Infiltrat  in  faseriges  Gewebe  über,  es  schrumpft  dasselbe  und  treten 
Verknöcherungsprocesse  auf.  Stellenweise  verdickt  sich  das  Epithel 
und  sendet  Fortbätze  in  die  Tiefe;  die  Drüsen  gehen  zu  Grunde. 

Durchaus  nicht  so  übereinstimmend  sind  die  Ansichten  über 
das  Wesen  der  Erkrankung: 

Hebra  erklärt  sie  als  Sarkom.  Kaposi  1.  c.  sagt:  „Ich  ziehe 


')  Wiener  medic.  Wochenschrift  1870.  1. 

z)  Virchow's  specielle  Pathologie  und  Therapie.    111.  Band,  2.  Theil, 
»nd  Pathologie  und  Therapie  der  Hautkrankheiten  1880.  Wien  u.  Leipzig. 
3)  Archiv  f.  Dermatol.  u.  Syphilis.  Prag  1872.  p.  493. 
*)  Lange nbecFs  Archiv.  Bd.  XX. 
*)  Archiv  f.  Dermatol.  u.  Syphilis.  Wien  1880. 
6y  Lehrbuch  der  Hautkrankheiten  1880. 


Stenose  bei  Rhinosklerom.  179 

es  vor  das  Rhinosklerom,  da  es  unter  dem  klinischen  Bilde  und 
nach  der  unbegrenzten  und  das  Gewebe  consumirenden  Wachsthums- 
tendenz  der  Neubildungen  verläuft,  als  solche  anzusehen  und  möchte 
es  immerbin  den  Sarkomen  anreihen,  welche  manchmal  zu  Binde- 
gewebsorganisation  und  selbst  Verknöcherung  gelangen*.  Er  beob- 
achtete auch  einen  Fall  von  Khinosklerom,  wo  dasselbe  auf  Ober- 
kiefer und  Seitenwandbein  übergriff,  dieses  durchbrach  und  bis  au 
die  Obeifläche  des.  Gehirnes  vorgeschritten  war. 

Geber,  Mikulicz,  Schmiedicke  und  Billroth  1.  c.  halten 
den  Process  für  eine  sehr  langsam  fortschreitende  chronische  Ent- 
zündung, welche  nur  sehr  geringe  Neigung  zum  Zerfall  zeigt. 

Nur  ein  einziger  Fall  von  Rhinosklerom,  welches  vereiterte, 
wurde  von  Zeissl  jun.  *)  beschrieben;  leider  konnte  keine  histolo- 
gische Untersuchung  gemacht  werden. 

Ganz  vereinzelt  steht  die  Ansicht  Tanturri's2),  das  Rhino- 
sklerom gehöre  zu  den  Epitheliomen  oder  Adenomen;  er  legte  zu 
grossen  Werth  auf  die  zufällig  gefundene  starke  Wucherung  des 
Epithels  in  die  Tiefe  des  sklerosirten  Gewebes. 

Was  nun  auch  die  Ansicht  über  die  Natur  des  Rhinoskleroms 
sein  mag,  der  histologische  Befund  war  immer  derselbe  und  stimmt 
ganz  mit  dem  von  mir  in  der  Respirationsschleimhaut  beobachteten 
überein.  Man  muss  daher  annehmen,  dass  diese  Kranke  dasselbe 
Leiden  im  Rachen,  Kehlkopfe  und  in  der  Luftröhre  hatte,  wie  an 
der  äusseren  Nase;  denn  der  Gedanke,  dass  anatomisch  ganz  iden- 
tische Veränderungen  an  verschiedenen,  aber  aneinander  grenzenden 
Organen  desselben  Individuums  nur  zufällige  Coincidenzon  sein 
sollten,  ist  doch  zu  weit  hergeholt.  Für  diese  Ansicht  spricht  noch 
der  Umstand,  dass  in  weiteren  4  Fällen  von  Rhinosklerom  der  Nase 
ebensolche  Kehikopfstenosen  beobachtet  wurden,  wie  schon  Eingangs 
erwähnt. 

Auf  dieses  Zusammentreffen  machte  schon  Ganghofner  1.  c. 
aufmerksam  und  stellte  gestützt  darauf  und  auf  die  histologische 
Untersuchung  eines  Falles  von  Chorditis  infer.  hypertroph,  die  An- 
sicht von  der  Zusammengehörigkeit  des  Rhinoskleroms  und  dieser 
Erkrankung  auf.  Ich  möchte  mich,  wie  ich  schon  in  einer  früheren 


f)  Wiener  medic.  Wochenschrift  1880.  Nr.  22. 

s)  Nach  Mikulicz  1.  c.  II  Morgagni  1872.  Anno  XIV. 


180  Chiari. 

Publication  1.  c.  erwähnte,  seiner  Ansicht  nur  theilweise  anschliessen. 
Für  den  von  ihm  mitgetheilten  Fall  ist  wohl  die  Identität  mit 
Rhinosklerom  zweifellos. 

Vergleicht  man  nämlich  seinen  Befund  mit  dem  mehligen,  *  so 
drängt  sich  sogleich  die  vollständige  anatomische  Uebereinstimmung 
beider  Fälle  auf.  Unterschiede  ergaben  sich  nur  wenige.  So  begann 
in  Ganghofner's  Fall  die  Erkrankung  der  Luftwege  erst  unterhalb 
der  Stimmbänder,    welche  in  meinem  Falle  schon  ergriffen  waren. 

In  meinen  Präparaten  war  die  narbenartige  zellenarme  Schicht 
viel  dicker  als  bei  Ganghofner,  und  war  das  darüber  liegende 
zellig  infiltrirte  Gewebe  viel  dünner.  Auch  scheint  die  Entwicklung 
von  Knorpel-  und  Knochenstücken  schon  eine  viel  bedeutendere 
gewesen  zu  sein.  Diese  Abweichungen  lassen  sich  am  leichtesten 
aus  der  längeren  Dauer  der  Erkrankung  in  meinem  Falle  erklären. 
Während  nämlich  Ganghofner's  Patient  */4  Jahre  krank  war,  gab 
meine  Kranke  an,  seit  3  Jahren  an  Heiserkeit  und  Athembeschwerden 
zu  leiden.  Dagegen  erstreckte  sich  die  Erkrankung  bei  dem  ersteren 
auf  die  ganze  Trachea,  während  sie  bei  der  letzteren  nur  die  obere 
Hälfte  befallen  hatte.  Die  Choanen,  der  Nasenrachenraum  und  das 
Velum  waren  ebenso  verändert,  wie  ich  in  meinem  Falle  angab. 

Jedenfalls  muss  man  sagen,  dass  in  beiden  Fällen  die  Er- 
krankung anatomisch  identisch  war,  und  der  einzige  Unterschied 
nur  darin  lag,  dass  in  Ganghofner's  Fall  die  äussere  Nase  nicht 
afficirt  war.  Vielleicht  hätte  sich  aber  bei  diesem  Individuum  noch 
das  Rhinosklerom  an  der  äusseren  Nase  entwickelt,  wenn  das  Leben 
länger  erhalten  worden  wäre.  Es  war  ja  auch  in  dem  von  mir 
anatomisch  untersuchten  Falle  und  in  dem  von  Catti1)  (von  G. 
und  mir  citirt)  die  Bhinosklorombildung  an  der  Nase  der  im  Bachen, 
Nasenrachenräume  und  im  Kehlkopfe  erst  nach  Jahren  gefolgt  Es 
war  dies  die  Kranke  Goldmann  N.,  die  3  Jahre  an  der  sogenannten 
Chorditis  vocal.  infer.  hypertrophica  litt,  bevor  die  äussere  Nase 
und  die  Choanen  erkrankten. 

Vielleicht  sind  hieher  noch  zu  rechnen  die  von  mir  1.  c  als 
4.  und  5.  Fall  beschriebenen  Laryni-  und  Trachealstenosen,  bei 
denen  die  Choanen  durch  Verdickung  der  Wandungen  sehr  verengt 


')  Zur  Casnistik  und  Therapie  der  Chorditis  voc.  infer.  Allgem.  Wiener 
medic  Zeitung  1878. 


Stenose  bei  Bhinosklerom.  181 

waren,  die  äussere  Nase  aber  keine  Andeutung  von  Bhinosklerom- 
bildung  bot.  Man  findet  nämlich  bei  Bhinosklerom  der  äusseren 
Nase  meist  auch  ähnliche  Veränderungen  der  Choanen  und  des 
Nasenrachenraumes  und  des  weichen,  seltener  des  harten  Gaumens. 

Kaposi  1.  c,  der  25—30  Fälle  von  Bhinosklerom  gesehen, 
erwähnt,  dass  es  sich  sehr  häufig  nach  hinten  längs  der  Nasenhöhle 
auf  die  Choanen  und  das  Yelum  fortsetzt.  Dann  sagt  er  ebendort: 
„Im  Bereiche  des  Velums,  der  Umrandung  der  Choanen,  der 
Gaumenbögen  erscheint  dasselbe  jedoch  schon  frühzeitig,  ja  manchmal 
sogar  primär  ohne  oder  vor  Erkrankung  der  häutigen  Nase". 

Es  scheint  mir  also  nach  dem  Gesagten  Ganghofner's  Fall, 
in  welchem  Bachen  und  Choanen  genau  nach  Art  des  Bhinoskleroms 
verändert  waren,  allerdings  sicher  zum  Bhinosklerom  zu  gehören, 
nicht  aber  darf  er  dazu  verwendet  werden,  daraus  die  Identität 
jeder  auch  ganz  isolirten  Chorditis  infer.  mit  Bhinosklerom  ab- 
zuleiten. 

Man  müsste  früher  auch  solche  Fälle  von  sogenannter  Chor- 
ditis infer.  hypertrophica,  bei  denen  die  Nase  weder  vorne  noch 
hinten  stenosirt  und  auch  der  weiche  Gaumen  nicht  in  der  be- 
schriebenen Weise  verändert  ist,  genau  histologisch  untersuchen, 
was  aber  noch  nicht  geschah. 

Es  liegt  wohl  von  Eppinger  1.  c.  die  Untersuchung  einer 
stenosirenden  chronischen  Entzündung  der  Luftröhre  vor,  die  auch 
ganz  ähnliche  Besultate  wie  Ganghofner's  Fall  ergab;  aber  über 
die  Beschaffenheit  der  Nase  und  des  Gaumens  konnte  nichts  eruirt 
werden,  als  dass  die  Kranke  an  heftigem  Schnupfen  gelitten  hatte. 

Es  kann  also  die  Frage,  ob  diese  Form  der  Chorditis  infer. 
immer  eine  mit  dem  Bhinosklerom  identische  Erkrankung  ist,  erst 
dann  beantwortet  werden,  wenn  anatomische  Befunde  über  sicher 
nicht  complicirte  Fälle  vorliegen.  Auszuschliessen  sind  dabei  alle 
unter  dem  Bilde  der  sogenannten  Chorditis  infer.  auftretenden  Arten 
von  Kehlkopfstenosen,  die  im  Gefolge  tuberculöser,  syphilitischer, 
typhöser,  variolöser  Geschwürs-  und  Narbenbildung,  oder  bei 
heftigem  acutem  Katarrhe  oder  croupöser  Entzündung  sich  ent- 
wickeln, und  bei  denen  die  Wülste  meist  stark  roth  gefärbt  sind 
und  Neigung  zur  Ulceration  zeigen;  die  Grundkrankheit  liegt  ja  da 
klar  am  Tage.  Es  handelt  sich  hier  nur  um  jene  Fälle,  wo  die 
grauen,   nicht  ulcerirenden  Wülste  und  die  eigenthümlichen  Ver- 


182  Uhiari. 

dickungen  der  Kehlkopf-  und  Luftröhrenschleimhaut  höchstens  von 
chronischem  Nasen-Bachenkatarrh  begleitet  sind. 

Ich  kann  mich  daher  nur  mit  den  ersten  zwei.  Schlusssätzen 
der  ausgezeichneten,  in  dieser  Beziehung  bahnbrechenden  Arbeit 
Ganghofner's  vollkommen  einverstanden  erklären: 

1.  Es  gibt  eine  Erkrankung  des  Larynx  und  der  Trachea, 
welche  mit  Verdickung  der  Schleimhaut  und  conBecutiver  Stenose 
der  Luftwege  einhergehend,  histologisch  sich  als  eben  derselbe 
chronisch  entzündliche  Process  darstellt,  welcher  unter  dem  Namen 
Bhinosklerom  bekannt  ist. 

2.  Diese  Laryngo-Trachealstenose  verläuft  unter  dem  klinischen 
Bilde  der  früher  als  Chorditis  vocalis  inferior  hypertrophica  be- 
schriebenen Krankheitsform. 

Der  3.  Satz:  „Diese  als  Sklerom  des  Larynx  und  der  Trachea 
aufzufassende  Erkrankung  kann  auftreten,  ohne  dass  bei  dem  be- 
treffenden Individuum  ein  Bhinosklerom  mit  Veränderungen  an  der 
äusseren  Nase  vorhanden  ist",  darf  als  sicher  bewiesen  noch  nicht 
für  jene  Fälle  angenommen  werden,  wo  auch  nicht  in  den  Choanen 
oder  am  weichen  Gaumen  dem  Bhinosklerom  zukommende  Ver- 
änderungen zu  constatiren  sind,  weil  eben  bis  jetzt  kein  solcher 
Fall  zur  histologischen  Untersuchung  kam. 

Hoffentlich  findet  sich  bald  dazu  Gelegenheit,  und  kann  man 
dann  vielleicht  die  histologische  Identität  aller  dieser  Sklerome  des 
Larynx  und  der  Trachea  beweisen,  die  ja  nach  dem  laryngoskopischen 
Befunde  und  dem  Verläufe  so  ungeheuer  ähnlich  sind. 

Man  müsste  dann  wohl  sie  alle  als  zusammengehörig  be- 
trachten und  könnte  bei  der  notorisch  häufigen  Coincidenz  mit 
Skieromen  der  Nase,  des  Velums,  der  Choanen  oder  mit  chronischen 
hyper-  oder  atrophischen  Katarrhen  der  Nase  und  des  Bachens 
(chronische  Blennorrhoe  Störk's)  sich  das  ganze  Verhältniss  viel- 
leicht so  zurecht  legen: 

Bei  lange  dauernden  Katarrhen  der  oberen  Bespirationswege, 
vielleicht  im  Gefolge  einer  Infection*  kann  es  an  einzelnen  Stellen, 
sei  es  im  Bachen,  Kehlkopf  und  Luftröhre  oder  an  der  äusseren 
Nase  durch  chronische  Entzündung  zu  hypertrophischen  Bildungen 
kommen,  welche  die  Luftwege  verengern  (Bhinosklerom  in  Nase 
und  Bachen,  Chorditis  infer.  oder  Sklerom  des  Kehlkopfes  und  der 
Luftröhre).  Bei  den  meisten  Individuen  kommt  es  nur  zu  massiger 


Stenose  bei  Rhinosklerom.  183 

Hypertrophie  mit  starker  schleimig  eitriger  Absonderung,  und  bei 
nicht  wenigen  zur  Atrophie  besonders  der  Nasenschleimhaut  und 
auch  der  Muscheln  (Ozaena).  Tiefer  greifende  geschwürige  Processe 
entwickeln  sich  niemals,  wohl  aber  Schwielen-  und  Narbenbildung 
ohne  vorhergehende  Ulceration. 

Es  hat  ja  auch  schon  Störk  auf  diese  Aehnlichkeit  mit  der 
chronischen  Blennorrhoe  der  Bindehaut  des  Auges  hingewiesen  und 
auf  das  Ausschliessen  von  Syphilis  in  jedem  Falle  aufmerksam  ge- 
macht, welch  letzterer  Umstand  auch  in  Bezug  auf  Bhinosklerom 
von  fast  allen  Autoren  hervorgehoben  wird.  Wenn  auch  alle  diese 
Deductionen  nur  mehr  andeutungsweise  gegeben  sind,  so  muss  ich 
sie  noch  ausserdem  als  blosse  Versuche  entschuldigen,  die  drei 
vielfach  mit  einander  in  Beziehung  stehenden  Krankheiten:  Khino- 
sklerom,  Chorditis  infer.  hypertroph,  und  chronische  Blennorrhoe 
der  Nasen-,  Kehlkopf-  und  Luftröhrenschleimhaut  auf  eine  gemein- 
same Ursache  zurückzuführen,  welcher  Ansicht  sich  auch  G.  schon 
1878  *)  und  1.  c.  zuneigte.  Jedenfalls  ist  es  jetzt  noch  das  wichtigste, 
mehr  histologische  Befunde  über  Fälle  von  Sklerom  des  Larynx 
und  der  Trachea  besonders  ohne  Complication  mit  Khino^klerom 
zu  bekommen  und  die  etwaige  Infectionsfähigkeit  der  Secrete  bei 
Blennorrhöa  chronica  der  Nasen-  und  Luftröhrenschleimhaut  und  bei 
Bhinosklerom  zu  untersuchen. 

Ich  möchte  dabei  besonders  aufmerksam  machen  auf  den 
4.  Fall  in  meiner  schon  erwähnten  Publication. 

„Der  Kranke  Hekele  Johann,  32  J.  alt,  gab  an,  seit  20  Jahren 
öfters  an  Verstopfung  der  Nase  und  seit  14  Jahren  an  wechselnden 
Atembeschwerden  zu  leiden.  Seine  Mutter  hatte  ebenfalls  öfters 
Athembehinderung. 

Eine  seiner  Schwestern  erstickte  in  ihrem  17.  Jahre  und  litt 
an  Ozaena.  Die  zweite  starb  1872  im  allgemeinen  Krankenhause 
in  Wien  und  litt  auch  an  schwerem  Athem.  Nach  dorn  Sections- 
protokolle  589G2  fand  sich  bei  ihr  eine  leider  nicht  näher  bezeich- 
nete oder  untersuchte  Tracheitis  und  war  die  Tracheotomie  ge- 
macht worden". 

Der  Gedanke,  dass  es  sich  hier  vielleicht  um  eine  Infection 
gehandelt  habe,  liegt  doch  sehr  nahe. 

l)  -Zur  Lehre  von  den  Kehlkopfstenosen".  Prager  med.  Wochenschrift 
1878,  Nr.  45. 


184  Chiari.  Stenose  bei  Rhinosklerom. 


Erklärung  der  Abbildungen. 

Fig.  I.  Laiynx  und  Trachea  Yon  vorne  aufgeschnitten. 
Fig.  2.  Schnitt  durch  die  verdickte  Schleimhaut  der  Trachea.    Hartnack  Oc. 
3.  Obj.  4. 

ep  geschichtetes  Plattenepithel. 
p  Papillen. 

n  narbige  Bindegewebslager. 
i    Rundzellen-Infiltrat. 
k  Knorpelinseln. 
kn  Knochentbeilchen  mit 
m   Markraum. 
er  Ecchondrose. 
d    Drtisenacini. 
/   Fettgewebe. 
t    Trachealknorpel. 
Fig.  3.  Uebergang  des  Bindegewebes  in  Knorpel  und  Knochen.  Hartnack  Oc. 
3.  Obj.  8. 

b    Bindegewebe. 

k    Knorpel  mit  durch  Karmin  gefärbter  Intercellularsubstanz. 
v    Uebergangsschichte  vom  Knorpel  zum  Knochen.  Die  Intercel- 
lularsubstanz ist  verkalkt  und  nimmt  die  Karminfärbung  nicht 
mehr  an. 
z    darin  liegende  Zellen,  um  welche  herum  noch  ein  sternförmi- 
ger Kaum  die  Karminfärbung  etwas  annimmt. 
Kn  Knochenspange  mit  typisch  ausgebildeten  Knochenkörperchen. 
m    Markrauminhalt. 


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e>." 


*conish;  Adekin  i: 


XL 

Beiträge  zur  Histiologie  der  Hornhaut. 

Von 

Dr.  Johannes  Hoene, 

kais.  russischem  Regimentsarzte  ans  Plotzk  (rass.  Polen). 

(Alfi  22.  März  1882  von  der  Kedaction  übernommen.) 
Mit  4  zihkographischen  Abbildungen. 


Ich  habe  die  Untersuchungen,  über  welche  hier  berichtet  wer- 
den soll,  aufgenommen,  um  mir  Aufschluss  zu  verschaffen  über 
die  Veränderungen,  welche  die  Substantia  propria  der  Hornhaut  im 
Alter  des  Thieres  erleidet. 

Ich  fing  meine  Untersuchungen  zunächst  mit  Hornhäuten 
junger  Thiere  an  und  wurde  dabei  mit  einigen  anatomischen  Eigen- 
tümlichkeiten der  Durchschnittsbilder  bekannt,  mit  Eigenthümlich- 
keiten,  welche  bis  jetzt  von  den  Histiologen  nicht  genügend  ge- 
würdigt worden  sind. 

Ich  muss  jedoch,  bevor  ich  an  die  Mittheilung  dieser  Unter- 
suchungen gehe,  eine  Vorfrage  erledigen,  und  die  ist:  Gelangt  der 
lamellöse  Bau  der  Hornhaut  auf  Durchschnittsbildern  derselben 
zum  Ausdrucke? 

Fast  alle  Histiologen,  welche  sich  mit  dieser  Frage  beschäf- 
tigten, gaben  ihre  Meinung  im  positiven  Sinne  ab.  Unterzieht  man 
aber  die  Belege,  welche  für  diese  Aussage  geltend  gemacht  werden, 
einer  näheren  Prüfung,  so  ergibt  es  sich  alsbald,  dass  dieselben 
mehr  theoretischen  Betrachtungen  als  anatomischen  Untersuchun- 
gen entstammen.  Es  war  den  Histiologen  vor  Allem  darum  zu  thun, 
die  Flächenbilder  der  Hornhaut  mit  den  Durchschnittsbildern  in 
Einklang  zu  bringen.  Da  man  sich  hiebei  nur  von  Speculationen 
leiten  Hess,    so  kam  es,    dass,    sowie  die    Vorstellungen   über   die 


\Hiy  Hoene. 

Structur   der  Flächenschnitte   eine   Wandlung   erfahren,   auch   die 
Deutung  der  Durchschnit^bilder.  sich  anders  gestaltete. 

Solange  man  der  Meinung  huldigte,  dass  die  Hornhaut  aus 
bindegewebigen  Blättern  bestehe,  fasste  man  die  auf  den  Durch- 
schnittsbildern zu  Tage  tretenden  Linien  als  Durchschnittsbilder  der 
Lamellen  auf.  Als  aber  später  die  Behauptung  aufgestellt  wurde, 
dass  die  Lamellen  durch  eine  Kittsubstanz  mit  einander  verbunden 
werden,  wurden  dieselben  Linien  für  Durchschnitte  der  Kittsub- 
stanzlamellen angesehen. 

Ich  will  gleich  hier  bemerken,  dass  die  Angabe,  die  Lamellen 
seien  durch  Kitt  verbunden,  gleichfalls  nur  auf  Speculationen  fusst. 

Man  hatte  in  Erfahrung  gebracht,  dass  Hornhäute  nach  Mace- 
ration  in  gewissen  Flüssigkeiten  leichter  in  Lamellen  zerlegt  werden 
können  und  scbloss  daraus,  dass  durch  die  Macerationsflüssigkeit 
ein  zwischen  den  Lamellen  vorhandener  Kitt  gelöst,  und  dadurch 
der  Zusammenhang  der  Lamellen  aufgehoben  werde. 

Diese  Schlussfolgerung  war  aber  keineswegs  berechtigt.  Die 
verschiedensten  Gewebe  können  nach  Maceratiou  in  bestimmten  Flüs- 
sigkeiten eine  grössere  Spaltbarkeit  nach  irgend  einer  Richtung  auf- 
weisen, ohne  dass  es  irgend  einem  Histiologen  beigefallen  wäre,  dies 
durch  Losung  einer  Kittsubstanz  zu  erklären.  Ich  will  hier  nur  den 
Zerfall  von  Sehnenquerschnitten  in  die  sogenannten  Donder'schen 
Bänder  in  Erinnerung  bringen. 

Es  ist  somit  ein  zwingender  Beweis  für  das  Vorhandensein 
einer  Kittsubstanz  zwischen  den  Lamellen  für  die  Flächenbilder  so- 
wohl, wie  für  die  Durchscbnittsbilder,  nicht  erbracht. 

Das  erwähnte  Liniensystem  ist  aber  noch  in  einer  anderen 
Weise  erklärt  worden.  Man  sagte  —  es  ist  dies  die  dritte  Deutung,  — 
dass  weder  die  Bindegewebs-,  noch  die  Kittlamellen  auf  Durch- 
schnitten sich  bemerkbar  machen,  sondern  dass  die  in  Rede  stehen- 
den Linien  den  Grenzen  zwischen  den  Fibrillenbündeln  entsprechen. 

Es  erhellt  aus  dem  Voranstellenden,  dass  man  bis  zum  heuti- 
gen Tage  zu  einer  einheitlichen  Deutung  der  Durchschnittsbilder 
nicht  gelangt  ist. 

Um  mir  in  dieser  Angelegenheit  einen  Aufschluss  zu  ver- 
schaffen, habe  ich,  wie  folgt,  untersucht. 

Ich  zerth eilte  in  Alkohol  gehärtete  Hornhäute  jüngerer  Thiere 
(Hund,  Katze,  Kaninchen  und  Mensch)  in  möglichst  dünne  Schnitte, 


Beiträge  der  Hietiologiü  der  Hornhaut. 


187 


färbte  sie  nach  bekannter  Weise  in  Karmin  und  brachte  sie  hier- 
auf für  einige  Stunden  in  concentrirte  Essigsäure.  Die  Präparate 
wurden  dann  in  stark  angesäuertes  Glyeerin  eingelegt  und  mit 
Hartnack's  Immersionslinse  Kr.  10  untersucht. 

Fig.  1  fuhrt  das  Bild  eines  dieser  Präparate  vor.  Man  erblickt 
an  solchen  Präparaten  die  bekannten  Durch  schuittsbilder  der  Horu- 
hautzellen  und  zwischen  ihnen  die  Grundsubstanz,  durchzogeu  von 
ungefärbten,  äusserst  zart  contourirteu  Linien  von  wechselnder  Dicke. 
Verfolgt  man  zwei  benachbarte  Linien  des  Genaueren,  so  ergibt  es 
sich  oft,  dass  dieselben  auf  einer  beträchtlichen  Strecke  parallel  mit 
den  Reihen  der  Hornhautzellen  verlauten,  sich  hierauf  immer  mehr 
einander  nähern  und  endlich  zu  einer  dickeren  Linie  sich  vereinigen. 

Filf.  !■ 


Diese  schlägt  wieder  eine  Strecke  weit  einen  zu  den  Horuhautzeülen 
parallelen  Lauf  ein,  spaltet  sich  dann  in  zwei  oder  mehrere  Linien, 
welche  unter  sich  oder  mit  anderen  benachbarten  Linien  Verbin- 
dungen eingehen.  Kurz  das  Liniensystem  setzt  sich  keineswegs 
aus  parallelen,  von  einander  vollständig  getrennten  Strichen  zu- 
sammen, sondern  die  Linien  können  vielmehr  untereinander  die 
mannigfachsten  Anastomosen  eingeben. 

Ich  habe  mich  bis  jetzt  immer  der  Bezeichnung  „Linien"  be- 
dient. Ich  habe  diesen  Terminus  aber  nur  aus  dem  Grunde  gewählt, 
weil  ich  den  anatomischen  Verhältnissen,  wie  sie  sich  unter  Hart- 
nack's Immersionslinse  Nr.  10  präseutiren,    gerecht   worden  wollte. 


188  .    Hoenc. 

Wählt  man  zur  Untersuchung  eine  1200 — 1500fache,  lineare 
Vergrösserung,  dann  lassen  sich  die  erwähnten  Linien  mit  voller 
Bestimmtheit  als  die  Durchschnitte  zarter  Platten  oder  Lamellen 
auflösen. 

Diese  Vergrösserung  lehrt  aber  noch  etwas  Anderes.  Verfolgt 
man  den  Durchschnitt  einer  dickeren  Platte  in  die  Tiefe,  so  wird 
man  gewahr,  dass  in  ihrer  Substanz  mit  Eineramale  ein  Hornhaut- 
körperchen  auftaucht,  welches  bei  tieferer  Einstellung  wieder  ver- 
schwindet. Besonders  instructiv  erscheinen  diese  Verhältnisse  an 
Platten,  welche  von  dem  Messer  in  schiefer  Richtung  getroffen  wor- 
den sind. 

Es  kann  somit  keinem  Zweifel  unterzogen  werden,  dass  in 
die  stärkeren  Platten  die  Hornhautkörperchen  eingetragen  sind. 
Wir  müssen  demgemäss  der  Vorstellung  Raum  geben,  dass  die 
Grundsubstanz  der  Hornhaut  von  einem  aus  Platten  bestehenden 
Fachwerke  durchsetzt  wird,  und  dass  in  den  dickeren  Wänden  des- 
selben die  Hornhautzellen  eingeschaltet  sind. 

Es  fragt  sich  nun,  welche  Bedeutimg  kommt  diesem  Systeme 
von  Platten  zu? 

Erwägt  man,  dass  die  Präparate,  an  welchen  die  in  Rede 
stehenden  Plattendurchschnitte  zu  beobachten  sind,  der  Einwirkung 
concentrirter  Essigsäure  ausgesetzt  waren,  so  wird  man  sich  nicht 
leicht  zu  der  Annahme  entschliessen  können,  dass  jene  Platteu 
aus  Bindegewebe  bestehen;  denn  Bindegewebs-Fibrillen  quellen  in 
Säuren  auf,  und  ihre  Contouren  entziehen  sich  dann  der  Sichtbarkeit. 
Ueberdies  müsste  des  Weiteren  angenommen  werden,  dass  einzelne 
Hornhautlamellen  fachartig  angeordnet  seien.  Dies  wäre  eine  An- 
nahme, welche  sich  mit  den  an  Flächenbildern  gewonnenen  Vor- 
stellungen nicht  in  Einklang  bringen  Hesse. 

Würde  man  andererseits  der  Meinung  Raum  geben,  dass  die 
erwähnten  Platten  eine  interlamellöse  Kittsubstanz  repräsentiren, 
so  würde  eine  solche  Auffassung  mit  Alldem,  was  bis  jetzt  über 
die  Schichtung  der  Hornhaut  sicher  gestellt  ist,  in  Widerspruch 
gerathen.  Man  müsste  beispielsweise  annehmen,  dass  den  Lamellen 
die  Dimensionen  schmaler,  bandförmiger  Streifen  zukommen,  oder 
aber  dass  sie  Blätter  von  beträchtlicher  Dicke  vorstellen,  welche 
gegen  die  Ränder  zu  sich  plötzlich  verdünnen. 


Beiträge  zur  Histiologie  der  Hornhaut.  189 

Diese  Erwägungen  sind  somit  der  Auffassung,  dass  das  Linien- 
system bindegewebigen  Lamellen  oder  Kittplatten  entspreche,  nicht 
günstig.  Ich  verfuge  aber  über  zwingendere  Beweise,  welche  unzweifel- 
haft darthun,  dass  das  Liniensystem  weder  durch  die  Gegenwart 
von  Bindegewebslamellen,  noch  durch  die  Gegenwart  einer  Kitt- 
substanz bedingt  sein  kann. 

Durchmustert  man  die  Schnitte  mit  stärkeren  Immersions- 
linsen, so  wird  man  in  der  Grundsubstanz  hie  und  da  kleiner 
glänzender  Punkte  ansichtig,  welche,  wie  die  Handhabung  der 
Stellschraube  lehrt,  Querschnitten  von  feinen  Fäden  entsprechen. 
Die  Fäden  nehmen  ihren  Ursprung  aus  den  erwähnten  Platten, 
durchziehen  nach  allen  Kichtungen  die  Grundsubstanz,  geben  auf 
diesem  Wege  Aeste  ab,  welche  sich  wieder  in  benachbarte  Platten 
einsenken.  Wir  müssen  demgemäss  uns  vorstellen,  dass  von  den 
Wänden  des  die  Grundsubstanz  durchsetzenden  Fachwerkes  zahl- 
reiche Fädchen  entspringen,  welche  die  mit  Grundsubstanz  erfüllten 
Fächer  nach  den  mannigfachsten  Kichtungen  durchstreifen.  Auf 
Fig.  1  sind  die  punktförmigen  Querschnitte  ersichtlich  gemacht. 
Diese  Beobachtung  stellt  es  ausser  allem  Zweifel,  dass  das  Linien- 
system weder  auf  Hornhautlamellen,  noch  auf  einen  interlamellösen 
Kitt  zurückgeführt  werden  kann. 

Die  eben  erwähnte  anatomische  Anordnung  macht  es  vielmehr 
in  hohem  Grade  wahrscheinlich,  dass  wir  in  dem  Plattensystem 
und  den  aus  ihm  entspringenden  Fädchen  nichts  anderes  vor  uns 
haben,  als  die  band-  und  fadenförmigen  Ausläufer  der  Horn- 
hautzellen. 

Für  die  Eichtigkeit  dieser  Deutung  kann  ich  noch  andere  Be- 
lege namhaft  machen.  Sowohl  die  Platten,  wie  die  Fädchen  er- 
scheinen in  Hornhäuten  neugeborener  Kaninchen  und  Hunde  nach 
protrahirter  Goldfärbung  (20  Minuten)  gefärbt. 

Die  Hornhautzellen  bieten  dann  auf  Durchschnittsbildern  der 
Hornhaut  das  Ansehen  von  Zellen  mit  Fortsätzen,  Bilder  wie  sie 
schon  des  Oefteren  beschrieben  und  abgebildet  worden  sind. 

Man  war  bis  heute  ausser  Stande  zu  erklären,  warum  die 
Ausläufer  der  Zellen  an  Durchschnitten  der  Substantia  propria  nur 
ausnahmsweise  wahrzunehmen  seien,  für  gewöhnlich  aber  sich  der 
Sichtbarkeit  entziehen.  Wir  wissen  aber  jetzt,  dass  die  Ausläufer 
nicht  unsichtbar  sind,  sie  gelangen  vielmehr  an  jedem  Durchschnitte 


i 


190  Hoene. 

zur  Beobachtung.  Da  man  aber  die  Zellfortsätze  zumeist  wegen 
ungenügender  Präparation  nur  undeutlich  gesehen  hatte,  wurden 
sie  bald  der  Kittsubstanz,  bald  den  Lamellen,  bald  den  interfibril- 
lären  Spalten  beigezählt. 

Bei  noch  jüngeren  Thieren  erscheinen  die  Zellfortsätze  auch 
an  Karminpräparaten  gefärbt.  Je  älter  die  Hornhaut  wird,  um 
so  mehr  büsseo  die  Ausläufer  ihre  Tinctionfähigkeit  für  Gold-  und 
Karminlösungen  ein. 

Es  vollzieht  sich  diese  Erscheinung  nicht  an  allen  Fortsätzen 
gleich  schnell.  Ich  begegnete  des  Oefteren  Hornhäuten,  deren  Durch- 
schnitte nach  Behandlung  mit  den  genannten  Farbstoffen  einzelne 
Ausläufer  gefärbt,  andere  wieder  ungefärbt  zeigten. 

Ich  resumire  noch  einmal:  An  Durchsclinittspräparaten  von 
Hornhäuten  (der  von  mir  untersuchten  Thiere)  gelangen  weder  die 
Durchschnitte  der  Bindegewebs-  noch  der  Kittsubstanz-Lamellen 
zur  Ansicht. 

Diese  Aussage  ist  aber  nur  insoferne  richtig,  als  sie  sich  auf 
Durchschnittsbilder  bezieht,  wie  man  sie  bis  jetzt  herzustellen  ge- 
wohnt war.  Präparirt  man  aber  in  der  Weise,  wie  es  Spina  *)  für 
den  Knorpel  angegeben  hat,  dann  wird  der  lamellöse  Bau  auch  an 
Durchschnitten  ersichtlich.  Die  Präparationsmethode  besteht  darin, 
dass  in  Alkohol  gehärtete  Hornhäute  in  Oelwachs  eingebettet,  in 
Schnitte  zerlegt  und  wieder  in  Alkohol  mikroskopirt  werden. 

Die  Präparate  geben  dann  eine  äusserst  zarte  Streifung  zu 
erkennen.  Unter  stärkeren  Vergrösserungen  sieht  man  zart  punktirte 
Bänder  mit  glänzenden,  leicht  gestreiften  Lagen  alterniren.  Die 
Handhabung  der  Stellschraube  zeigt  auf  das  bestimmteste,  dass 
jene  Punkte  Querschnitten  von  Fibrillen,  die  gestreiften  Bänder 
aber  längs  oder  schief  getroffenen  Fibrillenzügen  entsprechen.  Die 
Lamellen  sind  äusserst  dünn  und  bestehen  oft  nur  aus  einer  Lage 
von  Fibrillen.  Eine  Kittsubstanz  ist  auch  jetzt  nicht  zu  sehen. 
Setzt  man  zu  einem  solchen  Schnitte  während  der  mikroskopischen 
Beobachtung  einen  Tropfen  Essigsäure  zu,  dann  quellen  die  punk- 
tirten  und  gestreiften.  Schichten  auf,  ein  Beweis,  •  dass  wir  es  hier 
thatsächlich  mit  geschichtetem  Bindegewebe  zu  thun  haben. 


')  Sitzungsb.  der  k.  Acad.  d.  Wissenschaften.  Wien,  Bd.  80. 


Beiträge  zur  Histiologie  der  Hornhaut.  191 

Es  kann  somit  nicht  im  geringsten  bezweifelt  werden,  dass 
die  bindegewebigen  Lamellen  auf  Durchschnittspräparaten  unter 
geeigneten  Umständen  dargestellt  werden  können. 

Es  fragt  sich  nun,  ob  die  an  Alkoholpräparaten  zu  Tage  tre- 
tende Schichtung  den  natürlichen  Verhältnissen  entspricht. 

Ich  muss  diese  Frage  auf  Grundlage  folgender  Beobachtungen 
verneinen: 

a)  Eine  frisch  angeschnittene  Hornhaut  lässt  sich  nicht  in 
Blätter  zerlegen. 

b)  Untersucht  man  die  Substantia  propria  der  frisch  präpa- 
rirten  und  in  eine  Falte  geschlagenen  Froschhornhaut  in  Blutserum, 
so  wird  man,  wenn  man  rasch  gearbeitet  hatte,  die  Grundsubstanz 
nicht  lamellirt  finden.  Erst  wenn  die  Hornhaut  längere  Zeit  auf 
dem  Objectträger  liegt,  und  die  Hornhautkörperchen  anfangen  in 
grösserer  Zahl  sichtbar  zu  werden,  dann  erst  nimmt  die  Grund- 
substanz ein  lameüöses  Aussehen  an.  Aber  selbst  dieses  letztere  muss 
nicht  nothwendig  auf  eine  Zusammensetzung  der  Substantia  propria 
aus  Lamellen  bezogen  werden.  Es  kann  ja  die  lamellöse  Structur 
der  Hornhaut  auf  Faltenbildern  ebenso  zu  Stande  kommen  wie 
an  den  oben  besprochenen  Durchschnittspräparaten  der  todten 
Hornhäute. 

Es  erübrigt  dem  Gesagten  zu  Folge  nur  die  Annahme,  dass 
die  lebende  Substantia  propria  die  Fähigkeit  besitzt,  post  mortem 
in  Lamellen  zu  zerfallen.  Diese  Schlussfolgerung  lässt  sich  des 
Weiteren  zu  der  von  Stricker  gemachten  Angabe,  dass  die  Grund- 
substanz der  lebenden,  frisch  präparirten  Hornhaut  überhaupt  keinen 
fibrillären  Bau  besitze,  in  Beziehung  bringen.  Es  bilden  sich  in  der 
Hornhaut  sowohl  die  FibrilleTi,  und  wie  ich  jetzt  hinzufüge,  auch 
die  aus  Fibrillen  bestehenden  Blätter  oder  Lamellen  für  gewöhnlich 
erst  dann,  wenn  die  Hornhaut  zu  leben  aufgehört  hat  oder  mit 
Agentien  getödtet  worden  ist. 

Nach  Erledigung  dieser  anatomischen  Vorfrage  übergehe  ich 
nun  zu  meinem  eigentlichen  Thema,  der  Frage  nach  den  Alters- 
veränderungen der  Hornhaut.  Eine  dieser  Veränderungen  habe  ich 
schon  oben  mitgetheilt,  als  ich  sagte,  dass  die  Ausläufer  der  Horn- 
hautkörperchen fötaler  Hornhäute  sich  in  Karmin  sowohl  wie  in 
Goldchlorid  färben  und  dass  sie,  wie  die  Untersuchungen  entwickelter 
Thiere  lehrten,  dieser  Tinctionsfahigkeit  später  verlustig  werden. 

Med.  Jahrbücher.  1882.  j3 


192  Hoene. 

Dehnt  man  nun  die  Untersuchung  auf  die  Hornhäute  alter 
Menschen  (50  bis  60  Jahre)  aus,  dann  bieten  die  Durchschnitts- 
präparate  eiu  Bild,  das  mit  den  allgemein  gütigen  Vorstellungen 
über  den  Bau  der  Hornhaut  nicht  in  Einklang  zu  bringen  ist. 

Die  Horahautzellen  erscheinen  nicht  mehr  zu  Reihen  geordnet, 
der  Dickendurchmesser  derselben  ist  geringer  und  ihre  Zahl  um 
ein  Beträchtliches  kleiner  geworden  (Fig.  2).  Derlei  Präparate  ge- 
währen ein  so  fremdartiges  Aussehen,  dass  man  geneigt  wäre,  ein 
solches  Präparat  für  einen  Durchschnitt  der  Sklera  zu  halten. 

Fig.  2. 


Aber  noch  nach  einer  anderen  Richtung  hin  zeigen  diese 
Schnitte  eine  auffällige  Besonderheit. 

Die  Grundsubstanz  erscheint  —  wie  dies  aus  Fig.  2  zu  ersehen 
ist  —  von  einem  aus  Fäden  und  Platten  bestehenden  Netzwerk 
durchsetzt,  welches  seinem  physikalischen  und  chemischen  Verhal- 
ten zu  Folge  als  elastisches  Gewebe  angesehen  werden  muss. 

Die  Anordnung  dieses  Netzwerkes  entspricht  in  Allem  und 
Jedem  dem  bei  jüngeren  Hornhäuten  beschriebenen  Systeme  der 
Zellausläufer.  Auch  die  anatomischen  Beziehungen  des  elastischen 
Netzes  zu  den  Horahautzellen  gestalten  sich  in  völlig  gleicher  Weise 
wie  die  Beziehungen  der  Zellausläufer  zu  den  Zellen  in  Hornhäu- 
ten junger  Thiere. 

Auf  Durchschnitten  von  menschlichen  Hornhäuten  jüngerer  In- 
dividuen fand  ich  sogar,  dass  einzelne  Ausläufer,  welche  strecken- 
weise noch  das  früher  beschriebene  Aussehen  zart  eontourirter  Fäd- 
eben boten,  mit  Finemmale  das  Aussehen  eines  elastischen  Fadens 
annahmen. 


Beiträge  znr  Histiologie  der  Hornhaut. 

Diese  Beobachtungen  leiten  zu  der 
Schlussfolgerung,  dass  die  Ausläufer  der 
üorntiautzelleo  sich  im  Laufe  des  Le- 
bens iu  elastische  Platten  und  Fäden 
umformen. 

Es  liegen  hier  also  ähnliche  Ver- 
hältnisse vor,  wie  sie  zuerst  von  Spina 
für  die  Sehne  '),  dann  von  Eavogli  -) 
für  das  Bindegewebe  der  Cutis  dargethau 
worden  sind.  Die  exceptioneile  Stellung, 
welche  man  der  Hornhaut  unter  den 
Bindesubstanzen  aus  dem  Grunde  auge- 
wiesen hatte,  weil  ihr  das  elastische 
Gewehe  abgehe,  ist  somit  durch  die  er- 
wähnten Beobachtungen  erschüttert. 

Die  Hornhaut  lässt  sieh  in  das  für 
die  Bindesubstanzen  geltende  Schema 
ebenso  einfügen,  wie  die  anderen  Gewebe 
der  Bindesubstanzgruppe. 

Ausser  der  Umwandlung  in  elasti- 
sche Substanz  erleiden  die  Hornhautzel- 
len   durch  das  Alter  noch  eine  andere 


Ich  fand,  wonn  ich  Hornhäute  10 
Jahre  alter  Hunde  nach  Goldchloridbe- 
bandlung  in  Lamellen  zertheilte,  dass 
die  Hornhautzellen,  wolcbe  am  Rande 
der  Hornhaut  zahlreich  und  massig  gross 
waren,  gegen  das  Centruin  der  Cornea 
zu  kleiner  uud  seiteuer  wurden,  bis  sie 
voHends  verschwanden.  Au  diesen  Stel- 
len bestand  die  Hornbaut  nur  aus  Grund- 
substanz  (Fig.  3),  welche  stellenweise 
von  einigen  Zell  aus!  aufern  durchsetzt 
irar. 

■J  Mediz.  Jahrbücher  18i:t. 
')  Mediz.  Jahrbücher  18"9. 


194  Hoene. 

Das  successive  Kleinerwerden  der  Zellen  und  das  Verschwin- 
den derselben  scheint  wohl  darauf  hinzudeuten,  dass  die  Hornhaut- 
körperchen  nach  und  nach  sich  in  Grundsubstanz  umbilden,  bis  sie 
endlich  ganz  in  ihr  aufgehen.  Zwingendere  Beweise  stehen  mir  für 
diese  Vermuthung  nicht  zur  Verfügung.  Ich  habe  mich  auch  nach 
solchen  nicht  umgesehen,  zumal  von  Spina  4)  rücksichtlich  des 
Knorpelgewebes  mit  voller  Bestimmtheit  gezeigt  worden  ist,  dass 
in  älteren  Knorpeln  die  Zellen  desselben  sich  zu  Grundsubstanz 
umformen. 

•  Die  hier  besprochenen  Altersmetamorphosen  der  Zellen  sind 
somit  doppelter  Art :  Die  Zellen  wandeln  sich  einerseits  in  elastische 
Substanz,  andererseits  in  Grundsubstanz  um. 

Analoge  Veränderungen  erfahrt  des  Weiteren  die  junge  Horn- 
haut im  Winter.  Ich  will  jedoch  gleich  hier  betonen,  dass  diese 
Metamorphosen  zumal  in  jungen  Hornhäuten  bei  Weitem  nicht 
jene  Höhe  erklimmen,  auf  welcher  man  sie  an  Hornhäuten  hoch- 
bejahrter Menschen  antrifft.  Nichts  desto  weniger  sind  die  Unter- 
schiede zwischen  einer  Winter-  und  einer  Sommer-Cornea  gleich 
alter  Thiere  nicht  zu  verkennen.  So  sind  die  Zellen  in  Winterhorn- 
häuten kleiner  und  seltener  als  in  einer  Sommercornea. 

Ferner  erscheinen  die  Zellfortsätze  in  Hornhäuten  jenes  Alters, 
in  welchem  sie  noch  tinctionsfähig  sind,  im  Winter  ungefärbt. 
Ferner  wandeln  sich  jene  Zellnetze,  welche  in  der  Metamorphose 
so  weit  vorgeschritten  sind,  dass  sie  die  Tinctionsfähigkeit  verloren 
haben,  während  der  kalten  Jahreszeit  in  elastisches  Gewebe  um. 

Endlich  wird  man  häufiger  im  Winter  als  im  Sommer  in 
Hornhäuten  von  Säugethieren  mittleren  Alters  Stellen  gewahr,  die 
nur  aus  Grundsubstanz  bestehen.  Ein  Vergleich  zwischen  Sommer- 
und  Winter-Cornea  lehrt  somit,  dass  die  Hornhautzellen  befähigt 
sind,  entweder  als  elastische  Platten  oder  als  Grundsubstanz  zu 
überwintern. 

Ausser  der  Aehnlichkeit  im  Baue  ergibt  sich  noch  eine  andere 
Analogie  zwischen  einer  alten  und  einer  überwinternden  Hornhaut, 
eine  Analogie,  welche  schon  seit  Langem  bekannt  ist.  Sowohl  über- 
winternde wie  alte  Hornhäute  können  schwer  zur  Entzündung  ge- 
bracht werden. 


')  Wiener  Sitzungsberichte  der  k.  Acad.  Bd.  81. 


Beiträge  zur  Histiologie  der  Hornhaut.  195 

Ja  im  Institute  des  Herrn  Prof.  Stricker  ist  wiederholt  die 
Erfahrung  gemacht  worden,  dass  im  Winter  Hornhäute  junger  oder 
alter  Thiere  selbst  durchvAetzung  mit  Kali  causticum  nicht  zur 
Eiterung  gebracht  werden  können. 

In  viel  höherem  Grade  tritt  diese  Eigentümlichkeit  der  Win- 
tercornea  bei  Kaltblütlern  auf.  Stricker  *)  erzeugte  bei  Sommer- 
karpfen durch  Einführung  eines  Fadens  in  die  Hornhaut  schon  in 
24  Stunden  einen  Abscess. 

Mir  wollte  es  überhaupt  nicht  gelingen  die  Cornea  von  Win- 
terkarpfen zur.  Eiterung  zu  bringen,  ob  ich  nun  mit  einem  in 
Ammoniak  getränkten  Faden  oder  mit  Kalistiften  die  Horn- 
haut reizte. 

Denselben  Misserfolg  ergaben  Entzündungsversuche  an  den 
Hornhäuten  von  Tinea  vulgaris  und  Carassius  vulgaris.  Ganz  ohne 
Erfolg  blieben  die  Entzündungs versuche  allerdings  nicht.  Ich  will 
hier  nur  einer  Beobachtung  Erwähnung  thun,  weil  sie  mir  von 
allgemeinem  Interesse  zu  sein  scheint. 

Ich  war  ausser  Stande  in  normalen  Hornhäuten  von  Winter- 
fischen nach  Goldchloridbehandlung  das  von  Stricker  beschrie- 
bene Zellnetz 2)  darzustellen,  trotzdem  dies  den  Angaben  Stricker's 
zufolge  an  Sommerfischen  ohne  Mühe  zu  bewerkstelligen  ist.  Ich 
sah  in  der  blassrothen  Grundsubstanz  nur  hie  und  da  dunkelrothe 
Fädeben,  die  sich  verzweigten  oder  mit  einander  kreuzten. 

Ein  protoplasmatisches  Netz  aber  in  der  für  die  Fische  so 
eigenthümlichen  Configuration  trat  niemals  zu  Tage.  Erst  dann, 
wenn  ich  die  Hornhaut  durch  längere  Zeit  und  zwar  durch  Ein- 
führung eines  Fadens  gereizt  habe,  wurde  ein  protoplasmatisches 
Netz  an  Goldpräparaten  sichtbar.  In  Figur  4  habe  ich  dieses  Netz 
abbilden  lassen. 

Analoge  Beobachtungen  machte  ich  an  der  Wintercornea  alter 
Hunde  nach  Aetzung  mit  Kali  causticum,  und  zwar  an  den  cen- 
tralen Partien  der  Hornhaut,  von  welchen  oben  ausgesagt  wurde, 
dass  sie  sich  durch  ihre  Zellarmuth  auszeichnen. 

Durch  den  Entzündungsreiz  wurden  Hornhautzellen  an  diesen 
Stellen    sichtbar,    gleichzeitig  erschienen  die  Zellen   an  den  Band- 


*)  Med.  Jahrbücher  1874. 
■)  1.  c. 


VM> 


Hoene.  Beitrage  zur  Histiologie  der  Hornhaut. 


zonen    der  Hornhaut  beträchtlich   vergrößert.    Auf    dieser  Stufe 
blieben  die  entzündlichen  Vorgänge  meistens  stehen. 

Nichts  desto  weniger  gelang  es  mir  auf  einem  anderen  Wege 
auch  im  Winter  in  der  Sätigethiercornea  eine  Eiterung  hervor- 
zubringen. 

Fig.  4. 


Die  Methode  ist  die  folgende.  Ich  setze  mit  einem  Staar- 
messer  im  Centrum  der  Cornea  des  Hundes  einen  bis  in  das  Paren- 
chym  derselben  reichenden  Substanzverlust  und  bohre  in  denselben 
den  zugespitzten  Kalistift  ein.  Derart  entzündete  Hornhäute  zeigen 
nach  24  Stunden  unter  allen  Umständen,  das  Tbier  sei  jung 
oder  alt,  in  der  heissen  Jahreszeit  sowohl  wie  in  der  kalten, 
die  für  die  Eiterung  der  Hornhaut  charakteristischen,  von  Stricker 
beschriebenen  Bilder.  Es  liegt  nahe  auzunehmen,  dass  die  nach 
dieser  Methode  bewirkte  Reizung  intensiver  auf  das  Gewebe  der 
Hornhaut  einwirkt  und  darum  Eiterungen  im  Gefolge  hat. 

Zum  Schlüsse  erlaube  ich  mir,  Herrn  Dr.  Spina  meinen  Dank 
für  den  mir  ertheilten  Beistand  während  der  Zeit  dieser  Unter- 
suchungen auszusprechen. 


XII. 

Ueber  die  Aenderungen,  welche  der  Blutdruck  des 
Menschen  in  verschiedenen  Körperlagen  erfährt. 

Von 

Dr.  Slgismund  Fried  mann. 

Aus  dem  Laboratorium  des  Prof.  v.  Basen  in  Wien. 

(Am  17.  April  1882  von  der  Kedaction  übernommen.) 

Zu  den  mannigfachen  Einflüssen,  welche  den  Kreislauf  alteriren, 
müssen  auch  die  Aenderungen  der  Körperlage  gezählt  werden.  So 
ist  es  schon  lange  bekannt,  dass  der  Puls  beim  Liegen  seltener 
und  beim  Stehen  oder  Sitzen  häufiger  werde.  In  allerletzter  Zeit 
hat  Schapiro  *)  dem  Studium  dieser  Aenderungen  Versuche,  die 
er  auf  der  Klinik  des  Professors  Eichwald  anstellte,  gewidmet, 
und  zwar  hat  Schapiro  in  das  Bereich  seiner  Untersuchungen, 
die  sich  auf  gesunde  und  kranke  Menschen  beziehen,  ausser  dem 
Studium  der  Pulsfrequenz  auch  das  Studium  jener  Aenderungen 
aufgenommen,  die  sich  unter  den  erwähnten  Umständen  in  der 
Arterienspannung  geltend  machen.  Diesbezüglich  bestätigte  er  die 
vornehmlich  durch  Marey  2)  bekannt  gewordene  Angabe,  dass  im 
Liegen  der  Blutdruck  höher  sei,  als  im  Stehen. 

Die  Ursache  dieses  Wechsels  der  Arterienspannung  ist  bisher 
nicht  durch  den  directen  Versuch  genügend  beleuchtet  worden, 
denn  selbst  Marey  lässt  es  nur  bei  folgender  Erklärung  bewenden : 
„Dans  Tattitude  vertical  la  pesenteur  est  favorable  au  cours  du  sang 


*)  Von  dem  Einfluss  der  Blntdruckschwankungen  auf  die  Thätigkeit 
des  Herzens  beim  gesunden  Menschen  und  in  gewissen  pathologischen  Zustän- 
den. Petersburger  Zeitschrift  Wratsch  1881. 

*)  La  Circulation  du  sang.  Paris  1881. 


198  Friedmann. 

dans  la  plupart  des  regions  du  corps;  eile  tend  donc  ä  diminuer  la 
pression  arterielle.  Dans  l'attitude  assise  et  surtout  dans  la  position 
couchöe  la  pesenteur  agit  defavorablement  sur  le  cours  du  sang". 

Ehe  ich  mich  der  Aufgabe  unterzog  diese  Frage,  bez.  den 
Erklärungsversuch  Marey"s  an  der  Hand  von  Tbierversuchen  zu 
erörtern,  untersuchte  ich  zunächst,  ob  sich  die  erwähnten  Unter- 
schiede in  der  Arterienspannung  am  Menschen  auch  mittelst  des 
v.  Basch'schen  Sphygmomanometers  nachweisen  Hessen.  In  dieser 
Weise  geprüft  musste  nicht  nur  die  Art,  sondern  auch  die  Grösse 
der  Unterschiede  zum  deutlichsten  Ausdruck  gelangen.  Ich  ging 
aber  nicht  an  diese  Untersuchung,  ohne  mich  früher  in  die  Me- 
thode  genügend  einzuüben.  Zu  letzterem  Zwecke  führte  ich  an  glei- 
chen Individuen  zahlreiche  Messungen  aus,  vorläufig  nur,  um  mir 
die  Ueberzeugung  zu  schaffen,  dass  ich  ihnen  vertrauen  konnte. 
Bei  dieser  Gelegenheit  habe  ich  mich  überzeugt,  dass  es  am  ver- 
lässlichsten sei,  den  Puls  resp.  das  Ausbleiben  desselben  mit  dem 
tastenden  Finger  zu  controlliren,  vorausgesetzt  natürlich,  dass  man 
durch  längere  Uebung  es  gelernt  habe,  sich  von  dem  Gefühl  des 
eigenen  Pulses  zu  emancipiren.  Vorsichtshalber  wurde  stets  je 
eine  Messung   zwei  und  mehrere  Male  wiederholt. 

Diese  Messungen  ergaben  für  gleiche  Individuen  ziemlich 
constante  Spannungsgrössen  der  Art.  radialis.  In  Tabelle  I  sind  die 
an  zwei  gesunden  Individuen  A.  und  B.  unter  gleichen  Verhält- 
nissen und  zu  gleichen  Tageszeiten  vorgenommenen  Messungen 
zusammengestellt. 

Es  ergab  sich  also  bei  A  bei  51  innerhalb  10  Tagen  vorge- 
nommenen Messungen  eine  Durchschnittszahl  von  133*8  Mm.  Hg, 
während  bei  dem  etwas  schwächeren  Individuum  B  bei  48  in  dem- 
selben Zeiträume  vorgenommene  Messungen  zu  einer  Durchschnitts- 
zahl von  119*8  Mm.  Hg  führten. 

Schon  bei  diesen  Messungen  hatte  ich  wahrgenommen,  dass 
die  unmittelbar  nach  vorhergegangenen  Körperbewegungen  vorge- 
nommenen Messungen  höhere  Zahlen  ergaben  als  die  nach  längerer 
Ruhe  ausgeführten,  und  weitere  nach  dieser  Richtung  vorgenommene 
Versuche,  die  in  der  folgenden  Tabelle  II.  zusammengestellt  sind, 
haben  den  Einfluss  der  Bewegungen  auf  den  Blutdruck  über  allen 
Zweifel  sichergestellt. 


lieber  die  Aenderungeii  des  Blutdrucks. 


199 


Tabelle  I. 


■n 


Zahl 
des 
Ver- 
suches 


Tag  und 

Tageszeit    der 

Versuche 


Durchschnitts- 
zahlen aus  den 
Beobachtungen 
in  Mm.  Hsr 


Zahl 
des 
Ver- 
suches 


Tag  und 

Tageszeit   der 

Versuche 


Durchschnitts- 
zahlen aus  den 
Beobachtungen 
in  Mm.  Hg 


1. 
2. 
3. 
4. 
5. 
6. 
7. 
8. 
9. 
10. 


14.  November 
h.  40  —  42 

15.  November 
h.  10—12 

16.  November 
h.  10—12 

17.  November 
h.  10-12 

18.  November 
h.  10-12 

19.  November 
h.  10-12 

21.  November 
h.  10—12 

22.  November 
h.  10-13 

23.  November 
h.  10—12 

24.  November 
h.  10-12 


132 
134 
133 
137 
132 
133 
133 
132 
132 
140 


1. 
2. 
3. 
4. 
5. 
6. 
7. 
8. 
9. 
10. 


17.  November 
h.  10-12 

18.  November 
h.  10-12 

19.  November 
h.  10-12 

21.  November 
h.  10-12 

22.  November 
h.  10-12 

25.  November 
h.  10—12 

28.  November 
h.  10-12 

20.  November 
h.  10-12 

30.  November 
h.  10—12 

1.  December 
h.  10—12 


119 
119 
119 
123 
120 
122 
119 
119 
119 
119 


Tabelle  IL 


Bemerkungen 


Blut- 
druck 

in 
Mm.  Hg 


Bemerkungen 


1 
2 

3 
4 
5 
6 

7 
8 
9 

10 


1'. 
15'. 

25'. 

OK/ 


132 

148 

140 
140 
136 
145 

138 


45'. 
55'. 

h.  1-5'. 

h.  115.;    135 

h.  l-25'.j    140 

h.  1-35'.     135 


unmittelbar  zuvor 
durch  15  Minuten 
geturnt 

1 

i 

Ruhe 

3 

n 

4 

r> 

5 

15  Min.  Turnen 

6 

Ruhe 

7 

n 

8 

Nach  5  Min.  lan- 
gein Turnen 

9 

Ruhe 

• 

10 

1'. 

15'. 

25'. 
35'. 
45'. 
55'. 

h.  1-5'. 
h.  1M5'. 
h.  1-2.V. 

h.  1-35'. 


120 
133 

128 
128 
123 
135 

130 
125 
125 

125 


!  15  Min.  Turnen 

Ruhe 

10  Min.  Turnen 

Ruhe 

r> 


200  Fried  mann. 

Durchwegs  also  steigerte  körperliche  Bewegung  den  Blutdruck. 

Man  muss  demnach  die  Versuche,  in  denen  es  sich  darum 
handelt  den  Einfluss  der  Körperlage  auf  den  Blutdruck  kennen  zu 
lernen,  erst  dann  vornehmen,  wenn  durch  längere  Buhe  des  Ver- 
suchsindividuums der  Blutdruck  gleich  massig  geworden  ist. 

Folgende  3  Tabellen  enthalten  die  Resultate  von  Messungen, 
die  ich  au  22  Individuen  vorgenommen  habe.  Aus  den  Aufschriften 
derselben  ist  ersichtlich,  auf  welche  Körperlagen  sich  die  Messun- 
gen beziehen.  Zudem  sind  auch  in  den  Tabellen  die  Differenzen 
verzeichnet,  die  sich  bei  Vergleichung  der  Resultate  ergehen. 


Tabelle  III. 

Tabelle  IV. 

Blutdruck  beim  Sitzen  und  Liegen 

Blutdruck  beim  Stehen  und  Liegen 

Zahl  der 

Blutdruck   in 

Mm.  Hg 

Zahl  der 

Blutdruck  in 

Mm.  Hg. 

Beob- 

iirllillilj 

Sitzen     Liegen 

Verhält- 

llisS/illll 

Beob- 

H.ilTllIIL- 

Stehen 

Liegen 

Veriiält- 

ni-s/iüil 

1 

130 

138 

104 

1 

:  -j 
128 

loa 

103 
130 
105 
108 
108 
133 
115 

IIa 

110 

2 

108 

1)5 

1-Oti 

2 

138 

1-08 

3 

105 

112 

i-oe 

3 

115 

1-09 

4 

130 

133 

1-04 

4 

US 

1-08 

5 

108 

113 

104 

5 

136 

1-04 

6 

IIS 

123 

1*07 

113 

1-07 

7 

112 

117 

1-04 

7 

115 

1-00 

» 

1*0 

143 

1*08 

8 

ISO 

ltO 

113 

120 

l'Ofi 

9 

140 

1-03 

10 

IIa 

12.'i 

i-os 

10 

US 

1-08 

11 

US 

ISS 

i'oa 

U 

108 

1-11 

lg 

il» 

130 

in? 

1* 

143 
108 
105 

HO 

1-27 

13 

108 

US 

l'Oi) 

13 

160 

1-10 

ii 

ii:> 

120 

1-04 

14 

ISS 

1-12 

15 

1.15 

140 

1*83 

15 

113 

1-07 

16 

IIB 

125 

10ß 

16 

124 

13(i 

1-09 

17 

101) 

wa 

1-08 

17 

125 

140 

l'll 

1B 

100 

HS 

1-15 

18 

115 

132 

ru 

19 

150 

(Ol 

1-08 

19 

110 

124 

1-12 

20 

Hl 

123 

1-07 

20 

SS 

108 

1-13 

2t 

HO 

11« 

1*07 

21 

110 

ISS 

1-13 

22 

128 

136 

1-06 

n 

105 

HB 

1-08 

Mittel    1-0(5 

23 

135 

135 

1"08 

24 
IS 
2fi 

120 
95 

133 

113 
16g 

MO 
WS 
t-OG 

27 

95 

108 

113 

28 

100 

115 

1-15 

29 

118 

1S5 

106 

Mi 

tel  1-1 

Ueber  die  Aenderungen  des  Blutdrucks. 

Tabelle  V. 
Blutdruck  beim  Stehen  und  Sitzen. 


201 


Zahl  der 
Beob- 
achtung 

Blutdruck  in  Mm.  Hg 

Zahl  der 
Beob- 
achtung 

Blutdruck  in  Mm.  Hg 

Stehen 

Sitzen 

Verhält- 
nisszahlen 

Stehen 

Sitzen 

Verhält- 
nisszahlen 

1 
2 
3 

4 
5 
6 

7 
8 

128 
105 
103 
127 
105 
125 
105 
108 

130 
108 
105 
130 
408 
130 
108 
115 

i-01 
1*02 
101 
102 
1-02 
1*04 
102 
1*06 

9 
10 
11 
12 
13 
14 
15 
16 

133 
115 
9b* 
95 
145 
108 
105 
124 

135 
118 
100 
100 
150 
114 
HO 
128 

101 
1-02 
4-04 
1-05 
1-03 
1-05 
1:04 
1-03 

Mittel  1*03. 

Wie  aus  diesen  Tabellen  zu  ersehen  ist,  stimmen  meine  Re- 
sultate mit  den  Angaben  Schapiro's  vollständig  überein.  Aus 
meinen  Messungen  erhellt  jedoch  der  Unterschied  insoferne  deut- 
licher, als  er  in  Zahlenwerthen  ausgedrückt  wird. 

Aus  den  22  Versuchen,  die  sich  auf  den  Unterschied  zwischen 
Sitzen  und  Liegen  beziehen,  s.  Tab.  III,  ergibt  sich  ein  mittleres 
Verhältniss  von  1*06. 

In  den  29  Versuchen,  die  sich  auf  Stehen  und  Liegen  bezie- 
hen, s.  Tab.  IV,  ist  dieser  Unterschied  viel  prägnanter  ausgesprochen. 
Hier  beträgt  das  Verhältniss  zwischen  dem  Blutdrücke  bei  beiden 
Körperlagen  im  Durchschnitte  11  Mm. 

Am  kleinsten  ist  der  Unterschied  zwischen  dem  Blutdruck 
beim  Stehen  und  Sitzen.  Hier  ergaben  IG  vergleichende  Messun- 
gen, s.  Tab.  V,  dass  das  durchschnittliche  Verhältniss  zwischen  dem 
Blutdruck  beim  Sitzen  und  Stehen  nur  103  Mm.  beträgt. 

Nach  der  Constatirung  dieser  Thatsache  musste,  wenn  man  sich 
nicht  ohne  weiteres  mit  der  kurzen  oben  angeführten  Erklärung 
Marey's  zufrieden  geben  konnte,  die  Frage  aufgeworfen  werden,  in 
welchen  mechanischen  Bedingungen  dieser  Unterschied  zu  suchen  sei? 

Im  Allgemeinen  muss  es  zu  einer  verminderten  Arterien- 
spannung kommen,  wenn  in  der  Zeiteinheit  dem  Herzen  weniger 
Blut  zuströmt  als  aus  demselben  abströmt.  Es  kann  aber  ebenso- 


202  Friedmann. 

wohl  dem  vermehrten  Abfluss  als  dem  verminderten  Zufluss  eine 
grössere  Bolle  zukommen. 

Welchem  von  beiden  Pactoren  bei  verticaler  Körperlage  eine 
grössere  Bedeutung  zukommt,  lässt  sich  a  priori  schwer  entschei- 
den, denn  wie  die  Ueberlegung  ergibt,  kann  allerdings  beim 
Stehen  im  Sinne  Marey's  die  Schwere  des  Blutes  den  Abfluss  . 
desselben  in  die  Arterienbahnen  begünstigen  und  so  zu  einer  ver- 
minderten Spannung  in  den  Arterien  fuhren,  es  ist  aber  auch  mög- 
lich, dass  im  Stehen  der  Blutstrora  in  den  Venen  wegen  seiner 
der  Schwerkraft  entgegengesetzten  Bichtung  bedeutend  verlangsamt 
wird  und  dann  gerade  hierin  die  Ursache  für  die  Erniedrigung  des 
Blutdruckes  zu  suchen  ist. 

Eine  ähnliche  Ueberlegung  gilt  für  die  Erhöhung  der  Blut- 
spannung im  Liegen.  Damit  eine  solche  zu  Stande  komme  muss 
der  Zufluss  aus  den  Venen  ins  Herz  dem  Abfluss  gegen  die 
arteriellen  Bahnen  überwiegen.  Dies  kann  eben  so  gut  durch  eine 
Erschwerung  des  arteriellen  Abflusses,  als  durch  eine  Begünstigung 
des  venösen  Zuflusses  erfolgen. 

Ohne  den  directen  Versuch  ist  hier  wie  früher  eine  Entschei- 
dung immöglich. 

Zu  den  Bedingungen,  die  während  der  verschiedenen  Körperlagen 
geändert  werden,  gehörtauch  die  Aspirationsgrösse  des  Thorax, 
denn  es  ist  klar,  dass  beim  Stehen  die  niedersinkenden  Gedärme 
das  Zwerchfell  herabziehen  und  so  den  Thoraxraum  vergrössern 
müssen.  Während  des  Stehens  wird  also  wie  man  a  priori  zu 
schliessen  berechtigt  ist,  der  Best  von  Triebkraft,  den  der  Venen- 
strom vor  seiner  Einmündung  ins  Herz  besitzt,  durch  die  Thorax- 
aspiration einen  grösseren  Zuwachs  erfahren,  als  im  Liegen.  Diese 
Bedingung  kommt  selbstverständlich  bei  Versuchen,  die  an  curari- 
sirten  Thieren  und  dem  zufolge  bei  künstlicher  Athmung  angestellt 
werden,  nicht  zur  Geltung.  Hier  muss  die  Einwirkung  der  Schwer- 
kraft auf  den  Blutstrom  sich  ungetrübt  darstellen,  und  wir  unter- 
suchten daher  zunächst  den  Einfluss  des  Stehens  und  Liegens 
auf  den  Blutdruck  an  curarisirten  Thieren,  bei  denen  die  Ke- 
spiration  durch  Einblasen  von  Luft  bewerkstelligt  wurde. 

Die  Thiere  (wir  benützten  zu  unseren  Versuchen  nur  Hunde) 
wurden  auf  ein  Brett  gebunden,  die  präparirte  Carotis  mit  einem 
Qu  ecksilber-Manometer  in  Verbindung  gebracht  und  die  Einrichtung 


Ueber  die  Aenderongen  des  Blutdrucks. 


203 


getroffen,  dass  das  Brett  aus  der  horizontalen  Lage  leicht  in  eine 
verticale  gebracht  werden  konnte;  in  einzelnen  Versuchen  war  die 
Einrichtung  getroffen,  dass  die  Communicationsstelle  der  Carotis 
mit  dem  Manometer  während  der  Lageveränderungen  immer  auf 
gleicher  Höhe  erhalten  wurde.  Wo  dies  nicht  geschah,  wurde  vor 
dem  Versuche  die  Niveaudifferenz  der  Carotis  bestimmt  und  nach- 
träglich bei  den  Messungen  die  nothwendige  Correctur  angebracht. 
Ich  lasse  hier  die  Eesultate  von  4  derartigen  Versuchen  und 
zwar  zunächst  von  jenem  Theil  derselben  folgen,  wo  ausser  der 
Aenderung  der  Körperlage  kein  weiterer  Eingriff  vorgenommen 
wurde. 

Tabelle  VI. 

Blutdruck  beim  curarisirten  Hund  in  horizontaler  und  verticaler 

Lage;  kein  weiterer  Eingriff. 


Versuchszahl 


Zahl  der 
Beobach- 
tungen 


Blutdruck  in  Mm.  Hg 


horizontal |    vertical 


Verhält- 
nisszahl 


I. 


1. 

154 

20 

7*5 

2. 

128 

20 

64 

3. 

124 

12 

10-0 

4. 

120 

38 

32 

5. 

172 

122 

1*4 

6. 

160 

124 

1-2 

n. 


i. 

2. 

3. 

4. 

5. 

6. 

7. 

8. 

9. 
10. 
11. 
12. 


96 

28 

3*4 

102 

44 

23 

94 

30 

30 

104 

18 

38 

106 

18 

5*9 

96 

14 

6-8 

100 

22 

45 

102 

18 

5-6 

84 

14 

6*0 

62 

8 

7*7 

76 

10 

7*6 

92 

15 

6-0 

VI. 


1. 

184 

106 

1-8 

2. 

176 

114 

1-5 

3. 

196 

124 

1-6 

4. 

126 

90 

1*4 

5. 

120 

44 

27 

VH        |  1.        |       170       |       HO 


1-5 


204 


Friedmann. 


Es  ergibt  sich  also  aus  allen  Versuchen  eine  mittlere  Ver- 
hältnisszahl von  4*3  Mm. 

Ein  quantitativ  viel  geringeres  Verhältniss  ergibt  sich  aus 
den  in  folgender  Tabelle  zusammengestellten  Versuchen,  die  an 
normal  athm enden  Thieren,  die  nur  der  Beruhigung  halber  mit  Mor- 
phium narkotisirt  waren,  vorgenommen  wurden. 

Tabelle  VII. 

Blutdruck  am  mit  Morphium  narkotisirten  Thiere.  Unterschied  zwi- 
schen verticaler  und  horizontaler  Lage;  sonst  kein  Eingriff. 


Versuchszahl 


Zahl  der 
Beobach- 
tungen 


Blutdruck  in  Mm.  Hg 


horizontal 


vertical 


Verhält- 
nisszahl 


in. 


IV. 


1. 

2. 
3. 
4. 
5. 

6. 

7. 


104 

66 

1-57 

98 

76 

1-28 

102 

86 

1-18 

112 

90 

1-24 

78 

34 

2-29 

56 

42 

1-33 

72 

52 

1-40 

1. 


2. 


3. 
4. 
5. 


102 

92 

117 

(  110 

74 

1-4 

112 

74 

1-49 

(   84 

60 

1-4 

94 

64 

1-4 

104 

68 

1-5 

98 

50 

1-6 

V. 


1. 

104 

70 

1-48 

2. 

110 

88 

1*24 

3. 

84 

50 

1*68 

1. 

128 

82 

1-50 

2. 

124 

96 

1-29 

VIII. 


Läge,  wie.Marey  meint,  der  Hauptgrund  für  die  Blutdrucker- 
niedrigung im  Stehen,  in  dem  durch  die  Schwere  begünstigten  arte- 
riellen Abflüsse,  dann  wäre  nicht  einzusehen,  warum  bei  curarisirten 
Thieren  der  Blutdruck  mehr  im  Stehen  absinkt  als  bei  normal  ath- 
menden.  Der  Blutdruck  müsste  am  normal  athmenden  Thiere  gerade 


Ueber  die  Aenderungen  des  Blutdrucks. 


205 


wegen  des  grösseren  negativen  Druckes,  den  das  Herabziehen  des 
Zwerchfelles  bewirkt,  noch  viel  niedriger  sein.  Dass  dem  nicht  so 
geschieht,  lässt  sich  nur  durch  die  Annahme  erklären,  dass  die 
verstärkte  Aspiration  vielmehr  dem  gegen  die  Sichtung  der  Schwer- 
kraft fliessenden  Venenstrom  zu  Gute  kommt. 

Am  curarisirten  Thiere,  d.  i.  bei  künstlicher  Athmung  be- 
günstigt also  die  Schwere  den  Arterienstrom,  hemmt  aber  zugleich 
den  Venenstrom.  Da  letzterem  hier  die  Aspiration  nicht  zu  Statten 
kommt,  muss  der  Blutdruck  beim  Stehen  eine  viel  grössere  Ein- 
busse  erfahren. 

Aus  dem  Vergleiche  der  an  normal  künstlich  athmenden 
Thieren  angestellten  Versuche  ergibt  sich  also,  dass  die  besagten 
Aenderungen  des  Blutdruckes  gewiss  nicht  allein  von  Aenderungen 
des  Arterienstroms  herrühren,  sondern  dass  auch  dem  Venenstrom 
diesbezüglich  ein  grosser  Anth6Ü  zukommt. 

Welcher  von  diesen  beiden  Einflüssen  der  überwiegende  konnte 
nur  durch  Versuche  entschieden  werden,  in  denen  man  bald  den 
Arterienstrom,  bald  den  Venenstrom,  oder  beide  zugleich  hinderte, 
sich  an  dem  Zustandekommen  der  in  Frage  stehenden  Aenderun- 
gen zu  betheiligen. 

Abklemmimg  der  Brust-Aorta  ist  nun,  wie  meine  Versuche 
ergeben,  am  curarisirten  Thiere  nicht  im  Stande,  das  Sinken  des 
Blutdrucks  beim  Ueberführen  des  Körpers  aus  der  horizontalen  in 
die  verticale  Lage  zu  hindern. 

Nachfolgende  Tabelle  gibt  hiervon  Zeugniss. 

Tabelle  VIII. 

Blutdruck  beim  Hunde  (curar.)  in  horizontaler  und  verticaler  Lage 

Brustaorta  comprimirt. 


Versuchs- 
zahl 

Zahl  der 
Beobach- 
tungen 

Blutdruck  in  Mm.  Hg 

Verhältniss- 
zahl 

horizontal 

vertical 

IL 

1 
2 
3 

140 
124 
130 

38         1          3'7           | 
44                   2-8           ! 

32        ;        4-2         ; 

VI. 

1 
2 

200 
100 

158         |          13 

136                   1*3           ; 

vn.    i 

1          1 

180 

148         | 

1-2 

Mittel    2*4. 


206 


Friedmann. 


Im  Stehen  ist  also  noch  immer  der  Blutdruck  viel  kleiner, 
als  im  Liegen.  Allerdings  ist  das  mittlere  Verhältniss,  das  hier  2*4 
beträgt,  etwas  kleiner  als  oben  wo  es  4*3  ausmachte.  Daraus  folgt 
aber  nur,  dass  auch  dem  erleichterten  arteriellen  Abflüsse  ebenfalls  eine 
Bedeutung  zukommt,   was  ja  nicht  in  Abrede  gestellt  werden  soll. 

Aehnlich  wie  am  curarisirten  Thiere  verhält  es  sich  nach 
(Kompression  der  Aorta  am  normal  athm enden,  auch  hier  bleiben 
die  Unterschiede  zwischen  Stehen  und  Liegen  nicht  aus,  nur  sind 
sie  vergleichsweise  geringer.  Während  bei  wegsamer  Aorta  das 
mittlere  Verhältniss  1*4  betrug,  beträgt  es  hier  nur  1*14.  Ist  die 
Aspiration  beim  Stehen  besonders  wirksam,  was  in  einigen  Fällen 
aus  der  Vergrösserung  der  respiratorischen  Blutdruckschwankungen 
ersichtlich  ist,  dann  kann  es  auch  dazu  kommen,  dass  der  Zufluss  aus 
den  Venen  den  Abfluss  des  arteriellen  Blutes  überwiegt  und  dann 
in  Folge  dessen  im  Stehen  der  Blutdruck  höher  wird  als  im  Liegen. 

Folgende  Tabelle  enthält  die  hierhergehörigen  Versuche. 

Die  Aorta  muss  bei  diesen  Versuchen  extrapleural  präparirt 
werden,  ein  Unternehmen,  das  grosse  Vorsicht  und  Uebung  erfordert. 
Ueber  Ausfuhrung  der  betreffenden  Operation  wird  an  anderer  Stelle 
berichtet  werden. 

Tabelle  EX. 

Blutdruck  beim  Hunde  in  horizontaler  und  verticaler  Lage 
(Morphium-Narkose)  Brustaorta  comprimirt. 


Versuchs- 
zahl 

Zahl  der 
Beobach- 
tungen 

Blutdruck  in  Mm.  Hg 

Verhältniss- 
zahl 

horizontal 

vertical 

m. 

1 
2 
3 

4 
5 

120 
132 
140 
146 

148 

100 
112 
430 
130 
136 

1-20 
1*17 
1*08 
1-12 
1*08 

• 

rv. 

1 

2 
3 

114 
146 
180 

88 
160 
132 

1-28 
0*90 
1-30 

Ebensowenig  wie  die  Compression  der  Aorta  kann  die  Com- 
pression  der  Vena  cava  ascendens  am  curarisirten  Thiere  das  Ab- 
sinken des  Blutdruckes  im  Stehen  und   das   Steigen   beim   Liegen 


Ueber  die  Aendeiunsren  dos  Blutdrucks. 


207 


aufhalten.  Selbstverständlich  muss  hier  der  Grund  der  Blutdrucks- 
änderungen grösstenteils  in  dem  vermehrten  resp.  verminderten 
Abfluss  des  arteriellen  Blutes  gesucht  werden. 

Von   den    betreffenden   Verhältnissen   gibt   die   nachfolgende 
Tabelle  Aufschluss: 

Tabelle  X. 
Blutdruck  beim  Hunde  (curar.)  in  horizontaler  und  verticaler  Stellung 

(Vena  cava  unterbunden). 


Versuchs- 
zahl 


Zahl  der 
Beobach- 
tungen 


Blutdruck  in  Mm.  Hg 


horizontal 


vertical 


Verhält- 
nisszahl 


Anmerkungen 


IL 


36 


26 
44 


8 


8 


38 


45 


32 


1-16 


Blutdruck  im  ganzen 
sehr  klein 


Aus  demselben  Grunde  wie  früher  muss  auch  am  normal  ath- 
menden  Thiere,  dem  die  Vena  cava  comprimirt  wird,  der  Blutdruck 
im  Stehen  fallen. 

Der  Unterschied  zwischen  dem  Blutdruck  beim  Stehen  und 
Liegen  ist  wie  der  Versuch  lehrt,  sogar  hier  ein  grösserer,  wohl  nur 
deshalb,  weil  der  gewöhnliche  Effect  der  starken  Thoraxaspiration, 
insoweit  derselbe  sich  auf  den  vermehrten  Blutzufluss  aus  der  Vena 
cava  bezieht,  begreiflicher  Weise  nicht  zur  Geltung  gelangen  kann. 

Die  folgende  Tabelle  enthält  die  Zusammenstellung  der  Ke- 
sultate  eines  diesbezüglichen  Versuches. 

Tabelle  XL 

Blutdruck  in  horizontaler  und  verticaler  Lage.  Morphium -Narkose. 

Vena  cava  obturirt. 


Versuchs- 
zahl 


Zahl  der 
Beobach- 
tungen 


Blutdruck 
im  Liegen 
in  Mm.  Hg 


Blutdruck 
im  Stehen 
in  Mm.  Hg 


!    Verhältniss- 
zahl 


IX. 


1 

l 


72 
68 


41 


38 


1-7 


18 


Med.  Jahrbücher.  1882. 


14 


208  Friedmann. 

Die  Compression  der  V.  cava  wurde  hier  in  der  Weise  vorge- 
nommen, dass  man  in  dieselbe  durch  die  Vena  jugularis  eine  Bohre 
einführte,  die  in  einem  kleinen  Cautschuckballon  endigte.  Behufs 
Obturation  der  V.  cava  wird  vom  freien  Ende  der  Bohre  aus  der 
Cautschuckballon  aufgeblasen. 

Die  eben  angeführten  Versuche  ergaben,  dass  weder  die  Com- 
pression  der  Aorta  noch  die  der  Vena  cava  für  sich  allein  vorge- 
nommen im  Stande  seien  die  Blutdruckveränderungen  aufzuheben, 
die  unter  dem  Einflüsse  verschiedener  Körperlagen  erfolgen,  und 
es  erhellt  aus  ihnen  zur  Genüge,  dass  diese  Aenderungen  als 
das  Besultat  von  Vorgängen  aufgefasst  werden  müssen,  die  den  ar- 
teriellen sowohl  als  auch  den  venösen  Blutstrom  betreffen.  Die  Ver- 
suche lehrten  ferner,  dass  am  curarisirten  Thiere  die  Behinderung 
des  Venenstromes  beim  Stehen  einen  wesentlicheren  Factor  als  der 
erleichterte  Abfluss  gegen  die  Arterien  darstellt,  und  dass  am  nor- 
mal athmenden  Thiere  diese  Behinderung  zum  Theile  durch  die 
stärkere  Thoraxaspiration  zum  Theile  paralysirt  wird. 

Die  Stichhaltigkeit  all  dieser  Betrachtungen  musste  aber  auch 
aus  Versuchen  hervorgehen,  in  denen  sowohl  die  Aorta  thoracica 
als  auch  die  Vena  cava  ascendens  und  zwar  beide  gleichzeitig  com- 
primirt  wurden. 

Die  bezüglichen  Versuche  wurden  so  angestellt,  dass  zuerst 
die  Aorta  thoracica  und  dann  die  Vena  cava  comprimirt  wurde. 
Das  umgekehrte  Verfahren  hätte  den  Blutdruck  erst  von  vornherein 
zu  sehr  erniedrigt,  und  es  wäre  nicht  möglich  gewesen,  grössere 
Versuchsreihen  ohne  wesentliche  Schädigung  des  Herzens  auszu- 
führen. 

Die  folgenden  Tabellen  beziehen  sich  zunächst  auf  Versuche 
am  curarisirten  Thiere. 


Ueber  die  Aenderungen  des  Blutdrucks. 


209 


Tabelle  Xu. 

Blutdruck  beim  Hunde  (curar.)  in  horizontaler  und  verticaler  Lage 
(Aorta  tborac.  und  Vena  cava  unterbunden). 


Ver- 

suchs- 

zahl 

Zahl  der 
Beobach- 
tungen 

Blutdruck  in 
Mm.  Hg 

Verhält- 
nisszahl 

hori- 
zontal 

ver- 
tical 

n. 

1 

2 

3 

4 

5 

6 

7 

8 

9 

10 

11 

12 

13 

14 

HO 
82 
62 

100 
88 

112 

106 
46 
44 
40 
44 
50 
36 
16 

80 
62 
50 
78 
84 
94 
100 
50 
46 
24 
38 
46 
36 
16 

1-30 
1-30 
1-20 
1-20 
105 
1-17 
1-06 
0-90 
0-90 
1-67 
115 
1-09 
1-00 
1-00 

Tabelle  XHL 

Blutdruck  beim  Hunde  (curar.)  in  horizontaler  und  verticaler  Lage 

(Aorta  und  Vena  cava  unterbunden). 


Ver- 
suchs- 
zahl 

Zahl  der 
Beobach- 
tungen 

Blutdruck  in 
Mm.  Hg 

Verhält- 
nisszahl 

hori- 
zontal 

ver- 
tical 

VII. 

2 
3 

4 
5 

6 
7 
8 
9 

132 

86 

84 
68 

80 

72 
70 

72 

130 
100 

80 
70 

78 
76 
62 
64 

1-01 
0*86 

1*05 
0-90 

1*02 
0*90 
1-12 
112 

14' 


210 


Friedmans. 


Hier  existirt  also  so  gut  wie  kein  Unterschied  zwischen  der 
Arterienspannung  beim  Stehen  und  Liegen. 

Ein  fast  gleiches  Verhältniss  ergab  sich  auch  aus  dea  in  nach- 
stehender Tabelle  zusammengestellten  Versuchen,  in  denen  ausser  der 
Aorta  thoracica  und  Vena  cava  auch  die  Vena  azygos  comprimirt 
war,  woraus  zu  entnehmen  ist,  dass  dem  Zufluss  aus  der  Vena 
azygos  hier  keine  wesentliche  Bolle  zukommt. 


Tabelle  XIV. 
Blutdruck   beim  Hunde  im  Stehen  und    Liegen  (curarisirt). 
cava,  Vena  azygos  und  Arteria  aorta  comprimirt. 


Vena 


Ver- 
suchs- 
zahl 


Zahl  der 
Beobach- 
tungen 


Blutdruck  in 
Mm.    Hg 


hori- 
zontal 


ver- 
tical 


Verhält- 
nisszahl 


vn. 


1 

100 

88 

2 

68 

60 

3 

68 

62 

4 

76 

72 

1*10 
110 
1-09 
1-05 


vn. 


1 

96 

104 

2 

96 

92 

3 

67 

62 

4 

69 

59 

5 

66 

58 

0*90 
1-03 
1-06 
1-15 
1-13 


In  gleicher  Weise  wie  am  curarisirten  verschwinden  auch  am 
normal  athmenden  Thiere  die  Unterschiede,  wenn  man  die  Aorta 
thoracica  sowohl  als  die  Vena '  cava  in  der  beschriebenen  Weise 
comprimirt.  Den  diesbezüglichen  Versuch  habe  ich  am  selben  Thiere 
ausgeführt,  auf  den  Tabelle  IX  sich  bezieht.  Die  Besultate  waren 
folgende : 

Tabelle  XV. 
Thier   mit  Morphium   narkotisirt.    (Arteria  thorac.  und  Vena  cava 

comprimirt.) 


Versuchs- 
zahl 

Zahl  der 
Beobach- 
tungen 

Blutdruck  in  Mm.  Hg 

Verhält- 
nisszahl 

horizontal  I    vertical 

IX. 

1 

2 
3 

140 
134 
118 

130 
128 
116 

11 

101 

1-01 

Ueber  die  Aenderungen  des  Blutdrucks.  211 

Die  ausserordentlich  geringen  Unterschiede,  die  hier  sowohl, 
wie  in  den  beiden  letzten  Versuchsreihen  bestehen,  kommen  sowohl 
auf  Rechnung  jener  Gefassgebiete,  die  nach  Ausschaltimg  der  Art. 
aorta  und  der  Vena  cava  resp.  der  Vena  azygos  übrig  bleiben.  Hier- 
mit können  aber  nur  jene  Gefassgebiete  gemeint  sein,  deren  Lage- 
veränderung in  dem  auseinandergesetzten  Sinne  wirkt,  also,  wie 
leicht  einzusehen  durchaus  nicht  das  Gefässgebiet  des  Kopfes. 


xm. 

■ 

Ueber  die  pathologisch-anatomischen  Bedingungen  des 
urämischen  Symptomen-Oomplexes  bei  Nephritiden 


von 


Dr.  Jar.  Hlava  und         Dr.  Jos.  Thoinayer 

Assistent  der  path.  Anatomie  Assistent  der  I.  med.  Klinik   (Prof.  Eiselt) 

in  Prag1. 

(Am  1.  April  1882  von  der  Iiedactimi  ühernommc-n.) 


Die  Entstehung  des  urämischen  Sjrmptornenconiplexes  erfuhr 
wohl  schon  vielfach  eine  sehr  verschiedene  Deutung,  doch  lassen 
sich  die  ausgesprochenen  Ansichten  im  Allgemeinen  in  zwei  grosse 
Gruppen  sichten:  Für  die  Einen  ist  Urämie  eine  Folge  von  ßeten- 
tion  gewisser  Harnbestandtheile  im  Organismus,  für  die  Anderen 
nicht.  Auf  diese  Art  wurde  Arachnitis,  seröser  Erguss  mit  oder 
ohne  vorangehende  Blutdrucksteigerung  u.  A.  als  Ursache  des 
urämischen  Symptomencomplexes  angesehen,  wobei  allerdings  das 
Wort  „Urämie"  uncorrecter  Weise  gebraucht  wird,  nachdem  es,  ob- 
zwar  es  die  Theorien  bestreiten,  doch  nur  auf  eine  Intoxication 
durch  Harnbestandtheile  hindeutet.  Leider  kann  man  nicht  be- 
haupten, dass  man  heute  schon  die  eine  oder  die  andere  Theorie 
für  ausschliesslich  richtig  erklären  könnte.  Klinische  Erfahrungen 
haben  in  dieser  Angelegenheit  gewiss  ein  wichtiges  AVort  mitzu- 
sprechen, aber  gerade  sie  zeigen,  dass  Urämie  unter  verschieden- 
artigen Bedingungen  eintreten  könne.  Es  ist  wohl  richtig,  dass 
vielleicht  in  der  überwiegenden  Mehrzahl  der  Fälle  dem  Ausbruche 
von  Urämie  ein  bedeutendes  Sinken  der  Harnsecretion  ja  mitunter 
vollkommene  Anurie  vorangeht,  aber  es  gibt  auch  anscheinend  wohl 
constatirte  Fälle  von   Urämie,  im  Verlaufe   derer   eine   reichliche 


214  Hlava  und  Thomayer. 

Diurese  herrscht  und  die  somit  anscheinend  nicht  so  leicht  zu 
Gunsten  der  Anschauung,  dass  Urämie  Folge  von  Betention  sei, 
verwendet  werden  können.  Fälle,  in  denen  Urämie  bei  reichlicher 
Diurese  auftrat,  wurden  vielfach  publicirt  und  dem  entsprechend 
für  verschiedene  Anschauungen  verwerthet.  Budde1)  beobachtete 
angeblich  fünf  Fälle  von  Urämie,  bei  denen  reichliche  Diurese  bis 
zum  Anfange  des  Anfalles  andauerte,  in  einem  Falle  soll  sogar 
unter  dem  Anfalle  die  Diurese  gestiegen  sein  (vor*  1200  auf  2000  Com.) 
B.  wendet  sich  in  Folge  dessen  gegen  die  Theorien  der  Intoxica- 
tion  mit  Extractivstöffen  und  spricht  sich  aus  für  die  Theorie  von 
Traube  (Anämie  und  Oedem  des  Gehirnes).  Auch  Strümpell2) 
erwähnt  urämische  Erscheinungen  in  Fällen,  in  welchen  während 
derselben  die  Diurese  an  keinem  Tage  weniger  als  1800  Ccm. 
betrug.  Stricker3)  beschreibt  einen  Fall,  in  dem  bei  reichlicher 
Diurese  und  sehr  stark  gespanntem  Puls  der  Kranke  wiederholt 
an  urämischen  Anfallen  gelitten  hat,  wogegen  vor  dem  Tode  Anurie 
vorherrschte  und  trotzdem  sich  keine  urämischen  Erscheinungen 
einstellten.  Solcher  Fälle  gibt  es  in  der  Literatur  eine  grössere 
Menge. 

Es  lässt  sich  gegen  ihre  Verwendung  für  eine  bestimmte 
Theorie  wohl  manches  einwenden:  So  sind  wohl  zur  Entscheidung 
einer  so  wichtigen  Frage  nur  Fälle  mit  Sectionsbefund  verwendbar. 
Wir  kennen  einen  Fall,  der  durch  längere  Zeit  an  den  verschiede- 
nen Abtheilungen  des  hiesigen  allgemeinen  Krankenhauses  beob- 
achtet wurde  und  überall  als  ein  Paradigma  von  chronisch-inter- 
stitieller  Nephritis  angesehen  wurde.  Wir  haben  klinisch  Hyper- 
trophie des  linken  Herzens  nachweisen  können,  viel  Harn,  sehr 
wenig  Albumen,  sehr  wenig  Formelemente,  und  trotzdem  handelte 
es  sich  in  diesem  Falle,  wie  später  die  Section  ergab,  um  eine 
selbstständige  Hypertrophie  des  linken  Herzens  mit  massiger  Indura- 
tion der  Nieren.  Dieser  Fall  beweist  hinreichend,  wie  leicht  man 
sich  beim  Lebenden  täuschen  könne,  und  dass  man  somit  zu  ange- 
deuteten Zwecken  nur  Fälle  mit  Obductionsbefunden  verwenden 
müsse. 


*)  Ref.  in  Virch.  Hirsch  Jahresb.  I.  p.  347. 

*)  Bemerkungen    über    die   Urämie   etc.    Archiv  für  Heilkunde    XVI. 
1876,  p.  39. 

*)  Stricker,  Nephritis  interst.  im  3.  St.  Neue  Charitä-AnnaJen  I.  p.  $65. 


Symptomen-Complex  bei  Nephritiden.  215 

Zweitens  kann  man  doch  nicht  beweisen,  dass  nervöse,  im 
Verlaufe  von  Nephritis  vorkommende  Erscheinungen  immer  den 
gleichen  Ursprung  und  dieselbe  Bedeutung  besitzen.  Wollte  man 
es  thun,  so  müsste  die  Pathogenese  derselben  etwas  klarer  sein, 
als  sie  es  de  facto  ist.  Nicht  alle  im  Verlaufe  von  Lungentuber- 
culose  beobachtete  nervöse  Erscheinungen  entsprechen  gleich  schon 
der  Tuberculose  des  Gehirnes  und  seiner  Hüllen,  möglicher  Weise 
sind  auch  nicht  alle  im  Verlaufe  von  Nephritis  beobachtete  Kopf- 
schmerzen, Krämpfe  etc.  urämischen  Ursprunges.  Nebenbei  kann 
man  doch  nicht  in  gegebenem  Falle  bestimmen,  welches  Symptom 
bereits  als  Ausdruck  von  Urämie  zu  gelten  habe. 

Drittens  endlich  widerspricht  ja  reichliche  Diurese  nicht  gar  so 
entschieden  der  Möglichkeit  von  Betention  gewisser  Harnbestandtheile. 
Wären  wir  an  die  Ludwig'sche  Theorie  der  Harnsecretion  aus- 
schliesslich gewiesen,  so  würden  wir  uns  allerdings  Diurese  und 
Betention  von  Harnbestandtheilen  schwierig  erklären  können.  Dies 
sind  wir  aber  keinesfalls. 

Die  Theorie  Ludwig'  s  wurde  bekanntlich  durch  Heidenhein 
derartig  entkräftet,  dass  man  sie  unmöglich  für  ausreichend  betrach- 
ten kann.  Heidenhein  selbst  hält  die  ältere  Anschauung  von 
Bowman  aufrecht  und  hat  dieselbe  durch  imposante  Beob- 
achtungen erhärtet1).  Man  kann  kurz  sagen:  Nach  den  Auseinan- 
dersetzungen von  Heidenhein  ist  anzunehmen,  dass  die  Malpighi- 
schen  Knäuel  das  Harnwasser  und  gewisse  Salze;  die  Epithelien 
der  gewundenen  Schläuche  dagegen  die  specifischen  Harnbestand- 
theile absondern.  Wohl  wurde  die  diesbezügliche  Beweisführung 
Heidenhein's  theilweise  in  Frage  gestellt,  indem  Pautynski8)  und 
Henschen3)  bei  ihren  Untersuchungen  wiederholt  gefunden  haben, 
dass  Indigcarmin  nicht  ausschliesslich  von  den  Epithelien  der  Haru- 
kan&lchen  abgesondert  werde,  sondern  auch  durch  die  Malpighi'schen 
Knäuel  zeitweise  durchtrete  (wogegen  Heidenhein  bei  seinen 
Thierversuchen  nur  das  erstere  gefunden  hatte),  doch  hat  Grützner4) 
nach  minutiöser  Analyse  beider  Arbeiten  nachgewieson,  dass  die 
Befunde  von  Pautynski  und  Henschen  pathologischen  Verhält- 

')  u.  a.  Herrmann,  Handbuch  der  Phys.  V.  1.  1880. 
*)  Arch.  für  path.  Anatomie  Bd.  79.  1880,  p.  390. 
•)  Ref.  in  Virch.  Hirsch  Jahresber.  1880,  1.  p.  146. 
*)  Pflüger's  Archiv  1881,  XXIV.  p.  140. 


210  Hlava  und  Thomaver. 

nissen  entsprechen  und  somit  unmöglich  auf  physiologische  Ver- 
hältnisse einen  Rückschluss  gestatten.  —  Die  Theorie  von  Bow- 
man-  Heidenhein  ist  aber  für  unsere  Zwecke  sehr  gut  ver- 
werthbar.  Ist  Urämie  Folge  von  Retention  gewisser  Harnbestand- 
theile  im  menschlichen  Organismus,  so  kann  sie  nach  der  Theorie 
von  Bowman-Heidenhein  sehr  gut  erklärt  werden,  selbst  dann, 
wenn  während  der  urämischen  Erscheinungen  die  Harnmenge  nicht 
sinkt.  Denn,  man  kann  sich  in  diesem  Falle  vorstellen,  dass  die 
Glomeruli  nur  wenig  verändert  sind,  wogegen  das  Epithel  der  ge- 
wundenen Kanälchen  gestört  sein  kann,  ein  Zustand  wie  er  that- 
sächlich  bei  grosser  weisser  Niere  vorkommt. 

Urämie  mit  Abnahme  der  Harnsecretion  würde  unter  diesen 
Umständen  Veränderung  sowohl  der  Epithelien,  als  der  Mal- 
pighf  sehen  Knäuel  voraussetzen,  kurz  man  würde  unter  diesen 
Umständen  immerhin  Retention  von  Harnbestandtheilen  annehmen 
können. 

Jedoch  setzen  wir  voraus,  dass  keiner  dieser  Einwände  hinreichend 
stichhältig  sei,  um  eine  andere  Möglichkeit  der  Entstehung  von 
Urämie  auszuschliessen,  und  zugestanden,  dass  Urämie  in  gewissen 
Fällen  beispielweise  von  der  Einwirkung  des  Blutdruckes  auf  das 
Gehirn  abhängig  sei,  so  wird  man  doch  in  anderen  Fällen  nicht 
in  Abrede  stellen  können,  dass  Verminderung  der  Harnsecretion 
dem  Ausbruche  der  Urämie  vorangeht.  Klinische  Erfahrung  und 
Experiment  stehen  da  vollkommen  in  Einklang.  Wir  brauchen  nur 
auf  die  Erscheinungen  bei  Cholera-Nephritis,  bei  acuter  Nephritis 
hinzuweisen,  um  die  nöthigen  Belege  zu  finden.  Desgleichen  gilt 
auch  von  den  experimentellen  Untersuchungen,  wie  es  beispielsweise 
die  neueste  Arbeit  über  Urämie  beweist '). 

Feltz  und  Ritter  haben  eine  grössere  Anzahl  der  früher  ge- 
machten Versuche  wiederholt  und  haben  abermals  gefunden,  dass 
nach  Unterbindung  von  beiden  Nierenschlagadern  eclamptische  An- 
falle, Coma  und  Tod  erfolgen.  Desgleichen  fanden  sie,  dass  Injection 
von  reinem,  frischen  Harne,  wenn  die  injicirte  Menge  dem  binnen 
24  Stunden  secernirten  Quantum  entsprach,  rasch  nervöse  Erschei- 
nungen und  selbst  Tod  zur  Folge  habe.    Hiebei  schlössen  sie   aus, 


')  V.  Feltz  et  E.  Ritter:    De  ruremie  experi  mentale.  Paris,  Berger- 
Lcvrault  i«St. 


Symptomen -Complex  bei  Nepliritiden.  217 

dass  der  injicirte  Harn  seine  Schädlichkeit  lediglich  dem  Wasser- 
gehalte verdanke,  indem  gleiche  Menge  von  Wasser  den  Ausbruch 
der  nervösen  Erscheinungen  nicht  beschleunigte,  dagegen  concen- 
trirter  Harn  viel  intensiver  wirkte  als  unveränderter.  Es  ist  für 
unsere  Zwecke  gleichgiltig,  dass  Feltz  und  Ritter  Kaliumsalze 
des  Harnes  als  das  eigentliche  giftige  Agens  des  Harnes  betrachten 
und  dies  durch  eine  Reihe  sorgfältig  ausgeführter  Versuche  zu  be- 
weisen trachten.  Für  unsere  Zwecke  genügt  es  vollständig,  dass 
sie  neuerdings  die  giftige  Einwirkung  des  Harnes  auf  den  mensch- 
lichen Organismus  nachgewiesen  haben,  und  dass  somit  Reten- 
tion  des  Harnes  als  ein  keineswegs  gleichgiltigor  Zu  stand 
gelten  muss. 

Es  ist  uns  wohl  bekannt,  dass  Fälle  angeführt  wurden,  in 
denen  trotz  Nephritis  und  Anurie  keinerlei  urämische  Erscheinungen 
aufgetreten  sind,  jedoch  betrachton  wir  alle  Fälle  nicht  als  bewei- 
send und  anderestheils  sind  ja  im  menschlichen  Organismus  hin- 
reichend viele  andere  Wege  geboten,  auf  denen  gewisse  schädliche 
Stoffe  unter  gewissen  Bedingungen  ausgeschieden  werden  können. 
Wenn  ein  Lungenschwindsüchtiger,  der  nebenbei  au  interstitieller 
Nephritis  und  amyloider  Degeneration  leidet,  nach  132  Stunden 
angeblich  completer  Anurie  ohne  urämische  Erscheinungen  zu  Grunde 
geht  (Budde  1.  c),  so  kann  man  wohl  schon  annehmen,  dass  noch 
andere  Verhältnisse  geherrscht  haben  mochten,  die  das  Ausbleiben 
von  Urämie  verursachten ;  denn  zum  Zustandekommen  von  nervösen 
Erscheinungen  gehört  ja  neben  dem  Reagens  noch  das  prompt  rea- 
girende  Nervensystem. 

Andererseits  ist  es  beispielsweise  bekannt,  dass  bei  hysterischer 
Ischurie  in  den  erbrochenen  Massen  die  Anwesenheit  einer  gewissen 
Quantität  Harnstoff  nachgewiesen  wurde  '). 

Soviel  glaubten  wir  vorausschicken  zu  müssen,  ehe  wir  zum 
eigentlichen  Gegenstand  unserer  Untersuchungen  gelangen.  Wir  leg- 
ten uns  bei  diesen  die  Frage  vor,  ob  der  Existenz  des  urämischen 
Symtomencomplexes  bei  Nephritis  dio  Anwesenheit  bestimmter  ana- 
tomischer Veränderungen  in  den  Nieren  zu  Grunde  liege,  und  ob 
solche  Veränderungen  wenn  sie  vorliegen  in   causalen   Nexus   mit 


!)  Charcot,  klinische  Vorlesungen  über  Krankheiten  des  Nervensystems, 
putsch  von  B.  Fetzer.  1876.  I.  p.  287. 


218  Hlava  und  Thomayer. 

der  Urämie  gebracht  werden  können.  Diese  Frage  ist  gewiss  keines- 
wegs unwichtig,  denn,  wenn  man  nachweisen  kann,  dass  solche 
Veränderungen  thatsächlich  existiren,  so  gewinnt  die  Lehre  von 
der  Urämie  einen  viel  festeren  Boden.  Die  Literatur  gibt  zu  dieser 
Frage  nur  eine  unbefriedigende  Antwort.  Zumeist  war  man  ja 
vorwiegend  mit  der  chemischen  oder  wenn  man  will,  mit  der  toxi- 
cologischen  Seite  des  Processes  beschäftigt  und  wenn  man  schon 
die  eigentliche  Entstehung  berücksichtigte,  so  waren  es  nur  physio- 
logische Hypothesen  über  Blutdruck  und  dessen  Verhältnisse,  die 
man  in  Betracht  zog. 

Ueber  die  anatomischen  Bedingungen  der  Urämie  finden  wir 
Notizen  vor  Allem  bei  Charcot1)  und  Klebs2).  Der  Erstere 
glaubt  annehmen  zu  können,  dass  plötzliches  Sinken  des  Blutdruckes 
die  Harnsecretion  vermindern  könne,  worauf  dann  Urämie  durch 
Besorption  einzelner  Harnbestandtheile  entstehe.  Uebrigens  gibt 
Charcot  zu,  dass  der  Mechanismus  ein  weit  complicirterer  sein 
könne.  Er  sagt  1.  c.  Seite  318  wörtlich:  „On  peut  se  demander 
si  T  accumulation  d' un  grand  nombre  des  cylindres  hyalins  ou 
cireux  retenus  dans  les  canalicules  uriniföres  ne  peut  pas  quelquefois 
d^terminer  la  production  de  l'uremie".  Dabei  stützt  er  sich  auf 
Bartels,  der  in  manchen  Fällen  von  Urämie  keine  Cylinder  im 
Harne  gefunden  hat. 

Auch  Klebs  berührt  bei  der  Glomerulonephritis  ein  ursäch- 
liches anatomisches  Moment  für  die  Entstehung  von  Urämie.  Wie 
bekannt,  hat  Klebs  Glomerulonephritis  als  eine  neue  Form  den 
Nierenentzündungen  hinzugefügt,  welche  sich  dadurch  charakterisirt, 
dass  die  hauptsächlichsten  Veränderungen  im  Glomerulus  vorkom- 
men. Dieselben  geben  sich  kund  durch  Wucherung  des  Stützgewe- 
bes, das  später  schrumpfend  die  Obsolescirung  des  Knäuels  zur 
Folge  hat.  Klebs  meint  bei  dieser  Gelegenheit,  dass  eine  solche 
Compression  der  Gefässe  hinlänglich  die  Anurie  und  hiemit  Urämie 
erkläre.  Der  Annahme  einer  solchen  Glomerulonephritis  wider- 
strebten besonders  die  deutschen  Autoren  und  unter  diesen  neuer- 
dings Bibbert  in  seiner  Arbeit:  Albuminurie  und  Nephritis  (1881), 


*)  Le9ons  sur  les  maladies  du  foie  et  des  reins  1877,  p.  318. 
*)  Handbuch  d.  path.  Anatomie  3.  Lief.  1879,  p.  646, 


Symptomen- Complex  bei  Nephritiden.  219 

doch  wurden,  hauptsächlich  von  englischen  Forschern,  solche  For- 
men vielfach  constatirt. 

Dem  ungeachtet  können  wir  diese  Frage  als  eine  noch 
offene  betrachten,  trotzdem  wir  nicht  die  Exactheit  der  Klebs'schen 
Anschauung  bezweifeln.  Es  sind  ja,  wie  bekannt,  Fälle  von  Glome- 
rulonephritis in  diesem  Sinne  nicht  ein  so  häufiger  Befund.  Aber 
so  viel  ist  sicher,  dass  die  Erklärungsweise  der  Entstehung  von 
Urämie,  wie  sie  Klebs  für  diese  Fälle  gegeben,  eine  vollständig 
hinreichende  war.  Bartels1)  spricht  sich  nur  allgemein  über  die 
Entstehungsweise  der  Urämie  aus  und  glaubt,  (1.  c.  p.  480) 
dass  für  die  vorübergehende  Urämie  die  Ursache  ausserhalb  der 
Nieren  liege. 

Selbst  die  neueste  Arbeit  über  diesen  Gegenstand2)  spricht 
sich  im  Ganzen  sehr  allgemein  über  die  nächsten  Ursachen  der 
Urämie  bei  Morbus  Br.  aus.  Nach  Wagner  sind  die  nächsten  Ur- 
sachen derselben:  „Veränderungen  im  Nierengewebe  (Krankheiten 
der  Glomeruli,  Verstopfung  und  Verengerung  der  Harnkanälchen, 
Erkrankungen  von  bis  dahin  noch  normalen  Theilen  der  Nieren- 
substanz)"  und  ferner  verschiedene  pathologische  Zustände,  deren 
Entstehung  an  die  Veränderungen  der  Nierensubstanz  im  Ganzen 
nicht  gebunden  ist.  —  Eine  detaillirte  Würdigung  der  Verhältnisse 
in  der  Niere  selbst  finden  wir  bei  Wagner  nicht. 

Es  geht  somit,  wie  es  uns  scheint,  aus  dieser  kurzen  Ueber- 
sicht  hervor,  dass  wir  nur  über  wenige  Arbeiten  in  der  Literatur 
verfügen,  welche  der  pathol.  anatomischen  Seite  der  Urämie  grössere 
Aufmerksamkeit  geschenkt  hätten.  Die  Ansicht  Charcot's  können 
wir  nicht  als  stichhältig  anerkennen  und  zwar  einerseits  wegen  des 
mikroskopischen  Befundes  in  unseren  Fällen,  anderseits  hatten  wir 
gerade  einen  solchen  Fall  beobachtet,  (amyloide  Degeneration  mit 
Nephritis)  in  dem  die  gewundenen  Kanälchen  geradezu  mit  Cylindern 
überfüllt  waren  und  doch  keine  urämischen  Erscheinungen  während 
des  Lebens  constatirt  wurden.  Die  Ansicht  Klebs'  betrifft,  vorausge- 
setzt, dass  eine  solche  Form  von  Nephritis  existirt,  nur  eine  Abart 
der  Nephritiden  und  bezieht  sich  nicht  auf  die  bei  weitem  öfters 
auftretenden  diffusen,  acuten  und  chronischen  Formen. 


")  v.  Ziemssen,  Handbuch  1877.  IX.  1.  p.  480. 

■)  v.  Ziemssen,  Handbuch  1882.  IX.  1.  Hälfte  p.  72. 


220  Hlava  und  Thomayer. 

Unsere  Arbeit  stützt  sich  auf  die  Untersuchung  von  22  Fällen 
von  Nierenentzündung,  von  welchen  bei  einigen  Urämie  während 
des  Lebens  constatirt,  bei  anderen  aber  nicht  beobachtet  wurde. 
Wir  glauben  hiemit  genug  Material  gesammelt  zu  haben,  um  daraus 
gewisse  Schlüsse  ziehen  zu  können. 

Bevor  wir  noch  zu  der  detaillirten  Beschreibung  der  einzelnen 
Fälle  übergehen,  müssen  wir  gestehen,  dass   für  uns   die  früheren 
Ortes  aufgeführten   Consequenzen   der   Bowman-Heidenhein'schen 
Theorie   nicht  bindend   waren.    Wir   haben  nur  gesagt,  dass  auf 
Grundlage  dieser  Theorie  die  Betention  der  Harnbestandtheile  auch 
bei  reichlicher  Diurese  erklärt  werden   könne;   doch  behaupten  wir 
deshalb   nicht  a  priori,    dass   die  Veränderungen   des  Epithels  der 
gewundenen  Eanälchen  in  jedem  Falle  die  gewichtigsten  Momente 
darstellen.   Denn  ein  jeder,   der   die  Urämie  in   ursächlichen  Zu- 
sammenhang  mit   der  Zerstörung   dieses  Epithels   bringen   würde, 
könnte  ja  nicht  die  vorübergehenden  urämischen  Airfälle   erklären; 
es  regenerirt  sich  das  zerstörte  Epithel  gewiss  nicht  in  dem  Masse, 
dass  nach  seiner  Insufficienz  in  wenigen  Stunden   eine   vollständige 
Bestitution  eintreten  könnte. 

Es  war  daher  nothwendig,  sich  jeder  aprioristischer  Annahme 
zu  enthalten,  um  ohne  Vorurtheil  die  einzelnen  Befunde  erklären 
zu  können. 

Wir  geben  nun  vor  Allem  im  Folgenden  eine  möglichst  kurz 
gefasste  klinische  Beschreibung  der  einzelnen  Fälle  mit  genauerer 
Angabe  des  anatomischen  Befundes,  um  dann  auf  Grundlage  dieser 
unsere  Theorie  aufstellen  und  begründen  zu  können. 

I.    Nephritis    interstitialis    chronica.    Hypertrophia    cor- 

dis    sinistri.    Pneumonia    lobi    inferioris    dextri.    Oedema 

cerebri.  Gastritis  interstitialis  chronica.  Uraemia. 

51jähriges  Musikersweib  erkränkte  vor  einigen  Wochen  mit 
Magenbeschwerden,  auf  welche  späterhin  häufiges  Erbrechen  folgte. 
Klinisch  bietet  die  Patientin  das  typische  Bild  einer  Granularatro- 
phie  dar.  Viel  Harn,  der  wenig  eiweisshältig  ist  und  auch  spärliche 
hyaline  und  körnige  Cylinder  enthält.  Der  Puls  ist  voll,  gross, 
celer.  Die  Herzdämpfung  verbreitert.  Beständiges  Erbrechen.  Nach 
sechswöchentlichem  Aufenthalte  in  dem  Krankenhause  traten  plötz- 


Symptomen-Complex  bei  Nephritiden.  221 

lieh  heftige  Kopfschmerzen  auf,  sodann  mehrfache  eclamptisebe 
Anfälle  und  Coma.  Tod  am  6.  December  1880  *). 

Aus  dem  Sectionsbefunde  heben  wir  hervor: 

Die  linke  Niere  sehr  klein,  71/»  Ctm.  lang,  4  Ctm.  breit, 
l1/»  Ctm.  dick,  ist  in  fettloses  Zellgewebe  eingehüllt;  die  Kapsel 
ist  sehr  dick  und  nur  mit  Mühe  ablösbar;  die  Oberfläche  ist  grob- 
körnig. Die  einzelnen  Höcker  graugelb,  die  eingesunkenen  Partien 
röthlich  gelb  gefärbt.  Die  Bindensubstanz  ist  nur  als  ein  schmaler 
Streifen  vorhanden  und  besteht  aus  derbem  festem  blassbraun  ge- 
färbtem Gewebe.  Die  Pyramiden  sind  ebenfalls  eng  und  blassviolet. 
Die  Schleimhaut  des  Beckens  und  der  Kelche  blass,  die  rechte 
Niere  etwas  grösser  als  die  linke,  sonst  jedoch  von  ähnlicher  Be- 
schaffenheit. Das  Gehirn  war  stark  ödematös,  durchtränkt,  seine 
Gonsistenz  aber  nicht  verändert. 

Massiges  Atherom  der  Arterien. 

Bei  der  mikroskopischen  Untersuchung  der  in  Alkohol  gehär- 
teten und  mit  Hämatoxylin  gefärbten  Nieren,  springt  sofort  in  die 
Augen  eine  Bundzellenanhäufung  in  der  nächsten  Nähe  der  Gelasse 
und  zwar  ganz  besonders  an  jenen  Stellen,  wo  die  Blut- 
gefässe in  die  Müller'sche  Kapsel  eintreten,  um  den  Ge- 
f  ässknäuel  zu  bilden.  Die  Interstitien  zwischen  den  einzelnen  Harn- 
kanälchen  sind  ungemein  breit  imd  kernreich.  Das  derbe  inter- 
stitielle Gewebe,  desgleichen  auch  die  frische  zellige  Infiltration 
comprimirte  vorzugsweise  die  gewimdenen  Kanälchen,  so  dass  deren 
epitheliale  Auskleidung  in  ihrer  Continuität  gestört  ist,  indem  die 
Epithelzellen  theils  ausgefallen  sind,  theils  von  der  Wand  abgelöst 
in  Innern  der  Harnkanäleken  liegen.  An  einzelnen  Stellen  ist  die 
Continuität  des  epithelialen  Ueberzuges  erhalten,  doch  bildet  diese 
einen  äusserst  schmalen,  abgeplatteten  Bing,  in  welchem  die  ein- 
zelnen Zellen  ausser  dem  Kern  nur  wenig  Protoplasma  enthalten. 
Auch  das  Epithel  der  geraden  Harnkanäleken  scheint  abgeplattet 
zu  sein  und  ist  stellenweise  parenchymatös  degenerirt.  Sowohl  in  den 
gewundenen,  als  auch  in  den  geraden  Harnkanäleken  finden  wir 
reichliche  blasse,  durchscheinende  Cylinder.  Betrachten  wir  die 
Schnitte  in  toto,  so  sehen  wir,  dass  die  eingesunkenen  Partien  an 
der  Oberfläche  der  devastirten -Binde  entsprechen,  in  welcher   sich 


1)  Diesen  Fall  beobachteten  wir  auf  der  Klinik  des  H.  Prot  Eiselt. 


222  Hlava  und  Thomayer.  " 

einerseits  obliterirte,  hyalin  glänzende,  bedeutend  verkleinerte  und 
knapp  aneinander  gereihte  Malpighi'sche  Knäuel  vorfinden,  ander- 
seits aber  breite  Bindegewebszüge,  die  einzelne  Lücken  besitzen, 
welche  wir  als  Ueberreste  der  stark  comprimirten  Harnkanälchen 
ansehen  müssen.  Zu  erwähnen  ist,  dass  die  Kapseln  der  obliterirten 
Knäuel  bedeutend  verdickt  sind  und  'eng  den  geschrumpften  Glo- 
merulus  umschliessen.  An  den  Stellen,  die  sich  als  gelblich-graue 
Körner  an  der  Oberfläche  der  Nieren  erheben,  sind  die  Glomeruli 
ebenfalls  verändert.  Sie  sind  daselbst  bedeutend  grösser  als  gewöhn- 
lich, so  dass  —  um  einen  Vergleich  anzustellen  —  ein  Glomerulus 
die  HäJfto  des  Gesichtsfeldes  bei  Hartnack  Oc.  3,  Obj.  7  einnimmt. 
Der  Epithelbelag  ist,  wie  es  scheint,  bedeutend  kernreicher,  die 
Kapsel  umschliesst  genau  den  Knäuel.  Um  die  Glomeruli  aber 
herum  finden  wir  die  grösste  Zellinfiltration  an  den  Ein- 
trittsstellen der  Gefässe. 

Um  das  mikroskopische  Bild  zu  ergänzen,  erübrigt  uns  noch 
das  Verhältniss  der  Blutgefässe  zu  erwähnen.  Dieselben  zeigen  näm- 
lich allerlei  Abstufungen  von  Endarteriitis  (Friedländer);  am 
wenigsten  scheinen  die  subcapsularen  Gefässe  verändert  zu  sein; 
am  weitesten  sind  die  Veränderungen  in  den  eingesunkenen  Partien 
vorgeschritten,  daselbst  sind  nämlich  alle  Gefässe  verdickt  und  zwar 
betrifft  die  Verdickung  grösstentheils  das  Endothelrohr,  an  einigen 
Stellen  jedoch  nur  die  Adventitia.  Die  Muscularis  war  in  diesem 
Falle  nicht  hypertrophirt. 

Dass  die  kleinzellige  Infiltration  nicht  um  jeden  Glomerulus 
am  Schnitte  zu  sehen  ist,  erklärt  sich  aus  der  Art  der  Schnitt- 
fuhrung,  die  ja  nicht  überall  den  Gefässeintritt  trifft.  Serienschnitte 
zeigten  jedoch,  dass  diese  Bundzelleninfiltration  an  allen  noch 
halbwegs  erhaltenen  Glomeruli  vorhanden  war.  —  Nebenher  fanden 
wir  in  diesem  Falle  eine  interstitielle  Gastritis  vor  *). 

IL  Nephritis  interstitialis  chronica.  Hypertrophia  cordis 
sinistri.  Haemorrhagia  cer.  hemisph.  sin.  Prolapsus  vagi- 

nae  et  uteri. 

52jährige  Bedienerin.  Kein  Hydrops.  Leichte  Dilatation  des 
linken  Herzens  mit  Hypertrophie;  seine  Wandungen  an  3  Ctm.  dick. 

l)  Hlava  und  Thomayer,  Der  Magenbefund  bei  Nephritis.  Zeitschr. 
für  Heilkunde  1881. 


Symptomen-Complex  bei  Nephritiden.  223 

Klappen  zart.  Atherom  der  Aorta.  Oedem  der  Lungen.  Gehirn:  Pia 
blutarm,  Seitenventrikel  weit,  der  linke  mit  frischem  Blutgerinnsel 
gefüllt,  ebenso  auch  der  dritte  Ventrikel.  Das  linksseitige  Corpus 
striatum  so  wie  auch  der  gleichnamige  Thalamus  opticus  zerstört 
durch  eine  Hämorrhagie,  welche  sowohl  die  innere  als  auch  die 
äussere  Kapsel  zerstörte.  Im  Nucleus  lentiformis  dexter  zwei  kleine 
Cystchen.  Sonst  das  Gehirn  fest  und  blutreich.  Die  Gefässe  klaffen 
am  Schnitte  und  sind  starr. 

Die  linke  Niere  klein,  ihre  Kapsel  verdickt.  Ihre  Oberfläche 
ist  feinkörnig  und  gelblichbraun.  Die  Bindensubstanz  eng,  blass- 
braun. Die  Pyramiden  abgeplattet,  blassviolet.  Das  Becken  und 
die  Kelche  etwas  leicht  dilatirt  und  mit  klarer  Flüssigkeit  an- 
gefüllt. 

Die  rechte  Niere  ebenso  beschaffen.  Da  eine  detaillirte  Kran- 
kengeschichte nicht  zu  bekommen  war,  erschien  es  angezeigt  diesen 
kurzen  Sectionsbericht  anzuführen.  Soviel  konnten  wir  aber  erfah- 
ren, dass  P.  nie  urämische  Erscheinungen  dargeboten  hat,  auch 
nicht  gegen  das  Ende  ihres  Lebens,  das  ja  durch  die  umfangreiche 
Hürnhämorrhagie  hinreichend  erklärt  ist. 

Bei  der  mikroskopischen  Untersuchung  der  Nieren  finden  wir 
nachfolgendes: 

a)  Die  Harnkanälchen.  An  Stellen,  die  hauptsächlichst  den 
Höckern  der  Oberfläche  entsprechen,  ist  das  Epithel  der  gewundenen 
Harnkanälchen  ein  wenig  getrübt,  ohne  dass  eine  Continuitäts- 
trennung  desselben  stattgefunden  hätte.  An  anderen  Stellen  sind 
die  Interstitien  zwischen  den  Harnkanälchen  bedeutend  verbreitert, 
das  Bindegewebe  der  Interstitien  fest  und  kernreich.  Hier  sind  die 
Harnkanälchen  comprimirt,  ihre  Epithelien  zum  Theil  zerfallen, 
zum  Theil  abgeplattet.  Anderwärts  umgibt  Gruppen  von  mehr 
oder  weniger  erhaltenen  Harnkanälchen  ein  festes,  streifiges  Binde* 
gewebe,  in  welchem  noch  überdies  zahlreiche  längliche  Lücken  als 
Ueberreste  der  zerstörten  Harnkanälchen  sich  vorfinden.  In  diesen 
festen  Bindegewebszügen  sieht  man  aber  sehr  selten  kleine  Gruppen 
von  Bundzellen  um  kleinere  Gefässe  herum. 

b)  Die  Glomeruli.  Diese  sind  zum  grössten  Theile  erhalten 
und  nur  an  den  Stellen,  wo  die  breiten  Bindegewebsstreifen  sich 
vorfinden,  sind  einzelne  obliterirt  und  mit  stark  verdickter  Kapsel 
versehen.  Anderwärts  zeigen  sie  keine  Veränderungen.   Nur   finden 

Med,  Jahrbücher.  1882.  \  j; 


224  Hlava  und  Thomayer. 

wir  in  dem  Baume  zwischen  dem  Knäuel  und  der  Müller'schen 
Kapsel  eine  sichelförmig  gestaltete  Lage  von  geronnenem  Eiweiss, 
in  welchem  einzelne  kleine  epitheliale  Zellen  sich  vorfinden,  die 
offenbar  als  abgelöstes  Deckepithel  des  Knäuels  aufgefasst  werden 
müssen. 

c)  Die  Blutgefässe  zeigen  allenthalben  stark  verdickte  Wan- 
dungen, wobei  alle  drei  Schichten  gleichmässig  an  der  Verdickung 
theilnehmen. 

III.  Nephritis  interstitialis  chronica.  Hypertrophia  cordis 
totius  cum  degeneratione  adiposa.  Tuberculosis  chronica 
pulmon.  et  intestinorum.  Peritonitis  purulenta  incipiens. 

32  Jahre  alter  Bräuergeseile,  starb  am  15.  März  1881.  Vor 
einem  Jahre  erkrankte  er  an  Bheumatismus  und  litt  seit  dieser 
Zeit  immer  an  Kurzathmigkeit  und  Herzklopfen,  bis  er  späterhin 
allgemein  hydropisch  wurde.  Nach  6wöchentlichem  Aufenthalte  in 
einem  Landspital  wurde  er  geheilt,  doch  bald  begann  er  zu  husten 
und  litt  in  letzterer  Zeit  besonders  an  heftigen  Diarrhöen  mit 
Fieber. 

Man  constatirte  klinisch  hauptsächlich  Infiltration  der  linken 
Lunge.  Bauchdecken  gespannt,  beim  Berühren  schmerzhaft.  Der 
Magen  stark  ausgedehnt.  Die  Milz  normal  gross.  Harnmenge  gross 
mit  sehr  geringem  Eiweissgehalt.  Starker  Husten  mit  eitrigem  Aus- 
wurf, in  welchem  reichliche  Mikrokokkenballen  aber  keine  elasti- 
schen Fasern  zu  finden  sind.  Kemittirendes  Fieber.  Niemals  wurden 
urämische  Symptome  beobachtet.  Bei  der  Section  ergab  sich  nach- 
folgender Befund: 

Körper  stark  abgemagert;  kein  Hydrops.  Hypertrophie  des  Her- 
zens, dessen  Musculatur  äusserst  brüchig  erscheint  und  fettig  degenerirt 
ist.  Im  linken  Oberlappen  eine  grosse  Caverne.  Im  unteren  frische 
käsige  Infiltration.  Larynx  und  Trachea  ohne  Veränderung.  In  der 
Bauchhöhle  etwas  eitriges  Exsudat,  das  hauptsächlich  um  das  Coe- 
cum  und  Colon  ascendens  angehäuft  ist.  Im  Darmtractus  reichliche 
und  ausgedehnte  tuberculöse  Geschwüre.  Die  Leber  verfettet.  Die 
Milz  ohne  Veränderung.  Die  Nieren  klein;  die  Kapsel  verdickt,  die 
Oberfläche  grobkörnig,  gelblichbraun.  Die  Kindensubstanz  eng,  blass- 
braun, die  Pyramiden  lichtviolet.  Das  Gewebe  äussert  fest;  das 
Becken  und  die  Kelche  blass. 


Symptomen-Complex  bei  Nephritiden.  225 

Auch  in  diesem  Falle  handelte  es  sich  nicht  um  Urämie,  wie 
der  Sectionshefund  selbst  andeutet  und  die  Beobachtung  während 
des  Lebens  lehrte.  In  den  letzten  Lebenstagen  traten  starke  unstill- 
bare Diarrhöen  auf  und  kurz  vor  dem  Tode  peritonitische  Erschei- 
nungen. Deshalb  war  auch  die  Diagnose  auf  Tuberculose  der  Lun- 
gen und  des  Darmes  gestellt  worden. 

Der  mikroskopische  Befund  in  den  Nieren  war  folgender: 
Die  Bindensubstanz  zeigt  eine  Beihe  von  nur  qualitativ  von 
einander  sich  unterscheidenden  Veränderungen.  Das  interstitielle 
Bindegewebe  ist  überall  verbreitert  und  an  manchen  Stellen  kern- 
reich. Die  Veränderungen  der  Harnkanälchen  können  wir  in  zwei 
Gruppen  theilen.  Einerseits  ist  die  Continuität  ihrer  epithelialen 
Auskleidung  nicht  gestört,  aber  die  einzelnen  Epithelzellen  selbst 
sind  stark  abgeplattet,  so  dass  sie  neben  dem  Kerne  nur  wenig 
körniges  Protoplasma  enthalten.  An  diesen  Stellen  ist  das  Lumen 
der  Kanälchen  sehr  weit  und  enthält  häufig  Anhäufungen  von  De- 
tritusmassen, die  entschieden  durch  partiellen  Zerfall  einzelner 
Epithelzellen  entstanden  sind.  Oder  aber  ist  die  epitheliale  Aus- 
kleidung der  Harnkanälchen  zum  grössten  Theil  zerstört,  so  dass 
an  Schnitten,  die  parallel  zur  Oberfläche  gofuhrt  sind,  die  als 
schmale  Lücken  sich  präsentirenden  Harnkanälchen  nur  geringe 
Beste  der  ursprünglichen  epithelialen  Auskleidung  zeigen,  ja  an 
manchen  Stellen  sogar  vollständig  leer  sind:  Die  Glomeruli  sind 
nun  auch  zum  grössten  Theile  verändert.  An  vielen  Stellen  sind 
sie  hyalin  degenerirt  und  fuhren  eine  stark  verdickte  Müller'sche 
Kapsel,  anderwärts  ist  nur  das  Deckepithel  der  Glomeruli  theil- 
weise  abgelöst,  oder  es  ist  nur  die  Kapsel  verdickt  und  reich  an 
Kernen,  während  der  {jlomerulus  selbst  nicht  verändert  erscheint. 
Auch  die  Wände  der  Blutgefässe  sind  dicker  als  de  norma,  nur 
dass  die  Verdickung  zumeist  die  Adventitia  betrifft.  Nirgends  sehen 
wir  eine  irische  Bundzelleninfiltration. 

IV.    Nephritis    interstitialis    acuta.    Endocarditis    cordis 

sinistri.  Uraemia. 
Die  Kranke,  um  die   es   sich  im  vorliegenden  Falle  handelt, 
wurde  kurz  vor  dem  Tode  in   die  Anstalt   gebracht  und   konnten 
wir  daher  eine  genauere  Krankengeschichte  derselben   nicht  erlan- 
gen. Wir  wissen  nur,  dass  sie  vor  dem  Tode  eclamptische  Anfälle 

15* 


220  Hlaya  und  Thoraayer. 

hatte,  die  sich  vorwiegend  auf  die  linke  Seite  beschrankten.  Aus 
dem  Sectionsprotokoll  heben  wir  kurz  nachfolgende  Data  hervor: 
Oedem  des  Gehirnes  und  zwar  in  der  rechten  Hemisphäre  viel 
stärker  ausgesprochen  als  links.  Die  beiden  Lungen  hochgradig 
ödematös  durchtränkt,  urinös  riechend.  Geringe  Hypertrophie  des 
linken  Herzens;  an  der  Mitralis  sowie  auch  an  den  Aortenklappen 
frische  feinwarzige  röthliche  Excrescenzen. 

Urämischer  Darmkatarrh. 

Leber,  Magen  und  Genitalien  ohne  Veränderung.  Die  linke 
Niore  auffallend  vergrössert  und  in  reichliches  Fettgewebe  einge- 
hüllt. Die  Kapsel  prall  gespannt,  zart  und  leicht  ablösbar.  Die 
Oberfläche  der  Niere  glatt,  glänzend,  dunkelviolet  und  von  zahl- 
losen punktförmigen  Hämorrhagien  durchsetzt.  Die  Bindensubstanz 
stark  verbreitert,  dunkelviolet  gefärbt  und  ebenfalls  von  zahlreichen 
streifenförmigen  Hämorrhagien  durchdrungen.  Die  Pyramiden  noch 
duukler  gefärbt.  Das  ganze  Gewebe  brüchig.  Die  Schleimhaut  des 
Beckens  ist  etwas  injicirt.  Die  rechte  Niere  ist  etwas  kleiner  als 
die  linke,  bietet  aber  ebenfalls  an  der  Oberfläche  zahllose  punkt- 
förmige Hämorrhagien  dar m  und  ihre  Consistenz  ist  fester.  Hier  die 
Rindensubstanz  nicht  mächtig  verbreitert,  aber  auch  von  streifen- 
förmigen Hämorrhagien  durchsetzt. 

Bei  der  mikroskopischen  Untersuchung  zeigt  sich  jedoch,  dass 
die  pathologischen  Veränderungen  in  den  Nieren  nicht  so  frisch 
sind,  wie  man  aus  dem  makroskopischen  Befunde  anzunehmen  ge- 
uoict  wäre. 

Was  die  Glomeruli  betrifft,  so  finden  wir  innerhalb  der 
MüllerVchen  Kapsel  zwischen  dem  deutlich  ausgeprägten  Kapsel- 
endothel  und  dem  Deckepithel  des  Knäuels  rothe  und  weisse  Blut- 
körperchen* zwischen  welchen  sich  einzelne  körnige  Epithelzellen 
vorfinden.  Au  anderen,  ziemlich  zahlreichen  Stellen  umgibt  den 
eompriinirten  Glomerulus  eine  sichelförmig  gestaltete  Gruppe  von 
geschichteten  Zellen,  von  denen  die  innersten  spindelförmig  gestal- 
tet während  die  äussersteiu  der  Kapsel  anliegenden,  cubische  Ge- 
stalt besitien  und  nur  schwer  von  der  Auskleidung  der  Müller'schen 
Kapsel  unterschieden  werden  kennen.  Manchmal  kommt  es  vor, 
dfcss  diese  Zellgruppen  mit  einer  breiteren  Basis  der  Müller'schen 
Kapsel  aufsitzen,  mit  ihren  Enden  dagegen  gabelförmig  den  klei- 
neren Gtomerulifts  umfassen«  Die  Geßss*  des  Knäuels  zeigen  keine 


Symptomen-Complex  bei  Nepliritiden.  227 

anderen  Veränderungen.  Sowohl  das  Vas  afferens  als  das  V.  efferens 
haben  eine  kernreiche  Adventitia  und  in  der  Umgebung  der- 
selben finden  wir  eine  überaus  starke  Anhäufung  von 
Bundzellen  vor. 

Die  sonstigen  Gefässe  zeigen  keine  Veränderungen  besonders 
was  ihre  Dicke  anbelangt. 

Das.  interstitielle  Gewebe  ist  überall  gleichmässig  verbreitert 
und  enthält  an  vielen  Stellen  Anhäufungen  von  Kundzellen,  welche 
jedoch  hie  und  da  bereits  in  spindelige  Formen  zu  übergehen 
scheinen.  Die  grösste  Verbreiterung  des  interst.  Gewebes  finden  wir 
in  der  Nähe  der  Knäuel,  wo  sich  auch  —  wie  schon  bemerkt  — 
die  grösste  Anhäufung  von  Rundzellen  vorfindet.  Durch  diese  Ver- 
breitung des  interstitiellen  Gewebes  werden  die  Zwischenräume 
zwischen  den  Harnkanälchen  weiter.  Das  Epithel  letzterer  und  zwar 
vorwiegend  der  gewundenon  Kanälchen  ist  parenchymatös  degene- 
rirt,  andererseits  jedoch  auch  unverändert.  In  einzelnen  Harnkanäl- 
chen finden  wir  Blutcylinder,  in  einigen  auch  hyaline  Cylinder. 
Ausserdem  sieht  man  schon  makroskopisch  an  zahlreichen  Stellen 
der  Binde  Hämorrhagien. 

In  diesem  Falle  scheint  es,  dass  vorzugsweise  die  Glomeruli 
erkrankt  sind.  Die  Zellschichten,  welche  die  Malpighi'schen  Knäuel 
umgeben,  kann  man  unmöglich  als  desquamirtes  Glomerulusepithel 
im  Sinne  Bibbert's  auffassen;  denn  die  Zahl  der  Zellen  ist  eine 
zu  grosse  und  auch  ihre  Form  und  Anordnung  spricht  eher  für 
eine  andere  Genese.  Die  geringsten  Veränderungen  zeigen  entschie- 
den die  der  Müller'schen  Kapsel  anliegenden  Zellen,  dieselben  sind 
rund  oder  auch  cubisch,  sie  sind  somit  offenbar  die  jüngsten,  wäh- 
rend die  gegen  den  Knäuel  vordringenden  als  ältere  Bildungen 
aufgefasst  werden  müssen.  Man  kann  annehmen,  dass  sie  durch 
Wucherungen  des  Kapselepithels  hervorgehen  und  somit  eine  Art 
von  Glomerulonephritis  darstellen.  Der  Process  selbst  ist  nicht 
frisch,  wir  wir  schon  oben  bemerkt  haben,  denn  die  Veränderungen 
der  Glomeruli,  sowie  auch  jene  des  interstitiellen  Gewebes  deuten 
auf  eine  längere  Dauer  des  Krankheitsprocesses  hiu. 


230  Hlava  und  Thomayer. 

Die  Rindensubstanz  ist  stellenweise  geschwunden,  die  schmalen 
Ueberreste  gelblichbraun  und  ausserordentlich  fest.  Die  Marksub- 
stanz braun.  Die  Schleimhaut  der  Kelche  und  des  Beckens  ist  blass, 
dünn.  Die  rechte  Niere  nur  5  Ctm.  lang,  3  Ctm.  breit,  2  Ctm.  dick; 
an  der  grob  granulirten  Oberfläche  finden  sich  reichliche,  mit  klarem 
Inhalt  angefüllte  Cystchen,  sonst  zeigt  sie  dieselbe  Beschaffenheit 
wie  die  linke  Niere. 

Bei  der  mikroskopischen  Untersuchung  ergab  sich  Folgendes: 

In  den  Granulis  finden  wir  das  Gewebe  noch  nicht  ganz  ver- 
ändert und  zerstört.  Denn  die  Epithelien  der  gewundenen  als  auch 
der  geraden  Harnkanälchen  sind  erhalten,  die  Glomeruü  sind  normal 
gross  und  umgeben  von  einem  Ringe  geronnenen  Eiweisses  in  wel- 
chem sich  zahlreiches,  abgelöstes  Glomerulusdeckepithel  vorfindet. 
Aber  in  der  Umgebung  dieser  Glomeruli  finden  wir  eine 
mächtige  Infiltration,  die  aus  Bundzellen  besteht  und  an 
solchen  Stellen  sich  vorfindet,  wo  die  Gefässe  durch  die  Müller'sche 
Kapsel  eintreten. 

Das  interstitielle  Gewebe  dieser  Partien  ist  wohl  etwas  breiter, 
aber  nicht  besonders  kernreich.  Die  oberflächlichst  gelegenen  Ge- 
fässe sind  stark  hyperämisch,  hie  und  da  kleine  Blutaustritte.  In 
den  Harnkanälchen  wenig  Cylinder. 

Ein  ganz  anderes  Bild  zeigten  die  übrigen  eingesunkenen  Par- 
tien der  Niere.  Hier  ist  das  interstitielle  Gewebe  bedeutend  ver- 
mehrt und  verbreitert,  die  geraden  und  gewundenen  Harnkanälchen 
stark  comprimirt,  ihr  Epithel  zerfallen  oder  ganz  abgelöst,  so  dass 
die  Kanälchen  stellenweise  blos  durch  leere  Lücken  bezeichnet  sind. 
In  manchen  sehen  wir  Cylinder,  die  zumeist  hyaliner  Natur  sind 
und  oft  eine  rosenkranzartige  Gestalt  besitzen.  Die  Knäuel  dieser 
Partien  sind  bedeutend  kleiner,  ihre  Kapsel  concentrisch  verdickt: 
innerhalb  dieser  concentrischen  Ringe  finden  sich  einige  Kerne  ein- 
gelagert; einzelne  Knäuel  sind  vollständig  obliterirt.  Auch  um  diese 
Glomeruli  finden  wir  eine  reichliche  kleinzellige  Infiltration.  Die 
Gefässe  sind  zum  grössten  Theile  verschlossen  und  zwar  geschieht 
dieses  durch  das  stark  gewucherte  Endothel.  Die  noch  offenen  Ge- 
fässe zeigen  allenthalben  verdickte  Wandungen  und  um  diese  herum 
finden  wir  abermals  eine  reiche  Anhäufung  von  Rundzellen.  Offen- 
bar charakterisirt  sich  dieser  Fall  als  eine  Combination  eines  frischen 


Symptomen-Complex  bei  Nephritiden.  231 

hämorrhagischen   entzündlichen  •  Processes  mit   einer  schon   längst 
abgelaufenen  Nephritis. 

VII.  Nephritis  interstitialis  chronica.  Hypertrophia  cordis 
sinistri.  Oedema  pulmonum.  Uraemia. 

Ausser  dieser  klinischen  Diagnose  haben  wir  keine  detaillirte 
Beschreibung  des  Krankheitsverlaufes  erlangen  können.  Derselbe 
betraf  einen  52jährigen  Beamten.  Wir  müssen  uns  daher  auf  die 
Mittheilung  des  Sectionsbefundes  beschränken: 

Massiges  Oedem  der  Gesichtsdecken.  Hirn  stark  durchfeuchtet 
und  blutreich.  Hypertrophie  und  Dilatation  des  linken  Herzens; 
Dilatation  des  rechten;  acutes  Lungenödem.  Darmkanal,  Leber  und 
Milz  ohne  Veränderung. 

Die  linke  Niere  in  fetthaltiges  Gewebe  eingehüllt  ist  8  Ctm. 
lang,  3Va  Ctm.  breit,  2  Ctm.  dick,  die  Kapsel  ist  dick  und  nur 
schwer  ablösbar.  Die  Oberfläche  ist  fein  granulirt  und  durchsetzt 
von  einzelnen  kleinen  Cystchen,  welche  letztere  eine  klare  gelbe 
Flüssigkeit  enthalten. 

Die  Bindensubstanz  ist  ungemein  eng,  kaum  2  Mm.  breit  und 
von  hellbrauner  Farbe.  Die  Pyramiden  abgeflacht  und  blauviolet 
gefärbt.  Die  Schleimhaut  des  Beckens  und  der  Kelche  ist  blass.  Die 
rechte  Niere  ist  71/»  Ctm.  lang,  3  Ctm.  breit,  1V8  Ctm.  dick  und 
von  ähnlicher  Beschaffenheit.  Die  Nieren  wurden  in  Alkohol  ge- 
härtet und  nach  der  mikroskopischen  Untersuchung  zu  urtheilen 
handelt  es  sich  auch  hier  vorzugsweise  um  eine  Glomerulonephritis. 

Die  Anzahl  der  obsoleten  Knäuel  ist  eine  auffallend  grosse, 
so  dass  wir  in  einem  Gesichtsfelde  (Hartnack  Oc.  3,  Obj.  4)  10  bis 
12  obsolete  Glomeruli  vorfinden  können.  Dabei  zeigt  aber  die  ge- 
nauere Untersuchung,  dass  die  Veränderungen  der  einzelnen  Knäuel 
nicht  gleichartig  sind.  Man  sieht  eine  ganze  Reihe  von  Uebergän- 
gen  von  wenig  ergriffenen  bis  zu  vollständig  obliterirten  Knäueln. 
Es  erscheint  in  diesem  Falle  die  Wucherung  des  Kapselendothels 
als  die  hauptsächlichste  und  grundliegende  Veränderung.  Denn  in 
den  weniger  vorgeschrittenen  Stellen  sieht  man  dass  die  Kapsel 
bis  auf  das  vierfache  verdickt  ist  und  aus  concentrischen  parallelen 
Schichten,  deren  Gewebe  jedoch  noch  kernreich  ist,  besteht.  In 
solchen  Fällen  ist  der  Glomerulus  stark  comprimirt,  aber  sein 
Epithel  noch  vollkommen  erhalten.  Anderwärts   sind  die  Knäuel 


232  Hlava  und  Thomayer. 

ganz  zerstört  und  innerhalb  der  stark  verdickten  Kapsel  sieht  man 
nur  Detritus;  an  einigen  Stellen  nun  sehen  wir  an  Stelle  der 
Knäuel  schwache  concentrisch  gelagerte  Schichten  eines  sehr 
blassen  Gewebes.  Vollständig  erhaltene  Glomeruli  gibt  es  nur  we- 
nige und  in  der  Umgebung  derselben  sieltt  man  eine  über- 
aus reiche  zellige  Infiltration,  welche  letztere  auch  um  die 
obsoleten  Knäuel  vorkommt,  ebenso  wie  in  den  Bäumen  zwischen 
den  einander  genäherten  obsoleten  Glomeruli.  Das  interstitielle  Ge- 
webe ist  überall  verbreitert,  von  faserigem  Bau,  enthält  reichliche 
Kerne  und  besteht  an  manchen  Stellen  noch  aus  Spindelzellen. 
Die  Blutgefässe  sind  nicht  besonders  ergriffen.  Die  Wandungen 
derselben  sind  zwar  überall  breiter,  zumeist  betrifft  aber  die  Ver- 
breiterung die  Adventitia,  welche  aus  mehreren  recht  kernreichen 
Schichten  besteht.  Eine  Hypertrophie  der  Muscularis  vasorum  konn- 
ten wir  nirgends  constatiren. 

Die  Harnkanälchen  zeigen  endlich  auch  beträchtliche  Verän- 
derungen; denn  das  Epithel  ist  beinahe  nirgends  erhalten.  Nur  hie 
und  da  bildet  es  einen  ausserordentlich  engen  Saum,  so  dass  neben 
dem  Kerne  nur  wenig  körniges  Protoplasma  sich  vorfindet.  In  den 
geraden  Harnkanälchen  fanden  wir  hie  und  da  Cylinder,  die  sich, 
wie  es  scheint,  aus  dem  Detritus  der  epithelialen  Zellen  zusammen- 
setzten. In  den  bei  weitem  meisten  Fällen  sind  die  gewundenen 
Harnkanälchen  leer  und  stark  comprimirt. 

VHI.  Atrophia  granularis  renum.  Uraemia. 

In  diesem  Falle  handelt  es  sich  um  eine  38jährige  Frau.  Die- 
selbe gibt  an,  dass  sie  erst  seit  6  Wochen  erkrankt  sei  und  zwar 
beklagte  sie  sich  insbesonders  über  Magen-  und  Darmbeschwerden. 
Zugleich  Erscheinungen  von  Hypertrophie  des  linken  Ventrikels. 
Harnmenge  wechselte  beständig,  enthielt  aber  immer  geringe  Ei- 
weissmengen.  Vor  dem  Tode  erbrach  sie  häufig  und  litt  an  hefti- 
gen Kopfschmerzen;  zu  dieser  Zeit  war  die  Diurese  sehr  gering. 
Endlich  verfiel  Patientin  in  einen  comatösen  Zustand,  in  welchem 
sie  auch  starb.  Krämpfe  wurden  nie  beobachtet.  Die  klinische 
Diagnose  lautete:  chronische  Nierenentzündung  und  Urämie.  Sec- 
tionsbefund:  das  Gehirn  weich,  blass,  blutarm.  Chronisches  Lun- 
genödem; Hypertrophie  des  linken  Herzens,  acute  Dysenterie, 


Symptomen-Complex  bei  Ncphritiden .  233 

Die  linke  Niere  in  ein  überaus  fettreiches  Zellgewebe  einge- 
hüllt, ist  klein,  8  Ctm.  lang,  5  Ctm.  breit,  3  Ctm.  dick.  Die  Kapsel 
ist  fest,  adhärent  und  verdickt;  an  der  Oberfläche  finden  wir  eine 
grosse  Menge  von  Cysten  und  Cystchen,  die  alle  mit  klarer,  gelber 
zum  Theil  auch  honigartiger  Flüssigkeit  gefüllt  sind.  Zwischen 
diesen  Cysten  ist  nur  wenig  Bindensubstanz  erhalten  und  sind  die 
Beste  derselben  grobkörnig  und  hellbraun.  Am  Schnitte  erkennen 
wir,  dass  der  grösste  Theü  der  Binde  geschwunden  ist,  so  dass  an 
manchen  Stellen  die  Markstrahlen  mit  den  Pyramiden  im  gleichen 
Niveau  enden.  Stellenweise  ist  die  Binde  nur  1  Mm.  dick.  Das 
ganze  Gewebe  ist  äusserst  derb  und  fest. 

Die  Schleimhaut  des  Beckens  und  der  Kelche  ohne  Verän- 
derung. 

Die  rechte  Niere  ist  noch  kleiner  wie  die  linke,  die  Kapsel 
schwer  von  der  Oberfläche  zu  trennen:  die  letztere  fein  grauulirt 
und  blassbraun.  Die  Bindensubstanz  ist  etwa  2  Mm.  dick;  die 
Pyramiden  Mass,  die  Schleimhaut  des  Beckens  und  der  Kelche 
dünn  und  blass. 

Bei  der  mikroskopischen  Untersuchung  der  linken  Niere  finden 
wir  nur  wenige  Ueberreste  der  Eindensubstanz.  An  deren  Stelle 
finden  wir  eine  Eeihe  von  grösseren  und  kleineren  Höhlen  (Cysten), 
die  durch  feste  Bindegewebszüge  von  einander  getrennt  werden, 
und  innerhalb  letzterer  befinden  sich  Beste  von  zerstörten  Harn- 
kanälchen  und  einzelne  Blutgefässe.  Die  Glomeruli  sind  fast  voll- 
ständig obliterirt,  durchscheinend. 

Das  Epithel  sowohl  der  gewundenen  als  der  geraden  Harn- 
kanälchen  stark  abgeplattet  und  körnig.  Nur  an  der  Grenze  der 
Corticalis  und  Pyramidensubstanz  sehen  wir  erhalteue  Glomeruli 
und  selbst  um  diese  findet  man  eine  reiche,  kleinzellige  Infil- 
tration. 

Die  rechte  Niere  weist  andere  Verhältnisse  auf.  In  der  ober- 
flächlichst gelegenen  Portion  sind  die  Knäuel  fast  alle  obliterirt, 
hyalin  degenerirt,  ja  auch  die  zuführenden  Glomerulus-Gefässe 
sind  verschlossen.  —  Etwa  in  der  mittleren,  also  in  der  darauf- 
folgenden Schichte  der  Corticalis,  finden  wir  beginnende  Ohliteration 
der  Knäuel.  Dieselben  sind  stark  comprimirt  und  umgeben  von  einer 
dicken  Schichte  concentrisch  gelagerten,  faserigen  Gewebes,  in  wel- 


234  Hlava  und  Thomayer. 

chem  wir  nur  wenig  spindelförmige  Elemente  vorfinden.  —  In  der 
nächstfolgenden  Schichte  sind  die  Knäuel  etwas  kleiner  geworden 
und  ihr  epithelialer  Ueberzug  zeigt  mehrfache  Lücken.  Manche 
von  den  Schlingen  sind  prall  mit  Blut  gefüllt;  die  Müller'sche 
Kapsel  aber  ist  auch  hier  verdickt. 

Betrachten  wir  die  Gefasse,  die  nicht  dem  Glomerulus  angehören, 
so  sehen  wir,  dass  dieselben  mehr  oder  weniger  mit  Blut  gefüllt 
sind;  und  zwar  sind  am  prallsten  angefüllt  die  Gefässe  in  der 
Grenzscbichte  zwischen  der  Corticalis  und  den  Pyramiden,  weniger 
die  in  der  oberflächlich  gelegenen  Portion  und  gar  nicht  die  sub- 
capsulären,  welch  letztere  zumeist  obliterirt  erscheinen.  Aber  auch 
die  Wandungen  der  übrigen  Gefasse  erscheinen  allenthalben  ver- 
dickt. Was  nun  die  kleinzellige  Infiltration  anbelangt,  so  ist  die- 
selbe in  der  angeführten  Grenzschichte  an  den  Stellen,  wo  die 
Glomeruli  noch  halbwegs  erhalten  sind)  am  reichlichsten  ausgeprägt, 
und  zwar  sowohl  um  die  Glomeruli,  als  um  die  prall  gefüllten 
Gefässe,  sie  ist  dagegen  in  den  peripherischen  Schichten,  wo  sich 
obsolete  Knäuel  und  auch  schon  viele  obliterirte  Gefässe  finden, 
nur  sehr  schwach  vorhanden.  Das  interstitielle  Gewebe  ist  überall 
stark  verbreitert,  hauptsächlich  in  den  peripherischen  Schichten  und 
enthält  zahlreiche  mehr  oblonge  Kerne.  Wenig  verbreitert  und 
zellig  infiltrirt  ist  das  interstitielle  Gewebe  der  Grenzschichte. 

Endlich  haben  wir  noch  die  Harnkanälchen  zu  erwähnen. 
Dieselben  sind  in  den  peripherischen  Schichten  sehr  stark  compri- 
mirt,  ihr  Epithel  vielfach  zerfallen ;  in  der  Grenzschichte  ist  jedoch 
die  Veränderung  nicht  so  vorgeschritten;  denn  die  Continuität  der 
epithelialen  Auskleidung  ist  nirgends  unterbrochen,  doch  sind  auch 
hier  die  einzelnen  Epithelien  parenchymatös  degenerirt.  Hie  und  da 
finden  wir  in  den  Harnkanälchen  hyaline  manchmal  auch  körnige 
Cylinder. 

Fassen  wir  nun  das  Gesagte  kurz  zusammen,  so  müssen  wir 
in  diesen  Nieren  gewiss  zwei  Processe  unterscheiden;  und  zwar 
finden  wir  einen  abgelaufenen  Process  vorwiegend  in  der  linken 
Niere  und  einen  frischen  Nachschub  in  beiden  Nieren  charakterisirt 
durch  Hyperämie  und  noch  unveränderte  kleinzellige  Infiltration. 

Wir  constatiren  also  auch  in  diesem  Falle  eine  acute  Exacer- 
bation eines  schon  längere  Zeit  dauernden  Processes. 


Symptomen-Gomplex  bei  Nephritiden.  235 

IX.  Nephritis  interstitialis  chronica.  Hypertrophia  cordis 

sinistri.  Oedema  pulmonum. 

Die  klinische  Diagnose  lautete  auf  Nierenentzündung,  zu  der 
in  den  letzten  Tagen  Urämie  hinzugetreten  ist. 

Eine  38jährige  Frau  wird  im  bewusstlosen  Zustande  in  das 
Krankenhaus  gebracht.  Sehr  geringe  Menge  Harnes;  letzterer  ei  wein- 
haltig. Der  Tod  erfolgte  in  comatösem  Zustande. 

Bei  der  Section  fand  man  nachfolgende  Veränderungen:  Kein 
Hydrops,  Gehirn  durchfeuchtet,  wenig  blutreich.  Hypertrophie  des 
Unken  Herzens  —  chronisches  Lungenödem.  Linke  Niere  klein, 
Kapsel  fest  adhärirend ;  Oberfläche  grob  granulirt.  Das  Gewebe  der 
Niere  imgemein  fest  und  unelastisch;  die  Bindensubstanz  ungemein 
schmal,  blassbraun  ebenso  die  schmalen  Markstrahlen.  Die  Schleim- 
haut des  Beckens  und  der  Kelche  ist  blass.  In  der  rechten  Niere 
finden  wir  etwas  mehr  Bindensubstanz  erhalten,  dieselbe  ist  sonst 
von  ähnlicher  Beschaffenheit. 

Der  mikroskopische  Befund  lautet  kurz:  die  grösste  Zahl  der 
Malpighi'schen  Knäuel  ist  obliterirt  und  hyalin  degenerirt  und  nur 
eine  geringe  Anzahl  findet  sich  erhalten.  Um  diese  und  in  dem 
sehr  breiten  interstitiellen  Gewebe  finden  sich  viele  und  grosse 
Gruppen  von  runden  kleinen  Zellen.  Die  Intima  der  Gefasse  ist 
stark  verbreitert.  Die  Harnkanälchen  sind  zum  grössten  Theile  ihrer 
epithelialen  Auskleidung  baar. 

X.  Atrophia    granularis    renum.     Hypertrophia    cordis 
sinistri.  Catarrh.  bronchialis.  Oedema  pulmonum,  acutum. 

Uraemia. 

Der  Kranke  ist  64  Jahre  alt,  seiner  Beschäftigung  nach  Tag- 
löhner.  Er  gibt  an,  dass  er  schon  seit  7  Wochen  keinen  Appetit 
habe,  öfters  an  Magenübelkeiton  leide  und  oft  breche.  Eine  gleich 
lange  Zeit  dauert  das  Oedem  der  unteren  Extremitäten.  In  der 
letzten  Zeit  trat  Kurzathmigkeit,  Husten  und  Diarrhöe  auf. 

Klinisch  constatirte  man  Symptome  einer  diffusen  Bronchitis 
—  Hydrops  —  wenig  Harn,  derselbe  enthält  viel  Eiweiss. 

Kurz  vor  dem  Tode  fast  kein  Hain,  starke  Kopfschmerzen, 
hierauf  eine  auffallende  Schläfrigkeit,  sodann  Coma  und  Tod. 

Die  Lustration  ergab  obigen  Befund.  Wir  entnehmen  dem- 
selben nur  die  Beschreibung  der  Nieren:    Linke   Niere   7l/z   Ctm. 


236  Hlava  und  Thomayer. 

lang,  31/»  Ctm.  breit;  ihre  Kapsel  ungemein  verdickt;  die  Ober- 
fläche granulirt.  Von  der  Corticalis  nur  ein  ganz  schmaler  Saum 
erhalten,  derselbe  von  hellbrauner  Farbe  imd  fester  zäher  Consi- 
stenz.  Hie  und  da  ein  bis  erbsengrosses  Cystchen.  Die  Pyramiden 
blass  violett,  die  Schleimhaut  der  Kelche  ist  blass  und  zart.  Die 
linke  A.  renalis  misst  im  Umfange  1  Ctm.,  die  rechte  8  Mm.  Die 
rechte  Niere  nur  6  Ctm.  lang,  3  Ctm.  breit,  sonst  gleich  beschaffen 
wie  die  linke. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  ergibt  zunächst  die  gröss- 
ten  Veränderungen  an  den  Malpighi'schen  Knäueln.  Dieselben  sind 
zum  grössten  Theile  obsolet  oder  in  Obsolescenz  begriffen.  Die 
obsoleten  sind  hyalin  degenerirt.  An  manchen  können  wir  über- 
haupt keine  Structur  erkennen,  während  an  anderen  iü  der  Mitte 
Fetttröpfchen  oder  Epithelreste  vorhanden  sind.  Die  so  veränderten 
Knäuel  sind  von  einer  sehr  dicken  Kapsel  umgeben;  dieselbe  setzt 
sich  aus  mehreren  Schichten  zusammen. 

Wir  haben  in  diesem  Falle  in  den  meisten  Präparaten  Stellen 
gesehen,  welche  darauf  hindeuten,  dass  die  Verdickung  der  Kapsel 
von  den  zufuhrenden  Gefassen  ausgehen.  Denn  wir  fanden,  dass 
diese  Gefasse  umgeben  sind  von  zahlreichen  Zellen,  deren  innerste 
an  das  Gefäss  sich  anschliessende  Schichte  rundlich  gestaltet  ist, 
die  mehr  nach  aussen  gelegene  dagegen  spindelförmige  Elemente 
besitzt.  Dabei  umgeben  diese,  jedenfalls  als  frische  Bindege- 
webszüge  qualificirte  Massen  das  Malpighi'sche  Körperchen  in 
dem  Masse,  dass  dessen  Contouren,  ja  selbst  das  Deckepithel 
sehr  undeutlich  erscheinen.  An  wenigen  Stellen  finden  wir  nur 
geringe  Veränderungen  der  Knäuel;  hier  ist  nur  die  Kapsel  dicker 
und  ihr  Endothel  etwas  gewuchert;  dasselbe  bildet  schöne  cubische 
grosse  Zellen  an  der  Innenfläche  derselben,  und  neben  dieser  findet 
man  grössere  Mengen  von  abgelöstem  Glomerulusdeckepithel. 

Das  interstitielle  Gewebe  ist  im  Ganzen  überall  verbreitert, 
am  wenigsten  zwischen  den  gewundenen  und  geraden  Harnkanäl- 
chen,  am  meisten  um  die  obsoleten  Glomeruli,  und  enthält  stellen- 
weise zahlreiche  Gruppen  von  Kundzellen,  welche  sich  in  der  Nähe 
grösserer  Gefasse  vorfinden  und  die  Harnkanälchen  stark  compri- 
miren.  —  Die  zellige  Infiltration  ist  auch  in  diesem  Falle  reichlich 
um  die  noch  wenig  veränderten  Glomeruli  angehäuft  —  die  Wan- 
dungen der  Gefasse  sind  fast  überall  verdickt;  und  ist  am  meisten 


Symptomcn-Complex  bei  Nephritiden.  237 

diese  Veränderung  an  den  kleinen  Gefassen  ausgesprochen,  woselbst 
das  Endothelrohr  betroffen  erscheint,  dasselbe  ist  nämlich  ungemein 
stark  gewuchert.  An  grösseren  Gefassen  ist  hauptsächlich  die  Ad- 
ventitia  verdickt;  die  Muscularis  zeigt  überall  normale  Breite  und 
nur  stellenweise  enthalten  die  Muskelbündel  Fetttröpfchen. 

Das  Epithel  der  Harnkanälchen  ist  stark  parenchymatös  dege- 
nerirt,  in  den  gewundenen  Harnkanälchen  findet  man  sogar  bereits 
fettige  Degeneration  vor;  doch  ist  die  Continuität  des  Epithelbe- 
lages nirgends  unterbrochen. 

In  diesem  Falle  war  die  kleinzellige  Infiltration  ebenso  mächtig 
wie  in  unserem  ersten  Falle. 

XI.  Nephritis  interstitialis  acuta  —  Urämia  —   Hydrops 
universalis  —  Pneumonia  crouposa  sinistra. 

Ein  34jähriger  Maurer  starb  im  Monate  März  1881.  Er 
wurde  in  das  Krankenhaus  im  comatösen  Zustande  gebracht.  — 
Anurie,  beständiges  Erbrechen,  mehrere  eclamptische  Anfalle  waren 
die  klinischen  Erscheinungen.  In  einem  eclamptischen  Anfalle  starb 
der  Kranke. 

Bei  der  Section  fingen  wir  aus  der  Leiche  etwas  Harn  auf 
und  untersuchten  ihn  mikroskopisch.  Wir  fanden  darin  eine  grosse 
Menge  rother  Blutkörperchen,  Beckenepithel,  Blutcylinder  und  spär- 
liche hyaline  Cylinder. 

Der  Sectionsbefund  war  nachfolgender:  Allgemeiner  Hydrops 
—  massiges  Hirnödem  —  croupöse  Pneumonie  des  linken  Unter- 
lappens; die  anderen  Lappen  der  Lunge  sind  stark  ödematös.  In 
den  beiden  Thoraxräumen  etwas  Transsudat;  ebenso  im  Pericardium. 
Massige  Hypertrophie  des  linken  Herzens.  Die  Schleimhaut  des 
Darmes  und  des  Magens  stark  geschwellt,  hyperämisch  —  die 
Leber  anämisch. 

Die  linke  Niere  ziemlich  gross;  ihre  Kapsel  sehr  zart  und 
sehr  leicht  ablösbar ;  die  Oberfläche  glatt,  glänzend,  die  Fereinischen 
Sterne  stark  injicirt;  an  der  dunkelviolett  gefärbten  Oberfläche 
finden  wir  neben  kleinen,  gelblichen,  stecknadelkopfgrossen  Punkten 
zahlreiche  punktförmige  Hämorrhagien.  Die  Corticalis  ist  1  Ctm. 
breit,  graulichviolett  und  ist  theils  von  gelblich  gefärbten,  theils 
von  hämorrhagischen  Streifchen  durchsetzt.   Das  Gewebe  derselben 


238  Hlava  und  Thomayer. 

ist  stark  gequollen  und  ausserordentlich  brüchig.  Die  Pyramiden 
sind  gefasert  und  von  dunkelvioleter  Farbe.  Das  Becken  ist  spär- 
lich fettumwachsen,  die  Schleimhaut  desselben  sowie  auch  der 
Kelche  ist  etwas  injicirt. 

Die  rechte  Niere   ist   ebenfalls   stark  injicirt,   zeigt  an  der 
Oberfläche  viel  zahlreichere  punktförmige   Hämorrhagien,   ist  aber 
sonst  von  ähnlicher  Beschaffenheit.  Die  mikroskopische  Untersuchung 
ergibt  in  diesem   Falle   eine   acute  interstitielle  Entzündung  der 
Nieren.    Dabei  finden  wir  abermals  die  hauptsächlichsten  Verände- 
rungen in  den  Malpighfschen  Knäueln.  Wir  müssen  hier   zweier- 
lei  Formen   (was  Grösse  der  Glomeruli   anbelangt)   unterscheiden. 
Die  einen  scheinen  normal  zu  sein;   ihre  Grösse  ist  nicht  abnorm, 
das  Deckepithel  ohne  Continuitätstrennung,  die  Müller'sche  Kapsel 
zart,  das  Endothel  derselben   deutlich   ausgeprägt.    Solche  Knäuel 
finden  wir  wenige;   die  andere  Form  ist  bedeutend  grösser,  auch 
der    epitheliale    Ueberzug    scheint   viel    dichter  zu   sein,   so   dass 
manchmal  die  Glomeruli  die  Kapsel  vollständig  ausfüllen.  Nur  hie 
und  da  trennt  den  Knäuel  ein  sichelförmiges  Eiweissgerinnsel  von 
der  Kapsel,  und  in  diesem  findet  man  zahlreiche  desquamirte  Glo- 
merulusepithelien.  An  einzelnen  Stellen  bleiben  zwischen  Glomerulus 
und  Kapsel  Lücken,  die  mit  runden,  cubischen  ja  sogar  auch  spin- 
delförmigen Gebilden  gefüllt  sind,  von  denen  es  sich  schwer  sagen 
lässt,    ob  sie  der  Wucherung  des  Kapselendothels  oder  einer  Emi- 
gration von  weissen  Blutkörperchen  ihren  Ursprung  verdanken;  doch 
neigen  wir  uns  mehr  zur  letzteren  Ansicht,   da  eben  die   von   der 
Kapsel  entfernteren   Zellen   spindelförmig   erscheinen.    In   einigen 
Kapseln  fanden  wir  ausgetretenes  Blut. 

Um  diese  vergrösserten  Glomeruli  finden  wir  eine  überaus 
reiche  zellige  Infiltration  frischen  Charakters  (kleine  runde  Zellen). 
An  einzelnen  Orten  durchdringt  diese  Infiltration  sogar  die  Kapsel; 
sonst  finden  wir  die  zellige  Infiltration  auch  in  der  Umgebung 
grösserer  Gefasse  und  zwischen  den  Harnkanälchen.  Die  kleineren, 
sowie  auch  die  grösseren  Gefasse  zeigen  keinerlei  grössere  Verän- 
derungen, ausser  dass  sie  stark  hyperämisch  sind  und  dass  sich  — 
wie  schon  erwähnt  —  in  ihrer  Umgebung  kleinzellige  Infiltration 
vorfindet.  Was  nun  das  Verhältniss  des  Epithels  anbelangt,  so 
bleibt  uns  zu  bemerken,  dass  das  der  gewundenen  Harnkanälchen 
stark  getrübt  ist,  stellenweise  sogar  fettig  degenerirt,  aber  in  seiner 


Symptomen-Complex  bei  Nephritiden.  239 

Continuität  nicht  unterbrochen.  Das  der  geraden  Harnkanälchen 
ist  nur  wenig  parenchymatös  degenerirt.  Innerhalb  der  Kanälchen 
finden  wir  zahlreiche  und  zwar  vorwiegend  Blutcylinder. 

Xu.  Nephritis  interstitialis  chronica.  Hypertrophiä  cordis. 
Rigiditas  arteriarum.  Haemorrhagia  in  cavum  peritoneale 
ex  aneurysmate  art.  coron.  ventriculi  superioris.  Hydrops 

universalis. 

.  Ein  65  Jahre  alter  Gastwirth  war  seiner  Angabe  nach  immer 
gesund  gewesen;  erst  vor  einem  Jahre  litt  er  durch  7  Wochen 
an  Oedemen  der  unteren  Extremitäten.  Die  jetzige  Krankheit  be- 
gann vor  2  Monaten  mit  Dyspepsie  und  Erbrechen,  worauf  sich 
abermals  Oedeme  der  Extremitäten  einstellten,  die  bis  zur  Auf- 
nahme ins  Krankenhaus  andauerten.  Massiger  Hydrops;  alter  Bron- 
chialkatarrh; im  Harne  finden  wir  Blut  und  zwar  mikroskopisch 
rothe  Blutkörperchen  und  viele  Blutcylinder.  Pat.  verfällt  in  Coma 
und  stirbt  in  demselben.  Bei  der  Section  findet  man  massiges 
Lungenödem,  nebst  den  oben  in  der  Diagnose  erwähnten  Verände- 
rungen. —  Das  Aneurysma  der  Coronararterie  war  perforirt,  und 
aus  der  Kleinheit  der  Perforations-Oeffnung  zu  schliessen,  musste 
die  Blutung  aus  demselben  längere  Zeit  angedauert  haben.  Die 
linke  Niere  in  fettloses  Zellgewebe  eingehüllt;  das  Zellgewebe 
um  den  Hilus  der  Niere  hämorrhagisch  infiltrirt.  Die  Kapsel  ist 
zart,  lässt  sich  ziemlich  leicht  ablösen.  Die  Oberfläche  glatt,  gelb- 
lichbraun. Die  Corticalis  eng,  gequollen  und  ebenfalls  gelblichbraun, 
in  derselben  zahlreiche  gelbliche  Streifen  eingelagert.  In  der  rech- 
ten Niere  finden  wir  eine  haselnussgrosse  Cyste,  sonst  ähnliche  Ver- 
änderungen wie  links. 

Diesen  unvollständigen  makroskopischen  Befund  können  wir 
durch  ein  genaues  mikroskopisches  Bild  ergänzen. 

Passen  wir  zunächst  die  Glomeruli  in  die  Augen,  so  sehen 
wir,  dass  sie  nicht  alle  gleich  gross  sind,  aber  obsolete  oder  hyalin 
degenerirte  konnten  wir  in  einer  grossen  Reihe  von  Präparaten 
nicht  auffinden.  Der  epitheliale  Ueberzug  der  Glomeruli  ist  jedoch 
ungemein  zellreich  und  innerhalb  der  Müller'schen  Kapsel  sehen 
wir  zahlreiches  desquamirtes  Deckepithel;  die  Endothelauskleidung 
der  Kapsel  ist  vollständig  erhalten.    Die   Kapsel   selbst   ist   nicht 

M«d.  Jahrbücher.  1882.  16 


240  Hlava  und  Thomayer. 

verdickt.    Das  interstitielle  Gewebe  zwar  zwischen   den   einzelne 
Harnkanälchen  stark  verbreitert  jedoch  nicht  in   einem   so   hohei^ 
Grade  wie  bei  anderen  chronischen  Nephritiden  und  enthält  stellen^ 
weise  reichliche  Kerne.  Am  auffallendsten  erscheinen  die  zahlreich^^ 
minimalen  Hämorrhagien,  die  knapp  an  der   Oberfläche  sich  v(w  ^ 
finden.    Diese    comprimiren  die  einzelnen   Harnkanälchen,   dringe  ^ 
manchmal  in  dieselben  ein,    so  dass  wir  in   der   ganzen   Niere,     j# 
den  gewundenen  und  geraden  Harnkanälchen,  auch  in  den  Pyra:*^ 
den  langen  Blutcylindern  begegnen.   An  den  Gefassen  konnten  wir 
in  einzelnen  Fällen  deutliche  Endothelwucherung  nachweisen;    sonst 
zeigen  sie  keinerlei  andere  Veränderungen. 

Wir  fanden  zwar  in  manchen  Schnitten  eine  kleinzellige 
Wucherung,  aber  diese  ist  sehr  spärlich  und  selten  und  findet  sich 
nur  um  die  Gefässe  der  oberflächlichsten  Corticalis  herum  nirgends 
aber  um  einen  Glomerulus.  Das  Epithel  der  geraden  und  gewun- 
denen Harnkanälchen  zeigt  in  diesem  Falle  ausserordentlich  grosse 
und  ausgedehnte  Veränderungen.  In  der  ganzen  Binde  sind  die 
Epithelien  theils  parenchymatös,  theils  fettig  degenerirt,  theils  ab- 
geplattet, ja  sogar  zerfallen;  dabei  sind  diese  Veränderungen  ganz 
unregelmässig  untereinander  vermischt,  so  dass  wir  in  manchen 
Harnkanälchen  alle  Metamorphosen  des  Epithels  finden  können. 
Sonst  sind  in  denselben  —  wie  schon  bemerkt  —  zahlreiche  Blut- 
cylinder.  Somit  haben  wir  auch  in  diesem  Falle  zweifache  Verän- 
derungen vor  uns  und  zwar  eine  Verbreitung  der  Interstitien  be- 
ruhend auf  einen  chronischen  Process,  und  die  Hämorrhagien  nebst 
minimaler  Zellinfiltration  der  oberflächlichsten  Kindenschichte  als 
Ausdruck  eines  Kecidivs,  das  aber  zu  keiner  Urämie  geführt  hat. 

XIII.  Calculosis  renis  dextri.  Pyelitis   dextra.   Nephritis 

interstitialis  chronica.   Hypertrophia  et  dilatatio    cordis 

sinistri.  Tuberculosis  obsoleta  apicum  pulmon. 

Oedema  pulmonum  acutum.  Oedema  cerebri.  Der  34jährige 
Patient  —  Taglöhner  —  wurde  zu  Anfang  des  Jahres  1881  durch 
längere  Zeit  im  hiesigen  Krankenhause  beobachtet  und  man  schloss 
aus  den  Symptomen  an  eine  Granularatrophie  der  Nieren.  Kurz  vor 
dem  Tode  sank  die  Diurese  beträchtlich,  enthielt  jedoch  auch  dann 
nur  wenig  Eiweiss.  Darauf  kamen  vehemente  Kopfschmerzen  und 
endlich  mehrfache  eclamptische  Anfälle. 


Symptomen-Complex  bei  Nephritiden.  241 

Den  makroskopischen  Befund  bei  der  Section  zeigt  die  oben 
per  extensum  angeführte  Diagnose;  wir  beschränken  uns  daher  nur 
auf  die  detaillirte  Beschreibung  der  Nieren. 

Die  linke  Niere,  in  reichliches  Fettgewebe  eingehüllt,  ist 
klein,  7  Ctm.  lang,  4  Ctm.  breit;  die  verdickte  Kapsel  adhärirt 
sehr  fest  der  grobkörnigen  und  hellbraun  gefärbten  Oberfläche. 

Die  Corticalis  ist  nur  2  Mm.  breit,  zäh,  fest,  braun  gefärbt. 
Die  Schleimhaut  des  Beckens  ist  blass.  Die  rechte  Niere  ist  9  Ctm. 
lang,  5  Ctm.  breit;  ihre  Kapsel  ebetifalls  verdickt,  die  Oberfläche 
grobknollig,  die  Kinde  eng.  Die  Pyramiden  sind  im  Längsdurch- 
messer bedeutend  abgeplattet  und  zwar  in  Folge  starker  Dilatation 
der  Kelche  und  des  Beckens,  in  welchem  sich  einige  längliche 
sichelförmige,  etwa  2  Ctm.  lange  Concremente  vorfinden.  Die  Schleim- 
haut des  Beckens  als  auch  der  Kelche  ist  äusserst  derb  und 
injicirt. 

Bei  der  mikroskopischen  Untersuchung  fanden  wir  nachfol- 
genden Befund: 

Die  Glomeruli  sind  nur  an  wenigen  Stellen  obliterirt,  zumeist 
umgeben  von  einer  stark  verdickten  Kapsel,  deren  Endothelbelag 
jedoch  nicht  genau  zu  unterscheiden  ist;  das  Schlingenconvolut  ist 
etwas  kleiner  geworden.  Um  dieselben  herum  findet  sich  eine  ziem- 
lich reiche  zellige  Infiltration  vor;  ja  man  findet  auch  innerhalb 
der  Kapsel  zahlreiche  rothe  und  weisse  Blutkörperchen. 

Die  Blutgefässe  sind  ganz  besonders  in  der  Corticalis  stark 
dilatirt  und  überall  mit  Blut  prall  gefüllt;  in  ihrer  Umgebung  finden 
wir  zahlreiche  kleine  Hämorrhagien  ganz  besonders  in  den  tieferen 
Bindenschichten.  Die  Vasa  recta  sind  ebenfalls  stark  dilatirt  und 
prall  mit  Blut  gefüllt,  dabei  sind  ihre  Wandungen  —  und  zwar 
die  Adventitia  bedeutend  verdickt. 

Das  interstitielle  Gewebe  ist  überhaupt  breiter,  hauptsächlich 
in  der  Umgebung  der  Glomeruli  und  besteht  aus  länglichen,  kern- 
reichen, fasrigen  Bindegewebszügen,  in  denen  man  häufig  kleine 
Hämorrhagien  vorfindet.  Kleinzellige  Infiltration  ist  nur  um  die 
Glomeruli  zu  sehen.  Die  Harnkanälchen  sind  weit  auseinander  ge- 
rückt und  zwar  durch  das  verbreiterte  Bindegewebe  und  durch  die 
stark  gefüllten  Gefässe.  Innerhalb  der  Kanälchen  finden  wir  zahl- 
reiche Cy linder;  das  Epithel  der  gewundenen  und  geraden  Harn- 
kanälchen  ist  parenchymatös  degenerirt. 

16* 


242  Hlava  und  Thomayer. 

XIV.  Nephritis  in terstitialis  chronica.  Hypertrophia  cordis 
totius  —  Bronchitis  chronica  —  Bronchectasia  —  Pleuritis 
chronica  dextra.   Hydrops  universalis  —  Oedema  pulmo- 
num et  cerebri.  Uraemia. 

Patient,  ein  36jähriger  Bräuergeseile  starb  Ende  December 
1881.  Derselbe  war  mehrmals  in  ärztlicher  Behandlung,  und  klagte 
ganz  besonders  über  Kurzathmigkeit  und  geschwollene  Füsse.  Bei 
der  Untersuchung  fand  man  chronischen  Bronchialkatarrh,  daneben 
Hypertrophie  des  ganzen  Herzens ;  im  Harne  viel  Eiweiss.  Im  Ver- 
laufe der  Krankheit  nahm  die  Menge  des  Harnes  zu  bei  Abnahme 
des  Eiweissgehaltes. 

Einige  Tage  vor  dem  Tode  sank  die  Diurese  plötzlich;  es  trat 
Erbrechen  auf  und  vehemente  Kopfschmerzen;  später  comatöser  Zu- 
stand, in  welchem  Patient  nach  2  Tagen  verschied.  Der  makroskopische 
Befund  der  Nieren  lautet:  Die  linke  Niere  in  fettloses  Zellgewebe 
eingehüllt  ist  81/«  Ctm.  lang,  4  Ctm.  breit,  2  Ctm.  dick.  Die  ver- 
dickte Kapsel  adhärirt  sehr  fest  der  fein  granulirten  Oberfläche  — 
die  einzelnen  Höckerchen  sind  gelblich  gefärbt,  wogegen  die  ein- 
gesunkenen Partien  eine  lichtviolete  Verfärbung  darbieten.  Die 
Kindensubstanz  ist  bedeutend  enger,  stellenweise  etwa  2  Mm.  dick, 
von  blassbrauner  Färbung;  an  einzelnen  Stellen  bemerken  wir  gelb- 
liche Punkte  und  Streifen  eingelagert,  welch  letztere  genug  häufig 
in  den  Markstrahlen  zu  finden  sind.  Die  Pyramiden  sind  Hein,  ab- 
geplattet, blass,  violet  gefärbt.  Das  Gewebe  ist  etwas  brüchig; 
die  Schleimhaut  der  Beckens  ist  hämorrhagisch  suffundirt.  Der 
Umfang  beider  Nierenarterien  ist  13  Mm.;  ihre  Intima  ist  blutig 
imbibirt  und  verdickt.  Die  rechte  Niere  ist  9  Ctm.  lang,  51/«  Ctm. 
breit,  2  Ctm.  dick,  sonst  so  beschaffen  wie  die  linke. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  ergibt  eine  typische  chroni- 
sche interstitielle  Nephritis. 

Die  .Glomeruli  sind  zum  grössten  Theile  obliterirt,  hyalin 
degenerirt  ohne  jedwede  Structur,  nur  in  einzelnen  finden  wir  in 
der  Mitte  einzelne  epitheliale  Zellen  oder  Detritus.  Die  Müller' - 
schen  Kapseln  sind  jedoch  in  diesem  Falle  nicht  verdickt  und  es 
lässt  sich  aus  diesem  Befunde  schliessen,  dass  die  Obliteration  der 
einzelnen  Knäuel  nicht  von  der  Kapsel  ausgeht.  Wir  müssen  daher 
die  Veränderungen  an  den  Gefassen  der  Knäuel   als   Ursache  der 


Symptomen-Complex  bei  Nephritiden.  243 

Obliteration  betrachten.  Wir  finden  in  manchen  Glomeruli  einzelne 
Gefässe  ihres  Deckepithels  baar,  und  hyalin  degenerirt;  an  manchen 
Stellen  sind  die  hyalinen  Gefass  schiin  gen  noch  mit  Fetttröpfchen 
bedeckt,  während  in  dem  Kapselraume  keinerlei  desqnamirte  Zellen 
sich  vorfinden.  Die  zufuhrenden  Gelasse  der  obliterirten  Knäuel 
sind  ebenfalls  verschlossen;  dort  wo  nur  einige  Schlingen  hyalin 
degenerirt  sind,  ist  die  Adventitia  der  zuführenden  Gefässe  unge- 
mein kernreich,  was  in  Gemeinschaft  mit  zwei  früher  erwähnten 
Fällen  unserer  Vermuthung,  dass  die  Obliteration  der  Knäuel  zu- 
nächst von  den  Gefässen  ausgeht,  eine  festere  Stütze  verleiht.  Auch 
in  anderen  Gefässen,  z.  B.  in  den  Vas.  rect.  —  finden  wir  ausge- 
sprochene Endothelwucherung,  ohne  dass  es  jedoch  schon  zum  voll- 
ständigen Verschluss  gekommen  wäre. 

*  Um  diese  obsolescirenden  Glomeruli  sehen  wir  einmal  Wuche- 
rung der  Adventitia  der  zuführenden  Gefässe,  ein  anderesmal  wie- 
der findet  man  zellige  Infiltration,  welche  auch  in  dem  intersti- 
tiellen verbreiterten  Gewebe  um  die  Gefässe  sich  vorfindet.  Das 
interstitielle  Gewebe  ist  sonst  überall  verbreitert.  Das  Epithel  der 
Harnkanälchen  ist  grösstenteils  in  der  Binde  zerstört,  in  der  Mark- 
substanz dagegen  ziemlich  erhalten. 

XV.  Nephritis  interstitialis  chronica.  Pneumonia  lobularis 
dextra.  Cystis  ovarii  sinistri  inflammata.  Malacia  uteri 
Postpartum.  Oedema  pulmonum.  Hydrothorax  bilateralis. 

Hydrops  universalis. 

Diese  Gruppe  von  Erkrankungen  fand  sich  bei  einer  22jähr. 
Lehrersfrau  vor.  Dieselbe  hatte  vor  kurzem  geboren;  Oedeme  der 
unteren  Extremitäten  bestanden  jedoch  schon  im  6.  Schwanger- 
schaftsmonate. Nie  wurden  bei  ihr  urämische  Symptome  beobachtet. 

Das  lethale  Ende  führte  eine  rechtsseitige  Pneumonie  herbei. 
Die  sonstigen  Veränderungen  ersehen  wir  aus  dem  oben  angeführ- 
ten Sectionsbefund,  aus  dem  wir  abermals  nur  die  Beschreibung 
der  Nieren  hervorheben. 

Die  Nieren  sind  über  10  Ctm.  lang,  6  breit,  4  dick.  Die  Kapsel 
ist  zart  und  leicht  ablösbar;  die  Oberfläche  glatt,  gelblichgrau  ge- 
färbt und  von  zahlreichen  gelblichen  Punkten  durchsetzt.  Hie  und 
da  sehen  wir  eine  punktförmige  Hämorrhagie.  Die  Corticalis  ist 
bedeutend  breiter,  graulichgelb  gestreift,  äusserst  brüchig;  auch  die 


244  Hlava  und  Thomayer. 

blassen  Pyramiden  sind  von  brüchiger  Gonsistenz.  Die  Schleimhaut 
des  Beckens  und  der  Kelche  ist  dünn  und  blass. 

Bei  der  mikroskopischen  Untersuchung  finden  wir  diffuse  Verän- 
derungen in  beiden  Nieren.  Die  Malpighi'schen  Knäuel  haben  allent- 
halben verdickte  Kapseln,  deren  Endothelbelag  ziemlich  undeutlich 
erscheint.  Einzelne  wenige  Glomeruli  sind  obsolet,  die  anderen  nor- 
mal gross,  mit  normalem  Deckepithel  bedeckt;  sehr  spärliche  Des- 
quamation desselben.  Die  Gelasse  sind  sehr  dickwandig  aber  die  Ver- 
dickung betrifft  anscheinend  alle  drei  Schichten.  Das  interstitielle 
Gewebe  zeigt  aber  ganz  gewaltige  Veränderungen.  An  ausgepinsel- 
ten Präparaten  könuen  wir  mächtige  Verbreiterung  des  interstitiellen 
Gewebes  zwischen  den  Harnkanälchen  sehen,  das  auch  anderwärts 
breite  Bindegewebszüge  darstellt.  Stellenweise  sehen  wir  in  diesen 
Fetttröpfchen,  anderwärts  zahlreiche  Kerne,  aber  eine  kleinzellige 
frische  Infiltration  konnten  wir  nur  sehr  selten  antreffen  und  auch 
da  war  diese  ungemein  undeutlich.  In  der  oberflächlichen  Schichte 
der  Corticalis  konnten  wir  jedoch  zahlreiche  punktförmige  Hämorr- 
hagien  beobachten,  die  sich  um  grössere  Gefasse  gruppirten.  Das 
Epithel  der  Harnkanälchen  zeigt  zweierlei  Veränderungen.  In  den 
gewundenen  Kanälchen  sehen  wir  eine  sehr  ausgebreitete  fettige 
Degeneration  und  stellenweise  vollständigen  Zerfall  des  Epithels; 
in  den  geraden  Kanälchen  ist  dieses  nur  parenchymatös  degenerirt, 
seine  Contouren  und  Continuität  jedoch  nicht  gestört.  In  beiderlei 
Kanälchen  sah  man  ziemlich  zahlreiche  Cylinder  und  zwar  hyaliner 
und  körniger  Structur;  von  den  ersteren  fanden  wir  eine  grössere 
Zahl  vor  als  von  den  letzteren. 

XVI.  Nephritis  interstitialis  chronica.  Peritonitis  fibrino- 

serosa.  Pneumonia  sinistra.   Hypertrophia  cordis   sinistri. 

Hydrothorax  bilateralis.  Hydrops  universalis. 

Die  Kranke,  eine  17jährige  Nätherin,  kam  zum  erstenmale  ins 
Krankenhaus  mit  den  Erscheinungen  einer  acuten  Nephritis;  nach 
fünf  Monaten  kam  dieselbe  wieder  und  zeigte  Symptome  beginnen- 
der chronischer  Nephritis.  Wenig  Harn  und  sehr  viel  Eiweiss.  Urä- 
mische Erscheinungen  nicht  dagewesen.  Patientin  erlag  einer  Peri- 
tonitis. Die  Nieren  bieten  das  Bild  einer  grossen  weissen  Niere  dar. 
Sie  sind  12  Ctm.  lang,  6  breit,  5  dick,  die  Kapsel  sehr  zart;  die 
Oberfläche  glatt,   glänzend,  gelblichgrau;  hie   und   da  eine  punkt- 


Symptom en-Complex  bei  Nephritiden.  245 

förmige  Hämorrhagie.  Die  Corticalis  ist  sehr  breit,  gelblichgrau  ge- 
streift, ausserordentlich  brüchig;  dis  Pyramiden  blau  und  zerfasert; 
die  Schleimhaut  des  Beckens  blau. 

Das  mikroskopische  Bild  fast  oin  gleiches  wie  in  dem  vo- 
rigen Falle. 

Die  Müller'schen  Kapseln  sind  mehrschichtig;  die  Glomeruli 
haben  jedoch  an  ihrer  Grösse  nichts  verloren,  ja  sie  scheinen  sogar 
etwas  grösser  zu  sein.  Der  epitheliale  Ueberzug  derselben  erhalten, 
sehr  spärliche  Desquamation. 

Das  interstitielle  Gewebe  diffus  verbreitert,  enthält  reichlichen 
Detritus,  sonst  aber  nur  spärliche  Kerne.  Nirgends  eine  kleinzellige 
Infiltration  zu  entdecken.  Das  Epithel  der  gewundenen  Kanälchen 
ist  beträchtlich  verändert  und  zwar  zum  grössten  Theilo  zerfallen, 
so  dass  eine  grosse  Anzahl  von  Böhrchen  nur  mit  Detritus  gefüllt 
ist.  Die  geraden  Kanälchen  besitzen  nur  leicht  parenchymatös  ge- 
trübtes Epithel.  Die  Gefässe  sind  in  diesem  Falle  ohne  Veränderung. 

XVII.  Nephritis   interstitialis  chronica.  Hypertrophia    et 
dilatatio   cordis  totius.  Tuberculosis  pulmonum  chronica. 

Zu  Lebzeiten  der  58jährigen  Patientin  wurde  nur  die  am 
meisten  verbreiterte  Lungenerkrankung  in  Betracht  gezogen.  In  dem 
Harne  fand  man  zwar  wenig  Eiweiss,  aber  man  war  eher  geneigt 
dieses  mit  der  Grundkrankheit  in  Verbindung  zu  bringen.  Die  Pat. 
wurde  durch  längere  Zeit  beobachtet  und  bot  nie  urämische  Sym- 
ptome dar. 

Bei  der  Section  fanden  wir  neben  ausgedehnten  tuberculösen 
Veränderungen  in  den  Lungen  eine  ausgesprochene  Granularatrophie 
der  Nieren  vor.  Dieselben  sind  etwa  7  Ctm.  lang,  21/*  Ctm.  breit, 
2  Ctm.  dick;  die  Kapsel  fest  adhärent;  die.  Oberfläche  ist  zum 
Theil  grob,  zum  Theil  fein  granulirt,  blassbraun  gefärbt.  Die 
Binde  sehr  eng.  Das  Gewebe  ist  sehr  fest,  zäh.  Die  Pyramiden 
blauviolet.  Die  mikroskopische  Untersuchung  zeigt,  dass  die  Glo- 
meruli nicht  bedeutend  verändert  sind.  Die  Mehrzahl  besitzt  zwar 
eine  concentrisch  verdickte  Kapsel,  wodurch  der  Binnenraum  etwas 
schmäler  wird,  aber  viele  sind  fast  unverändert  und  wir  finden 
innerhalb  der  wenig  verdickten  Kapsel  nur  leichte  Desquamation 
des  Epithels  mit  Eiweissgerinnungon.  Die  Blutgefässe   sind   etwas 


246  Hlava  und  Thomayer. 

verdickt  und  zwar  betrifft  dies  die  Adventitia,  die  recht  korn- 
reich ist. 

Das  interstitielle  Gewebe  um  die  Glomerttli  ist  stark  verbrei- 
tert, kern  reich;  letzteres  jedoch  nicht  an  Stellen,  welche  den  ein- 
gesunkenen Gewebspartien  entsprechen.  Die  Harnkanälchen  sind 
etwas  auseinander  gerückt,  comprimirt;  ihr  Epithel  ist  parenchy- 
matös degenerirt. 

Weder  um  die  Glomeruli  noch  in  den  übrigen  Interstitiell 
fanden  wir  eine  kleinzellige  Wucherung. 

XVIII.  Nephritis  interstitialis  chronica.  Hypertrophia  cor- 
dis    totius.    Atheroma    aortae.    Tuberculosis    pulmonum 

chronica  accedente  miliari  pulmonum  et  meningum. 

Pat.,  ein  58  Jahre  alter  Kutscher,  trat  in  das  Spital  im 
December  1880  ein  und  starb  im  Jänner  1881.  Bei  der  Aufnahme 
war  er  stark  aufgeregt,  delirirte;  darnach  verfiel  er  in  einen  som- 
nolenten  Zustand,  mit  allmälich  sich  entwickelnder  Nackenstarre. 
Die  Sectiou  zeigte  den  oben  angeführten  Befund.  Es  versteht  sich 
von  selbst,  dass  auch  die  ausgedehnte  Meningitis  tuberculosa  ge- 
nügend war,  um  den  Tod  zu  verursuchen. 

Aus  dem  Sectionsprotokolle  entnehmen  wir:  Nieren  klein,  an 
der  Oberfläche  fein  granulirt;  die  Eindensubstanz  eng  von  fester 
Consistenz,  gelblichbraun;  die  Pyramiden  3ind  abgeplattet,  blass- 
violet.  Mikroskopisch  finden  wir  sämmtliche  Glomeruli  von  dicken 
Kapseln  umgeben,  sonst  aber  ohne  Veränderung.  Das  interstitielle 
Bindegewebe  ist  stark  verbreitert  und  zwar  sowohl  um  die  Glo- 
meruli, als  auch  um  die  Harnkanälchen.  Nirgends  finden  wir  eine 
deutliche  kleinzellige  Infiltration.  Die  Harnkanälchen  sind  stark 
comprimirt,  ihr  Epithel  parenchymatös  degenerirt.  In  demselben 
finden  wir  wenige  hyaline  Cylinder. 

XIX.  Nephritis  interstitialis  chronica.  Hypertrophia  cor- 
dis  sinistri.  Degeneratio  amyloidea  lienis  et  renum.  Pneu- 
monia  chronica  lobi  superioris  dextri.  Oedema   pulmonis 

sinistri. 
Auch  in  diesem  Falle  zeigte  die  Kranke,  eine  73jährige  Tag- 
löhnerin,  keine  urämischen  Symptome. 

In  den  Nieron  nachfolgende  Veränderungen: 


Symptotaen-Complex  bei  Nephritiden.  247 

Die  linke  Niere  klein;  die  Kapsel  ist  zart,  leicht  ablösbar; 
die  Oberfläche  fein  granulirt,  blassgelblich  gefärbt;  ebenso  gefärbt 
die  CorticaEs,  in  welcher  noch  einzelne  blassere  Streifen  zu  be- 
merken sind.  Dieselbe  ist  ferner  sehr  eng;  die  Pyramiden  blass- 
violet.  Die  rechte  Niere  ist  ebenfalls  klein,  an  ihrer  Oberfläche 
finden  sich  zahlreiche  bis  erbsengrosse,  mit  klarem  Inhalt  versehene 
Cystchen,  sonst  gleiche  Beschaffenheit  wie  links. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  ergibt  zunächst  amyloide 
Degeneration,  welche  sich  zumeist  auf  die  Gefässe  der  Marksub- 
stanz beschränkt,  während  in  den  Glomerulis  oft  nur  1—2  Schlin- 
gen, manchmal  auch  keine,  amyloid  erscheinen;  auch  von  den  Ge- 
issen der  Corticalis  zeigen  nur  wenige  amyloide  Degeneration. 
Diese  letztere  ist  gewiss  jüngeren  Datums,  was  wir  daraus  ableiten, 
dass  die  obsoleten  Knäuel  keinerlei  Amyloid  zeigen. 

Solcher  obsoleten  Glomeruli  finden  wir  in  beiden  Nieren  eine 
reichliche  Anzahl;  dieselben  treten  jedoch  mehr  gegen  die  Ober- 
fläche auf;  in  den  tieferen  Schichten  sind  sie  ziemlich  erhalten  und 
zeigen  blos  eine  reichlichere  Desquamation  ihres  Deckepithels. 

Das  interstitielle  Gewebe  ist  verbreitert,  was  abermals  mehr 
in  den  oberflächlichen,  weniger  in  den  tieferen  Schichten  der  Corti- 
calis zu  sehen  ist.  Dasselbe  ist  kernreich  an  den  Stellen,  die  den 
Granulis  entsprechen,  sodann  um  die  obsoleten  Knäuel,  wenig  kern- 
haltig um  die  erhaltenen  Glomeruli  und  zwischen  den  Harnkanäl- 
chen.  Diese  letzteren  sind  nicht  bedeutend  comprimirt.  Die  Con- 
tinuität  des  epithelialen  Ueberzuges  ist  erhalten;  in  den  gewundenen 
Kanälchen  ist  das  Epithel  ungemein  fettig  degenerirt,  während  es 
in  den  geraden  Kanälchen  blos  parenchymatös  getrübt  ist. 

XX.  Intoxicatio  saturnina  chronica.  Atrophia  cerebri  et 
medullae  spinalis.  Hydrops  ventriculorum.  Atrophia  mus- 
cularis.  Nephritis   interstitialis    chronica.   Hypertrophia 

cordis  sinistri. 

Aus  der  genauen  Krankengeschichte  dieses  Falles  —  der  auf 
einer  anderen  Klinik  durch  lange  Zeit  beobachtet  wurde  —  ent- 
nehmen wir,  dass  niemals  urämische  Symptome  beobachtet  worden. 
Dem  Sectionsprotokoll  entnehmen  wir  folgende  Beschreibung  der 
Nieren:  Die  linke  Nierenarterie  ungemein  dickwandig,  misst  im 
Umfange  l*/t  Ctm.  Die  linke  Niere  ist  klein,  87a  Ctm.  lang,  5  Ctm, 


248  Hlava  and  Thomayer. 

breit,  3*2  Ctm.  dick.  Die  Kapsel  ist  etwas  dicker,  ihre  Oberfläche 
fein  granulirt,  röthlichbraun;  die  Binde  als  auch  die  Pyramiden  eng. 
Die  rechte  Niere  ist  etwas  kleiner  als  die  linke  (8 — 5 — 3),  sonst 
aber  ähnlich  beschaffen;  die  dazugehörige  Nierenarterie  misst  im 
Umfange  12  Ctm. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  war  um  so  interessanter, 
als  ja  aus  den  Versuchen  von  Charcot  und  Gombault1)  bekannt 
ist,  dass  man  bei  Thieren  chronische  Nierenentzündung  durch 
Fütterung  mit  kohlensaurem  Blei  hervorrufen  könne.  In  diesem 
Falle  zeigten  sich  die  Hauptveränderungen  an  den  Gefässen,  wäh- 
rend das  Epithel  der  Harnkanälchen  bedeutende  Veränderungen 
aufwies,  wenigstens  nicht  solche,  wie  sie  Charcot  und  Gombault 
nach  ihren  Versuchen  gesehen  und  beschrieben  haben. 

In   der   oberflächlichsten  Corticalisschichte   sind   die   meistei 
Glomeruli  zerstört,  d.  i.  umgewandelt  in  kleine  hyaline  Kugeln,  di^ 
nur  hie  und  da  Kerne  enthalten. 

Die  Knäuel,    welche   sich   in  den   tieferen  Schichten  (in  dar 
Marksubstanz)  vorfinden,   zeigen  geringe  oder  gar  keine  Verände- 
rungen.  Im  ersteren  Falle  sehen  wir,   dass  die  Müller'sche  Kapsel 
dicker  ist,  wobei  jedoch  das  Lumen  derselben  nicht  verengt  ist. 

Ganz  prägnante  Veränderungen  sehen  wir  an  den  grossen 
Gefässen.  —  Die  Adventitia,  Muscularis  und  Intima  sind  gewuchert; 
an  letzterer  sieht  man  dieses  ganz  deutlich,  indem  das  gewucherte 
Endothel  eine  mehrfache  Lage  bildet,  in  welcher  die  innerste 
Schichte  aus  spindelförmigen  Zellen  besteht.  —  Diese  letzteren 
kreuzen  sich  untereinander,  so  dass  das  verengerte  Gefasslumen 
wie  ein  Sieb  durchlöchert  erscheint.  An  manchen  Stellen  ist  die 
Verengerung  des  Lumens  eine  ungemein  grosse  —  so  vorzüglich 
an  den  Gefässen  der  Binde. 

Die  Gefässe  der  Marksubstanz  haben  bedeutend  dickere  Wan- 
dungen und  auch  hier  finden  sich  reichliche  Wucherungsvorgänge 
an  der  Intima. 

Das  interstitielle  Gewebo  ist  gleichmässig  verbreitert,  wie 
um  die  Glomeruli  so  auch  zwischen  den  Harnkanälchen,  und  ist 
sehr  arm  an  Kernen,  enthält  nirgends  eine  kleinzellige  Infiltration. 

Die  Harnkanälchen  sind  etwas  auseinandergedrängt,   aber  ihr 


{)  Archive»  de  physiologie  normale  et  pathologique.  1880. 


Symptomen-Complex  bei  Nephritiden.  249 

Epithel  ist  in  seiner  Continuitat  erhalten.  —  Die  einzelnen  Zellen 
sind  nicht  abgeplattet  und  nur  parenchymatös  degenerirt;  dies  gilt 
wie  von  den  geraden,  so  auch  von  den  gewundenen  Kanälchen. 

XXI.  Lues  universalis.  —  Deg.  amyloidea  hepatis,  lienis, 
renum.  —  Nephritis  interstitialis  chronica.  —  Pneumonia 

lobularis.  —  Dysenteria. 

Eine  28  Jahre  alto  Frau  wurde  mit  Syphilis  in  das  hiesige 
Spital  aufgenommen  und  durch  mehrere  Wochen  behandelt  (Schmier- 
tur).  —  Kurz  vor  dem  Tode  sank  die  Diurese  ganz  bedeutend 
herab,  sodann  stellten  sich  mächtige  Kopfschmerzen  ein.  Daraufhin 
bekam  P.  mohrfache  eclamptische  Anfälle;  es  entwickelte  sich  da- 
bei eine  solche  exquisite  Nackenstarre,  dass  der  behandelnde  Arzt 
Meningitis  diagnosticiren  zu  müssen  glaubte.  P.  starb  an  einem 
solchen  Krampfanfalle. 

Wir  müssen  von  vorneherein  erwähnen,  dass  die  Deutung  der 
nervösen  Erscheinungen  nicht  so  leicht  war.  Wir  mussten  zunächst 
bestimmen,  ob  luetische  Veränderungen  oder  Urämie  dieselben  her- 
vorgebracht haben.  —  Makroskopische  Veränderungen  im  Gehirne 
fand  man  bei  der  Section  nicht;  doch  lag  hier  die  Vermuthung 
nahe,  ob  nicht  eine  Endarteriitis,  wie  sie  Heubner  beschrieben, 
die  Ursache  der  Krämpfe  abgegeben  hatte.  An  frischen  Schnitten 
(Schanze's  Gefriermikrotom),  sowie  auch  an  gehärteten  konnten  wir 
uns  überzeugen,  dass  nirgends  von  einer  Endarteriitis  die  ßede  sein 
könne.  —  Von  einem  anderen  im  Gehirne  dabei  gemachten  posi- 
tiven Befunde  wollen  wir  in  unserer  nächsten  Arbeit  Erwähnung 
thun.  Wir  konnten  also  Luos  ausschliessen  und  mussten  annehmen, 
dass  es  sich  um  Urämie  gehandelt  habe.  Die  makroskopischen 
Veränderungen  in  don  Nieren  waren  laut  Sectionsprotokoll 
folgende : 

Die  rechte  Niere  ist  etwas  grösser  als  de  norma;  ihre  Kapsel 
ist  zart  und  leicht  ablösbar.  Die  Oberfläche  zeigt  auf  beiden  Flächen 
gegen  den  convexen  Band  hin  reichliche  Einziehungen,  so  dass  diese 
Flächen  grobknollig  erscheinen;  die  unteren  gegen  den  Hilus  sehen- 
den Flächen  sind  glatt;  die  Farbo  der  Oberfläche  ist  eine  blass- 
braune. 

Die  Rindensubstanz  ist  breit,  von  gelblichor  Farbe;  ähnlich 
wie   die  Bertinischen  Säulen   gefärbt.    Die  Pyramiden    sind    blau- 


250  Hlata  and  Thomayer. 

violet  Das  Gewebe  der  Niere  ist  fest,  unelastisch.  Die  linke  Niere 
ist  etwas  grösser  wie  die  rechte  und  hat  ebenfalls  eine  grobknollige 
Oberfläche. 

Bei  der  mikroskopischen  Untersuchung  finden  wir  nachfolgende 
Veränderungen: 

Dio  Glomeruli  sind  zum  grössten  Theü  erhalten  und  nur  in 
den  eingesunkenen  Partien  sind  einzelne  obsolet.  Auch  die  Gefasse 
zeigen  bei  ungefärbten  Präparaten  keine  bedeutenden  Veränderungen. 
Aber  nach  Färbung  mit  Anilinfarben  sehen  wir,  dass  reichliche 
Vasa  recta  und  einzelne  Gefasse,  die  in  die  Malpighfschen  Knäuel 
eintreten,  ebenso  auch  viele  Capillarschlingen  der  Glomeruli  amy- 
loid  degenerirt  sind. 

Das    interstitielle   Bindegewebe    ist   überwiegend  verbreitert 
und   an   vielen  Stellen  sehen   wir   Gruppen   von    kleine^ 
Bundzellen  und  zwar  sowohl  in  der  Umgebung  grösserer  Geföss^ 
als  auch  um  die  Glomeruli  herum.  Die  Infiltration  sehen  wir  auck* 
an  solchen  Orten,   wo  das  interstitielle  Gewebe  nicht  verbreitert 
ist.  Die  Geftsse  sind  überhaupt  stark  hyperämisch. 

Die  Harnkanälchen  sind  einerseits  stark  comprimirt  an  Stellen, 
wo  das  interstitielle  Gewebe  stark   verbreitert  ist,    und   enthalten 
stellenweise  zahlreiche  rothe  Blutkörperchen,  nebst  vielem  Blut  und 
hyalinen   (Mindern.    Das  Epithel   der   gewundenen  Kanälchen  ist 
parenchymatös  degenerirt. 

Vergleichen  wir  nun  diesen  Befund  mit  den  in  anderen  Fällen 
gemachten  und  erwägen  wir,  dass  keine  andere  Ursache  für  die  im 
Leben  beobachteten  nervösen  Erscheinungen  gefunden  wurde,  so 
sind  wir  gewiss  zu  dem  Schlüsse  berechtigt,  dass  Urämie  die  un- 
mittelbare Todesursache  gewesen  sei. 

XXII.  Nephritis  interstitialis  chronica.  —  Degeneratio 
amyloidea  hepatis,  lienis  et  renum.  —  Hydrothorax.  — 
Hydrops  universalis.  —  Tuberculosis  pulmorum  chronica. 

Wie  aus  der  Diagnose  zu  ersehen  ist,  handelt  es  sich  um 
einen  gleichen  Fall,  wie  es  der  vorige  war.  Auch  in  diesem  Falle 
litt  Patientin,  eine  24jährige  Dienstmagd,  an  Lues.  Sub  finem  vitae 
hatte  sie  eine  geringe  Diurese;  im  Harne  sehr  viel  Eiweiss;  über- 
dies litt  sie  an  vehementen  Magenbeschwerden  und  Kopfschmerzen, 


Symptomen-Complex  bei  Nephritiden.  251 

an  welche  sich  mehrfache  eclamptische  Anfälle  anschlössen.  Darauf 
Coma  und  in  demselben  Tod. 

Die  linke  Niere  ist  13  Ctm.  lang,  6  Ctm.  breit,  4  Ctm.  dick; 
die  Kapsel  ist  zart,  leicht  ablösbar;  die  Oberfläche  zeigt  vielfache 
narbige  Einziehungen,  ist  blassgelb  und  an  den  glatten  Partien  von 
zahlreichen  gelblichen  Funkten  durchsetzt.  Die  Bindensubstanz  ist 
verbreitert  (V/2  Ctm.  breit),  gelblichroth  gestreift;  die  Pyramiden 
"blassviolet.  Das  Gewebe  ist  unelastisch,  fest,  matt  glänzend.  Das 
Becken  reichlich  fettumwachsen,  seine  Schleimhaut  dünn  und  blass. 
Die  rechte  Niere  ist  kleiner  (10— 6—  3y2),  besitzt  an  der  Ober- 
fläche zahlreiche  Einsenkungen,  zwischen  welchen  die  glatte  blass- 
gelbe Oberfläche  sich  hinzieht.  Die  Bindensubstanz  ist  hier  nur 
1  Ctm.  breit;  sonst  die  Beschaffenheit  wie  links. 

An  den  Stellen  der  narbigen  Einziehungen  finden  wir  bei  der 
mikroskopischen  Untersuchung  prägnante  Veränderungen,  während 
an  den  der  glatten  Oberfläche  entsprechenden  Orten  das  Gewebe 
unverändert  erscheint,  bis  auf  die  Gefässe  und  Knäuel,  die  amyloid 
degenerirt  sind. 

In  den  ersteren  Partien  sind  die  Glomeruli  zum  Theile  ob- 
solet, zum  Theile  von  einer  reichlichen  zelligen  Infiltration  um- 
geben. Bei  den  scheinbar  erhaltenen  Partien  sind  die  Glomeruli 
zumeist  amyloid  degenerirt,  aber  auch  um  diese  herum  finden  wir 
eine  zellige  Infiltration. 

Die  Gefässe  besitzen  keine  verdickten  Wandungen  und  sind 
in  den  am  meisten  peripheren  Schichten  der  Corticalis  stark  hyper- 
ämisch,  während  in  den  tieferen  Lagen  dieselben  stark  amyloid 
degenerirt  erscheinen.  Das  interstitielle  Bindegewebe  ist  in  den 
eingesunkenen  Partien  stark  ausgebreitet  und  enthält  überall  zahl- 
reiche Gruppen  von  Bundzellen  und  stellenweise  punktförmige 
Hämorrhagien.  An  den  etwas  erhaltenen  Partien  sind  die  Inter- 
stitien  zart  und  fast  kernlos. 

Die  Harnkanälchen  sind  in  den  vorerst  erwähnten  Partien 
stark  comprimirt  und  bilden  nur  kleine  Lücken  im  Gewebe;  die- 
selben sind  an  zahlreichen  Stellen  mit  rothen  Blutkörperchen  oder  mit 
zerfallenen  Epithelmassen  gefüllt.  An  den  erhaltenen  Stellen  ist 
das  Epithel  bedeutend  vergrössert  und  fettig  degenerirt  in  den 
gewundenen  Harnkanälchen,  während  in  den  geraden  das  Epithel 
nur  parenchymatös  getrübt  ist. 


252  Hlava  und  Thomayer. 

Dies  ist  die  Beschreibung  sämmtlicher  von  uns  untersuchten 
Fälle. 

Es  wäre  nun  begreiflicherweise  vor  Allem  angezeigt  zu  fragen, 
ob  das  vorliegende  Material  irgend  welche,  unsere  Frage  be- 
treffende Schlüsse  gestatte.  Ehe  wir  jedoch  auf  dieses  eingehen, 
wollen  wir  Einiges  zur  Aufklärung  vorausschicken. 

Dreizehn  von  zwei  und  zwanzig  untersuchten  Fällen  waren 
während  des  Lebens  mit  Urämie  combinirt.  Dies  ist  gewiss  ein 
auffallendes  Verhältniss.  Wir  müssen  jedoch  bemerken,  dass  unsere 
Fälle  ausgesucht  sind,  und  dass  wir  speciell  solche  wo  Urämie  be- 
obachtet wurde,  mit  Vorliebe  aufsuchten.  In  Folge  dessen  kann  un- 
sere Zusammenstellung  zu  keiner  statistischen  Berechnung  benützt 
werden. 

Wir  wollen  nun  sämmtliche  Befunde  übersichtlich  zusammen- 
stellen (siehe  die  beigefügte  Tafel  Seite  254  und  255)  und  so  die 
Verhältnisse  der  einzelnen  Bestandteile  genauer  studiren. 

Betrachten  wir  vor  Allem  das  Verhältniss  des  Epithels  der  Harn- 
kanälchen,  speciell  das  der  gewundenen,  so  finden  wir  Zerfall  oder 
wenigstens  hochgradige  Degeneration  in  folgenden  Fällen:  I,  II,  HI, 
VE,  IX,  XII,  XIV,  XV,  XVI.  Von  diesen  boten  nur  die  Fälle  I, 
VII,  IX  und  XIV  während  des  Lebens  urämische  Erscheinungen 
dar,  dagegen  war  in  den  Fällen  VI,  X,  XI,  XVI,  die  Veränderung 
des  Epithels  keineswegs  hochgradig  und  doch  zeichneten  sich  diese 
Fälle  während  des  Lebens  durch  Urämie  aus. 

Wenn  somit  die  Urämie  sowohl  bei  unbedeutender  als  bei 
hochgradiger  Störung  des  Epithels  der  Harnkanälchen  sowohl  vor- 
kommen als  fehlen  kann,  so  ist  es  doch  logisch,  dass  dieses  Epithel 
durch  seine  Veränderungen  zur  Enstehung  von  Urämie  höchstens 
beitragen,  aber  nie  allein  dieselbe  veranlassen  könne. 


Auch  die  übrigen  secretorischen  Bestandteile  der  Niere  — 
die  Malpighi'schen  Knäuel  —  zeigten,  wie  schon  angedeutet,  man- 
nigfache, zumeist  graduell  verschiedene  Veränderungen.  So  waren 
dieselben  in  den  Fällen  I,  in,  VH,  VIII,  IX,  X,  XIV,  XVII,  XVIH, 
zum  grössten  Theile  obsolescirt  und  undurchgängig,  ohne  dass  man 
in  den  Fällen  III,  -XVII,  XVIH  während  des  Lebens  urämische 
Erscheinungen  verzeichnet  hätte.    Dagegen  war  in  den  Fällen  IV, 


Symptomen-Complex  bei  Nephritiden.  253 

XI,  ^TTT  die  Mehrzahl  der  Glomeruli  anscheinend  ohne  Veränderung 
und  doch  waren  gerade  in  diesen  Fällen  während  des  Lebens  urä- 
mische Erscheinungen  ausserordentlich  patent.  In  Folge  dessen  ist 
es  wohl  unmöglich  die  anatomischen  Veränderungen  des  Glomerulus 
als  ausschliesslich  wichtig  für  die  Entstehung  von  Urämie  zu  be- 
trachten. Es  wird  freilich  Niemandem  einfallen  zu  behaupten,  dass 
die  Durchgängigkeit  der  Glomeruli,  resp.  ihre  secretorische  Fähig- 
keit für  die  Entstehung  von  Urämie  keine  Bedeutung  haben.  Es 
ist  klar,  dass  die  Gefahr  der  Betention  gewisser  Harnbestandtheile 
im  Organismus  besonders  gross  ist,  wenn  die  überwiegende  Mehr- 
zahl der  Glomeruli  functionsunfiahig  geworden  ist,  obzwar  man  nicht 
einmal  approximativ  weiss,  wie  gross  die  Zahl  der  enthaltenen 
Glomeruli  sein  müsse,  auf  dass  im  gegebenen  Falle  hinreichende 
Secretion  des  Harnwassers  erfolge. 

Durch  unsere  Zusammenstellung  wollten  wir  speciell  darauf 
hinweisen,  dass  selbst  bei  nicht  besonders  veränderten  Glomerulis 
Urämie  auftreten  könne,  und  dass  es  somit  für  dieselbe  noch  andere 
Entstehungsgründe  gebe  als  Devastation  einer  bestimmten  Zahl 
von  Malpighischen  Knäueln.  Dies  gilt  nicht  nur  für  acute  Nephri- 
tiden, für  welche  eine  solche  Bemerkung  selbstverständlich  über- 
flüssig ist,  sondern  auch  für  chronische  Fälle,  wie  es  eben  die  an- 
geführten mikroskopischen  Befunde  nahe  legen. 

Auch  das  Verhalten  der  sonstigen  Blutgefässe  weist  für  imsere 
Zwecke  nichts  Bestimmtes  auf.  Namentlich  bieten  die  Verhältnisse 
der  Gefasswände  und  ihre  bei  chronischen  Nephritiden  nicht  seltenen 
Erkrankungen  nichts  Wesentliches  für  die  Entstehung  des  urämi- 
schen Symptomencomplexes.  So  viel  glauben  wir  wenigstens  unserer 
Zusammenstellung  entnehmen  zu  können. 

Auffallend  erscheint  dagegen  das  Verhältniss  der  kleinzelligen 
d.  h.  entzündlichen  Infiltration.  Wir  wollen  dasselbe  einer  genaueren 
Analyse  unterziehen. 

Schon  bei  oberflächlicher  Betrachtung  der  beigefügten  Tabelle 
sehen  wir  das  Vorhandensein  der  kleinzelligen  Infiltration  in  fol- 
genden Fällen  verzeichnet:  I,  IV,  VI,  VII,  VIII,  IX,  X,  XI,  XIH, 
XIV,  XXI,  XXII.  Betrachten  wir  sodann  die  Beschreibung  der  Fälle 
etwas  genauer,  so  sehen  wir,  dass  in  manchen  von  denselben,  selbst 
in  solchen,  welche  chronisch  verlaufen  sind,  kleinzellige  Infiltration 
überaus  massenhaft  zu  finden  war.   Um  nur  ein  Beispiel  hervorzu- 


254 


Hlava  und  Thomayer. 


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Med.  Jtirbtlcher.  1882. 


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256  Hlava  und  Thomayer. 

hoben,  verweisen  wir  auf  den  Fall  I,  den  wir  klinisch  durch  längere 
Zeit  verfolgen  konnten,  und  in  dem  die  urämischen  Erscheinungen 
während   des   Lebens   ungemein  heftig  und   ausgesprochen  waren. 
Keine  odor  wenigstens  keine  auffallende  kleinzellige  In- 
filtration fanden  wir  in  den  übrigen,  von  uns  untersuchten  Fällen; 
—  es  sind  dies  sämmtlich  jene  Fälle,  in  denen  keine  Urämie  auf- 
getreten war,  und  in  denen  zumeist  schon  der  sonstige  Leichenbe- 
fund eine  andere  Todesursache  aufweist.  In  sämmtlichen  Fällen  da- 
gegen, in  denen  wir  eine  reichliche  kleinzellige  Infiltration  gefun- 
den haben,  wurden  urämische  Erscheinungen  während  des  Lebens 
beobachtet.    Wohl  sind  die  klinischen  Notizen,    die  wir  einzelnen 
Fällen  beigefügt  haben,    zumeist  nur  lückenhaft,   und  wurde  auch 
eine  Anzahl  von  den  angeführten  Fällen  von  anderen  Aerzten  kli- 
nisch beobachtet,  doch  steht  so  viel  sicher,  dass  Fälle,  die  wir  selbst 
beobachtet   haben,   bezüglich   des   anatomischen  Befundes  mit  den 
übrigen  vollkommen  in  Einklang  stehen,   und  dass  jene  Fälle,  in 
denen   urämische  Erscheinungen   während   des  Lebens   beobachtet 
wurden,   in   dem   makroskopischen  Befunde    zumeist   hinreichende 
Begründung  für  die  während  des  Lebens  gestellte  Diagnose  gefun- 
den haben. 

Angesichts  dessen  können  wir  das  Kesultat  unserer  Unter- 
suchungen folgendermassen  zusammenfassen.  In  allen  denjenigen 
Fällen,  in  welchen  während  des  Lebens  Urämie  beobachtet 
wurde,  fanden  wir  post  mortem  in  den  Nieren  eine  mehr 
oder  weniger  massenhafte,  zumeist  ganz  frische  klein- 
zellige Infiltration,  in  jenen  Fällen,  wo  urämische  Erscheinungen 
nicht  beobachtet  wurden,  und  wo  schon  aus  dem  Sectionsbefunde 
eine  anderweitige  Todesursache  ersichtlich  ist,  wurde  ein  solcher 
mikroskopischer  Befund  von  uns  nicht  gemacht. 

Dies  ist  das  einzige  auffällige  Substrat,  das  uns  unsere  Unter- 
suchungen geliefert  haben.  Fraglich  ist  es  nun,  ob  dieses  Substrat 
derartig  charakteristisch  und  wichtig  ist,  dass  man  ihm  eine  be- 
stimmte oder  gar  wichtige  Bedeutung  beilegen  könnte. 

Betrachten  wir  die  Verhältnisse  der  kleinzelligen  Infiltration 
in  den  angegebenen  Fällen,  so  finden  wir  vor  allem,  dass  sich  diese, 
wie  begreiflich,  in  der  unmittelbaren  Nachbarschaft  der  verschiedenen 
Blutgefässe  befindet.  Man  findet  sie  in  der  Umgebimg  der  Malpi- 
ghi'schen  Knäuel  vorzüglich  an  der  Stelle,  wo  das  Vas  efferens  und 


Symptomen-Complex  bei  Nephritiden.  257 

afferens  die  Müller'sche  Kapsel  durchdringen,  ferner  in  der  Nähe 
der  interlobulären  Arterien,  die  aus  den  bekannten  Blutgefassbogen 
entspringen  und  endlich  in  der  Umgebung  anderweitiger  Binden- 
gefässe. 

Von  den  interlobulären  Arterien  hängt,  wie  wir  wissen,  vor- 
züglich die  Secretion  des  Harnwassers  ab.  Es  sind  dies  jene  Ge- 
ftsszweige,  von  welcher  die  Vasa  afferentia  sich  abzweigen,  um  die 
Müller'sche  Kapsel  durchzudringen.  Was  die  Verhältnisse  der  Gefasse 
des  Glomerulus  selbst  anbelangt,  so  wissen  wir,  dass  das  Vas  efferens 
vom  afferens  an  Weite  übertroffen  wird,  imd  dass  dieses  Verhältniss 
in  Folge  dessen  die  Filtration  im  Knäuel  selbst  wesentlich  begünstigt. 
In  den  mit  Urämie  complicirten  Fällen  von  Nephritis  fanden  wir  nun 
Agmination  von  Bundzellen  in  der  unmittelbarsten  Nachbarschaft 
des  Vas  afferens  und  efferens.  Diese  Agmination  ist  mitunter  unge- 
mein massenhaft  und  dabei  muss  man  noch  in  Betracht  ziehen, 
dass  speciell  bei  Granularatrophie  der  Niere  das  interstitielle  Ge- 
webe derb  und  unnachgiebig  ist. 

Es  entsteht  die  Frage,  ob  Agmination  von  Bundzellen  in  der 
Umgebung  besagter  Gefässe  für  die  Circulation  in  denselben  gleich- 
giltig  sei?  Wir  glauben  bestimmt  diese  Frage  verneinen  zu  können. 
Nachdem  man  annimmt,  dass  an  anderen  Stellen  des  menschlichen 
Körpers  das  entzündliche  Exsudat  die  benachbarten  Gefässe  derartig 
comprimirt  dass  Gewebsnekrosen  daraus  entstehen,  so  dürfen  wir  wohl 
auch  im  vorliegenden  Falle  annehmen,  dass  die  entzündliche  rund- 
zellige  Infiltration  die  betreffenden  Gefasse  comprimire.  Wir  wollen 
dahingestellt  lassen,  wie  hochgradig  eine  derartige  Compression  sein 
möge,  so  viel  ist  jedoch  sicher,  dass  selbst  massige  Verengerimg 
der  Vasa  afferentia  ganz  andere  Folgen  haben  muss  als  gleich  be- 
deutende Veränderung  anderer  Gefässe  im  Organismus.  Da  die  Fil- 
tration oder  Secretion  des  Harnwassers  de  norma  ein  auffallendes 
Missverhältniss  der  Gefässlumina  erfordert,  so  ist  anzunehmen, 
dass  in  denjenigen  Fällen,  in  denen  das  Vas  afferens  so  comprimirt 
wird,  dass  sein  Lumen  dem  des  Vas  efferens  gleich  wird,  bereits 
eine  gefährliche  Störung  der  Harnwasserfiltration  eintreten  werde. 
Gleichbedeutend  dürfte  auch  die  Compression  beider  Gefässe  ein- 
wirken. 

Doch  nicht  nur  in  der  Umgebung  des  Malpighi'schen  Knäuels 
sondern  auch  in  der  Umgebung  der  intralobulären  Arterien  findet 

47* 


258  Hlava  und  Thomayer. 

sich  Anhäufung  von  Bundzellen  vor.  Da  diese  Arterien  den  Vasa 
afferentia  übergeordnet  sind,  indem  diese  Zweigäste  jener  vorstellen, 
so  wird  auch  Compression  jener  Arterien  bereits  einen  gewissen 
Einfluss  auf  den  physiologischen  Vorgang  im  Malpighi'schen  Knäuel 
ausüben,  indem  unterhalb  der  comprimirten  Stellen  gewiss  ein 
geringeres  Blutvolumen  das  Gefäss  durchströmen  wird. 

Auf  diese  Art  liesse  sich  wohl  hinreichend  Urämie  mit  vor- 
angehender Verminderung  der  Harnmenge  erklären. 

Es  fragt  sich  nun,  was  für  eine  Bedeutung  der  kleinzelligen 
Infiltration  beizulegen  ist.  Für  die  acute  Nephritis  ist  das  Vorkom- 
men derselben  eine  selbstverständliche  Erscheinung.  Doch  auch  für 
die  chronischen  Formen,  speciell  bei  Granularatrophie  der  Nieren, 
ist  ihr  Auftreten  keine  aussergewöhnliche  Erscheinung.  Man  darf 
eben  nicht  vergessen,  dass  im  Verlaufe  der  chronischen  intersti- 
tiellen Nephritiden  in  einem  Stadium,  wo  ein  Theil  des  Parenchyms 
verwüstet,  ein  anderer  jedoch  secretionsfahig  ist,  acute  Exacerbationen 
vorkommen,  die  mitunter  klinisch  selbst  das  Bild  einer  acuten  Nephritis 
vortäuschen  *).  Wir  wollen  absehen  von  der  Bedeutung  dieser  Exa- 
cerbationen für  die  Pathologie  der  Nephritiden,  so  viel  ist  jedoch 
klar,  dass  bei  einem  acuten  entzündlichen  Nachschübe  in  der  Niere, 
kleinzellige  Infiltration  nicht  Wunder  nehmen  darf. 

Dass  eine  solche  entzündliche  Exacerbation  besonders  gefährlich 
ist,  ist  selbstverständlich.  Sie  betrifft  ja  eine  Niere,  in  der  bereits 
ein  grosser  Theil  des  secernirenden  Parenchyms  functionsunfahig 
geworden  ist  und  in  der  somit  der  mehr  oder  weniger  erhaltene 
Best  des  Parenchyms  viel  leichter  gestört  werden  kann  als  in  einer 
Niere,  die  ursprünglich  vollkommen  gosund  war.  Diese  theoretischen 
Schlüsse  besitzen  in  den  Erfahrungen  aus  der  Praxis  eine  wich- 
tige Stütze.  Es  geht  ja  beispielsweise  aus  der  Zusammenstellung 
von  Budde2)  hervor,  dass  gerade  bei  Granularatrophie  der  Niere 
Urämie  am  häufigsten  vorkomme. 

Es  ist  ferner  klar,  dass  bei  einer  allgemeinen  Blutdruckernie- 
derung die  kleinzellige  Infiltration  viel  eher  das  Gefäss  zu  com- 
primiren  im  Stande  sein  wird,  als  bei  hohem  Blutdrucke  speciell 
in  den  Nieren. 


*)  Wagner,  Ziemssen's  Handb.  IX.  I.  3.  Aufl.  p.  277. 
■)  Eef.  in  Virch.  Hirsch  Jahresb.  1876.  2.  p.  23. 


Symptomen-Complex  bei  Nephritiden.  259 

Fraglich  erscheint  es  allerdings,  ob  durch  den  angeführten 
Befund  auch  jene  Fälle  von  Urämie,  in  denen  die  Diurese  nicht 
gesunken  ist,  ihre  Erklärung  finden  können.  Es  ist  allerdings  wahr- 
scheinlich, dass  die  Secretion  der  gewundenen  Harnkanälchen  bei 
Compression  der  zugehörenden  Gefässe  eine  wesentliche  Störung  er- 
leiden wird.  Wir  sind  jedoch  nicht  im  Stande  nachzuweisen,  dass 
es  Fälle  gebe,  in  denen  die  kleinzellige  Infiltration  sich  lediglich 
auf  das  die  gewundenen  Kanälchen  umspinnende  Capillargefässnetz 
beschränkt.  Kommen  solche  Fälle  vor  und  sind  dabei  Knäuel  zum 
grossen  Theile  intact,  so  würde  die  Secretion  des  Harnwassers  fort- 
dauern, während  die  Secretion  gewisser  specifischer  Bestandtheile 
des  Harnes  eine  wesentliche  Störung  erleidet. 

Wir  betrachten  in  Folge  dessen  die  kleinzellige  In- 
filtration als  einen  äusserst  wichtigen  Factor  für  die 
Entstehung  von  Urämie  im  Verlaufe  von  Nierenentzün- 
dungen. 

Dieser  Satz  erheischt  einige  Aufklärung.  Kleinzellige  Infiltra- 
tion kann  man  finden  hie  und  da  auch  in  solchen  Fällen,  wo  keine 
Urämie  vorhanden  war.  Wenn  auch  in  diesen  Fällen  die  Infiltration 
nicht  besonders  deutlich,  ja  mitunter  kaum  nachweisbar  ist,  so 
müssen  wir  doch  diesen  Umstand  auffuhren,  um  eben  andeuten  zu 
können,  dass  allem  Anscheine  nach  in  solchen  Fällen  die  kleinzel- 
lige Infiltration  ihrer  geringen  Dimensionen  wegen  nicht  im  Stande 
ist,  die  Gefässe  zu  comprimiren. 

Ob  nicht  noch  andere  anatomische  Bedingungen  für  die  Entste- 
hung von  Urämie  bei  diffusen  Nephritiden  vorliegen,  lassen  wir  da- 
hingestellt, däss  aber  Bundzellanhäufungen  eine  Bolle  bei  der  Ent- 
stehung von  Urämie  spielen,  betrachten  wir  für  gewiss. 

Die  auffallende  Coincidenz  dieses  Befundes  mit  den  klinischen 
Erscheinungen  der  Urämie,  sowie  auch  das  Verhältniss  der  Bund- 
zellen zum  secernirenden  Nierenparenchym  berechtigen  eine  solche 
Ansicht  in  hohem  Grade. 


Herrn  Prof.  Klebs,  dessen  Freundlichkeit  wir  das  vorliegende 
anatomische  Materiale  verdanken,  erstatten  wir  hiermit  unseren  Dank. 


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XIV. 

Untersuchungen  über  das  Kniephänomen. 

Von 

Dr.  A.  Jarisch  und  Dr.  E.  Schiff. 

(Hiezu  Tafel  X  und  2  Holzschnitte.) 
Aus  dem  Laboratorium  von  Prof.  v.  Basch. 

(Von  der  Redaction  am  25.  April  1882  übernommen.) 


Die  Bewegungserscheinungen,  welche  auf  mechanische  Beizung 
der  Sehnen  eintreten,  sind  seit  ihrem  Bekanntwerden  durch  Erb 
und  Westphal  vielfach  diagnostisch  ausgewerthet  worden. 

Die  diesbezüglich  bisher  geübte  Methode  bezog  sich  blos  auf 
die  Wirkung  einzelner  maximaler,  um  mit  Bowditch1)  zu 
sprechen,  unfehlbarer  Beize.  Dieselbe  schien  auch  vollends  auszu- 
reichen, insofern  es  sich  bei  einmaliger  Untersuchung  nur  um  die 
Constatirung  des  Umstandes  handelte,  ob  die  in  Bede  stehenden 
Phänomene  „fehlten",  „hochgradig  gesteigert"  oder  „nicht  auffällig 
gesteigert"  waren. 

Sobald  es  sich  aber  um  eine  wiederholte  Untersuchung  und 
den  Vergleich  der  zu  verschiedenen  Zeiten  gewonnenen  Besultate 
handelte,  konnte  diese  etwas  grobe  Methode  nicht  befriedigen  und 
es  erwuchs  das  Bedürfniss,  dieselbe  entsprechend  abzuändern. 

Unter  der  Voraussetzimg,  dass  es  sich  bei  diesen  Erschei- 
nungen wirklich  um  Beflexe  handle,  schien  es  namentlich  mit  Bück- 


*)  Bowditch,  Ueber  die  Eigentümlichkeiten  der  Reizbarkeit,  welche 
die  Muskelfasern  des  Herzens  zeigen.  Arbeiten  aus  der  phys.  Anstalt  zu 
Leipzig  1871. 


262 


Jarisch  und  Schiff. 


sieht  auf  die  bekannten  Erfahrungen  von  Stirling-Kronecker1) 
und  Ward2)  geboten,  zu  untersuchen,  ob  ebenso,  wie  durch  ein- 
zelne maximale  Beize,  auch  durch  eine  Summe  minimaler,  auf 
Sehnen  applicirter  Beize,  Bewegungserscheinungen  in  den  zugehöri- 
gen Muskeln  hervorzurufen  seien. 

Diese  Frage  konnte  aber  nur  mit  Hilfe  einer  Vorrichtung  in 
Angriff  genommen  werden,  die  es  gestattete  die  mechanischen  Beize 
in  möglichst  feiner  und  sicherer  Weise  abzustufen.  Dieser  Bedin- 
gung entsprach,  wie  wir  uns  bei  unseren  Untersuchungen  über- 
zeugten, vollkommen  der  in  Folgendem  beschriebene  Apparat,  welcher 
nach  unseren  Angaben  von  den  Mechanikern  Mayer  und  Wolf  in 
Wien  hergestellt  wurde  und  dessen  Construction  aus  beifolgender 
Fig.  1  ersichtlich  ist.  Der  wesentliche  Theil  desselben   besteht  in 

Fig.  l. 


einem  ungleicharmigen  um  die  Achse  b  beweglichen  Hebel,  dessen 
kürzerer  Arm  ax  mit  der  Feder  c  in  Verbindung  gebracht  ist  und 
dessen  längerer  Arm  a  an  seinem  Ende  einen  verschiebbaren  Hammer 
d  trägt,  welcher  mit  einer  federnden  Platinkuppe  versehen  wurde, 
um  die  gleich  zu  beschreibende  Contactvorrichtung  sicherer  zu  ge- 
stalten, und  welcher  den  Beiz  auf  die  Sehne  übertragen  sollte.  Wir 
überzeugten  uns  aber  im  Laufe  der  Versuche,  dass  der  mechanische 
Beiz  bei  unserer  Versuchsanordnung   besser  mit  dem  Hebelarme, 


l)  Stirling  W.,  Ueber  die  Summation  elektrischer  Hautreize,  Arbeiten 
ans  dem  phys.  Institute  zu  Leipzig  1874. 

x)  Ward,  Ueber  die  Auslösung  von  Reflexbewegungen  durch  eine 
Summe  schwacher  Reize.  Arch.  f.  Anat.  und  Physiol.  1880. 


Untersuchungen  über  das  Eniepn&nomen.  263 

welcher  mit  einer  Marke  versehen  wurde,  selbst  ausgeführt  werden 
konnte,  und  so  diente  uns  der  verschiebbare  Hammer  späterhin  nur 
dazu,  das  Trägheitsmoment  unseres  Apparates  zu  ändern. 

Der  den  Hammer  tragende  Hebelarm,  welcher  in  seiner 
Gleichgewichtslage  auf  einer  Korkplatte  i  ruhte,  konnte  längs  dem 
graduirten  Bogen  g  bewegt  werden.  Je  höher  derselbe  auf  der 
Skala  gehoben  wurde,  um  so  mehr  wurde  die  Feder  c  gespannt 
und  mit  um  so  grösserer  Kraft  musste  er  niederfallen. 

Zur  sicheren  und  beliebigen  Abstufung  der  Beize  diente  eine 
Vorrichtung  ä,  welche  auf  der  Scala  g  verschiebbar  und  mittelst 
einer  Schraube  festzuklemmen  war  und  die  einen  federnden  Zahn  (l) 
trug,  die  den  gehobenen  Hammer  in  jeder  beliebigen  Höhe  festhielt. 
Durch  Zurückziehen  des  Zahnes  der  an  seinem  unteren  (in  der  Fig. 
nicht  sichtbaren)  Ende  einen  Bing  trug,  wurde  die  Hemmung  ent- 
fernt und  der  Hammer  fiel  mit  der,  seiner  Entfernung  vom  Buhe- 
punkte entsprechenden  Kraft  nieder. 

Bei  /  war  der  Apparat  in  ein  Stativ  eingeklemmt,  welches 
gestattete  demselben  jede  beliebige  Stellung  zu  geben. 

Da  aber  unter  allen  Sehnenreflexen  der  Untersuchung  des  Knie- 
phänomens die  geringsten  technischen  Schwierigkeiten  entgegenstan- 
den, so  haben  wir  uns  begnügt,  nur  dieses  zum  Gegenstande  unserer 
Untersuchungen  zu  machen.  Die  Anordnung  unserer  Versuche  zeigt 
Fig.  2.  Das  Versuchsobject  verweilte  in  gut  unterstützter,  sitzender 
Stellung.  Der  betreffende  Unterschenkel  ruhte  einerseits  auf  einem 
runden  Polster  A,  andererseits  auf  einer  schiefen  Ebene  /  und 
war  überdies  noch  durch  ein  Gewicht  g,  welches  über  dem 
Sprunggelenke  mittelst  eines  Bandes  angebracht  war,  fixirt. 

Um,  so  weit  dies  möglich,  stets  nur  ein  und  dieselbe  Stelle 
der  Patellarsehne  zu  reizen,  fixirten  wir  mittelst  eines  in  der  Knie- 
kehle gekreuzten  Bandes  einen  Metallknopf  (6,  Fig.  2)  über  der 
Sehne,  welcher  zugleich  den  elektrischen  Contact  vermittelte. 

Unsere  Einrichtung  war  nämlich  derartig,  dass  in  dem  Momente, 
in  welchem  der  Hammer  a  auf  den  Metallknopf  b  auffiel,  ein  elek- 
trischer Strom  geschlossen  wurde,  welcher  durch  einen  Markirmagne- 
ten  c  ging,  der  den  Moment  des  Beizes  auf  der  Trommel  eines 
Balzer'schen  Kymographions  registrirte. 

Der  elektrische  Strom  trat  bei  h  (Fig.  1  und  2)  in  den 
Hammer  a  (Fig.  2)  ein,  ging  durch  denselben  durch,   trat  an  der 


264 


Jarisch  und  Schiff. 


Berührungsstelle  in  den  Metallknopf  uud  durch  einen  mit  diesem 
verbundenen  Draht  zum  betreffenden  Pole  des  verwendeten  Chrom- 

säureolomentes  zurück.    Figur  2  erläutert  in  hinreichend  deutlicher 
Weise  unsere  diesbezügliche  Anordnung. 


Die  Muskolcontraetionori  wurden  ebenfalls  auf  der  Trommel 
registrirt.  Wir  bedienten  uns  aber  nicht  der  von  Eulenburg1) 
geübten  Methode,  bei  welcher  eine  auf  dem  Quadriceps  ruhende 
Luftkapsel  die  Contractiou  des  Muskels  auf  eine  Marey'sche  Re- 
gistrirtrommel  übertrug,  sondern  wir  verwendeten  als  registrirenden 
Apparat  den  Basch'schen  Wellenzeichner11).  Da  hier  die  Uebertragung 
durch  Wasser  stattfindet,  so  bestand  der  die  Muskelcoutraction 
übertragende  Apparat  aus  einer  mit  Kautschuck  überspannten  und 
mit  Wasser  gefüllten  Kapsel  d,  die  mit  dem  Wellenzeichner  e 
durch  möglichst  starre  Kautschuckröhron   in   Verbindung    gesetzt 


')  Eulenburg,  „Ueber  Zeitmessung  und  graphische  Darstellung  der 
Sehnenreflexe*,  Frerichs-Leyden,  Zeitschrift  für  klinische  Medicin,  Bd.  4, 
Heft  1  und  2. 

')  v.  Basch,  „lieber  die  Summation  von  Reizen  durch  das  Herz"; 
Sitzungsbe ficht  der  k.  Akademie  der  Wissenschaften,  Bd.  19. 


Untersuchungen  über  das  Kniephänomen.  265 

wurde.  Wir  haben  uns  überzeugt,  dass  hier  die  Uebertragung  viel 
sicherer  und  getreuer  ist,  als  mittelst  des  Marey'schen  Apparates; 
zudem  geniesst  man  bei  dieser  Vorrichtung  den  Vortheil,  durch 
Spannen  der  am  Basch'schen  Apparate  angebrachten  Feder  die 
Empfindlichkeit  desselben,  respective  die  Höhe  der  Zuckungscurve 
nach  Belieben  zu  ändern.  Die  die  Muskelcontraction  übertragende 
Trommel  d  wurde  mittelst  eines  Seidenbandes,  welches  den  Ober- 
schenkel umfasste,  über  den  Quadriceps  befestigt,  wie  Figur  2 
illustrirt. 

Die  Zeitmarken  wurden  in  gewöhnlicher  Weise,  ebenfalls 
durch  einen  Markirmagneten  auf  der  Trommel  registrirt. 

Als  Versuchsobjecte  dienten  uns  durchwegs  gesunde,  kräftige, 
junge  Individuen,  der  Mehrzahl  nach  Mediziner  in  den  zwei  ersten 
Jahrgängen,  welche  über  die  Fragen,  deren  Lösung  wir  anstrebten, 
nicht  orientirt  waren. 

Durch  die  Angaben  von  Stirling-Kronecker1)  und  War  d2) 
geleitet,  prüften  wir  zunächst  die  Wirkung  rasch  aufeinander  folgen- 
der minimaler  (mechanischer)  Beize,  d.  h.  solcher,  die  einzeln  zu- 
geführt keine  Zuckung  auslösten.  Das  Aufsuchen  der  minimalen 
Beize  geschah  in  der  Weise,  dass  wir  zuerst  die  Stärke  der  unfehl- 
baren Beize  ermittelten  und  dieselben  so  weit  verminderten,  bis 
Einzelreize  keinen  Effect  mehr  gaben.  Die  Erfahrung  hatte  uns 
bald  die  Grenzen  gelehrt,  innerhalb  welcher  wir  zu  suchen  hatten, 
um  die  entsprechenden  Beizstärken  sofort  aufzufinden. 

Da  eine  gleichmässig  rasche  Schlagfolge  nicht  leicht  mit  der 
Hand  zu  erzielen  war,  so  Hessen  wir  den  einen  Hebelarm  des 
Hammers  durch  die  im  Laboratorium  des  Herrn  Prof.  v.  Basch 
thätige  kleine  Dampfmaschine  in  Bewegung  setzen.  Unsere  diesbe- 
zügliche Anordnung  ermöglichte  nur  eine  Beizfrequenz  von  circa 
5  Beizen  in  der  Secunde;  eine  grössere  Frequenz  war  wegen  der 
Trägheit  des  reizgebenden  Apparates,  ohne  bedeutende  Fehlerquel- 
len nicht  möglich. 

Alle  Versuche,  welche  wir  unter  diesen  Bedingungen  anstellten, 
ergaben,  dass  nach  einer  Summe  minimaler  Beize  mehr  oder  minder 
starke  Contractionen  im  Quadriceps  auftreten. 

M  1.  c. 

')  L  c. 


266  Jarisch  und  Schiff. 

So  sahen  wir  in  einem  Falle  erst  nach  47  Schlägen,  die  in 
Pansen  von  0,28  Secunden  einander  folgten,  also  nach  circa  13 
Secunden  eine  Contraction  eintreten.  —  Am  selben  Individuum 
ergab  die  Fortsetzung  des  Versuches  bei  ungefähr  gleicher  Reiz- 
frequenz eine  Latenz  von  nur  3,5  Secunden,  entsprechend  12 
Schlägen.  —  Später  verzeichneten  wir  bei  einem  Beizintervall  von 
0,4  Secunden  eine  Latenz  von  9,75  Secunden,  entsprechend  23 
Beizen.  —  Darauf  wurde  die  Geschwindigkeit  der  Beizfolge  auf 
0,5  Secunden  verringert;  es  erfolgte  nach  einer  Latenz  von  9,5  Se- 
cunden, d.  i.  nach  circa  20  Beizen  eine  Contraction. 

Bei  einem  zweiten  Individuum  beobachteten  wir  bei  einer 
Beizfrequenz  von  0,27  Secunden  sogar  die  Latenz  von  26  Secunden 
entsprechend  einer  Anzahl  von  96  Beizen.  —  Aehnliche  Fälle  haben 
wir  noch  mehrere  verzeichnet. 

Wir  prüften  hierauf  das  Verhalten  minimaler  Beize,  welche 
in  Intervallen  von  Einer  Secunde  aufeinanderfolgten  und  über- 
zeugten uns,  dass  nicht  allein  Beize,  welche  in  Pausen  von  einer 
Secunde  wirkten,  sondern  selbst  Beize,  die  durch  einen  Inter- 
vall von  10  Secunden  und  mehr  getrennt  waren,  wirksam 
wurden. 

Nachdem  es  nun  im  Principe  festgestellt  war,  dass  auch  durch 
längere  Pausen  getrennte,  minimale  Beize  wirksam  sind,  schien 
es  uns  namentlich  mit  Eücksicht  auf  spätere  am  Krankenbette 
auszuführende  Untersuchungen,  bei  welchen  complicirtere  Apparate 
schwer  in  Anwendung  zu  bringen  wären,  zweckmässiger,  unsere 
Untersuchungen  nur  auf  langsam  aufeinanderfolgende  Beize  zu  be- 
schränken. Diese  waren  aber  mit  Leichtigkeit  nach  dem  Tacte 
eines  Metronoms  mit  dem  durch  die  Hand  zur  bestimmten  Höhe 
gehobenen  Hammer  zu  appliciren. 

In  den  nachfolgenden  Tabellen  sind  die  Besultate  der  in  dieser 
Weise  angestellten  Versuche  an  21  Individuen  zusammengestellt. 
Wir  wollen  gleich  hier  bemerken,  dass  wir  an  zwei  weiteren  Indi- 
viduen durch  maximale  Beize  keine  Contraction  des  Quadriceps 
erzielen  konnten;  bei  einem  von  diesen  gelang  es  uns  aber  durch 
sehr  frequente  minimale  Beize,  Zuckung  im  Quadriceps  zu  be- 
wirken, während  bei  dem  anderen  Falle  auch  diese  Beizweise  ohne 
Erfolg  blieb. 


Untersuchungen  über  das  Kniephänomen.  267 

Das  Verständniss  der  Tabellen  ergibt  sich  ohne  Weiteres  aus 
den  Ueberschriften  der  einzelnen  Stäbe.  Nur  haben  wir  als  Er- 
klärung für  die  in  den  zwei  letzten  Stäben  eingeführten  Zeichen 
Folgendes  zu  bemerken. 

Da,  wo  zur  Hervorrufung  einer  Contraction  mehr  als  Ein  Beiz 
nöthig  war,  ist  selbstverständlich  die  Latenzzeit  in  Secunden  aus- 
gedrückt *).  —  Für  jene  Fälle  dagegen,  wo  minimale  Beize  im 
Laufe  eines  Versuches  unfehlbar  wurden,  wo  also  jedem  Einzel- 
reize eine  Contraction  folgte,  haben  wir  die  Latenz  mit  l  bezeichnet. 
In  jenen  Fällen,  in  welchen  auf  eine  bestimmte  Schlagzahl  keine 
Muskelbewegimg  eintrat,  haben  wir  das  Zeichen  ©«>  eingefügt. 

Die  römischen  Zahlen  im  letzten  Stabe  entsprechen  der  Höhe 
der  verzeichneten  Zuckungscurve  in  Millimetern. 

Selbstverständlich  gestattet  unsere  Art  der  graphischen  Unter- 
suchung, bei  der  im  Wesentlichen  das  Princip  des  Federmyographions 
in  Anwendung  kam  und  bei  welchem  wir  je  nach  der  Empfindlich- 
keit des  einzelnen  Individuums  Aenderungen  der  Federspannungen 
vornehmen  mussten,  bei  dem  ferner  die  Application  des,  die  Con- 
traction übertragenden  Apparates  bei  den  verschiedenen  Individuen 
nicht  vollkommen  gleich  hergestellt  werden  kojmte,  keinen  Ver- 
gleich der  in  den  verschiedenen  Versuchsreihen  gewonnenen  Höhen 
der  Zuckungscurven.  Einigen  Zahlen  ist  als  Exponeent  der  Buch- 
stabe n  beigefügt;  dies  bedeutet  die  in  mehreren  Fällen  beobachtete 
Nachwirkung,  auf  welche  wir  später  zurückkommen  werden. 

Bezüglich  der  Beizgrössen  wollen  wir  bemerken,  dass  wir  den 
Hammer,  stets  soweit  an  den  auf  der  Patellarsehne  befestigten 
Metallknopf  anrückten,  dass  dessen  obere  Kante  in  der  Buhelage 
mit  1*5  unserer  Scala  zusammenfiel;  die  Beizgrössen  drücken  dem- 
nach die  verschiedenen  Höhen,  zu  welchen  der  Hammer  gehoben 
wurde  aus,  der  Ausgangspunkt  blieb  für  alle  Versuche  gleich,  näm- 
lich 1*5  unserer  Scala. 


l)  Die  angegebenen  Zahlen  sind  etwas  kleiner  als  die  wirklichen  Laten- 
zen und  zwar  um  die  uns  unbekannte  Zeitgrösse  vom  letzten  Beiz  bis  zur 
Contraction.  Diese  Grösse,  die  indess  nur  Bruchtheile  einer  Secunde  beträgt, 
kann  aber  bei  unseren  Versuchen,  wo  es  sich  um  Latenzen  von  vielen  Secun- 
den, ja  selbst  von  Minuten  handelt,  füglich  vollständig  vernachlässigt  werden. 


268 


Jarisch  und  Schiff. 


Fall  I.  A.  J.  32  J. 


Datum 


Ruhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


Laufende 

Versa  chs- 

Xr. 


Bei  z- 


Intervall  [  Grösse  |   Zahl 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


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31.Decemh. 


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6.  Februar 


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7) 


1  Minute 


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6 
7 
8 
9 

10 
11 
12 
13 
14 

15 

16 
17 

18 
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20 


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IVn 


Untersuchungen  über  das  Kniephänomen. 


269 


Datum 


Ü3Ü 


epause 
zwischen 
d.  einzelnen 
Versuchen 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


Eei  z- 


Intervall  I  Grösse  I   Zahl 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


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kungs- 

grad 


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7.  Februar 


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71 
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1  Minute 


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n 

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71 
n 


13 
14 
15 
16 
17 
18 
19 
20 
21 
22 
23 
24 
25 
26 
27 
28 
29 
30 


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9.  Februar 

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1  Minute 

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71 
71 


1 

2 
3 
4 

5 
6 
7 
8 
9 

10 
11 
12 
13 
14 
15 
16 
17 


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Fall  II.  Stud.  med.  A.  Calcich,  21J. 


a. 
14.  Jänner 

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71 


1  Minute 
n 

71 


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b. 
16.  Jänner 

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7) 


1  Minute 

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1 
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71 


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270 


Jansen  und  Schiff. 


Runepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


BBBBBB9B 

Reiz- 


Datum 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


Intervall  Grosse 


Zahl 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


b. 
16.  Jänner 

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1  Minute 


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15 
16 
17 
18 
19 
20 
21 
22 
23 
24 
25 
26 
27 
28 
29 
30 
31 
32 
33 
34 
35 
36 
37 
38 


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10 

45 

I] 


n 


Untersuchungen  über  das  Kniephänomen. 


271 


Datum 


Knhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


c. 
17.  Jänner 


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Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


Reiz- 


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Latenz- 
zeit in 
Secund. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


13 
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18.  Jänner 


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M«t.  J»hrbncber.  1882. 


18 


272 


Jarisch  und  Schiff. 


Datum 


Ruhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


Reiz- 


Intervall  I  Grösse  I  Zahl 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


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kungs- 

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d. 
18.  Jänner 

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13.  Februar 
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1  Minute 


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Untersuchungen  Aber  das  Kniephänomen. 


273 


Datum 


13.  Februar 

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Ruhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


1  Minute 


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Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


Reiz- 


Intervall|  Grosse 


13 
14 
15 
16 
17 
18 
19 
20 
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22 
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43 
44 
45 


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Zahl 


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zeit in 
Secund. 


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21.  Jänner 

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1. 
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6 
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5 
1. 
1. 
1. 
1. 
1. 
1. 
1. 


1. 
1. 
1. 
1. 
1. 
1 
1 
1 
1. 
1. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


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18 


274 


Jarisch  and  Schiff. 


Datum 


»wichen    {*nf«j|« 
d.  einzelnen  Ve™*» 


Versuchen 


Nr. 


a.         i 
21.  Jänner:   i  Minute 


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19 

20 

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22 

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24 

25 

26 

27 

28 

29 

30 

31 

32 

33 

34 

35 


Reiz- 


Intervall  |  Grosse  |  Zahl 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


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c. 
24.  Jänner 

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7) 
7) 


1  Minute 


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7) 
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1 

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1. 

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1 

1. 

7) 

1 

1. 

2,5 

1 

1. 

II 
n 


Untersuchungen  über  das  Kniephänomen. 


275 


Datum 


c. 

24.  Jänner 

» 

n 

9) 
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95 

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n 
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n 
n 
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n 


Ruhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


1  Minute 


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10 
11 
12 
13 
14 
15 
16 
17 
18 
19 
20 
21 
22 
23 
24 
25 
26 
27 
28 
29 
30 


Reiz- 


Intervall  |  Grösse  |  Zahl 


d. 
25.  Jänner 


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1  Minute 


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1 

2 

3 

4 

5 

6 

7 

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9 

10 

11 

12 

13 

14 

15 

16 

17 

18 

19 

20 

21 


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2,5 

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1 
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10 
11 
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12 
7 
3 
2 
3 
1 
34 
2 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


5 

1. 

1. 

1. 
15 
20 
35 
40 

1. 

5 

1. 

1. 

1. 

1. 

1. 
45 
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Zuk- 

kungs- 

grad 


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1 

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ii 

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3 

14 

1    » 

1     14 

|      91 

276 


Jarisch  and  Schiff. 


Datum 


25.  Jänner 


Ruhepause 
zwischen 

d.  einzelnen 
Versuchen 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


Reiz- 


Intervall  |  Grosse  |  Zahl 


Latenz- 
zeit in 
SecuncL 


1  Minute 


22 

23 
24 
25 


7" 
99 


J,5 

8 

49 

» 

5 

28 

1) 

21 

440 

» 

40 

273 

Fall  IV.  Stud.  med.  L.  Pfeffermann,  21  J. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


I 

n 

I 
I 


a. 
12.  Jänner 

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1  Minute 

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99 
99 
99 
99 
99 


1 
2 
3 
4 

5 

6 

7 

8 

9 

10 

11 

12 

13 

14 

15 

16 

17 

18 


1" 

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b. 
13.  Jänner 


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1  Minute 


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1 

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5 
6 
7 
8 
9 

10 
11 
12 
13 
14 
15 
16 
17 
18 
19 
20 
21 


1" 

3" 

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i 

i 

IV 

n 
i 
i 
i 
i 
n 
ii 


Untersuchungen  Aber  das  Kniephänomen. 


277 


Datum 

Ruhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Laufende 
Versuchs- 
Nr. 

Reiz- 

Latenz- 
zeit in 
Secund. 

Zuk- 

kungs- 

grad 

Versuchen 

Intervall 

Grosse 

Zahl 

b. 

13.  Jänner 

1  Minute 

22 

1" 

3 

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21 

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Yi 

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Yi 

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Yi 

Yi 

5 

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C. 

23.  Jänner 

1  Minute 

1 

1" 

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Yi 

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1) 

20 

Yi 

Yi 

3 

2 

278 


Jarisch  und  Schiff. 


Datum 


Ruhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


Reiz- 


Intervall  I  Grösse    Zahl 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


c. 
23.  Jänner 

Vi 

n 
vt 
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1  Minute 

Vi 

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Vi 

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Vi 
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Vi 

Vi 
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21 
22 
23 
24 
25 
26 
27 
28 
29 
30 


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2 

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1. 

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1. 

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1. 

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6 

n 

8 

7 

n 
i 
n 
i 
i 

IV 

i 
i 
i 
i 


Fall  V.  S.  E.  32  J. 


a. 
2.  Jänner 


Vi 

Vi 

Vi 

n 

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Vi 
V) 

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Vi 
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Vi 
Vi 


1  Minute 


V) 
Vi 
Vi 
Vi 

Vi 
n 

Vi 
Vi 

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v> 

Vi 
Vi 


1 

2 

3 

4 

5 

6 

7 

8 

9 

10 

11 

12 

13 


1" 

Vi 
Vi 
Vi 
Vi 

3" 

Vi 

5" 

Vi 

V 

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1" 


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Vi 

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13 

Vi 

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Vi 

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Vi 

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Vi 

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IV 
V 
V 

m 

m 

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v 

v 

IV 

n 

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0 
0 


b. 

24.  Jänner 

1  Minute 

1 

1" 

3 

Vi 

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2 

Vi 

Vi 

Vi 

T) 

3 

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Vi 

2,5 

Vi 

Vi 

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Vi 

Vi 

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Vi 

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Vi 

Vi 

Vi 

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Vi 

3 

Vi 

Vi 

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Vi 

Vi 

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Vi 

Vi 

Vi 

Vi 

16 

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Vi 

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Vi 

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21 

2 

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50 

50 

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3 

3 

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3 
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1 
2 
6 


1. 
1. 
1. 

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1 
1 

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2 
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1. 
1 
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o 

o 

n 

m 

m 

n 

m 

i 

IV 

n 


Untersuchungen  über  das  Kniephänomen. 


279 


Datum 


Ruhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


24.  Jänner 


n 
n 

vi 
n 
n 
n 

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Vi 
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1  Minute 


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Vi 
Vi 

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Vi 

» 

V) 

Vi 
Vi 


21 
22 
23 
24 
25 
26 
27 
28 
29 
30 
31 
32 
33 
34 
35 
36 
37 
38 


Beiz 


Intervall!  Grösse 


1" 

Vi 

Vi 

Vi 

n 

Vi 

vi 

Vi 
Vi 
Vi 
Vi 
Vi 
Vi 
Vi 
Vi 
Vi 

vi 

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3 

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Vi 

vi 

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Vi 
Vi 
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Zahl 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


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2 
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1 
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1 
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9 
6 
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1. 
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Vi 
Vi 
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Vi 


1 

2 

3 

4 

5 

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10 

11 

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13 

14 

15 

16 

17 

18 

19 

20 

21 

22 

23 

24 

25 


3" 

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Vi 

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Vi 

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Vi 

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14 

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1 

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1. 

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3 

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2 

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1. 

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d. 
31.  Jänner 


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1  Minute 


Vi 
Vi 


1 

2 
3 


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Vi 


3 

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3 

10 

v 


280 


Jarisch  und  Schiff. 


Datum 

Kuhepause 

zwisehen 

d.  einzelnen 

Versachen 

1  Minute 

Laufende 
Versuchs- 
Nr. 

Beiz- 

Latenz- 
zeit in 
Secnnd. 

Zuk- 

knngs- 

grad 

Intervall 

Grösse 

Zahl 

d. 
34.  Janner 

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1.  Februar 


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1  Minute 


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10 

11 

12 

13 

14 

15 

16 

17 

18 

19 

20 


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f. 

3.  Februar 


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1  Minute 

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1 

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2 

9 

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25 

216 

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n 
n 


Untersuchungen  über  das  Kniephänomen. 


281 


Knüepäose 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


Datum 


f. 
3.  Februar 

v> 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


Beiz- 


intervall Grösse!  Zahl 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


1  Minute 


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6 
7 
8 
9 
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Fall  VI.  Stud.  med.  E.  Marcus,  19  J. 


a. 
13.  Jänner 

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1  Minute 

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1" 

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Vi 

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1. 

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Vi 

vi 

1 

1. 

Vi 

15 

Vi 

Vi 

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1. 

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Vi 

Vi 

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Vi 

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38 

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16 

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Vi 

Vi 

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Vi 

21 

Vi 

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Vi 

23 

Vi 

Vi 

19 

18 

Vi 

24 

Vi 

Vi 

20 

19 

vi 

25 

Vi 

Vi 

1 

1. 

Vi 

26 

Vi 

Vi 

1 

1. 

Vi 

27 

Vi 

Vi 

5 

4 

Vi 

28 

Vi     ' 

Vi 

5 

4 

Vi 

29 

Vi 

Vi 

5 

4 

Vi 

30 

Vi 

Vi 

21 

20 

Vi 

31 

Vi 

Vi 

1 

1. 

Vi 

32 

Vi 

Vi 

1 

1. 

Vi 

33 

Vi 

vi 

5 

4 

Vi 

34 

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1 

1. 

Vi 

35 

Vi 

Vi 

1 

1. 

Vi 

36 

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1. 

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IV 

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IV 
IV 

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b. 
14.  Jänner 

Vi 


1  Minute 


1 

2 


3" 

Vi 


2 

Vi 


1 
1 


1. 
1. 


V 
V 


282 


Jarisch  und  SchiffT 


Datnm 


Ruhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


b. 
14.  Jänner 


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4 

5 

6 

7 

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9 

10 

11 

12 

13 

14 

15 

16 

17 

18 

19 

20 

21 

22 

23 

24 

25 

26 


Re  iz- 


Intervall  Grosse 


3" 

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Zahl 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


2 
2 
2 
1 
2 
2 
2 
2 
2 
2 
1 
1 
2 
2 
3 
1 
1 
1 


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L 
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3 
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1. 
3 
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3 
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1. 
1. 
3 
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1. 
1. 
1. 


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16.  Jänner 


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1  Minute 


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1 

2 
3 
4 
5 
6 
7 
8 
9 

10 
11 
12 
13 
14 
15 
16 
17 
18 
19 
20 
21 
22 
23 


5" 

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1. 

1,75 

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1. 

1,6 

1 

1. 

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1 

1. 

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1 

1. 

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6 

25 

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2 

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1 

1. 

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4 

15 

1,58 

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95 

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5 

20 

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2 

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2 

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1 

1. 

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5 

20 

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20 

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V 

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IV 

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n 

V 

yn 

I 

V 
iyn 

yn 

yn 

yn 


Untersuchungen  über  das  Kniephänomen. 


283 


Datum 


Buhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


Reiz- 


Intervall  I  Grösse  I   Zahl 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


c. 
16.  Jänner 

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rt 
rt 
rt 


1  Minute 


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rt 
rt 
rt 


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25 

26 
27 

28 


5" 

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3 

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1. 

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17.  Jänner 


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1  Minute 
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e. 
20.  Jänner 

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1  Minute 

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1 
2 
3 
4 
5 
6 
7 
8 
9 

10 
11 
12 
13 
14 

15 
16 
17 
18 
19 
20 
21 
22 
23 
24 
25 


1 

2 

3 

4 

5 

6 

7 

8 

9 

10 

11 

12 

13 

14 

15 

16 


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2 

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21 

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1 

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1. 

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3 

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1 

1. 

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7 

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1 

1. 

n 

6 

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3 

14 

n 

3 

14 

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9 

56 

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10 

63 

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1 

1. 

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II* 

yn 
yn 


284 


Jarisch  und  Scbiff. 


Datum 

Ruhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 

Laufende 
Versuchs- 
Nr. 

Reiz- 

Latenz- 
zeit in 
Secnnd. 

Zuk- 

kungs- 

grad 

Intervall 

Grösse 

Zahl 

f. 

21.  Janner 

1  Minute 

1 

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2 

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71 

7 

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14 

71 

71 

1 

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Fall  VH.  Stud 

.  med.  1 

J.  Coh] 

i,  21. 

J. 

a. 
10.  Jänner 

1  Minute 

1 

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71 

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1 

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V 

n 

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13 

12 

V 

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71 

3 

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21 

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i 

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4 

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71 

71 

6 

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IV 

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71 

2 

1 

IV 

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71 

6 

15 

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71 

28 

71 

71 

3 

6 

V 

n 

V 

29 

71 

7) 

3 

6 

I 

71 

71 

30 

71 

V 

* 

3 

II 

Untersuchungen  über  das  Kniephänomen. 


285 


Ruhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


Datum 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


Reiz- 


Intervall  I  Grösse    Zahl 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


a. 
10.  Jänner 

« 

TD 

n 

7) 

7) 


1  Minute 

31 

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32 

7) 

33 

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34 

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2,5 
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n 

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2 
3 
3 
2 
2 


21 

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9 

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6 

IV 

3 

V 

6 

IV 

6 

m 

3 

n 

3 

V 

Fall  Vm.  Stud.  med.  E.  Gero,  19.  J. 


a. 
25.  Jänner 

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n 

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1  Minute 


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n 
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7) 

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n 
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71 

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1 

1" 

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1. 

3 

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2 

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14 

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15 

14 

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6 

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50 

CO 

10 

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11 

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12 

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13 

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3 

2 

14 

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9 

8 

15 

71 

7) 

6 

5 

16 

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19 

20 

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38 

37 

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17 

16 

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18 

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7) 

32 

31 

34 

n 

7> 

14 

13 

b. 
4.  Februar 


1  Minute 
n 


1 
2 


3" 
1" 


2,5 

7) 


40 
50 


CO 

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n 
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ii 


n 


0 
0 


286 


Jansen  und  Schiff. 


Dattim 


Kunepäuse 

zwischen 

d.  einzelnen 

Verfluchen 


Laufende 

Versuchs- 

Nr. 


— e: 

4.  Februar 


7) 
71 

n 
r> 
f» 
n 

V) 

n 


1  Minute 


11.  Febr. 

7) 

n 
n 
n 
n 
n 
n 
n 
n 
n 
n 
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n 
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a. 
15.  Febr. 

n 
n 

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n 
n 
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n 
n 


n 
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n 
n 


3 
4 
5 

6 

7 

8 

9 

10 

11 

13 


Beiz- 


intervall Grösse!  Zahl 


3" 

7) 

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V 

n 
n 

7) 

n 

7) 
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3 

n 
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1  Minute 


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V 
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n 

7) 
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n 
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n 
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n 


1 

2 

3 

4 

5 

6 

7 

8 

9 

10 

11 

12 

13 

14 

15 

16 

17 

18 

19 

20 


5" 

n 
n 
v 
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n 

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1" 

5" 

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30 
20 
50 
42 
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15 
50 
50 
20 
50 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


87 
57 

oo 

123 
1. 

42 

oo 
oo 

57 

oo 


Zuk- 

kungs- 

grad 


3 

50 

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4 

1 

L 

n 

1 

1. 

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2 

5 

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3 

10 

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1 

1. 

n 

1 

L 

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1 

L 

3,5 

1 

1. 

n 

6 

15 

7) 

1 

1. 

7i 

1 

1. 

n 

1 

1. 

3 

38 

185 

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1 

1. 

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31 

90 

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18 

17 

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50 

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n 

1 

1. 

n 

30 

oo 

Fall  IX.  Stud.  A.  Duramani,  20  J. 


1  Minute 


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n 
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7) 

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n 
n 
n 
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n 


1 
2 
3 
4 
5 
6 
7 
8 
9 

10 
11 
12 
13 


1" 

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n 
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2,5 

10 

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1 

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20 

n 

2 

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7 

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6 

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3 

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28 

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50 

4 

50 

9 
1. 
19 
1 
6 
5 

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27 

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oo 


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i 
o 


o 
o 
o 
i 
o 
o 
o 


Untersuchungen  über  das  Knieph&nomen. 


287 


Datum 


Kunepäuse 
zwischen 

d.  einzelnen 
Versuchen 


a. 

15.  Febr. 

n 

r» 
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Vi 

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vi 
n 
n 


1  Minute 


vi 
n 
n 
n 
vt 
vi 

V) 

n 
n 
n 
n 
n 
n 
r> 
n 

V) 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


14 
15 
16 
17 
18 
19 
20 
31 
22 
23 
24 
25 
26 
27 
28 
29 
30 


Reiz- 


Intervall  Grössel  Zahl 


1" 

vt 
n 
n 
r» 
n 
r> 
n 

V) 
Vi 
V) 

n 
n 
n 
n 

V) 

n 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


4 

V) 
Vi 

Vi 
3 

3,5 
» 

V) 

vi 

3,25 

Vi 
Vi 
Vi 
Vi 

Vi 

Vi 
Vi 


18 

1 
1 
1 

50 
2 
2 
2 
1 
3 
1 
1 
3 
3 
3 
3 
2 


17 
1. 
1. 
1. 

oo 

1 
1 
1 
1. 

2 
1. 
1. 
2 
2 
2 
2 
1 


Zuk- 

knngs- 

grad 


I 
I 

n 

i 

o 

i 

ii 

n 

i 

n 

i 

i 

i 

i 

n 

i 

n 


Fall  X.  Stud.  E.  Candellari,  21  J. 


a. 

13.  Febr. 

» 

V) 

vt 

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Vi 
Vi 
Vi 
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n 

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Vi 

vi 

Vi 

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Vi 
Vi 


1  Minute 


n 

Vi 
V) 
Vi 
Vi 
Vi 
Vi 

vi 
Vi 
v 

Vi 
Vi 
Vi 
Vi 

vi 

Vi 

vi 
v 

Vi 
Vi 


1 

2 
3 
4 

5 
6 
7 
8 
9 

10 
11 
12 
13 
14 
15 
16 
17 
18 
19 
20 
21 
22 


1" 

Vi 

vi 
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Vi 
Vi 
Vi 

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Vi 

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Vi 

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Vi 

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Vi 
Vi 


3 

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Vi 

Vi 

2,5 

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Vi 

2 

Vi 
Vi 
Vi 

vi 
vt 
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Vi 

vi 

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Vi 
Vi 

n 

Vi 

n 


1 
1 
1 

50 
1 
1 
1 
1 
1 
1 
9 
1 
2 

50 
1 
1 

50 
3 
1 
1 
4 
1 


1. 
1. 
1. 

oo 

1. 
1. 
1. 
1. 
1. 
1. 

8 
1. 
1 

oo 

1. 
1. 

oo 

2 

1. 

1. 

3 

1. 


0 


n 


0 


0 

n 


b. 
14.  Febr. 


1  Minute 


Vi 


1 

2 
3 


1" 

Vi 

n 


8,5 

1 

1. 

Vi 

30 

oo 

Vi 

1 

1. 

I 


*)  Syncope. 

Jfed.  Jafcrittehtr.  1883. 


19 


288 


Jarisch  und  Schifl 


Kuhepäuse 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 

1  Minute 

n 
r> 
r> 
n 
n 
r> 


Datum 


14.  Febr. 

v 

r> 
n 
n 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


4 

5 
6 
7 
8 
9 
10 
11 


Reiz- 


Intervall  GrOssel  Zahl 


1" 

71 
71 
71 

n 
n 
n 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


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Fall  XI.  Stud.  E.  Videncich,  21  J. 


a. 
7.  Februar 


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b. 
8.  Februar 


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1  Minute 


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Fall  XH.  Stud.  S.  Grünfeld,  18  J. 


a. 
12.  Jänner 

71 
71 


1  Minute 


71 


1 

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0 

Untersuchungen  über  das  Kniephänomen. 


289 


SuEepause 
zwischen 

d.  einzelnen 
Versuchen 


Datum 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


Reiz- 


Intervall  Grösse    Zahl 


Latenz, 
zeit  in 
Secund. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


a. 
121.  Jänner 

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71 
71 

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1  Minute 

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71 
71 
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71 
71 
71 


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6 

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8 

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17 

18 

19 


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Fall  Xm.  L.  S.  29  J. 


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4.  Jänner 


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Fall  XIV.  Stud.  E.  Rosenthal,  20  J. 


a. 
3.  Jänner 


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1  Minute 


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19 


290 


Jarisch  and  Schiff. 


Datum 


Ruhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


Be  iz- 


Intervall  Grösse 


Zahl 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


4.  Jänner 


1  Minute 


5  Minuten 


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Fall  XV.  J.  S.  32  J. 


a. 
21.  Dechr. 


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1  Minute 


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15 
16 
17 
18 
19 
20 
21 
22 
23 
24 
25 
26 


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33 

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8 

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1,65 

36 

35 

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93 

92 

h. 
21.  Decbr. 


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10  Minuten 
1  Minute 


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2 

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14 

i 

7i 

14 

26 

n 

Untersuchungen  über  das  Kniephänomen. 


291 


Datum 


Ruhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


Reiz- 


Intervall  I  Grösse     Zahl 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


21.  Decbr. 


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1  Minute 


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12 
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19 
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56 
24 


24 
18 
18 
28 
14 
20 
16 
42 
30 
18 
110 
46 


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c. 
21.  Decbr. 


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10  Minuten 

1 

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3 

4 

9 

1  Minute 

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d. 
21.  Decbr. 


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5  Minuten 

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3 

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1  Minute 

2 

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29.  Decbr. 

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Vi 

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Vi 
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vi 

Vi 


1  Minute 

1 

1" 

3 

12 

11 

Vi 

2 

Vi 

vi 

9 

8 

Vi 

3 

3" 

Vi 

3 

6 

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4 

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Vi 

6 

15 

Vi 

5 

5" 

Vi 

10 

45 

Vi 

6 

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Vi 

3 

10 

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7 

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8 

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2 

7 

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9 

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1 

1. 

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10 

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2,5 

6 

5 

Vi 

11 

Vi 

Vi 

6 

5 

Vi 

12 

3" 

Vi 

7 

18 

Vi 

13 

5" 

Vi 

5 

20 

Vi 

14 

Vi 

Vi 

7 

42 

Vi 

15 

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2 

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16 

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1 

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II 
II 
II 
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IV 

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ii 
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ii 
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ni 


292 


Jarisch  und  Schiff. 


Fall  XVI.  Stud.  med.  J.  Bie,  18  J. 


Kunepäuse 

iwischen 

d.  einzelnen 

Veranchen 

1  Minute 

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5  Minuten 
1  Minute 

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Datum 


a. 
2.  J&nner 

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n 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


1 
2 

3 
4 
5 
6 
7 
8 
9 

10 
41 
12 
13 
14 
15 
16 
17 
18 
19 
20 


Reiz- 


Intervall  GrGsse    Zahl 


1" 

n 

v 

3" 

y> 

5" 

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7" 
n 
n 
9" 
1" 
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1" 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


Zuk- 

kungs- 

grad 


3 

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12 

10 

20 

12 

11 

5 

8 

3 

14 
5 
3 
4 
1 
2 

22 

11 

8 

17 
20 
47 


11 

9 
19 
33 
30 
12 
35 
10 
65 
20 
14 
21 

1. 

9 
21 
30 
21 
80 
95 
46 


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b. 
3.  Jänner 


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1  Minute 


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y> 
y> 

y> 


1 
2 
3 
4 
5 
6 
7 
8 
9 

10 
11 
12 
13 
14 
15 
16 
17 


1" 

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3" 

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3 

1 

1. 

2,5 

1 

1. 

2 

3 

2 

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3 

2 

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3 

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1. 

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1 

1. 

1,75 

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9 

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18 

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4 

9 

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1 

1. 

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1 

1. 

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1 

1. 

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8 

35 

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21 

140 

y> 

32 

93 

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27 

26 

V 
V 

n 
in 
n 
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ii 

IV 

ni 

in 

n 

ii 

IV 

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c. 
5.  Jänner 


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1  Minute 

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5  Minuten 


1 
2 
3 
4 
5 
6 
7 


1" 

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2" 
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3 

1 

1. 

V 

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3 

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1 

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11 

10 

IV 

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84 

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60 

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0 

y> 

20 

38 

1     I 

Untersuchungen  über  das  Kniephänomen. 


293 


Datum 


Ruhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


c. 
5.  Jänner 

"*  n 
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n 
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n 
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8 
9 
10 
11 
12 
13 
14 
15 
16 
17 
18 
19 
20 
21 
22 


Reiz- 


Intervall  I  Grösse  I   Zahl 


Latenz- 
zeit in 
Secund. 


■Zuk- 

kungs- 

grad 


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n 

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3" 

n 

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2 
3 
3 
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15 
10 


3 

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18 
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80 
20 
3 
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12 
14 
36 
45 

oo 

27 


I 
II 

0 

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Fall  XVH.  D.  H.  29  J. 


a. 
2.  Jänner 
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1  Minute 

1 

1" 

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14 

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IV 
IV 

n 
v 

IV 

o 

n 

ni 

in 

ni 

o 


Fall  XVni.  Stud.  med.  N.  Loser,  20  J. 


a. 
4.  Jänner 

w 
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w 
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7) 


1  Minute 

1 

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2 

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3 

n 

4 

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5 

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6 

w 

7 

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2 

1 

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3 

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18 

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w 

3 

6 

y> 

6 

15 

w 

4 

15 

w 

25 

120 

w 

30 

145 

V) 

4 

3 

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3 

2 

I 
II 

V 

n 

IV 

i 

ii 
i 
i 
i 
i 
v 


294 


Jarisch  und  Schiff. 


Fall  XIX.  Stud.  med.  F.  Friedmann,  21  J. 


Datum 


Kunepäuse 

zwischen 

cL  einzelnen 

Versuchen 


Laufende 
Versuchs- 
Nr. 


a. 
9.  Jänner 


yy 
n 
w 
yy 
yy 

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n 
n 
n 
n 
n 
n 
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1  Minute 


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n 

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v 
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v 
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n 
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1 

2 

3 

4 

5 

6 

7 

8 

9 

10 

11 

12 

13 

14 

15 

16 

17 

18 

19 

20 

21 

22 

23 


Reiz- 


Intervall  Grösse    Zahl 


1" 

yy 
n 
n 

r 

1" 
3" 

1" 
3" 
5" 

7" 

n 

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11 

3" 

1" 


2,5 

2,25 
2 

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1,75 

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1,65 

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w 

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1 

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2 

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6 

11 
2 
1 
3 
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7 
6 
9 
6 
8 
6 
9 
5 
8 
4 
1 

11 
3 


Latenz- 
zeit in 
Secnnd. 


1. 

3 

1 
21 
15 
30 

3 

1. 

2 
24 
18 
15 

8 

15 
35 
35 
56 
36 
63 
33 

1. 
30 

2 


Zuk- 

kungs- 

grad 

II 


IV 


n 

II 


II 


n 
II 


II 


Fall  XX.  Stud.  med.  M.  Brunner,  20  J. 


a. 
9.  Jänner 


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1  Minute 

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2 

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11 

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5 

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6 

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5" 

7) 

10 

45 

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26 

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I 

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I 
II 
I 
I 

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0 


Fall  XXL  Stud.  med.  G.  Spech,  20  J. 


a. 
17  .Jänner 


yy 
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7) 


1  Minute 

1 

1" 

3 

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2 

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0 
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I 
n 
o 


Untersuchungen  Aber  das  Kniephänomen. 


295 


Datum 

Buhepause 

zwischen 

d.  einzelnen 

Versuchen 

Laufende 
Versuchs- 
Nr. 

Re  iz- 

Latenz- 
zeit in 
Secnnd. 

Zuk- 

kungs- 

grad 

Intervall 

Grösse 

Zahl 

a. 
17.  Janner 

1  Minute 

6 

1" 

3,5 

50 

oo 

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» 

7 

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1 

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22 

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IV 

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3 

3 

2 

n 

y> 

» 

15 

V) 

2 

28 

27 

in 

Die  vorstehenden  Tabellen  zeigen,  dass  bei  21  Individuen 
eine  Eeihe  von  gleichen,  minimalen,  in  bestimmten  Zeit- 
abständen (von  mindestens  einer  Secunde)  wiederholten, 
mechanischen  Beizen,  die  als  Kniephänomen  bekannte  Er- 
scheinung hervorrief. 

Berechnet  man  aus  den  für  die.  verschiedenen  Intervalle  ge- 
fundenen Latenzen  das  Mittel,  so  ergeben  sich  die  in  folgender 
Tabelle  zusammengestellten  Resultate: 

Mittlere  Latenzzeit  in 
Secunden 

6 

17 

26 

35 


Reizintervall  in 
Secunden 

1 

3 

5 

7 


Mittlere  Reizzahl 

7 
5 
5 
5 


67 


Die  Latenzzeit  wächst  also,  wie  nicht  anders  zu  erwarten 
war,  mit  der  Grösse  des  Inter valles ;  dagegen  zeigt  sich  eine  ganz 
merkwürdige  Uebereinstimmung  des  Mittels  der  Beizzahlen. 

Namentlich  auffallend  ist  die  Uebereinstimmung  für  jene  Beize, 
die  in  Intervallen  von  3,  5  und  7  Secunden  einander  folgten.  Wenn 
es  gestattet  ist  aus  Mittelzahlen,  denen  grosse  Zahlenreihen  zu 
Grunde  liegen,  einen  Schluss  zu  ziehen,  dann  darf  wohl  gesagt 
werden,  dass  das  Zeitintervall  von  3—7  Secunden  am  günstigsten 
ist,  denn  hier  war  die  kleinste  Anzahl  von  Beizen  genügend.  Dieses 
aus  den  Mittelzahlen  erfliessende  Ergebniss  hat  sich   uns  übrigens 


296  Jarisch  and  Schiff. 

schon  während  der  Versuche  selbst  aufgedrängt.  Namentlich  fiel 
uns  auf,  dass  wir  bei  grosser  Reizfrequenz  viel  mehr  Beize  brauch- 
ten um  die  Contraction  des  Quadriceps  zu  erzielen  als  bei  ge- 
ringerer. 

Wie  die  Tabellen  zeigen  ist  die  Beaction  auf  intermittirende 
mechanische  Beize  nicht  allein  bei  verschiedenen  Individuen  eine 
verschiedene,  sie  ändert  sich  auch  an  ein  und  demselben  Individuum 
in  sehr  erheblicher  Weise. 

Was  zunächst  den  Unterschied  zwischen  den  einzelnen  Indi- 
viduen betrifft,  so  zeigen  die  Tabellen,  dass  in  den  Fällen  üb, 
XI  a,  XII  a,  Xllla,  XX  a,  XXI  a  Beizgrössen  (4 — 5)  die  nach  unseren 
Erfahrungen  schon  als  grosse  zu  bezeichnen  sind,  nöthig  wurden, 
dass  hingegen  in  den  Fällen  IV  a,  b,  VI  a,  VIII  a,  EX  a,  XIX  a 
geringere  Beizgrössen  (2 — 2*5)  ausreichten. 

Die  Tabellen  zeigen  aber  weiter,  dass  die  für  ein  Individuum 
gefundenen  minimalen  Beizgrössen  nicht  constant  bleiben,  dass  sie 
sowohl  zu  verschiedenen  Tagen,  als  auch  während  einer  Versuchs- 
reihe bedeutende  Schwankungen  aufweisen  können.  Die  Fälle  III, 
VI,  Vm,  XIV,  XVI  bieten  für  die  Differenz  des  Verhaltens  ein 
und  desselben  Individuums  an  verschiedenen  Tagen  sprechende  Bei- 
spiele. Die  Beizgrössen  blieben  sich  aber  auch  während  einer  Ver- 
suchsreihe nicht  gleich,  sie  mussten  vielmehr  bald  verstärkt,  bald 
vermindert  werden;  am  häufigsten  war  das  letztere  nöthig.  Die 
Notwendigkeit  die  Beizgrössen  zu  vermindern,  war  selbstverständ- 
lich dadurch  angedeutet,  dass  sich  die  Beizzahl  und  die  Latenz- 
zeiten auf  das  Minimum  verringerten. 

In  anderen  Fällen  sanken  die  Beizzahl  und  die  Latenzen  nicht 
auf  das  Minimum  ab,  sondern  verringerten  sich  nur,  so  dass  es 
nicht  nothwendig  wurde,  die  Beizgrössen  herabzusetzen.  Beispiele 
hiefür  bieten  die  Fälle  I  b,  c,  d,  II  b,  c,  f,  EI  a,  b,  IV  b,  u.  s.  f. 
Eine  Verkleinerung  der  Beizzahl  resp.  der  Latenzen  beobachteten 
wir  am  constantesten  in  jenen  Versuchen,  wo  das  Zeitintervall 
1 — 5  Secunden  betrug,  eine  Vergrösserung  hingegen  am  häufigsten 
bei  grossen  Beizintervallen  gegen  Ende  des  Versuches  (Fall  HI  c,  d, 
VI  e).  Die  Verkleinerung  und  Vergrösserung  der  Beizzahl  und 
Latenzen  ist  aber  nicht  immer  eine  gleichmässige ;  es  wechseln 
vielmehr  grössere  mit  kleineren  Beizzahlen  und  Latenzen  ab. 


Untersuchungen  über  das  Kniephänomen.  297 

Für  die  Form  der  Contraction  ist  es  im  Allgemeinen  gleich- 
giltig,  ob  dieselbe  durch  einen  maximalen  Beiz  oder  durch  eine 
Eeihe  von  minimalen  Reizen  hervorgerufen  wird.  Doch  wechselt 
bei  einzelnen  Individuen  im  Laufe  der  Versuchsreihe  die  Form  und 
die  Grösse  der  Muskelcontraction. 

Der  Wechsel  ist  aber  keineswegs  von  der  Grösse  der  Latenz, 
respective  von  der  Zahl  der  vorangegangenen  Beize  abhängig.  Im 
Grossen  und  Ganzen  haben  wir  folgende  Beactionsweisen  beob- 
achtet: 

1.  Die  Zuckung  ist  eine  einfache,  rasch  aufsteigende  und  ebenso 
rasch  abfallende.  S.  Tafel  X,  Fig.  2. 

2.  Es  tritt  statt  Einer,  eine  Gruppe  von  leichteren  einfachen 
Zuckungen  ein.  S.  Taf.  X,  Fig.  1  bei  a,  5  bei  a,  6  bei  a,  14  bei  a. 

3.  Die  Contraction  ist  eine  tetanische,  d.  h.  es  verharrt  der 
Muskel  einige  Zeit  in  contrahirtem  Zustande. 

Aus  den  diesbezüglichen  Zuckungscurven  (Tafel  X,  Fig.  3,  13, 
16,  17)  ergibt  sich,  dass  der  Tetanus  zuweilen  ein  continuirlicher, 
zuweilen  ein  discontmuirlicher  ist,  ähnlich  jenem,  wie  ihn  Kron- 
ecker und  Hall  *)  als  Effect  elektrischer  Eeizung  des  Eückenmarkes 
graphisch  dargestellt  haben. 

Zwischen  diesen  verschiedenen  Contractionsformen  gibt  es 
zahlreiche  Uebergänge,  die  durch  Fig.  4  bei  a,  7  bei  a,  12  bei  a 
in  Tafel  X  genügend  illustrirt  werden.  Als  einer  besonderen  Beac- 
tionsweise  des  Muskels  müssen  wir  auch  einer  gleichmässig 
anhaltenden,  geringen  Contraction  gedenken,  die  man  füglich  als 
eine  Erhöhung  des  ursprünglichen  Tonus  auffassen  kann.  Im  Bilde 
gibt  sich  diese  als  ein  allmäliges  Aufsteigen  und  Verharren  der 
durch  den  Zeichenstift  registrirten  Linie  kund.  Einmal  erscheint 
diese  Erhöhung  des  Tonus  als  ein  die  Muskelzuckung  einleitender 
Zustand  (Fig.  8—11,  16  in  Taf.  X),  der  nicht  immer  mit  der 
Zuckung  verschwindet.  Der  erhöhte  Tonus  war  aber  auch  in  Fällen 
zu  beobachten,  wo  es  zu  keiner  ausgesprochenen  Zuckung  kam. 
Fig.  15  in  Taf.  X. 


*)  Kronecker  und  Hall,    Die  willkürliche  Muskclaction.    E.  du  Bois- 
Reymond's  Archiv  für  Physiologie  1879. 


298  Jarisch  und  Schiff. 

Das  Eintreten  der  Zuckung,  beziehungsweise  der  Zuckungs- 
gruppen und  des  Tetanus  bedeutet  aber  nicht  immer  das  Ende  der 
Beizwirkung,  denn  sehr  oft  beobachteten  wir  nach  vollständigem 
Aufhören  des  Reizes  eine  Nachwirkung,  die  sich  auf  viele  Secun- 
den,  mitunter  selbst  auf  Minuten  erstreckte.  Fig.  I,  3 — 7,  12,  13, 
15  in  Tafel  X. 

Die  Muskelcontractionen,  die  in  die  Zeit  der  Nachwirkung 
fallen,  sind,  wie  die  Figuren  zeigen,  ebenso  verschieden  wie  die 
unmittelbar  auf  den  Beiz  folgenden. 

Auch  hier  haben  wir  nicht  allein  einfache  Zuckungen,  Zuckungs- 
gruppen, Tetani,  sondern  auch  ein  Fortbestehen  eines  erhöhten  Tonus 
beobachtet,  s.  Fig.  4,  13. 


Für  die  zuerst  von  Erb  ')  aufgestellte  Annahme,  dass  das 
Kniephänomen  ein  Reflexvorgang  sei,  ist  eine  Beihe  von  sehr  ge- 
wichtigen Gründen,  die  sich  auf  Thierversuche  stützen,  geliefert 
worden  (Schultze-Fürbringer 2),  Tschirjew  *),  Senator4). 
Doch  waren  dieselben  bisher  nicht  im  Stande  die  Bedenken  zu 
beseitigen,  die  insbesondere  zuerst  von  Westphal 5),  der  sie  später 
wohl  theilweise  zurückzog  6),  Burckhardt 7),  Gowers  8)  und  in 
allerletzter  Zeit  von  Eulenburg  9)  geltend  gemacht  wurden. 

Es  muss  zunächst  wohl  die  Frage  aufgeworfen  werden,  ob 
unsere    vorliegenden    Versuche    beweiskräftig   genug    sind,    diese 


')  Erb,  Ueber  Sehnenreflexe  bei  Gesunden  und  bei  Kückenmarkskran- 
ken.  Archiv  für  Psychiatrie  und  Nervenkrankheiten.  V.  Bd.  1875. 

*)  Schultze-Fürbringer,  Experimentelles  über  die  Sehnenreflexe. 
Centralbl.  für  die  med.  Wissensch.  1875.  Nr.  54. 

•)  Tschirjew,  Ursprung  und  Bedeutung  des  Kniephänomens  und  ver- 
wandter Erscheinungen.  Archiv  f.  Psych,  und  Nervenkrankht.  VIEL  Bd.  1878. 

4)  Senator,  Ueber  Sehnenreflexe  und  ihre  Beziehung  zum  Muskeltonus. 
Archiv  f.  Anat.  und  Physiologie  1880. 

5)  Westphal,  Ueber  einige  Bewegungserscheinungen  an  gelähmten 
Gliedern.  Archiv  f.  Psychiatrie  und  Nervenkrankheiten.  Bd.  V.  1875. 

6)  Westphal,  Ueber  das  Verschwinden  und  die  Localisation  des  Knie- 
phänomens. Berl.  klin.  Wochenschrift  1881.  Nr.  1  und  2. 

7)  Burckhardt,    Ueber  Sehnenreflexe.  Festschrift ....  Bern  1877. 

8)  Gowers,  The  diagnosis  of  diseases  of  the  spinal  cord.  London  1881. 
•)  1.  c. 


Untersuchungen  über  das  Kniephänomen.  299 

Bedenken  zu  beseitigen  und  die  reflectorische  Natur  des  Phänomens 
sicher  zu  stellen.  Man  sollte  glauben,  dass  sie  in  der  That  für 
diesen  Nachweis  genügen.  Sicher  nämlich  ist,  dass  wir  hier  Vor- 
gängen begegnen,  wie  sie  bei  unzweifelhaften  Eeflexen  anzutreffen 
sind.  Unsere  Versuche  unterscheiden  sich  nämlich  nicht  wesentlich 
von  jenen,  die  Stirling-Kronecker  und  Ward  am  Beflexprä- 
parate  des  Frosches  angestellt  haben.  Der  Unterschied  zwischen 
diesen  und  unseren  Versuchen  besteht,  abgesehen  davon,  dass  bei 
unseren  Versuchen  die  Wirkung  des  Grosshirnes  nicht  auszuschalten 
war,  nur  darin,  dass  dort  von  den  sensiblen  Nervenenden  der  Haut 
die  Keflexe  durch  eine  Summe  minimaler,  elektrischer  Beize 
hervorgerufen  wurden,  während  bei  uns  eine  Summe  von  minimalen, 
mechanischen  Beizen  auf  die  Sehne  applicirt,  Bewegungen  erzeugte. 
Dass  in  unseren  Versuchen  die  Zeitintervalle  viel  grösser  waren 
als  dort,  kann  nicht  als  principieller  Einwand  geltend  gemacht 
werden,  um  so  weniger  als  ja  unsere  Versuche  zeigen,  dass  es 
auch  bei  rasch  aufeinander  folgenden  minimalen  Schlägen  gelingt, 
denselben  Effect  hervorzurufen.  Es  kann  nur  wieder  der  alte  Ein- 
wand erhoben  werden,  dass  es  etwas  ganz  anderes  ist,  wenn  man 
Hautnerven  reizt,  die  zu  dem  Muskel  in  keiner  innigen  Beziehung 
stehen,  als  wenn  man  gerade  jene  Sehne  reizt,  welche  die  directe 
Fortsetzung  des  Muskels  bildet,  wo  also  die  Annahme  zulässig  ist, 
dass  Aenderungen  eingeleitet  werden,  die  sich  direct  auf  den  Muskel 
überpflanzen  und  so  zum  directen  Anlass  jener  Bewegungserschei- 
nungen werden,  die  am  Muskel  auftreten.  Wer  letzteres  behaupten 
wollte,  müsste  allerdings  erst  den  experimentellen  Nachweis  erbrin- 
gen, dass  der  ausgeschnittene,  lebende  Muskel,  wenn  man  dieselben 
(minimalen)  Beize,  die  wir  verwendeten,  auf  seine  Sehne  einwirken 
lässt,  auch  so  reagirt,  wie  wir  gesehen  haben.  Unter  dieser  Eeaction 
wollen  wir  aber  nicht  allein  die  Zuckung,  sondern  auch  den  erhöh- 
ten Muskeltonus  verstanden  wissen. 

Die  von  Burckhardt,  Gowers  und  Eulenburg  beobachteten 
kurzen  Latenzzeiten  beziehen  sich  nur  auf  Versuche,  bei  denen 
maximale  Beize  zur  Anwendung  kamen.  Da  aber,  wie  Exner1)  und 
Bosenthal*)  gezeigt  haben,  mit  der  Zunahme  der  Eeizstärke  die 

*)  Einer,  Ueber  Reflexzeit  und  Rückenmarksleitung,  Pflüger's  Archiv, 

Bd.  vm. 

*)  Rosenthal,  „Studien  über  Reflexe".   Monatsber.  der  Berlin.  Akad. 


300  Jarisch  und  Schiff. 

sogenannte    Reflexzeit  bis   zum   Unmerklichen   abnimmt,   so  kann 
unserer  Auffassung  nach  auf  Grund  selbst  noch  so  kurzer  Latenzen 
kein  Einwurf  gegen  die  Annahme  einer  reflectorischen  Entstehung 
der  Sehnenphänomene  erhoben  werden.  Der  Forderung  einer  grösse- 
ren Latenzzeit  als  charakteristisches  Merkmal  eines  Reflexes  werden 
zudem  unsere  Versuche  mehr  als  genügend  gerecht.  Unsere  Latenzen 
zählen  nicht  nach  Bruchtheilen  von  Secunden,  sondern  nach  vielen 
Secunden,  selbst  Minuten.  Wer  als  Latenz  nur  jene  Zeit  verstehen 
will,  die  zwischen  einem  maximalen  Reize  und  der  folgenden  Re- 
flexbewegung liegt,  mag  den  Zeitraum,  in  dem  mehrere  Reize  ein- 
geschaltet sind,  als  Summationslatenz  bezeichnen.   Hiermit  will 
aber  nicht  gesagt  sein,  dass  man  zweierlei  Latenzen  unterscheiden 
soll.   Wir  meinen  vielmehr,  uns  an  die  diesbezüglichen  Betrachtun- 
gen Stirling-Kronecker's1)  anschliessend,  dass  auch  der  maxi- 
male mechanische  Reiz  seiner  inneren  Natur  nach  als  Reizsumme 
aufzufassen  sei. 

Ist  es  nun  auch,  wie  wir  meinen,  vollkommen  gestattet,  ans 
der  analogen  Weise,  in  der  die  durch  Hautreize  hervorgerufenen 
Reflexbewegungen  und  die  durch  mechanische  Sehnenreizung  er- 
zeugten Muskelcontractionen  entstehen,  auf  gleiche  Ursachen  zu- 
rückzuführen, d.  i.  Letztere  so  gut  wie  Erstere  als  Reflexe  anzu- 
sprechen, so  wollen  wir  doch  die  Beweiskraft  des  aus  dieser  Analogie 
sich  ergebenden  Schlusses  nicht  zu  hoch  anschlagen  und  uns  nach 
Gründen  umsehen,  welche  im  Stande  sind,  dieselbe  zu  unterstützen. 

Diesbezüglich  muss  zunächst  angeführt  werden,  dass  die  Form 
und  Grösse  der  Contraction  bei  vollständig  gleichmässiger  Reizweise 
ausserordentlich  verschieden  ist.  Diese  Ungleichmässigkeit  steht 
durchaus  nicht  im  Einklänge  mit  den  Erfahrungen,  die  wir  über 
das  Verhalten  des  Muskels  auf  directe  Reizung  besitzen,  sie  ver- 
einigt sich  aber  sehr  wohl  mit  unserer  Kenntniss  von  der  Ver- 
schiedenheit der  Effecte,  die  durch  Vermittlung  des  Centralnerven- 
systems  bewirkt  werden. 

Eine  weitere  Stütze  für  unsere  Annahme  liegt  in  der  Form 
der  Tetani,    die  wir   bei  unseren  Versuchen  sich  entwickeln  sahen. 


1873,  pag.  104.    Sitzungsber.  d.  phys.-med.  Soc.  zu  Erlangen,  V.  p.  13,  citirt 
nach  Eckhardte  Geschichte  der  Entwicklung  der  Lehre  von  den  Reflexerfcchei- 
nungen  in  „Beiträge  zur  Anatomie  und  Physiologie44,  Bd.  4.  Giessen  1881. 
')  1.  c. 


Untersuchungen  über  das  Kniephänomen.  301 

Diese  Tetani  entsprechen  zuweilen,  wie  wir  dies  schon  früher  be- 
merkten, jenen  die  durch  directe  elektrische  Eeizung  des  Kücken- 
markes zum  Vorschein  kommen. 

Zu  Gunsten  unserer  Annahme  spricht  ferner  das  Phänomen 
der  Nachwirkungen,  das,  wie  v.  Basch1)  gezeigt  hat,  auch  nach 
elektrischer  Beizung  von  Hautnerven  zu  beobachten  ist. 

Weiters  muss  die  Thatsache  registrirt  werden,  dass  wir  in 
einigen  Fällen  ein  wirkliches  Ausbreiten  des  Eeflexes  in  Form  von 
Zuckungen,  die  sich  über  den  ganzen  Körper  verbreiteten,  auf- 
treten sahen. 

Dass  die  auf  die  Patellarsehne  applicirten  Beize  auf  dem 
Wege  von  sensiblen  Nerven  in  das  Bückenmark  gelangen,  darauf 
deutet  auch  eine  Versuchsreihe  hin,  in  der  wir  zugleich  mit  den 
Muskelreflexen  auch  die  Veränderungen  studirten,  die  innerhalb  des 
Kreislaufes  zum  Vorschein  kommen. 

Zu  diesen  Versuchen  sind  wir  durch  die  Erfahrung  geleitet 
worden,  dass  Viele  von  unseren  Versuchsindividuen  während  der 
Beizung  bald  über  Congestionen,  bald  über  unausgesprochene  Ge- 
fühle von  Beängstigung  und  Herzklopfen  klagten  imd  häufig  die 
Gesichtsfarbe  wechselten;  endlich  haben  wir  vier  Mal  unter  drei 
Fällen  wirkliche  Ohnmacht  beobachtet.  Es  lag  nahe,  diese  Er- 
scheinung auf  vasomotorische  Vorgänge  im  weitesten  Sinne  des 
Wortes  zu  beziehen,  die  durch  die  Beizung  gleichzeitig  entstanden 
sind.  Bei  den  Ohnmachtsanwandlungen  mussten  voraussetzlich  die 
vasomotorischen  Veränderungen  schon  einen  hohen  Grad  erreicht 
haben. 

War  aber  diese  Voraussetzimg  richtig,  dann  war  zu  erwarten, 
dass  auch  während  der  Eeizung  geringere  Grade  solcher  Verän- 
derungen, die  nicht  gerade  zur  Ohnmacht  führen,  sich  nachweisen 
lassen.  Diesen  Nachweis  haben  Untersuchungen  geliefert,  in  denen 
wir  während  continuirlicher  Eeizungen  der  Patellarsehne,  die  Aen- 
derungen  des  Blutdruckes  mittelst  des  v.  Basch'schen  Sphygmo- 
manometers  bestimmten.  In  den  nachfolgenden  Tabellen  sind  die 
hierbei  erhaltenen  Resultate  zusammengestellt. 

•)  1.  c 


Jarisch  und  Schiff. 


Name 

Datum 

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Blutdruck 

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Untersuchungen  aber  das  Kniephäno 


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während   

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Jirisch  und  Schiff. 


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Datum 

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Untersuchungen  über  das  Kniephänomen.  305 

Im  Allgemeinen  ist  aus  diesen  Tabellen  ersichtlich,  dass  der 
Blutdruck  sich  während  der  Heizung  in  mehr  oder  weniger  erheb- 
licher Weise  verändert.  Der  Gesammteffect  einer  länger  dauern- 
den Heizung  bestand  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  in  einer  Erniedri- 
gung des  Blutdruckes;  hieher  gehört  jener  Fall,  wo  correspondirend 
mit  der  Erniedrigung  des  Blutdruckes  eine  wirkliche  Ohnmacht 
eintrat.  Die  Senkung  des  Blutdruckes  erstreckte  sich  aber  nicht 
gleichmässig  über  die  ganze  Heizperiode,  sondern  es  trat  während 
derselben  auch  Steigerung  des  Blutdruckes  ein.  In  anderen  Fällen 
haben  wir  nur  Steigerung  des  Blutdruckes  beobachtet. 

Bei  der  Grösse  der  von  uns  beobachteten  Blutdruckschwan- 
kungen kann  es  keinem  Zweifel  unterliegen,  dass  es  sich  hier  um 
Vorgänge  in  grösseren  Gefassgebieten  handelt.  Von  den  Gefässge- 
bieten,  die  durch  die  Heizung  direct  berührt  werden,  können  un- 
möglich derartige  Veränderungen  der  allgemeinen  arteriellen  Span- 
nung ausgehen. 

Eingehendes  über  die  Natur  der  pressoriscl^en  und  depressori- 
schen  Effecte,  mit  denen  wir  es  zu  thun  haben,  kann  sich  aus  den 
vorliegenden  Versuchen  am  Menschen  überhaupt  nicht  ergeben. 

Darüber  müssten  Thierversuche  entscheiden,  in  denen  es  mög- 
lich ist  die  centripetalen  und  centrifugalen  Bahnen  zu  bestimmen 
in  welchen  die  Reflexe  ablaufen.  Dass  in  unseren  Fällen  sowohl 
pressorische  als  depressorische  Reflexe  zu  Stande  kamen,  kann  aber 
nach  den  bekannten  Erfahrungen  von  Cyon  1),  Latschenberger 
undDeahna2),  sowie  Grützn  er  und  Heidenhain3)  nicht  Wunder 
nehmen.  Diese  haben  ja  gezeigt,  dass  unter  Umständen  Reizung 
des  centralen  Ischiadicusstumpfes  nicht  nur  zu  pressorischen,  sondern 
auch  zu  depressorischen  Reflexen  Anlass  gibt. 

Die  angeführten  Versuche  liefern  zwar  kein  directes  Beweis- 
material, sie  scheinen  uns  aber  für  unsere  Annahme  sehr  wichtig, 
denn  wenn  sichergestellt  ist,  dass  von  einem  Orte  der  Peripherie 
Reflexe  in  den  vasomotorischen  Centren  ausgelöst  werden,  dann  ist 
es  auch  wahrscheinlich,  dass  von  demselben  Orte  auch  Reflexe  in 
den  motorischen  Centren  erregt  werden  können. 


*)  Bulletin  de  TAcad.  imp.  des  sciences  de  St.  Petersbourg  1870,  1872. 
»)  Pflüger's  Archiv  Bd.  XII. 
»)  Pflüger's  Archiv  Bd.  XVI. 

20* 


306  Jarisch  und  Schiff. 


Eine  weitere  Stütze  für  die  Annahme,  dass  die  durch  den 
Patellarsehnenreiz  hervorgerufenen  Muskelcontractionen  vom  Centnim 
ausgelöst  werden,  ergibt  sich  auch  aus  dem  Verhalten  dieses  Phäno- 
mens bei  Chloroformirten.  Schon  Eulenburg  1)  hat  gezeigt,  dass  der 
Patellarsehnenreflex  bei  Thieren  und  Menschen  regelmässig  und 
sehr  bald  in  der  Chloroformnarkose  schwindet.  Wir  haben  mit  der 
freundlichen  Erlaubniss  des  Herrn  Primarius  Dr.  Hofmokl  auf 
dessen  Abtheilung  an  drei  chloroformirten  Individuen  ebenfalls  das 
vollständige  Verschwinden  des  Kniephänomens  constatiren  können. 
Ueberdies  beobachteten  wir,  dass  in  einem  Falle,  wo  vor  der  Nar- 
kose die  idiomusculäre  Zuckung  und  das  Kniephänomen  deutlich 
ausgesprochen  waren,  erstere,  d.  i.  die  idiomusculäre  Zuckung  sich 
auch  in  der  Narkose  hervorrufen  liess,  nicht  aber  letzteres  d.  i.  i 
das  Kniephänomen.  \ 


Durch  die  vorliegenden  Versuche  glauben  wir,  soweit  dies 
eben  am  Menschen  möglich  ist,  den  Beweis  erbracht  zu  haben, 
dass  das  Kniephänomen  ein  reflectorischer  Vorgang  sei. 

Unsere  Versuche  führen  ferner  zu  folgenden  Betrachtungen 
über  die  Natur  des  reflectorischen,  resp.  die  Keize  oder  die 
Keiz Wirkungen  summirenden  Apparates,  der  hier  in  Thätig- 
keit  gelangt: 

I.  Die  grossen  Intervalle,  durch  die  man  die  einzelnen  Reize 
trennen  kann,  weisen  darauf  hin,  dass  es  lange  dauert,  bis  die 
Nachwirkung  je  eines  Reizes  abgeklungen  ist.  Allerdings 
kann  dieses  langsame  Abklingen  auch  durch  die  Art  des  Reizes 
bedingt  sein,  imd  vielleicht  siud  in  den  Versuchen  Stirling-Kro- 
necker's  und  Ward's  nur  deshalb  kleine  Intervalle  nöthig,  weil 
der  elektrische  Reiz  von  kürzer  dauernden  Nachwirkungen  beglei- 
tet ist. 

IL  Durch  die  Reize  werden  ferner,  wie  man  annehmen  darf, 
länger  dauernde  Veränderungen  in  dem  Erregbarkeits- 
zustande des  reflectorischen  Apparates  herbeigeführt,  und 
zwar  bald  Zustände  von  erhöhter,  bald  von  erniedrigter  Erregbarkeit; 


!)  Eulenburg,  Einfluss  der  Anaesthetica  auf  die  verschiedenen  Reflexe. 
Centralbl.  f.  d.  med.  Wiss.  1881,  Nr.  6  Orig.-  Mittheil. 


Untersuchungen  über  das  Kniephänomen.  307 

wirksame  Reize  scheinen  die  Erregbarkeit  zu  erhöhen,  un- 
wirksame dieselbe  zu  erniedrigen. 

III.  Für  eine  gewisse  Gleichartigkeit  des  Reflexappa- 
rates bei  gesunden  Individuen  sprechen  die  von  uns  gefundenen 
Mittel  aus  den  Reizzahlen,  aus  denen  sich  ergibt,  dass  Intervalle 
von  3,  5  und  7  Secunden  für  die  Leistung  des  Centralapparates 
am  günstigsten  wirken. 

Die  Resultate  dieser  Untersuchungen  führen  endlich  zu  nach- 
stehenden Schlussfolgerungen: 

I.  Es  wird  nicht  mehr  gestattet  sein  zu  behaupten,  dass  das 
Kniephänomen  fehle,  wenn  dasselbe  nach  Application  eines  Reizes, 
ausbleibt. 

II.  Aus  Prüfungen  mittelst  der  Methode  der  einzelnen,  maxi- 
malen Reize  allein  lässt  sich  kein  sicheres  Urtheil  über  die  Art 
und  Grösse  des  Reflexes  ableiten. 

III.  Das  Eniephänomen  ist  nicht  die  einzige  Reaction  der  auf 
die  Patellarsehne  ausgeführten  Reize. 

Zur  Aufstellung  dieses  letzteren  Satzes  halten  wir  uns  durch 
unsere  Untersuchungen  über  die  Aenderungen  des  Blutdruckes  nach 
Patellarsehnenreizen  für  berechtigt. 

Aus  alldem  Gesagten  ergibt  sich  als  Aufgabe  weiterer  Unter- 
suchungen: Den  Einfluss  physiologischer  und  pathologischer  Vor- 
gänge auf  die  Sehnenreflexe  mittelst  der  Methode  der  minimalen 
Reize  einer  erneuten  Prüfung  zu  unterziehen. 


Erklärung  der  Abbildungen  in  Tafel  X. 

Fig.  1.  Patellarreflex  nach  4  Reizen.  Intervall  5  Secnnden.  Versuchsniimmer  26. 
a  Zuckimgsgruppe. 
a—b  Nachwirkung  durch  1  Min.  7  See. 
Fig.  2.   Einfache   Zuckung  nach   5  Reizen.   Intervall   1  Secunde.   Versuclis- 

nummer  7. 
Fig.  3.  Reflex  nach  14  Reizen.  Intervall  3  Secunden.  Versuchsnummer  13. 
a  Tetanus. 
a—b  Nachwirkung  durch  28*2  Secunden. 
Fig.  4.  Tetanus  als  Nachwirkung   eines   Reizes    durch  46' 8  Secunden.    Ver 

suchsnummer  15. 
Fig.  5.  Reflex  nach  1  Reiz.  Versuchsnummer  15. 
a  Zuckungsgruppe. 

b  Discontinuirlicher  Tetanus  als  Nachwirkung. 
a—c  Nachwirkung  durch  1  Min.  14  See. 
Fig.  6.  Reflex  nach  4  Reizen.  Intervall  9  See.  Versuchsnummer  13. 
a  Zuckungsgruppe. 
a—c  Nachwirkung  durch  1  Min.  bestehend  in  erhöhtem  Tonus  und  Jis- 
continuirlichem  Tetanus  1. 
Fig.  7.  Reflex  nach  2  Reizen.  Intervall  1  See.  Versuchsnummer  14. 
Fig.  8,  9,  10,  11.  Tonus  als  Vorbereitung  für  die  Zuckung.  Reizintervall  3". 
Fig.  12.  Reflextetanus  und  Nachwirkung  nach  3  Reizen.   Intervall  1".  Ver- 
suchsnummer 19. 
Fig.  13.  Reflextetanus  und  Nachwirkung  nach  1  Reiz.  Versuchsnummer  47. 
Fig.  14.  Reflex  und  Nachwirkung  in  Form  erhöhten  Tonus  nach  1  Reiz.  Ver- 
suchsnummer 13. 
Fig.  15.  Reflex  und  Nachwirkung  nach  6  Reizen.    Intervall  9  See.  Versuchs- 
nummer 14. 
a—b  Ansteigender  Tonus  ohne  Zuckung. 
c  —  d  Zuckung  und  Nachwirkung. 
Fig.  16.  Tetanus  nach  4  Reizen;  Intervall  9  See.  Versuchsn.  13.  Dauer  4,5". 
Fig.  17.  Reflex  nach  2  Reizen;  Intervall  9  See.  Versuchsnummer  12. 


-3XE- 


4 


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XV. 

TJeto  den  Mastdarmtoucli. 


Von 


Docent  Dr.  Jos.  Englisch, 

Primararzt  an  der  „Rudolfstiftung"  in  Wien. 

(Am  15.  Mai  1882  von  der  Redaction  übernommen.) 


Während  die  Eingeweidebrüche  an  der  Bauchwand  die  weit- 
gehendsten Beobachtungen  fanden,  wurden  diejenigen  des  Becken- 
ausganges  weniger  beachtet.  Mit  Ausnahme  der  Hernia  obturatoria 
und  vaginalis  finden  wir  nur  wenige  Beobachtungen  verzeichnet, 
welche  sich  auf  die  Eingeweidevorlagerungen  in  der  Umgebung 
des  Afters  beziehen  und  wurden  sämmtliche  mit  dem  Namen  der 
Perinealhernien  bezeichnet,  deren  grösste  Anzahl  die  Hernia  puden- 
dalis,  scrotalis  posterior  umfasste.  Am  wenigsten  genau  behandelt 
finden  wir  jene  Vorlagerungen,  welche  durch  den  After  erfolgen. 
Seit  Schreger's  Mittheilungen  hat  erst  Uhde  diesen  Gegenstand 
ausführlicher  behandelt.  Ein  auf  meiner  Abtheilung  vorgekommener 
Fall  gab  Gelegenheit,  diese  Art  von  Eingeweidevorlagerung  ge- 
nauer zu  studiren  und  soll  in  dem  Folgenden  darüber  Mittheilung 
gemacht  werden.  Da  aber  der  Gegenstand  doch  allgemeineres  In- 
teresse bieten  dürfte,  so  soll  eine  kurze  Darstellung  desselben  hin- 
zugefügt werden. 

Unter  Mastdarmbruch  (Hernia  rectalis,  H.  intestini 
recti,  Hedrocele  (Höqcc  hinterer,  Gesäss)  nach  Uhde  und 
Arcocele  (a^nog  hinterster,  After)  versteht  man  eine  Eingeweide- 
vorlagerung in  einer  Ausstülpung  der  Wand  des  Mastdarmes  durch 
den  After,  dessen  innerste  Auskleidung  der  Bauchfellüberzug  des 
Mastdarmes  als  Bruchsack  ist. 

Die  Seltenheit  der  Mittheilung  einschlägiger  Beobachtungen 
ist  um  so  auffallender,  als  die  zunächst  veranlassende  Ursache,  der 


310  Englisch. 

Mastdarm  Vorfall  selbst  in  seinen  schwersten  Formen  so  häufig  zur 
Beobachtung    kommt.     Es   beruht   dieses   theilweise   darauf,  dass 
manche  Fälle  von  eigentlichen  Mastdarmbrüchen  wegen  Ungenauigkeit 
der  Diagnose  für  blosse  Mastdarmvorfälle  gehalten  und  als  solche 
behandelt  oder  nicht  behandelt  wurden,  wie  die  Beobachtungen  von 
Brodie,  Adelmann,  Pyl,  Roche,  Fiedler-Ohle,  ganz  auffällig 
beweisen.    Ueber  andere   Fälle   liegen   so  ungenaue  Mittheilungen 
vor,   dass  es  unmöglich  ist,   nachträglich  eine  genaue  Diagnose  zu 
stellen,  und  dürfte  mancher  Fall  von  spontaner  Ruptur   des  Mast- 
darmes dahin  gehören,    wie  z.  B.  der  Fall  von  Nedham  u.  s.  w. 
oder  jene  Fälle,  wo  man  bei  der  Ligatur  oder  dem  Abtragen  eines 
Vorfalles  zugleich  einen  anderen  Theil  des   Darmtractes   verletzte. 
Dass  die  Fälle  doch  nicht  so  ausserordentlich  selten  sind,  beweisen 
die  Mittheilungen  von   Allingham,   welcher   allein   7   Fälle  von 
Einlagerung  anderer  Eingeweide  in    Mastdarm  vorfalle  beobachtete, 
und  war  ich  in  der  Lage  eine  ziemliche  Anzahl  von  H.  rectales,  welche 
in  Folgendem  in  Kürze  mitgetheilt   werden   sollen,   zusammen  zu 
stellen,  ohne  dabei  auf  absolute  Vollständigkeit  Anspruch  machen 
zu  wollen,    da  es  mir  nicht  möglich  war  alle  Quellen  zu    erhalten 
oder  ein  genügendes  Beferat   über   Fälle   zu   finden,    welche   aller 
Wahrscheinlichkeit  nach  dahin  zu  rechnen  wären,  z.  B.  die  Fälle  von 
Nedham,  Bünger,  Bushe,  Portall,  Bock,  Majo,  Stein  u.  s.w.; 
doch  genügen  die  vorliegenden  Fälle,  um  ein  vollständiges  Bild  die- 
ser Vorlagerung  zu  geben. 

Schreger  war  der  erste,  welcher  (1818)  den  Begriff  des 
Mastdarmbbruches  genauer  feststellte  und  die  ersten  genaueren 
Mittheilungen  machte.  Ihm  folgten  weitere  Mittheilungen  von  Poc- 
kels  (1821),  Brodie  (1827),  Brunn  (1833),  Pyl,  Adelmann  (1845), 
Dieffenbach  (1848),  Roche  (1853),  Uhde  (1868),  welcher  auch 
eine  Beobachtung  von  Baum  aus  dem  Jahre  1835  mittheilte, 
Streubel  1882,  Stokes.  Der  Fall,  welchen  Fiedler  im  Jahre 
1817  veröffentlicht,  gehört  unstreitig  hieher,  wenn  er  auch  nur  als 
eine  Intussusception  des  Colon  bezeichnet  ist. 

1.  Schreger' s  1.  Fall  betraf  eine  alte  Frau,  welche  3mal  ohne 
Beschwerden  geboren  hatte.  Nach  der  zweiten  Gebnrt  war  ein  vorüberge- 
hender Vorfall  der  Scheide  vorhanden  gewesen.  Nach  der  dritten  Geburt 
stellte  sich  bei  der  schlecht  genährten  Kranken  eine  andauernde 
Diarrhöe  ein,    welcher  bald  ein  Mastdarm  Vorfall  folgte.    Von  jetzt   ab 


Ueber  den  Mastdarmbruch.  311 

wechselten  Diarrhöe  und  Stuhlverstopfang  ab.  In  den  letzten  10  Jahren 
vergrösserte  sich  der  Vorfall  bedeutend  und  blieb  selbst  in  horizontaler 
Lage  vorgelagert.  Zugleich  trat  Entzündung  in  demselben  ein,  so  dass 
die  Kranke  zu  Bette  bleiben  musste.  Plötzlich  steigerte  sich  unter 
Schüttelfrost  die  Entzündung.  Heftige,  kolikartige  Schmerzen  traten 
in  der  Unterbauchgegend  auf,  welche  nach  dem  Mastdarme  und  den 
Geschlechtstheilen  ausstrahlten.  Fieber  sehr  heftig.  Später  trat  Erbrechen 
ein  und  nach  8  Tagen  erfolgte,  nachdem  die  vorgelagerten  Eingeweide 
mit  den  Bruchhüllen  verwachsen  waren,  der  Aufbruch.  Die  Kranke 
starb  an  Peritonitis.  Die  Section  bestätigte  die  Diagnose  des  Mast- 
dannbruches. 

Der  2.  Fall  betraf  eine  40jährige  Frau,  welche  nie  geboren  hatte. 
In  ihrer  Kindheit  hatte  sie  an  einem  Vorfalle  gelitten,  der  aber  immer 
zurückgegangen  war.  Derselbe  entwickelte  sich  später  wieder,  wurde 
aber  nur  schwer  zurückbringbar  und  enthielt  deutlich  Gedärme  ein- 
gelagert. 

3.  Brodie  behandelte  eine  Frau  von  mittlerem  Alter,  welche  plötz- 
lich um  11  Uhr  Nachts  von  Bauchschmerzen  und  Ueblichkeiten  befallen 
worden  war.  Bei  dem  heftigen  Anstrengen  zum  Erbrechen  hatte  die 
Frau  plötzlich  das  Gefühl,  wie  wenn  sie  zur  Geburt  ginge  und  ent- 
wickelte sich  am  After  eine  Geschwulst.  Der  herbeigerufene  Arzt  fand 
aus  dem  After  heraushängend  eine  2  Yard  lange  Darmmasse  samrat 
dem  Mesenterium.  Die  Gedärme  waren  hochgradig  entzündet,  von  Gas 
und  Koth  stark  ausgedehnt.  Der  untersuchende  Finger  drang  neben  dem 
Vorfalle  in  den  Mastdarm  ein  und  entdeckte  ungefähr  2"  über  dem  After 
einen  Riss  in  der  vorderen  Wand  des  Mastdarmes.  Die  vorsichtig  vor- 
genommene Reposition  gelang  nur  zu  3  Viertel,  während  der  übrige 
Theil  zwar  in  den  Mastdarm,  nicht  aber  in  die  Beckenhöhle  gescho- 
ben werden  konnte.  Um  auch  diesen  Theil  zurückbringen  zu  können, 
machte  Brodie  in  der  Linea  alba,  unterhalb  des  Nabels  einen  2" 
langen  Schnitt,  worauf  es  gelang  mit  dem  eingeführten  Finger  den 
Darm  vollständig  zurückzuziehen.  Das  Erbrechen  hielt  an,  wenn  auch 
nach  2  Stunden  eine  scheinbare  Erleichterung  des  ganzen  Zustandes 
eintrat.  Unter  raschem  Verfalle  starb  die  Kranke  8  Stunden  nach  der 
Operation  (31  Stunden  nach  Beginn  der  Erkrankung).  Die  Section  er- 
gab heftige  Bauchfellentzündung,  wobei  die  Gedärme,  welche  vorgela- 
gert gewesen  waren,  weniger  entzündet  schienen  als  vor  der  Opera- 
tion. Die  Umgebung  der  Wunde  war  nicht  ulcerirt.  Leider  findet  sich 
bei  Quenu,  dem  die  Mittheilung  entnommen,  keine  Angabe,  ob  ein 
alter  Mastdarmvorfall  vorhanden  gewesen  sei  oder  nicht.  Doch  scheint 
dieses  entsprechend  den  anderen  Beobachtungen  der  Fall  gewesen  zu 
sein  und  führt  Quenu  diesen  Fall  später  als  mit  Prolaps  compli- 
cirt  an. 

4.  Es  mag  hier  der  Fall  von  Fiedler-Ohle  eingeschaltet  werden. 
Ein  Mann,  sehr  reizbar,  hatte  seit  langem  an  heftigen  Hämorrhoidal- 
koliken  gelitten.    Ein  Jahr  vor  den  heftigen  Zufällen  litt  er  an  einem 


312  Englisch. 

nervösen  Fieber  mit  andauernder  Stuhlverstopfung  und  entleerte  mit 
dem  harten  Stahle  Blut.  Später  stellten  sich  Beschwerden  beim  Harn- 
lassen ein  und  entwickelte  sich  eine  den  Mastdarm  ausfüllende  Ge- 
schwulst. Ohne  bekannte  Veranlassung  trat  Fieber,  heftiger  Leib- 
schmerz auf,  und  steigerten  sich  die  Erscheinungen  bis  zum  Erbrechen. 
Die  Untersuchung  ergab  eine  3  Ctm.  im  Durchmesser  haltende  Ge- 
schwulst im  After,  welche  nach  irriger  Diagnose  von  einem  Arzte  ein- 
geschnitten wurde.  Sogleich  fielen  einige  Appendices  epiploicae  vor  und 
später  ein  Stück  Dünndarm.  Um  dieselben  zurückzubringen,  machte 
Ohle  links  einen  Schnitt  von  der  Vereinigung  des  10.  und  11.  Bippen- 
knorpels, zur  Spina  oss.  ilei  ant.  super,  in  ö1/^'  Länge,  parallel  der 
Linea  alba,  ungefähr  37./'  von  derselben  entfernt,  während  der  Kranke 
die  rechte  Seitenlage  inne  hielt.  Hierauf  wurde  das  Colon  transversum 
nach  aufwärts  gezogen,  um  die  Intussusception  zu  heben  und  dann 
die  Dünndärme,  um  diese  aus  der  Wunde  zu  ziehen,  während  ein 
Gehilfe  von  aussen  her  auf  die  Geschwulst  drückte.  Der  Kranke  starb 
an  Bauchfellentzündung. 

5.  PockeTs  Fall  betraf  ein  durch  und  durch  scrofulöses  und 
rachitisches  6jähriges  Mädchen,  das  in  seinem  Wachsthume  so  zurück- 
geblieben war,  dass  es  einem  1jährigen  Kinde  glich.  Dieses  bekam 
am  12.  November  1821  einen  Prolapsus  ani,  der  sich  in  3  Tagen  zu 
einem  fingerlangen  Mastdarmvorfalle  vergrösserte,  8  Zoll  lang  war, 
3"  im  Durchmesser  hatte  und  einer  Blutwurst  glich.  Zugleich  war 
einige  Male  Erbrechen  vorhanden  gewesen.  Der  flüssige  Stuhl  ging 
unwillkürlich  ab.  Die  weitere  Untersuchung  ergab:  Erweiterung  des 
Sphincter  ani  externus,  Unmöglichkeit  den  Vorfall  zu  reponiren,  Schwel- 
lung des  umgestülpten  Mastdarmes,  au  dem  Theile  des  Vorfalles,  der 
auf  der  Unterlage  aufgelegen  hatte,  Brandflecken.  Erst  nach  vielen 
Versuchen  gelang  die  Reposition,  obwohl  die  Zusammen ziehung  der 
Schliessmuskeln  nicht  die  Ursache  der  früheren  Unmöglichkeit  war. 
Die  Reposition  wurde  in  der  Weise  gemacht,  dass  ein  Gehilfe  den 
vorgefallenen  Darm  mit  den  übereinander  gestellten  Händen  umfasste, 
Pockels  mit  dem  Zeigefinger  in  den  Darm  einging  und  diesen  mittelst 
des  Daumens  nach  einwärts  zurückstülpte.  Während  des  starken  Drängens 
des  Kindes  wurden  die  Finger  im  Darme  ruhig  gehalten.  Während 
also  der  Daumen  den  Rand  der  Umstülpung  einrollte,  schob  der  ein- 
geführte Zeigefinger  den  eingerollten  Tlieil  sogleich  über  den  Sphincter 
nach  aufwärts.  Nach  der  in  einigen  Minuten  gelungenen  Reposition 
zeigte  die  Untersuchung  mit  dem  Finger,  dass  das  Becken  stark  ver- 
engt war.  Sicherung  durch  eine  T-Binde.  Die  Fixirung  des  Darmes  in 
der  angegebenen  Weise  durch  einen  Gehilfen  wird  von  Pockels  als  ab- 
solut nothwendig  angesehen.  In  der  Folge  wiederholte  sich  der  Vor- 
fall des  Darmes,  konnte  aber  immer  wieder  zurückgebracht  werden. 
Am  9.  December  erfolgte  der  Tod  durch  Entkräftung.  Section:  Einge- 
weide der  Bauchhöhle  normal,  keine  Entzündung,  das  Becken  stark 
verkrümmt,    sehr  eng  und  das    Colon    transversum    durch    das    umge- 


Ueber  den  Mastdarmbruch.  313 

stülpte  Rectum  stark  herabgezogen.  Das  1.  Ovarium  herabgezogen, 
liegt  im  Sphincter,  die  Darmwand  des  Rectus  an  einer  Stelle  vollstän- 
dig durchbohrt,  so  dass  eine  Bougie  von  aussen  durch  die  Oeffnung 
in  die  Bauchhöhle  geführt  werden  konnte. 

6.  Brunn  beobachtete  bei  einem  20  Wochen  alten,  atrophischen 
Mädchen  einen  Mastdarmvorfall  mit  heftiger  Diarrhöe,  der  sich  rasch 
zur  Grösse  einer  „Bratwurst"  vergrösserte.  Derselbe  hatte  das  Aussehen 
einer  mit  der  Convexität  nach  unten  sehenden  Darm  schlinge.  Reposition 
unmöglich.  Es  folgte  rascher  Verfall  und  nach  10  bis  15  Stunden  der 
Tod.  Section:  Der  Vorfall  nicht  reponibel,  der  Länge  nach  aufgeschnitten 
drangen  mehrere  Schlingen  des  Ileums  vor,  dessen  grösster  Theil  im 
kleinen  Becken  gelagert  war.  Der  Uterus  war  in  dem  umgestülpten  Theile 
des  Mastdarmes  so  eingelagert,  dass  er  nur  mit  grösster  Mühe  zu- 
rückgezogen werden  konnte.  Die  Wand  des  Mastdarmes  war  beutei- 
förmig umgestülpt  und  bildete  den  Bruchsack,  die  Eingeweide  leer  und 
entzündet,  die  anderen  Organe  normal. 

Brunn  hielt  die  Einklemmung  durch  den  Sphincter  ani  für  mög- 
lich, glaubt  aber,   dass  sie  mehr  durch  den  Levator    ani   bedingt  war. 

7.  Baum.  Im  Jahre  1835  wurde  ein  ljähriges,  schwächliches  Kind 
zur  Behandlung  gebracht,  welches  einen  3"  langen  Mastdarmvorfall  von 
ungewöhnlicher  Dicke  hatte.  Die  Untersuchung  ergab  einen  bedeuten- 
den Abstand  der  beiden  Theile  der  umgestülpten  Mastdarmwand  an 
der  vorderen  Seite  und  das  Vorhandensein  von  Gedärmen  zwischen 
ihnen.  Die  Reposition  gelang  trotz  der  grössten  Mühe  nicht.  Da  das 
Kind  zu  schwach  war,  -so  wurde  keine  Operation  vorgenommen  und 
erfolgte  der  Tod  bei  andauerndem  Erbrechen  noch  am  selben  Tage. 
Section  nicht  gestattet. 

8.  Dieffenbach  beobachtete  1844  bei  einem  2jährigen  Kinde, 
das  an  den  Erscheinungen  des  Volvulus  litt,  im  Mastdarme  eine  Ge- 
schwulst, welche  das  Lumen  desselben  so  ausfüllte,  dass  er  kaum  mit 
dem  Pinger  eindringen  konnte.  Nach  dem  bald  darauf  erfolgten  Tode, 
zeigte  sich  in  der  Geschwulst  eine  grosse  brandige  Dünndarmschlinge. 
(Leider  ist  die  Mittheilung  zu  kurz,  um  über  die  bestehenden  Verhältnisse 
genaueren  Aufschluss  zu  erhalten.) 

9.  Pyl  behandelte  ein  50jähriges  Weib,  welches  seit  vielen  Jahren 
an  einem  hochgradigen  Mastdarmvorfalle  litt.  In  einem  Streite  wurde 
dieselbe  zu  Boden  geworfen  und  mit  Füssen  auf  den  Bauch  getreten. 
Es  stellte  sich  heftiger  Stuhldrang  ein  und  bei  einer  Anstrengung 
traten  Eingeweide  und  eine  grosse  Blutmenge  aus  dem  After  aus.  Die 
Geschwulst  war  anfangs  faustgross,  wuchs  aber  unter  stetem  Drängen 
rasch.  Die  Kranke  starb  bei  raschem  Verfalle  nach  12  Stunden.  Bei 
der  Section  fand  sich  der  Darm  entzündet.  Der  ganze  Dünndarm  lag 
im  kleinen  Becken,  der  Magen  hatte  eine  fast  verticale  Richtung.  Die 
vorgelagerte  Darmschlinge  war  12'  10"  lang,  umfasste  das  ganze  Ileum, 


314  Englisch. 

• 

21'  von  der  lleo-cöcalklappe  aufwärts  beginnend,  und  einen  Theil  des 
Jejunuin.  Der  Darmriss  fand  sich  an  der  hinteren  Wand,  1"  über  dem 
After  and  war  für  4  Finger  durchgängig,  die  Bauchhöhle  enthielt  ausser 
dem  Exsudate  noch  Kothmassen. 

10.  Adel  mann.  Weib  von  72  Jahren,  litt  seit  mehreren  Jahren  an 
einem  leicht  zurückbringbaren  Mastdarmvorfalle.  Nach  einem  Stuhle  ohne 
besondere  Anstrengung  bemerkte  sie  beim  Zurückbringen  des  Vorfalles 
plötzlich  das  Vordringen  von  Eingeweiden  durch  den  After  mit  heftigen 
Schmerzen  in  der    Magengrube.    In   Folge    des    Drängens    vergrösserte 
sich  der  Vorfall  rasch  und  fand  Adel  mann    5  Ellen  Dünndarm    vor- 
gelagert,   welche  Masse  bis  zur  Erde   reichte    und    durch    Staub    und 
Harn  beschmutzt  war.    Der  Darm  war  dunkel  gefärbt,    besonders   am 
Gekrösrande  mit  dunklen  Flecken  versehen.    Es  lagen  sechs  Schlingen 
vor,    von  denen  die  am  meisten  zu  unterst  liegende   die    längste  war, 
die  oberste  die  kürzeste.  Die  Afterschliessmuskel  war  schlaff,  der  Riss 
lag    278"  über  dem  After    an  der  rechten  Seite   der    Darm  wand,    zog 
schief  von  hinten  nach  vorne,  und  Hess  nur  in  seinem  vorderen  Theile 
den  scharfen  Band  deutlich  wahrnehmen,    während    dies    am    hinteren 
Theile  nicht  der  Fall  war.     Seine    Weite  betrug  2ya".    Es  wurde   in 
der  Knie-Ellbogenlage    die    Reposition    vorgenommen,    welche    anfangs 
ziemlich  leicht  gelang  bis  das  Becken  erfüllt  war,    während  der  letzte 
Theil  nicht  zurückgebracht  werden  konnte,    da  die    Bauchhöhle    schon 
lange  nicht  mehr   gewöhnt    schien,    die   Eingeweide    aufzunehmen.    Es 
wurde  daher  zur  Laparotomie  geschritten.  Ein  Schnitt  in  der  Höhe  des 
Nabels,  3  Qnerfinger  nach  rechts  von  der  Mittellinie,  dicht  am  äusseren 
Rande  des  Rectus  abdominis,  4"  lang  nach  abwärts  bis  3  Finger  vom 
Schambeine  gemacht,    liess  die    Hand    in    die    Bauchhöhle    eindringen, 
welche  längs  dem  Gekröse  bis  zum  Risse  vordrang  und    die    Gedärme 
stückweise  emporzog,    während  der  Gehilfe  von    aussen    her    dieselben 
empordrängte.   Doch  auch   jetzt  gelang  die  Reposition  nur  bis  auf  ein 
172  Ellen  langes  Stück,  welches  der  am  meisten  veränderten,  ältesten 
Schlinge  entsprach.    Es  wurde   daher    die    Punction    des    Darmes    mit 
einer  breiten  Heftnadel  vorgenommen,  worauf  sich  der  Darminhalt  ent- 
leerte.  Doch  wurde  die  Entleerung  durch  die  sich  vordrängende  Schleim- 
haut unterbrochen   und  musste  selbe  durch  eine  Sonde  zurückgedrängt 
werden,  um  den  freien  Ausfluss  zu  ermöglichen.  Auch  nach  Entfernung 
der  Hand  aus  der  Bauchhöhle  gelang  die  Reposition  noch    nicht    voll- 
ständig,   sondern  mussten  zu  diesem  Behufe  einige  Darmschlingen    aus 
der  Bauchwunde  hervorgezogen  werden.    Nach  Lagerung  der    Kranken 
auf  der  linken  Seite  wurde  der  Mastdarm   vorgezogen,    die  Risswunde, 
welche  vollständig  scharfe   Ränder  zeigte,  mit  7  Heften  genäht,  wobei 
die  mittleren  Hefte  weiter  von  einander   abstanden,    um    ein    etwaiges 
Exsudat  abfliessen  zu  lassen,  die  Gedärme  aber  doch  zurückhielten.  Gegen 
Ende  der  Naht  trat  eine  sehr    heftige    Zusammen  Ziehung  des  Levator 
ani  ein.   -Den  Schluss  bildete  nach  Reposition  der  Darmschlingen    die 
Bauchnaht.    Trotzdem   bald   nach    der  Operation    drei    flüssige    Stühle 


Ueber  den  Mastdarmbroch.  315 

erfolgt  waren,  so  ging  die  Kranke  doch  nach  17  Stunden  (10  Stunden 
nach  der  Operation)  zu  Grunde. 

11.  Roche.  Ein  40jähriges  Weib  bekam  nach  einer  schweren  Ent- 
bindung mittelst  Forceps  eine  Blasenscheidefistel  und  bald  darauf  einen 
Mastdarmvorfall,  der  immer  leicht  zurückgebracht  werden  konnte.  Vier 
Jahre  später  fielen  .  ohne  näher  bezeichnete  Ursache  plötzlich  eine  Masse 
von  Gedärmen  durch  den  After  vor  und  bildeten  eine  faustgrosse, 
rundliche,  von  Schleimhaut  bedeckte  Geschwulst,  deren  Bedeckung 
continuirlich  in  die  Afterhaut  überging,  so  dass  der  Finger  neben  der 
Geschwulst  nirgends  in  den  Mastdarm  dringen  konnte.  An  der  Spitze 
der  Geschwulst  fand  sich  eine  rundliche  Oeffhung,  welche  für  den 
Finger  durchgängig  war.  Während  eines  zweiten  Versuches,  die  Ge- 
schwulst zurückzuschieben,  machte  die  Kranke  plötzlich  eine  heftige 
Anstrengung  mit  der  Bauchpresse,  wobei  die  Hand  des  Operateurs 
einen  Riss,  ähnlich  dem,  wie  er  beim  Zerreissen  des  Pergamentes  ent- 
steht, wahrnehmen  konnte.  Die  Geschwulst,  welche  sich  nur  für  kurze 
Zeit  vergrossert  hatte,  trat  jetzt  sogleich  ohne  alle  Anstrengung  zu- 
rück. Doch  bald  folgte  ein  Vorfall  von  Eingeweiden  durch  den  After. 
Die  Kranke  wurde  bewusstlos.  Die  vorgelagerte  Masse  bestand  aus 
einer  Darmschlinge,  welche  sich  leicht  zurückbringen  Hess.  Der  unter- 
suchende Finger  fand  sehr  hoch  oben  im  Mastdarme  einen  longitudinalen 
unregelmässigen  Riss.  Zum  Zurückhalten  der  Gedärme  wurde  ein  Tam- 
pon in  den  Mastdarm  geführt  und  mittelst  einer  T-Binde  befestigt. 
Doch  die  Kranke  entfernte  sich  selbst  den  Verband  und  so  fand  sich 
später  eine  neue  Darmmasse  vorgefallen,  welche  eine  grosse  Menge 
Dünndarm  und  ein  Stück  Dickdarm  enthielt.  Der  Zustand  der  Kranken 
verschlimmerte  sich  nun  mehr  und  die  Kranke  starb  unter  den  Er- 
scheinungen der  Bauchfellentzündung  einige  Stunden  darauf. 

12.  Allingham  führt  in  seinem  Buche:  „Ueber  Krankheiten  des 
Mastdarmes"  an,  dass. er  7  Fälle  von  Mastdarmbruch  beobachtet  habe, 
welche  4  Männer  und  3  Frauen  betrafen,  ohne  weiter  in  di«  Beschrei- 
bung der  Fälle  einzugehen. 

13.  Uhde  fand  bei  einem  1  Jahr  und  4  Wochen  alten,  wenn  auch 
blassen,  so  doch  gut  entwickelten  Knaben,  der  schon  öfter  an  Mast- 
darmvorfall gelitten  hatte,  eine  50  Ctm.  lange  Geschwulst  am  After, 
welche  deutliche  Windungen  wie  der  Dünndarm  zeigte  und  fast  auf  die 
Hinterbacke  reichte.  Vier  Wülste  Hessen  sich  deutlich  unterscheiden. 
Die  Oberfläche  des  Vorfalles  war  geröthet,  feucht  und  glänzend,  und 
zeigte  sich  am  After  keine  Rinne.  Fieber  und  Verfall  bedeutend.  Zeichen 
eines  Mastdarmbruches  bestanden  nicht  (?).  Die  Reposition  gelang  auch 
nicht,  als  man  durch  die  Punction  die  Luft  und  eine  geringe  Menge  seröser 
Flüssigkeit  entleert  hatte.  Da  die  vorgeschlagene  Operation  (Spaltung 
des  Vorfalles  der  Länge  nach,  Reposition  der  vorgelagerten  Theile,  Ab- 
tragen des  Vorfalles  und  Vereinigung  der  Querwunde  durch  die  blutige 
Naht)  verweigert  wurde,  zeigten  sich  schon  am  Abende  desselben  Tages 


316  Englisch. 

Brandflecken  auf  dem  Vorfalle  und .  starb  der  Kranke  um  1  Uhr  Nachts. 
Di«  Section  zeigte,  dass  der  Mastdarm  vorgefallen  war  und  sich  in  dessen 
Ausstülpung  vorno  und  rechts  das  lleum  eingesenkt  hatte,  wobei  die 
benachbarten  Dünndarm theile  herabgezogen  erschienen,  ebenso  das  Colon 
descendens  und  transversum.  Der  After  war  sehr  weit.  Den  Inhalt  des 
Bruches  bildete  die  Flexura  sigmoidea  und  fast  der  3.  Theil  des  Ileums. 
Bruchsack  und  Bauchinhalt  waren  entzündet. 

14.  Streubel  trug  nach  der  Reposition  eines  faustgrosson  Mast- 
darmbruches bei  einer  Frau  den  Mastdarmvorfall  mittelst  des  Ecraseurs 
ab  und  damit  den  im  vorderen  Theile  liegenden  Bruchsack.  Am  Tage 
nach  der  Operation  löste  sich  die  Verbindung  der  beiden  Bauchfell- 
platten  und  fiel  eine  grosse  Monge  Dünndarm  vor.  Die  Frau  ging  an 
Peritonitis  zu  Grunde. 

Bei  der  geringon  Zahl  der  bis  jetzt  genauer  beschriebenen 
Fälle,  deren  Ursache  vielleicht  darin  liegt,  dass  selbst  ausgedehn- 
tere Mastdarmvorfälle  bezüglich  einer  Einlagerung  von  anderen 
Eingeweiden  in  dieselben  eine  zu  geringe  Beachtung  fanden,  denn 
sonst  wäre  es  unerklärlich,  warum  so  wenige  Chirurgen  derselben 
Erwähnung  thun,  während  Allingham  allein  7  Fälle  zu  beob- 
achten Gelegenheit  hatte;  da  ferner  nicht  blos  eingeklemmte  Mast- 
darmbrüche, sondern  auch  freie  eine  Berücksichtigung  verdienen, 
so  erscheint  die  Mittheilung  der  folgenden,  eigenen  Beobachtung 
angezeigt,  da  sie  bezüglich  der  Erscheinungen  manches  Eigenthüm- 
liche  darbietet,  welches  im  Stande  ist,  die  anderen  Befunde  zu 
ergänzen. 

Cech  Josefa,  72  J.  alt,  am  24.  April  1880  auf  Saal  8  aufge- 
nommen, überstand  in  ihrem  40.  Jahre  eine  Lungenentzündung.  Die- 
selbe litt  schon  als  Kind  an  Hartleibigkeit  und  hatte  später  nur  jeden 
4.  bis  5.  Tag  eine  Stuhlentleerung.  In  der  Zeit  zwischen  dem  23.  und 
34.  Jahre  erfolgten  6  Entbindungen  ohne  Schwierigkeiten  bis  auf  die 
letzte,  wo  ein  Dammriss  erfolgte,  der  jedoch  vollständig  heilte.  Einige 
Zeit  darauf  bemerkte  sie  Schmerzen  in  der  Scheide,  welche  sich 
durch  angestrengte  Arbeit  oder  längeres  Stehen  steigerten  und  mit 
einem  Vorfalle  des  Mastdarmes  verbunden  waren,  der  jedoch  durch  blosse 
horizontale  Lagerung  zurückging.  Ein  gleicher  Vorfall  trat  auf  bei  jeder 
Stuhlentleerung.  Ein  mehrmonatlicher  Spitalsaufenthalt  mit  Anwendung 
kalter  Bäder  und  Klysticre  bewirkte  eine  geringe  Besserung.  Dasselbe 
gilt  von  einem  zweiten  Spitalsaufenthalte. 

Patientin  schlecht  genährt,  zeigt  in  verticaler  Stellung  und 
nach  einigem  Pressen  einen  Vorfall  des  Mastdarmes  von  9  Ctm. 
Länge.  Derselbe  ist  birnförmig,  an  der  Basis  von  27  Ctm.  Umfang, 
an  der  grössten  Breite   30  Ctm.,  der  Uebergang  der  Geschwulst  in  die 


Ueber  den  Mastdarmbrach.  317 

benachbarte  Haut  erfolgt  durch  eine  1 — 173  Ctm.  tiefe  Kinne.  Auf 
der  grössten  Höhe  der  Geschwulst  zeigt  sich  eine  2  Ctm.  breite  Oeff- 
nung.  Da  die  Geschwulst  an  der  vorderen  Seite  stärker  gewölbt  ist 
so  beträgt  die  Entfernung  vom  Hautrande  daselbst  16  Ctm.,  nach  hin- 
ten nur  7  Ctm.  Die  Umrandung  der  Oeffnung  zeigt  eine  Keine  von 
Längsfalten,  die  an  der  äusseren  Fläche  der  Geschwulst  sich  diver- 
girend  nach  eine  Strecke  weit  fortsetzen.  Geht  man  mit  dem  Finger 
durch  die  Oeffnung  in  den  Mastdarm,  so  berühren  sich  die  Wände 
der  umschliessenden  und  umschlossenen  Mastdarmstücke  nach  hinten 
an  der  Oeffnung  vollkommen,  und  je  weiter  man  gegen  die  Spitze  des 
Steissbeines  gelangt,  um  so  mehr  weichen  sie  auseinander.  Vorne  da- 
gegen ist  der  Abstand  dieser  beiden  Theile  ein  bedeutender.  Seitlich 
wird  der  Abstand  der  Theile  nach  hinton  gehend  immer  geringer.  Die 
Oberfläche  der  Geschwulst  ist  mit  gerötheter,  sammtartiger,  stellen- 
weise excoriirter  Schleimhaut  bedeckt.  Die  Dicke  der  Wände  ziemlich 
gleich.  Die  Oberfläche  erscheint  bei  mittlerem  Grade  ziemlich  gleich- 
massig  gespannt;  beim  höchsten  Grade  dagegen  stellenweise  etwas 
vorgewölbt  und  lassen  sich  beim  starken  Pressen  Wülste  wahrnehmen. 
Die  Consistenz  ist  weich  und  lässt  sich  die  Geschwulst  leicht  durch 
Druck  verkleinern.  Der  Schall  ist  überall  tympanitisch ,  besonders 
vorne.  Untersucht  man  von  der  Scheide  aus,  so  erscheint  die  hintere 
Wand  unmittelbar  über  dem  Sphincter  vulvae  etwas  nach  hinten  und 
unten  ausgestülpt  und  bildet  daselbst  eine  seichte  Grube.  Der  übrige 
Theil  der  Scheide  hat  keine  Verschiebung  erlitten.  Sucht  man  die  Ge- 
schwulst durch  Druck  zu  verkleinern,  so  fühlt  man  deutlich  die 
Windungen  der  Gedärme,  besonders  im  vorderen  Theile  der  Goschwulst 
und  weichen  dieselben  unter  Gurren  zurück.  Sind  dieselben  vollständig 
zurückgebracht,  so  bleibt  noch  ein  5  Ctm.  langer,  schlaffer  Sack  vor- 
gelagert, der  gesondert  zurückgebracht  werden  muss.  Ist  dieses  ge- 
schehen, so  erscheint  der  Sphincter  ani  erschlafft  und  der  After  selbst 
für  3  Finger  leicht  durchgängig,  der  untere  Theil  des  Mastdarmes 
sehr  weit.  Ist  die  Geschwulst  nicht  vorgelagert,  so  ist  der  Bauch 
schlaff  und  ziemlich  gleichmässig  gewölbt.  In  demselben  Verhältnisse 
als  die  Geschwulst  hervortritt,  schwindet  die  Wölbung  des  Bauches 
in  der  Unterbauchgegend  immer  mehr,  der  Nabel  wird  bis  zu  1  Ctm. 
Tiefe  eingezogen  und  es  bilden  sich  Längsfalten  an  der  Unterbauch- 
gegend, die  divergirend  vom  Nabel  zur  Symphyse  verlaufen.  Die 
Krümmung  des  Kreuz-  und  Steissbeines  ist  sehr  geringe  und  weichen 
beide  sehr  stark  nach  hinten  ab. 

Die  Beschwerden,  über  welche  die  Kranke  klagt,  sind  sehr 
geringe,  ausser  dem  öfter  brennenden  Gefühle  in  Folge  der  Excoriation 
der  Schleimhaut  ist  es  nur  die  Geschwulst  selbst,  die  die  Kranke  im 
Gehen  und  Sitzen  belästigt.  Stuhlbeschwerden  sind  nur  bei  festem 
Stuhle  vorhanden.  Nur  selten  klagt  die  Kranke  über  Leibschmerzen. 


318  Englisch. 

Wenn  wir  nun  das  Vorkommen  dieses  Braches  nach  den  jetzt 
vorliegenden  Mittheilungen  betrachten,  so  geht  im  Allgemeinen  daraus 
hervor,  dass  der  Mastdarmbruch  in  demjenigen  Alter  am  häufigsten 
vorkommt,  in  welchem  der  Mastdarm  Vorfall  zahlreich  gefunden  wurde. 
Die  mitgetheilten  Beobachtungen  betreffen  daher  Kinder  und  ältere 
Leute.  (Baum  1  Jahr,  Ubde  13  Monate,  Brunn  20  Monate, 
Dieffenbach  2  Jahre,  Pockels  6  Jahre,  Boche  46  J.,  Pyl50J., 
Adel  mann  72  Jahre,  ebenso  die  eigene  Beobachtung;  die  Beobach- 
tungen von  Schreger,  Brodie,  Fiedler,  Streubel,  und  auch 
A 1 1  i  n  gh  am  ältere  Individuen  ohne  Angabe  des  Autors.  Wenn  auch  bei 
Allingham  keine  genaue  Altersangabe  gemacht  ist,  so  scheint  aus  der 
Beschreibung  der  Vorfalle  hervorzugehen,  dass  die  Kranken  meist 
ältere  Individuen  gewesen  sind.  Das  häufigere  Auftreten  im  späteren 
Alter  fallt  nach  dem  40.  Lebensjahre.  Da,  wie  wir  sehen  werden, 
die  Vorlagerung  in  eine  Ausstülpung  aller  Häute  des  Mastdarmes 
erfolgt,  so  steht  das  häufige  Vorkommen  des  Mastdarmbruches  bei 
Kindern  mit  der  allgemeinen  Annahme,  dass  bei  Kindern  der  Mast- 
darmvorfall nur  aus  der  Schleimhaut  desselben  gebildet  sei,  im 
Widerspruche;  stimmt  dagegen  mit  dem  Vorkommen  des  Vorfalles 
bei  Kindern  nach  Bökay  überein,  welcher  fand,  dass  von  360 
Fällen  14  auf  das  1.  Lebensjahr,  259  auf  das  2.-3.,  71  auf  das 
4. — 7.  und  16  auf  das  8. — 14.  Lebensjahr  kamen,  denn  nach  dem 
angeführten  Alter  fallen  4  Fälle  auf  das  1. — 2.  Lebensjahr,  und 
ein  Fall  auf  das  6.  Dem  Geschlechte  nach  überwiegt  die  Zahl 
beim  weiblichen  die  beim  männlichen,  denn  von  15  genauer  bezeich- 
neten Fällen  kommen  12  auf  das  weibliche,  3  auf  das  männliche 
Geschlecht.  (Bökay  fand  in  seinen  Fällen  160  Vorfalle  beim  männ- 
lichen, 197  beim  weiblichen  Geschlechte.) 

Die  Ursachen,  welche  der  Entstehung  eines  Mastdarmbruches 
zu  Grunde  liegen,  zerfallen  in  die  disponirenden  und  veranlassenden. 
Die  disponirenden  wieder  in  solche,  welche  die  Theile  des  Beckenaus- 
ganges oder  die  vorgelagerten  Eingeweide  betreffen.  Da  wir  den  Mast- 
darmbruch nur  in  einem  hochgradigen  Mastdarm  vorfalle  finden,  so  fallen 
die  disponirenden  Ursachen  beider  zusammen.  Schreger  suchte  zu- 
nächst die  Möglichkeit  der  Entstehung  durch  eine  abnorme  Beschaffen- 
heit des  Beckens  zu  begründen.  Nach  ihm  sollte  ein  oben  und  unten 
weites  Becken,  bei  geringer  Vorragung  des  Promontoriums  und 
Flachheit  des  Steissbeines  mit  gleichzeitiger  Kichtung  nach  hinten, 


Ueber  den  Mastdarmbruch.  .319 

so  wie  eine  starke  Rückwärtsneigung  des  Beckens  vorzüglich  zur 
Entstehung  des  Mastdarmbruches  Veranlassung  geben.  Wenn  wir 
jedoch  die  mitgetheilten  Fälle  berücksichtigen,  so  wurden  von  den 
späteren  Beobachtern  die  angegebenen  Umstände  nicht  besonders 
hervorgehoben,  ja  im  Gegentheile  von  Pockels  sogar  angeführt, 
dass  das  Becken  auffallend  enge  war.  Wir  müssen  daher  die  Ur- 
sache vorzüglich  in  jenen  Verhältnissen  suchen,  welche  zur  Bildung 
eines  grossen  Mastdarmvorfalles  Veranlassung  geben  können.  Es 
gehört  dahin:  Erschlaffung  der  Muskeln  des  Beckenausganges 
(Diaphragma  pelvis  Langer)  durch  Traumen,  Verschwärungen, 
übermässige  Ausdehnung  des  unteren  Mastdarmtheiles  durch  ange- 
häufte Kothmassen,  durch  Geschwülste  im  kleinen  Becken,  durch 
rasch  aufeinander  folgende  Schwangerschaften,  durch  Entzündungen 
aus  den  verschiedensten  Ursachen,  besonders  soll  dieses  nach  Du- 
chossoy  und  Guersant  bei  Kindern  die  veranlassende  Ursache 
sein.  An  die  Erschlaffung  der  Muskeln  schliesst  sich  die  der  Aponeuru- 
sen  an  (Molliöre,  Desgranges).  In  wie  weit  Peritonitis  zur 
Erschlaffung  beitragen  könne,  ist  noch  nicht  genau  ermittelt,  scheint 
jedoch  immer  auf  seröser  Durchfeuchtung  der  Umgebung  zu  beruhen, 
da  bei  entzündlichen  Vorgängen  in  der  Umgebung  des  Afters  viel- 
mehr dicke  Schwielen  zurückbleiben,  welche  eher  zu  Verengerungen 
des  Mastdarmes  Veranlassung  geben.  Weiteren  Untersuchungen 
muss  die  Annahme  überlassen  bleiben,  dass  eine  Schlaffheit  der 
Darmwand  durch  mangelhafte  Entwickelung  derselben  bedingt  sei, 
wie  es  vielfach  für  die  Vorfälle  der  Kinder  angenommen  wurde. 
Zu  den  seltensten  Vorkommnissen  muss  gewiss  ein  Mastdarmvorfall 
bei  Defecten  der  Harn-  und  Geschlechtsorgane  gehören,  da  mir  bei 
mehr  als  200  zusammengestellten  Fällen  von  solchen  Defecten  nicht 
ein  Fall  aufgestossen  ist.  Zu  den  einflussreichsten  Bedingungen  ge- 
hört eine  wiederholte,  kräftige  Anstrengung  der  Bauchpresse  bei 
starkem  Drängen  zum  Stuhle,  bei  schweren  Geburten,  bei  erschwer- 
tem Harnlassen,  beim  Schreien  und  wird  diese  Schädlichkeit  um 
so  wirksamer  sein,  wenn  gleichzeitig  ein  katarrhalischer  Zustand 
im  unteren  Theile  des  Mastdarmes  besteht.  Ferner  geht  aus  den 
voranstehenden  Beobachtungen  mit  Sicherheit  hervor,  dass  im  spä- 
teren Alter  ein  Vorfall,  beziehungsweise  ein  Mastdarm  bruch  um  so 
leichter  entstehen  kann,  wenn  die  Individuen  in  ihrer  Kindheit  an 
Mastdarmvorfall  gelitten  haben.  Die  Einwirkung  von  Geschwülsten 

M«d.  Jahrbücher.  1882.  21 


320  Englisch. 

dos  Mastdarmes,  insbesondere  gestielten,  sowie  von  stark  ausge- 
dehnten Venen  lässt  sich  nicht  läugnen.  Schlechte  Lebensbedin- 
gungen können  nur  iusoferne  Einfluss  nehmen,  als  sie  in  Folge 
allgemeiner  schlechter  Ernährung  auch  eine  Schlaffheit  in  der  Um- 
gebung des  Mastdarmes  bedingen  und  stimmt  dieses  mit  den  Be- 
obachtungen überein,  dass  die  Mastdarmbrüche  vorzüglich  bei 
schlecht  genährten  Individuen,  sowohl  jungen  als  alten,  vorkommen. 
Was  die  Disposition  von  Seite  der  vorgelagerten  Eingeweide  betrifft, 
so  werden  besonders  übermässig  lange  Bauchfellüberzüge  der  Ein- 
geweide, abnorme  Verwachsungen  mit  dem  Mastdarme  und  abnorme 
Lageruug  des  Dickdarmes  angeführt.  Letzteres  erscheint  nach  den 
Beobachtungen  mehr  die  Wirkung  als  die  Ursache  des  Mastdarm- 
bruchos  zu  sein.  Betrachten  wir  die  Entstehung  des  Mastdarm- 
bruches etwas  genauer,  so  lassen  sich  verschiedene  Arten  der  Ent- 
wicklung unterscheiden.  Es  entwickelt  sich  1.  aus  den  angegebenen 
Ursachen  oin  Mastdarmvorfall,  in  dem  sich  die  Eingeweide  ein- 
lagern; 2.  es  drängt  ein  Eingeweide  so  gegen  eine  Wand  des 
Mastdarmes,  dass  dieser  gegen  seine  Höhle  eingestülpt  wird  oder 
es  erfolgt  3.  eine  plötzliche  Zerreissung  einer  oder  mehrerer  Schichten 
mit  Ausbuchtung  der  übrigen  durch  die  andrängenden  Eingeweide.  Der 
erstoro  Vorgang  ist  ontschioden  der  häufigere.  Es  bildet  sich  zuerst 
ein  Vorfall  der  Schleimhaut,  dieser  zieht  später  die  Muskelschichte 
nach.  Da  nun  der  untere  Theil  des  Mastdarms  durch  die  Muskeln 
und  Aponeurosen  des  Beckonausganges  bis  zur  Ueberschlagstelle  der 
Fascia  polvis  gegen  die  Eingeweide  d.  i.  entsprechend  dem  Processus 
falciformis  eine  stärkere  Befestigung  besitzt,  so  wird  die  Einstülpung 
der  Muskelschichte  an  dieser  Stelle,  die  auch  der  unteren  Grenze 
dor  Bauchfellhöhle  entspricht,  beginnen.  Die  weitere  Vergrösserung 
orfolgt  immer  dadurch,  dass  nur  Theile,  welche  über  dieser  bezeich- 
neten Grenze  liegen,  herabgezogen  werden.  Mit  diesen  Theilen  wird 
aber  auch  das  mit  dem  Mastdarme  inniger  verbundene  Bauchfell 
herabgezogon  und  entwickelt  sich  der  Bruchsack.  In  Berücksichti- 
gung dieser  Verhältnisse,  wird  entsprechend  dem  bezeichneten 
Bauchfellüberzüge  ein  Bruchsack  anfangs  nur  am  vorderen  oder 
seitlichen  Umfange  des  Vorfalles  vorhanden  sein;  bei  stärkerer 
Entwicklung  aber  kann  eine  Bauchfellausstülpung  auch  am  hinteren 
Umfange  erfolgen,  wenn  auch  nicht  von  einer  solchen  Weite,  wie 
an  den  anderen  Seiton,  wie  der  von  mir  früher   mitgetheilte    Fall 


Ueber  den  Mastdannbruch.  321 

ganz  sicher  ergibt,  wo  der  Dünndarm  hinter  dem  Mastdarme  vor- 
gelagert war.  Dass  die  Verschiedenheit  des  Bauchfellüberzuges 
überhaupt  von  Einfluss  ist,  braucht  nicht  weiter  hervorgehoben 
zu  werden.  Gewiss  seltener  wird  ein  Vorfall  durch  das  Andrängen  von 
Eingeweiden  gegen  einen  normalen  Mastdarm  erfolgen,  und  setzt 
dieses  immer  eine  grosse  Nachgiebigkeit  von  Seite  der  Mastdarm- 
wand voraus.  Die  Stelle,  an  welcher  sich  die  Ausstülpung  d.  h.  der 
Bruchsack  bilden  könnte,  ist  eine  verschiedene  und  immer  von  ge- 
ringerer Ausdehnung"  als  in  dem  ersten  Falle.  Es  wird  die  Vor- 
lagerung auch  keine  solche  Grösse  erreichen.  Was  den  3.  Punkt 
anbelangt,  so  liegen  diesbezüglich  keine  genaueren  Untersuchun- 
gen vor,  lässt  sich  aber  das  Zerreissen  einzelner  Schichten  und  Vor- 
stülpung der  übrigen  nicht  von  der  Hand  weisen.  Diejenige  Schichte, 
welche  einer  Zerreissung  am  ehesten  ausgesetzt  ist,  ist  die 
Muskelschichte  und  besteht  dann  die  Hülle  eines  solchen  Mastdarm- 
braches  aus  Bauchfell  und  Schleimhaut  und  dem  dazu  gehörigen 
Zellgewebe. 

Der  Entwicklung  nach  müssen  wir  verschiedene  Arten,  besser 
Grade  des  Mastdarmbruches  unterscheiden  und  kann  die  Gegend 
des  äusseren  Schliessmuskels  als  ein  Unterscheidungspunkt  benützt 
werden.  Ragt  die  Geschwulst  nicht  über  die  Afteröffnung  vor,  son- 
dern liegt  der  Scheitel  derselben  noch  innerhalb  der  Mastdarmhöhle, 
so  kann  man  die  Vorlagerung  als  eine  Hernia  rectalis  interna  be- 
zeichnen; hat  dagegen  der  Scheitel  die  Afteröffnung  schon  über- 
schritten, als  eine  Hernia  rect.  externa.  Zu  ersterer  Art  gehört  der 
eine  Dieffenbach'sche  Fall,  zu  letzterer  die  übrigen.  Hat  die  Aus- 
stülpung des  Bauchfelles  einen  bedeutenden  Grad  erreicht,  so  wer- 
den auch  benachbarte  Organe  herabgezogen.  Es  ist  dies  bei  Männern 
vorzüglich  die  Blase,  bei  Weibern  die  Scheide,  wie  dieses  auch  in 
unserer  Beobachtung  der  Fall  war,  der  Uterus,  das  Ovarium. 

Bei  der  anatomischen  Untersuchung  von  der  Bauchhöhle  aus 
werden  wir  daher  in  den  leichteren  Fällen  in  der  Umgebung  des 
Mastdarmes  eine  hufeisen-  oder  kreisförmige  Binne,  Furche  oder 
Tasche  finden,  wenn  die  Ausstülpung  gleichmässig  im  ganzen  Um- 
fange des  Mastdarmes  erfolgt;  im  entgegengesetzten  Falle  eine 
umschriebene  Grube  oder  ein  Loch.  Demgemäss  wird  auch  die 
Mündung  des  Bruchsackes  sein  und  im  ersten  Falle  dieselbe  Ge- 
stalt haben,  im  letzteren  dagegen  ein  seitlicher,  vorderer  Spalt  in 

21* 


322  Englisch. 

einem  Falle  21/*"  lang  vom  Sitzknorren   bis   zum  Steissbeine.   Die 
Tiefe  des  Bruchsackes  ist  nach   dem  Grade   der  Entwicklung   ver- 
schieden, bei  Schregor  4".  Je  tiefer  der  Bruchsack,  um  so  weniger 
lässt  er  sich  durch  Zug  am  Mastdarme  ausgleichen.  Es  wurde  die 
Frage  aufgeworfen,  von  welchem  Theile  des  Bauchfelles  der  Bruch- 
sack gebildet  worden.  Zum  grössten  Theile  sicher  durch  den  Bauch- 
felltiberzug  des  Mastdarmes,   wie   schon  Seh  reger   angenommen 
hatte,  da  die  Umschlagstelle  zu  fest  mit  der  unterliegenden  Fascia 
pelvis  verbunden  ist,  so  dass  sie  nur  in   geringem  Grade  verzogen 
werden  kann,    während  der  Bauchfellüberzug   des  Mastdarmes  mit 
dessen  Häuten  tiefer  sinkt.    Wir   sehen  daher,   dass  Theile,  deren 
Bauchfellüberzug  fester  haftet,  leichter   mit   nach   aussen    gezogen 
werden,   wie   z.  B.   die  hintere  Wand   des  Scheidengewölbes.   Die 
Darstellung  der  Schichten  ist  eine  sehr  einfache.   Dieselbe  besteht 
entweder  aus  allen  Schichten  des  Mastdarmes  inbegriffen  das  Bauch- 
fell oder  aber  wie   bei   der  3.  Art   aus  Bauchfell,  Zellgewebe,  den 
noch  erhaltenen  Schichten  des  Mastdarmes  und  dessen  Schleimhaut. 

Der  Inhalt  des  Mastdarmbruches  ist  zumeist  der  Dünndarm, 
doch  wurde  auch  der  Eierstock  in  der  Vorlagerung  gefunden 
(Pockels,  Stockes),  ebenso  der  Uterus  (Brunn). 

Die  übrigen  Eingeweide  erleiden  entweder  gar  keine  Lagever- 
änderung  (bei  sehr  langen  Bauchfellfalten),  meist  ist  jedoch  der 
Dickdarm  verschoben,  so  dass  das  Colon  transversum  schief  von  oben 
rechts  nach  links  unten  zieht  und  die  Curvatura  sin.  auf  dem  Darm- 
bointeller  zu  liegen  kommt.  Mittelbar  werden  auch  die  übrigen 
Eingeweide  verschoben,  was  sich  in  unserem  Falle  durch  die  eigen- 
thümliche  Faltung  der  vorderen  Bauchwand  kund  gab.  Die  Ver- 
schiebung der  übrigen  Eingeweide  ist  nur  eine  vorübergehende, 
wenn  die  Vorlagerung  nicht  mit  dem  Bruchsacke  verwachsen  ist 
(Seh reger).  Die  weiteren  Veränderungen  der  Eingeweide  unter- 
scheiden sich  nicht  von  denen  bei  andersartigen  Vorlagerungen. 
Mannigfache  Veränderungen  erleidet  die  durch  den  Vorfall  der  Luft 
ausgesetzte  Mastdarmschleimhaut,  wie  bei  der  Symptomatologie 
genauer  angegeben  werden  wird. 

Bei  der  Betrachtung  der  Symptome  muss  man  die  beiden 
oben  bezeichneten  Formen  auseinanderhalten.  So  lange  die  Geschwulst 
die  Afteröffnung  noch  nicht  überschritten  hat,  bestehen  die  Erschei- 
nungen vorzüglich  in    dem  Keize,    welchen    die   in    der  Höhle    des 


Ueber  den  Mastdarmbruch.  323 

Mastdarmes  liegende  Geschwulst  auf  diesen  ausübt  und  in  den 
Stuhlbeschwerden,  wie  sie  auch  von  anderen  Geschwülsten  hervor- 
gerufen werden  und  am  meisten  Aehnlichkeit  mit  jenen  haben, 
welche  grossen  Hämorrhoidalknoten  oder  Polypen  entsprechen.  Der 
untersuchende  Finger  findet  an  einer  Stelle  der  Mastdarmwand 
eine  verschieden  gestielte,  im  geringen  Grade  bewegliche  Geschwulst, 
welche  von  mehr  oder  weniger  normaler  Schleimhaut  bekleidet  ist, 
durch  Druck  verkleinert  werden  kann.  Untersucht  man  den  Stiel, 
so  geht  derselbe  nicht  allmälig  in  die  umgebende  Schleimhaut 
über,  sondern  lässt  sich  in  die  Tiefe  verfolgen,  umgeben  von  einem 
scharfen  Rande,  welcher  der  Bruchpforte  entspricht.  Diese  Oeffnung 
wird  sich  um  so  leichter  fühlen  lassen,  je  tiefer  dieselbe  liegt.  Bei 
stärkerem  Drängen  kann  die  Geschwulst  zeitweilig  vorfallen,  tritt 
jedoch  bald  wieder  zurück.  Die  Erscheinungen  ausser  dem  Verhal- 
ten der  Bruchpforte  und  der  möglichen  Verkleinerung  der  Ge- 
schwulst durch  Druck  bieten  aber  nichts  Specifisches  und  wird 
ein  innerer  Mastdarmbruch  selten  erkannt,  da  eine  genauere 
Untersuchung  daraufhin  in  der  Regel  unterbleibt. 

Auffallender  sind  die  Erscheinungen,  wenn  die  sich  allmälig 
vergrössernde  Geschwulst  grösstenteils  vor  der  Afteröffnung  ge- 
lagert bleibt.  Die  Geschwulst  ist  entweder  rundlich,  kolbig  oder 
birnformig,  wenn  sie  noch  keinen  sehr  hohen  Grad  erreicht  hat 
und  der  After  noch  nicht  ausgedehnt  ist  oder  aber  mehr  oder 
weniger  cylindrisch,  in  seltenen  Fällen  gewunden  oder  aus  mehreren 
Wülsten  bestehend  (Uhde).  Die  Grösse  ist  sehr  verschieden,  faust- 
gross  (Schreger).  Die  Ausbreitimg  bezüglich  der  Medianebene  ist 
selten  eine  symmetrische,  meist  erscheint  die  eine  oder  andere  Seite 
stärker  gewölbt,  breiter  und  kann  selbst  der  untere  Theil  der  Ge- 
schwulst nach  einer  Seite  geneigt  sein.  Die  Oberfläche  ist  eine 
gleichmässige  oder  ungleichmässigo,  was  theils  von  der  Art  der 
eingelagerten  Darmschlinge  oder  deren  Füllungszustand  abhängt. 
Ist  nur  eine  Darmschlinge  vorgelagert,  so  ist  die  Oberfläche  mehr 
gleichmässig,  während,  wenn  mehrere  Schlingen  vorliegen,  dieselben 
sich  bei  der  dünnen  Beschaffenheit  der  Hüllen  deutlich  abzeichnen 
und  die  Oberfläche  wulstig  wird.  Die  Schleimhaut  ist  geröthet, 
anfangs  noch  feucht,  bei  längerer  Vorlagerung  mehr  trocken.  Die 
Follikel  sind  deutlich  sichtbar,  die  Venen  entsprechend  der  Dauer  der 
Vorlagerung    ausgedehnt.     Nicht   selten    entwickelt    sich    an   der 


324  Englisch. 

abhängigsten  Stelle  ein  Oedem  der  Schleimhaut.  Die  Falten  sind 
meist  vollständig  ausgeglichen.  Eine  Veränderung  der  Gestalt  und 
Oberfläche  erfolgt  mit  der  Zunahme  der  Geschwulst  und  bildet  der 
Wulst  bei  Ausbuchtung  des  Bauchfelles  in  der  ganzen  Umgebung 
des  Mastdarmes  nicht  selten  ein  Hufeisen,  vorne  in  der  Mitte  am 
stärksten  vorragend,  nach  den  Seiten  gegen  das  Steissbein  hin  an 
Höhe  und  Breite  abnehmend.  Ist  nur  eine  Schlinge  vorgelagert,  so 
wird  die  gewöhnlich  leicht  gefaltete  Schleimhaut  um  so  glatter  je 
mehr  die  vorliegende  Schlinge  ausgedehnt  wird.  Umgekehrt  machen 
bei  Vorlagerung  mehrerer  Schlingen  die  niedrigen  Palten  deutlichen 
Wülsten  Platz,  je  mehr  sich  Darm  einlagert.  Die  Spannung  der 
Geschwulst  nimmt  mit  der  Vergrösserung  gleichmässig  zu.  Die 
Consistenz  hängt  von  der  Beschaffenheit  der  Vorlagerung  ab.  Je 
praller  der  Darm  gespannt  ist,  um  so  derber  die  Consistenz.  Liegen 
mehrere  Schlingen  vor,  so  ist  entsprechend  der  ungleichmässigen 
Oberfläche  auch  die  Consistenz  eine  verschiedene  und  bei  starker 
Zusammenziehung  lassen  sich  die  harten  Wülste  des  Darmes  in 
ihrer  wechselnden  Lage  deutlich  durchfahlen  oder  lässt  sich  die 
peristaltische  Bewegung  der  Gedärme,  wie  in  unserem  Falle  deut- 
lich wahrnehmen.  Eine  wesentliche  Veränderung  der  Oberfläche 
und  Consistenz  tritt  aber  durch  die  verschiedenen  Reizungszustände 
der  Schleimhaut  und  der  übrigen  Schichten  des  Mastdarms  ein. 
Die  Schleimhaut  kann  alle  entzündlichen  Veränderungen  bis  zur 
Gangrän  zeigen  mit  Vermehrung  der  Absonderung  und  dem  Auf- 
treten reichlicher  Ecchymosen.  Die  Hüllen  und  der  Inhalt  der  Ver- 
lagerung werden  verdickt  und  starr.  Nicht  selten  bedeckt  sich 
die  Oberfläche  mit  Exsudatmembranen  oder  zeigt  sogar  verschie- 
den grosse  Substanzverluste.  Die  Spannung  der  Geschwulst  nimmt 
wie  bei  jeder  Darmvorlagerung  beim  Husten  oder  Pressen  zu. 

Der  After  ist  in  allen  Fällen  erweitert,  die  Bänder  schlaff 
und  zwar  um  so  mehr,  je  grösser  die  Geschwulst  oder  je  länger 
die  Dauer  der  Vorlagerung  ist.  Der  Uebergang  der  Geschwulst  in 
die  Umgebung  zeigt  mannigfache  Verschiedenheiten.  Ist  die  Ge- 
schwulst klein,  so  kann  der  Finger  dieselbe  in  der  Afteröffnung 
umkreisen.  Je  tiefer  sie  aber  herabreicht  und  je  mehr  sie  vom 
Umfange  des  Mastdarmes  umfasst,  um  so  weniger  kann  der  Fin- 
ger in  den  Mastdarm  eindringen  und  erfolgt  der  Uebergang  nur 
durch  eine  seichte  Furche,  die  endlich   vollständig   schwindet    und 


Ueber  den  Mastdarmbrnch.  325 

der  Schleimhautüberzug  der  Vorlagerung  direct  in  die  umgebende 
Haut  übergebt,  wobei  der  After  durch  einen  verschieden  breiten 
bläulich-rothen  Ring  angedeutet  wird.  Ist  die  Geschwulst  im  unteren 
Theile  auffallend  breit,  so  kann  die  Uebergangsstelle  durch  dieselbe 
verdeckt  sein  und  wird  erst  nach  seitlichem  Abziehen  der  Geschwulst 
sichtbar. 

Ist  der  Mastdarm  im  ganzen  Umfange  ausgestülpt,  so  hat 
die  Oeffhung,  welche  in  den  Darm  führt,  eine  verschiedene  Lage. 
Im  allgemeinen  hängt  sie  von  der  Entwicklung  der  Geschwulst 
ab.  Dieselbe  findet  sich  entweder  an  dem  höchsten  Punkte  der 
Vorlagerung  oder  mehr  seitlich.  Im  ersten  Falle  kann  sie  gerade 
nach  abwärts  oder  bei  nicht  vollkommen  gleichmässiger  Ausstül- 
pung nach  hinten  sehen,  was  dadurch  erklärt  wurde,  dass  die  Aus- 
stülpung an  der  Seite  gegen  das  Steissbein  nie  in  demselben  Grade 
erfolgt,  wie  vorne  oder  seitlich.  Die  Lage  ist  aber  auch  veränder- 
lich nach  der  Grösse  der  Vorlagerung.  Liegt  sie  im  massig  ausge- 
dehnten Zustande  der  Vorlagerung  in  der  Mitte,  auf  der  grössten 
Vorwölbung,  so  rückt  sie  bei  der  Vergrösserung  der  Geschwulst 
mehr  nach  hinten,  um  mit  der  Reposition  der  Eingeweide  wieder 
in  ihre  normale  Lage  zurückzukehren,  worin  AI lingham  ein  wich- 
tiges Zeichen  für  das  Vorhandensein  eines  Bruchsackes  findet. 

Der  Schall  ist  bei  Darmvorlagerung  in  der  ganzen  Ausdeh- 
nung tympanitisch. 

Führt  man  einen  Finger  in  den  Mastdarm,  während  der 
andere  auf  der  äusseren  Fläche  der  Geschwulst  liegt,  so  fühlt  man 
deutlich  den  Abstand  des  äusseren  Rohres  vom  inneren,  welcher 
Abstand  sich  durch  Druck  mit  der  meist  unter  Gurren  (Schreger) 
abnehmenden  Grösse  der  Darmschlingen  verkleinern  lässt,  so  zwar, 
dass  zuletzt  nur  die  Wände  des  Mastdarmes  und  der  Bruchsack 
vorgelagert  bleiben.  Umgekehrt  tritt  eine  Vermehrung  des  Abstandes 
durch  Pressen,  durch  aufrechte  Stellung  ein.  Die  Abnahme  der 
Grösse  und  die  vollständige  Reposition  erfolgt  durch  Druck  odor 
durch  Uebergang  in  die  horizontale  Lage  um  so  leichter,  je  kürzer 
die  Vorlagerung  besteht,  je  freier  die  Eingeweide  sind  und  je  weni- 
niger  in  diesen  entzündliche  Veränderungen  Statt  gehabt  haben. 

Geräusche  werden  in  der  Geschwulst  ausser  bei  den  Reposi- 
tionsversuchen,  meist  mit  den  Darmbewegungen  wahrgenommen. 


320  Englisch. 

Weitere  Erscheinungen  beziehen  sich  auf  die  Form-  und 
Lageveränderungen  benachbarter  Organe,  von  denen  die  der  Scheide 
ara  bekanntesten  sind.  Aber  auch  die  Gestaltung  des  Bauches  erleidet 
mannigfache  Veränderungen.  In  demselben  Verhältnisse  als  die  Ver- 
lagerung sich  vergrößert,  sinkt  der  Nabel  tiefer  und  wird  einge- 
zogen, so  dass  die  vordere  Bauchwand  in  ihrem  unteren  Theüe 
zahlreiche  radiäre  Falten  zeigt,  während  im  oberen  Theile  die  Falten 
mehr  parallel  dem  Rippenbogen  verlaufen. 

Die  functiouellen  Störungen  von  Seite  des  Mastdarmes  sind 
neben  einem  lästigen,  andauernden  Stuhldrange  in  der  Mehrzahl  der 
Fälle  ein  unwillkürlicher  Abgang  von  Roth,  in  seltenen  Fällen 
Stuhlverhaltung.  Der  unwillkürliche  Abgang  ist  in  der  Erschlaffung 
des  Schliessmuskels  des  Afters  begründet  und  wird  noch  dadurch 
unterstützt,  dass  die  Schleim hautabsonderung  besonders  im  höher 
gelegenen  Theile  des  Mastdarmes  vermehrt  ist.  Es  entleert  sich  der 
Koth  schon  beim  lekesten  Drange.  In  unserem  Falle  war  der  un- 
willkürliche Abgang  reichlicher,  wenn  die  Vorlagerung  ausserhalb  des 
Afters  lag.  War  dieselbe  zurückgeschoben,  so  konnte  die  Kranke 
das  Eothlassen  zurückhalten.  Die  Stuhlverhaltung  hat  wohl  mehr 
iu  der  Störung  der  Fortbewegung  des  Darminhaltes  in  den  vorge- 
lagerten Schlingen  ihren  Grund  als  in  einer  Behinderung  durch 
die  im  Mastdarm  befindliche  Geschwulst,  welche  wohl  erschwerte 
Stuhlentleerung  nicht  aber  Stuhlverstopfung  bedingeu  möchte.  Nur 
selten  treten  andere  Störungen  von  Seite  der  Verdauungsorgane 
ein  und  klagte  unsere  Kranke  nur  dann  über  ein  Unbehagen,  ein 
Ziehen  in  der  Magengegend,  mit  Aufstossen  und  selbst  über  Ueblich- 
keiten,  wenn  die  Vorlagerung  lange  Zeit  nicht  zurückgeschoben 
wurde.  Functionelle  Störungen  benachbarter  Organe  dürften  nur  in 
der  Blase  durch  Verschiebung  derselben,  seltener  durch  Druck  der 
vorgelagerten  Eingeweide  bedingt  sein.  Liegt  ein  Eierstock  vor,  so 
können  sich  in  demselben  die  Erscheinungen  der  Menstruation 
wie  bei  den  übrigen  Ovarialbrüchen  bemerkbar  machen,  obwohl 
diesbezüglich  keine  besonderen  Angaben  vorliegen. 

Schmerzen  fühlen  die  Kranken  bei  freien,  nicht  entzündeten 
Mastdarmbrüchen  keine. 

Ist  die  Vorlagerung  hochgradig,  so  sind  die  Kranken  theils 
durch  die  Geschwuls,  theils  durch  den  unwillkürlichen  Kothabgang, 
tlieils  durch  in  Folge  der  Keibuug  beim  Gehen  auftretende  entzünd- 


Ueber  den  Mastdarmbruch.  327 

liehe  Erschein  ungen   im  Gehen  gehindert  und   meist   an  das  Bett 
gebunden. 

Die  Differenzialdiagnose  wird  sich  hauptsächlich  auf  Vorfall 
von  Hämorrhoidalknoten,  Vorfall  von  Schleimhaut,  Vorfall  des 
ganzen  Mastdarms  oder  selbst  noch  höher  gelegenen  Theile  und 
Zerreissung  des  Mastdarmes  und  Vorfall  der  Gedärme  beschränken, 
da  Polypen  oder  andere  gestielte  Geschwülste  nicht  leicht  zu  Ver- 
wechslungen Veranlassung  geben  werden.  Venenknoten  unterschei- 
den sich  meist  schon  durch  ihr  bläuliches  Ansehen,  ihre  breite 
Basis,  mit  der  sie  der  Schleimhaut  aufsitzen,  ihnen  fehlt  aber 
sicher  der  Abstand  der  Wände  der  Geschwulst,  die  Zusammeu- 
drückbarkeit  und  Verkleinerung  mit  Gurren  u.  s.  w.,  so  wie  man 
nicht  leicht  eine  der  Erscheinungen  finden  wird,  welche  sich  auf 
die  angegebene  Veränderung  der  Geschwulst  bezieht.  Ein  Gleiches 
gilt  von  dem  Vorfalle  der  blossen  Schleimhaut.  Es  wird  dabei 
immer  der  King  fehlen,  durch  welchen  sich  die  Geschwulst  als 
Stiel  in  die  Beckenhöhle  fortsetzt.  Schwieriger  kann  die  Diagnose 
bei  einem  Vorfalle  des  ganzen  Mastdarmes  und  eines  Theils  des 
Colon  descendens  werden.  In  diesen  Fällen  bietet  die  Geschwulst 
das  gleiche  Ansehen,  wie  bei  dem  Mastdarmbruche,  wenn  dessen 
vorgelagerte  Eingeweide  zurückgeschoben  sind.  Ein  Unterscheidungs- 
merkmal könnte  darin  gefunden  werden,  dass  beim  blossen  Vor- 
falle  des  Mastdarmes  der  umschliessende  und  umschlossene  Theil 
enge  aneinander  liegen,  während  sie  beim  Mastdarmbruche  wegen 
ihrer  Schlaffheit  immer  eine  grössere  Verschiebbarkeit  gegen  einan- 
der besitzen  werden.  Die  Anstrengungen  der  Bauchpresse  werden 
auf  eine  blosse  Umstülpung  des  Mastdarmes  weniger  Einfluss  haben, 
indem  sie  zwar  die  Geschwulst  in  ihrem  Längendurchmesser  vor- 
grössern  können,  nicht  aber  jene  eigenthümliche  Veränderung  der 
Gestalt  und  Spannung  der  Geschwulst  hervorrufen,  welche  durch 
den  Eintritt  der  Gedärme  in  die  Ausstülpung  bedingt  ist  und  die 
Geschwulst  mehr  birnförmig  gestaltet  macht.  Auch  die  ungleich- 
massige  Veränderung  der  Geschwulst  unterscheidet  sie  von  dem 
reinen  Mastdarmvorfalle.  Weiters  werden  der  Abstand  der  Wände, 
die  Percussion,  die  Erscheinungen,  die  bei  Druck  auf  die  Geschwulst 
auftreten,  so  wie  der  Mangel  der  Bruchpforte  nach  der  Eeposition 
wichtige  Unterscheidungsmerkmale  geben.  Die  Zerreissung  des 
Mastdarmes  mit  Vorfall  von  Gedärmen  zeigt,  wie  wir  weiter  unten 


328  Englisch. 

sehen  werden,  so  auffallende  Erscheinungen,  dass  sich  die  Diagnose 
leicht  stellen  lässt. 

Die  Veränderungen,  welche  im  Verlaufe  der  Krankheit  ein- 
treten können,  beziehen  sich  auf  die  Veränderung  der  Schichten 
durch  chronische  oder  acute  Entzündung,  auf  Zerreissung  des  die 
Hüllen  des  Bruches  bildenden  Mastdarmes  und  auf  die  Einklem- 
mung. 

Die  häufigsten  Veränderungen  werden  durch  den  Beiz,  wel- 
chen die  Luft  auf  die  Vorlagerung  ausübt  und  durch  die  Umschnü- 
rung durch  den  Schliessmuskel  des  Afters  sowie  durch  die  Bruch- 
pforte  bedingt.  Ersteres  hat  Verlust  des  glänzenden,  sammtartigen 
Ansehens  zur  Folge,  letzteres  eine  vermehrte  röthliche  Färbung 
und  chronisches  Oedem  mit  Verdickung  der  Schleimhaut,  in  gerin- 
gerem Grade  auch  der  übrigen  Schichten.  Tritt  die  fetauung  in  den 
Gelassen  rasch  ein,  z.  B.  bei  stärkerer  Anwendung  der  Bauchpresse, 
so  kann  es  zur  Zerreissung  kleinerer  Gefässe  und  zu  Ecchymosen 
kommen,  wodurch  die  Oberfläche  ein  eigenthümliches,  gesprenkeltes 
Ansehen  erhält.  Nur  bei  sehr  langem  Bestände  oder  Reibung  der 
Schleimhaut  kommt  es  zu  umschriebenen  Abschürfungen  derselben. 
Nur  in  seltenen  Fällen  wird  es  in  Folge  der  chronischen  Stauung 
zur  Verwachsung  der  Hüllen  mit  den  vorgelagerten  Eingeweiden 
kommen. 

Die  acute  Entzündung  tritt  am  häufigsten  in  Folge  von  me- 
chanischen Heizen  auf  die  Geschwulst  ein,  nur  seltener  durch 
andere  dynamische.  Zu  ersteren  gehören  die  Beibung  dos  Sackes 
an  den  Kleidungsstücken,  Reiten,  Stoss  beim  Niedersetzen,  Quet- 
schung beim  Sitzen  (Uhde)  u.  s.  w. ;  zu  letzteren  Erkältung,  vor- 
züglich Stehen  im  Nassen  (Seh reger).  Ebenso  werden  alle  Schäd- 
lichkeiten, welche  eine  Staung  des  Blutes  in  den  Venen  des  Mast- 
darmes, eine  Reizung  der  Schleimhaut  höher  oben  oder  eine  ent- 
zündliche Affection  des  Bauchfelles  und  der  vorgelagerten  Theile 
verursachen,  zur  Entzündung  sämmtlicher  Bestandtheile  des  Mast- 
darmbruches führen  können.  Eingeleitet  wird  die  Entzündung  manch- 
mal durch  Schüttelfrost,  der  sich  selbst  wiederholen  kann  (Schreger). 
Die  nächsten  Erscheinungen  beziehen  sich  auf  die  Geschwulst.  Die- 
selbe wird  durch  Schwellung  der  Schleimhaut  des  Mastdarmes  und 
dessen  übrigen  Hüllen  vergrössert,  so  wie  dieselbe  an  Consistenz 
zunimmt.  Insbesonders  ist  die  Grössenzunahme  auffallend,  wenn  die 


Ueber  den  Mastdarmbrnch.  329 

eingelagerten  Theile  erkrankt  sind,  was  theilweise  auf  der  über- 
mässigen Füllung  der  Gedärme  durch  Gas  und  Koth  in  Folge  einer 
Lähmung  der  Darmmuskeln  beruht.  Bezüglich  der  Spannung  hebt 
Scbreger  hervor,  dass  dieselbe  mit  dem  Eintritte  der  Gangrän 
abnimmt,  ein  Verhalten,  wie  wir  es  auch  an  anderen  Vorlagerungen 
finden.  Die  Zunahme  der  Consistenz  wurde  besonders  beobachtet, 
wenn  es  zu  Verwachsungen  der  Vorlagerung  mit  den  Hüllen  ge- 
kommen ist.  Die  bedeckende  Schleimhaut  erscheint  geröthet,  dunkel* 
roth  bis  braunroth,  stellenweise  mit  dunkelbraunen  Flecken  ver- 
sehen, wenn  es  zur  Ecchymosirung  gekommen  ist.  Die  Lockerung 
ist  um  so  auffallender,  je  weniger  verändert  die  Schleimhaut  ist,  im 
entgegengesetzten  Falle  wird  dieselbe  und  die  übrigen  Hüllen 
brüchig  und  zerreisslicher.  Die  Absonderung  ist  nicht  immer  auf- 
fallend vermehrt,  es  kann  sogar  die  Oberfläche  der  Geschwulst 
mehr  trocken  erscheinen.  Im  allgemeinen  ist  die  Absonderung 
schleimig,  schleimig-eitrig  und  in  Folge  der  Beimengung  ergosse- 
nen Blutes  bräunlich.  Durch  die  in  Folge  der  Infiltration  der  ein- 
zelnen Schichten  bedingte  Starrheit  verliert  die  Vorlagerung  an 
Elasticität  und  fällt,  selbst  wenn  die  Eingeweide  reponirt  sind, 
nicht  zusammen,  sondern  bleibt  als  starre  Masse  vor  dem  After 
gelagert  und  lässt  sich  schwer  zurückbringen.  Die  Schmerzhaftig- 
keit  der  Geschwulst  ist  bedeutend  erhöht,  nicht  nur  in  der  Vorla- 
gerung selbst,  sondern  auch  in  der  Umgebung  und  selbst  über  den 
ganzen  Bauch.  Auch  beim  Schmerze  zeigt  sich  ein  ähnlichos  Ver- 
hältniss,  wie  bei  der  Spannung  und  wurde  der  Nachlass  überhaupt, 
oder  an  einer  bestimmten  Stelle  als  Zeichen  der  Gangrän  angesehen 
(Schreger),  wenn  nicht  auch  die  begleitenden  Erscheinungen  oinen 
Nachlass  wahrnehmen  Hessen.  In  demselben  Verhältnisse  als  sich 
die  Entzündungserscheinungen  ausbreiten,  treten  auch  die  Erschei- 
nungen der  gehemmten  Darmbewegung  und  der  Bauchfellent- 
zündung auf.  Der  Bauch  wird  aufgetrieben,  schmerzhaft.  Die  Kran- 
ken leiden  an  fortwährendem  Stuhldrange,  verbunden  mit  heftigen 
Koliken  und  Ausstrahlung  der  Schmerzen  nach  den  Geschlechts- 
teilen, der  Blase,  was  im  letzteren  Falle  den  nicht  selten  bedeu- 
tenden Harndrang  erklärt,  der  selbst  noch  andauert,  wenn  eine 
grosse  Menge  Harn  entleert  wurde.  Eine  fast  constant  begleitende 
Erscheinung  ist  die  fortwährende  und  für  den  Kranken  höchst 
lästige   Zusammenziehung   des   Afterschliessmuskels,    wodurch    die 


330  Englisch. 

Blutstauung  in  dem  ausgestülpten  Theile  des  Mastdarmes  noch  ver- 
mehrt wird.  Aufstossen,  Brechneigung,  selbst  Erbrechen  wurden  be- 
obachtet, so  dass  sogar  manchmal  eine  Einklemmung  vorgetäuscht 
werden  kann ;  sowie  es  keinem  Zweifel  unterliegt,  dass  sich  eine 
Entzündung  zur  Einklemmung  steigern  kann.  Ist  die  Entzündung 
umschrieben,  so  kommt  es  zur  Bildung  von  kleinen  Geschwüren. 
Hat  dieselbe  jedoch  eine  grössere  Ausdehnung  erreicht,  so  kann 
selbst  ein  Absterben  eines  grösseren  Stückes  der  Schleimhaut  erfol- 
gen. Sind  die  eingelagerten  Theile  ebenfalls  entzündet,  so  kommt 
es  zur  Verwachsung  mit  den  Hüllen  und  selbst  zum  Durchbruche 
nach  aussen  mit  Bildung  einer  Eothfistel,  wie  dies  Schreger  am 
8.  Tage  nach  Beginn  der  Erscheinungen  beobachtete.  Liegt  die  Durch- 
bruchsstelle ausserhalb  des  Afters,  so  unterliegt  die  Diagnose 
keinem  Zweifel;  im  entgegengesetzten  Falle  kann  die  Oeffhung  dem 
Auge  nicht  sichtbar  sein  und  wird  man  in  solchen  Fällen  den 
Austritt  von  Darminhalt  von  dem  unwillkürlichen  Kothabgange  bei 
Lähmung  der  Darmmuskeln  unterscheiden  müssen,  was  sich  theil- 
weise  aus  der  Untersuchung  des  Darmes  mit  den  Fingern,  theil- 
weise  aus  dem  Herabziehen  des  Darmes  ergibt,  wodurch  die  Oeff- 
nung  bei  gehöriger  Vorsicht  deutlich  gemacht  werden  kann,  in  dem 
dieselbe  selten  sehr  hoch  liegt.  Wenn  auch  keine  directen  Beob- 
achtungen vorliegen,  so  lässt  es  sich  doch  leicht  begreifen,  dass 
selbst  ausgebreitete  Störungen  in  Folge  der  Gangrän  auftreten 
können. 

Zu  den  nicht  minder  unangenehmen  Zuständen,  welche  in 
Folge  der  Entzündung  eintreten  können,  gehört  die  Fixirung  des 
Vorfalles  des  Mastdarmes,  so  dass  er  nicht  mehr  zurückgebracht 
werden  kann. 

Eine  Erscheinung,  welche  bis  jetzt  immer  nur  sehr  kurz  ab- 
gehandelt wurde,  ist  dio  Zerreissung  der  Bruchhüllen  mit  Vorfall 
der  eingelagerten  Eingeweide.  Die  Ursache  liegt  darin,  dass  die 
Lehre  von  dem  Mastdarmbruche  überhaupt  weniger  bekannt  ist,  daher 
die  Diagnose,  wie  schon  angeführt  wurde,  nicht  nur  seltener  gemacht 
wird,  sondern  im  Gegentheile  manche  Fälle  von  Mastdarmbruch 
unter  der  Bezeichnung  eines  aussergewöhulich  grossen  Mastdarm- 
Vorfalles  beschrieben  werden.  Wenn  man  jedoch  die  Verhältnisse 
etwas  genauer  ins  Auge  fasst,  so  ergibt  sich  für  manche  Beobach- 
tungen  von  spontaner  Zerreissung  des   Mastdarmes  mehr  als   ein 


Ueber  den  Mastdarmbruch.  331 

Grund  zur  Annahme,  dass  man  es  mit  einem  Mastdarmbruche  und 
nicht  mit  einem  blossen  Vorfalle  zu  thun  hatte.  Ich  rechne  dahin 
die  Fälle  von  Brodie,  Adelmann,  Pyl,  Roche-Böekel  und 
selbst  den  Fall  aus  der  Kichelt-Elinik,  von  Quenu  beschrieben, 
ist  nicht  ganz  auszuschliessen.  In  allen  Beobachtungen  wird  ange- 
führt, dass  die  Kranken  seit  langer  Zeit  an  einem  Mastdarmvorfalle 
gelitten  hatten,  ferner  bemerkt,  dass  die  Ursache,  wodurch  die 
Zerreissung  des  Mastdarmes  hervorgerufen  wurde,  eine  verhältniss- 
mässig  geringfügige  gewesen  sei.  Adelmann  selbst  bezeichnet 
seinen  Fall  als  einen  Mastdarmbruch  und  nimmt  dieselbe  Diagnose 
für  den  Pyl' sehen  Fall  an,  indem  er  die  Lageveränderung  des 
Dünndarmes  und  die  Verticalstellung  des  Magens  als  angeboren 
oder  durch  eine  lang  andauernde  Zerrung  in  Folge  der  Darm- 
verlängerung entstanden  erklärt.  Es  kann  hinzugefügt  werden,  dass 
selbst  die  Annahme  der  angeborenen  Anomalie  nicht  gegen  einen 
Bruch  spricht,  indem  wir  wissen,  dass  gerade  diese  angeborenen 
Lageveränderungen  der  Eingeweide  zur  Entstehung  der  Eingewßide- 
brüche  disponiren.  Doch  auch  für  die  Fälle  von  Brodie  und 
Koch  6  werden  sich  aus  den  folgenden  Beobachtungen  wichtige 
Anhaltspunkte  ergeben.  Vergleicht  man  forner  wie  gross  die  Gowalt 
ist,  welche  unter  Umständen  eine  Zerreissung  der  Darmwand 
hervorbringt,  als  Durchtreten  fester  Kothmassen,  schwere  Geburten, 
sowie  dass  die  Versuche,  welche  Quänu  zu  diesem  Zwecke  ange- 
stellt hat,  indem  er  die  äussere  Oeffnung  vernähte  und  Wasser  von 
obenher  in  den  Mastdarm  eintrieb  (50—60  Ctm.  Quecksilberdruck), 
ohne  Erfolg  waren,  so  spricht  dieses  dafür,  dass  die  Zerreissung 
durch  die  Verdünnung  und  Infiltration  der  Wand  des  Mastdarm- 
Vorfalles  vorbereitet  und  durch  ein  übermässiges  Anprallen  oder 
eine  rasche  Ausdehnung  der  Gedärme  bedingt  ist.  Denn  der  Druck, 
den  die  Kranken  beim  Zurückbringen  ausübten,  reicht  allein  nicht 
hin,  den  Darm  zu  zerreissen. 

Die  von  Ashton  angenommene  Eintheilung  in  complete  und 
incomplete  Zerreissungen,  je  nachdem  alle  oder  nur  einzolne 
Schichten  des  Mastdarmes  zerrissen  sind,  findet  in  unserem  Falle 
keine  Anwendung,  indem  nur  jene  Fälle  in  Betracht  gezogen  werden 
können,  wo  alle  Schichten  durchtrennt  sind  und  die  Gedärme  mit 
ihrem  serösen  Ueberzuge  biosliegen.  Wenn  Qu£nu  das  Vorkommen 
der  Zerreissungen  bei  Weibern  besonders  hervorhebt,  so  hängt  dies 


832  Englisch. 

damit  zusammen,  dass  Mastdarmvorfälle  sehr  hohen  Grades  vor- 
zuglich bei  Weibern  vorzukommen  pflegen,  wie  dies  aus  den  voran- 
stehenden Mittheilungen  zu  ersehen  ist.  Dass  aber  auch  noch  andere 
Bedingungen  für  das  Zustandekommen  von  Zerreissungen  des  Mast- 
darmes bei  Frauen  vorkommen,  beweist,  dass  auch  jene  spontanen 
Zerreissungen,  welche  ohne  Mastdarmvorfall  beobachtet  wurden, 
(Stein,  Majo  u.  A.)  nur  bei  Frauen  vorkamen.  Wir  müssen  daher 
in  diesen  Veränderungen  der  Mastdarmhäute,  der  befestigenden 
Theile  u.  s.  w.,  die  disponirenden  Momente  suchen,  die  um  so  ge- 
fährlicher sind,  je  länger  sie  bestehen  und  je  bedeutender  sie  sind, 
wenn  wir  die  directen,  veranlassenden  Schädlichkeiten  berück- 
sichtigen, welche  die  Zerreissung  des  Mastdarmes  herbeiführten. 
Dieselben  bestanden  im  der  Reposition  des  Vorfalles,  (Brodie, 
Adelmann,  Boche),  in  Erbrechen  (Pyl)  und  fugen  wir  noch 
hinzu,  im  Falle  von  Quenu  in  dem  Drange  beim  Stuhlabsetzen, 
bei  Stein  in  dem  Heben  einer  schweren  Last. 

Die  Art  und  Weise,  wie  nun  unter  den  gegebenen  Verhält- 
nissen die  Zerreissung  zu  Stande  kommt,  wurde  verschieden  ange- 
geben. Nach  Adelmann  kann,  wenn  es  zur  Entwicklung  eines 
Mastdarmbruches  gekommen  ist,  der  Druck  fester Kothmassen  bei  einer 
Zerreissung  der  Schleimhaut  ausreichen,  dass  es  auch  zur  Zerreissung 
des  Blindsackes  des  Bauchfelles  kommt,  wofür  die  ungleichmässige 
Beschaffenheit  des  Risses  der  einzelnen  Schichten  sprechen  sollte. 
Schon  Quenu  hat  darauf  hingewiesen,  dass  die  von  Adelmann 
bei  der  Reposition  des  Vorfalles  mit  dem  Fingernagel  angeblich 
gesetzte  Verletzung  nicht  hinreicht,  um  die  Zerreissung  zu  erklären, 
sondern  es  wahrscheinlich  ist,  dass  die  Zerreissung  durch  die  über- 
mässige Ausdehnung  des  Bruchsackes  und  der  Hüllen  erfolgt  ist. 
Einige  Wahrscheinlichkeit  für  die  Zerreissung  durch  feste  Koth- 
massen hat  die  Annahme  Esmarch's,  dass  durch  diesolben  eine 
Schleimhautfalto  vor  sich  hergeschoben  und  quer  eingerissen  wird, 
wenn  es  sich  um  Zerreissung  des  nicht  vorgefallenen  Mastdarmes 
handelt.  Ist  jedoch  ein  solcher  erfolgt,  so  dürfte  auch  diese  Er- 
klärung nicht  ausreichen.  Quenu  hat  nun  versucht,  diese  Frage 
auf  experimentellem  Wege  zu  lösen.  Zuerst  verschloss  er  die  After- 
öffnung durch  die  Naht  und  füllte  den  Mastdarm  mit  Wasser  und 
Luft  bei  sehr  hohem  Drucke  an  und  fand,  dass  bei  einem  Queck- 
silberdrucke von  50  Ctm.  zuerst  das  Bauchfell  mehrfach  einreisse 


Ueber  den  Mastdarmbruch.  383 

und  dann  die  übrigen  Schichten  folgen,  was  für  die  Möglichkeit 
der  Zerreissung  durch  anfüllende  Massen  spräche.  Seine  zweite 
Annahme,  dass  die  Zerreissung  mit  einer  Zerreissung  der  Hämorr- 
hoidalvenen  beginne,  konnte  er  trotz  Einspritzungen  in  die  Mesen- 
terialvene  unter  hohem  Drucke  nicht  beweisen.  Er  kommt  zuletzt 
zu  dem  Schlüsse,  dass  nach  Bildung  des  Mastdarmvorfalles  bei 
Entzündung  der  Schleimhaut  (als  disponirendes  Moment)  die  stark 
angefüllten  Venen  in  Folge  des  vermehrten  Druckes  bei  irgend 
einer  Anstrengung  bersten,  und  das  ausgetretene  Blut  die  Zer- 
reissung der  übrigen  Schichten  bedingt.  Die  wiederholt  angegebene 
Disposition  vorausgesetzt,  wird  sich  eine  Zerreissung  der  Häute 
wohl  auf  die  einfachste  Weise  dadurch  erklären  lassen,  dass,  wenn 
die  vorgelagerten  Eiugeweide  durch  Gase  und  Kothmassen  ange- 
füllt sind  und  die  Spannung  derselben  plötzlich  durch  ein  rasches 
Nachschieben  von  neuen  Massen  in  Folge  kräftiger  Anwendung  der 
Bauchpresse  noch  vermehrt  wird,  auch  die  Spannung  dor  Bruch- 
büllen  vermehrt  wird,  wie  man  sich  an  jedem  freien  Mastdarm- 
bruche überzeugen  kann.  Erreicht  diese  nun  einen  hohen  Grad,  so 
kann  es  in  Folge  der  übermässigen  Spannung  und  Brüchigkeit  der 
Gewebe  zur  Zerreissung  der  ganzen  Mastdarmwand  kommen.  Da 
aus  den  mitgetheilten  'Beobachtungen  mit  der  grössten  Wahr- 
scheinlichkeit hervorgeht,  dass  das  Bauchfoll  zuerst  und  in  grösserer 
Ausdehnung  als  die  übrigen  Schichten  zerreisst,  so  dürfte  dieses 
durch  die  grössere  Zartheit,  die  geringere  Nachgiebigkeit  des 
Bauchfelles  gegenüber  den  anderen  Schichten  der  Darmwand  be- 
dingt sein. 

Da  der  Schmorz,  welcher  im  Momente  der  Zerreissung  auf- 
tritt und  sehr  heftig  ist,  doch  von  den  Kranken  weniger  beachtet 
wird,  so  ist  die  von  denselben  zuerst  wahrgenommene  Erscheinung 
die  Bildung  einer  Geschwulst.  Dieselbe  tritt  nach  den  angegebenen 
Beobachtungen  sehr  rasch  auf  und  vergrössert  sich  bei  dem  fort- 
währenden Stuhldrange  der  Art,  dass  eine  staunenswerthe  Menge 
Gedärme  vorliegt.  So  sah  Brodie  2  Yard,  Pyl  12'  10"  Dünndarm, 
Adelmann  5  Ellen  Dünndarm  vorliegen.  Quenu  bezeichnet  die 
Vorlagerung  Mannskopfgross.  Mit  dem  Darme  liegt  immer  der 
entsprechende  Theil  des  Gekröses  vor.  Da  die  Eingeweide  an 
der  Eissstelle  nicht  in  derselben  Weise  ausgedehnt  sind,  wie  der 
im    Mastdarme    oder   vor    diesem   liegende    Theil,   überdies   der 


334  Englisch. 

After  ebenfalls  der  Füllung  der  Schlingen  ein  Hinderniss  entgegen- 
setzt, so  erseheint  die  Geschwulst  gestielt  und  allseitig  vom  unteren 
Theile  des  Mastdarmes  umgeben.  Der  vorgefallene  Darm  ist  bläu- 
lich bis  livid  gefärbt,  mit  zahlreichen  Ecchymosen  versehen,  und 
in  verschiedenem  Grade  ausgedehnt.  Bei  längerer  Dauer  der  Ver- 
lagerung zeigt  sich  der  Darm  entzündet  und  mit  Exsudatmembranen 
bedeckt,  denen  auch  Staub,  Sand  anhaften  können.  Ein  besonderes 
und  für  die  Diagnose  nicht  zu  übersehendes  Zeichen  ist  es,  dass 
die  Vorlagerung  von  einer  serösen  Membran,  deren  Ansehen  durch 
die  aufgelagerten  Exsudate  etwas  verändert,  aber  nie  vollständig 
verwischt  werden  kann,  überzogen  ist,  zum  Unterschiede  von  dem 
Schleimhautüberzuge  des  gewöhnlichen  Mastdarmbruches.  Ferner 
muss  noch  die  ungleiche  Beschaffenheit  der  oinzelnen  Darmschlingen 
hervorgehoben  werden,  indem  diejenigen  Schlingen,  welche  zuerst 
vorgefallen  sind,  die  grössten  Veränderungen  erlitten  haben  und 
umgekehrt;  ein  Umstand  der  bei  der  Reposition  nicht  genug  be- 
achtet werden  kann.  Der  Beiz  der  Luft  scheint  auf  die  vor- 
gelagerten Gedärme  ohne  Einfluss  zu  sein,  indem  dieselben  ohne 
jede  peristaltische  Bewegung  sind,  (Adelmann)  oder  wie  Quenu 
meint,  gelähmt  erscheinen.  Die  Vorgrösserung  erfolgt  nicht  nur 
durch  Vorfall  neuer  Schlingen,  sondern  auch  durch  weiteres  An- 
füllen derselben  mit  Gasen  und  Kothmassen,  wodurch  bedeutende 
Hindernisse  bei  der  Reposition  entstehen  können  (Adelmann, 
Pyl).  Das  Gekröse  erscheint  ebenfalls  mit  Blut  unterlaufen. 

Im  Momente  des  Reissens  erfolgt  zugleich  eine  Blutung,  die 
anfangs  verhältnissmässig  geringe  sein  kann  und  nur  als  Flocken 
den  vorgefallenen  Gedärmen  anhängt,  sich  aber  unter  Umständen 
später  bedeutend  steigern  kann  (Quenu).  Die  Menge  des  nach 
aussen  fliessenden  Blutes  ist  nicht  immer  das  Massgebende,  wie 
die  Leichenuntersuchungen  ergeben  haben,  da  die  Blutung  sehr 
häufig  in  den  Bauchfellsack  (Pyl)  oder  in  das  subperitoneale 
Zellgewebe  erfolgt.  In  seltenen  Fällen  werden  auch  die  übrigen 
Schichten  der  Mastdarmwand  von  dem  ausgetretenen  Blute  aus- 
einander gedrängt.  Geht  man  an  dem  zumeist  durch  das  Gekröse  ge- 
bildeten Stiel  nach  aufwärts,  so  fühlt  man,  dass  derselbe  in  einer 
verschiedenen  Höhe  vom  Mastdarme  allseitig  umgeben  ist.  Geht 
man  mit  dem  Finger  noch  weiter  empor,  so  gelangt  man  zur 
Rissstelle,    (Brodie,   Adelmann),    wenn   dieselbe   nicht   zu    hoch 


Ueber  den  Mastdarmbruch.  335 

gelegen  ist.  Im  entgegengesetzten  Falle  kann  es  für  den  unter- 
suchenden Finger  bei  bestehendem  Vorfalle  unmöglich  sein,  den- 
selben zu  finden  (Quenu)  und  kommt  derselbe  erst  nach  ge- 
schehener Reposition  zur  deutlichen  Wahrnehmung  und  da  manch- 
mal erst,  wenn  die  Untersuchung  mit  zwei  und  mehr  Fingern  vor- 
genommen wird,  was  bei  dem  meist  sehr  erschlafften  Schliess- 
muskel  des  Afters  ohne  Anstand  möglich  ist.  Die  Bisswunde  wurde 
bis  jetzt  an  allen  Seiten  der  Wand  beobachtet,  entgegengesetzt  der 
gangbaren  Annahme,  dass  die  hintere  Wand,  da  sie  vom  Bauch- 
felle nicht  überzogen  sei,  nicht  zerreissen  könne,  indem  die  Ein- 
geweide sich  an  diese  Stelle  nicht  andrängen  können,  und  zwar 
gerade  an  der  hinteren  Wand  von  Pyl,  an  der  Seitenwand  von 
Adelmann,  an  der  vorderen  Wand  von  Brodie,  (Majo,  Stein, 
Quänu).  Die  Entfernung  vom  After  ist  eine  verschiedene.  Etwas 
über  dem  After  (Quenu),  1"  über  dem  After  (Pyl),  2"  (Brodie, 
M  a j  o) ,  2  */t  "  ( A  d  e  1  m  a  n  n) .  Der  Richtung  nach  unterscheidet 
man  Querrisse  (Brodie),  Längsrisse  (Adelmann,  Stein)  bei 
verschiedener  Weite,  welche  nach  den  Angaben  von  Quenu  und 
Stein  zwischen  1 — 2  Zoll  schwankt,  bei  Adelmann  hatte  der 
Riss  eine  Weite  von  27a  Zoll,  bei  Majo  war  er  für  den  Zeige- 
finger, bei  Pyl  für  4  Finger  durchgängig.  Wie  schon  früher  an- 
geführt, zeigen  die  Risse  im  Bauchfelle  und  in  den  übrigen 
Schichten  des  Mastdarmes  nicht  gleiche  Weite.  So  fand  z.  B. 
Quönu  den  Bauchfellriss  10  Ctm.  lang,  den  der  übrigen  Schichten 
4*3  Ctm.  Die  deutliche  Wahrnehmbarkeit  des  Risses  wird  theil- 
weise  durch  die  Beschaffenheit  der  Ränder  beeinflusst,  wie  aus  der 
Beobachtung  von  Adelmann  hervorgeht,  wo  der  obere,  mehr  ge- 
quetschte, unregelmäsige  Theil  der  Ränder,  beziehungsweise  der 
Riss  selbst,  weniger  deutlich  fühlbar  war,  als  der  untere  mit  scharfen 
Rändern  versehene  Theil.  Ebenso  verliert  sich  die  Schärfe  desselben, 
wenn  die  einzelnen  Schichten  durch  Extravasate  von  einander  ab- 
gelöst sind,  was  vorzüglich  vom  Bauchfellüberzuge  und  der  Mast- 
darmschleimhaut, weniger  von  der  Muskelschichte  in  ihren  einzelnen 
Lagen  gilt. 

Je  länger  der  Vorfall  währt,  um  so  mehr  verändern  sich  die 
Eingeweide.  Der  oft  bald  nach  dem  Vorfalle  sich  vermindernde 
Schmerz  tritt  neuerdings  mit  immer  mehr  zunehmender  Heftigkeit 

Mtd.  Jahrbücher.  1882.  JJ 


336  Englisch. 

auf.  Es  folgen  die  Erscheinungen  der  Bauchfellentzündung  mit  all- 
gemeinem Verfall  und  selbst  der  Tod. 

Zu  den  gefährlichsten  Zufallen  des  Mastdarmbruches  gehört 
die  Einklemmung.  Dieselbe  kommt  sowohl  an  dem  gewöhnlichen 
Mastdarmbruche,  als  auch  an  den  vorgefallenen  Schlingen  nach  Zer- 
reissung  der  Mastdarmwand  vor.  Letztere  Art  der  Einklemmung 
kann  an  zwei  Stellen  statthaben,  entweder  an  der  Bissstelle  oder 
am  After.  Letztere  hat  eine  entschieden  geringere  Wichtigkeit  als 
erstere,  da  der  Schliessmuskel  meist  erschlafft  ist.  Am  Bisse  selbst 
wird  sich  die  Muskelschichte  beim  Entstehen  des  Bisses  zwar 
mehr  ausdehnen  lassen,  aber  später  bei  den  Untersuchungen  eine 
geringere  Weite  zeigen;  die  Zusammenziehung  der  Muskelfasern 
wird  dann  aber  desto  stärker  sein  und  damit  die  Einschnürung  der 
Eingeweide.  Es  ist  merkwürdig,  dass  sich  in  keiner  der  angegebenen 
Untersuchungen  eine  Erwähnung  dieses  Punktes  findet,  während  sich 
doch  angeführt  findet,  dass  bei  den  Leichenuntersuchungen  die  vor- 
gefallenen Eingeweide  die  Stelle  der  Einschnürung  noch  deutlich  er- 
kennen Hessen.  Es  scheint  daraus  hervorzugehen,  dass  die  Verände- 
rungen an  der  einschnürenden  Stelle  nicht  die  vorgeschrittensten 
sind,  wie  wir  dies  auch  bei  anderen  Eingeweidebrüchen  zu  beob- 
achten Gelegenheit  haben. 

Die  Einklemmung  eines  Mastdarmbruches  hängt  von  vielen 
Umständen  ab.  Jener  Fälle,  wo  in  Folge  von  Peritonitis,  welche 
sich  vom  Bauchfelle  auf  die  Gedärme  fortgepflanzt  und  zu  Ver- 
wachsungen letzterer  mit  dem  Bruchsacke,  beziehungsweise  mit  dem 
Mastdarme  geführt  hat,  wurde  bereits  bei  der  Entzündung  gedacht 
und  ist  dieses  nicht  eine  eigentliche  Einklemmung  zu  nennen.  Wenn 
wir  jedoch  die  eigenthümlichen  Verhältnisse  betrachten,  unter  denen 
sich  die  Gedärme  befinden,  so  lässt  sich  mit  Sicherheit  annehmen, 
dass  gerade  die  Folgen  einer  Entzündimg  am  häufigsten  jene  Stö- 
rungen verursachen,  welche  einer  Einklemmung  entsprechen  und  wird 
man  in  Zukunft  diese  Verhältnisse  genauer  berücksichtigen  müssen. 

Wenn  wir  die  Lage  der  Eingeweide  im  Vorfalle  genauer  in 
Erwägung  ziehen,  so  wird  in  dem  ausserhalb  des  Afterschliessmus- 
kels  liegenden  Gedärmen  leicht  eine  Kothstauung  entstehen  können, 
indem  die  erschlafften  Muskeln  des  Mastdarmes  noch  immer  im 
Stande  sind,  der  Fortbewegung  der  in  den  vorgelagerten  Theilen 
befindlichen  Kothmassen  ein  Hinderniss  entgegenzusetzen.  In  meinem 


Ueber  den  Mastdarmbruch.  337 

Falle  konnte  ich  wiederholt  beobachten,  dass  sich,  wenn  die  Vor- 
lagerung längere  Zeit  bestand,  Eoth  in  den  Darmschlingen  anhäufte 
und  die  Kranke  über  Störungen  der  Stahlentleerung,  der  Ver- 
dauung, selbst  über  ein  unbehagliches  Gefühl  im  Unterleibe  klagte, 
welche  Erscheinungen  nach  dem  Zurückschieben  der  Vorlagerung 
schwanden.  Dass  bei  längerer  Dauer  der  Ansammlung  alle  jene  Er- 
scheinungen eintreten  können,  welche  sich  unter  ähnlichen  Verhält- 
nissen bei  anderen  Eingeweide -Vorlagerungen  entwickeln,  unterliegt 
keinem  Zweifel. 

Eine  eigentliche  Einklemmung  wird  jedoch  nur  entstehen, 
wenn  ein  Theil  der  langen  Bruchpforte  im  Verbältnisse  zur  Füllung 
des  Darmes  zu  klein  wird.  Ist  der  Bruch  noch  im  Mastdarme  ge- 
lagert, so  liegt  die  Stelle  der  Einschnürung  entweder  in  den  fibrösen 
Theilen  der  Bruchpforte,  oder  in  den  Muskelfasern  des  Mastdarmes. 
So  lange  die  Vorlagerung  noch  klein  ist,  wird  die  Bruchpforte  eben- 
falls klein  sein,  ihre  Umgrenzung  aus  den  starren  Beckenaponeurosen 
bestehen  und  es  können  dann  dieselben  Verhältnisse  eintreten,  wie 
sie  sich  z.  B.  bei  Schenkelbrüchen  finden.  Diese  Annahme  wird  noch 
dadurch  unterstützt,  dass  die  Vertheilung  der  Fasern  der  Becken- 
fascie  eine  ungleichmässige  ist  und  bei  ihrem  Uebergange  in  die 
Umhüllungen  des  Mastdarmes,  der  Blase  u.  s.  w.  zahlreiche  fibröse 
Stränge  zeigt,  zwischen  denen  nachgiebigere  Stellen  vorhanden  sind. 
Erfolgte  die  Vorlagerung  durch  eine  dieser  nachgiebigen  Stellen, 
so  wird  die  Einschnürung  durch  umgebende  starre  Fasern  eine 
festere  sein.  Ein  solches  Vorkommniss  dürfte  jedoch  seltener  zur 
Beobachtung  kommen,  indem  meist  eine  Ausbuchtung  eines 
grösseren  Theiles  der  Beckenfascie,  selbst  eine  solche  im  ganzen 
Umfange  des  Bectums,  besteht.  Eine  Einschnürung  durch  die  fibröse 
Umrandung  dürfte  daher  seltener  vorkommen.  Treten  die  Ein- 
geweide durch  einen  Riss  der  Mastdarm-Muscularis,  so  kann  eine 
Einklemmung  in  dem  Bisse  der  Muskelschichte  erfolgen,  und  bei 
dem  Beize  durch  die  Vorlagerung  eine  sehr  heftige  sein.  Hat  da- 
gegen die  Vorlagerung  den  After  überschritten,  so  treten  andere 
Verhältnisse  ein.  Der  äussere  Afterschliessmuskel  umgibt  einen  Theil 
der  vorgelagerten  Masse  ringförmig,  und  stört  die  Fortbewegung 
des  Danninhaltes.  Diese  Art  der  Einklemmung  darf  jedoch,  wegen 
der  hochgradigen  Erschlaffung  der  Muskelfasern  als  keine  hoch- 
gradige angenommen  werden,   zum  Unterschiede  beim  Vorfalle  der 


338  Englisch. 

Eingeweide  nach  Zerreissung  des  Darmes,  wo  die  Einschnürung  der 
Vorlagerung  durch  den  Muskelriss  in  Folge  der  spastischen  Zusammen- 
ziehung  der  Muskelfasern   eine  bedeutende  sein  kann,  wofür  auch 
die  Erscheinungen  in  solchen  Fällen  sprechen.  Während  die  Muskeln 
der  Darmwand  selbst  sehr  erschlafft  sind,  gilt  dieses  nicht  in  dem- 
selben Masse  von  den  Fasern  des  Diaphragma  pelvis  (Levator  ani). 
Betrachtet  man  die  Richtung  der  Fasern  etwas  genauer,  so  haben 
sie  im  Allgemeinen  zu   dem  Verlaufe  des  Mastdarmes  eine  schiefe 
Richtung   mit  Ausnahme    des   Endstückes  des  Darmes,    das   sich 
um  die  Steissbeinspitze  nach  hinten  biegt.    Ziehen  sich  die  Fasern 
des  Levator   ani   zusammen,   so   schieben   sie  den  Mastdarm  nach 
vorne  oben.  Ist  eine  Vorlagerung  erfolgt,   so  wirkt  der  Muskel  auf 
diese  ein  und  bedingt  eine  Einknickung   derselben  oder  besser  eine 
doppelte  seitliche  Einschnürung,   indem  die  Ausstülpung  immer  an 
jenem  Theile  erfolgt,  welcher  oberhalb  der  Vereinigung  des  Levator 

■ 

ani  und  des  äusseren  Schliessmuskels  liegt,  so  dass  zwar  seine  Ver- 
einigung mit  diesem  einen  grösseren  Umfang  hat,  die  Faserrichtung 
aber  nicht  wesentlich  geändert  ist.  Wenn  auch  diese  Art  der  Ein- 
klemmung schon  von  vielen  Seiten  (Esmarch,  Uhde,  Quenu) 
hervorgehoben  wurde,  so  hat  dieselbe  aber  bis  jetzt  noch  nicht  die 
gehörige  Würdigung  gefunden  und  bleibt  das  genaue  Verhalten 
derselben  bei  eingeklemmten  Brüchen  späteren  Untersuchungen  vor- 
behalten. Ich  will  nur  hinzufügen,  dass  bei  Untersuchungen  des 
Mastdarmes  und  bei  Vorfällen,  sich  in  manchen  Fällen  eine  beson- 
dere Schlaffheit  des  ganzen  Beckenausganges,  beziehungsweise  auch 
des  Diaphragma  pelvis,  wie  die  ganze  Muskelgruppe  von  Langer 
genannt  wurde,  findet,  in  welchen  Fällen  die  Zusammenziehung  des 
Levator  ani  als  Ursache  der  Einklemmung  fraglich  wäre. 

Wie  bei  allen  anderen  Eingeweidebrüchen  dürfte  das  Miss- 
verhältniss  zwischen  Bruchpforte  und  Inhalt  durch  eine  plötzliche 
Vermehrung  des  Darminhaltes  gegeben  sein. 

Die  Erscheinungen  stimmen  mit  denen,  wie  sie  bei  anderen 
Eingeweidebrüchen  beobachtet  werden,  überein,  weshalb  dieselben 
nicht  besonders  abgehandelt  werden  sollen.  Zu  diesen  Erscheinungen 
kommt  noch  in  Folge  der  Reizung  des  unteren  Theiles  des  Mast- 
darmes ein  fortwährender  heftiger  Stuhldrang  mit  Krampf  im  After. 
Die  Erscheinungen,  welche  sich  auf  die  Grössenzunahme  der  Ge- 
schwulst, auf  die  Entzündungserscheinungen  beziehen,  treten  wegen 


Üeber  den  Mastdarmbrach.  339 

der  Dünnheit   der  Bruchhüllen   und   deren   innigerem   Zusammen- 
hange deutlicher  hervor. 

Der  Verlauf  und  der  Ausgang  ist  wie  bei  anderen  Brüchen, 
nur  mit  dem  Unterschiede,  dass  die  Bauchfellentzündung  rascher 
einen  höheren  Grad  erreicht  und  gefährlicher  wird,  wie  aus  den 
voranstehenden  casuistischen  Mittheilungen  hervorgeht;  selbst  Bil- 
dung eines  widernatürlichen  Afters  kann  erfolgen. 

Die  Diagnose  eines  eingeklemmten  Mastdarmbruches  kann  in 
jenen  Fällen,  wo  derselbe  noch  nicht  den  After  überschritten  hat, 
wie  z.  B.  bei  Dieffenbach  schwer  werden,  wozu  wesentlich  bei- 
trägt, dass  diesem  Leiden  überhaupt  eine  geringere  Bedeutung  bei- 
gemessen wird.  Die  vorzügliche  Verwechslung  wird  mit  innerer 
Einklemmung  vorkommen  und  sollte  in  solchen  Fällen  nie  die 
Untersuchung  des  Mastdarmes  unterlassen  werden.  Meist  jedoch  wird 
die  Aufmerksamkeit  des  behandelnden  Arztes  durch  die  Angabe 
eines  lange  bestehenden  Mastdarmvorfalles  darauf  geleitet. 

Die  Prognose  ist  bei  nicht  entzündeten  und  eingeklemmten 
Brüchen  günstig,  bei  entzündeten  in  Folge  der  rasch  erfolgenden 
Verwachsung  ungünstiger,  bezüglich  der  eingeklemmten  Mastdarm- 
brüche muss  sie  nach  den  vorangestellten  casuistischen  Mittheilungen 
absolut  ungünstig  gestellt  werden,  was  in  gleichem  Masse  von  dem 
Vorfalle  bei  Biss  der  Bruchhüllen  gilt.  Nichts  destoweniger  lässt 
sich  mit  Sicherheit  erwarten,  dass  auch  in  den  beiden  letzteren 
Fällen  die  Prognose  eine  günstigere  werden  wird,  indem  einerseits 
eine  genauere  Untersuchung  auch  eine  genauere  Diagnose  und  die 
bestehenden  antiseptischen  Verbandweisen  einen  günstigeren  Erfolg 
der  Operationen  ermöglichen  werden. 

Bei  der  Behandlung  müssen  wir  die  freien,  entzündeten,  ein- 
geklemmten Mastdarmbrüche  und  den  Vorfall  weiterer  Eingeweide 
bei  Mastdarmrissen  freier  Brüche  unterscheiden.  Bei  freien  Einge- 
weidebrüchen bezieht  sich  die  Behandlung  zunächst  auf  die  Reposi- 
tion der  Eingeweide  und  auf  die  Behandlung  des  Mastdarmvorfalles. 
So  lange  die  Ausstülpung  der  Mastdarmwand  den  After  noch 
nicht  überschritten  hat,  ist  die  Vorlagerung  der  operir enden  Hand 
weniger  zugänglich  und  ist  es  schwer,  den  Druck  auf  die  Ge- 
schwulst in  der  Richtung  der  Bruchpforte  auszuüben.  Um  die  Ge- 
schwulst allseitig  zu  umfassen  wird  es  nöthig  sein,  wenigstens 
3  Finger  in  den  Mastdarm  einzuführen.    Behufs   der   Erschlaffung 


840  Englisch. 

der  Schliessmuskeln  des  Afters  wird  die  Narkose  unter  allen  Fällen 
bei  schwieriger  Reposition  angezeigt  sein,  wie  es  von  Esmarch 
schon  mit  Recht  hervorgehoben  wurde.  Ist  dagegen  der  Grund 
der  Ausstülpung  des  Mastdarmes  schon  ausserhalb  des  Afters  ge- 
legen, so  ist  zwar  die  Vorlagerung  unseren  Handgriffen  zugängli- 
cher, aber  es  wirken  dieselben  nicht  immer  in  der  gehörigen  Sich- 
tung. Wird  der  Druck  gleichmässig  auf  die  Geschwulst  ausgeübt, 
so  können  wir  nur  dann  auf  einen  sicheren  Erfolg  rechnen,  wenn 
die  Bruchpforte  in  gleicher  Höhe  mit  dem  After  liegt.  Ist  dieses 
nicht  der  Fall,  dann  werden  die  Eingeweide,  durch  den  Druck 
sammt  der  ausgestülpten,  seitlichen  Mastdarmwand  in  den  Mast- 
darm geschoben  und  können  daselbst  liegen  bleiben,  ohne  dass  ein 
Theil  der  Vorlagerung  durch  die  Bruchpforte  in  die  Bauchhöhle 
gelangt  ist.  Wurde  die  Reposition  in  der  2.  Weise  vorgenommen, 
so  ist  es  Pflicht  des  Arztes  durch  genaue  Untersuchung  des  Mast- 
darmes sich  zu  überzeugen,  dass  alles  gehörig  reponirt  ist.  Dass 
ein  Zurückschieben  des  Vorfalles  als  Ganzes,  gleich  einer  Massen- 
reduction  vorkommen  kann,  davon  habe  ich  mich  in  meinem  Falle 
bei  den  zahlreichen  vorgenommenen  Repositionen  überzeugt.  Als  die 
sicherste  Verfahrungsweise  muss  jene  bezeichnet  werden,  wo  die 
Reposition  der  Eingeweide  in  der  Art  erfolgt,  dass  die  ausgestülpte 
Mastdarmwand  vorgelagert  bleibt  und  erst  nachträglich  zurückge- 
schoben wird.  Auf  diese  Weise  kann  man  sich  am  besten  über- 
zeugen, dass  die  vorgelagerten  Eingeweide  sicher  zurückgebracht 
sind.  Als  das  sicherste  Verfahren  wurde  von  mir  folgendes  erprobt. 
Der  Zeigefinger  oder  mehrere  Finger  der  einen  Hand  werden  in 
den  Mastdarm  eingeführt,  fixiren  gleichsam  den  Mastdarm  und 
lassen  zugleich  eine  mögliche  Verschiebung  in  ungeeigneter  Rich- 
tung erkennen,  während  mit  der  anderen  Hand  ein  concentrischer 
Druck  auf  die  Oberfläche  der  Geschwulst  ausgeübt  wird,  so  dass 
die  eingelagerten  Eingeweide  unter  dem  Drucke  beider  Hände 
stehen  und  nur  in  der  Richtung  der  Bruchpforte  ausweichen  kommen. 
Es  bleibt  dabei  zugleich  der  leere  Sack,  welcher  durch  die  Aus- 
stülpung der  Mastdarmwand  gebildet  ist,  zurück  und  muss  dieser 
nachträglich  zurückgeschoben  werden,  wenn  er,  was  nicht  selten 
geschieht,  nicht  von  selbst  zurückschlüpft,  sobald  die  einge- 
lagerten Eingeweide  zurückgebracht  sind.  Adelmann  hat  für  das 
Zurückschieben  des  Mastdarmvorfalles   ein  empfehlenswerthes  Ver- 


Ueber  den  Mastdarmbruch.  341 

fahren  angegeben.  Er  fuhrt  den  Zeigefinger  der  Hand  in  die 
Höhle  des  Mastdarmes  ein,  während  der  Daumen  an  der  äusseren 
Seite  des  Vorfalles  liegt.  Nun  stülpt  er  mit  dem  Daumen  einen 
Theil  des  Bandes  ein,  welcher  mittelst  des  Zeigefingers  höher  nach 
aufwärts  gefuhrt  und  daselbst  festgehalten  wird.  Dieser  Vorgang 
wird  nun  so  oft  wiederholt,  bis  der  ganze  Vorfall  zurückgebracht 
ist.  Allingham  verfuhr  später  in  solcher  Weise,  indem  er  den 
Mastdarm  durch  eine  eingeführte  Bougie  in  die  Höhe  zu  schieben 
und  die  Bückstülpung  auf  diese  Weise  zu  erreichen  suchte.  Das  Ver- 
fahren von  Adelmann  hat  entschieden  den  Vorzug.  Ist  die  Vorlagerung 
der  Eingeweide  eine  bedeutende,  so  wird  es  nicht  möglich  sein,  dass 
der  Arzt  mit  seiner  Hand  die  ganze  Geschwulst  umfasse  und  der 
Druck  wird  daher  ein  ungleichmässiger  sein.  Pockels  liess  in  einem 
solchen  Falle  die  Geschwulst  durch  einen  Gehilfen  mit  seinen  beiden 
übereinandergestellten  Händen  (Fäusten)  umfassen,  so  dass  die  ganze 
Vorlagerung  von  einem  unnachgiebigen  Cylinder  umschlossen  war, 
worauf  er  selbst  mit  seinen  Zeigefingern  die  Einstülpung  ähnlich  wie 
bei  anderen  Eingeweidebrüchen  nach  Eröffnung  des  Bruchsackes  vor- 
nahm. Die  Reposition  kann  durch  die  Seiten-  und  durch  die  Knie- 
Ellbogenlage  unterstützt  werden. 

Als  Hindernisse  der  Beposition  müssen  Entzündungen,  Ver- 
wachsungen der  Eingeweide,  Kothanhäufungen  und  die  relativ  ver- 
minderte Capacität  der  Bauchhöhle  angesehen  werden,  welche  letztere 
bei  der  Behandlung  des  Mastdarmrisses  noch  besonders  hervorgehoben 
werden  wird. 

Zu  den  üblen  Zufallen  gehört  die  Verschiebung  der  Einge- 
weide und  der  Hüllen  in  den  höher  gelegenen  Theil  des  Mastdarmes 
(Massenreduction)  und  das  Zerreissen  der  Mastdarmwand.  Die 
Massenreduction  wird  sich  durch  die  Leichtigkeit  der  Beposition 
bemerkbar  machen  und  durch  die  Untersuchung  des  Mastdarmes 
festgestellt  werden.  Ist  dieses  geschehen,  so  lässt  man  durch  Pressen 
den  Vorfall  wieder  hervortreten,  oder  zieht  ihn,  wenn  nöthig  mit 
der  eingeführten  ganzen  Hand  hervor  und  reponirt  die  Eingeweide 
in  der  angegebenen  Weise.  Ist  in  den  eingelagerten  Eingeweiden 
sehr  viel  Koth  angesammelt,  so  muss  dieser  durch  den  Druck  auf 
die  einzelnen  Theile  zurückgeschoben  werden,  oder  muss  eine  rege 
peristaltische  Darmbewegung  angeregt  werden,  um  den  Inhalt  fort- 
zuschieben. Als  Nachbehandlung  der  Beposition  empfiehlt  sich  das 


342  Englisch. 

Einlegen  eines  Tampons  in  den  Mastdarm  und  dessen  Befestigung 
durch  eine  T  Binde.  Da  jedoch  die  Vorlagerung  immer  erfolgen  wird, 
so  lange  der  Mastdarmvorfall  besteht,  so  tritt  jetzt  die  Behandlung 
desselben  an  die  Reihe,  welche  in  der  verschiedensten  Weise  aus- 
geführt werden  kann,  wie  die  zahlreichen  Operationsverfahren  be- 
weisen, und  von  denen  die  bis  jetzt  bei  dem  Mastdarmbruche  ange- 
wandten weiter  unten  angeführt  werden  sollen. 

Wird  ein  wie  immer  gearteter  Eingriff  zur  Beseitigung  des 
Mastdarmvorfalles  nicht  zugegeben,  so  beschränkt  sich  die  weitere 
Behandlung  der  freien  Vorlagerung  auf  gehörige  Entleerung  des 
Darmes  überhaupt,  auf  die  nöthige  Beinhaltung  der  Mastdarm- 
schleimhaut zur  Vermeidung  der  Entzündung,  Verschwärung,  und 
auf  das  Zurückhalten  des  Mastdarmes.  Die  operative  Behandlung 
hat  im  Verlaufe  der  Zeit  viele  Veränderungen  erfahren,  welche,  da 
sie  mit  der  Nachbehandlung  des  eingeklemmten  Mastdarmbruches 
theilweise  übereinstimmen,  bei  diesem  angeführt  werden  soll. 

Bei  Entzündung  des  Mastdarmbruches,  sei  es  der  Hüllen,  des 
Inhaltes  oder  beider  zugleich,  muss  vor  allem  die  Reposition  der 
eingelagerten  Theile  angestrebt  werden,  da  sonst  sehr  leicht  Ver- 
wachsung eintritt.  Daneben  ist  die  strengste  Antiphlogose  angezeigt, 
bis  sämmtliche  Erscheinungen  nachgelassen  haben.  Für  die  Ent- 
zündung der  Schleimhaut  des  Mastdarmes  empfiehlt  sich  das  Plumb. 
acet.  bas.  in  Lösung  oder  in  Salben  als  besonderes  Deckmittel. 

Unsere  besondere  Aufmerksamkeit  erfordert  die  Behandlung 
der  durch  einen  Kiss  des  Mastdarmes  vorgetretenen  Eingeweide. 
Die  Beposition  muss  unter  allen  Verhältnissen  angestrebt  werden. 
Zu  diesem  Behufe  wurde  die  Seitenlage  des  Kranken  mit  angezo- 
genem Fusse  der  nach  oben  gekehrten  Seite  empfohlen,  weil  die 
Eingeweide,  indem  sie  nach  einer  Seite  sinken,  einen  Zug  auf  den 
Vorfall  ausüben;  durch  die  Beugung  einer  Gliedmasse  wird  der 
Vorfall  zugänglicher.  Sind  die  Gedärme  von  Gasen  massig  ausge- 
dehnt, so  wird  das  Zurücktreten  der  Eingeweide  durch  Entleerung 
des  Inhaltes  mittelst  Druck  erleichtert.  Ein  wichtiger  Umstand  ist 
es,  die  zuletzt  vorgefallenen  Eingeweide,  ähnlich  wie  bei  anderen 
Brucharten  zuerst  zurückzuschieben.  Während  wir  nun  bei  letzteren 
meist  nur  geringe  Anhaltspunkte  zur  Bestimmung  der  letztvorge- 
fallenen Schlinge  haben,  sind  die  in  verschiedenen  Zeiten  durch 
einen  Mastdarmriss  vorgefallenen  Schlingen  der  Zeitfolge  ihres  Vor- 


Uebcr  d«a  Jfastdaimbracfc.  343 

fidles  nach  auch  schärfer  unterscheidbar.  Da  nach  den  überein- 
stimmenden Beobachtungen  die  Schlingen  um  so  mehr  verändert 
sind,  je  früher  sie  vorfielen,  so  wird  man  die  Reposition  immer  an 
derjenigen  Schlinge  beginnen  müssen,  welche  zuletzt  vorgefallen 
ist,  d.  h.  an  derjenigen,  welche  die  geringste  Veränderung  leigt 
Trotz  den  angegebenen  Vortheilen  wird  die  Reposition  unter  Um- 
ständen nicht  immer  leicht  sein.  Ein  wesentliches  Hinderniss  gibt 
die  grosse  Beweglichkeit  der  Darmschlingen  ab  (Quenu).  wodurch 
sie  dem  Drucke  leicht  ausweichen.  Es  ist  daher  nothwendig,  die 
ganze  Masse  der  Gedärme  durch  einen  Gehilfen  festhalten  zu  lassen, 
um  im  obigen  Sinne  auf  die  einzelnen  Schlingen  des  Vorfalles 
zweckmässig  einwirken  zu  können.  Schon  bei  einem  einfachen  Mast- 
darmbruche kann  durch  eine  nicht  zweckmässige  Richtung  des 
Druckes  bei  der  Reposition,  diese  erschwert  werden.  Noch  mehr 
gut  dieses  bei  einem  Vorfalle  nach  Mastdarmriss.  Die  leicht  beweg- 
lichen Gedärme  werden  um  so  leichter,  wenn  der  Druck  nicht 
senkrecht  auf  den  Riss  geschieht,  seitlich  ausweichen  und  statt  in 
die  Bauchhöhle  in  den  oberen  Mastdarm  verschoben  werden  köuuen. 
Es  wird  daher  immer  nöthig  sein,  dass  die  Finger  der  einen  Hand 
dem  Risse  und  den  ihr  zunächstliegenden  Eingeweideu  nahe  seieu, 
um  den  Druck  mittelst  der  zweiten  Hand  in  der  geeigneten  Weise 
einwirken  zu  lassen.  Gleichzeitig  muss  aber  dafür  Sorge  getragen 
werden,  dass  der  intraabdominale  Druck  nicht  gesteigert  werde, 
weil  dadurch  ein  Zurückschieben  des  Inhaltes  und  der  gan- 
zen Darmschlinge  erschwert  wird.  Es  wird  dies  in  derselbeu 
Weise,  wie  bei  anderen  Eingeweidebrüchen  durch  Erschlaffung 
der  Bauchmuskeln,  regelmässige  Athmung  u.  s.  w.  erzielt. 
Ein  nicht  unwesentliches  Hinderniss  wird  durch  die  Beschaffen- 
heit des  Risses  der  Dannwand  gegeben.  Ist  derselbe  unregel- 
mässig oder  ist  es  nicht  möglich  denselben  klaffend  zu  machen, 
z.  B.  bei  Spacmus,  so  wird  die  Reposition  in  manchen  Fällen  unmög- 
lich sein  und  erfordert  auch  dieser  Umstand,  dass  1  oder  2  Finger 
der  einen  Hand  dem  Risse  nahe  sind,  nachdem  desseu  Beschaffen- 
heit genau  erkannt  ist.  Es  ist  um  so  notwendiger  diese  Bedingung 
zu  erfüllen,  als  die  Erfahrung  ergeben  hat,  dass  die  einzelnen 
Schichten  der  Mastdannwand  in  der  Umgebung  des  Risses  öfter 
auf  verschieden  weite  Streckeu  von  einander  abgelöst  sind,  uud  die 
Eingeweide  unter  Umständen  zwischen  die  eiuzelnen  Schichten   ge- 


344  Englisch. 

schoben  werden  (Scheinreduction).  Abgesehen  von  der  Vermehrung 
des  Druckes  des  Inhaltes  in  den  vorgefallenen  Schlingen  in  Folge 
eines  erhöhten  intraabdominalen  Druckes,  kann  die  übermässige 
Anfüllung  der  Schlingen  durch  Gase  und  Kothmasse  die  Reposition 
unmöglich  machon  und  deren  Entleerung  fordern.  Dieselbe  geschieht 
entweder  mittelst  eines  feinen  Trokarts  oder  mittelst  einer  Heftnadel 
(Adel mann).  Doch  auch  die  Entleerung  reicht  nicht  immer  ans, 
wie  der  Fall  von  Adelmann  beweist  und  suchte  dieser  Beobachter 
diesen  Umstand  dadurch  zu  erklären,  dass  er  annahm,  die  Bauch- 
höhle könne  bei  einer  lange  bestehenden  Verlagerung  die  sämmtli- 
chen  Eingeweide  nicht  fassen,  indem  sie  sich  durch  die  lange  Zeit 
an  einen  bestimmten  Inhalt  gewöhnt  habe.  Eine  Bestätigung  für 
diese  Annahme  liegt  theilweise  darin,  dass  sich  ein  ähnlicher  Um- 
stand auch  bei  anderen  Eingeweidebrüchen  bemerkbar  macht,  vor- 
züglich aber  in  dem  Gelingen  der  vollständigen  Reposition,  nach- 
dem einige  Schlingen  durch  die  Bauchwunde,  welche  bei  der  Lapa- 
rotomie gemacht  worden  war,  hervorgehen  worden  waren.  Dass 
trotz  Berücksichtigung  der  angegebenen  Vorsichtsmassregeln  die 
Reposition  nicht  immer  möglich  ist,  beweisen  die  Fälle  von  Brodie, 
Adelmann,  Nedham,  Stein,  wo  man  zur  Laparotomie  schreiten 
musste,  welche  Bünger  schon  früher  bei  einem  eingeklemmten  Mast- 
darmbruche angewandt  hatte.  Ist  Enge  des  Risses  das  Hinderniss  der 
Reposition,  so  muss  man  sich  zur  Erweiterung  derselben  entschliessen, 
am  besten  durch  den  Finger,  um  einen  übermässigen  Druck  auf  die 
eine  oder  andere  Schlinge  zu  vermeiden.  Entschliesst  man  sich  zur 
blutigen  Erweiterung,  so  geschehe  dieselbe  nur  in  Form  von  Ein- 
kerbungen mit  geringer  Tiefe. 

Wie  schon  oben  angegeben,  gelingt  trotz  aller  Hilfsmittel, 
die  Reposition  nicht  immer  und  ist  es  insbesondere  der  letzte  Theil 
des  Vorfalles,  welcher  der  Reposition  den  bedeutendsten  Widerstand 
entgegensetzt.  In  solchen  Fällen  bleibt  nichts  übrig  als  die  Er- 
öffnung der  Bauchhöhle  von  der  vorderen  Wand  aus,  und  das 
Zurückziehen  der  Gedärme  durch  die  eingeführte  Hand.  Nach  Uhde 
soll  die  Laparotomie  zuerst  von  Bünger  bei  einem  Mastdarmbruche 
ausgeführt  worden  sein.  Ohle  sah  sich  in  der  von  Fiedler  mit- 
geth  eilten  Beobachtung  ebenfalls  zur  Laparotomie  gezwungen,  eben- 
so später  Adelmann,  Brodie.  Ohle  führte  seine  Operation  in  der 
Weise   aus,    dass  er   den  Schnitt  bei  der  Lage  des   Kranken  auf 


Ueber  den  Mastdarmbmch.  345 

der  rechten  Seite  links  an  der  Vereinigung  des  10.  und  11.  Bippen- 
knorpels begann  und  ihn  in  einer  Länge  von  57*"  nach  abwärts 
bis  zur  Spina  oss.  il.  ant.  sup.,  parallel  der  Linea  alba,  37,"  von 
derselben  entfernt  führte,  alle  Schichten  bis  zur  Eröffnung  der 
Bauchhöhle  durchtrennte.  Da  die  Yorlagerung  in  eine  Intussus- 
ception  des  Dickdarmes  stattgefunden  hatte,  so  zog  er  jetzt  am 
schiefgestellten  Colon  transversum,  um  die  Intussusception  zu  heben 
und  dann  an  dem  Dünndarme,  um  diesen  aus  dem  Bisse  zu  ziehen, 
was  auch  gelang.  Brodie  führte  den  Schnitt  in  der  Linea  alba, 
unterhalb  des  Nabels  in  einer  Länge  von  2"  und  zog  mittelst  der 
eingeführten  Finger  die  Gedärme  zurück.  Adelmann  dagegen 
machte  den  Schnitt  an  der  rechten  Seite  der  Bauchwand  in  der 
Höhe  des  Nabels,  3  Finger  breit  nach  rechts  von  der  Linea  alba 
dicht  am  äusseren  (?)  Bande  des  Bectus  abdominis,  so  dass  der 
untere  Wundwinkel  3  Finger  breit  vom  horizontalen  Aste  des  Scham- 
beines entfernt  war,  und  der  ganze  Schnitt  eine  Länge  von  4"  hatte. 
Pockels  machte  den  3"  langen  Schnitt  parallel  den  Fasern  des 
Obliquus  int.  Nach  den  Erfahrungen  bei  der  Laparotomie  aus  an- 
deren Gründen  dürfte  sich  der  Schnitt  in  der  Linea  alba  am 
besten  empfehlen. 

Eine  besondere  Aufmerksamkeit  erfordert  das  Auffinden  der 
vorgelagerten  Schlingen.  Diesbezüglich  hat  schon  Adelmann  darauf 
aufmerksam  gemacht,  dass  man  mit  seinen  Fingern  dem  Gekröse 
folgen  müsse,  da  dieses  der  sicherste  Wegweiser  sei.  Es  erklärt 
sich  daraus,  dass  derjenige  Theil  des  Gekröses,  welcher  den  vor- 
gefallenen Theilen  entspricht,  auch  der  gespanntere  sein  wird,  und 
sich  daher  auch  leichter  auffinden  lässt. 

Es  ist  dabei  nicht  immer  nöthig,  mit  der  ganzen  Hand  in  die 
Bauchhöhle  einzudringen,  sondern  genügen  2  oder  3  Finger  zur 
Reposition;  doch  ist  der  Anwendung  der  ganzen  Hand  nichts  ent- 
gegen zu  setzen  und  wird  die  Operation  gewiss  dadurch  um  so 
leichter  ausgeführt  werden  können.  Auf  die  Schwierigkeit,  welche 
Adelmann  nach  der  Laparotomie  bei  der  Reposition  fand,  wurde 
bereits  hingewiesen. 

Sind  die  Eingeweide  zurückgebracht,  so  handelt  es  sich  zu- 
nächst um  den  Biss  im  Mastdarme.  Eine  einfache  Reposition  ohne 
Naht,  selbst  bei  Einlegen  eines  Tampons  setzt  die  Kranken  der 
Gefahr   eines   nochmaligen  Vorfalles   aus  (Roch  6),  uud  ist  daher 


346  Englisch. 

die  Darmnaht  am  Bisse  in  jedem  Falle  angezeigt.  Je  näher  der 
Riss  am  After  liegt  und  je  schlaffer  der  Mastdarm  selbst  ist, 
um  so  leichter  wird  die  Naht  sein,  da  sich  im  letzteren  Falle  der 
Riss  durch  Herabziehen  des  Mastdarmes  so  zugänglich  machen 
lässt,  wie  im  ersten  Falle.  Aber  auch  bei  sehr  hoch  gelegenem 
Risse,  unterstützt  die  durch  die  Bauchwunde  eingeführte  Hand  die 
Naht  wesentlich,  indem  sich  einerseits  der  Riss  schärfer  markiren 
lässt,  andererseits  von  der  Bauchhöhle  aus  tiefer  herabgedrängt 
werden  kann.  Aus  diesem  Grunde  erscheint  bei  dem  Wundverlaufe 
unter  antiseptischen  Vorsichtsmassregeln  der  Bauchschnitt  auch 
dann  angezeigt,  wenn  die  Eingeweide  zwar  vollständig  zurück- 
gebracht worden  sind,  die  Naht  aber  wegen  höherer  Lage  des 
Risses  und  geringerer  Verschiebbarkeit  des  Mastdarmes  sehr  schwierig 
ist.  Die  Naht  *)  wird  in  der  Weise  ausgeführt,  dass  man  zuerst  die 
Bauchfellwunde  vereinigt  und  dann  erst  die  übrigen  Schichten. 

Da  durch  die  Risswunde  der  Darminhalt  in  die  Bauchhöhle  treten 
kann,  so  ist  eine  sorgfältige  Reinigung  des  Bauchfellsackes  unbe- 
dingt angezeigt.  Bezüglich  der  Naht  des  Risses  sei  noch  hinzuzufügen, 
dass  Qua n u  dieselbe  nur  dann  empfiehlt,  wenn  das  Individuum 
nicht  zu  sehr  verfallen  ist.  Die  Nachbehandlung  wird  wie  bei  jeder 
anderen  Laparotomie  sein,  nur  wird  man  dafür  Sorge  tragen  müssen, 
dass  einige  Zeit  nach  der  Operation  keine  Stuhlentleerung  erfolgt, 
und  die  Stuhlentleerungen  anfangs  leicht  seien.  Dass  Stuhlent- 
leerungen, welche  bald  nach  der  Operation  erfolgen,  nicht  absolut 
gefährlich  sind,  geht  aus  Adelmann's  Beobachtung  hervor. 

Haben  wir  es  mit  einem  eingeklemmten  Mastdarmbruche  zu 
thun,  so  müssen  wir  vor  Allem  die  Reposition  versuchen,  welche  nach 
Esmarch  in  der  tiefen  Narkose  sicher  gelingen  wird.  Ist  die 
Bruchpforte  gross,  so  unterliegt  es  keinem  Zweifel,  dass  die  Ein- 
geweide in  der  Narkose  zurücktreten  werden,  ebenso,  wenn  die  Ein- 
klemmung durch  eine  Zusammenziehung  des  äusseren  Schliess- 
muskels  oder  des  Afterhebers  bedingt  ist.  Ist  dagegen  die  Bruch- 
pforte sehr  enge  und  der  einschnürende  Ring  vorzüglich  von  der 
Beckenbinde   gebildet,    so    wird  die  blutige  Erweiterung  angezeigt 


')  Bei  der  geringen  Anzahl  der  Beobachtungen  lässt  sich  keine  bestimmte 
Methode  angeben,  und  wird  es  Sache  weiterer  Versuche  sein,  die  beste  Art 
der  Mastdarmnaht  für  solche  Fälle  zu  finden. 


Ueber  den  Mastdarmbruch.  347 

sein.  Dieselbe  kann  in  zweierlei  Weise  geschehen.  Entweder  es 
wird  die  eingestülpte  Wand  des  Mastdarmes  gespalten,  die  Ein- 
geweide blosgelegt  und  die  Erweiterung  wie  bei  anderen  Brüchen 
vorgenommen,  oder  aber  man  sucht  sich  dem  einschnürenden  Theile 
von  aussen  ohne  Eröffnung  des  Mastdarmes  zu  nähern.  Die  erstere 
Verfahrungsweise  hat  alle  Gefahren  eines  Mastdarmrisses,  nur  mit 
dem  Unterschiede,  dass,  da  wir  die  Wunde  in  einem  zugänglichen 
Theile  anlegen,  die  Naht  leichter  ausgeführt  werden  kann. 

Während  Dieffenbach  den  Vorschlag  machte,  in  der  Haut 
der  Umgebung  der  Geschwulst  einen  gegen  den  Sphincter  ani  ge- 
richteten Schnitt  zu  machen,  diesen  auf  die  Geschwulst  zu  verlän- 
gern und  nach  Erweiterung  der  einschnürenden  Theile  selbst  bis  zur 
Bloslegung  der  Darmschlingen  die  letzteren  zurückzuschieben,  schlägt 
Uhde  vor,  den  Schnitt  an  der  vorderen  Seite  der  Geschwulst  ent- 
sprechend dem  Mittelfleische  zu  machen,  nachdem  der  Kranke  in 
die  Lage  wie  beim  Seitensteinschnitte  gebracht  worden  ist.  Der 
Längsschnitt  liegt  1 — 2"  seitlich  der  Mittellinie,  beginnt  in  der 
Haut  1"  von  der  Uebergangsstelle  der  Haut  in  den  Schleimhaut- 
überzug und  wird  1"  weit  auf  diese  fortgesetzt,  so  dass  der  Schnitt 
in  der  Haut  und  Schleimhaut  eine  Länge  von  2"  hat.  Derselbe 
dringt  durch  die  Fascia  superficialis  und  die  Muscularis  des  Mast- 
darmes bis  gegen  die  Bauchfellausstülpung  vor.  Jetzt  wird  ein 
Bruchmesser  mit  der  gegen  das  Mittelfleisch  gekehrten  Schneide 
zwischen  Bauchfell  (Bruchsack)  und  Sphincter  externus  geführt  und 
der  Sphincter  ein  oder  mehrere  Male  eingekerbt,  worauf  die  Re- 
position der  Gedärme  gelingen  wird.  Da  diese  Verfahrungsweise 
nur  ausführbar  ist,  wenn  die  Bauchfellausstülpung  mit  der  Umge- 
bung nicht  verwachsen  ist,  so  schlägt  Uhde  im  entgegengesetzten 
Fall  vor,  die  Bauchfellausstülpung  unmittelbar  an  dem  Schliess- 
muskel  von  dem  Schleimhautschnitte  aus  zu  öffnen  und  den  Sphincter 
von  dem  Bruchsacke  aus  einzuschneiden. 

Der  Vorschlag  Uhde 's  geht  von  der  Voraussetzung  aus,  dass 
die  Einklemmung  vorzugsweise  durch  den  Schliessmuskel  erzeugt 
werde,  dem  jedoch  der  Befund  bei  den  meisten  Beobachtern  wider- 
spricht. Nichtsdestoweniger  lässt  sich  diese  Operationsweise  empfeh- 
len, indem  sie  sich  auch  bei  Einklemmungen  aus  anderen  Gründen 
ausfuhren  lässt,  da  der  angegebene  Schnitt  immer  in  der  Nähe  der 
Einklemmung  liegen  wird  und  die  spätere  Naht  der  Mastdarm  wunde 


350  Englisch. 

nach  der  ei  Den  Seite,  die  Convexitäten  aber  nach  der  entgegenge- 
setzten Seite  sehen.  Sind  die  eingelagerten  Eingeweide  reponirt,  so 
wird  der  Vorfall  durch  Fadenschlingen  oder  Häkchen  in  seiner 
ganzen  Dicke,  nicht  blos  mit  gefasster  Schleimhaut  vor  dem  After 
gehalten,  der  Zeigefinger  der  1.  Hand  in  das  Mastdarmrohr  ein- 
geführt und  dieses  mittelst  des  Daumens  gegen  den  Zeigefinger 
fixirt.  Nun  führt  man  die  erste  Nadel  an  dem  Bande  des  Afters 
von  dem  Lumen  des  Vorfalles  aus  durch  alle  Schichten  hindurch, 
und  zieht  das  Kautschukrohr  so  weit  nach,  dass  die  Nadel  unge- 
fähr 6  Ctm.  von  der  Schleimhaut  entfernt  werden  kann.  Während 
ein  Gehilfe  die  erste  Nadel  hält,  rückt  Daumen  und  Zeigefinger 
der  1.  Hand  um  2 — 3  Ctm.  weiter  vor  und  wird  an  dieser  Stelle 
die  zweite  Nadel  in  gleicher  Weise  von  der  Höhle  aus  durch  alle 
Schichten  durchgestochen  und  wieder  in  derselben  Entfernung  nach 
aussen  gezogen.  Die  zweite  Nadel  wird  auch  vom  Gehilfen  fixirt.  Nach- 
dem die  Finger  der  1.  Hand  noch  um  2 — 3  Ctm.  in  derselben  Bichtung 
weiter  gerückt  sind,  wird  die  dritte  Nadel  durchgestochen  u.  s.  w., 
bis  der  ganze  Umfang  des  Vorfalles  umkreist  ist.  Die  letzte  Nadel 
muss  durch  die  erste  Einstichsöffnung  geführt  werden.  Dadurch,  dass 
die  Nadeln  alle  in  derselben  Weise  aufgefädelt  sind,  ist  es  leicht, 
die  zu  einer  Schlinge  gehörigen  Enden  zu  bestimmen,  umsomehr  als 
bei  dem  angegebenen  Einführen  der  Nadeln  dieselben  sämmtlich 
an  der  äusseren  Seite  der  Vorfalles  liegen  und  nicht  leicht  in  Ver- 
wirrung gerathen  können.  Nun  durchschneidet  man  z.  B.  an  der 
Convexität  der  ersten  und  zweiten  Nadel  die  im  Ohre  befindlichen 
Schlingen  der  Kautschukröhren,  so  hat  man,  wenn  z.  B.  alle  Nadeln 
die  Convexität  gegen  die  r.  Seite  des  Operateurs  kehren,  für  das  1.  Heft 
das  der  Concavität  der  ersten  Nadel  entsprechende  Stück  der  Schlinge, 
welches  diese  Nadel  trägt  und  das  der  Convexität  der  zweiten  Nadel 
entsprechende  Stück.  Die  Enden  werden  aber  nicht  geknüpft,  sondern 
möglichst  weit  vom  Darme  entfernt  durch  einen  Faden  zusammen- 
gebunden. In  derselben  Weise  geht  es  weiter  bis  zur  letzten  Nadel. 
Am  ersten  Einstichspunkte  bleiben  zwei  Stück  übrig,  da  derselbe 
bekanntlich  vier  enthalten  muss,  wenn  die  letzte  Nadel  richtig  geführt 
ist,  welche  kein  Heft  geben,  aber  ruhig  belassen  werden  können. 
Durch  das  blosse  Durchführen  der  elastischen  Köhren  werden  die 
breiten  Platten  des  Vorfalles  so  fest  an  einander  gehalten,  dass  eine 
Verklebung  des  Bauchfellüberzuges  erfolgt,  die  um  die  Stichkanäle 


Ueber  den  Mastdarmbruch.  351 

beginnt  und  sich  in  der  Umgebung  ausbreitet,  bis  das  Bauchfell 
im  ganzen  Umfange  des  Darmes  verklebt  ist.  Dass  dieses  der  Fall 
ist,  davon  habe  ich  mich  durch  Behandlung  des  Spornes  beim 
widernatürlichen  After  nach  gangränösem  Eingeweidebruche,  welche 
ich  mit  der  elastischen  Ligatur  behandle,  überzeugt.  Zieht  man  jedoch 
die  grosse  Beweglichkeit  des  Mastdarmes  in  Betracht,  so  wird  es 
bei  Behandlung  des  Mastdarmvorfalles  doch  gerathen  sein,  eine 
2.  Reihe  von  Heften  anzulegen.  Zu  diesem  Behufe  wird  ein  2.  Kaut- 
schukrohr in  derselben  Weise  vorbereitet.  Die  Finger  der  1.  Hand 
fassen  jetzt  den  Vorfall  wie  früher,  um  2  Ctm.  weiter  vom  After 
entfernt  als  die  erste  Beihe  der  Hefte,  der  Durchstich  erfolgt  wie- 
der von  der  Höhle  des  Vorfalles  gegen  die  äussere  Fläche,  nur 
wird  der  1.  Durchstich  jetzt  in  der  Mitte  zwischen  2  Heften,  der  1. 
Beihe  zu  liegen  kommen  müssen,  wenn  wir  eine  sichere  Vereini- 
gung erzielen  wollen,  indem  sich  die  in  der  Umgebung  der  Stiche  der 
2.  Beihe  beginnende  Entzündung,  beziehungsweise  Verklebung  gegen 
die  Mitte  der  1.  Beihe  ausbreitet.  Das  Einführen  der  Nadeln  erfolgt 
weiter  genau,  so  wie  bei  der  1.  Beihe,  ebenso  das  Durchtrennen 
der  Schlingen  und  das  Zusammenbinden  der  freien  Schnittenden. 
Sind  von  beiden  Reihen  die  Nadeln  entfernt,  so  wird  jetzt  ein  2  Ctm. 
breiter  Streifen  der  Bauchfellausstülpung  in  Berührung  erhalten. 

Die  weitere  Aufgabe  besteht  nun  darin,  den  Vorfall  vor  dem 
After  zu  erhalten,  was  sich  durch  Fadenschlingen,  die  mittelst 
Heftpflaster  am  Oberschenkel  oder  in  anderer  Weise  befestigt  werden, 
bewerkstelligen  lässt.  Hat  man  die  sichere  Ueberzeugung,  dass  die 
Verklebung  der  Bauchfellausstülpung  erfolgt  ist,  was  nach  3-5  Tagen 
sicher  anzunehmen  ist,  dann  erst  knüpft  man  die  einzelnen  Schlingen 
der  elastischen  Ligatur.  Ich  glaube,  dass  es  gerathen  ist,  zuerst  die 
2.,  vom  After  entfernte  Beihe  zu  benützen,  weil  der  dadurch  gesetzte 
Beiz  die  Verklebung  höher  oben  noch  mehr  bewerkstelligt.  Erst 
nach  2—3  Tagen  oder  noch  später  kommt  die  dem  After  nähere, 
d.  i.  die  zuerst  angelegte  Beihe  zum  Knüpfen.  Auf  diese  Weise 
glaube  ich,  wird  sich  eine  hinlänglich  sichere  Verwachsung  erzielen 
lassen  und  die  Gefahr  eines  nachträglichen  Vorfalles  vermieden 
werden.  Ist  der  abgeschnürte  Theil  abgestoßen,  so  liegt  die  Narbe 
in  der  Gegend  des  Afters  und  wird  bei  der  nachträglichen  Zu- 
sammenziehung des  Schliessmuskels  sogar  über  demselben  zu  liegen 
kommen.  Dass  die  Verwachsung  bei  der  elastischen   Ligatur  eine 

M«d.  Jdvbfefc«r.  1862.  gU 


852  Englisch. 

feste  ist,  beweist,  dass  in  den  von  mir  behandelten  Fällen  von 
widernatürlichem  After  vom  4.  Tage  an,  nach  Durchführung  des 
Kautschukrohres  und  am  2.  Tage  nach  dem  Knüpfen  der  Schlinge 
der  Darminhalt  durch  die  im  Sporn  gebildete  Oeffnung  aus  dem 
zuführenden  Ende  bequem  und  ohne  Beschwerde  in  das  abführende 
Ende  übertrat.  Ich  führte  durch  das  Liegenlassen  des  Rohres  zuerst 
eine  Verklebung  des  weit  vorgezogenen  Spornes  herbei,  der  erst  dann 
durch  das  Knüpfen  der  Schlinge  in  einer  Ausdehnung  von  2  Gtm. 
durchtrennt  wurde. 

Erweist  sich  der  After  zu  schlaff,  um  selbst  nach  der  Opera- 
tion des  Vorfalles  den  Mastdarm  zurückzuhalten,  so  kann  man  die 
Verengerung  des  Afters  in  einer  der  bekannten  Weisen  vornehmen, 
obwohl  die  bis  jetzt  mitgetheilten  Erfolge  dieser  Operation  nicht 
vollkommen  befriedigend  sind. 

Wie  aus  dem  Mitgetheilten  hervorgeht,  verdienen  grosse 
Mastdarmvorfälle  unsere  Beachtung  mehr  als  sie  ihnen  bis  jetzt  zu 
Theil  geworden  ist  und  habe  ich  die  Ueberzeugung,  dass  sich  dann 
die  Zahl  der  Fälle  des  Mastdarmbruches  vermehren  wird.  Es  wird 
ferner  eine  weitere  Aufgabe  sein,  diejenige  Operationsweise  zu 
erfinden,  durch  welche  wir  am  sichersten  im  Stande  sind,  den  Vorfall 
abzutragen,  denn  nur  auf  diese  Weise  können  wir  eine  Radicalheilung 
erzielen.  Beide  Aufgaben  werden  sich  jedoch  nur  dann  lösen  lassen, 
wenn  zahlreiche  Kräfte  zusammenwirken,  da  bei  der  relativen  Sel- 
tenheit der  Fälle  dem  einzelnen  Beobachter  immer  nur  eine  geringe 
Anzahl  vorkommen  werden. 


•w- 


Literatur. 

Adelmann:   Riss  des  Mastdarmes  und  Vorfall  der  Gedärme  aus  demselben. 

Journal  f.  Chirurgie  u.  Augenheilkunde  von  Graf e- Walther- Ammon,  N.  F. 

Bd.  4.  S.  556,  1845. 
Allingham:  Tratte*  des  maladies  du  rectum,  diagnostique,  traitement,  trad. 

p.  Poinsot.  Paris  1877,  p.  174. 
Baum  s.  Uhde  1.  c.  p.  16. 
Boeckel  s.  Roche*. 
Brodie:  Fall  einer  seltenen  Art  von  Hernie.  London  med.  and  phys.  Journal 

1827;  s.  Revue  de  Chirurgie.  Paris  1882,  Mars,  p.  184. 


Ueber  den  Mastdarmbruch.  358 

Brunn:  Beobachtungen  und  Mittheilungen  aus  der  Praxis.  2.. Mastdarmbruch. 

Casper's  Wochenschrift  för  die  gesammte  Heilkunde.  Jahrg.  1833,  Bd.  2, 

Nr.  40,  S.  934. 
*Bünger. 

*  Bus  he. 

Dieffenbach:  Operative  Chirurgie.  Bd.  2,  S.  631.  Leipzig  1848. 
Esmarch:  Krankheiten  des  Mastdarmes  und  Afters.  Handb.  d.  Chirurgie  von 

Pitha-Billroth.  Bd.  3,  Abth.  2,  Lief.  5. 
Fiedler-Ohle:  Magazin  der  gesammten  Heilkunde  von  Rust.  Bd.  2,  S.  253, 

1817;  American  Journal  1874.  Vol.  2.  p.  48. 
Molliere:  Tratte*  des  maladies  du  rectum  et  de  Tanus.  Paris  1877,  p.  236. 
♦Nedham:  Philosoph.  Transact.  Vol.  49.  p.  238.  XXVII. 
Pockels   s.   Uhde   1.  c.  S.  13   oder   Catalog   des   Collegium  anat.  Chirurg. 

Braunschweig  1854. 
Portal:  Prelis  de  Chirurgie  pratique.  Paris  1768.  III.  pars  p.  661. 
Pyl:  Aufsätze  und  Beobachtungen.  S.  133;  s.  Adelmann  1.  c. 
Qulnu:  Des  ruptures  spontaneres  du  rectum.  Revue  de  Chirurgie.  Paris  1882, 

Mars,  p.  173. 
Roch 6:  Chute  totale  du  rectum,  ruptures  de  Hntestin  pendant  la  reposition. 

Revue  meMic.  Chirurg.    1853   p.  600;   Molliere   1.  c.   p.  237   (Fall   aus 

Boeckel's  Klinik). 
Schreger:  Chirurgische  Versuche.  Nürnberg  1818.  Bd.  2  p.  186—208. 

*  Stockes:  Brit.  med.  Journ.  1872,  June. 

Streubel:  Handbuch  der  Chirurgie  von  Pitha-Billroth.  Bd.  3.   Abth.  2. 

S.  336  (Schmidt,  Hernien). 
Uhde:  Hydrocele.  Langenbeck's  Archiv  für  klin.  Chirurgie  1867,  Bd.  9.  S.  1. 


*)  War  dem  Verfasser  weder  im  Originale  noch  in  einem  genügenden 
Auszüge  zugänglich. 


23' 


[1 


XVI. 

Experimentelle   Untersuchungen  über  die  Leitungs- 
bahnen im  Rückenmarke  des  Hundes. 

Von 

Dr.  Wasil  Kusmin, 

Privat-Docenten  der  Chirurgie  an  der  kaiserl.  Universität  in  Moskau. 

Aus  dem  Institute  für  experimentelle  Pathologie  in  Wien. 

(Von  der  Kedaction  am  24.  Mai  1882  übernommen.) 


Die  in  jüngster  Zeit  über  die  Leitungsbahnen  des  Bücken- 
markes von  Woroschiloff !)  und  N.  Weiss2)  angestellten  Unter- 
suchungen ergaben,  dass  die  sensiblen  und  motorischen  langen 
Bahnen,  durch  welche  der  functionelle  Zusammenhang  des  Gehirnes 
mit  den  aus  dem  Bückenmarke  entspringenden  Nerven  hergestellt 
wird,  nur  in  den  Seitensträngen  verlaufen.  In  Betreif  der  Function 
der  vorderen  und  hinteren  Stränge  haben  die  genannten  Experi- 
mentatoren keinen  Aufschluss  erhalten.  Dies  war  für  mich  die  Ver- 
anlassung zu  einer  Beihe  von  Experimenten,  über  welche  ich  in 
Folgendem  berichte. 

Meine  Versuche  waren  darauf  gerichtet,  die  Thiere  nach 
der  Bückenmarks-Operation  am  Leben  zu  erhalten.  Es  war  daher 
nothwendig,  die  in  der  chirurgischen  Praxis  geltenden  Cautelen  der 
Antiseptik  auf  das  strengste  zu  befolgen.  Auf  diese  Weise  gelang 
es  mir  die  Heilung  der  Wunden  meiner  Versuchsthiere  per  primam 
intentionem  herbeizuführen. 


*)  Der  Verlauf  der  motorischen  und  sensiblen  Bahnen  durch  das  Len- 
denmark des  Kaninchens.  Arbeiten  aus  der  physiologischen  Anstalt  zu  Leipzig. 
IX.  Jahrgang.  1874. 

*)  .Untersuchungen  über  die  Leitungsbahnen  im  Bückenmarke  des  Hun- 
des. Sitzungsb.  der  k.  Acad.  d.  Wissenschaften.  LXXV.  Bd.  Dec.  1878. 


356  Kusmin. 

Ich  habe  meine  Versuche  an  36  meist  jungen  Hunden  (im 
Alter  von  2  Monaten  bis  zu  einem  Jahre)  in  der  Weise  ausgeführt, 
dass  gewisse  Theile  des  Bückenmarkes  einerseits  in  der  Gegend 
des  12.  Brustwirbels,  andererseits  in  der  Gegend  des  6.  Halswir- 
bels durchschnitten  worden  sind.  Die  Sensibilität,  und  Reflexerreg- 
barkeit habe  ich,  sobald  das  Thier  aus  der  Narkose  vollständig 
erwacht  war,  nach  den  verschiedenen  Methoden  an  den  vorderen  und 
hinteren  Extremitäten  geprüft.  Bei  der  Bestimmung  der  Motilität 
waren  für  mich  die  freiwillig  vom  Thiere  ausgeführten  Bewegungen 
massgebend.  Die  durch  die  Operation  gesetzte  Verletzung  des  Rücken- 
markes wurde  nachträglich  an  dem  in  Müller'scher  Flüssigkeit, 
oder  in  7io#  Chromsäurelösung  und  in  Alkohol  gehärteten  Rücken- 
marke mikroskopisch  controlirt. 

I.  Versuchsreihe. 

Diese  Versuchsreihe  betrifft  6  Thiere,  denen  die  vor- 
deren und  hinteren  Stränge,  sowie  auch  die  graue  Axe 
entweder  in  der  Gegend  des  6.  Hals-  oder  des  letzten 
Brustwirbels  durchtrennt  worden  sind. 

Die  Thiere  zeigten  eine  wahrnehmbare,  wenn  auch  nicht  be- 
deutende Herabsetzung  der  Sensibilität,  so  wie  auch  eine  geringe 
Schwäche  bei  der  Ausführung  der  willkürlichen  Bewegungen.  Die 
Hunde  sassen  und  gingen  zwar  wie  normale  Thiere.  Auffällige  Be- 
sonderheiten machten  sich  erst  dann  geltend,  wenn  die  "Thiere  zum 
rascheren  Gehen,  oder  Springen  angetrieben  wurden.  Dann  zeigte 
es  sich,  dass  sie  die  verlangte  Bewegung  nur  mangelhaft  auszu- 
fuhren vermochten. 

Diese  Erscheinungen  besserten  sich  allmählich  und  nach  2 — 3 
Monaten  waren  dieselben  fast  ganz  geschwunden.  Es  machte  sich 
nur  mehr  eine  dorsalwärts  gerichtete  Flexion  des  Fusses  im  Talo- 
cruralgelenke  bemerkbar. 

Jene  Thiere,  an  welchen  ich  die  gleichen  Operationen  in  der 
Höhe  des  6.  Halswirbels  ausgeführt  habe,  zeigten  analoge  Störungen. 
Ausserdem  habe  ich  bei  diesen  Thieren  in  den  ersten  Tagen  nach  der 
Operation  nicht  selten  Streckcontracturen  der  vorderen  und  hinteren 
Extremitäten  beobachtet.  Jeder  Schritt  war  von  einer  eigenthümlich 
hüpfenden  Hebung  des  ganzen  Körpers  begleitet,  die  Fussspitzen 
fanden  an  jeder  Unebenheit  des  Bodens  ein  Hinderniss,  die  vorderen 


Leitangsbahnen  im  Bückenmarke  des  Hundes.  357 

Extremitäten  blieben  beim  Vorwärtsschleudern  gestreckt  und  steif,  und 
die  Hunde  zagten  eine  Neigung  zum  Vornüberfallen.  Diese  Gaugart 
könnte  vielleicht  auf  Muskelspannungen  beruhen,  welche  durch  Beizung 
der  nicht  durchschnittenen  motorischen  Bahnen  veranlasst  wurden, 
vielleicht  auch  auf  Beflexcontractionen  in  den  verschiedenen  Muskel- 
gruppen, doch  enthalte  ich  mich  hierüber  eines  bestimmten  Urtheils, 
da  ich  die  Sache  nicht  näher  verfolgt  habe.  Nach  2—3  Tagen  Hessen 
die  Contracturen  nach.  Die  Sensibilität  und  Reflexerregbarkeit  waren 
in  allen  Stadien  der  Beobachtung  erhalten,  aber  die  erstere  war  etwas 
herabgesetzt.  Aus  diesen  Versuchen  kann  man  den  Schluss  ziehen,  dass 
die  Seitenstränge,  so  weit  es  die  Sensibilität  und  Motilität  betrifft, 
die  Function  der  durchschnittenen  Bückenmarkspartien  zum  grossen 
Theile  übernehmen  können.  Da  aber  die  Thiere,  wie  ich  schon 
oben  erwähnt  habe,  eine  deutliche  Herabsetzung  der  Motilität  und 
Sensibilität  erkennen  Hessen,  konnte  der  Vermuthung  Baum  gege- 
ben werden,  dass  die  durchschnittenen  Bückenmarkspartion  auch 
einen  Antheil  an  der  Leitung  haben.  Von  dieser  Vermuthung  aus- 
gehend, stellte  ich  weitere  Versuche  an. 

II.  Versuchsreihe. 

Ich  habe  an  4  Hunden  die  Seitenstränge  im  Lenden- 
marke in  der  Gegend  des  letzten  Brustwirbels  durchschnit- 
ten, während  ich  die  vorderen  und  hinteren  Stränge  und 
die  graue  Axe  intact  liess. 

Die  antiseptische  Wundbehandlung  hat  mir  hier  einen  noch 
grösseren  Dienst  geleistet,  weil  die  Wunden  fast  bei  allen  Tbieren 
ohne  Eiterung  heilten.  Die  Thiere  boten  folgende  Erscheinungen: 
Einige  Stunden  nach  der-  Narkose  habe  ich  stets  beim  Drücken 
der  Pfoten,  Kneipen  von  Hautfalten  und  Faradisiren  —  die  Sensi- 
bilität an  den  hinteren  Extremitäten  stark  herabgesetzt  gefunden. 
Die  Beflexe  waren  erhalten  und  nicht  selten  gesteigert.  Die  Thiere 
litten  an  beständigem  Harnträufeln. 

Unmittelbar  nach  der  Operation  und  einige  Stunden  darauf 
vermisste  man  jede  active  Bewegung  an  den  hinteren  Extremitäten. 
Dieselben  waren  im  Knie  und  im  Talocrural-Gelenke  gestreckt,  im 
Hüftgelenke  adducirt,  nach  vorne  und  zur  Seite  gerichtet  und  wur- 
den in  dieser  Stellung  beim  Gehen  von  dem  Thiere  mitgeschleppt. 
Schon  bei  meinen  ersten  Versuchen  fiel  es  mir  auf,  dass  diese  Thiere 


358  Kuamin. 

nicht  die  Erscheinungen  einer  completen  Lähmung  des  hinteren 
Körpertheils  zeigten,  wie  nach  einer  totalen  Durchschneidung  des 
Rückenmarkes,  in  Folge  deren  die  nach  rückwärts  gerichteten  hin- 
teren Extremitäten  im  Knie  und  Talocmral-Gelenke  schlottern  und 
von  den  Thieren  förmlich  nachgeschleppt  werden.  Es  liess  sich 
also  vermuthen,  dass  trotz  der  totalen  Durchschneidung  der  Seiten- 
stränge noch  motorische  Bahnen  in  den  verschonten  Theilen  ver- 
laufen. Diese  Vermuthung  werde  ich  später  mit  zwingenderen  Be- 
weisen belegen. 

Da  auch  die  Sensibilität  nicht  ganz  erloschen,  sondern  nur 
herabgesetzt  erschien,  so  musste  man  in  gleicher  Weise  auch  sen- 
sible lange  Bahnen  in  den  intacten  Rückenmarksresten  annehmen. 

Am  2.  oder  3.  Tage  änderte  sich  das  Bild.  Die  Thiere  fingen 
an  unzweifelhafte  willkürliche  Bewegungen  mit  den  hinteren  Extremi- 
täten auszuführen  und  bei  Zurufen  mit  dem  Schwänze  zu  wedeln. 
Von  nun  an  nahmen  die  willkürlichen  Bewegungen  an  Intensität 
zu  und  am  8.  oder  9.  Tage  machten  die  Thiere  sogar  den  Versuch, 
sich  auf  die  hinteren  Extremitäten  zu  stützen.  Die  Incontinenz  der 
Blase  bestand  fort.  Nach  2  Wochen  gingen  die  Thiere  auf  allen 
Vieren,  aber  sie  lehnten  sich  hiebei  mit  dem  Körper  an  die  Wand  des 
Zimmers  an.  Nach  einigen  Schritten  ermüdeten  die  Thiere  und  fingen 
an  die  Beine  in  der  beschriebenen  Weise  mitzuschleppen.  Nach  Ver- 
lauf von  18 — 20  Tagen  gingen  die  Thiere  schon,  ohne  sich  zu 
stützen  herum,  waren  aber  noch  nicht  fähig  schnell  zu  laufen.  Die 
Thiere  standen  aufrecht  und  gingen,  aber  es  war  dies  nicht  der 
feste  normale  Gang,  denn  sie  hielten  die  hinteren  Beine  etwas 
nach  hinten  gerichtet  und  weit  gespreizt,  um  dadurch,  wie  es 
schien,  den  schwachen  hinteren  Extremitäten  zu  Hilfe  zu  kommen. 
Zeitweise  kippten  die  Zehen  der  hinteren  Extremitäten  bald  an  der 
einen,  bald  an  der  anderen  Extremität  um  und  kehrten  die  Dorsal- 
fläche dem  Boden  zu.  Dabei  schwankten  die  Thiere  mit  dem 
hinteren  Theile  des  Körpers  bald  nach  rechts,  bald  nach  links, 
mitunter  fielen  sie  auch  zu  Boden,  von  dem  sie  sich  nur  mit 
grosser  Mühe  wieder  erheben  konnten. 

Die  Thiere  boten  somit  eine  kenntliche  Schwäche  einzelner 
Muskelgruppen  und  zwar  vorzüglich  der  Extensoren.  Mit  jedem 
späteren  Tage  schwand  allmälig  die  Muskelschwäche,  so  dass 
nach  4 — 5  Wochen  die  Thiere  schon  schnell  liefen  und  nur  mehr 


Leitungsbahnen  im  Bückenmarke  des  Hundes.  359 

unter  geringem  Schwanken  einen  Weg  von  1  Kilometer  Länge, 
ohne  zu  ermüden,  zurücklegen  konnten.  Aber  noch  nach  2  Monaten 
konnte  ich  eine  gewisse  Mangelhaftigkeit  in  Bezug  auf  die  Aus- 
giebigkeit und  Schnelligkeit  der  Bewegungen  constatiren.  Nament- 
lich war  dies  dann  zu  beobachten,  wenn  sich  die  Thiere  vom 
Boden  erheben  wollten. 

Gleichzeitig  mit  der  Besserung  der  Motilität  ging  auch  eine 
Besserung  der  Sensibilität,  sowie  auch  der  Harnentleerung  einher. 
Nach  3 — 4  Wochen  hörte  das  Harnträufeln  auf  und  die  Thiere, ver- 
mochten den  Harn  frei,  allerdings  auf  nur  kurze  Zeit  zurückzuhalten. 
Es  musste  demgemäss  aus  diesen  Versuchen  der  Schluss  gezogen 
werden,  dass  die  sensiblen  und  motorischen  langen  Bahnen  nicht 
allein  in  den  Seitensträngen  wie  es  Woroschiloff  *)  und  N.  Weiss2) 
anzunehmen  geneigt  waren,  verlaufen,  sondern  auch  in  den  intact 
gebliebenen  Theilen  des  Kückenmarkes.  Da  diese  willkürlich  moto- 
rischen Bahnen  nach  der  Durchschneidung  der  Seitenstränge  die 
Leitung  vom  und  zum  Gehirn  für  beide  Hälften  des  hinteren  Körper- 
theiles  mit  vollkommenem  Erfolge  übernommen  haben,  so  müssen 
sie  zahlreich  und  in  beiden  Längshälften  der  nicht  durchschnittenen 
Bückenmarkspartien  ihren  Weg  nehmen. 

Jene  Experimentatoren,  welche  ihre  Versuchsthiere  nicht  an- 
tiseptisch behandelten,  konnten  nicht  zu  den  eben  mitgetheilten 
Besultaten  gelangen,  einerseits  weil  die  Versuchsthiere  bald  nach 
der  Operation  zu  Grunde  gingen  und  auch  andererseits,  weil  bei  pro- 
fuser Eiterung  des  Bückenmarkes  die  nicht  durchschnittenen  Partien 
degenerirten.  Die  nach  der  Durchschneidung  der  Seitenstränge  in 
Function  tretenden  Nervenfasern  sind  wahrscheinlich  zum  grössten 
Theil  nicht  neugebildet3).  Denn  1.  stellen  sich  gleich  oder  schon  in 
den  ersten  Tagen  nach  der  Operation  Zeichen  von  Sensibilität 
und  Motilität  ein;  2.  ergab  die  Autopsie  an  der  Operationsstelle 
entweder  eine  klaffende  Wunde,  oder  eine  bindegewebige  Narbe 
ohne  Nerven.    Es  kann  somit  nur  angenommen  werden,  dass  nach 


J)  1.  c.  p.  118. 

■)  1.  c.  p.  356. 

*)  Die  Bezeichnung  „neugebildet"  soll  hier  in  dem  Sinne  verstanden 
werden,  dass  nicht  funetionirende,  vielleicht  auf  einer  embryonalen  Ent- 
wicklungsstufe stehende  Nervenfasern  sich  zu  funet ionsreifen  Nervenbahnen 
umgestalten. 


360  Knsmin. 

der  Durchschneidung  der  Seitenstränge  die  Function  durch  Bahnen 
hergestellt  wurde,  welche  innerhalb  der  intact  gebliebenen  Bücken- 
markstheile  verlaufen.  Ich  werde  für  die  Richtigkeit  dieser  Behaup- 
tung später  noch  einen  anderen  Beweis  vorbringen. 

Dass  nach  Durchschneidung  der  Seitenstränge  in  dem  intact 
gebliebenen  Bückenmarksreste  motorische  Bahnen  vorhanden  sein 
müssen,  ist  überdies  noch  aus  folgenden  Versuchen  zu  ersehen. 
Es  wurden  bei  5  Hunden  beide  Seitenstränge  in  der  Höhe  des 
sechsten  Halswirbels  durchschnitten.  Die  Thiere  gingen  in  6  bis 
12  Stunden  zu  Grunde,  weil,  wie  ich  später  mitth eilen  werde, 
durch  die  Durchschneidung  der  in  den  Seitensträngen  verlaufenden 
vasomotorischen  Bahnen  ein  bedeutender  Abfall  des  Blutdruckes 
herbeigeführt  wird.  Die  Thiere  konnten  weder  gehen,  noch  stehen, 
sie  lagen  continuirlich  auf  einer  Seite.  Doch  führten  dieselben, 
wenn  ich  ihnen  zurief,  mit  den  Extremitäten  und  dem  Schwänze 
Bewegungen  aus.  Wenn  ich  den  Thieren  einen  mit  Ammoniak 
getränkten  Schwamm  vor  die  Nase  hielt,  so  stellten  sich  gleichfalls 
Bewegungen  der  Extremitäten  und  des  Schwanzes  ein. 

Zuweilen  wurden  diese  Bewegungen  in  der  Weise  ausgeführt, 
als  wenn  das  Thier  eine  Ortsveränderung  insceniren  wollte. 

Eine  Sensibilität  an  den  hinteren  Extremitäten  und  in  dein 
Schwänze  konnte  ich  niemals  nachweisen1). 

Um  über  das  geschilderte  Verhalten  der  Motilität  Aufschluss 
zu  gewinnen,  stellte  ich  folgende  Versuche  an. 

Ich  habe  3  Hunde  unvollkommen  mit  Curare  vergiftet  und  hierauf 
beide  Seitenstränge  am  6.  Halswirbel  durchtrennt.  Wenn  ich  nun  zu 
einer  Zeit,  da  die  Curare  Vergiftung  schon  zu  schwinden  begann,  ober- 
halb der  Schnittstelle  am  Calamus  scriptorius  das  Halsmark  tetani- 
sirte,  so  traten  deutliche  Bewegungen  der  hinteren  Extremitäten 
und  des  Schwanzes  ein.  Diese  Versuche  führen  in  unzweifelhafter 
Weise  zu  der  Schlussfolgerung,  dass  durch  den  intact  gebliebeneu 
Best  des  Halsmarkes  motorische  Bahnen  für  die  hinteren  Extremi- 
täten und  den  Schwanz  ziehen  müssen. 


*)  Die  vorderen  Extremitäten  zeigten  eine  unverkennbare  Sensibilität, 
denn  so  oft  die  Thiere  an  den  vorderen  Pfoten  gekneipt  oder  gedrückt  wurden, 
fingen  sie  zu  winseln  an,  aber  diese  Sensibilität  beweist  nicht  viel,  denn  es 
konnte  sich  hier  auch  um  sensitive  Nerven  handeln,  welche  das  Rückenmark 
oberhalb  der  Schnittstelle  verlassen. 


Leitungsbahnen  im  Bückenmarke  des  Hundes.  361 

m.  Versuchsreihe. 

Ich  habe  auch  der  Frage  über  die  Kreuzung  der  sensiblen 
Bahnen  im  Rückenmarke  meine  Aufmerksamkeit  geschenkt.  Ich 
habe  an  einem  Hunde  in  der  Höhe  des  sechsten  Halswirbels  eine 
rechtsseitige  Hemissection  des  Bückenmarkes  ausgeführt.  Das  Thier 
zeigte  gleich  nach  der  Operation  —  Paralyse  der  vorderen  und 
hinteren  Extremitäten  und  zwar  der  verletzten  Seite,  aber  Ver- 
lust der  Sensibilität  am  hinteren  Beine  der  contralateralen  Seite, 
während  die  Empfindlichkeit  der  vorderen  Extremitäten  gleich- 
falls an  contralateraler  Seite  etwas  herabgesetzt  war.  Doch  blieb 
dieser  Zustand  nicht  constant.  Schon  am  2. — 3.  Tage  war  erhöhte 
Reflexerregbarkeit  und  Spuren  von  Sensibilität  an  der  früher  em- 
pfindungslosen unverletzten  Seite  wahrzunehmen.  Noch  deutlicher 
war  die  Besserung  der  Sensibilität  am  3. — 5.  Tage  ausgeprägt.  Es 
kann  demgemäss  nicht  bezweifelt  werden,  dass  die  sensitiven  Nerven 
der  hinteren  Extremitäten  im  Halsmarke  schon  gekreuzt  sein  müssen. 
Ausserdem  folgt  aus  diesem  Versuche,  dass  die  intact  gebliebenen 
Rückenmarkspartien  Nervenbahnen  enthalten  müssen,  welche  die 
Sensibilität  an  der  früher  empfindungslosen  Extremität  wieder  her- 
stellen. Gleichzeitig  besserte  sich  auch  die  motorische  Paralyse  an 
der  verletzten  Seite.  Die  Thiere  bewegten  die  früher  gelähmten 
Extremitäten  immer  prompter;  ja  nach  Verlauf  von  6  Wochen 
konnten  die  Versuchsthiere  sogar  laufen.  Es  machten  sich  aller- 
dings dann  geringere  Excursionen  in  den  einzelnen  Gelenken  und 
Umkippungen  der  Fussspitze  auf  die  Dorsalfläche  geltend. 

Das  Wiederauftreten  der  Motilität  auf  der  Operationsseite  legte 
die  Frage  nahe,  auf  welche  Weise  die  willkürlichen  Impulse 
auf  die  gelähmte  Seite  übergehen.  Es  fragte  sich,  findet  dieser 
Uebergang  unten  an  der  Abgangsstelle  der  für  die  hinteren  Extre- 
mitäten bestimmten  vorderen  Nervenwurzeln  oder  irgend  wo  oben 
unterhalb  der  Durchschnittsstelle  statt,  oder  besitzt  die  graue  Sub- 
stanz das  Vermögen  die  Leitung  der  durchschnittenen  Nervenfasern 
zu  completiren.  Mein  Versuch^  lehrt,  dass  nur  jene  dieser  Annah- 
men richtig  ist,  welche  sagt,  dass  die  vicaiiirenden  motorischen 
Nervenfasern  erst  im  Ursprungsgebiete  der  vorderen  Rückenmarks- 
wurzeln auf  die  andere  Seite  übertreten.  Den  Versuch  habe  ich,  wie 
folgt  angestellt.    Ich  führte  an  einem  Hunde  in  der   Höhe   des   6. 


362  Knsmin. 

Halswirbels  eine  rechtsseitige  Hemisection   aus.    Nun   wartete  ich 
ab,  bis  sich  die  Motilität  an  der  gelähmten  rechten  Seite  hergestellt 
hat.    Dies  erforderte  einen  Zeitraum  von  7  Wochen.     Jetzt  wurde 
auf  derselben  Seite  des  Bückenmarkes  in  der  Höhe  des  2.  Lenden- 
wirbels gleichfalls   eine  rechtsseitige   Hemisection   ausgeführt.  Ea 
zeigte  sich  nun,   dass  die  zweite  Hemisection  keine   Aenderung  in 
der  Motilität  der  rechten    hinteren   Extremität   herbeigeführt  hat; 
auch  die  Sensibilität  blieb  an  beiden   Extremitäten    erhalten.   Aus 
diesem  Versuche  muss  dem  entsprechend  gefolgert  werden,  erstens 
dass  die  intact  gebliebene  Hälfte  des  Bückenmarkes,  wie  das  schon 
Woroschiloff  und  N.  Weiss  ausgesagt  haben,  sensible  und  mo- 
torische Bahnen  für   beide   Körperhälften   enthält;     zweitens  dass 
ferner  jene  Nervenbahnen,  welche  das  Wiedereintreten  der  Motilität 
der  rechten  hinteren  Extremität  nach  der  am  Halsmarke  ausgeführ- 
ten Hemisection   bedingt  haben,  erst  in  jener  Höhe  auf  die  andere 
Seite   des   Bückenmarkes   übergehen,    in  welcher  die  für  die  hin- 
teren Extremitäten  bestimmten  vorderen  Wurzeln  entspringen. 

IT.  Versuchsreihe. 

Ich  habe  früher  gezeigt,  dass  der  nach  der  Durchschneidung  bei- 
der Seitenstränge  unversehrt  gebliebene  Bückenmarksrest  —  also 
die  vorderen  und  hinteren  Stränge,  sowohl  wie  die  graue  Substanz 
—  motorische  und  sensible  Bahnen  für  die  hinteren  Extremitäten 
enthalten.  Es  fragte  sich  nun  in  welcher  Weise  diese  Bahnen  in 
den  erwähnten  Bückenmarkspartien  vertheilt  sind.  Zur  Beantwor- 
tung dieser  Frage,  habe  ich  an  vier  Hunden  das  ganze  Bücken- 
mark, die  Hinterstränge  ausgenommen,  durchschnitten. 

Die  Hunde  zeigten  in  den  ersten  Tagen  nach  der  Operation 
eine  mit  Bestimmtheit  zu  constatirende  Empfindlichkeit  und  eine 
vollständige  Paralyse  der  hinteren  Extremitäten  und  des  Schwanzes. 
Aus  diesen  Versuchen  kann  abgeleitet  werden,  dass  die  hinteren 
Stränge  sensible  Bahnen  enthalten.  Es  sei  hier  nebenbei  bemerkt, 
dass  die  Sensibilität  nach  3—5  Tagen  gewöhnlich  verschwand.  Die 
mikroskopische  Untersuchung  zeigte  dann  auch,  dass  die  hinteren 
Stränge   degenerirt  waren1).    Blieb  bei  der  Operation  an  den  Hin- 

*)  Die  hinteren  Extremitäten  dieser  Thiere  zeigten  in  den  ersten  Ta- 
gen beim  Sitzen  eine  Haltung,  wie  man  sie  bei  gesunden  Thieren  beobachten 


Leitnngsbahnen  im  Rückenmarke  des  Hundes.  368 

teretr&ngen  ein   Theil   eines   Seitenstranges  in   Contiguität,   dann 
flürrten  die  hinteren  Extremitäten  auch  active  Bewegungen  aus. 

Y.  Terrachsreihe. 

Im  Anschlüsse  an  die  vorigen  Versuchsreihen  habe  ich  an 
3  Hunden  in  der  Höhe  des  letzten  Brustwirbels  das  Bückenmark 
Bit  Ausnahme  der  vorderen  Stränge  und  der  an  dieselben  gren- 
Partien  der  grauen  Substanz  durchschnitten.  Die  Sensibilität 
fast  erloschen;  nur  bei  sehr  starkem  Drucke  auf  die  hinteren 
Pfoten»  und  beim  Kneipen  von  Hautfalten  an  der  Innenseite  des 
Oberschenkels,  machte  das  Thier  einige  abwehrende  Bewegungen 
hü  dem  Kopfe,  ohne  dabei  zu  winseln.  Es  kann  sich  also  hier  im 
besten  Falle  nur  um  äusserst  abgeschwächte  Geföhlswahraehmung 
handeln.  Eine  geringe  active  Motilität  der  hinteren  Extremitäten 
konnte  man  schon  in  den  ersten  Tagen  nach  der  Operation  wahr- 
nehmen, später  aber  besserte  sich  dieselbe  derart,  dass  die  Thiere 
in  einer  Frist  von  3  bis   4  Wochen   sich  aufrichten  und  einige 


kann.  Es  waren  die  Muskeln  der  Extremitäten  gelähmt,  aber  die  Glieder  im 
Knie  nnd  Fassgelenke  gebengt  und  nach  vorwärts  gerichtet  Wenn  die  Hunde 
aber  im  Gehen  begriffen  waren,  dann  boten  die  Extremitäten  und  der  Schwans 
genau  dasselbe  Bild  dar,  wie  Thiere  nach  Durchschneidung  des  ganzen 
Blickenmarkes.  Warum  die  hinteren  Extremitäten  beim  Gehen  Erscheinungen 
einer  completen  Lähmung  xeigen,  beim  Sitzen  aber  sich  in  einer  Lage  be- 
finden, wie  es  bei  gesunden  Thieren  der  Fall  ist,  vermag  ich  nicht  mit  voller 
Sicherheit  zu  erklären.  Es  scheint  mir  aber,  dass  die  Erfahrung  von  der 
centripetalen  Leitung  der  Hinterstränge  eine  Deutung  dieser  Verhältnisse 
ermöglicht.  Es  kann  immerhin  der  Fall  sein,  dass  die  Thiere  durch  die  centri- 
petale  Leitung  der  Hinterstränge  über  die  Lage  ihrer  paralytischen  Extremi- 
täten orientirt  sind. 

Da  nun  die  Rumpfmusculatur  dieser  Thiere  nicht  gelähmt  ist,  wftre.es 
immerhin  möglich,  dass  die  Thiere  unter  Anwendung  der  Stammesmuskeln 
die  normale  Lage  ihrer  Hinterbeine  corrigiren.  Und  in  der  That  beobachtet 
man  das  Thier  in  jenem  Momente,  in  welchem  es  in  eine  sitzende  Lage  ge- 
langen will,  so  kann  man  wahrnehmen,  dass  es,  ohne  daps  die  hinteren  Ex- 
tremitäten auch  nur  die  geringste  active  Bewegung  ausfuhren,  durch  Rück- 
wftrt8schieben  und  seitliche  Drehung  des  Beckens  die  Heine  unter  den  Rumpf 
bringt.  Die  Annahme,  dass  das  Thier  durch  die  hinteren  Rtrftnge  Nachrichten 
über  den  Zustand  seiner  Extremitäten  empfängt,  würde  ein  Lieht  werfen  auf 
die  Erfahrung  der  Kliniker,  dass  mit  der  Destrnction  der  Hinterstränge  a tak- 
tische Bewegungen  auftreten. 


364  Kusrain. 

Schritte  machen  konnten.  Da  nun  die  mikroskopische  Untersuchung 
gelehrt  hat,  dass  die  geringen  Beste  der  grauen  Substanz,  welche 
bei  der  Operation  den  Vordersträngen  anhafteten,  degenerirt  waren, 
kann  die  Besserung  der  Motilität  nur  den  Vordersträngen  zuge- 
schrieben werden,  und  es  muss  somit  angenommen  werden,  dass 
die  Vorderstränge  hauptsächlich  motorische  Bahnen  führen.  In 
jenen  Fällen,  in  denen  bei  der  Operation  ein  Theil  eines  Seiten- 
stranges zufällig  in  Contiguität  mit  den  Vordersträngen  erhalten 
blieb,    war  die  Sensibilität  in  beiden  Pfoten  deutlich  nachzuweisen. 

VI.  Versuchsreihe. 

A.  Durchschneidung  der  Hinterstränge. 

Es  wurden  sieben  Hunden  in  der  Höhe  des  letzten  Brust- 
oder sechsten  Halswirbels  beide  Hinterstränge  durchschnitten  oder 
ein  2 — 5  Cent,  langes  Stück  resercirt.  Die  Thiere  zeigten  nach 
der  Wundheilung  keine  bedeutenden  Aenderungen  in  der  Sensi- 
bilität, Beflexerregbarkeit,  namentlich  die  Sehnenreflexe  zeigten 
keine  Störungen.  Die  willkürliche  Beweglichkeit  der  Extremitäten 
war  erhalten,  doch  waren  Störungen  in  der  Bichtung  vorhanden, 
dass  die  Thiere  bei  Ausführung  der  gewohnten  Bewegungen  einen 
gewissen  Grad  von  Ungeschicklichkeit  zeigten,  so  z.  B.  besonders 
beim  Umdrehen,  oder  beim  Treppauf-  oder  Treppabwärtssteigen, 
wo  sie  stets  mit  beiden  hinteren  Extremitäten  zugleich  auf- 
sprangen. Ob  diese  Störungen  als  Ataxie  aufzufassen  sind, 
wage  ich  nicht  mit  Sicherheit  zu  entscheiden.  Aus  diesen  Ver- 
suchen kann  man  den  Schluss  ziehen,  dass  den  unversehrt  ge- 
bliebenen Rückenmarksth eilen  die  leitenden  Bahnen  hauptsächlich 
zukommen,  aber  es  darf  nicht  geschlossen  werden,  dass  die  hinteren 
Stränge  keinen  Antheil  an  der  Leitung  haben. 

B.  Durchschneidung  der  Vorderstränge. 

Die  Thiere  konnten  bald  nach  der  Operation  gehen  und  laufen, 
es  zeigte  sich  aber,  dass  die  Extremitäten  nicht  so  stramm  bewegt 
wurden,  wie  in  der  Norm.  Die  Contractionen  der  Extremitäten- 
Muskeln  wurden  mangelhaft  ausgeführt,  und  die  Thiere  wurden  in 
kurzer  Zeit  müde.  Im  Verlaufe  von  2—3  Wochen  war  die  Muskel- 
schwäche nicht  deutlich  nachzuweisen.  Diese  Versuche  legen  die  Ver- 
muthung  nahe,  dass  mit  der  Zerstörung  der  Vorderstränge  die  mo- 
torische Innervation  der  hinteren  Extremitäten  eine  Einbusse  erleidet. 


Leitungsbahnen  im  Kückenmarke  des  Hundes.  365 

VII.  Versuchsreihe. 

Der  Behauptung  von  Schiff,  dass  die  graue  Substanz  der 
Längsleitung  vorsteht,  ist  schon  von  Stricker  und  N.  Weiss  *) 
widersprochen  worden. 

Es  stehen  mir  nun  noch  einige  zwingende  Beweise  gegen  die 
Behauptung  Schiffs  zur  Verfugung. 

1.  Es  erhellt  dies  aus  den  früher  mitgetheilten  Versuchen,  in 
denen  das  Bückenmark  bis  auf  die  Seitenstränge  durchschnitten 
wurde  und  die  Thiere  trotz  der  vollständigen  Vernichtung  der 
grauen  Substanz,  bald  nach  der  Operation  zu  gehen  anfingen  und 
nur  eine  unbedeutende  Herabsetzung  der  Sensibilität  zeigten. 

2.  Ich  habe  an  einem  Hunde  beide  Seitenstränge  und  die 
graue  Axe  nahezu  gänzlich  zerstört.  Der  Hund  führte  mit  den 
Hinterfüssen  active  Bewegungen  aus,  versuchte  sogar  sich  auf  die 
Hinterbeine  zu  stützen  und  schrie  auf,  wenn  er  an  den  hinteren 
Extremitäten  gekneipt  wurde. 

3.  Ich  habe  eine  Anzahl  von  Versuchen  angestellt,  in  welchen 
das  Bückenmark  in  der  Höhe  des  letzten  Brustwirbels,  ausgenommen 
die  vorderen  Stränge  und  die  graue  Substanz,  durchschnitten  wurde. 
Die  Thiere  zeigten  dasselbe  Verhalten  wie  die,  bei  welchen  nur 
die  vorderen  Stränge  allein  functionsfähig  waren.  Kurz,  die  vorderen 
Stränge  zeigten  trotz  der  Anwesenheit  der  grauen  Substanz  keine 
Augmentirung  der  Sensibilität.  Ebensowenig  vermochte  ich  einen 
unterschied  in  der  Motilität  sowie  auch  in  der  Sensibilität  zu  con- 
statdren  zwischen  Thieren,  welchen  ich  einerseits  nur  die  Hinter- 
stränge, andererseits  die  Hinterstränge  und  einen  Theil  von  grauer 
Substanz  intact  liess.  Ich  kann  demgemäss  der  grauen  Substanz 
hinsichtlich  Längsleitung  motorischer  und  sensorischer  Impulse 
keine  besondere  Bedeutung  beimessen. 

VIIL  Versuchsreihe. 

Versuche  über  den  Verlauf  der  Vasomotoren  im  Bük- 
kenmarke. Ich  habe  3  Hunde  curarisirt,  künstlich  ventilirt,  und 
beide  Vagosympathici  durchschnitten.  Nun  wurden  über  der  Cervical- 
Anschwellung  des  Bückenmarkes  beide  Seitenstränge  durchtrennt 
und  hierauf  aus   der  Arteria  cruralis   der  Blutdruck  geschrieben. 

f)  Siehe  Strickens  Vorlesungen,  HL  Abtheilung.   1880.  p.  610—611. 


366  E  asm  in.  Leitungsbabnen  im  Rückenmarke  des  Hundes. 

Derselbe  zeigte  z.  B.  in  einem  Falle  eine  Höhe  von  30  Mm.  Hg. 
Reizte  ich  nun  das  Rückenmark  oberhalb  der  Operationsstelle  in 
der  Höhe  des  Calamus  script.,  so  trat  keine  Aenderung  in  der  Cum 
ein.  Wenn  ich  aber  die  Elektroden  unterhalb  der  Schnittstelle  an- 
legte, so  stieg  mit  dem  Schlüsse  des  Stromes  der  Blutdruck  bis 
auf  154  Mm.  Hg  an.  Es  muss  demgemäss  gefolgert  werden,  dass 
nur  die  Seitenstränge  Vasoconstrictoren  enthalten. 

In  Kürze  gefasst,  ergeben  die  vorliegenden  Versuche  folgende 
Resultate: 

1.  Die  Seitenstränge  führen  motorische  und  sensitive  Nerven 
(Woroschiloff  und  N.  Weiss). 

2.  Die  Vorderstränge  enthalten  hauptsächlich  centrifugale 
Bahnen,  welche  nach  Zerstörung  der  Seitenstränge  die  motorische 
Function  der  letzteren  auch  genügend  übernehmen  können. 

3.  Die  Hinterstränge  leiten  vorwiegend  in  centripetaler  Richtung. 

4.  Die  graue  Substanz  besitzt  keine  langen  Bahnen. 

5.  Die  sensiblen  Nerven  der  hinteren  Extremitäten  sind  im 
Halsmarke  schon  gekreuzt. 

6.  Die  nach  einer  halbseitigen  Durchschneidung  des  Rücken- 
markes in  Function  tretenden  motorischen  Nerven  der  hinteren 
Extremitäten  gehen  in  der  Höhe  der  für  die  hinteren  Extremitäten 
bestimmten  vorderen  Wurzeln  auf  die  andere  Seite  des  Rücken- 
markes über. 

7.  Vasoconstrictoren  verlaufen  im  Halsmark  nur  in  den  Seiten- 
strängen. 

Zum  Schlüsse  sei  es  mir  gestattet,  Herrn  Professor  Stricker 
für  seine  liebenswürdige  Bereitwilligkeit,  mit  der  er  mir  die  Mittel 
seines  Laboratoriums  zur  Verfügung  stellte,  sowie  dem  Herrn 
Dr.  Julius  Wagner  für  seine  Assistenz  bei  Ausführung  der  Ver- 
suche, meinen  Dank  auszudrücken. 

Wien,  24.  Mai  1882. 


-•—$-»— «- 


C.  Ueberrenter'tche  Bachdruckerei  (M.  Beizer)  in  Wien. 


xvn. 

Ueber  einige  Verhältnisse  der  Wärme  am 

fiebernden  Thiere. 

Von   Prof.   E.  Albert  in  Wien. 

(Am  10.  Mai  188t  von  der  Redaction  übernommen.) 


Die  Lehre  von  der  thierischen  Wärmeökonomie  ist  durch 
Claude  Bernard  im  Jahre  1876  in  einer  so  umfassenden  und 
gleichsam  abschliessenden  Weise  dargestellt  worden,  dass  es  nicht 
nöthig  erscheint,  auf  die  Geschichte  dieses  Capitels  in  der  Zeit 
vor  dem  Erscheinen  der  Lefons  sur  la  ehaleur  animale  zurück- 
zugreifen. 

Nur  einen  einzigen  Punkt  möchte  ich  berühren.  In  einer 
Untersuchung,  welche  ich  seinerzeit  mit  S.  Stricker  ausgeführt 
habe  und  die  im  Jahrgange  1873  der  medicinischen  Jahrbücher 
veröffentlicht  ist,  finden  sich  Angaben,  welche  Claude  Bernard 
entgangen  sind,  da  er  unsere  Abhandlung  nicht  gekannt  zu  hüben 
scheint,  welche  aber  für  die  Geschichte  dieses  Capitels  nicht  ganz 
belanglos  sein  dürften. 

Wir  haben  nämlich  1872  zum  ersten  Male  den  sicheren  Nach- 
weis geliefert,  dass  das  Herzfleisch  während  der  Arbeit  Wärme 
producirt. 

Im  Principe  war  die  Angelegenheit  bekanntlich  schon  durch 
die  Versuche  von  Helmholtz  entschieden,  in  welchen  gezeigt 
wurde,  dass  der  ausgeschnittene  Froschmuskel  bei  der  Zuckung 
wärmer  wird. 

Gleichwohl  war  man  von  mehreren  Seiten  bestrebt,  einen 
ähnlichen  Nachweis    am   Säugethiermuskel   während   seiner  natür- 

Med.  Jahrbücher.  1882.  $4 


368  Albert. 

liehen  Function  zu  orbringen.  Aber  allen  Messungen,  welche  man 
in  dieser  Richtung  angestellt  hatte ,  setzte  man  berechtigte  Ein- 
wände entgegen.  (Vergl.  hierüber  Hermann  in  Hermann's  Hand- 
buch der  Physiologie  I,  1,  p.  158.) 

Wir  haben  auf  Grund  von  Messungen  im  Herzen  grosser 
Hunde  gezeigt,  dass  das  Fleisch  des  linken  Ventrikels  fast  um 
1°  C.  wärmer  zu  sein  pflegt,  als  das  Blut  in  der  Höhle  dieses 
Ventrikels.  Die  Giltigkeit  dieses  Resultates  wurde  nicht  angefochten. 
(Vergl.  Rosen thal  in  Hermann's  Handb.  IV,  2,  p.  391.) 

Nebenbei  bemerke  ich,  dass  ich  diese  Messungen,  die  damals 
mit  dem  Thermometer  gemacht  wurden,  im  abgelaufenen  Jahre 
auf  thermoelektrischem  Wege  wiederholte  und  zu  denselben  Resul- 
taten gelangt  bin. 

Bei  allen  diesen  Messungen  handelte  es  sich  um  die  Tempe- 
ratur des  Muskelfleisches  selbst.  Die  Wärmeproduction  des  arbei- 
tenden Muskels  kann  aber  auch  nachgewiesen  werden,  wenn  man 
zeigt,  dass  das  Muskel venenblut  wärmer  ist,  als  das  Muskel- 
arterienblut. 

Dieser  Beweis  wurde  1881  von  Meade  Smith  im  Laboratorium 
von  C.  Ludwig  durchgeführt;  es  wurde  gezeigt,  dass  das  Blut, 
welches  aus  dem  arbeitenden  Muskel  zurückströmt,  wärmer  ist,  als 
dasjenige,  welches  in  denselben  hineinfliesst. 

Auch  bezüglich  des  ruhenden  Muskels  machte  Meade  Smith 
einige  Messungen.  Er  zeigte,  dass  das  Venenblut  eines  ruhenden 
Muskels  wärmer  sein  kann,  als  das  einströmende  arterielle  —  dass 
die  Temperaturen  beider  Blutarten  gleich  sein  können  —  dass  aber 
auch  das  Muskelvenenblut  sogar  kühler  sein  kann,  als  das  Arterienblut. 

Man  steht  also  bezüglich  des  ruhenden  Muskels  vor  einer  uner- 
ledigten Frage;  bezüglich  des  arbeitenden  Muskels  kann  aber  die 
Frage  im  Principe  als  erledigt  angesehen  werden.  Dasselbe  gilt 
auch  bezüglich  der  grossen  Bauchdrüsen,  insbesondere  bezüglich 
der  Leber  und  der  Niere;  es  sind  diese  Drüsen  unzweifelhaft  aus- 
giebige Quellen  der  thierischen  Wärme. 


Als  ich  nun  im  vorigen  Jahre  daran  ging,  meine  früheren 
Studien  über  das  Fieber  wieder  aufzunehmen  und  fortzuführen,  lag 
es  mir  natürlich  sehr  nahe,   zunächst  die  Frage  zu  verfolgen,    wie 


Wanne  am  fiebernden  Thiere.  369 

sich  die  Wärmeleistung  des  Muskels  und  der  grossen  Drü- 
sen im  Fieber  verhalte.  Es  konnte  ja  vermuthet  werden,  dass  jene 
Organe,  welche  unter  normalen  Verhältnissen  Wärme  liefern,  in  der 
Fieberhitze  an  dieser  Production  in  noch  höherem  Grade  betheiligt 
sind.  Ich  habe  mir  daher  zur  Aufgabe  gestellt,  die  Temperatur  des 
Muskelvenenblutes  imd  die  des  Venenblutes  an  der  Ausmündung 
der  Nierenvene  und  der  Lebervene  zu  messen. 

Mit  dieser  Fragestellung  war  aber  auch  schon  die  Wahl  des 
Versuchsthieres  entschieden.  Es  konnte  nur  an  möglichst  grossen 
Hunden  gearbeitet  werden. 

Zur  Messung  der  Temperatur  des  Muskelvenenblutes  benutzte 
ich  denselben  anatomischen  Weg,  welchen  Meade  Smith  in  Lud- 
wig's  Laboratorium  eingeschlagen  hatte  (Arch.  f.  Anat.  u.  Physiol., 
physiol.  Abth.  1881). 

Es  wurde  also  die  Temperatur  des  Blutes  jener  Vene  ge- 
messen, welche  das  Blut  aus  den  Unterschenkelstrecken  abfuhrt. 
Es  wird  die  Vena  feraoralis  biosgelegt  und  das  Instrument  durch 
ihren  Stamm  eingeführt.  Die  hiezu  nothwendige  Präparation  gibt 
Meade  Smith  1.  c.  an.  Diese  Methode  bot  den  Vortheil,  dass  man 
ohne  jede  weitere  Präparation  auch  schon  die  Messung  an  der  Ein- 
mündungsstelle  der  Vena  renalis  und  der  Vena  hepatica  vornehmen 
konnte ;  es  braucht  nur  das  Instrument  aus  der  Cruralis  in  die  Iliaca 
und  von  da  aus  in  die  Cava  ascendens  bis  zur  nöthigen  Höhe 
hinaufgeschoben  zu  werden. 

Da  die  Narkose  dos  Thieres  nach  früheren  Erfahrungen  das 
Eintreten  des  Fiebers  verhindern  konnte,  so  war  es  zweckmässig, 
die  unteren  Gliedmassen  des  Thieres  unbeweglich  zu  machen;  dies 
geschah  durch  eine  Abtrennung  des  Lendenmarks  vom  Brustmark. 

Eine  solche  Operation  empfahl  sich  umsomehr,  als  zu  er- 
warten stand,  dass  die  Thiere  in  Folge  des  Eingriffes  fiebern  wer- 
den und  somit  durch  den  Eingriff  zwei  Versuchsbedingungen  erfüllt 
werden:  die  Hauptbedingung,  dass  das  Thier  fiebert  und  die  Neben- 
bedingung, dass  es  an  den  Körperstellen,  wo  präparirt  wird  und 
von  wo  aus  das  Messinstrument  eingeführt  wird,  unempfindlich  ist. 

Wie  es  sich  gezeigt  hat,  haben  die  meisten  Versuchsthiere 
nach  dem  genannten  Eingriffe  gefiebert,  aber  nicht  alle.  Durch 
Versuche,  welche  Calasanti  unter  Stricker's  Leitung  ausgeführt 
hat   (Medicin.  Jahrb.    1874),    ist   die  Erfahrung   gemacht  worden, 

A4* 


370  Albert. 

dass   dio  Auslösung   des  Fiebers   durch  Injectionen   in   die  Venen 
leichter  gelingt,  wenn  das  Thier  schon  Tags  vorher  gefiebert  hatte. 

Ich  brauchte  also  nur  an  einem  Tage  das  Mark  durchzu- 
schneiden und  am  anderen  Tage  eine  Stärkeemulsion  in  die  Vena 
jugularis  zu  machen,  um  ein  heftiges  Fieber  zu  erzeugen.  Diese 
Erwartung  hat  sich  vollständig  bewährt. 

Die  Methode,  das  Fieber  durch  Erzeugung  von  Capillarem- 
bolien  experimentell  herbeizufuhren,  habe  ich  mit  Stricker  schon 
im  Jahre  1871  angegeben.  Sie  ist  von  den  Experimentatoren  gar 
zu  wenig  beachtet  worden.  Zur  Zeit,  als  wir  unsere  Angaben  pu- 
blicirt  hatten,  waren  die  Aerzte  und  die  Physiologen  von  der 
Meinung  beherrscht,  dass  jenes  Fieber,  welches  durch  Injection 
von  etwas  Eiter  in  die  Jugularis  eines  Hundes  hervorgerufen  zu 
werden  pflegt,  auf  Rechnung  eines  besonderen  Fiebergiftes  zu  setzen 
sei.  Unsere  Behauptung,  dass  eine  geringe  Menge  Stärkemehl,  in 
Wasser  suspendirt,  Aehnliches  leiste  wie  Eiter,  war  daher  der 
damaligen  Strömung  nicht  günstig  und  ist  die  Bedeutung  der  That- 
sache  nicht  allgemein  erfasst  worden,  obwohl  ihre  Richtigkeit  viel- 
fach bestätigt  worden  ist. 

Es  verhielt  sich  hiemit  ebenso,  wie  mit  einer  zweiten,  eben- 
falls von  mir  und  Stricker  gemachten  Beobachtung.  Die  Annahme 
eines  eigenen  Fiebergiftes  wurde  bekanntlich  dadurch  gestützt,  dass 
das  Blut  eines  fiebernden  Hundes  einem  zweiten  Hunde  transfun- 
dirt,  in  dem  letzteren  wieder  Fieber  erzeugt.  Die  Annahme  schien 
auf  den  ersten  Anblick  fest  begründet.  Sie  wurde  sofort  erschüttert, 
als  wir  zeigten,  dass  die  Transfusion  von  einem  nicht  fiebernden 
Hunde  ebenfalls  Fieber  erzeugt,  ja  dass  das  Fieber  eintritt,  wenn 
man  das  Blut  aus  der  A.  cruralis  in  die  daneben  liegende  Vena 
cruralis  desselben  Thieres  transfundirt.  Billroth  konnte  dies  zwar 
nicht  beobachten,  wohl  aber  hat  Liebrecht  die  Thatsache  richtig 
befunden  (Centralblatt  f.  d.  medicin.  Wiss.  1874,  Nr.  37).  Aber 
erst  als  Landois  in  seiner  Monographie  (Die  Transfusion  des 
Blutes,  Leipzig  1875,  p.  144  u.  312)  die  an  Thieren  und  an 
Menschen  beobachteten  Thatsachen  zusammengestellt  hatte  und  sich 
daraus  ergab,  dass  das  Fieber  nach  der  Transfusion  zu  den  alier- 
gewöhnlichsten  Folgeerscheinungen  gehört,  kam  die  Bedeutung 
unserer  Beobachtungen  in  das  gehörige  Licht. 


Wärme  am  fiebernden  Thiere.  371 

Mehr  noch,  als  die  Erfahrung  bei  Transfusion,  trugen  die  Er- 
folge der  antiseptischen  Wundbehandlung  dazu  bei,  die  Hypothese 
von  dem  Fiebergifte  zu  erschüttern.  Jeder  Chirurg,  der  streng 
listert,  hat  Beobachtungen  gemacht,  bei  welchen  die  Wunde  keine 
Keaction,  keinen  Zersetzungsvorgang  aufweist  und  doch  ein,  wenn 
auch  kurzes,  so  doch  heftiges  Fieber  vorhanden  ist,  bei  dem  die 
Patienten,  wiewohl  sie  Temperaturen  über  40°  C.  aufweisen,  sich 
doch  nicht  krank  fühlen.  Erfahrungen  dieser  Art  veranlassten  Volk- 
mann und  Grenzmer  (Volkmann,  Sammlung  klinischer  Vorträge, 
Nr.  121)  eine  neue  Fieberkategorie,  das  aseptische  Wundfieber  auf- 
zustellen, nachdem  schon  Hueter  (Allgemeine  Chirurgie),  einem 
ähnlichen  Gedanken  folgend,  ein  aphlogistisches  Fieber  aufge- 
stellt hatte. 

Das  Fieber,    das  wir   durch  Injection  von  Stärkemilch  in  die 
Jugularis1)  durch   Transfusion   von   Blut   experimentell   erzeugten,  , 
ist  ein  aseptisches  Fieber.  Es  dürfte  jetzt  die  Zeit  gekommen  sein, 
wo  man  wieder  auf  Thatsachen  dieser  Art  zurückgreifen  wird. 

Aber  nicht  sowohl  wegen  der  Fiebertheorie  schien  mir  diese 
Erinnerimg  angezeigt,  als  vielmehr  wegen  der  experimentellen 
Technik.  Ein  so  einfaches  Mittel  wie  die  Injection  von  Stärkemilch 
in  die  Jugularis,  und  ein  so  sicher  fiebererregendes  Mittel  dürfte 
einer  grösseren  Berücksichtigung  bei  Fieberversuchen  werth  sein. 
Eiter  hat  man  nicht  immer  zur  Hand;  das  Fieber  nach  Eiterein- 
spritzung fällt,  wenn  Darmerscheinungen  gleichzeitig  hervorgerufen 
werden,  oft  sehr  massig  aus,  oder  tritt  gar  nicht  ein,  wenn  Collaps 
erfolgt;  die  Thiere  gehen  häufig  zu  Grunde.  Stärkemilch  kann  man 
immer  haben;  man  weiss  auch  dabei  genau,  was  man  angewendet 
hat  —  was  man  beim  Eiter  nicht  bestimmt  weiss,  da  der  Eiter 
unbekannte  Agentien  enthalten  kann  — ;  das  Fieber  tritt  sehr  bald 
ein,  läuft  rasch  ab,  Complicationen  stellen  sich  nicht  ein,  das  Thier 
bleibt  am  Leben  und  wenn  man  ihm  nach  einigen  Tagen  wieder 
Stärkemilch  injicirt,  so  fallt  das  Fieber  noch  stärker  aus:  das 
Thier  ist  empfindlicher  geworden. 

Die  Messungen  selbst,   auf  welche  ich  die  gegenwärtige  Mit- 


*)  Ich  habe  auch  nach  Injection  von  Stärkemilch  in  die  Milzvene  des 
Hundes  Fieber  erzeugt.  (Berichte  des  naturwissenschaftlichen  Vereines  in  Inns- 
bruck, 4873). 


372  Albert. 

theilung  stütze,  sind  alle  auf  therrao-elektrischem  Wege  gemacht 
worden.  Wer  sich  mit  dieser  Methode  befreundet  hat,  wird  kaum 
mehr  Neigung  haben,  Temperaturmessungen  innerhalb  der  Blutbahn 
mit  Thermometern  auszuführen.  Wenn  die  thermoelektrische  Messung 
keinen  anderen  V ortheil  hätte,  als  dass  sie  uns*  gestattet,  mit 
sondenartig  gebauten  Elementen  in  die  (Masse  einzudringen  und 
diese  beliebig  weit  vorzuschieben,  so  würde  dies  allein  ausreichen, 
ihr  den  Vorzug  zu  geben.  Aber  die  Vortheile  derselben  sind  auch 
ganz  anderer  Art  und  darum  wohl  hat  Claude  Bernard,  wiewohl 
er  früher  die  thermometrischen  Messungen  bevorzugte,  in  seiner 
letzten  Puhlication  sich  nur  mehr  auf  die  Mittheilung  von  thermo- 
elektrischen  Messungen  beschränkt. 

Meine  Elemente  weichen  von  jenen  Bernard's  in  etwas  ab, 
insofern  als  an  ihnen  die  Löthung  aus  der  Kautschucksonde  in  der 
Länge  von  einem  Millimeter  hervorragt,  so  dass  sie  vom  Blute 
umspült  werden  kann.  Die  Drähte  des  Elements  —  Neusilber  und 
Eisen  —  sind  in  die  Kautschuksonde  eingebacken  und  passiren 
noch  ein  auf  dem  vorderen  Ende  der  Sonde  angebrachtes,  halb- 
kugeliges Siegellackknöpfchen,  aus  dem  die  Löthung  allein  heraus- 
ragt, dadurch  wird  die  Löthstelle  vor  Berührung  mit  der  Blutge- 
fiasswand  geschützt. 

Ferner  sind  die  Klemmen  sehr  weit  vom  Thermoelement  an- 
gelegt, weil  die  Klemmen,  an  welchen  sich  ungleiche  Metalle  be- 
rühren, in  der  Nähe  des  Thieres  ungleich  erwärmt  werden  könnten. 
Die  Neusilber  -Eisendrähte,  welche  aus  der  Sonde  hervorragen, 
wurden  daher  etwa  1  Meter  weit  geführt  und  mit  den  Drähten 
der  Boussole  so  verbunden  und  eingedeckt,  dass  sie  von  der 
Wärmestrahlung  der  Nachbarschaft  geschützt  waren. 

Ferner  empfiehlt  es  sich,  die  Drähte,  welche  aus  der  Spiegel- 
boussole  kommen,  nicht  durch  Messingklemmen,  sondern  durch 
Kupferklemmen  oder  einfach  nur  durch  Eindrehen  der  Drähte  zu 
verbinden  und  die  Verbindungsstellen  zu  fixiren.  In  solcher  Weise 
kann  man  sich  vor  störenden  Einflüssen  auf  den  Magneten  schützen. 
In  dieser  Weise  gelang  es,  den  Magneten  der  sehr  empfindlichen 
Boussole  in  Kühe  zu  erhalten,  nachdem  ich  zwei  Thermosonden, 
gegensinnig  gespannt,  mit  ihren  Löthstellen  genau  auf  dieselbe 
Temperatur  gebracht  hatte. 


Wärme  am  fiebernden  Thiere.  373 

Ferner  ist  es  zweckmässig,  Sonden,  d.  i.  Elemente  von  ver- 
schiedener Länge  zu  haben.  Die  langen  Sonden,  die  man  bis  zur 
Lebervene  hinaufschiebt,  sind  unbequem,  wenn  man  ein  anderes 
Mal  nur  das  Muskelvenenblut  messen,  die  Sonde  also  nur  bis  an 
das  Poupart'sche  Band  verschieben  will. 

Gemessen  wurde  die  Differenz.  Eine  Sonde  lag  im  Arterienblut, 
die  andere  im  Venenblut.  Die  Scalenwerthe  wurden  vor  und  nach 
dem  Versuche  empirisch  in  Thermometermaasse  umgesetzt.  Ich  gehe 
nun  an  die  Mittheilung  der  Resultate. 

1.  Muskelvenenblut.  Ich  machte  zunächst  einige  Messungen 
an  nicht  fiebernden  Hunden.  Es  schien  mir  dies  geboten,  weil  Meade 
Smith  nur  mit  Thermometern  gemessen  hat,  wobei  vielleicht  doch 
Fehlerquellen  vorhanden  sein  können.  Erstlich  kann  man  das  Queck- 
silbergefäss  sicherlich  so  einstellen  uud  eingestellt  erhalten,  dass  es 
während  der  ganzen  Messung  allseitig  vom  Blut  umspült  wird. 
Eine  kleine  Bewegimg  mit  dem  frei  herausragenden  Ende  des 
Thermometers  kann  bewirken,  dass  das  andere  im  Blutgefässe 
steckende  Ende  sich  an  die  Wand  des  letzteren  anlegt.  Bei  der 
thermoelektrischen  Messung  aber  taucht  die  kleine  Löthstelle  that- 
sächlich  in  das  Blut;  das  Element  kann  so  vorgeschoben  werden, 
dass  die  Löthstelle  gerade  der  Einmündimg  der  Muskelvene  gegen- 
über liegt,  sie  kann  in  die  Muskelvene  selbst  eingebracht  werden, 
ohne  dass  der  Blutstrom  irgendwie  erheblich  gestört  wird  und  da- 
durch neue  Bedingungen  eingeführt  werden;  die  Löthstelle  erwärmt 
sich  schnell  und  so  kann  die  Messung  sehr  rasch  ausgeführt  werden. 

Es  zeigte  sich  nun,  dass  am  ruhenden  Muskel  des  nicht 
fiebernden  Thieres  das  Venenblut  sich  verschieden  verhält.  In  zwei 
Messungen  war  es  um  0*5— 0*6  wärmer  als  das  Blut  der  A.  cruralis 
der  anderen  Seite,  in  welcher  das  andere  Element  stak ;  in  anderen 
Fällen  war  gar  keine  Temperaturdiflferenz  vorhanden;  ab  und  zu 
zeigte  sich  das  Muskelvenenblut  sogar  kühler  als  das  Arterienblut. 

Es  kann  bei  diesem  Sachverhalte,  da  meine  Ergebnisse  mit 
jenen  von  Meade  Smith  übereinstimmen,  zunächst  vermuthet 
werden,  dass  es  sich  hier  um  complicirte,  erst  durch  weitere 
Studien  aufzuklärende  Verhältnisse  handelt. 

In  der  That  sieht  man,  wenn  das  Element  längere  Zeit  in 
der  Muskelvene  liegt  und  dabei  die  Boussole  continuirlich  beobachtet 
wird,  dass  sich  Temperaturscbwankungen  zeigen,  die  immerhin  einige 


374  Albert. 

Zehntel  eines  Celsius'schen  Grades  stark  sind.  Es  kann  also  im 
Muskel  vielleicht  Mancherlei  vor  sich  gehen  —  wie  z.  B.  Gefass- 
contractionen  —  was  die  scheinbar  einfache  Frage  complicirt. 

Doch  möchte  ich  zwei  Bemerkungen  anfügen. 

Erstens  arbeitete  ich  an  Muskeln  des  Oberschenkels  bei  durch- 
geschnittenem Rückenmark,  folglich  nicht  unter  normalen  Be- 
dingungen. 

Zweitens  wird  bei  der  Präparation  der  Gefasse  immer  ein 
Theil  der  Muskeln,  deren  Venenblut  gemessen  werden  soll,  bios- 
gelegt und  an  der  Luft  sehr  beträchtlich  abgekühlt.  Dieser  Factor 
kann  nun  von  Fall  zu  Fall  verschieden  stark  ausfallen. 

Ich  kann  also  über  die  Frage,  ob  der  ruhende  Muskel  etwas 
Wärme  liefert  —  Pflüg  er  sprach  von  einem  Wärmetonus  des 
Muskels  —  nichts  aussagen. 

Als  ich  mm  die  Temperatur  des  Muskel venenblutes  am  fiebern- 
den Thiere  mass,  erhielt  ich  dieselben  wechselnden  Resultate.  Wäh- 
rend die  Temperatur  des  Thieres  bedeutend  anstieg,  floss  aus  den 
Unterschenkelstreckern  ein  Venenblut  ab,  das  meistens  gleich  warm 
war,  wie  das  arterielle  Blut  der  Cruralis  der  anderen  Seite;  manch- 
mal war  es  kühler,  in  wenigen  Fällen  entschieden  wärmer.  Ich 
muss  aber  betonen,  dass  die  Fälle  der  letzteren  Art  jene  waren, 
wo  die  Präparation  der  Blutgefässe  nur  sehr  kurze  Zeit  in  An- 
spruch nahni,  wo  die  Einführung  der  Elemente  sehr  rasch  gelang, 
wo  die  Muskelbäuche  nur  ganz  wenig  der  Abkühlimg  ausgesetzt 
waren.  Aber  immerhin  war  die  Temperaturdifferenz  eine  sehr  geringe. 

Im  Ganzen  konnte  ich  also  annehmen,  dass  die  Messimgen 
des  Muskelvenenblutes  unter  jener  Versuchsanordnung,  die  ich  ein- 
hielt, keinen  Anhaltspunkt  boten,  um  die  Fieberhitze  zu  erklären. 

2.  Nierenvenen-  und  Lebervenenblut.  Es  musste  dem 
soeben  Gesagten  zufolge  vermuthet  werden,  dass  die  grossen  Unter- 
leibsdrüsen, zunächst  die  Nieren  und  die  Leber  an  dem  Zustande- 
kommen der  Fieberhitze  betheiligt  sein  dürften. 

Die  Messung  des  Venenblutes  der  genannten  Drüsen  wurde 
in  folgender  Weise  ausgeführt.  Es  wurde  die  Art.  femor.  auf  der 
einen  Seite  biosgelegt  und  nach  peripherer  Abbindung  derselben 
wurde  die  eine  Thermonadel  in  die  Arterie  eingeführt  und  von  da 
aus  bis  in  die  Bauchaorta   vorgeschoben.     Auf  der  anderen  Seite 


Wärme  am  fiebernden  Thiere.  375 

wurde  die  Vena  femoralis  biosgelegt,  peripher  abgebunden  und 
die  andera  Thennonadel  eingeführt.  Diese  wurde  so  weit  vorge- 
schoben, dass  die  Löthstelle  der  Einmündung  der  früher  erwähnten 
Muskelvenen  gegenüber  zu  liegen  kam,  so  dass  man  jedesmal  auch 
eine  Messung  der  Temperatur  des  Muskelvenenblutes  vornahm. 
Dann  wurde  die  Nadel  soweit  vorgeschoben,  bis  die  Löthstelle  an 
die  Einmündung  der  diesseitigen  Nierenvenen  kam.  Nach  gemachter 
Ablesung  wurde  die  Nadel  weiter  vorgeschoben,  bis  sie  am  Zwerch- 
fell ankam  und  so  mit  ihrer  Löthstelle  in  das  aus  der  Leber 
kommende  Blut  tauchte.  Dann  wurde  wieder  abgelesen,  die  Nadel 
in  die  früheren  Positionen  zurückgezogen  und  eine  zweite  Vor- 
rückung derselben  gegen  die  Nierenvenen  und  gegen  das  Zwerchfell 
unternommen. 

Dass  die  Nadel  einmal  an  der  Einmündungsstelle  der  Nieren- 
venen, das  zweite  Mal  am  Zwerchfell  anstehe,  das  konnten  wir 
allerdings  erst  nachträglich  verificiren.  Die  Länge  der  Sonde  war 
uns  bekannt ;  wenn  nun  plötzlich  beim  Vorschieben  der  Sonde  die 
Temperatur  rasch  in  die  Höhe  gestiegen  war,  notirten  wir  die  Länge 
der  freien  Strecke  der  Nadel;  und  als  beim  weiteren  Vorschieben 
abermals  die  Temperatur  stieg,  notirten  wir  abermals.  Es  Hess  sich 
nun,  nachdem  die  letzte  Messung  am  Zwerchfell  ausgeführt  und 
das  Thier  durch  Herzstich  in  situ  getödtet  war,  bei  eröffneter 
Bauchhöhle  sehen,  dass  die  Löthstelle  in  das  aus  der  Leber 
kommende  Blut  tauche;  zog  man  nun  die  Nadel  so  weit  zurück, 
bis  die  Löthstelle  an  die  Einmündung  der  Nierenvenen  kam,  so 
zeigte  sich,  dass  nun  von  der  Sonde  genau  jene  Strecke  frei  war, 
die  in  vivo  frei  war,  als  der  erste  starke  Temperaturanstieg  ange- 
zeigt wurde. 

Das  Einführen  der  Nadel  erfordert  vorgängige  Uebung  am 
Cadaver. 

Ich  lasse  nun   beispielsweise  zwei  Versuchsprotokolle  folgen : 

Protokoll  Nr.  1. 

Hund  von  etwa  30  Kilo.  Am  7.  Jänner  das  Lendenmark  vom 
Brustmark  getrennt.  Am  8.  Jänner  10  Uhr  30  Min.  Rectums- 
Temperatur  40*4,  0*8  Wasser,  durch  Stärke  -  Suspension  milchig 
getrübt,  in  eine  Vene  gespritzt. 


376  Albert. 

10  Uhr  50  Min.  An  dem  einen  Schenkel  die  Vena  cruralis, 
an  dem  anderen  die  Arteria  cruralis  präparirt,  die  Sonden  so  ein- 
geschoben, dass  das  Blut  der  Vene  der  Unterschenkelstrecker  mit 
dem  Blute  der  Aorta  descendens  an  der  Theilungsstelle  verglichen 
werden  konnte. 

Die  Messung  ergab  nahezu  Temperaturgleichheit. 

10  Uhr  58  Min.  Venensonde  bis  an  die  Nierenvene  vorge- 
schoben. Messung  ergab  nahe  0*6  zu  Gunsten  der  Vene. 

11  Uhr.  Venensonde  bis  nahe  an  das  Zwerchfell  geschoben. 
Vene  0*8  bis  0*9  wärmer  als  Arterie. 

11  Uhr  12  Min.  Bectumstemperatur  41°,  das  Quecksilber 
ist  im  Ansteigen.  Das  Venenblut  ist  jetzt  um  1*5  wärmer  als  in 
der  Arterie. 

11  Uhr  17  Min.  Bectum  41*2,  Vene  um  1/8  wärmer  als 
Arterie.  Venensonde  zurückgezogen  bis  gegen  die  Muskelvenen- 
mündung. Differenz  0. 

Bei  der  folgenden  Messung  in  der  Nähe  des  Zwerchfells  be- 
trug der  Ueberschuss  in  der  Vene  über  jenen  in  der  Arterie  nur  1*4. 
Bectum  blieb  41*2. 

Protokoll  Nr.  2  (3.  Februar  1882). 

Hund  von  etwa  25  Kilo.  1.  Februar  Lendenmark  vom  Brust- 
mark getrennt.  Am  2.  Februar  9  Uhr  a.  m.  an  Rectum  39*4 
11  Uhr  39*8.  Wegen  zu  niedriger  Temperatur  das  Experiment 
verschoben. 

Am  3.  Februar  1  Uhr  45  Min.  39*5.  Durch  Stärke  milchig 
getrübtes  Wasser  in  eine  Vene  injicirt. 

2  Uhr  30  Min.  Bectum  40'5.  Das  Quecksilber  steigt  aber 
weiter  an,  und  erreicht  bald  41°.  Während  des  Steigens  wird  die 
Blutmessung  vollzogen.  Beide  Sonden  werden  bis  nahe  an  das 
Zwerchfell  geführt. 

Es  erfolgt  ein  Ausschlag  zu  Gunsten  der  Vene,  der  wenigstens 
5*0°  C.  werth  ist  (es  waren  50  Millim.  unserer  Scala). 

Nun  wurde  die  Venensonde  bis  in  die  Begion  der  Muskel- 
vene zurückgezogen.  Das  Muskelvenenblut  war  hier  noch  etwa  um 
0*6  wärmer,  als  das  Blut  der  Aorta  am  Zwerchfell. 

Die  Venensonde  abermals  an's  Zwerchfell  vorgeschoben,  aber- 
mals ein  Ausschlag  von  50  Theilstrichen  =  5*0°  zu  Gunsten 
dieser  Sonde. 


Wärme  am  fiebernden  Thiere.  377 

Nunmehr  die  Venensonde  weit  (bis  über  die  Mündung  der 
Muskelvene  hinaus)  zurückgezogen,  nunmehr  überwiegt  erst  die 
Temperatur  der  Arteriensonde. 

Die  beiden  Protokolle  lehren  übereinstimmend,  dass  das  Blut 
der  Cava  ascendens  da,  wo  sie  durch  das  Zwerchfell  tritt,  wesent- 
lich wärmer 'war,  als  das  Blut  der  Aorta,  dass  es  da  wärmer  war, 
als  an  der  Einmündung  der  Nieren vene,  imd  endlich,  dass  es  auch 
an  dem  letzteren  Orte  wärmer  war,  als  das  Blut  der  Aorta. 

Aus  Messungen,  die  Claude  Bernard  angestellt  hatte,  ergibt 
sich  dasselbe  Verhalten  für  das  nicht  fiebernde  Thier;  auch  an 
einem  solchen  kommt  das  Blut  aus  der  Niere  und  der  Leber  mit 
einer  höheren  Temperatur  heraus,  als  diejenige  ist,  die  im  Aorten- 
blut herrscht. 

'  Ich  will  das  von  mir  Erhobene  vorläufig  nur  als  ein  neues 
Factum  der  Temperaturtopographie  am  fiebernden  Thiere  betrachten 
und  es  wird  sich  wohl  bald  die  Gelegenheit  ergeben,  weiter  zu 
untersuchen,  wie  sich  am  fiebernden  Thiere  die  Temperatur  in  der 
Vena  portarum  im  Vergleiche  zur  Temperatur  in  der  Aorta,  wie 
sich  die  Temperatur  der  Milzvene  u.  dgl.  verhält. 

Nimmt  man  die  frühere  Thatsache  hinzu,  dass  das  Muskel- 
venenblut gegenüber  dem  Arterienblut  nicht  constant,  jedenfalls 
aber  nicht  bedeutend  wärmer  ist,  —  während  Niere  und 
Leber  sehr  bedeutende  Wärmemengen  an  das  Blut  abgeben ;  so 
liegt  hierin  wohl  ein  sehr  deutlicher  Hinweis,  wo  die  weiteren 
Untersuchungen  über  das  Fieber  anzuknüpfen  haben. 

Mau  überlege  nur  Folgendes.  Es  gelingt,  wie  in  unseren 
Versuchen,  die  Messung  gerade  in  dem  Augenblicke  aufzunehmen, 
wo  sich  das  Fieber  unter  unseren  Augen  einstellt.  Wir  finden  so- 
fort die  Temperatur  des  Nieren venenblutes  höher,  als  jene  des 
Aortenblutes.  So  verhält  sich  die  Sache  schliesslich  auch  am  nicht 
fiebernden  Thiere.  Aber  nun  steigt  die  Bectumtemperatur  auf  40° 
und  darüber;  in  die  Niere  und  in  die  Leber  konlmt  nun  Blut  von 
fieberhafter  Temperatur ;  das  Blut,  das  aus  der  Leber  und  der  Niere 
kommt,  zeigt  aber  wiederum  höhere  Temperatur,  als  das  der  Aorta. 
Die  Temperatur  steigt  im  Rectum  weiter,  rasch  und  entschieden. 
Und  immerfort  ist  das  Lebervenen-  und  das  Nierenvenenblut 
wärmer.  Es  erhöht  also  während  des  Fieberanstieges  die  Temperatur 
des  Gesaramthlutes  jedenfalls.   Ob  aber  diese  Erhöhung  einzig  und 


878  Albert. 

allein  auf  der  Wärmeleistung  der  Niere,  dann  jener  Organe,  welche 
das  Lebervenenblut  früher  passirt  hat,  zu  setzen  ist,  —  das  ist  eine 
Frage  weiterer  Untersuchungen. 

Die  Differenz  zwischen  der  Temperatur  des  Cavablutes  am 
Zwerchfell  und  jener  des  Aortenblutes  ist  grösser,  als  es  sich  aus 
den  Bernard'schen  Messungen  am  nicht  fiebernden  Thiere  ergibt. 
Es  kann  also  vermuthet  werden,  dass  die  Bauchorgane  den  Haupt- 
antheil  an  der  Erzeugung  der  Fieberhitze  besitzen.  Namentlich  in 
dem  Protokolle  Nr.  2  sind  die  Temperaturhöhen  ungewöhnlich 
bedeutend. 

Ob  diese  Ziffer  eben  wegen  ihre  Höhe  nicht  bedenklich  er- 
scheint ? 

Ich  habe  in  dem  Falle  die  Temperatur  des  Aortenblutes  nicht 
gemessen,  sondern  die  Differenz  zwischen  der  Temperatur  in  der 
Aorta  und  in  der  Cava.  Aber  die  Eectumtemperatur  wurde  thermo- 
metrisch  gemessen.  Es  lässt  sich  folgende  Ueberlegung  anstellen. 
Wenn  das  Aortenblut  mindestens  so  warm  war,  wie  das  Kectum, 
so  hätten  wir  in  der  Cava  am  Zwerchfell  nahezu  46°  C.  gefunden. 
So  sehr  die  Zahl  befremden  mag,  die  Messung  kann  nicht  ange- 
fochten werden  *),  der  Apparat  ist  unmittelbar  vor  und  unmittelbar 
nach  der  Messung  geprüft  und  die  Ausschläge  in  Thermometer- 
grade empirisch  umgesetzt  worden ;  es  geschah  Alles,  was  das 
Ergebniss  der  Messung  sicherstellt. 

Die  hohe  Temperatur  ist,  sage  ich,  befremdend,  aber  sie  steht 
nicht  im  Widerspruch  mit  den  Erfahrungen,  die  wir  sonst  über 
das  künstliche  Fieber  gemacht  haben. 

Die  Messung  ist  vollzogen  worden,  während  das  Fieber  im 
raschen  Anstieg  war.  Der  Hund  hatte  ein  Körpergewicht  von 
25  Kilo,  und  ist  im  Laufe  von  etwa  30  Minuten  um  1°  erwärmt 
worden. 

In  dem  Thiere  von  25  Kilo  rechnet  man  nahe  1*8  Kilo  Blut, 
wenn  man  den  rothen  Farbstoff  aus  dem  ganzen  Thiere  zieht. 
Kreislaufversuche   am   lebenden    Thiere   lehren,    wie   mir   College 


*)  Sofort  nachdem  das  Thier  verendet  war  und  der  Stand  der  Nadel 
bei  eröffneter  Bauchhöhle  controllirt  worden  war,  bohrte  ich  das  Thermo- 
meter in  die,  nun  schon  abgekühlte  und  anämische  Leber.  Es  zeigte  noch 
2*5°  höher,  als  im  Rectum. 


Wärme  am  fiebernden  Thiere.  379 

Stricker,  auf  seine  Beobachtungen  gestützt,  mittheilt,  dass  ein  be- 
trächtlicher Theil  des  Blutes  in  den  Capillaren  vieler  Organe  bald  da, 
bald  dort  retardirt  wird.  Ich  gehe  daher  vielleicht  nicht  fehl,  wenn 
ich  mir  vorstelle,  dass  etwa  80  #  jener  Blutmasse,  die  sich  durch 
Auswaschen  des  Gesammtblutes  ausrechnen  lässt,  wirklich  kreist. 
Das  gäbe  für  unseren  Fall  1*4  Kilo  Blut.  Nun  aber  strömt  dem 
Herzen  das  Blut  aus  der  Cava  ascendens  und  aus  der  Cava  descen- 
dens  zu.  Die  Menge  Blut,  die  bei  einer  einzigen  Umwälzung  der 
ganzen  Blutmasse  durch  die  Cava  ascendens  geht,  dürfte  in  unserem 
Falle  auf  1  Kilo  voranschlagt  werden.  Wenn  nun  der  ganze  Leib 
während  einer  einzigen  Umwälzung  des  Gesammtblutes  um  0*1°  C. 
erwärmt  werden  soll,  so  müsste  das  eine  Kilo  Blut,  falls  es  die 
Leistung  aufbringen  sollte,  schon  um  2*5°  wärmer  sein,  als  das 
Aortenblut,  wenn  kein  Wärmeverlust  in  Betracht  käme.  Wenn  sich 
aber  mit  der  Erwärmung  des  Thieres  der  Wärmeverlust  steigert, 
so  muss  bei  der  Erwärmung  des  Thieres  von  40  auf  41°  mehr 
Wärme  aufgebracht  werden,  als  zu  dieser  Erwärmung  an  und  für 
sich  nothwendig  ist,  da  auch  der  grössere  Verlust  gedeckt  werden 
muss. 

Diese  Betrachtung  soll  nur  das  Befremden  über  die  Höhe  der 
Ziffer  prüfen;  sie  ist  aber  in  Bezug  auf  die  Thatsachen  von  sehr 
geringem  Werthe,  da  wir  nicht  wissen,  wie  viel  Blut  in  einer  ge- 
wissen Zeit,  etwa  in  einer  Minute  durch  die  Cava  kreist,  und  alle 
übrigen  Ziffern,  die  in  jener  Betrachtung  herangezogen  wurden,  nur 
auf  Schätzungen  beruhen. 

Es  ist  ferner  zu  berücksichtigen,  dass  die  sehr  hohen  Ziffern 
vielleicht  nur  während  des  Fieberanstieges  zu  treffen  sind,  dass  also 
der  eine  Fall  schon  darum  etwas  Besonderes  aufweist. 

In  einem  Falle,  der  hier  nicht  protokollarisch  mitgetheilt  ist, 
hat  der  am  Fernrohr  Beobachtende  gesehen,  dass  die  Boussole  von 
Zeit  zu  Zeit  Ausschläge  gab,  die  Temperaturschwankungen  von  bis 
zu  0*5°  C.  äquivalent  waren;  es  ist  also  möglich,  dass  man  gerade 
im  Momente  einer  solchen  aufwärts  gehenden  Schwankung  eine 
auffallend  hohe  Temperatur  wahrnimmt. 

Wie  immer  die  sehr  hohen  Zahlen  des  Falles  2  aufgefasst 
werden  mögen,  so  steht  doch  nach  den  Resultaten  aller  unter- 
nommenen Messungen  fest,  dass  sich  die  Bauchorgane  an  der  Er- 
zeugung der  Fieberhitze  lebhaft  betheiligen. 


380  Albert.  Wärme  am  fiebernden  Thiere. 

Bedenkt  man,  dass  eine  Hemmung  der  Drüsensecretion  zu 
den  Haupterscheinungen  des  Fiebers  gehört,  so  liegt  es  nahe,  der 
Yermuthung  zu  folgen,  dass  die  Verminderung  der  Secretion  und 
die  Erhöhung  der  Wärmeproduction  Hand  in  Hand  gehen.  Nach 
den  Untersuchungen  von  Stricker  und  Spina  leisten  die  Drüsen- 
zellen mechanische  Arbeit;  die  Secretion,  respective  das  Hervor- 
sickern des  Secrets  erfolgt  durch  eine  sichtbare  Bewegung  der 
Zellen,  welche  die  Drüsengänge  auskleiden.  Nach  den  neueren  Unter- 
suchungen Spina's  (über  Resorption  und  Secretion,  Leipzig  1882) 
werden  ähnliche  mechanische  Leistungen  auch  von  den  der  Resorp- 
tion dienenden  Zellen  des  Darmtractes  aufgebracht.  Dass  ein  Apparat, 
der  mechanische  Arbeit  leistet,  auch  Wärme  aufbringen  kann,  ist 
durchaus  verständlich.  Wenn  also  beim  Herantreten  an  die  Frage 
zunächst  gedacht  wurde,  dass  die  Musculatur,  wo  dasselbe  Verhält- 
niss  giltig  ist,  an  der  Erzeugung  der  Fieberhitze  betheiligt  sein 
mag;  so  ist  man  aus  dem  Grundgedanken  nicht  herausgetreten, 
wenn  man  nachträglich  sieht,  dass  es  eine  andere  Gruppe  von 
Organen  ist,  deren  Verhalten  positive  Aufschlüsse  gibt. 

Es  muss  also  zunächst  die  Frage  noch  in  dem  Sinne  weiter 
verfolgt  werden,  wie  sich  die  anderen  noch  nicht  im  Detail  unter- 
suchten Organe  der  Bauchhöhle  bezüglich  der  Wärmeleistung  im 
Fieber  verhalten. 

Für  die  Hilfeleistung,  welche  mir  bei  dieser  Untersuchung  von 
Seite  meines  verehrten  Collegen  S.  Stricker  und  meines  Assisten- 
ten Dr.  Wagner  zu  Theil  wurde,  sage  ich  meinen  wärmsten  Dank. 


«E~ 


XVIII. 

Zwei  Fälle  von  lüeinlünittimor. 

Von 

Prof.  Dr.  Chvostek 

k.  k.  Stabsarzt  in  Wien. 

(Von  der  Redaction  am  16.  Mai  1882  übernommen.) 


Im  Nachfolgenden  theile  ich  zunächst  zwei  Fälle  von  Sarcom 
des  Kleinhirns  mit,  die  beide  im  Leben  von  mir  diagnosticirt  wurden 
und  fuge  ihnen  einige  Bemerkungen  über  die  Symptomatologie  und 
Diagnostik  der  Geschwülste  des  Kleinhirnes  bei.  Diese  Fälle  sind 
die  folgenden: 

I.  Beobachtung.  Ein  7  Ctm.  im  Durchmesser  halten- 
der Tumor  (Sarcom)  nimmt  die  ganze  linke  Kleinhirn- 
hemisphäre mit  Ausnahme  ihres  vorderen  und  äusseren 
Abschnittes  ein.  Chronischer  Hydrocephalus  intern. 

Franz  Sterf,  Keservemann,  20  Jahre  alt,  der  Vater  sei  1866 
drei  Monate  nach  einem  apoplektischen  Anfalle  gestorben,  die  Mut- 
ter lebt  und  ist  gesund.  Pat.  selbst  sei  stets  gesund  gewesen  bis  Sep- 
tember 1869.  Da  traten  ohne  nachweisbare  Veranlassung,  nament- 
lich des  Morgens,  Anfälle  von  heftigem  Schwindel,  zu  dem  sich 
bald  Erbrechen  einer  gallig  gefärbten  Flüssigkeit  gesellte,  auf,  welche 
Anfälle  von  leichter  Trübung  des  Bewusstseins  und  von  Zittern  und 
Schwäche  der  Gliedmassen  begleitet  und  von  äusserst  heftigen  Kopf- 
schmerzen in  der  Hinterhaupts-  und  Schläfengegend  gefolgt  waren. 
Diese  Anfälle  kamen  anfangs  durchschnittlich  2  Mal  täglich,  nach 
und  nach  wurden  sie  seltener,  so  dass  sie  sich  nur  alle  8—14  Tage 
wiederholten.  Wie  sich  der  Schwindel  bei  ihm  äussere,  vermag 
Pat.  nicht  genau  anzugeben,   er  sagt  er  habe  das  Gefühl,    als  ob 


382  Chvostek. 

sich  in  seinem  Schädel  irgend  etwas  herumdrehen  würde.  Der 
Schwindel  trete  bei  ihm  niemals  in  der  Kuhelage  auf.  Den  Kopf- 
schmerz beschreibt  er  als  äusserst  heftig,  er  habe  das  Gefühl,  als 
ob  ihm  Jemand  in  den  erwähnten  Gegenden  den  Schädel  eindrucken 
würde.  Im  October  bemerkte  Pat.  eine  Abnahme  seiner  Sehscharfe, 
wobei  es  ihm  vorkam,  als  ob  er  einen  Nebel  vor  seinen  Augen  hätte. 
Ungefähr  um  dieselbe  Zeit  bemerkte  Pat.  Doppeltsehen,  aber  nur 
beim  Sehen  nach  links.  Die  Abnahme  des  Sehvermögens  steigerte 
sich  allmälig  bis  zu  dem  Grade,  dass  Pat.  gegenwärtig  kaum  Licht 
von  Finsterniss  unterscheiden  kann.  Im  November  1869  bemerkte 
er  eine  allmälig  zunehmende  Schwäche  in  der  linken  unteren  Extre- 
mität, welche  sich  noch  in  diesem  Monate  bis  zu  dem  Grade  stei- 
gerte, dass  er  dieselbe  nur  schwer  über  die  rechte  hinüberlegen 
konnte.  Nach  und  nach  wurde  auch  die  rechte  untere  Extremität 
schwächer,  aber  nie  bis  zu  dem  Grade  wie  die  linke.  Diese  Schwäche 
der  unteren  Extremitäten  steigerte  sich  fortwährend  bis  zu  dem 
Grade,  dass  Pat.  ohne  fremde  Hilfe  nicht  herumgehen  konnte.  In  den 
oberen  Extremitäten  will  Pat.  keine  Abnahme  der  Körperkraft 
wahrgenommen  haben.  Ausser  den  Kopfschmerzen  habe  er  sonst 
nirgends  Schmerzen  gehabt;  auch  Ameisenlaufen  etc.  und  Krämpfe 
seien  niemals  aufgetreten.  Seit  3  Monaten  leide  er  zeitweise  an 
linksseitigem,  seit  2  Monaten  auch  an  rechtsseitigem  Ohrensausen 
bald  nur  ganz  kurze  Zeit,  bald  stundenlang;  dabei  habe  sein  Gehör- 
vermögen nicht  abgenommen.  Ebenso  habe  sein  Geruchs-  und  Ge- 
schmacksvermögen nicht  gelitten.  Sein  Gedächtniss  sei  etwas  schwä- 
cher geworden.  In  der  letzteren  Zeit  ziehe  es  ihn  nach  der  rechten 
Seite  und  ich  konnte  bei  den  wenigen  Besuchen,  die  ich  in  seiner 
Wohnung  ihm  gemacht  habe,  constatiren,  dass  er  beim  Sitzen  die 
Tendenz  habe  nach  rechts  zu  fallen. 

Am  5.  August  1870  wurde  Pat.  auf  meine  Abtheilung  auf- 
genommen. Da  er  Eeservist  war,  so  musste  ich  beim  General-Com- 
mando  um  die  Bewilligung  zur  Aufnahme  ins  Garnisons-Spital  ein- 
schreiten, was  ich  auch  mit  der  Begründung  that,  dass  Pat.  mich 
interessire,  da  er  an  einer  Geschwulst  im  Kleinhirn  leide.  Stat. 
praesens:  Pat.  von  kräftigem  Körperbaue,  dünner  schlaffer  Muscu- 
latur,  fettarmem  Unterhautzellgewebe.  Die  Haut  weiss,  normal  tem- 
perirt.  Aeusserlich  am  Schädel  nichts  Abnormes  nachweisbar.  Eine 
geringe  Abnahme   des    Gedächtnisses,    sonst  von  Seite  der  psychi- 


Zwei  Fälle  von  Kleinhirntumor.  383 

m 

sehen  Functionen  keine  Störung.  Gegenwärtig  kein  Kopfschmerz, 
kein  Schwindel.  Der  Schlaf  sei  ziemlich  gut.  Pat.  hat  die  Tendenz 
beim  Sitzen  nach  rechts  zu  fallen,  auch  beim  Liegen  ziehe  es 
ihn  nach  der  rechten  Seite.  Das  Gehörvermögen  ist  normal;  zeit- 
weise habe  aber  Pat.  Ohrensausen,  namentlich  rechterseits.  Das 
Eunzeln  der  Stirn  ist  rechts  unvollständiger,  als  links.  Die  Pu- 
pillen sind  weit,  die  linke  ist  weiter,  als  die  rechte,  beide  reagiren 
nur  wenig.  Ziemlich  starke  Parese  des  linken  Abducens,  sonst  von 
Seite  der  Augenmuskelnerven  keine  Störung.  Links  totale  Amau- 
rose, rechts  nur  quantitative  Lichtempfindung.  Ophthalmoskopisch 
Atrophie  der  beiden  Sehnerven,  linkerseits  stärker.  Der  linke  Mund- 
winkel steht  etwas  tiefer,  die  linke  Nasolabialfalte  ist  etwas  weniger 
deutlich  ausgesprochen,  als  dies  rechterseits  der  Fall  ist;  die  Zunge 
weicht  nach  rechts  ab.  Das  Geruchs-  und  Geschmacksvermögen 
zeigen  keine  Störung,  ebenso  das  Schlingen  und  die  Sprache. 
Pat.  fühlt  in  den  beiden  Gesichtshälften  die  leiseste  Berührung, 
localisirt  aber  links  etwas  weniges  schlechter,  als  rechts.  Keine 
Nackencontractur,  überhaupt  ist  die  Bewegung  des  Kopfes  nach 
allen  Seiten  vollständig  normal.  Pat.  kann  mit  den  oberen  Extre- 
mitäten alle  Bewegungen  correct  ausführen,  jedoch  sind  dieselben 
etwas  kraftlos;  die  oberen  Extremitäten  zittern  etwas,  zeigen  aber 
keine  Coordinationsstörung.  Das  Localisationsgefühl  ist  an  den  linken 
Fingern  etwas  herabgesetzt,  sonst  zeigt  die  Sensibilität  an  den 
oberen  Extremitäten  keine  Störung. 

Pat.  kann,  selbst  von  2  Wärtern  unterstützt,  nur  einige  Schritte 
mühsam  gehen,  wobei  er  nur  ganz  kurze  Schritte  macht,  eigentlich 
die  Füsse  stark  nachschleift.  Die  Localisation  ist  am  linken  Fusse 
ebenfalls  etwas  beeinträchtigt,  sonst  die  Sensibilität  an  den  unteron 
Extremitäten  normal.  Von  Seite  der  Brust-  und  Unterleibsorgane 
keine  Störung.  P.  80.  —  Die  faradische  Erregbarkeit  des  rechten 
Stirnmuskels  und  der  linken  Wangenmusculatur,  sowie  des  rechten 
Masseters  ist  etwas  herabgesetzt,  ebenso  diejenige  in  den  Streck- 
muskeln am  linken  Vorderarm,  während  dieselbe  an  den  Beugern 
an  beiden  Vorderarmen  etwas  gesteigert  ist;  an  den  unteren  Extre- 
mitäten ist  dieselbe  doutlich  herabgesetzt  u.  z.  in  der  Peroneal- 
gruppe  rechts  mehr  als  links,  hingegen  in  der  Wadenmusculatur 
links  mehr,  als  rechts.  Die  olektrocutane  Sensibilität  ist  an  beiden 
Körperhälften  gleich  und  normal. 

Med.  Jahrbücher.  1882.  25 


384     "  Chvostek. 

6.— 10.  August.  Die  Körportemperatur  ist  etwas  erhöht,  der 
Durst  stärker;  P.  96.  Pat.  ist  leicht  somnolent,  delirirt  des  Nachts 
und  entleert  den  Stuhl  und  Harn  unwillkürlich.  Die  Nackenmuscu- 
latur  ist  druckempfindlich.  Pat.  behauptet,  dass  es  ihn  immer  nach 
rechts  ziehe.   Seit  gestern  Diarrhöe.  Sonst  Stad.  idem. 

11.  August.  Die  leichten  Fieberbewegungen  und  die  Diarrhöe 
haben  aufgehört,  ebenso  die  Somnolenz  und  die  Delirien.  Die  Ee- 
spiration  unregelmässig;  nach  3—6  Eespirationen  erfolgt  eine  einige 
Secimden  währende  Pause;  die  Tiefe  der  einzelnen  Eespirationen 
während  einer  Eespirationsperiode  ist  häufig  mehr  minder  gleich, 
häufig  aber  verhält  sie  sich  analog,  wie  bei  der  Cheyne-Stockes'schen 
Eespiration.  Im  Ganzen  etwa  13  Eespirationen  in  der  Minute. 
Sonst  Stat.  idem. 

13.  August.  P.  64.  unregelmässig.  Heute  Morgens  war  Er- 
brechen vorhanden,  ohne  das  Ueblichkeit  oder  Schwindel  vorange- 
gangen oder  Kopfschmerz  nachgefolgt  wäre.  Die  Pupillen  sind  enger. 
Nackenspannung;  Pat.  kann  den  Kopf  nach  rechts  nur  etwas,  nach 
links  fast  gar  nicht  drehen.  Eespiration  unregelmässig,  bald  tiefer, 
bald  oberflächlicher  mit  zeitweise  auftretenden,  einigen  Secunden 
dauernden  Pausen. 

14. — 20.  August.  Die  ersten  Tage  kein  Erbrechen,  wohl  aber 
in  den  drei  letzten  Tagen  in  der  Nacht  und  gegen  Morgen,  ohne 
Ueblichkeit,  ohne  Kopfschmerz.  P.  80.  Sonst  Stat.  idem. 

22.  August.  Gestern  Morgens  1  Mal  Erbrechen  ohne  und 
heute  Morgens  Erbrechen  mit  Schwindel.  P.  68.  Sonst  Stat.  idem. 

24.  August.  Heute  Nachts  Ueblichkeit  ohne  Erbrechen,  gestern 
kein  Erbrechen.  P.  80. 

25.  August.  Heute  Morgens  und  Nachmittags  heftiges  Er- 
brechen. Seitdem  Pat.  im  Spitale  ist,  hat  er  noch  keinen  Kopf- 
schmerz gehabt.  Die  letzten  8  Tage  ist  Pat.  wieder  leicht  somnolent, 
delirirt  etwas  in  der  Nacht  und  hat  da  auch  unwillkürliche  Ent- 
leerungen.  Sonst  Stad.  idem. 

26.  August  bis  8.  October.  Nur  dann  und  wann  Erbrechen 
(28.  Aug.  3  Mal;  2.,  7.,  11.,  12.,  13.  Sept.  2  Mal;  20.,  28.,  30. 
Sept.,  6.  Oct.  1  Mal),  am  6.  Oct.  mit  heftigem  Kopfschmerze.  Vom 
11.  Sept.  an  wieder  leichte  Somnolenz  und  Nachts  leichte  Delirien; 
seit  dem  18.  Sept.  täglich  unwillkürliche  Harnentleerung;  Pat.  habe 
das  Gefühl,  dass  der  Harn  abfliesse,  er  könne  ihn  aber  nicht  zurück- 


Zwei  Fälle  von  Kleinhirntumor.  385 

halten.  Die  Respiration  bald  regelmässig,  bald  unregelmässig.  Harn 
blassgelb;  1920  Cctm.  in  24  St.;  kein  Eiweiss,  nur  eine  Spur  von 
Zucker  enthaltend.  Sonst  Stad.  idem. 

Am  9.  October  übergab  ich  den  Pat.  auf  die  Klinik  des  Prof. 
Duchek  mit  der  Diagnose:  Tumor  cerebelli,  ihm  auch  meine 
Notizen  zur  Verfugung  stellend.  Aus  der  daselbst  geführten  Krank- 
heitsgeschichte hebe  ich  Folgendes  hervor: 

9.  October  bis  28.  November.  Pat.  hatte  nur  einmal  Er- 
brechen u.  z.  Mitte  Oct.,  keinen  Kopfschmerz,  keinen  Schwindel, 
und  auch  das  Ohrensausen  verlor  sich  schon  Mitte  Oct.  Pat.  war  leicht 
somnolent  und  hatte  Incontinenz  des  Harnes  bei  Nacht,  seit  Nov. 
auch  beim  Tage  und  von  da  an  auch  Incont.  alvi.  Der  am  28. 
Nov.  auf  der  Klinik  aufgenommene  Stat.  praes.  lautet:  Pat.  gross, 
von  starkem  Knochenbaue,  schwacher  Musculatur,  weisser  Haut, 
fettarmem  Unterhautzellgewebe.  Pat.  ist  ziemlich  apathisch,  liegt 
grösstentheils  regungslos  im  Bette  und  hält  zumeist  die  Rücken- 
lage ein.  Puls  regelmässig  80—90.  Am  Kopfe  äusserlich  nichts 
Pathologisches  nachweisbar.  Beiderseits  Amaurose  in  Folge  von 
Atrophie  der  Sehnerven.  Pupillen  gleich  weit,  auf  Lichtreize  nicht 
reagirend.  Beim  Versuche  nach  links  die  Augen  zu  bewegen,  be- 
wegt sich  der  linke  Bulbus  nicht  nach  links.  Die  Nasolabialfalten 
sind  im  Ganzen  wenig  ausgeprägt,  jedoch  beiderseits  gleich.  Die 
Zunge  weicht,  hervorgestreckt,  nicht  ab.  Geruch,  Geschmack,  Gehör, 
ohne  nachweisbare  Störungen.  Die  Sensibilität  im  Gesichte  normal. 
Weder  Kopfschmerz,  noch  Schwindel,  wohl  aber  das  Gedächtniss 
und  die  Urtheilskraft  bedeutend  geschwächt,  das  Athmen  ist  etwas 
unregelmässig.  Links  in  der  Gegend  der  5.  Rippe  etwas  nach  aussen 
von  der  Papille  eine  6  Ctm.  im  horizontalen,  3  Ctm.  im  verticalen 
Durchmesser  betragende,  längs  der  Rippe  verlaufende,  deutlich 
fluctuirende,  gegen  stärkeren  Druck  schmerzhafte,  unter  der  Haut 
befindliche  Geschwulst.  Von  Seite  der  Brustorgane  nichts  Abnormes 
nachweisbar.  Schwäche  der  oberen  Extremitäten  u.  z.  auf  beiden 
Seiten  gleich,  stärkere  Parese  der  unteren  Extremitäten,  namentlich 
der  linken,  welche  bei  der  Rückenlage  des  Pat.  nur  mühsam  em- 
porgehoben und  nur  schwer  über  die  rechte  geschlagen  werden 
kann.  Das  Stehen  ist  unmöglich;  versucht  man  den  Pat.  auf  die 
Beine  aufzustellen,  so  zittern  diosolben  und  sinken  alsbald  ein.  Die 
Sensibilität  der  Haut  am  Stamme  und  an   den  Extremitäten   nor- 

25* 


386  Chvostek. 

mal.  An  Jeu  Unterloibsorganen  nichts  Abnormes.  Stuhl-  und  Harn- 
entleerung erfolgen  unwillkürlich.  Der  Harn  weingelb,  klar,  ohne 
Eiweiss  und  ohne  Zucker.  Duchek  stellte  die  Diagnose  auf  graue 
Degeneration  an  mehreren  Stellen  des  Gehirnes.  Nitras 
argonti  in  Pillon.  Eröffnung  des  Abscesses. 

20.  December  wurde  mit  dem  Nitras  argenti  ausgesetzt.  Die 
Symptomo  des  Nervenleidens  blieben  im  weiteren  Verlaufe  in  Glei- 
chem. Sonst  zeigten  sich  die  Erscheinungen  von  Lungenschwind- 
sucht, an  der  Pat.  auch  am  9.  Jänner  1871  starb. 

Auszug  aus  dem  Sectionsprotokolle  (Dr.  Weichsel- 
ba um).  Die  Leiche  ist  gross,  stark  abgemagert.  In  der  Kreuz- 
beingegend und  entsprechend  dem  linken  Troch  anter  ein  handteller- 
grosser  Decubitus.  Caries  der  4.,  5.  und  6.  Eippe  links  mit  Ver- 
schwärung  der  Haut.  Das  Schädeldach  ist  oval,  1 — 4  Min.  dick, 
theils  compact,  theils  spongiös.  Die  Innenfläche  ist  entsprechend 
den  hinteren  Partien  der  Seitenwandbeine  und  namentlich  am 
Hinterhauptbeine  sehr  rauh  und  mit  zahlreichen,  theils  halbkugeli- 
gen, theils  sehr  spitzigen,  etwa  hanfkorngrossen  Knochenauswüch- 
sen bedeckt.  Diesen  Stellen  entsprechend  findet  sich  die  Dura  mater 
u.  z.  2  Ctm.  ausserhalb  dos  Sinus  falciformis  beiderseits  an  2—3 
hanfkorngrossen  Stollen  sehr  stark  verdünnt  und  theilweise  durch- 
löchert. In  der  Nähe  dieser  Stellen  findet  sich  an  jeder  Seite  je 
ein  etwa  hirsekorngrosser,  grauröthlicher,  aus  lockerem  Bindege- 
webe bestehender  Auswuchs.  An  dor  vorderen  Parthie  der  beiden 
Seitenwandbeine,  neben  der  Pfeilnaht  je  eine  unregelmässige,  rund- 
liche, 1  Ctm.  im  Durchmesser  haltende  Grube;  auf  dem  Grunde 
der  auf  der  Unken  Seite  befindlichen  fehlt  an  einer  fast  erbsen- 
grossen  Stelle  die  Substanz  des  Knochens  bis  auf  ein  dünnes 
durchsichtiges  Knochenblättchen;  in  der  Mitte  dieser  Partie  fehlt 
an  einer  hirsekorngrossen  Stelle  die  Knochensubstanz  ganz.  An  der 
Innenfläche  des  Stirnbeines  finden  sich  mehrere  rundliche,  bis  zur 
Rindensubstanz  reichende,  grubige  Vertiefungen.  —  Die  Dura  mater 
ist  dünn,  zähe,  bläulich  weiss,  stark  durchscheinend;  in  ihren  Blut- 
leitern geronnenes  Blut.  Die  inneren  Hirnhäute  sind  dünn  und 
farblos.  Die  Gyri  an  der  Oberfläche  des  Gehirnes  sind  abgeplattet, 
die  Furchen  wenig  ausgeprägt.  Die  Oberfläche  der  linken  Klein- 
hirnhemisphäre ist  mit  dem  Tentorium  innig  verwachsen.  Diese 
Hemisphäre  ist  mit   Ausnahme    des   vorderen   und   seitlichen    Ab- 


Zwei  Fälle  von  Kleinhirntumor.  387 

Schnittes  ganz  durchsetzt  von  einem  bis  an  die  inneren  Hirnhäute 
reichenden,  7  Ctm.  im  Durchmesser  betragenden,  fast  kugligen 
Tumor  von  der  Consistenz  eines  Faserknorpels,  von  fast  homogener 
Beschaffenheit  des  Bruches  und  von  fast  gleichmässig  schwefelgelber 
Farbe.  Die  umgebende  Substanz  der  Kleinhirnhemisphäre  ist  etwa 
in  der  Ausdehnung  von  1/8  Ctm.  weich  und  röthlich  grau  gefärbt. 
Fast  in  der  ganzen  Ausdehnung  des  Tumors  fehlen  an  der  Ober- 
fläche die  inneren  Hirnhäute,  so  dass  derselbe  mit  der  Dura  mater 
verwachsen  ist.  Die  Hirnventrikel,  namentlich  die  Seitenventrikel 
sind  stark  ausgedehnt  von  einer  dünnen,  farblosen  Flüssigkeit;  der 
Boden  der  3.  Kammer  ist  gegen  die  Hirnbasis  zu  stark  ausge- 
höhlt, die  Oberfläche  der  Streifen-  und  Sehhügel  ist  abgeplattet, 
das  Ependym  dünn  und  zähe.  Die  Hirnsubstanz  ist  weich,  die 
Marksubstanz  rein  weiss,  die  Rindensubstanz  hellgrau.  An  den  bei- 
den Nn.  optici,  an  den  Abducentes  und  an  den  Kniehöckern  ist 
makroskopisch  keine  Veränderung  wahrnehmbar.  Chronische  tuber- 
culöse  Lungenphthise  beiderseits.  Im  unteren  Heum  einzelne  Tu- 
berkeln. Die  mikroskopische  Untersuchung  des  Kleinhirntumors  er- 
gab, dass  er  ein  Sarcom  ist. 

Diagnose:  Sarcom  der  linken  Kleinhirnhemisphäre.  Starker 
Hydrocephalus  intern.  Zahlreiche  Exostosen  an  der  Innenfläche  des 
Hinterhauptbeines  mit  theilweiser  Durchlöcherung  der  Dura  mater. 
Starke  grubige  Vertiefungen  an  der  Innenfläche  des  Schädeldaches. 
Caries  der  4.,  5.  und  6.  Rippe  links  mit  Verschwärung  der  Haut. 
Chronische  tuberculöse  Lungenphthise  beiderseits.  Tuberkeln  im 
Dünndarm. 

H.  Beobachtung.  Ein  3—4  Ctm.  im  Durchmesser  hal- 
tendes Spindelzellensarcom  in  der  Gegend  dor  linken 
Flocke  durch  gefässreiches  Bindegewebe  zusammenhän- 
.  gendmit  den  vordersten  Partien  der  linken  Kleinhirn- 
hemisphäre und  mit  einer  mehr  als  taubeneigrossen 
Cyste,  die  sich  zwischen  der  linken  Brückenhälfte  und 
den  vorderen  Partien  der  linken  Kleinhirnhomisphäre 
erstreckt.  Schwund  der  äusseren  Partien  der  linken 
Brücken-  und  Med.  oblong.-Hälfto  und  der  vorderen  Par- 
tien der  linken  Kleinhirnhemisphäre.  Chron.  Hydrops 
der  Seitenventrikel  und  das  Ventr.  septi  pelluc.  Caries  des 
linken  Felsenbeines. 


388  Chvostek. 

Franz  Walla,  Wachmann  der  Gewölb-Schutzwache,  42  Jahre 
alt.  Sein  Vater  im  59.  Jahre  an  einer  chron.  Lungenkrankheit,  die 
Mutter  im  69.  Jahre  an  einem  Herzfehler  gestorben.  Von  seinen 
5  Geschwistern  seien  2  u.  z.  die  beiden  Schwestern  im  28.  und  30. 
Jahre  an  Lungenschwindsucht  gestorben,  die  drei  Brüder  leben  und 
seien  gesund  bis  auf  den  jüngsten,  der  seit  seinen  Enabenjabren 
bucklig  ist.  Ausgesprochene  Nervenkrankheiten  sind  angeblich  in 
der  Familie  nicht  vorgekommen.  Pat.  sei  früher  stets  gesund  ge- 
wesen, auch  habe  er  insbesondere  niemals  eine  venerische  Krank- 
heit überstanden.  —  Vor  3  Jahren  d.  i.  im  Sommer  1878  habe  er 
zum  ersten  Male  auf  der  Gasse  einen  Schwindel  bekommen;  es 
habe  ihn  nach  links  gezogen,  so  dass  er  an  die  an  seiner  linken 
Seite  befindliche  Wand  eines  Hauses  angestreift  habe,  und  er  habe 
das  Gefühl  gehabt,  als  ob  sich  die  Gegenstande  um  ihn  langsam 
von  links  nach  rechts  drehen  würden;  er  musste  stehen  bleiben 
und  sich  an  der  Wand  des  Hauses  anhalten,  damit  er  nicht  um- 
falle. Der  ganze  Anfall  habe  etwa  eine  Min.  gedauert;  nach  dem- 
selben habe  er  noch  durch  einige  Stunden  einen  eingenommenen 
Kopf  gehabt.  Etwa  3  Mon.  später  bekam  Pat.,  während  er  einige 
Stunden  nach  dem  Esseji,  im  Lehnsessel  ausruhte,  einen  ähnlichen, 
wieder  etwa  1  Min.  dauernden  Anfall.  Von  da  an  kamen  ähnliche 
Anfalle  etwas  häufiger  und  es  gesellte  sich  zu  denselben  ein  fort- 
währendes Sausen  und  Summen  im  linken  Ohre  und  zeitweise  auch 
stärkere  stechende  Schmerzen  daselbst.  Im  Herbste  1879  haben  die 
Störungen  von  Seite  des  linken  Ohres  aufgehört,  ohne  jemals  wie- 
der aufzutreten.  Die  Schwindelanfälle  stellten  sich  jedoch  3—4  Mal 
im  Monate  ganz  unregelmässig  ein  und  das  Gezogenwerden  des 
Pat.  nach  links  war  manchmal  so  arg,  dass  Pat.  öfters  an  an  ihm 
vorbeigehende  Leute  angestossen  ist,  obwohl  er  ihnen  ausweichen 
wollte.  Im  Frühjahre  1880  bekam  Pat.  gerade  in  dem  Momente, 
als  er  quer  über  die  "Strasse  gehend,  am  Tramway-Geleise  ange- 
langt war,  einen  Anfall;  er  wurde  leicht  betäubt,  es  fing  an  sich 
Alles  um  ihn  zu  drehen,  wie  wenn  sich  der  Boden  unter  ihm  ver- 
schieben würde,  seine  unteren  Extremitäten  wurden  sehr  schwach, 
so  dass  er  sich  nicht  weiter  fortbewegen  konnte,  ja  sogar,  jedoch  nur 
langsam  niederfiel,  wobei  das  Gesicht  auf  den  Boden  zu  liegen  kam. 
Vollkommen  bei  Besinnung  und  in  der  Angst,  von  einem  Wagen 
überfahren  zu  werden,   hat  sich  Pat.  aufraffen   wollen,    ohne    dass 


Zwei  Fälle  von  Kleinhirntumor.  389 

ihm  dies  jedoch  gelungen  wäre.  Er  wurde  von  vorbeigehenden  Leu- 
ten aufgehoben,  dann  auf  das  Trottoir  geführt,  —  und  jetzt  konnte 
er  wieder  allein  weiter  gehen.  Am  Abende  nach  diesem  Anfalle, 
der  einige  Minuten  gedauert  hätte,  bekam  er  Zuckungen  in  seiner 
linken  Gesichtshälfte,  die  durch  einige  Wochen  andauerten,  trotz 
Anwendung  von  Elektricität  und  Bromkalium.  Nachdem  die  Zuckun- 
gen aufgehört  hatten,  #trat  auch  zeitweise  heftiger  Hinterhaupts- 
schmerz u.  s.  sowohl  mit  den  Schwindelanfallen  gleichzeitig  als 
auch  ohne  dieselben  auf,  begleitet  Von  einem  Gefühl  von  Spannung 
in  der  Nackenmusculatur  und  von  einem  Zuge  des  Kopfes  nach 
hinten  und  links.  —  Die  Schwindelanfalle  traten  in  der  letzteren 
Zeit  auch  beim  ruhigen  Liegen  auf,  waren  jedoch  viel  kürzer  und 
minder  intensiv;  am  leichtesten  wurden  sie  hervorgerufen  durch 
eine  rasche  und  starke  Bewegung  mit  dem  Kopfe  und  durch  eine 
Erschütterung  desselben.  Trotz  genauer  Beobachtung  der  ärztlichen 
Vorschriften  nahmen  die  Anfälle  an  Zahl  und  Heftigkeit  immer 
mehr  zu.  Pat.  sei  in  der  letzten  Zeit  wiederholt  zusammengestürzt, 
ohne  das  Bewusstsein  verloren  zu  haben,  und  sei  stets  rücklings 
gefallen.  In  der  letzteren  Zeit  habe  er  an  manchen  Tagen  trüb, 
wie  durch  einen  Nebel,  an  anderen  Tagen  wieder  ganz  gut  gesehen; 
zeitweise  sei  ihm  durch  einige  Minuten  ganz  schwarz  vor  den  Augen 
gewesen,  so  dass  er  gar  nichts  gesehen  habe.  In  den  letzten 
Monaten  habe  er  beinahe  continuirliche  Schmerzen,  besonders  im 
Hinterhaupte;  er  habe  das  Gefühl,  als  wenn  sein  Kopf  springen 
müsste  und  derselbe  nur  zusammengeschraubt  wäre.  Vor  14  Tagen 
habe  er  nach  einem  Schwindelanfalle  wiederholtes  Erbrechen  ge- 
habt, ohne  dass  Ueblichkeit  vorangegangen  wäre.  Der  Schlaf  ist  in 
der  Eegel  ein  guter;  Appetit  ist  vorhanden,  der  Stuhl  ist  etwas 
träge. 

Am  18.  Juli  1881  kam  Patient,  von  seinem  Bruder  gestützt, 
zu  Fuss  auf  meine  Abtheilung  und  bot  folgenden  Status  praesens 
dar:  Pat.  mittelgross,  von  zartem  Knochenbaue,  gut  entwickelter 
Musculatur  und  fettarmem  Unterhautzellgewebe.  Die  Haut  ist 
bräunlichweiss ,  die  Kopf-  und  Barthaare  sind  grau,  die  ersteren 
am  Scheitel  spärlich;  sonst  von  Seite  des  Schädels  nichts  Abnormes. 
Anfälle  von  Kopfschmerz  und  Schwindel,  wie  sie  in  der  Anamnese 
geschildert  wurden;  deutlicher  Nystagmus  sowohl  bei  seitlicher 
Blickrichtung,  als  auch  bei  der  Bewegung  der  Bulbi  nach  auf-  und 


390  Chvostek. 

abwärts.  Die  Pupillen  massig  weit,  etwas  träger  reagirend.  Pat. 
sieht  wie  durch  einen  Schleier;  er  kann  den  gewöhnlichen  Druck 
einer  Zeitung  nicht  mehr  losen,  sondern  höchstens  einzelne  Buch- 
staben davon  unterscheiden. 

Die  ophthalmoskopische  Untersuchung  ergibt  eine  Stauungs- 
papille auf  beiden  Augen. 

Auf  dem  linken  Ohre  ist  Pat.  vollständig  taub  und  auch  die 
Knochenleitung  auf  demselben  fehlend;  die  'Untersuchung  mit  dem 
Ohrspiegel  ergibt  nichts  Abnormes.  Von  Seite  der  Geschmacks- 
und Geruchsnerven,  sowie  von  Seite  des  Facialis  und  Trigeminus 
keine  Abnormität.  Die  Zunge  wird  gerade  hervorgestreckt,  die 
Sprache  ist  nicht  gestört.  Leichte  Spannung  und  Schmerzhaftigkeit 
der  Nackenmusculatur  linkerseits.  Das  Schlingen  zeigt  keine  Störung. 
Seit  gestern  hat  Pat.  zum  ersten  Male  das  Gefühl  von  Ameisen- 
laufen im  rechten  kloinen  Pinger.  An  den  oberen  Extremitäten 
ist  weder  in  Betreff  der  Motilität,  noch  in  Betreff  der  Sensibilität 
und  der  Beflexerregbarkeit  irgend  eine  Störung  nachweisbar.  Von 
Seite  der  Harnblase  und  des  Mastdarmes  keine  Functionsstörungen 
und  fiberhaupt  nichts  Abnormes.  An  den  unteren  Extremitäten  um 
die  Knie  herum  und  am  vorderen  Theile  der  oberen  Hälfte  des 
linken  Unterschenkels  ziemlich  ausgebreitete  bläuliche  und  gelbliche 
Blutextravasatflecke  in  der  Haut.  Die  Sensibilität  ist  an  den  unteren 
Extremitäten  normal.  Die  Patellav-Sehnenreflexe  sind  etwas  ge- 
steigert; Achilles-Sehnonreflexe  sind  nicht  vorhanden. 

Die  Respiration  ist  unregelmässig;  auf  mehrere  sehr  tiefe 
Athemzüge  kommen  dann  wieder  mehrere  seichte,  im  Ganzen  ist  sie 
nicht  verlangsamt.  Puls  60.  Sonst  von  Seite  der  Brust-  und  ebenso 
von  Seite  der  Unterleibsorgane  nichts  Abnormes.  Nachdem  sich 
Pat.  mühsam  aufgesetzt  hatte,  war  der  Kopf  nach  links  und  hinten 
stark  geneigt  und  liess  sich  nach  links  etwas,  nach  rechts  fast  gar 
nicht  drehen.  Als  diese  passiven  Bewegungsversuche  gemacht  wur- 
den, fiel  Pat.  plötzlich  nach  rückwärts  und  links  zurück;  sein  Be- 
wusstsein  war  sehr  stark  getrübt,  jedoch  nicht  erloschen;  die  Augen 
waren  stier,  die  oberen  Extremitäten  zitterten,  insbesondere  die 
rechte,  die  unteren  Extremitäten  wurden  mehrere  Male  krampfhaft 
gehoben  und  gesenkt.  Nachdem  dieser  Zustand  mehrere  Secunden 
gedauert  hatte,  kam  Pat.  wieder  zum  vollkommenen  Bewusstsein 
und  sagte:  „Himmel  Sacrament!  Was  ist  das  wiederum  mit  mir?a 


Zwei  Fälle  von  Kleinhfrntumor.  391 

setzte  sich  mit  einiger  Unterstützung  auf,  stand  auf  und  ging  mit 
Hilfe  eines  Stockes  und  von  einem  Wärter  leicht  unterstützt,  etwas 
im  Zimmer.  Pat.  ging  mit  breiter  Basis  und  sehr  mühsam;  der 
Kopf  und  der  Oberkörper  waren  dabei  ziemlich  stark  nach  links 
imd  hinten  geneigt,  so  dass  Patient  au  der  linken  Schulter  unter- 
stützt werden  musste,  weil  er  sonst  nach  links  und  hinten  gefallen 
wäre.  Wenn  Pat.  auf  einen  Gegenstand  in  gerader  Richtung  gehen 
soll,  so  weicht  er  immer  nach  links  ab;  beim  Umdrehen  taumelt 
er  wie  ein  Betrunkener;  sitzen  kann  Pat.  ohne  Unterstützung  nur 
einige  Secunden  und  fällt  dann  nach  hinten  und  links  zurück. 

Diagnoso:  Tumo**corobelli  sin.  Therapie  solat.  causa: 
Jodkalium  in  kleinen  Dosen  und  Galvanisation  des  Halssympath.  tf 
und  des  Hinterhauptes  mit  sehr  schwachen  Strömen. 

21.  Juli.  T.  37-0°,  37-2°,  P.  64,  R.  20-24.  Die  heutige 
Nacht  war  durch  stärkere  Schmerzen  im  Hinterhaupte  und  seit 
Mitternacht  auch  durch  reissonde,  bohrende  und  ziehende  Schmerzen 
in  der  rechten  Gesichtshälfto  und  insbesondere  in  den  Zähnen  ganz 
gestört.  Gegen  Morgen  Erbrechen  einer  geringen  Menge  einer  gallig 
gefärbten,  schleimigen  Flüssigkoit.  Auch  habe  er  seit  heuto  Nachts 
Schmerzen  im  Rachen  und  erschwertes  Schlingen;  die  Rachen- 
schleimhaut ist  nicht  geröthot.  Auf  der  Brust  habe  er  ein  Gefühl 
von  Spannung,  das  durch  einige  Ructus  erleichtert  wird.  Sonst 
Stat.  idem. 

22.  Juli.  Pat.  klagt  über  starke  Schmerzen  in  der  Stirn-, 
Scheitel-  und  Hinterhauptgegeud;  er  habo  das  Gefühl,  als  wollte 
ihm  der  Kopf  zerspringen.  Die  Schmerzen  in  der  rechten  Gosichts- 
hälfte  sind  etwas  geringer.  Sonst.  Stat.  idem. 

23.  Juli.  T.  37-0°,  37-4°,  P.  GG.  Pat.  habo  die  ganze  Nacht 
hindurch  heftige  Schmerzen  gehabt,  besonders  im  Hinterhaupto  und 
in  der  rechten  Gesichtshälfte.  Sonst  Stat.  idem. 

24.  Juli.  Die  heutige  Nacht  war  ruhig,  erst  gegen  Morgen 
traten  Schmerzen  im  Kopfe,  nicht  aber  im  Gesichte  auf.  Unwill- 
kürliche Harnentleerung.  Setzt  man  den  Pat.  auf,  so  gorathon  seine 
Rücken-  und  Lendenmuskoln  in  ziemliche  Contractur,  so  dass  Pat. 
nicht  sitzen  bleiben  kann  und  einen  stieren  Blick  bekommt,  Sonst 
Stat.  idem. 

25.  Juli.  Temp.  37*0°,  37'2°.  Als  Pat.  heuto  Morgens  in  die 
linke  Hand  die  Spuckschale  genommen  hatte,    fing  die  linke  obero 


392  Chvostek. 

und  bald  darnach  auch  die  beiden  unteren  Extremitäten  zu  zucken 
an;  dabei  wurde  es  ihm  vor  den  Augen  schwarz,  aber  er  verlor  das 
Bewusstsein  nicht.  Dieser  Anfall  dauerte  etwa  2  Minuten.  Der 
Kopfschmerz  und  die  Nackenspannung  halten  an. 

26.  Juli.  T.  36-9°,  P.  68,  E.  20.  Pat.  hat  heute  Nachts 
ruhig  geschlafen  und  des  Morgens  etwas  grünliche  schleimige 
Flüssigkeit  erbrochen.  Pat.  ist  soeben  allein,  wenn  auch  mit  grosser 
Mühe,  aufgestanden,  wobei  es  ihn  jedoch  immer  nach  rückwärts 
und  links  zog;  kaum  hatte  er  jedoch  zwei  Schritte  nach  vorwärts 
gemacht,  so  ist  er  wiederum  ins  Bett  zurückgefallen.  Pat.  be- 
hauptet, dass  er  kurz  vor  dem  Eintritte  ins  Spital  noch  Spazier- 
gänge von  xj2  bis  1  stündiger  Dauer  habe  machen  können.  Die 
oberen  Extremitäten  und  die  Zunge  machen,  wenn  sie  hervorge- 
streckt werden,  leichte  zuckende  Bewegung.  Starker  Nystagmus  bei 
allen  Blickrichtungen;  überhaupt  sonst  Stat.  idem. 

27.  u.  28.  Juli.  T.37-10,  37-7°,  P.  70,  E.  ruhig,  regelmässig. 
Kein  Erbrechen.  Pat.  schläft  in  der  Nacht  gut,  hat  noch  immer 
Hinterhauptschmerzen:  überhaupt  sonst  Stat.  idem. 

29.  Juli.  T.  37-0°,  37'5°,  P.  60.  Der  Hinterhauptschmerz  sei 
etwas  geringer,  dafür  habe  er  einen  starken  drückenden  Schmerz 
in  der  Stirn.  Heute  Morgens  hat  Pat.  den  Kaffee  erbrochen.  Pat. 
verspürt  in  der  Halsgegend  einen  drückenden  Schmerz,  der  dann 
nachlässt,  wenn  ein  Aufstossen  von  Luft  unter  gurrendem  Geräusche 
stattgefunden  hat.   Harn  lichtgelb,  ohne  Eiweiss.  Sonst  Stat.  idem. 

30.  Juli  bis  2.  August.  T.  37-4°-37'8°,  P.  72—80.  Kein 
Erbrechen,  Schlaf  gut:  sonst  Stat.  idem. 

3.  August.  T.  37-3°,  37*5°,  P.  60.  Schlaf  gut,  gegenwärtig 
kein  Kopfschmerz.  Pat.  ist  somnolent  und  delirirt  zeitweise.  Der 
Nystagmus  ist  geringer  und  nur  bei  seitlicher  Blickrichtung  vor- 
handen. Die  rechte  Nasolabialfalte  ist  ein  klein  wenig  minder  gut 
ausgesprochen  als  die  linke  und  der  rechte  Mundwinkel  wird  minder 
gut  gehoben,  als  der  linke.  Zeitweise  unwillkürliche  Harnentleerung. 
4  Stunden  nach  dem  Essen  Erbrechen  einer  gelblichen  Flüssigkeit 
und  von  Speiseresten.  Eespiration  ruhig,  langsam  und  regelmässig; 
sonst  Stat.  idem. 

8.  August.  Pat.  ist  stark  somnolent;  Pat.  greift  mit  der 
Hand  gegeu  den  Kopf  und  reibt  sich  die  Stime.  P.  60,  E.  18 — 20, 


Zwei  Fälle  von  Kloinhirntumor.  393 

unregelmässig.  Am  Kreuzbein  ein  erbsengrosser  Decubitus.  Sonst 
Stat.  idem. 

9.— 10.  August.  T.  37-6°,  377°.  P.  100,  R.  18.  Pat.  erkennt 
die.  um  ihn  stehenden,  ihm  früher  bekannten  Personen  nicht.  Pupillen 
etwas  verengert,  beide  gleich.  Die  Hautreflexe  sind  ziemlich,  die 
Patellar-Sehnenreflexe  sehr  bedeutend  gesteigert.  Fussphänomen  ist 
beiderseits  sehr  deutlich;  das  Schütteln  dauert  so  lange,  als  der 
Puss  dorsalwärts  flectirt  gehalten  wird.  Sonst  Stat.  idem. 

12.  August.  T.  36-9°,  37*2°,  P.  64.  Die  Somnolenz  ist  ge- 
ringer. Pat.  gibt  an,  dass  er  fast  gar  nichts  sehe,  und  dass  er 
beim  Zuhalten  bald  des  einen,  bald  des  anderen  Auges  mit  dem 
rechten  Auge  etwas  weniges  besser  sehe,  doch  sind  seine  Angaben 
in  letzterer  Beziehung  ziemlich  widersprechend.  Bei  ruhiger  Rücken- 
lage hat  Pat.  in  den  beiden  unteren  Extremitäten  Schüttelkrämpfe, 
welche  sich  bei  willkürlichen  Bewegungen  mit  den  Extremitäten 
steigern.  Sonst  Stat.  idem. 

13.— 14.  August.  T.  37*2°,  37'5°,  P.  64.  Pat.  bewusstlos; 
die  Pupillen  weit,  nur  sehr  träge  reagirend.  Die  Schüttelkrämpfe 
und  Reflexe  wie  gestern.  Sonst  Stat.  idem. 

15.  August.  Kein  Schütteln  der  unteren  Extremitäten.  Der 
Achilles-Sehnenreflex  nur  noch  rechts  vorhanden.  Sonst  Stat.  idem. 

16.  August.  T.  40*0°,  40-1°.  R.  42  costo-abdominell.  Sopor. 
Das  rechte  obere  Augenlid  wird  nur  2 — 5  Mm.,  das  linke  mehr 
als  1  Ctm.  hoch  emporgehoben.  Die  Pupillen  sind  eng  und  reagiren 
nicht.  Die  rechte  Wange  hängt  schlaff  herab.  Auf  Nadelstiche 
reagirt  Pat.  nicht.  Leichte  Cyanose;  kein  Husten.  In  der  folgenden 
Nacht  erfolgte  der  Tod. 

Auszug  aus  dem  Sectionsprotokolle  (Chvostek):  Das 
Schädeldach  oval,  4  Mm.  dick,  compact,  entsprechend  dem  Sulcus 
sigmoid.  sehr  verdünnt.  Der  Sinus  falciformis  maj.  enthält  flüssiges 
Blut.  Die  Dura  mater  ist  dünn,  durchscheinend,  von  Pacchionischen 
Granulationen  durchsetzt.  Die  Hirnbrücke  ist  in  ihrer  rechten  Hälfte 
vollständig  intact;  von  ihrer  linken  Hälfte  sind  nur  die  medianen 
Theile  erhalten  und  zwar  vorne  nur  auf  1  Ctm.,  rückwärts  soga1* 
nur  auf  3  Mm.  Breite.  Die  übrigen  Partien  der  linken  Brücken- 
hälfte verdünnen  sich  sehr  rasch  zu  einem  Blatte,  das  nach  aussen 
zu  immer  dünner  wird  und  sich  an  der  basalen  Wand  eines  mehr 
als.  taubeneigrossen,  mit  gelber,  klarer  Flüssigkeit  gefüllten  Sackes 


394  Chvostek. 

verbreitert.  Die  obere  Wand  dieses  Sackes  ist  1 — 3  Mm.  dick,  und 
wird    von   den   oborsten  Partien  der  vorderen  Eleinbirnhemispbäre 
gebildet,   in   welche   letztere  die  Cyste  eine  ziemlich   tiefe  Grube 
macht.  Die  Medulla  oblong,  ist  in  ihrer  linken  Hälfte  und  zwar  in 
ihren  äussersten  Partien  ebenfalls  durch  Druck  verdünnt.  Die  linke 
Flocke  ist  sehr  platt  gedrückt ;  ihre  Windungen  sind  verschwunden. 
An  ihrem  untersten  Ende   befindet  sich  ein  4  Ctm.  im  sagittalen, 
je  3  Ctm.  im  frontalen  und  verticalen  Durchmesser  betragender,  an 
der  Oberfläche  flachhöckriger  Tumor,    der   von   einer  stark  binde- 
gewebehaltigen  Hülle  überzogen  ist.  Auf  der  Schnittfläche  erscheint 
der   Tumor   von    ziemlicher  Consistenz,   im  Allgemeinen   graulich 
weiss,   hie   und   da  diffus  gelblich  weiss  gefärbt,  von   zahlreichen 
erweiterten,  mit  Blut  gefüllten  Gefässen  durchsetzt,  schwer  zerreiss- 
lich,  zum  Theil  fasrig  brüchig;   von  seiner  Schnittfläche  lässt  sich 
ein   trüber   weisser  Saft   abstreifen.    Dieser  Tumor  hängt  mit 
der  Cyste  und  den   vordersten  Partien   der  linken  Klein- 
hirnhemisphäre   durch    gefässreiches    Bindegewebe   zu- 
sammen.   Auf  Querschnitten   erscheint   die  Substanz   der  Brücke 
und  der  Med.  oblong.,  abgesehen  von  den  schon  angegebenen  Ver- 
änderungen von  normaler  Beschaffenheit.    Die  Dura  mater  ist  ent- 
sprechend  der   linken  Schläfebeinpyramide  auf  mehr  als  172  Cta1- 
in  frontaler  und  etwa  l1/*  Ctm.  in  verticaler  Kichtung  halb  zerstört 
und  daselbst  der  Knochen  auf  3  Mm.  usurirt.  Vom  Grunde  dieses 
Knochensubstanzverlustes  erstrecken   sich  noch  zwei  kleine  Höhlen 
tiefer  in  den  Knochen  hinein,  wovon  die  eine  2,  die  andere  1  Mm. 
im  Durchmesser  hat.  Die  Sinus  der  Schädelbasis  enthalten  flüssiges 
Blut.  Die  weichen  Hirnhäute  sind  zart  und  durchscheinend.  In  der 
hinteren   Schädelgrube   findet    sich    viel    seröse    Flüssigkeit.    Die 
Seitenventrikel  sind  durch  eine   seröse  Flüssigkeit  ziem- 
lich stark  ausgedehnt,    die  Streifen-  und  Sehhügel  abgeplattet, 
Der    Ventrikel   des    Septum   pellucid.    ist    ebenfalls   durch   seröse 
Flüssigkeit   ausgedehnt.    Die  Sehnerven   erscheinen   für  das  blosse 
Auge  nicht   merklich  verändert.    Sonst  nur  noch  Anwachsung  der 
beiden  Lungenspitzen. 

Der  Tumor  erweist  sich  bei  der  mikroskopischen  Untersuchung 
als  Spindolzellensarcom  (Weich  sei  bäum). 

Diagnose.  Sarcom  an  der  Grenze  der  linken  Brücken- 
und  Kleinhirnhälfte,    von   den   inneren  Hirnhäuten    aus- 


Zwei  Fälle  von  Kleinhirntumor.  395 

gehend.    Caries    des   Felsenbeines.    Chron.    Hydrops    der 
Hirnventrikel.   Leichte   Anwachsung   der  Lungenspitzen. 

Epikrise.  M.  Bernhard1),  hat  90  Fälle  von  Tumoren  des 
Kleinhirnes  und  20  Fälle  von  Tumoren  der  hinteren  Schädelgruben 
zusammengestellt.  17  von  den  Tumoren  der  hinteren  Schädelgrube 
bieten  ganz  die  Symptome  dar,  wie  die  Tumoren  der  Kleinhirn- 
hemisphären. Gewöhnlich  werden  die  Erkrankungen  der  letzteren 
von  denjenigen  des  Wurmes  bei  Besprechung  der  Symptome  und 
zwar  mit  vollem  Bechte  getrennt,  da  nach  Nothnagel8)  Ausfalls- 
erkrankungen, wenn  sie  in  einer  Kleinhirnhemisphäre  localisirt  sind, 
regelmässig  vollständig  latent  bleiben. 

Da  meine  beiden  Fälle  nicht  vom  Kleinhirnwurm  ausgegangen 
waren,  sondern  die  Kleinhirnhemisphären  betrafen,  so  will  ich  hier 
über  die  Symptome  des  ersteren  nur  in  aller  Kürze  das  Noth- 
wendigste  mittheilen.  Nach  Nothnagel  sind  nur  Coordinations- 
störungen,  namentlich  taumelnder,  schwankender  Gang  und  starker 
Schwindel  direct  auf  das  Kleinhirn,  respective  auf  den  Kleinhirn- 
wurm zu  beziehen,  alle  anderen  bei  Kleinhirnerkrankungen  beob- 
achteten Symptome  sind  durch  raumbeschränkende  Einflüsse  auf 
die  Nachbarschaft  bedingt.  Unter  den  90  von  Bernhard  zusammen- 
gestellten Fällen  von  Kleinhirntumor  hatte  derselbe  sich  22  Mal 
in  der  Kleinhirnmitte,  respective  im  Wurm  festgesetzt.  Durch 
Zusammenstellung  dieser  22  Fälle  gelangt  nun  Bernhard  zu 
folgendem  Resultate :  Tumoren  des  Kleinhirnwurmes  äussern  sich 
vorwiegend  durch  die  Gegenwart  heftiger,  oft  intermittirend  auf- 
tretender Kopfschmerzen,  die  im  Hinterhaupt  und  Nacken,  seltener 
in  der  Stirngegend  localisirt  werden.  Andere  Sensibilitätsstörungen 
am  Gesicht  oder  an  den  Extremitäten  fehlen.  Neben  allgemeiner 
Schwäche  und  Abgeschlagenheit  machen  sich  im  motorischen  Ge- 
biete in  auffallender  Weise  Störungen  in  der  Gleichgewichtshaltung 
des  Körpers  sowohl  beim  Stehen,  wie  beim  Gehen  bemerkbar;  die 
Kranken  taumeln,  schwanken  eventuell  nach  vorne,  hinten  oder  zur 
Seite  und  bewegen  ihre  an  sich  nicht  gelähmten  Extremitäten  in 
uncoordinirter,   ungeschickter  Weise  nach  Art  Ataktischer.  Convul- 


!)  Beiträge  zur  Symptomatologie  und  Diagnostik   der  Hirngeschwülste. 
Berlin  1881.  p.  213-260  und  304-310. 

■)  Topische  Diagnostik  der  Hirnkrankheiten.  Berlin  1879.  p.  15—98. 


396  Chvostek. 

sionen  treten  mehr  in  den  Hintergrund,  ausgesprochene  halbseitige 
Lähmungen  fehlen.  Ausserdem  kommen  in  etwa  einem  Drittel  der 
Fälle  Schwindelerscheinungen  und  häufig  Sehstörungen  (Amblyopie, 
Amaurose)  vor.  Läsionen  anderer  Sinne,  Geistesstörungen,  Sprach- 
und  Schlingbehinderung  kommen  wohl  zur  Beobachtung,  aber  bieten 
für  das  Krankheitsbild  nichts  Charakteristisches  dar ;  höchstens  kann 
das  Vorkommen  von  Erbrechen,  wenn  es  neben  den  Hinterhaupts- 
schmerzen und  der  schwankenden  Körperhaltung  auftritt,  die  Dia- 
gnose auf  eine  Erkrankung  des  Kleinhirnes  noch  mehr  wahrscheinlich 
machen. 

Ich  gehe  nun  zur  Besprechung  der  Symptome  der  Tumoren 
der  Kleinhirnhemisphären  und  meiner  beiden  in  diese  Kate- 
gorie gehörenden  Fälle  über.  Da  muss  ich  gleich  von  vorne  hervor- 
heben, dass  die  bei  denselben  beobachteten  Symptome  in  Anbe- 
tracht der  Symptomlosigkeit  der  Ausfallserkrankungen  dieser  Hemi- 
sphären, auf  Compression  entweder  des  Kleinhirnwurmes  oder  des 
Pons  oder  der  Medul.  oblong,  oder  der  benachbarten  Hirnnerven 
beruhen. 

Das  häufigste  Symptom  ist  der  Kopfschmerz;  Bernhardt 
fand  ihn  in  den  68  von  ihm  zusammengestellten  Fällen  50  Mal  (73$). 
Derselbe  ist  bisweilen  enorm  heftig,  sitzt  zumeist  in  der  Hinterhaupt- 
und  Nackengegend,  von  da  bisweilen  in  die  Schultern  und  Arme  aus- 
strahlend, nur  selten  in  der  Stirn  (in  Bernhardte  Fällen  6  Mal) 
noch  seltener  am  Scheitel  (2  Mal  Bernhardt).  Nicht  selten  wird 
er  von  den  Kranken  stets  auf  der  dem  Tumor  entsprechender  Seite 
angegeben.  Der  während  des  ganzen  Kraukheitsverlaufes  im  Hinter- 
haupt localisirte  Schmerz  hat  eine  gewisse  diagnostische  Bedeutung 
für  raumbeschränkende  Erkrankungen  in  der  hinteren  Schädelgrube, 
aber  selbstverständlich  nur  unter  Berücksichtigung  anderer  Symptome. 
Was  nun  meine  beiden  Fälle  anbelangt,  so  war  in  beiden  Hinter- 
hauptschmerz vorhanden.  In  der  I.  Beobachtung  sass  der  Schmerz 
im  Hinterhaupte  und  ausserdem  noch  in  den  Schläfen  und  zwar 
beiderseits ;  er  war  sehr  heftig  und  drückend  (Pat.  hatte  das  Ge- 
fühl, wie  wenn  ihm  der  Schädel  eingedrückt  würde) ;  er  kam  und 
zwar  als  eines  der  ersten  Krankheitssymptome  anfallsweise,  anfangs 
bis  2  Mal  täglich,  später  immer  seltener  und  zwar  zumeist,  nachdem 
unmittelbar  Schwindel  und  Erbrechen  vorangegangen  war.  In  der 
II.  Beobachtung  trat  derselbe  erst  2  Jahre  nach  Beginn  der  Krank- 


Zwei  Fälle  von  Kleinhirntumor.  397 

heitserscheinungen  auf,  hatte  seinen  Sitz  im  Hinterhaupte,  war  sehr 
heftig  und  trat  ebenfalls  anfallsweise  auf  und  zwar  entweder  zu- 
gleich mit  den  Schwindelanfällen,  oder  auch  ohne  solche;  er  war 
von  einer  Spannung  der  Nackenmusculatur  und  von  einem  Ziehen 
des  Kopfes  nach  links  und  hinten  begleitet.  In  den  letzten  Monaten 
hatte  Pat.  beinahe  continuirliche  Schmerzen,  besonders  im  Hinter- 
haupte, wobei  er  das  Gefühl  hatte,  als  wenn  ihm  der  Kopf  zer- 
springen müsste  und  er  nur  zusammengehalten  wäre.  In  den  letzten 
3—4  Wochen  traten  auch  zeitweise  Schmerzen  in  der  Stirn-  und 
Scheitelgegend  auf. 

Während  Nothnagel  angibt,  dass  der  Schwindel  zu  den 
regelmässigsten  Vorkommnissen  bei  allen  raumbeschränkenden  Er- 
krankungen des  Kleinhirnes  gehöre,  fand  ihn  Bernhardt  bei 
Tumoren  des  Wurmes  in  36  %  (22: 8)  und  bei  Tumoren  der  Hemi- 
sphären des  Kleinhirnes  nur  in  28 #  (68:17)  der  Fälle.  Derselbe 
tritt  gewöhnlich  schon  sehr  frühzeitig  auf,  ja  nicht  selten  sogar  als  das 
erste  Symptom  und  ist  gewöhnlich  sehr  heftig.  Er  kommt  gewöhn- 
lich in  Form  von  Anfällen  zur  Beobachtung  und  nur  sehr  selten 
ist  er  fast  continuirlich.  Diese  Anfalle  treten  gewöhnlich  auf,  wenn 
die  Kranken  aus  dem  Bette  aufstehen,  und  häufig  auch  wenn  sie 
sich  im  Bette  einfach  aufsetzen.  Diese  Anfälle  steigern  sich  sehr 
häufig  bei  Schliessung  der  Augen  und  vermindern  sich  nicht  selten, 
wenn  sich  Pat.  an  etwas  anhalten  kann.  Die  Pat.  habon  meist  das 
Gefühl,  dass  ihr  eigener  Körper  den  Halt  unter  den  Füssen  ver- 
loren habe,  schwanke,  seltener  die  Täuschung,  dass  sich  die  Um- 
gebung um  sie  drehe. 

Wie  Nothnagel  richtig  hervorhebt,  bekommt  der  Schwindel 
erst  durch  das  Zusammentreffen  mit  cerebellaren  Bewegungs- 
störungen eine  Bedeutung  für  die  Diagnose  von  Kleinhirner- 
krankungen. 

In  meiner  I.  Beobachtung  trat  der  Schwindel  als  erstes  Sym- 
ptom und  zwar  anfallsweise  auf.  Die  Anfälle  kamen  anfangs  2  Mal 
täglich,  später  allmälig  immer  seltener  und  waren  anfangs  von 
Erbrechen  begleitet  und  von  Kopfschmerz  gefolgt,  später  fehlte 
bisweilen  auch  das  Erbrechen  und  noch  häufiger  der  Kopfschmerz. 
Der  Schwindel  trat  bei  ihm  in  der  horizontalen  Lage  niemals  auf 
und  derselbe  äusserte  sich  als  ein  Gefühl,  als  ob  sich  in  dem 
Schädel  des  Pat.  etwas  drehen  würde. 


398  Chvostek. 

Auch  in  meiner  IL  Beobachtung  trat  (1  Min.  dauernder) 
Schwindelanfall  als  erstes  Symptom  auf ;  während  desselben  zog  es 
ihn  nach  links,  so  dass  er  an  die  links  von  ihm  befindliche  Wand 
angestreift  habe  und  Pat.  hatte  das  Gefühl,  als  ob  sich  die  Gegen- 
stände um  ihn  von  links  nach  rechts  langsam  drehen  würden; 
nach  dem  Schwindelanfalle  hatte  er  noch  durch  einige  Stunden 
eingenommenen  Kopf.  Der  zweite  Anfall  kam  erst  nach  3  Monaten, 
dann  wurden  die  Anfälle  allmälig  häufiger.  Später  traten  sie  auch 
im  ruhigen  Liegen  auf  und  wurden  immer  häufiger  und  intensiver 
und  vom  Falle  nach  rückwärts  begleitet.  Sie  wurden  am  leichtesten 
hervorgerufen  durch  eine  rasche  und  starke  Bewegung  mit  dem 
Kopfe  oder  durch  eine  Erschütterung  desselben. 

Schwankender  Gang,  auch  als  Taumeln,  Unmöglichkeit  zu 
gehen  und  zu  stehen,  Unsicherheit,  Gang  eines  Betrunkenen, 
Incoordination  etc.,  bezeichnet  findet  sich  nach  Bernhardt  bei 
Tumoren  des  Wurmes  in  77  #,  bei  Tumoren  der  Kleinhirnhemi- 
sphären nur  in  41  %  der  Fälle.  In  meiner  I.  Beobachtung  ist  von 
diesem  Symptom  keine  Erwähnung,  in  meiner  IL  Beobachtung  ist 
bei  der  Aufnahme  des  Kranken  notirt,  dass  er  beim  Ujndrehen  wie 
ein  Betrunkener  taumle. 

Bisweilen  beobachtet  man  bei  Kleinhirntumoren  die  Neigung 
nach  vorne,  hinten  oder  nach  der  Seite  zu  fallen,  welche 
Erscheinungen  Nothnagel  für  eine  weitere  Steigerung  des  cerebel- 
laren  Schwankens  hält.  Derselbe  glaubt  auch  für  diejenigen  Fälle, 
in  denen  die  Fallrichtung  stets  in  derselben  Richtung  stattfindet, 
die  directe  oder  indirecte  Betheiligung  der  mittleren  Kleinhirn- 
schenkel, beziehungsweise  ihre  Einstrahlung  in  das  Cerebellum  an- 
nehmen zu  können.  Meine  beiden  Fälle  widersprechen  dieser  Hypo- 
these nicht.  Aus  der  Richtung  der  Fallbewegung  lässt  sich  nicht 
auf  den  Sitz  des  Tumors  in  der  einen  oder  der  anderen  Hemisphäre 
schliessen ;  allerdings  kommt  es  sehr  häufig  vor,  dass  die  Fall- 
richtung nach  der  Seite  stattfindet,  auf  welcher  der  Hirntumor  sitzt, 
aber  man  findet  auch  nicht  wenige  Ausnahmen  davon  (meine 
I.  Beobachtung).  In  dieser  sass  der  Tumor  in  der  linken  Kloinhirn- 
hemisphäre  und  der  Pat.  bekam  einige  Monate  nach  Beginn  der 
Erkrankung  ein  Gefühl  von  Zug  nach  rechts  und  beim  Sitzen  die 
Tendenz  nach  rechts  zu  fallen. 


Zwei  Fälle  von  Kleinhirntumor.  399 

In  meiner  II.  Beobachtung,  in  welcher  der  Tumor  ebenfalls 
links  sass,  hatte  Pat.  gleichzeitig  mit  den  Hinterhauptschmerzen 
einen  Zug  des  Kopfes  nach  links  und  hinten ;  später  sei  er  während 
der  Schwindelanfalle  stets  nach  rückwärts  gestürzt.  Bei  der  nach 
der  Aufnahme  auf  meine  Abtheilung  vorgenommenen  Untersuchung 
des  Pat.  war  beim  Gehen  sein  Kopf  und  Bumpf  nach  hinten  ge- 
neigt, so  dass  Pat.  gestützt  werden  musste;  beim  Sitzen  fiel  der- 
selbe nach  einigen  Secunden  nach  links  und  hinten ;  und  am 
26.  Juli  ist  notirt:  Beim  Versuche  zu  gehen  stürzt  Pat.  nach 
zwei  Schritten  nach  links  und  hinten. 

Erbrechen  kommt  sehr  häufig  bei  Tumoren  des  Kleinhirnes 
vor  und  zwar  nach  Bernhardt  bei  Erkrankimgen  des  Wurmes  in 
73  #,  bei  denjenigen  der  Kleinhirnhemisphären  in  53  #  (bei  Bern- 
hardt ist  fälschlich  36  #  angegeben,  denn  auf  68  Fälle  kamen 
36  mit  Erbrechen  vor).  Dasselbe  kommt  nur  bei  raumbeschränkenden 
und  nicht  bei  Ausfallserkrankungen  des  Kleinhirnes  vor  und  ist 
hier  zumeist  bedingt  durch  Druck  auf  die  Medul.  oblong,  nach 
Nothnagel  möglicher  Weise  auch  noch  durch  eine  anderweitige 
Einwirkung  auf  die  letztere.  Dass  das  Erbrechen  nicht  allein  bei 
raumbeschränkenden  Erkrankungen  des  Kleinhirnes,  sondern  auch, 
wenn  auch  viel  seltener,  bei  solchen  in  anderen  Hirnpartien  vor- 
kommt, ist  hinlänglich  bekannt.  Bei  Kleinhirntumoren  tritt  das  Er- 
brechen in  der  Kegel  frühzeitig,  bisweilen  sogar  (I.  Beobachtung) 
als  eines  der  ersten  Symptome  auf,  in  einzelnen  seltenen  Fällen 
(meine  IL  Beobachtung,  je  ein  Fall  von  Nothnagel1)  und 
Barudel2))  erst  im  späteren  Krankheits verlaufe.  Dasselbe  tritt  bei 
Kleinhirntumoren  häufig  beim  Uebergange  der  horizontalen  in  die 
verticale  Lage,  dann  gewöhnlich  mit  Schwindel  vergesellschaftet, 
häufig  aber  auch  mit  den  Anfällen  von  Hinterhauptsschmerz,  nicht 
selten  aber  auch  ohne  diese  Umstände  auf. 

In  meiner  I.  Beobachtung  trat  das  Erbrechen  als  eine  der 
ersten  Krankheitserscheinungen  auf  und  zwar  anfallsweise,  anfangs 
2  Mal  täglich,  allmälig  immer  seltener  und  ohne  Ueblichkeit;  in 
der  ersteren  Zeit  des  Krankheitsverlaufes  war  es  stets  mit  Schwindel 
vergesellschaftet,  im   späteren  Verlaufe  kam    es    manchmal  auch 


*)  1.  c.  p.  68. 

*)  Bernhardt  1.  c.  p.  217.  16.  Beobachtung. 

Med.  Jahrbücher.  1882.  26 


400  Chvostek. 

ohne  den  letzteren  vor,  in  der  ersteren  Periode  des  Krankheits- 
verlaufes war  es  stets  von  heftigem  Kopfschmerze  gefolgt,  im 
späteren  Verlaufe  fehlte  der  letztere  zumeist. 

In  meiner  II.  Beobachtung,  in  welcher  die  ganze  Dauer  der 
Krankheitserscheinungen  drei  Jahre  betrug,  hat  Pat.  erst  in  den 
letzten  6  Wochen  einige  Male  erbrochen  und  zwar  ohne  Ueblich- 
keit  und  das  erste  Mal  nach  einem  Schwindelanfalle,  später  ohne 
letzteren. 

Amblyopie,  Amaurose  kommen  nach  Bernhardt  bei 
Tumoren  des  Wurmes  in  mehr,  als  der  Hälfte,  bei  denjenigen  der 
Hemisphären  in  45*6  #  (68:31)  der  Fälle  vor.  Bei  der  ophthal- 
moskopischen Untersuchung  findet  man  eine  Stauungspapille  oder 
Neuritis  optica  oder  bei  längerem  Bestände  der  Sehstörung  Atrophie 
des  Sehnerven.  Dass  die  Sehschwäche  bei  Kleinhirntumoren  häufiger 
vorkommt  als  bei  Tumoren  und  anderen  raumbeschränkenden 
Processen  anderer  Hirnpartien  ist  wohl  feststehend,  aber  die  Ur- 
sache davon  noch  nicht  ganz  aufgeklärt.  In  meiner  I.  Beobachtung 
trat  schon  vom  zweiten  Monate  ab  Abnahme  des  Sehvermögens, 
sich  allmälig  bis  zur  completen  Blindheit  steigernd;  10  Monate 
später  wurde  Atrophie  der  Sehnerven  constatirt  und  zwar  links 
stärker,  als  rechts. 

In  meiner  n.  Beobachtung  trat  erst  in  den  letzten  Monaten 
Abnahme  des  Sehvermögens  auf,  wobei  dieselbe  in  ihrer  Intensität 
sehr  schwankte,  und  sich  schliesslich  bis  fast  zur  Blindheit  steigerte. 
Etwa  vier  Wochen  vor  dem  Tode  wurde  ophtalmoskopisch  Stauungs- 
papille nachgewiesen. 

Ueber  das  Verhalten  der  Pupillen  findet  man  bei  Bern- 
hardt bei  Besprechung  der  Tumoren  des  Wurmes  des  Kleinhirnes 
folgende  Notiz :  „einige  Male  wird  von  „weiten"  (reactionslosen, 
blinden  Augen  angehörigen  ?)  Pupillen,  zweimal  von  abnormer 
Lichtscheu  geredet",  und  bei  Tumoren  der  Kleinhirnhemisphären 
ist  von  dem  Verhalten  der  Pupillen  gar  keine  Erwähnung  gemacht. 
In  meiner  I.  Beobachtung  waren  die  Pupillen,  als  der  Kranke  in 
meine  Beobachtung  kam  und  bereits  Sehnervenatrophie  nachweisbar 
war,  weit  und  zwar  die  linke  weiter  als  die  rechte,  beide  nur  wenig 
reagirend ;  im  späteren  Verlaufe  wurden  sie  minder  weit.  In  meiner 
II.  Beobachtung  waren  die  Pupillen  massig  weit,  träge  reagirend, 
am  letzten  Tage  wurden  sie  jedoch  enge. 


Zwei  Fälle  von  Kleinhirntumor.  401 

Sonst  wurde  nach  Bernhardt  in  einigen  Fällen  Doppeltsehen 
ohne  genauere  Angaben  angeführt  und  in  3  Fällen  eine  Abducens- 
und  in  dem  einen  davon  nebstbei  eine  Trochlearislähmung,  abhängig 
von  dem  Drucke,  welchen  die  an  der  Unterfläche  der  Kleinhirn- 
hemisphären  liegenden  Geschwulstmassen  auf  die  basalen  Theile  aus- 
übten. In  meiner  I.  Beobachtung  war  schon  vom  2.  Monate  an  eine 
starke  Abducensparese  auf  der  Seite  des  Tumors.  In  Bernhardte 
Zusammenstellung  von  Tumoren  der  Kleinkirnhemisphären  findet 
sich  je  einmal  erschwerte  Fixation  der  nystagmusartigen  Bewe- 
gungen der  Bulbi  und  Exophthalmus,  einmal  auch  eine  neuropara- 
lytische  Augenentzündung  und  einmal  eine  Deviation  conjuguee  der 
Augen  (beim  Sitze  des  Tumors  in  der  linken  Kleinhirnhemisphäre 
konnten  die  Augen  nicht  nach  links  gedreht  werden).  Von  allen 
diesen  Störungen  war  in  meinen  beiden  Fällen  nichts  vorhanden, 
ausser  ein  Nystagmus  bei  jeder  Blickrichtung  in  meiner  IL  Beob- 
achtung. 

In  zwei  der  von  Bernhardt  zusammengestellten  Fälle  fand 
sich  eine  Ptosis,  einmal  der  Tumorseite  entsprechend,  einmal  auf 
der  entgegengesetzten  Seite,  ohne  dass  es  möglich  wäre,  diese 
partielle  Lähmung  des  Oculomotorius  durch  die  vorgefundene  Läsion 
zu  erklären.  Auch  in  meiner  IL  Beobachtung  war  aber  nur  am 
letzten  Tage  u.  zw.  beiderseitige  Ptosis  vorhanden,  rechts  stärker 
als  links,  offenbar  durch  den  Hydrocephalus  bedingt. 

Während  Gehörstörungen  nach  Bernhardts  Zusammen- 
stellung bei  den  Tumoren  des  Wurmes  des  Kleinhirnes  in  18  # 
(22:4)  der  Fälle  beobachtet  wurden,  kamen  dieselben  bei  denen 
der  Kleinhirnhemisphären  in  ungefähr  26*5  %  (68 :  18)  vor.  Ohren- 
sausen und  Abnahme  des  Gehörs  waren  die  gewöhnlichen  Er- 
scheinungen. Dabei  war  häufig  angegeben,  dass  nur  das  Ohr  einer 
Seite  entweder  allein  litt  oder  doch  längere  Zeit  von  dem  der  anderen 
Seite  in  seiner  Function  beeinträchtigt  wurde;  es  fand  sich  dann 
fast  immer  entweder  eine  Infiltration  des  N.  acusticus  der  dem 
Tumor  entsprechenden  Seite  mit  Geschwulstmassen  oder  eine  Com- 
pression  der  der  Tumorseite  entsprechenden  Gehirnbasis  und  der 
dort  gelegenen  nervösen  Gebilde.  —  In  meiner  I.  Beobachtung 
war  vom  9.  Monate  der  Erkrankung  an  zeitweise  links,  vom  10. 
Monate  zeitweise  auch  rechts  Ohrensausen  durch  57a,  resp.  47a 
Monate  hindurch.  In  meiner  II.  Beobachtung  entstand  durch  Com- 

26* 


402  Chvostek. 

pression  des  1.  Acusticus  schon  einige  Monate  nach  Beginn  der 
Krankheitserscheinungen  Sausen  im  linken  Ohre  und  allmälig  com- 
plete  Taubheit  an  diesem  Ohre. 

Nach  Bernhardt  machte  sich  in  einem  Drittel  sämmtlicher 
Beobachtungen  eine  Botheiligung  der  Psyche  geltend.  Abnahme 
der  Intelligenz,  des  Gedächtnisses,  Apathie  wechselnd  mit  Gereizt- 
heit, Schwormuth,  Schlaflosigkeit  oder  abnorme  Schlafsucht  werden 
als  hauptsächlichste  Störungen  hervorgehoben.  Diese  Hirnsymptome 
sind  auf  die  allgemeine  intracranielle  Drucksteigerung  durch  den 
Tumor,  namentlich  aber  durch  den  nicht  selten  vorkommenden 
Hydrocephalus  zu  beziehen.  In  moiner  I.  Beobachtung  war  schon 
gleich  anfangs  während  der  Schwindelanfalle  eine  leichte  Trübung 
des  Bewusstseins.  Vom  9.  Monate  der  Krankheit  leichte  Abnahme 
des  Gedächtnisses  und  der  Intelligenz.  Vom  Beginn  des  2.  Jahres 
der  Krankheitssymptome  zeitweise  durch  mehrere  Tage,  später 
andauernd  Somnolenz  und  Nachts  leichte  Delirien,  unwillkür- 
licher Abgang  des  Harnos,  später  auch  des  Stuhles.  In  meiner 
II.  Beobachtung  war  in  den  letzten  14  Tagen  mehr  minder  starke 
Somnolenz  und  in  den  letzten  4  Tagen  Bewusstlosigkeit,  selbst- 
verständlich mit  unwillkürlichen  Harn-  und  später  auch  Stuhl- 
entleerungen. 

Wenn  wir  von  dem  Hinterhauptschmerze  absehen,  so  sind  die 
allenfalls  zur  Beobachtung  kommenden  Störungen  der  Sensi- 
bilität nicht  von  der  Einwirkung  des  Tumors  auf  das  Kleinhirn, 
sondern  auf  die  Nachbarschaft  oder  von  Complicationen  abzuleiten. 
So  kamen  nach  Bernhardt  Anästhesien  der  unteren  Extremitäten 
zur  Beobachtung,  die  in  der  gleichzeitigen  Betheiligung  des  Kücken- 
markes ihre  Erklärung  finden.  Halbseitige  An-  oder  Parästhesie 
fand  sich  in  einigen  Fällen  durch  Druck  des  Tumors  auf  die  Brücke 
oder  auf  die  Medul.  oblong.  Dasselbe  gilt  für  die  in  einigen  Fällen 
beobachteten  Sensibilitätsstörungen  (Schmerzen,  An-  oder  Par- 
ästhesien)  im  Gesichte.  In  meiner  I.  Beobachtung  war  11  Monate 
nach  dem  Auftreten  der  ersten  Krankheitserscheinungen  das  Loca- 
lisationsgefühl  an  der  linken  Gesichtshälfte  und  an  den  linken 
Fingern  und  Zehen  etwas  weniges  herabgesetzt,  was  sich  jedoch 
später  wieder  verlor.  In  meiner  IL  Beobachtung  war  1  Monat  vor 
dem  Tode  durch  3  Tage  hindurch  heftige  Neuralgie  des  rechten 
Trigeminus  beim  Sitze   des  Tumors   auf  der  linken  Seite  und  im 


Zwei  Fälle  von  Kleinhirntumor.  403 

letzten  Monate  hatte  Pat.  das  Gefühl  von  Ameisenlaufen  im  rechten 
kleinen  Finger. 

Nach  Bernhardt  treten  bei  den  Tumoren  der  Hemisphären 
sehr  viel  prägnanter,  als  bei  solchen  des  Wurmes  des  Kleinhirnes 
hemiplegische  oder  paraplegische  Erscheinungen  in  den 
Vordergrund.  Dieselben  sind  bald  auf  Compression  des  Bücken- 
markes durch  Tumormassen,  oder  auf  secundäre  Degeneration  des- 
selben oder  auf  den  Druck  zu  beziehen,  welchen  Theile  der  Brücke, 
der  Medul.  oblong,  und  einzelne  Hirnnerven  von  Seite  des  Tumors 
erleiden.  Die  hemiplegischen  Erscheinungen  treten  entweder  auf  der 
dem  Tumor  contralateralen  Seite  (4  Fälle)  oder  auf  derselben 
Seite,  auf  welcher  sich  der  Tumor  befindet  (4  Fälle);  in  einigen 
Fällen  fand  sich  auch  alternirende  Lähmung.  —  In  meiner  I.  Beob- 
achtung entwickelte  sich  vom  3.  Monate  an  allmälig  eine  Parese 
der  linken  unteren  Extremität,  später  auch  eine  solche  der  rechten, 
welche  sich  allmälig  bis  zu  einem  starken  Grade  steigerte;  später 
wurden  auch  die  oberen  Extremitäten  leicht  paretisch.  Bei  der 
Untersuchung  fand  man  auch  eine  leichte  Parese  der  Wangenzweige 
des  linken  und  der  Stirnzweige  des  rechten  Facialis;  die  elektro- 
musculäre  Contractilität  war  an  den  paretischen  Muskeln  propor- 
tional der  Parese  herabgesetzt.  In  diesem  Falle  spielte  ausser 
dem  Drucke  des  Tumors  auf  die  Brücke  und  die  Medulla  oblon- 
gata  auch  noch  der  Hydrocephalus  bei  der  Erzeugimg  der  Paresen 
eine  nicht  unwichtige  Bolle,  namentlich  im  späteren  Verlaufe.  — 
In  meiner  n.  Beobachtung  war  nur  eine  leichte,  14  Tage  vor  dem 
Tode  aufgetretene  und  allmälig  zunehmende  Parese  der  Wangen- 
zweige des  rechten  Facialis  vorhanden.  Merkwürdigerweise  fehlte 
trotz  so  hochgradiger  Atrophie  der  linken  Brückenhälfte  eine  contra- 
laterale Lähmung  der  Extremitäten  und  überhaupt  eine  Lähmung 
oder  Parese  der  Extremitäten,  obwohl  auch  die  linke  Hälfte  der 
Medulla  oblongata  in  Folge  von  Druck  ziemlich  atrophisch  war. 
Dieser  Fall  bestätigt  die  schon  oft  gemachte  Beobachtung,  dass  Ner- 
venpartien einem  starken  Drucke  ausgesetzt  sein  können,  ohne  dass 
functionelle  Störungen  auftreten. 

Krampfhafte  Zustände  treten  nach  Bernhardt  in  etwa 
25  #  der  Fälle  auf  und  äussern  sich  theils  als  wirkliche  epileptische 
Convulsionen,  theils  als  petit  mal,  theils  finden  sie  sich  halbseitig 
und  eventuell  nur  auf  einen  Nerven  (z.  B.  Facialis)  oder  eine  Extre- 


404  Chvostek. 

mität,  respective  Körperhälfte  beschränkt.  In  meiner  I.  Beobachtung 
fanden  sich  mit  Ausnahme  einer  1  Jahr  nach  dem  Beginne  der  Krank- 
heitssymptome aufgetretenen  beiderseitigen  Nackencontractur  keine 
krampfhaften  Zustände,  wohl  aber  in  meiner  II.  Beobachtung  mehr- 
fache. Nicht  ganz  2  Jahre  nach  Beginn  der  Krankheitserscheinungen 
traten  nach  einem  heftigen  Schwindelanfalle  heftige  Zuckungen  in 
der  linken  Gesichtshälfte  auf,  welche  durch  einige  Wochen  an- 
dauerten. Dieselben  waren  durch  Druck  des  Tumors  auf  den  Facialis 
bedingt.  Merkwürdigerweise  kam  es  zu  keiner  Lähmung  dieses 
Nerven,  obwohl  der  linke  Acusticus  vollständig  fimctionsunßhig 
wurde.  Ausserdem  kamen  in  diesem  Falle  epileptiforme  Anfälle 
vor  u.  zw.  am  18.  Juli  ist  notdrt:  „Als  sich  Pat.  mühsam  auf- 
gesetzt hatte,  fiel  er  plötzlich  nach  rückwärts  und  links;  sein 
Bewusstsein  war  stark  getrübt,  die  oberen  Extremitäten  zitterten, 
besonders  die  rechte  und  die  unteren  wurden  mehrmals  krampfhaft 
gehoben  und  gesenkt";  und  am  25.  Juli:  „Als  Pat.  die  Spuckschale 
in  die  Hand  genommen  hatte,  fing  diese  und  bald  darnach  auch 
die  imteren  Extremitäten  zu  zucken  an  und  dem  Pat.  wurde 
schwarz  vor  den  Augen;  der  Anfall  dauerte  2  Minuten".  —  Ausser- 
dem wurden  bei  diesem  Patienten  noch  folgende  mot.  Reizungs- 
erscheinungen beobachtet:  am  16.  Juli:  „die  oberen  Extremitäten 
und  die  Zunge  machen,  wenn  sie  hervorgestreckt  werden,  leichte 
zuckende  Bewegungen".  12. — 14.  August:  „bei  ruhiger  Rückenlage 
hat  Pat.  in  den  unteren  Extremitäten  Schüttelkrämpfe,  welche  sich 
bei  willkürlichen  Bewegungen  mit  diesen  Extremitäten  steigern". 
—  Ausserdem  fand  sich  in  dieser  Beobachtung  linksseitige  •Nacken- 
contractur, die  mit  dem  Hinterhauptschmerze  auftrat,  anfangs  nur 
während  desselben  vorhanden  war  und  später  andauernd  wurde. 

Die  Sprache  wurde  in  17$  der  Fälle  von  Tumoren  der 
Hemisphären  und  in  9$  der  Fälle  von  solchen  des  Wurmes  nach 
Bernhardts  Zusammenstellung  beeinträchtigt  gefunden;  dieselbe 
wurde  als  schwerfällig,  behindert,  lallend,  stotternd,  abgebrochen, 
undeutlich  geschildert  und  diese  Sprachstörung  beruhte  auf  einer 
Störung  der  Articulation,  bedingt  durch  Compression  des  Pons  und 
der  Med.  oblongata.  —  In  meinen  beiden  Fällen  kam  keine  solche, 
überhaupt  keine  Sprachstörung  vor. 

Schlingbeschwerden  fanden  sich  nach  Bernhardt  bei 
Tumoren  der  Kleinhirnhemisphären  6  Mal,   also  8*8$.    In  meiner 


Zwei  Fälle  von  JÖeinhirntumor.  405 

II.  Beobachtung  trat  nicht  ganz  4  Wochen  vor  dem  Tode  erschwertes 
Schlingen  und  Schmerzen  im  Bachen  ein,  ohne  eine  Entzündung  in 
denselben  und  nicht  ganz  3  Wochen  vor  dem  Tode  hatte  Pat.  einen 
drückenden  Schmerz  im  Halse,  der  nach  Aufstossen  nachliess. 

Störungen  der  Eespiration  (Dyspnoe)  fand  Bernhardt 
nur  in  2  Beobachtungen  und  von  Störungen  der  Circulation 
macht  er  gar  keine  Erwähnung.  Was  nun  die  ersteren  anlangt,  so 
fanden  sich  solche  in  meinen  beiden  Beobachtungen  u.  zw.  in  der  I. 
etwa  1  Jahr  nach  Beginn  der  Krankheitserscheinungen  durch  einige 
Zeit  Cheyne-Stokes'sche  Eespiration  oder  eine  dieser  ähnliche,  später 
war  die  Eespiration  bald  regelmässig,  bald  unregelmässig;  —  und  in 
meiner  IL  Beob.  war  die  Eespiration  zeitweise  unregelmässig  (auf 
mehrere  tiefe  Eespirationen  folgten  mehrere  seichte).  —  Der  Puls 
war  in  meiner  I.  Beob.  64 — 80,  bald  regelmässig,  bald  unregelmäs- 
sig; erst  später,  als  Fieber  zugegen  war,  betrug  die  Pulsfrequenz  90 
und  darüber;  in  meiner  IL  Beob.  war  die  letztere  zumeist  60—64, 
bisweilen  aber  auch  80—100. 

Nach  Bernhardt  wird  Diabetes  nur  einmal  erwähnt  und  von 
dem  Vorhandensein  von  Erectionen  nur  einmal  gesprochen.  Nur  in 
meiner  I.  Beob.  wurde  auf  Zucker  untersucht  und  nur  bei  der  ersten 
Untersuchung  höchstens  eine  Spur  desselben  nachgewiesen,  bei  der 
zweiten  Untersuchung  auch  diese  nicht. 

In  meiner  II.  Beob.  waren  bei  der  ersten  Untersuchung  die 
Patellarsehnenreflexe  etwas,  vom  7.  bis  zum  3.  Tage  vor  dem  Tode 
stark  gesteigert,  und  in  dieser  letzten  Zeit  auch  ein  starker  Achilles- 
Sehnenreflex  vorhanden. 

Die  Dauer  des  Processes  betrug  vom  Auftreten  der  ersten 
Krankheitserscheinungen  an  in  der  I.  Beob.  1  Jahr  und  4  Monate, 
in  meiner  IL  Beob.  3  Jahre.  Der  Tod  erfolgte  in  keinem  der  bei- 
den Fälle  plötzlich.  Letzteres  war  nach  Bernhardts  Zusammen- 
stellung unter  den  90  Fällen  von  Kleinhirntumoren  18  Mal,  also  in 
22^  der  Fall;  bei  den  von  ihm  zusammengestellten  21  Fällen  von 
Tumoren  in  der  Med.  oblongata  kam  dieses  Ereigniss  5  Mal,  also  in 
24  #  vor,  beim  Sitze  der  Tumoren  in  anderen  Hirnpartien  mehr 
oder  minder  bedeutend  seltener.  F  erb  er  ist  dor  Ansicht,  dass  plötz- 
liche Druckschwankungen  in  der  Nähe  der  das  Eespirationscentrum 
enthaltenden  Medulla  oblongata  und  acute  Lähmungen  dieses  Cen- 
trums den  plötzlichen  Tod  in  diesen  Fällen  veranlassen  dürften. 


406  Chvostek. 

Was  nun  die  Diagnose  anlangt,  so  konnte  ich  dieselbe  in 
beiden  Fällen  während  des  Lebens  u.  zw.  richtig  stellen.  Was  den 
I.  Fall  anlangt,  so  habe  ich  schon  hervorgehoben,  dass  ich  ihn  mei- 
nem hochverehrten  Lehrer  Prof.  Duchek  übergab,  n.  zw.  mit  den 
Worten:  „Wollen  Sie,  Herr  Professor,  den  Pat.  auf  die  Klinik  ha- 
ben? Er  hat  einen  Tüpel  (Tumor)  im  Kleinhirn".  Dnchek  machte 
leider  eine  andere  Diagnose,  nämlich  grane  Degeneration  ein- 
zelner Hirntheile. 

Wie  kam  es,  dass  Duchek  und  ich  in  Betreff  der  Diagnose 
zu  einem  ganz  entgegengesetzten  Resultate  gelangt  sind?  Dies  rührt 
einfach  davon,  dass  Duchek  alle  die  in  diesem  Falle  beobachteten 
Erscheinungen  nicht  auf  einen  einzigen  Herd  zurückfuhren  konnte, 
während  ich  glaubte  dies  im  Stande  zu  sein,  wenn  ich  einen  raum- 
beschränkenden Herd  (Tumor)  in  den  Gebilden  der  hinteren  Schädel- 
grube annehme.  Auf  die  nähere  Begründung  der  damals  (vor  fast 
12  Jahren)  von  mir  gestellten  Diagnose  auf  Tumor  cerebelli  will 
ich  hier  nicht  näher  eingehen,  da  mir  über  den  damaligen  Gedan- 
kengang bei  Stellung  derselben  keine  Notizen  vorliegen  und  ich  mir 
dieselbe  daher  jetzt  künstlich  construiren  müsste,  was  für  den  Leser 
wohl  nur  wenig  Werth  haben  dürfte. 

Was  nun  die  Diagnose  meiner  IL  Beobachtung  anlangt,  so 
war  dieselbe  im  Ganzen  ziemlich  leicht,  und  in  der  That  stellte 
schon  mein  damaliger  Secundararzt  Reg.-Arzt  Kowalski,  der  den 
Pat.  eben  zuerst  sah,  die  Diagnose  auf  einen  Tumor  cerebelli,  welche 
Diagnose  ich  den  nächsten  Tag  bestätigen  konnte.  Seit  3  Jahren 
bestanden  sehr  starke  Schwindelanfalle,  wobei  Pat.  das  Gefühl  hatte, 
dass  sich  die  Gegenstände  um  ihn  langsam  von  links  nach  rechts 
drehen  würden  und  wobei  es  ihn  nach  links  zog.  Einige  Mon.  dar- 
nach Sausen  und  Summen  und  zeitweise  auch  stechender  Schmerz 
im  linken  Ohre  und  allmälige  Entwicklung  von  linksseitiger  Taub- 
hoit.  Nicht  ganz  2  Jahre  nach  Beginn  des  Schwindels  nach  einem 
heftigen  Schwindelanfalle  durch  einige  Wochen  hindurch  heftige 
Zuckungen  in  der  linken  Gesichtshälfte.  Nach  Aufhören  dieser  zeit- 
weise heftige  Hinterhauptschmerzen  mit  einem  Gefühle  von  Span- 
nung im  Nacken  und  einem  Gefühle  von  Zug  des  Kopfes  nach  links 
und  hinten,  wobei  diese  Hinterhauptschmerzen  entweder  von 
Schwindel  begleitet  waren  oder  aber  auch  nicht.  Später  Schwindel- 
anfalle  mit  Fall  nach  rückwärts.  In  den  letzten  Monaten  Abnahme 


Zwei  Fälle  von  Kleinhirntomor.  407 

des  Sehvermögens,  in  der  Intensität  oft  schwankend  und  sich  all- 
mälig  immer  steigernd  und  die  Kopfschmerzen  fast  continuirlich. 
Vor  14  Tagen  nach  einem  Schwindel  wiederholtes  Erbrechen. 

Status  praesens  bei  der  1.  Untersuchung:  Kopfschmerz, 
Schwinde],  Nystagmus  bei  allen  Blickrichtungen.  Pupillen  etwas 
weiter  und  träge  reagirend.  Amblyopie  (Stauungspapille).  Links- 
seitige Taubheit  ohne  nachweisbare  Veränderungen  am  Gehörsorgane 
und  mit  aufgehobener  Knochenleitung.  Leichte  Spannung  und, 
Schmerzhaftigkeit  der  Nackenmusculatur  links.  Seit  gestern  Amei- 
senlaufen im  rechten  kleinen  Finger.  Patellar-Sehnenreflexe  etwas 
gesteigert.  Exspiration  unregelmässig;  auf  mehrere  tiefe  Athem- 
züge  kamen  mehrere  seichte.  Puls  60.  Beim  Aufsetzen  der  Kopf 
nach  links  und  hinten  stark  geneigt,  allbald  ein  ganz  kurzer  epi- 
leptiformer  Anfall.  Beim  Gehen  breite  Basis,  Neigung  nach  hinten 
und  links,  Abweichen  der  Gangrichtung  nach  links,  Taumeln  beim 
Umdrehen  wie  bei  einem  Betrunkenen.  Beim  Sitzen  fällt  Pat.  nach 
einigen  Secunden  nach  links  und  hinten  zurück. 

Alle  diese  Erscheinungen  nun  lassen  sich  ohne  jede  Schwierig- 
keit auf  eine  raumbeschränkende  Erkrankung  u.  z.  in  diesem  Falle 
Tumor,  in  der  hinteren  Schädelgrube  zurückführen.  Die  starken 
Schwindelanfalle  und  das  Taumeln  und  Schwanken  beim  Um- 
drehen sprechen  für  eine  Beeinträchtigung  des  Kleinhirnes,  insbe- 
sondere des  Kleinhirnwurmes;  die  Neigung  des  Kopfes  nach  links 
und  hinten,  die  Neigung  des  Kopfes  und  Oberkörpers  beim  Ver- 
suche zu  stehen  oder  zu  gehen  nach  links  und  hinten,  das  Zurück- 
fallen nach  links  und  hinten  beim  Sitzen  in  wenigen  Secunden 
sprechen  für  eine  Beeinträchtigung  des  Crus  cerebelli  ad  pontem; 
die  unregelmässige  Respiration  bei  intactem  Bewusstsein,  die  Ver- 
langsamung des  Pulses  und  das  Erbrechen  lassen  sich  auf  Be- 
theiligung der  Medul.  oblong,  zurückführen.  Die  epileptiformen  An- 
fälle sind  vom  Pons  respective  von  der  Medul.  oblong,  abzuleiten. 
Die  heftigen  Hinterhauptschmerzen  kommen  bei  raumbeschränken- 
den Processen  in  der  hinteren  Schädelgrube  sehr  häufig  und  der 
Nystagmus  bisweilen  vor.  Amblyopie  bedingt  durch  Stauungspapille 
ist  bei  Tumoren  der  hinteren  Schädelgrube  ein  häufigeres  Vor- 
kommniss  als  bei  Tumoren,  die  einen  anderen  Sitz  in  der  Schädel- 
höhle haben  und  die  Erweiterung  und  träge  Reaction  der  Pupillen 
hängt  mit  der  Amblyopie   zusammen.    Die   nervöse   Taubheit   am 


408  Chvostek. 

linken  Ohr,  das  vorhergegangene  Sausen,  die  klonischen  Krämpfe 
in  der  linken  Gesichtshälfte  und  die  linksseitige  Nackenspannung 
lassen  sich  durch  Druck  auf  den  Acusticus,  Facialis,  Accessorius 
entweder  an  der  Schädelbasis  oder  in  ihrem  weiteren  Verlaufe  bis 
zu  den  Ursprungskernen  in  der  Medul.  obl.  erklären  und  das  erst 
seit  dem  letzten  Tage  aufgetretene  Gefühl  von  Ameisenlaufen  im 
rechten  kleinen  Finger  durch  Druck  auf  die  Brücke  oder  Medul. 
oblong.  Dass  wir  es  daher  mit  einem  raumbeschränkenden  Processe 
in  der  hinteren  Schädelgrube  zu  thun  haben,  unterliegt  wohl  kei- 
nem Zweifel. 

Dass  dieser  Process  ein  Tumor  ist,  dafür  spricht  die  Stau- 
ungspapille, die  lange  Dauer  des  Processes,  der  stets  vollständig 
fieberlose  Verlauf,  das  Fehlen  jedweder  Ursache  für  eine  anderwei- 
tige (entzündliche  Erkrankimg).  Es  würde  nur  noch  die  Frage  zu 
beantworten  sein,  welche  Partie  des  in  der  hinteren  Schädelgrube 
befindlichen  centralen  oder  peripheren  Nervensystems  die  zuerst 
vom  Tumor  ergriffene  war  und  wie  sich  dieser  von  da  aus  weiter 
verbreitete.  Diese  Frage  ist  am  schwierigsten  zu  beantworten  und 
nur  durch  Berücksichtigung  des  Verlaufes  und  nur  mehr  minder 
vermuthungsweise.  Die  erste  Erscheinung  war  der  Schwindel,  wie 
er  eben  geschildert  worden  ist  und  einige  Monate  darnach  kam  es 
zum  Sausen  im  linken  Ohre  und  zur  allmäligen  Taubheit  an  die- 
sem Ohre  und  dann  bis  fast  zum  Ende  des  2.  Jahres  keine  weite- 
ren Erscheinungen.  Man  muss  nun  eine  directe  oder  indirecte  Er- 
krankung des  Kleinhirnwurmes  durch  einen  Tumor  mit  einer  Er- 
krankung des  1.  N.  acusticus  in  eine  solche  Verbindung  bringen, 
dass  dabei  keine  functionswichtigen  Gebilde  in  Mitleidenschaft  ge- 
rathen.  Und  dies  bietet  gewisse  Schwierigkeiten  dar.  Man  könnte 
den  ursprünglichen  Sitz  des  Tumors  in  den  Kleinhirnwurm  verle- 
gen und  von  da  aus  bei  weiterem  Wachsthume  auf  den  centralen 
oder  peripheren  Verlauf  des  linken  N.  acusticus  einen  Druck  aus- 
üben lassen;  dies  geht  aber  wohl  nicht  an,  weil  eine  grössere  Zahl 
functionswichtiger  Gebilde  mitleiden  würde,  die  sich  doch  auch  im 
Leben  irgendwie  geäussert  hätten.  Wahrscheinlicher  ist  es,  dass 
der  Herd  vorne  und  innen  in  der  linken  Kleinhirnhemisphäre  in  der 
Nähe  des  Kleinhirnwurmes  und  des  N.  acusticus  seinen  Sitz  hat. 
Bei  einer  solchen  Annahme  ist  das  spätere  Ergriffenwerden  des 
N.  facialis  sin.,   des  Proc.  cerebelli  ad  pontem,  der  Medul.  oblong. 


Zwei  Fälle  von  KlttnHumtmuWs  4W 

etc.  leicht  zu  erklären  Von  der  Schädelbasis  ^iftrfl^  der  IHww* 
wohl  nicht  ausgeben,  denn  er  raüsste  hinter  dem  AcMtdtoM*  M*  *•. 
in  seiner  Nähe  seinen  Sitz  haben  und  dort  beiludet  sieh  der  IXv  XII. 
Hirnnerv  und  der  eine  oder  der  andere  von  dou  letaleren  wftiMe 
früher  als  der  Acusticus  oder  zum  mindesten  gltdchiteititf  mit  dem* 
selben  durch  Druck  leiden  und  möglicher  Weise  würden  die  davon 
ausgehenden  Erscheinungen  früher,  als  der  Schwindel  uiel  ttltf  die 
auf  den  Proc.  cerebelli  ad  pontein  zu  beziehenden  KrwhehiMtiHtMi 
aufgetreten  sein. 


XIX. 

Ueber  das  Adenom  der  Leber. 

Von 

Robert  W.  Oreenish  F.  R.  C.  S. 

aus  London. 

Hiezu  Tafel  XI. 
(Von  der  Redaction  am  19.  Mai  1882  übernommen.) 


Obwohl  über  das  ziemlich  seltene  Adenom  der  Leber  schon 
eine  Reihe  von  Beobachtungen  und  Untersuchungen  vorliegen,  so 
sind  doch  unsere  Kenntnisse  über  diese  Geschwulst  weder  erschöpfend 
noch  in  allen  Punkten  richtig  gestellt,  und  selbst  über  die  Stellung 
des  Leber-Adenom  in  der  Systematik  und  über  seine  Abgrenzung 
gegenüber  anderen  Geschwülsten  herrscht  unter  den  Autoren  nicht 
die  wünschenswerte  üebereinstimmung.  Wenn  man  die  bisherige 
Literatur  durchgeht,  so  findet  man,  dass  die  einen  Autoren  die 
Bezeichnung  „Adenom"  möglichst  einschränken  und  nur  für  eine 
ganz  bestimmte  Species  gelten  lassen  wollen,  oder  dass  sie  zwischen 
knotiger  Hyperplasie  und  dem  eigentlichen  Adenom  unter- 
scheiden zu  müssen  glauben,  während  andere  den  Begriff  „Adenom" 
wieder  sehr  weit,  ja  entschieden  zu  weit  ausdehnen. 

Rokitansky  (Allgem.  Wiener  med.  Zeitimg,  1859,  Nr.  14) 
war  der  erste,  welcher  auf  das  Vorkommen  von  geschwulstartigen 
Knoten  mit  leberähnlicher  Structur  aufmerksam  machte.  In  beiden 
von  ihm  beobachteten  Fällen  war  es  ein  solitärer  Knoten  von  ziem- 
lich ansehnlicher  Grösse,  welcher  nicht  nur  äusserlich  schon  so  ziem- 
lich an  Lebergewebe  erinnerte,  sondern  auch  bei  der  mikroskopischen 
Untersuchung  eine  acinöse  Structur  zeigte.  Nur  waren  in  dem  einen 
Falle  die  Acini  kleiner  als  in  einer  normalen  Leber,  während  die 
Geschwulstzellen  den  normalen  Leberzellen  ähnlich  oder  ebenfalls 


412  Greenish. 

kleiner  und  häufig  fetthaltig  oder  ganz  zu  Grunde  gegangen  waren. 
In  dem  2.  Falle  waren  aber  die  Acini  viel  grösser,  als  in  einer 
normalen  Leber,  ebenso  die  Zellen,  welche  viele  Fettkügelchen  und 
hie  und  da  auch  Gallenpigment  enthielten. 

E.  Wagner  (Archiv  der  Heilkunde,  2.  Bd.)  beschreibt  zu- 
nächst zwei  Fälle  von  Nebenlebern  bei  Kindern,  nämlich  ganz 
kleine  Knötchen  im  Lig.  suspens.  von  der  Structur  der  Leber;  dann 
einen  Fall,  in  welchem  bei  einem  39jährigen  Manne  auf  der  Ober- 
fläche des  rechten  Leberlappens  ein  erbsengrosser,  ziemlich  derber, 
grauweisser,  homogener  Knoten  sass.  Derselbe  bestand  aus  einem 
spindelzellenfuhrenden  Stroma  mit  zahlreichen,  ovalen  oder  cylindri- 
schen  Lücken,  welche  von  6 — 20  regelmässig  nebeneinander  liegenden 
Zellen  ausgefüllt  waren.  Letztere  hatten  ungefähr  die  halbe  Grösse 
von  normalen  Leberzellen,  eine  meist  viereckige  Gestalt,  einen 
schwach  granulirten  Inhalt  und  einen  einfachen,  verhältnissmässig 
grossen  Kern.  Die  Zellen  zeigten  durchaus  keine  Aehnlichkeit  mit 
Leberzellen,  vielmehr  glich  die  Geschwulst  manchen  sogenannten 
Drüsengeschwülsten  der  Mamma.  Ausserdem  kamen  noch  einzelne 
kurze,  ziemlich  breite,  cylindrische  Schläuche  mit  regelmässigem 
Cylinderepithel  vor.  Die  Peripherie  der  Geschwulst  bestand  aus 
dicht  und  ungleichmässig  neben  einander  liegenden,  kleinen,  runden 
Kernen. 

Griesinger  und  Kindfleisch  (Archiv  der  Heilkunde,  5.  Bd.) 
beobachteten  bei  einem  48jährigen  Manne  äusserst  zahlreiche,  ver- 
schieden grosse,  grüne,  gelbe  oder  braune,  durch  Bindegewebszüge 
von  einander  getrennte  Lebertumoren  von  dem  Typus  einer  tubulösen 
Drüse,  indem  sie  aus  vielfach  in  einander  gewundenen,  epithelge- 
füllten Drüsenschläuchen  zusammengesetzt  erschienen.  Eine  Tunica 
propria  konnte  freilich  an  letzteren  nicht  nachgewiesen  werden, 
auch  das  centrale  Lumen  wurde  öfters  vermisst.  Bei  den  meisten 
zeigte  indessen  ein  gelb  gefärbter  Schleimpfropf  die  Stelle  des 
Lumens  an.  Die  Weite  des  letzteren  konnte  sogar  die  Hälfte  des 
Gesammtcalibers  des  Drüsenschlauches  betragen,  in  welchem  Falle 
die  Zellen  radiär  gestellt  waren  und  ganz  den  Charakter  des  Cy- 
linderepithels  trugen;  in  der  grossen  Mehrzahl  der  Schläuche  war 
aber  das  Epithel  nicht  so  charakteristisch  entwickelt.  Nach  Bind- 
fleisch ging  die  Geschwulstbildung  aus  einer  Hyperplasie  der 
Leberzellen  hervor. 


Adenom  der  Leber.  413 

Friedreich  (Virchow's  Archiv  38.  Bd.)  spricht  von  multiplen, 
hyperplastischen  Tumoren  des  Leber-  und  Milzgewebes  bei  einem 
56jährigen  Manne.  Die  Geschwülste  in  der  Leber  bestanden  aus 
dicht  gedrängten  Haufen  von  Leberzellen,  von  denen  die  meisten 
die  Grösse  der  normalen  Leberzellen  um  ein  Bedeutendes  über- 
schritten, und  häufig  2,  3,  selbst  4  Kerne  mit  auffallend  grossen 
Kernkörperchen  enthielten.  Hie  und  da  fanden  sich  zwischen  den 
Zellen  grössere  und  kleinere  Gallenextravasate,  theilweise  umge- 
wandelt und  condensirt  zu  festeren,  gelben  Körnchen  und  Klumpen. 
Friedreich  konnte  die  Entstehimg  der  Tumoren  durch  Wucherung 
der  Leberzellen  deutlich  verfolgen,  wobei  auch  das  interstitielle  Ge- 
webe der  angrenzenden  Lebersubstanz  in  massige  Wucherung  ge- 
rieth;  es  handelt  sich  nach  ihm  bei  Entstehung  dieser  Geschwülste 
um  Vorgänge  entzündlicher  Reizung. 

Kl  ob  (Wiener  med.  Wochenschrift,  1865,  Nr.  75—77)  fand 
zunächst  in  einem  Falle  von  acuter  gelber  Leberatrophie  in  dem 
degenerirten  Gewebe  erbsen-  bis  kirschengrosse,  knotenähnliche,  durch 
eine  bindegewebige  Kapsel  abgegrenzte  Substanzportionen,  welche 
aber  nach  ihm  nichts  anderes  als  noch  erhalten  gebliebene  Partien 
der  Lebersubstanz  sind,  um  welche  sich  eine  kapselartige  Binde- 
gewebsumgrenzung  entwickelt  hatte.  Weiter  fand  er  in  der  Leber 
eines  Mannes  einen  über  haselnussgrossen,  von  einer  bindegewebigen 
Hülle  eingeschlossenen,  ausschälbaren  Knoten,  welcher  aus  ganz 
regelmässig  angeordneten  und  von  kleinen  Fetttröpfchen  erfüllten 
Leberzellen  bestand.  Endlich  sah  er  bei  einer  56jährigen  Frau, 
knapp  an  und  unter  der  Anheftungsstelle  des  Lig.  suspensor.  eine 
kirschengrosse,  aus  vier  Lappen  bestehende  und  von  einer  binde- 
gewebigen Kapsel  umschlossene  Geschwulst,  welche  aus  verschieden 
grossen  Acini  mit  regelmässigen  und  normal  grossen  Leberzellen 
bestand.  Kl  ob  hielt  sich  nun  auf  Grund  dieser  seiner  Beobachtun- 
gen für  berechtigt,  die  ihm  bekannt  gewordenen  Fälle  von  Leber- 
Adenom  einer  Kritik  zu  unterziehen,  der  zufolge  er  die  von 
Rokitansky  beschriebenen  2  Fälle,  sowie  seinen  eigenen  3.  Fall 
fftr  eingeschlossene  Nebenlebern  erklärte,  analog  den  von  Wagner 
im  Lig.  suspens.  gefundenen  Neben! ebern,  während  er  die  von 
Friedreich  beschriebenen  Knoten  gar  für  Tuberkel  ansehen  zu 
müssen  glaubte;  überhaupt  wären  nach  ihm  die  sogenannten  Leber- 
tumoren  aus  „Neubildung  von  Lebergewebe  Rokitansky^  in  der 


414  Greenish. 

Mehrzahl  der  Fälle  angeborne  Leberdifformitäten  und  Hessen  sich 
den  Nebenlebern  anreihen. 

C.  E.  E.  Hoffmann  (Virchow's  Archiv,  39.  Bd.)  beobachtete 
bei  einem  48jährigen  Weibe  auf  der  unteren  Fläche  der  Leber  einen 
grösseren  Tumor,  welcher  aus  Läppchen  mit  radienförmig-maschiger 
Anordnung  der  Zellen  zusammengesetzt  war.  Viele  Zellenbalken 
bestanden  nur  aus  einer  einfachen  Reihe  von  Zellen,  in  anderen 
waren  wieder  mehrere  Zellen  nebeneinander  gelagert.  Letztere  selbst 
waren  in  den  peripheren  Theilen  der  Geschwulst  ziemlich  gross, 
von  allen  möglichen  polygonalen  Formen  und  meist  mit  grossen, 
mehrfachen  oder  in  Theilung  begriffenen  Kernen  versehen.  Der 
Tumor  war  nirgends  durch  eine  Membran  von  der  übrigen  Leber- 
substanz getrennt,  und  entstand  durch  Wucherung  der  Leberzellen, 
wobei  auch  das  interstitielle  Bindegewebe  nicht  unbetheiligt  blieb. 
Hoff  mann  theilt  die  vor  ihm  beschriebenen  Adenome  in  fol- 
gende Gruppen  ein: 

1.  In  angeborne  Tumoren  der  Leber,  die  man  als  Nebenlebern 
bezeichnen  kann;  hieher  gehören  die  beiden  Fälle  von  Wagner, 
der  3.  Fall  von  Klob  und  vielleicht  auch  der  2.  Fall  von  Rokitansky 
und  der  2.  Fall  von  Klob. 

2.  In  Neubildungen  von  der  Structur  der  Leber,  welche 
während  des  Lebens  entstanden  sind;  in  diese  Gruppe  sind  der  Fall 
von  Friedreich,  von  Hoffmann  und  wahrscheinlich  der  1.  Fall 
von  Rokitansky  zu  stellen. 

3.  In  Neubildungen,  welche  zwar  drüsige  Structur  besitzen, 
aber  von  der  Structur  des  Leberparenchyms  abweichen;  hieher  der 
3.  Fall  von  Wagner  und  der  Fall  von  Griesinger-Rindfleisch; 
die  Tumoren  der  2.  und  3.  Gruppe  bezeichnet  Hoff  mann  als  Ade- 
nome oder  Adenoide. 

4.  In  Geschwülste,  welche  durch  partielle  Degeneration  der 
Leber  entstehen;  hieher  der  1.  Fall  von  Klob  und  der  Fall  von 
Biermer  (Schweiz.  Zeitschr.  für  Heilk.  IL  Bd.),  wo  auf  der  Schnitt- 
fläche einer  hyperämischen  Fettleber  Inseln  von  besser  erhaltenem 
Gewebe  nach  Art  von  Tumoren  vortraten. 

Eberth  (Virchow's  Archiv,  51.  Bd.)  welcher  den  von  Rind- 
fleisch beschriebenen  Fall  ebenfalls  untersuchte,  konnte  dem  Be- 
funde des  letzteren  vollständig  beipflichten.  Ferner  fand  er  in  der 
Leber  eines  Hundes  zahlreiche,  miliare  bis  bohnengrosse  Knoten  von 


Adenom  der  Leber.  415 

grauweisser  Farbe,  in  denen  die  gleichen  Bestandteile,  wie  in  der 
normalen  Leber  vorhanden  waren,  und  die  sich  höchstens  durch 
etwas  grössere  Durchmesser  unterschieden;  die  Anordnung  der  Zellen 
war  aber  ganz  dieselbe  wie  in  der  normalen  Leber. 

Willigk  (Virchow's  Archiv,  51.  Bd.)  fand  in  der  cirrhotischen 
Leber  eines  58jährigen  Mannes  bei  der  ersten  Untersuchung  2  von 
einer  Bindegewebshülle  eingeschlossene  Tumoren,  von  denen  der 
grössere  4  Ctm.  im  Durchmesser  hatte  und  der  kleinere  etwa  wall- 
nussgross  war.  Der  erste  zeigte  grösstentheils  den  Bau  des  normalen 
Lebergewebes  mit  radiärer  Anordnung  der  Zellen,  die  sich  von  den 
gewöhnlichen  Leberzellen  Mos  durch  zartere  Contouren  und  ein 
zartkörniges  Protoplasma  unterschieden  und  untereinander  verschie- 
den gross  waren,  während  in  dem  kleineren  Knoten  die  meisten 
Zellen  Fetttröpfchen  und  Pigmentkörnchen  enthielten  und  an  den 
peripheren  Partien  schon  zu  einem  Detritus  verwandelt  waren. 
Bei  einer  späteren  Untersuchung  fand  Willigk  in  derselben  Leber 
noch  mehrere  hanfkorn-  bis  linsengrosse  Knötchen.  Die  Entstehung 
dieser  Tumoren  leitet  er  von  ausgewanderten,  weissen  Blutkörper- 
chen her,  indem  er  dieselben  in  der  bindegewebigen  Hülle  dieser 
Knoten  theils  in  Gruppen,  theils  in  Längsreihen  angeordnet  fand, 
und  neben  denselben  auch  kleine  polygonale  Zellen  vorkamen.  Von 
einer  Wucherung  der  Leberzellen  können,  wie  er  meint,  die  Knoten 
nicht  ausgegangen  sein,  da  die  ersteren  überall  degenerirt  waren. 

Greenfield  (Transact.  of  the  Path.  Soc.  XXV.  1874)  beob- 
achtete in  der  sehr  vergrösserten  Leber  einer  33jährigen  Frau  zahl- 
reiche Tumoren,  von  denen  die  kleineren  aus  unregelmässig  ange- 
ordneten, mit  Cylinderepithel  und  meist  mit  einem  Lumen  ver- 
sehenen cylindrischen  Schläuchen,  die  grösseren  Tumoren  aber  nicht 
nur  aus  Tubuli,  sondern  auch  aus  ganz  uuregelmässigen,  epithelialen 
Zellcomplexen  bestanden,  deren  Elemente  sehr  verschieden  gestaltet 
waren.  In  das  angrenzende  Lebergewebe  gingen  Fortsätze  des 
Stroma  hinein,  in  denen  bereits  ähnliche,  mehr  oder  weniger  ent- 
wickelte Zellschläuche  vorhanden  waren.  In  den  mediastinalen 
Lymphdrüsen  und  in  den  Lungen  fand  sich  die  gleiche  Neubildung. 
Greenfield,  welcher  zwar  eine  grosse  Aehnlichkeit  zwischen  seinem 
und  dem  von  Rindfleisch  beschriebenen  Falle  erblickt,  hält  selbst 
die  von  ihm  beobachtete  Neubildung  für  ein  cylindrisches  Epitheliom 
im  Sinne  von  Cornil  und  Banvier. 

Med.  Jahrbücher.  1882.  27 


416  Greenish. 

Tb ierf eider  bildet  in  seinem  Atlas  der  path.  Histologie, 
3.  Lieferung,  mikroskopische  Schnitte  von  2  verschiedenen  Adenomen 
ab,  nämlich  von  einem  unter  der  Serosa  der  Leber  eines  54jähri- 
gen  Mannes  gefundenen  Knoten,  welcher  sich  vom  normalen  Leber- 
gewebe fast  nur  durch  die  Grösse  der  Zellen  unterschied  und  daher 
zu  den  knotigen  Hyperplasien  gerechnet  wird,  und  dann  von  einem 
Adenom,  welches  in  der  Leber  einer  40jährigen  Frau  in  der  Form 
von  verschieden  grossen  Knoten  aufgetreten  war.  Im  letzteren  Falle 
bestand  die  Neubildung  zwar  auch  aus  Acini,  aber  die  Zellen  zeigten 
die  verschiedensten  Grössen-  und  Formverhältnisse,  häufig  Theilungs- 
vorgänge  imd  vorwiegend  eine  unregelmässige,  manchmal  an  tubu- 
löse  oder  acinöse  Drüsen  erinnernde  Anordnung. 

Kelsch  und  Kiener  (Arch.  de  Physiol.  norm,  et  path.  1876) 
beschrieben  zwei  einander  sehr  ähnliche  Fälle,  in  denen  die  cirrhoti- 
sche  Leber  eines  älteren  Mannes  von  zahlreichen  und  verschieden 
grossen  Knoten  durchsetzt  war.  In  beiden  Fällen  bestanden  die 
letzteren  aus  vielfach  gewundenen  Cylindern  und  Schläuchen,  von 
denen  manche  ein  Lumen  besitzen,  dass  entweder  Zellen  oder  eine 
granulirte  Masse  oder  Gallenfarbstoflf  enthält.  Die  Zellen  der  Cy- 
linder  imd  Schläuche  gleichen  den  Leberzellen,  nur  sind  sie  grösser. 
Im  2.  Falle  hatte  sich  stellenweise  ein  durch  die  Cirrhose  entstandenes, 
zellenreiches  Bindegewebe  zwischen  die  Drüsenschläuche  eingescho- 
ben, wobei  letztere  ohne  Unterbrechung  in  Gebilde  übergehen,  welche 
dio  Verfasser  für  neugebildete  Gallengänge  halten;  ja  in  manchen 
Knoten  waren  bereits  die  meisten  der  früheren  Adenomschläuche 
in  Folge  der  cirrhoti sehen  Wucherung  in  Gallengänge  umgewandelt. 

Endlich  erwähnt  Birch-Hirschfeld  (Lehrbuch  der  path.  Anat. 
p.  925)  ganz  kurz  3  von  ihm  beobachtete  Fälle,  von  denen  er  2  zu  den 
knotigen  Hyperplasien  und  1  zu  den  eigentlichen  Adenomen  rechnet. 
Im  letzten  Falle  waren  in  der  Leber  einer  40jährigen  Frau  massen- 
hafte, zum  Theile  abgekapselte,  Stecknadelkopf-  bis  wallnussgrosse, 
blassgelbe,  ziemlich  feste  Knoten,  in  denen  die  mikroskopische  Unter- 
suchung eine  bedeutende  Wucherung  des  Epithels  der  interacinösen 
Gallengänge  ergab,  durch  welche  dieselben  zum  Theile  in  ganz 
solide  Zellenmassen  umgewandelt  wurden;  an  anderen  Stellen  war 
die  Anordnung  eine  ganz  atypische. 

Aus  der  bisherigen  Literatur  ist  somit  zu  entnehmen,  dass 
unter  der  Bezeichnung  „Adenom"  verschieden  gebaute  Geschwülste 


Adenom  der  Leber.  417 

beschrieben  worden.  Diese  Verschiedenheit  im  Baue  mag  zum  Theile 
auch  der  Grund  gewesen  sein,  dass  Klebs,  welcher  selbst  kein 
Leber- Adenom  zu  untersuchen  Gelegenheit  hatte,  in  seinem  Hand- 
buche der  path.  Anatomie  einen  Unterschied  zwischen  knotiger 
Hyperplasie  und  eigentlichem  Adenom  aufstellen  zu  müssen 
glaubt,  wobei  er  die  letztere  Bezeichnung  blos  für  jene  Geschwülste 
reserviren  will,  welche  nach  dem  Typus  der  schlauchförmigen 
Drüsen  gebaut  sind.  Er  rechnet  daher  in  die  Kategorie  der  knotigen 
Hyperplasien  die  Fälle  von  Eokitansky,  Priedreich,  Klob, 
Hoffmann  und  Eberth,  während  er  die  Bezeichnung  „Adenom" 
blos  für  den  dritten  Fall  von  Wagner  und  für  den  Fall  von 
Griesinger-Rindfleisch  gelten  lassen  will.  Seinem  Beispiele 
folgen  die  Lehrbücher  der  path.  Anatomie  von  Birch-Hirschfeld 
und  Ziegler.  Ob  aber  eine  solche  Unterscheidung  berechtigt  ist, 
soll  weiter  unten  geprüft  werden.  Da  ich  nun  selbst  drei  Fälle  von 
Leb  er- Adenom  zu  untersuchen  Gelegenheit  hatte,  und  in  zwei 
F&llen  der  klar  zu  übersehende  Entstehungsmodus  von  dem  bis- 
her beobachteten  abweicht,  so  halte  ich  die  ausführliche  Beschrei- 
bung dieser  Fälle  für  gerechtfertigt,  um  so  mehr  als  daraus  sich 
auch  allgemeine  Folgerungen  für  die  Entstehung  und  Eintei- 
lung der  Leber-Adenome  ableiten  lassen. 

I.  Beobachtung. 

Im  rechten  Lappen  der  Leber  eines  61jährigen  Mannes  wurde 
ein  mehr  als  erbsengrosser,  rimder,  scharf  abgegrenzter,  derber 
Knoten  gefunden,  welcher  eine  grauweisse  Schnittfläche  zeigte;  die 
übrigen  Partien  der  Leber  waren  sehr  schlaff  und  gelblichbraun. 
Die  sonstigen  Veränderungen  an  der  Leiche  waren:  Alte  Tuber- 
culose  der  Lungenspitzen,  acute  Tuberculose  der  übrigen  Partien 
der  Lungen,  ferner  der  Leber,  Milz,  Nieren,  der  Pleura  beiderseits 
und  des  Peritoneums. 

Mikroskopischer  Befund:  Die  Geschwulst  ist  vom  Leber- 
gewebe durch  einen  mit  der  Glisson'schen  Kapsel  zusammenhängen- 
den Bindegewebssaum  abgegrenzt  und  besteht  der  Hauptmasse  nach 
aus  schmalen,  vielfach  gewundenen,  verzweigten  und  untereinander 
zusammenhängenden  Cylindern  und  Schläuchen  (Fig.  I  a),  welche 
in  ein  von  Spindelzellen  durchsetztes,  bindegewebiges  Stroma  ein- 
gelagert sind.   Die  Zellen,  welche  die  Cylinder  und  Tubuli  zusam- 

27* 


418  Greenish.     •* 

mensetzen,  sind  ziemlich  klein,  kaum  halb  so  gross  wie  normale 
Leberzellen,  meistens  von  kubischer  Gestalt,  und  besitzen  einen 
schmalen,  blassen,  sehr  fein  granulirten,  pigmentlosen  Zellenleib 
und  einen  relativ  grossen,  runden  oder  ovalen  Kern.  Sie  gleichen 
am  meisten  den  Epithelien  der  kleineren  Gallengänge,  sowie  auch 
der  Gesammthabitus  dieser  drüsenähnlichen  Formationen  sehr  an 
Gallengänge  erinnert.  Die  Zellen  in  ihnen  liegen  gewöhnlich  zu 
zweien  neben  einander  und  berühren  sich  dann  entweder  vollständig, 
oder  es  bleibt  zwischen  ihnen  ein  feiner  Kanal,  welcher  besonders 
an  Querschnitten  deutlich  hervortritt  und  die  Aehnlichkeit  mit 
Gallengängen  noch  vergrössert  (Fig.  Ia).  Doch  gibt  es  auch  Drüsen- 
cylinder  oder  einzelne  Stellen  derselben,  wo  die  Zellen  in  vier- 
oder  in  sechsfacher  Lage  nebeneinander  gereiht  sind,  was  eine 
verschiedene  Breite  der  Drüsencylinder  bedingt.  Das  Stroma  besitzt 
eine  wechselnde  Mächtigkeit.  In  den  peripheren  Partien  der  Ge- 
schwulst ist  es  gewöhnlich  weniger  entwickelt,  so  dass  der  Zwischen- 
raum zwischen  Drüsenschläuchen  schmäler  oder  höchstens  ebenso 
breit  ist  als  letztere;  gegen  das  Centrum  der  Geschwulst  kann  die 
bindegewebige  Zwischenzone  auch  2  oder  3mal  so  breit  sein  als 
die  Zellencylinder.  In  der  äussersten  Zone  der  Geschwulst  tauchen 
ausserdem  Kanäle  auf,  die  leicht  als  Gallengänge  zu  erkennen 
sind  (Fig.  I  b).  Sie  liegen  in  der  Kegel  in  Gruppen  beisammen, 
sind  vielfach  gewunden,  zeigen  entweder  ein  deutliches  Lumen, 
oder  letzteres  ist  bereits  durch  gewucherte  Epithelien  ausgefüllt; 
einzelne  von  ihnen  sind  entschieden  erweitert.  Schon  ein  oberfläch- 
licher Blick  lehrt,  dass  hier  eine  Neubildung  von  Gallengängen 
stattgefunden  hat;  das  wuchernde  Epithel  und  die  auffällig  grosse 
Zahl  von  Gallenkanälen  sprechen  nämlich  unzweideutig  dafür.  Es 
lässt  sich  aber  auch  unschwer  nachweisen,  dass  die  zuvor  beschrie- 
benen, drüsigen  Gebilde  der  Geschwulst  aus  den  wuchernden  Gal- 
lengängen hervorgegangen  sind.  Denn  abgesehen  von  der  grossen 
Aehnlichkeit  zwischen  beiden  kann  man  an  vielen  Stellen  der  Prä- 
parate wahrnehmen,  dass  die  Gallengänge  sich  ununterbrochen  in  die 
drüsigen  Gebilde  der  Geschwulst  fortsetzen  und  dass  hiebei  auch 
eine  leichte  Veränderung  der  Zellen  platzgreift,  indem  die  Epithe- 
lien der  Gallenkanäle  und  ihre  Kerne  etwas  grösser  werden  und 
die  letzteren  sich  weniger  intensiv  färben.  Noch  ist  zu  erwähnen, 
dass  in  der  Umgebung  einzelner  Gruppen  von  Gallengängen  Bund- 


Adenom  der  Leber.  419 

Zellenanhäufungen  vorkommen.  Was  das  angrenzende  Leberge- 
webe selbst  betrifft,  so  sind  die  Leberzellen  zum  grössten  Theile 
im  Zustande  von  Fettinfiltration,  während  das  interacinöse  Binde- 
gewebe stellenweise  Einlagerung  von  Rundzellen  zeigt.  An  einzelnen 
Stellen  der  Geschwulstkapsel  sieht  man  auch  stark  verkleinerte 
Leberacini  eingeschlossen.  Weder  an  den  Zellen  dieser  noch  an  den 
Zellen  des  angrenzenden  Lebergewebes  überhaupt  sind  Zeichen  von 
Wucherung  nachzuweisen. 

II.  Beobachtung. 

75jähriges  Weib.  Die  Kapsel  der  verkleinerten  Leber  ist,  be- 
sonders gegen  den  freien  Rand  zu,  stark  verdickt,  stellenweise  2—3 
Mm.  dick,  und  an  einzelnen  Stellen  wird  der  freie  Leberrand  über- 
haupt nur  von  der  verdickten  Kapsel  gebildet.  An  einer  Stelle 
dieses  freien  Randes  befindet  sich  eine  bohnengrosse,  derbe  Ge- 
schwulst, deren  Schnittfläche  eine  körnige,  an  eine  acinöse  Drüse 
erinnernde  Beschaffenheit  und  eine  grauweisse  Farbe  zeigt;  von  ihr 
lässt  sich  auch  eine  geringe  Menge  einer  milchigen  Flüssigkeit  her- 
vorpressen. Ausserdem  ist  noch  folgender  Befund  an  der  Leiche: 
Partielle  Induration  der  rechten  Lunge  mit  Bronchiectasie,  Emphy- 
sem der  linken  Lunge,  excentrische  Hyperplasie  des  rechten  Herz- 
ventrikels. 

Mikroskopischer  Befund:  Die  Geschwulst  hängt  durch 
eine  fast  nur  fibröse  Brücke  mit  der  Leber  zusammen  und  besitzt 
eine  aus  derbem,  zellenarmen  Bindegewebe  bestehende  Kapsel,  welche 
in  das  Innere  der  Geschwulst  Fortsätze  sendet,  wodurch  diese  in 
verschieden  grosse  und  verschieden  geformte  Läppchen  zerfällt. 
Manche  von  diesen  Läppchen  sind  grösser  als  normale  Leberacini,  viele 
andere  aber  bedeutend  kleiner.  Ihre  Form  ist  auch  verschieden. 
Viele  sind  rund  oder  oval,  und  haben  dann  entweder  eine  ganz 
glatte  Abgrenzung  gegen  das  umgebende  Bindegewebe,  oder  es 
gehen  von  ihrer  Peripherie  kurze  und  meist  schmale  Fortsätze  aus, 
wodurch  sie  auch  mit  benachbarten  Läppchen  zusammenhängen 
können.  Andere  von  diesen  Läppchen  sind  ganz  unregelmässig  und 
haben  weder  in  ihrer  Form  noch  in  der  Anordnung  und  Beschaffen- 
heit der  Zellen  eine  Aehnlichkeit  mit  normaler  Lebersubstauz  oder 
überhaupt  mit  physiologischem  Drüsengewebe.  In  den  centralen 
Partien   der  Geschwulst  ist  das  zwischen  den  Läppchen  liegende 


420  Greenish. 

• 

Stroma  meist  ziemlich  breit  und  nicht  sehr  reich  an  Zellen,  die 
gewöhnlich  Spindelzellen  sind,  während  in  der  Peripherie  der  Ge- 
schwulst die  Läppchen  viel  enger  aneinandergedrängt  sind,  und 
das  Stroma  auch  reich  an  Bund-  und  Spindelzellen  ist.  Die  Läppchen 
selbst  zerfallen  wieder  durch  bindegewebige  Scheidewände  in  kleinere 
Abtheilungen,  welche  meist  sehr  verschiedene  Formen  haben.  Sie 
sind  entweder  rund  oder  oval,  geschlossenen  Follikeln  ähnlich  oder 
sie  stellen  Segmente  von  gewundenen,  breiten  Cylindern  dar,  oder 
sie  sind  überhaupt  ganz  unregelmässig.  Die  Unregelmässigkeit  tritt 
besonders  an  den  Unterabtheilungen  der  central  gelegenen  Läpp- 
chen hervor.  Was  die  Zellen  betrifft,  so  erinnern  sie  in  den  peri- 
pher gelegenen  Läppchen  noch  am  ehesten  an  Leberzellen,  während 
sie  in  den  centralen  Partien  der  Geschwulst  durchaus  keine  Aehn- 
lichkeit  mit  Leberzellen  besitzen.  Sie  sind  in  den  ersteren  Partien 
von  der  Grösse  der  Leberzellen  oder  sogar  grösser,  gewöhnlich  polye- 
drisch,  besitzen  ein  fein  granulirtes,  häufig  etwas  bräunlich  pig- 
mentirtes  Protoplasma  (an  in  doppelt  chromsaurem  Kali  und  Alkohol 
erhärteten  Präparaten)  und  einen  grossen  runden  oder  ovalen  Kern. 
Letzterer  ist  nicht  selten  in  Theilung  begriffen,  manchmal  auch 
von  einer  grösseren  oder  mehreren  kleineren  Vacuolen  durchsetzt. 
In  den  Zellencylindern  liegen  die  Zellen  selten  zu  zweien,  meist 
aber  zu  dreien,  vieren  oder  noch  mehreren  nebeneinander.  Auch  die 
follikelähnlichen  Zellengruppen,  von  denen  wahrscheinlich  die  meisten 
als  Querschnitte  der  Zellencylinder  anzusehen  sind,  können  eine 
ziemliche  Breite  erreichen.  Nirgends  zeigt  sich  zwischen  den  Zellen 
ein  Lumen.  Die  eben  beschriebenen  Segmente  der  Läppchen  sind 
entweder  durch  sehr  schmale,  oft  kaum  sichtbare,  fibröse  Scheide- 
wände von  einander  getrennt,  oder  es  sind  zwischen  sie  ziemlich 
breite  Züge  und  Strassen  von  Rundzellengewebe  eingeschoben.  Blut- 
gefässe kommen  nur  selten  vor.  In  den  im  Centrum  der  Geschwulst 
gelegenen  Läppchen  sind  die  Segmente  der  letzteren  sehr  dicht  an 
einander  gedrängt,  oft  so  dicht,  dass  man  die  Scheidewände  zwi- 
schen ihnen  gar  nicht  oder  nur  mit  Mühe  noch  entdecken  kann. 
Kundzellengewebe  kommt  hier  zwischen  den  Segmenten  nicht  vor. 
Auch  die  Zellen  zeigen  eine  andere  Beschaffenheit  als  in  den  Läpp- 
chen von  der  Peripherie  des  Tumors.  Sie  sind  nämlich  etwas  klei- 
ner, der  Zellenleib  ausserordentlich  zart  und  blass,  kaum  granulirt, 
oft  schüppchenähnlich,   der  Kern  sehr   häufig   vacuolenhältig.    An 


Adenom  der  Leber.  421 

der  Grenze  des  Tumors  und  der  bindegewebigen  Brücke  tauchen 
noch  andere  drüsige  Formationen  auf.  Man  sieht  nämlich  nicht  nur 
deutliche  Gallengänge,  sondern  auch  solche  Zellencylinder,  welche 
an  die  drüsigen  Bestandteile  der  Geschwulst  des  I.  Falles  erin- 
nern. Es  sind  auch  mehr  oder  weniger  gewunden  verlaufende, 
ziemlich  schmale  Cylinder,  in  denen  die  Zellen  zu  zweien  neben 
einander  liegen,  bedeutend  kleiner  sind  als  in  den  übrigen  Ge- 
schwulstpartien und  eine  mehr  oder  weniger  ausgesprochene  kubische 
Form  besitzen;  der  Zellenleib  ist  schmal  und  blass,  während  die 
Kerne  rund  oder  oval  sind.  Nur  in  wenigen  dieser  Zellencylinder 
ist  ein  Lumen  wahrnehmbar.  Dagegen  kann  man  in  mehreren 
deutlich  eine  allmälige  Umwandlung  der  Zellen  zu  jenen  Formen, 
wie  sie  in  den  übrigen  Geschwulstläppchen  vorkommen,  wahrneh- 
men. Diese  Bilder  sprechen  somit  dafür,  dass  auch  in  diesem  Falle 
die  neugebildeten  Drüsenelemente  aus  den  Gallengängen  hervor- 
gegangen sind,  nur  dass  die  Zellen  zum  Theile  eine  höhere  Ent- 
wicklungsstufe erreicht  haben  als  im  vorigen  Falle.  In  der  binde- 
gewebigen Brücke  findet  man  nahe  dem  Tumor  auch  noch  einzelne, 
verkleinerte,  aus  fetthaltigen  Zellen  bestehende  Leberacini,  die  ent- 
weder erst  an  ihrer  Oberfläche  von  Rundzellengewebe  umgeben 
sind,  oder  in  welche  das  letztere  bereits  von  allen  Seiten  einge- 
drungen ist.  Wucherungsvorgänge  an  den  Leberzellen  dieser  Acini 
konnten  durchaus  nicht  wahrgenommen  werden. 

m.  Beobachtung. 

In  der  Tiefe  des  rechten  Leberlappens  eines  69jährigen  Mannes 
ist  eine  wallnussgrosse  Geschwulst,  welche  wieder  aus  mehreren 
kleineren,  kugeligen  erbsen-  bis  bohnengrossen,  weichen,  theils  gelb- 
lichen, theils  grüngelblichen  Tumoren  zusammengesetzt  ist.  Die 
Geschwulst  selbst  ist  scharf  abgegrenzt  und  die  an  sie  zunächst  an- 
grenzende Lebersubstanz  dunkelroth,  während  die  übrige  Leber 
hellbraun  ist.  Ausserdem  ist  noch  folgender  Befund  notirt:  Chronische 
Tuberculose  beider  Lungen,  Pneumonie  des  rechten  unteren  Lungen- 
lappens und  beiderseitige  Pleuritis,  tuberculose  Geschwüre  im  Ileum, 
Katarrh  des  Dünn-  und  Dickdarms. 

Wie  schon  makroskopisch  der  grosse  Tumor  in  mehrere  kleinere 
Knoten  zerfällt,  so  zeigen  sich  letztere  bei  der  mikroskopischen 
Untersuchung  wieder  aus  verschieden  grossen,  meist  runden  Läppchen 


422  Greenish. 

oder  Acini  zusammengesetzt.  Die  meisten  dieser  sind  von  der  beiläu- 
figen Grösse  eines  Leberacinus,  einzelne  sind  aber  bedeutend  grösser, 
und  andere  wieder  viel  kleiner.  Zwischen  diesen  runden  Acini  liegen 
solche,  die  offenbar  in  Folge  Vergrösserung  der  anderen  comprimirt 
wurden.  Sie  erscheinen  nämlich  in  die  Länge  gezogen,  verschmälert, 
und  oft  nur  auf  kleine  Streifen  oder  Inseln  reducirt.  Die  Abgren- 
zung der  Acini  gegen  einander  geschieht  durch  Bindegewebe, 
welches  gewöhnlich  sehr  zellenreich  und  nur  in  einer  schmalen 
Schicht  vorhanden  ist.  Mehrere  dieser  Acini  können  wieder  zusam- 
men eine  gemeinschaftliche  und  dann  etwas  breitere  Bindegewebs- 
hülle besitzen.  Obwohl  für  das  freie  Auge  die  Abgrenzung  des 
Gesammttumors  gegen  das  Lebergewebe  ganz  scharf  erscheint,  so 
findet  man  bei  der  mikroskopischen  Untersuchung  nur  stellenweise 
eine  Abgrenzung  durch  eine  deutliche  Bindegewebszone,  wälirend 
an  den  anderen  Stellen  die  Schläuche  des  Adenoms  unmittel- 
bar mit  den  Zellenbalken  des  angrenzenden  Lebergewebes 
zusammenhängen. 

Was  die  Anordnung  innerhalb  der  Acini  der  Geschwulst  be- 
trifft, so  erinnert  sie  durchaus  nicht  an  normales  Lebergewebe. 
Sie  bestehen  nämlich  aus  ziemlich  breiten,  unregelmässig  ange- 
ordneten, dicht  an  einander  gedrängten  Zellenbalken,  welche  stark 
gewunden  zu  sein  scheinen,  da  man  von  ihnen  meist  nur  kurze 
Stücke  zu  sehen  bekommt.  In  der  Peripherie  des  Acinus  macht 
sich  jedoch  nicht  selten  eine  mehr  concentrische  Anordnung  der 
hier  mehr  gestreckt  verlaufenden  Zellenbalken  geltend.  Die  Zellen- 
cylinder  bestehen  selten  aus  einer  Reihe,  gewöhnlich  aus  zwei  und 
mehreren  Reihen  von  Zellen  neben  einander,  jedoch  ohne  besondere 
Regelmässigkeit,  so  dass  breitere  und  schmälere  Stellen  in  den 
Zellenbalken  ganz  unregelmässig  abwechseln.  Nicht  wenige  der 
Zellencylinder  zeigen  ein  centrales  Lumen,  dessen  Weite  jedoch 
innerhalb  bedeutender  Grenzen  schwankt  (Fig.  II  a  und  b).  In 
vielen  Fällen  stellt  es  auf  Längsschnitten  nur  eine  schmale  Spalte 
und  auf  Querschnitten  eine  enge,  kreisrunde  Oeflfnung  dar.  Von 
diesen  schmalen  Spalten  bis  zu  den  grössten  Lumina  gibt  es  nun 
viele  Uebergänge  und  die  letzteren  können  selbst  fünf  Mal  die 
Wanddicke  des  Zellenschlauches  übertreffen.  Der  Inhalt  der  Lumina 
ist  auch  verschieden.  Von  den  Fällen,  in  denen  sie  ganz  leer  ge- 
troffen werden,   abgesehen,   findet  man  entweder  runde  Zellen  mit 


Adenom  der  Leber.  423 

körnigem  Gallenpigment,  oder  es  sind  ausserdem  farblose,  leicht 
granulirte,  tropfenartige  Gebilde  von  verschiedener  Grösse  vorhanden 
(Fig.  II  a),  oder  man  trifft  eine  mehr  consistente,  gelbliche  und 
homogene,  anscheinend  klumpige  Masse  (Fig.  II  b).  Offenbar  han- 
delt es  sich  in  diesen  Fällen  um  ein  Secret  in  verschiedenen 
Stadien.  In  jenen  Zellbalken,  in  denen  nur  ein  enges  Lumen  vor- 
handen ist,  ist  auch  die  Anordnung  der  Zellen  um  das  Lumen  noch 
keine  sehr  regelmässige,  während  die  grösseren  Lumina  von  ganz 
regelmässig  und  radiär  angeordneten  Zellen  umgeben  sind  (Fig.  II  a). 
Im  letzteren  Falle  gleichen  die  Zellen  nur  mehr  kurzen  und  breiten 
Cylindern,  während  sie  sonst  gewöhnlich  polyedrische  Formen 
besitzen  und  hiedurch  an  Leberzellen  erinnern.  Die  Grösse  der 
Zellen  ist  auch  wechselnd.  Während  manche  blos  die  Grösse  nor- 
maler Leberzellen  erreichen  oder  sogar  kleiner  sind,  werden  andere 
und  zwar  die  meisten  grösser,  ja  manche  sogar  bedeutend  grösser. 
Das  Gleiche  gilt  von  den  Kernen,  von  denen  nicht  wenige  die  Kerne 
normaler  Leberzellen  um  ein  Mehrfaches  an  Grösse  übertreffen 
(Fig.  II  c).  Ebenso  gibt  es  Zellen,  die  mehrere  Kerne,  selbst  bis 
zu  13,  beherbergen,  welche  dann  ganz  dicht  zusammengedrängt 
liegen.  Das  Protoplasma  der  Zellen  ist  stets  fein  granuHrt,  und 
hat  einen  mehr  oder  weniger  ausgesprochenen  bräunlichen  Farbenton; 
überdies  enthalten  manche  dieser  Zellen  auch  körniges,  gelbes 
Gallenpigment.  In  einzelnen  Acini  ist  Fettinfiltration  oder  Zerfall 
der  Zellen  eingetreten.  Im  angrenzenden  Lebergewebe  sind  die 
Capillaren  stark  erweitert  und  hiedurch  die  Leberzellenbalken  com- 
primirt;  in  den  Leberzellen  selbst  ist  viel  körniger  Gallenfarbstoff. 
Ausserdem  sieht  man  einzelne  Kerne  von  auffallender  Grösse. 
Deutliche  Zeichen  von  Wucherung  der  Leberzellen  sind  aber  nicht 
vorhanden. 

Aus  der  Beschreibung  der  3  Fälle  geht  nun  unzweifelhaft 
hervor,  dass  wir  es  in  jedem  dieser  Fälle  mit  einem  Adenom  zu 
thun  haben  und  zwar,  wenn  wir  schon  die  Unterscheidimg  zwischen 
knotiger  Hyperplasie  und  eigentlichem  Adenom  gelten  lassen,  mit 
einem  wahren  Adenom  im  Sinne  von  Klebs.  In  keinem  dieser 
Fälle  ist  die  innere  Anordnung  der  Geschwülste  mit  dem  Baue  des 
normalen  Lebergewebes  übereinstimmend,  und  in  den  2  ersten 
Fällen  zeigen  auch  die  Zellen  gar  keine  oder  nur  sehr  geringe 
Aehnlichkeit  mit  normalen  Lcborzellon. 


424  Green  ish. 

Es  ist  ferner  aus  der  Beschreibung  zu  entnehmen,  dass  zwischen 
den  drei  Adenomen  selbst  unter  einander  keine  Uebereinstimmung 
besteht,  und  besonders  die  Geschwülste  der  1.  und  3.  Beobachtung 
sind  von  einander  vollständig  different. 

Wenn  wir  unsere  3  Tumoren  mit  den  bisher  bekannt  gewordenen 
Leber- Adenomen  vergleichen,  so  findet  man,  dass  der  1.  Fall  blos 
mit  dem  3.  Falle  von  Wagner  Aehnlichkeit  besitzt,  welche  sogar 
eine  sehr  weitgehende  ist,  da  sie  sich  nicht  allein  auf  den  inneren 
Bau,  sondern  auch  auf  die  äussere  Beschaffenheit  des  Tumors  er- 
streckt. Unser  3.  Fall  entspricht  dagegen  den  übrigen  in  der 
Literatur  verzeichneten  und  zu  den  wahren  Adenomen  im  Sinne 
von  Elebs  zu  zählenden  Fällen,  während  der  2.  Fall  kein  Ana- 
logon  findet.  Zu  den  wahren  Adenomen  in  dem  oben  angedeuteten 
Sinne  sind  aber  ausser  dem  3.  Falle  Wagner's  noch  der  Fall  von 
Friedreich,  von  Griesinger-Rindfleiscb,  der  2.  Fall  von 
Thierfelder,  die  zwei  Fälle  von  Kelsch  und  Kiener,  und  der 
3.  Fall  von  Birch-Hirschfeld  zu  rechnen.  Hiebei  verdient  noch 
besonders  hervorgehoben  zu  werden,  dass,  abgesehen  von  Thier- 
felder und  Birch-Hirschfeld,  welche  über  ihre  Adenome  nur 
ganz  cursorische  Bemerkungen  machen,  die  übrigen  Beobachter  im 
Lumen  mehrerer  Adenomschläuche  ein  ähnliches  Secret  fanden, 
wie  es  in  unserem  3.  Falle  nachgewiesen  wurde;  besonders  überein- 
stimmend ist  die  Beschaffenheit  des  Secretes  in  den  Fällen  von 
Kelsch  und  Kiener  und  in  unserem  3.  Falle.  Es  beweist  dies, 
dass  trotz  der  Abweichung  des  Baues  dieser  Adenome  von  dem  der 
Lebersubstanz  die  Zellen  der  ersteren  dennoch  ähnliche,  functionelle 
Eigenschaften  besitzen,  wie  die  Leberzellen,  da  auch  sie  ein  der 
Galle  ähnliches  Secret  liefern  können. 

Was  die  Entstehung  unserer  Adenome  betrifft,  so  ist  die- 
selbe im  1.  und  2.  Falle  ganz  klar  zu  erkennen.  Besonders  im  1. 
Falle  sind  die  mikroskopischen  Bilder  so  überzeugond,  dass  an  der 
Entwicklung  der  drüsigen  Gebilde  dieses  Adenoms  aus  den  peripher 
gelegenen  und  in  offenbarer  Wucherung  befindlichen  Gallengängen 
nicht  im  geringsten  zu  zweifeln  ist;  die  ersteren  bewahren  auch 
innerhalb  der  ganzen  Geschwulst  ihre  Aehnlichkeit  und  Verwand- 
schaft mit  den  Gallengängen.  Im  2.  Falle  spricht  der  Umstand, 
dass  an  der  Peripherie  der  Geschwulst  nebst  deutlichen  Gallen- 
gängen   auch  Zelloncylinder   von   derselben   Form    wie   im   ersten 


Adenom  der  Leber.  425 

Falle  vorkamen,  und  dass  deren  allmälige  Umwandlung  in  die  Drü- 
sengebilde der  übrigen  Geschwulstpartien  verfolgt  werden  konnte, 
für  einen  gleichen  Entstehungsmodus  der  Geschwulst.  An  eine  Ent- 
wicklung aus  den  Leb  erz  eilen  ist  deshalb  nicht  zu  denken,  weil 
die  an  der  Grenze  der  Geschwulst  und  in  der  bindegewebigen 
Brücke  vorkommenden  Leberacini  nicht  nur  keinerlei  Wucherungs- 
vorgänge zeigten,  sondern  im  Gegentheile  in  Folge  der  interstitiellen 
Bindegewebswucherung  in  Atrophie  begriffen  waren.  Ein  Unter- 
schied zwischen  diesem  und  dem  ersten  Adenom  liegt  nur  darin, 
dass  bei  erstem  die  neugebildeten,  epithelialen  Elemente  nicht  auf 
der  ersten  Entwicklungsstufe  stehen  blieben,  sondern  zum  Theile 
eine  höhere,  den  Leberelementen  sie  näher  bringende  Organisation 
erreichten.  Wir  hätten  also  in  beiden  Fällen  ein  Adenom  vor  uns, 
das  nicht  wie  die  bisher  beobachteten  aus  einer  Wucherung  der 
Leberzellen,  sondern  der  Gallengangsepithelien  entstanden 
und  daher  zum  Unterschiede  von  den  anderen  als  Gallengang- 
Adenom  zu  bezeichnen  ist. 

In  dem  3.  Falle  Wagner's,  der  am  meisten  unserem  zuerst 
beschriebenen  Adenom  entspricht,  dürfte  ein  ähnlicher  Entstehungs- 
modus platzgegriffen  haben;  wenigstens  deutet  das  Vorkommen 
von  einzelnen,  cylindrischen  Schläuchen  mit  regelmässigem  Cylinder- 
epithel,  welche  Wagner  selbst  für  Gallengänge  zu  halten  geneigt 
ist,  darauf  hin.  Auch  Birch -Hirschfeld  erwähnt  von  seinem  3. 
Falle,  dass  in  den  Knoten  eine  bedeutende  Wucherung  der  inter- 
acinösen  Gallengänge  zu  constatiren  war,  und  lässt  daher  die  Mög- 
lichkeit offen,  dass  die  Knoten  von  letzteren  ausgegangen  seien. 

Eine  Betheiligung  der  Gallengänge  bei  dem  Aufbaue  von 
Adenomen  in  der  Leber  wird  uns  schon  a  priori  nicht  befremdend 
erscheinen,  wenn  wir  uns  erinnern,  dass  bei  verschiedenen,  meistens 
mit  interstitieller  Bindegewebswucherung  einhergehenden  Processen 
der  Leber,  wieCirrhose,  Syphilis,  Echinococcus,  acuter  gelber 
Leberatrophie,  ferner  bei  Schnürleber  innerhalb  der  Schnürfurche 
und  im  freien  Leberrande  bei  seniler  Atrophie,  eine  Neubil- 
dung von  epithelialen  Schläuchen  stattfindet,  deren  Bedeutung  und 
Herkunft  zwar  noch  strittig  ist,  welche  aber  doch  am  wahrscheinlichsten 
als  neugebildete  Gallengänge  anzusehen  sind.  Es  sind  in  der  Regel 
schmale,  gestreckt  oder  gewunden  verlaufende,  solide  oder  mit  einem 
Lumen   versehene  und  aus  kleinen,   kubischen,   blassen  Zellen  be- 


42G  Grecnish. 

stehende  Cylinder,  welche  mit  den  Drüsenformationen  unseres  ersten 
Adenoms  mehr  oder  weniger  vollständig  übereinstimmen.  Doch 
kommen  zuweilen  höher  entwickelte  Formen  vor.  So  fand  ich  bei 
einer  Schussverletzung  der  Leber  (der  Tod  war  12  Tage  nach  der 
Verletzung  erfolgt)  in  dem  den  Schusskanal  umgebenden,  nekroti- 
schen Lebergewebe  eine  Anzahl  von  neugebildeten  Schläuchen,  deren 
Elemente  zum  Theile  nicht  mehr  so  klein  und  blass  waren,  wie 
die  zuvor  geschilderten,  sondern  den  Leberzellen  viel  näher  standen, 
also  in  ähnlicher  Weise  bereits  eine  höhere  Entwicklungsstufe  er- 
reicht hatten,  wie  ein  Theil  der  Drüsenelemente  in  unserem  zweiten 
Adenom.  Da  nun  das  letztere  in  einem  atrophischen  Leberrande 
gefunden  wurde,  also  an  einer  Stelle,  an  welcher  in  Folge  inter- 
stitieller Bindegewebswucherung  und  Atrophie  des  Leberparenchyms 
gewöhnlich  eine  Neubildung  von  Gallengängen  auftritt,  so  können 
wir  uns  das  Zustandekommen  dieser  Geschwulst  ganz  ungezwungen 
dadurch  erklären,  dass  in  diesem  Falle  die  Neubildung  von  Gallen- 
gängen nicht  innerhalb  der  gewöhnlichen  Grenzen  blieb,  sondern 
eine  excessive  wurde.  Vielleicht  liegt  auch  der  Entwicklung  des 
ersten  Adenoms  eine  umschriebene,  interstitielle  Hepatitis  zu  Grunde. 

Was  die  Entstehung  unseres  dritten  Adenoms  betrifft,  so 
scheinen  hiebei  andere  Verhältnisse  obgewaltet  zu  haben;  jeden- 
falls ist  von  einer  Wucherung  der  Gallengänge  nichts  zu  sehen. 
Zwar  waren  auch  in  der  angrenzenden  Lebersubstanz  keine  deut- 
lichen Zeichen  von  Proliferation  wahrzunehmen,  aber  das  Vor- 
kommen von  aulfallend  grossen  Kernen  in  letzterer  und  der  un- 
unterbrochene Zusammenhang  der  Adenom  schlauche  mit  den  Leber- 
zellenbalken scheinen  für  eine  Entstehung  aus  letzteren  zu  sprechen. 
Auch  in  den  übrigen,  in  der  Literatur  verzeichneten  und  mit  unserer 
dritten  Beobachtung  übereinstimmenden  Fällen  wird  die  Entwicklung 
der  Adenomschläuche  aus  den  wuchernden  Leberzellen  behauptet, 
wie  dies  besonders  in  dem  Falle  von  Griesinger-Kindfleisch 
nachgewiesen  wurde. 

Aus  dem  Ganzen  ergibt  sich,  dass  in  der  Leber  drei  Arten 
von  Adenomen  auftreten  können.  Zur  ersten  Art  gehören  die  so- 
genannten knotigen  Hyperplasien,  also  jene  Geschwülste,  welche 
aus  neugebildetem,  jedoch  typischem  Lebergewebe  bestehen.  Nach 
meiner  Meinung  ist  es  nicht  gerechtfertigt,  dieser  Art  von  Geschwül- 
sten die  Bezeichnung  „Adenom"  zu  entziehen,  da  man  ja  unter 


Adenom  der  Leber.  427 

Adenom  eine  geschwulstartige  Neubildung  von  Drüsengewebe  ver- 
steht, und  eine  solche  in  den  sogenannten  Hyperplasien  doch  un- 
zweifelhaft vorliegt.  Man  kann  aber  diese  Art  zum  Unterschiede 
von  der  folgenden  als  typisches  Leberzellen-Adenom  bezeich- 
nen. In  diese  Gruppe  gehören  aus  der  Literatur  die  2  Fälle  von 
[Rokitansky,  der  2.  und  3.  Fall  von  Klob,  der  Fall  von  Hoff- 
mann, von  Eberth,  und  der  1.  Fall  von  Thierfelder. 

Die  zweite  Art  von  Leber- Adenomen  besteht  aus  neugebilde- 
tem Drüsengewebe,  welches  zwar  nicht  nach  dem  Typus  der  Leber- 
Acini  aufgebaut  ist,  dessen  Zellen  aber  im  Grossen  und  Ganzen 
die  Eigenschaften  der  Leberzellen  besitzen  und  auch  aus  letzteren 
hervorgegangen  sind.  Diese  Species  kann  man  als  atypisches  Leber- 
zellen-Adenom bezeichnen.  Hieher  gehören  der  Fall  von  Fried- 
reich, von  Griesinger-Kindfleisch,  von  Kelsch  und  Kiener, 
der  2.  Fall  von  Thierfelder,  und  der  3.  Fall  von  mir,  während 
die  von  Greenfield  beschriebenen  Tumoren  wohl  den  Carcinomen 
zuzuzählen  sein  dürften. 

Die  dritte  Art  umfasst  jene  Adenome,  deren  Schläuche 
Aehnlichkeit  mit  Gallengängen  besitzen  und  auch  durch  Wucherung 
derselben  entstanden  sind.  Sie  sind  als  Gallengang-Adenome 
zu  bezeichnen.  Dazu  gehören  der  3.  Fall  von  Wagner  und  der 
1.  und  2.  Fall  von  mir;  ob  auch  der  3.  Fall  von  Birch-Hirschfeld 
hieher  zu  stellen  ist,  kann  wegen  der  zu  aphoristischen  Beschrei- 
bung nicht  entschieden  werden. 

Selbstverständlich  sind  aus  der  Keihe  der  Leber- Adenome 
jene  Fälle  zu  eliminiren,  in  welchen  blos  Tumoren  vorgetäuscht 
wurden,  und  eine  genauere  Untersuchung  eine  Neubildung  ausschloss. 
Das  gilt  von  dem  1.  Falle  von  Klob,  von  dem  Falle  von  Biermer 
und  wahrscheinlich  auch  von  dem  Falle  von  Willigk.  Im  letzteren 
zeigte  nämlich  der  grössere  Knoten  den  Bau  des  normalen  Leber- 
gewebes und  die  Zellen  unterschieden  sich  von  den  normalen  Leber- 
zellen nur  durch  zartere  Contouren  und  ein  zartkörniges  Proto- 
plasma, während  in  dem  kleineren  Knoten  die  Zellen  sogar  fettig 
infiltrirt  oder  zu  einem  Detritus  zerfallen  waren.  Ausserdem  handelte 
es  sich  hiebei  um  eine  cirrhotische  Leber,  und  weder  in  den  Knoten 
noch  in  deren  Umgebung  waren  Wucherungsvorgänge  an  den  Leber- 
zellen zu  constatiren.  Nun  ist  es  bekannt,  und  Schustler  (Medi- 
cinische  Jahrbücher,  1881)  hat  erst  neuerdings  wieder  darauf  auf- 


428  Greenish.  Adenom  der  Leber. 

merksam  gemacht,  dass  manchmal  in  den  cirrhotischen  Lebern 
verschieden  grosse,  knotenähnliche  und  durch  Bindegewebe  ge- 
trennte Herde  von  Lebergewebe  vorkommen  können,  welche  bei 
makroskopischer  Betrachtung  allerdings  für  Neubildungen,  für  Ade- 
nome imponiren  können,  dagegen  bei  der  mikroskopischen  Unter- 
suchung sich  einfach  als  abgeschnürte  Inseln  von  Lebergewebe  ent- 
puppen. Die  Leberzellen  in  diesen  Partien  brauchen  hiebei  nicht 
einmal  in  Atrophie  oder  Fettinfiltration  begriffen  zu  sein,  wenig- 
stens habe  ich  sie  in  einem  derartigen  Falle  ganz  wohl  erhalten 
gefunden.  Es  ist  daher  auch  in  dem  Falle  von  Willigk  sehr 
wahrscheinlich,  dass  es  sich  nicht  um  wirkliche  Adenome,  sondern 
blos    um   abgeschnürte  Partien   von  Lebergewebe  handelte. 

Zum  Schlüsse  spreche  ich  Hrn.  Dr.  Anton  Weichselbaum, 
in  dessen  Institute  ich  vorliegende  Arbeit  ausgeführt,  für  die  Ueber- 
lassung  des  Materials  und  für  seinen  gütigen  Beistand  meinen 
besten  Dank  aus. 


Erklärung  der  Abbildungen. 

Fig.  I.  Ein  Schnitt  durch  das  erste  Adenom.  Leitz  Obj.  5,  Oc.  I. 
a  =  gallengangähnliche  Drüsency  linder; 
a'  =  solche  mit  einem  Lumen ; 

l)  =  wuchernde  Gallengänge  aus  der  Peripherie  der  Geschwulst. 
Fig.  II.  Ein  Theil  eines  Läppchens  vom  dritten  Adenom.    Leitz  Obj.  5,  Oc.  I. 
a  =  Querschnitte  von  Drüsenschläuchen  mit  radiär  gestelltem  Epithel 

und  einem  weiten  Lumen,  welches  Zellen  und  tiopfenartige  Gebilde 

enthält-, 
b  =  Quer-  und  Längsschnitte  von  Drüsenschläuchen,  in  deren  Lumen 

eine  klumpige,  gelbe  Masse  vorhanden  ist; 
c  =  Zellen  mit  besonders  grossem  Kerne-, 

d  und  d'  =  solide  Drüsencylinder,  erstere  dick,  letztere  verschmälert; 
e  =  weite  Capillaren. 


-*—♦<»—*■ 


XX. 

jj  Untersuchungen  über  den  Respirations-  Gasaus- 
;h  im  fieberhaften  Zustande  des  Menschen 


von 


Prof.  Dr.  Gustav  Wertheim 

Primararzt  an  der  k.  k.  Krankenanstalt  Rudolf  Stiftung. 

*         (Am  26.  Mai  1882  von  der  Kedaction  übernommen.) 

[i.  

euer  Abhandlung,   die  vor  Jahresfrist  in  diesen  Blättern 
[gleicher  Ueberschrift   erschien,   habe  ich  in  der  Einleitung 
hingewiesen,  dass  der  hier  ins  Auge  zu  fassende  Frocess,  den 
rechsei  nennen,  und  durch  den  wir  in  24  Stunden  78o  un~ 
»gewichtes  erneuern,   wesentlich  ein  Oxydationsvorgang 
pr  zum  allergrössten  Theile  eine  Umwandlung  von  Kohle  in 
re  ist.   Von  der  Thatsache  ausgehend,  dass  die   hier  ent- 
>  Kohlensäure   das   Produkt   von  zwei  Factoren  ist,   deren 
procentische  Gehalt  der  von  der  Lunge  ausgeathmeten  Luft 
Jst,  während  der  zweite  durch  die  Zahl  und  Tiefe  der  Athem- 
[t  ist,  hob  ich  hervor,  dass  der  erstere  für  die  24stün- 
lt  der  Untersuchung  eine  nahezu  invariable  Grösse  bildet,  wäh- 
;.  »weite  zum  Theil  vom  Willen  des  Athmenden,  zum  Theil 
Lctiven  Antriebe  abhängig  ist. 

ron  ausgehend  wies  ich  nach,  dass  ich  keine  Methode  der 
rang  für  ausreichend  erachten  könne,  die  sich  nicht  an- 
jeden  der  beiden  Factoren  getrennt  seiner  Grösse  nach  zu 
o,  weil  nur  so  ein  Einblick  in  die  vitale  Genesis  der 
ire  gewonnen  und  damit  Daten  für  eine  künftige  Theorie 
rs  geliefert  werden  können. 


430  Wertheim. 

Ich  skizzirte  sodann  das  von  mir  construirte  Vorgehen,  darin 
bestehend: 

1.  Dass  ich  dem  zu  Untersuchenden  durch  eine  zweiventilige 
Larve  atmosphärische  Luft  zu-  und  Ausathmungsluft  entführte,  die 
ich  zuerst  in  eine  durch  zwei  Hähne  verschliessbare  Wulfische 
Flasche,  von  dieser  weiters  iu  einen  Gummischlauch  strömen  lasse, 
dessen  verjüngtes  Ende  in  ein  mit  Salzwasser  gefülltes  Gefäss  ein- 
gesenkt wird.  Der  nach  10  minutigem  Durchströmen  gewonnene, 
erfahrungsgemäss  reine  Ausathmungsluft  enthaltende  Inhalt  der  jetzt 
geschlossenen  Wulfischen  Flasche  dient  zur  Bestimmung  des  pro- 
centischen  C08gehaltes;  der  des  beiderseits  abgeklemmten  Gummi- 
schlauches wird  eudiometrisch  auf  seinen  procentischen  Ogehalt 
untersucht. 

2.  Wird  sodann  die  Larve  neuerdings  applicirt,  um  den  zn 
Untersuchenden  3  Minuten  lang  in  einen  40  Liter  fassenden  Gummi- 
sack athmen  zu  lassen,  dessen  Inhalt  später  in  eine  graduirte  Mess- 
glocke partieenweise  entleert  und  gemessen  wird,  selbstverständlich 
mit  nachfolgender  Keduction  auf  0°  und  76  Ctm.  Hgdruck. 

In  der  Abhandlung,  die  ich  so  eben  citirte,  habe  ich  mich  auf 
die  COjjbestimmung  allein  beschränkt  und  mir  die  Mittheilung  über 
den  procentischen  und  absoluten  Ogehalt  der  ausgeathmeten  Luft 
auf  eine  spätere  Zeit  vorbehalten. 

Diese  Zusage  erfülle  ich  nunmehr  und  berichte,  dass  ich  hiezu 
12  Fälle  theils  auf  der  mir  selbst  unterstehenden  Abtheilung, 
theils  auf  den,  mit  collegialer  Bereitwilligkeit  mir  geöffneten  Ab- 
theilungen der  Herren  Primarärzte  Hein,  Kiemann  und  Mader 
in  Untersuchung  gezogen  habe.  Zum  Verständnisse  des  hier  Ge- 
botenen ist  daran  zu  erinnern,  dass  ich  damals  zur  Schlussfolgerung 
gelangt  bin: 

1.  Dass  ausnahmslos  der  ^C02gehalt  im  Fieber  vermin- 
dert ist  und  um  3*0$  schwankt,  während  die  Norm  bekanntlich 
4-3  #  beträgt. 

2.  Dass  die  absolute  Ausathmungsluftmenge  fast  jedesmal 
vermehrt  ist,  jedoch  nur  in  solchem  Grade,  dass  in  der  Regel 
eine  beträchtliche  Gesammtabnahme  der  Kohlensäure- 
ausscheidung zu  Stande  kommt,  welche  durch  eine  sehr  beträcht- 
liche procentische  COaverminderung  und  sehr  geringfügige  Ver- 
mehrung der  absoluten  Ausathmungsluftmenge  bewirkt  wird.   Die 


Respirations-Gasaustausch  im  Fieber.  431 

Einzelheiten  mögen  an  betreffender  Stelle  ')  eingesehen  werden.  Nur 
in  Kürze  sei  erwähnt,  dass  der  durchschnittliche  Gegensatz  in  dem 
Grammengewichte  der  24stündigen  Kohlensäureausscheidung  beim 
Fiebernden  und  beim  Gesunden  durch  die  Zahlen  593  für  das 
erstere  (als  aus  den  benützten  12  Fällen  sich  ergebend)  und  900 
für  das  letztere  (hiefür  als  Norm  geltend)  ausgedrückt  wurde. 

Schon  damals  betonte  ich,  dass  sich  dem  Forscher  hiebei  wie 
von  selbst,  die  Frage  aufdränge,  welche  Bolle  hier  der  Sauerstoff 
spielt,  den  die  atmosphärische  Luft  dem  Athmenden  in  jedem  Zuge 
anbietet.  Wie  verhält  sich  diesem  gegenüber  der  fiebernde  Organis- 
mus? Nimmt  er  von  den  20*9  #,  die  ihm  von  jedem  Hundert 
Volum  eingeathmeter  Luft  angeboten  werden,  so  viel  auf,  als  er  in 
der  erzeugten  Kohlensäure  wieder  hergibt,  oder  mehr  oder  weniger? 
Alle  drei  Fälle  sind  möglich. 

Die  Antwort  hierauf  konnten  nur  gewissenhaft  geführte  Unter- 
suchungen an  fiebernden  Kranken  liefern,  bei  denen  wieder  in  Bezug 
auf  die  dazu  geeignete  Methode  genau  dieselben  Eücksichten  walteten, 
die  für  das  Studium  der  Kohlensäureausscheidung  geltend  gemacht 
wurden.  Auch  hier,  wo  es  sich  um  das  ins  Blut  aufgenommene  0 
handelt,  sind  jene  dort  erwähnten  zwei  Factoren  getrennt  von 
einander  zu  bestimmen,  aus  dem  sich  das  Produkt  zusammensetzt 
d.  i.  %  Oeinnahme  bei  jedem  Athemzuge  und  die  Zahl  und  Tiefe 
der  letzteren  in  gegebener  Zeit.  Nehmen  wir  z.  B.  an,  wir  wüssten, 
dass  ein  Mensch  in  einer  Minute  264  CC.  0  eingenommen  hat,  wir 
erführen  aber  nicht  zugleich,  ob  er  in  dieser  Minute  6000  oder 
9000  C.  C.  Luft  eingeathmet  hat,  so  wüssten  wir  nicht,  dass  er  im 
ersten  Falle  4*4  #  0  eingenommen  hat,  dagegen  im  zweiten 
2*93  %  0.  Wie  wichtig  aber  dies  für  die  Kenntniss  des  vitalen  Zu- 
standes  ist,  in  dem  sich  eben  das  Blut  befindet,  leuchtet  ein. 

Bezüglich  der  Ermittelung  der  #  Oeinnahme  des  Athmenden 
ist  auszusagen,  dass  sie  in  exacter  Weise  nach  dem  gegenwär- 
tigen Stande  der  Chemie  auf  diesem  speciellen  Gebiete,  nur  auf 
einem  Umwege  erforscht  werden  kann;  nämlich  nur  so,  dass  man 
unter  Festhaltung  der  Thatsache,  dass  die  Zusammensetzung  der 
atmosphärischen  Luft  eine  constante  Grösse  ist  —  (was  unbeschadet 


f)  Med.  Jahrbücher  der  k.  k.  Ges.  d.  Aerzte  1881. 

Med.  Jahrbücher.  1882-  98 


432  Wertheim. 

der  neuerlich  publicirten  Angaben  *)  innerhalb  jener  Grenzen,  die 
für  unseren  Fall  in  Betracht  kommen,  aufrecht  bleibt)  —  die 
Zusammensetzung  derjenigen  untersucht,  die  der  Fiebernde  aus- 
athmet  und  aus  der  Yergleichung  beider  das  Endergebniss 
d.  i.  die  stattgehabte  Oeinnahme  ableitet. 

Diesen  Weg  habe  ich  in  den  hier  folgenden  Untersuchungen 
eingeschlagen,  hiebei  aber  es  für  zweckentsprechend  gefunden  in  den 
jetzt  untersuchten  12  Fällen,  mit  denen  ich  den  Leser  bekannt 
mache,  die  C02ausscheidung  wieder  mit  einzubeziehen,  so  dass  diese 
Untersuchungen  gleichzeitig  Aufschluss  über  die  jedesmalige 
C02bildung  imd  Oaufnahme  binnen  24  Stunden  beim  fiebernden 
Menschen  verschaffen. 

Bei  der  vorjährigen  Mittheilung  der  analytischen  Eesultate  be- 
züglich der  Kohlensäuregehalte  der  Ausathmungsluft  bei  Fiebernden 
habe  ich  mich  auf  die  Angabe  der  schliesslich  gewonnenen  Ziffern 
beschränkt,  weil  ich  die  dabei  angewendete  Pettenkofer'sche 
Titrirungsmethode  (Schütteln  des  gesammelten  Luftvolumens  mit 
gemessener  Menge  von  Aqua  calcis,  deren  Kalkgehalt  bereits  er- 
mittelt war,  und  darauf  Ausforschung  der  jetzt  noch  unverbundenen 
Kalkmenge  darin  mittelst  Oxalsäurelösung  von  bekannter  Concen- 
tration)  als  allgemein  bekannt  voraussetzen  konnte.  Anders  verhält 
es  sich  im  vorliegenden  Falle,  da  meines  Wissens  zu  klinischen 
Zwecken  beim  Menschen  die  Bunsen'sche  Obestimmung  in  Gas- 
gemengen in  grösserem  Massstabe  noch  nicht  in  Anwendung  ge- 
zogen worden  ist.  Deshalb  habe  ich  es  unternommen,  die  von  mir 
nur  in  einigen  unbedeutenden  Einzelheiten  modificirte  und  da- 
durch violleicht  der  allgemeinen  Anwendung  zugänglicher  gemachte 
Bunsen'sche  Methode  zu  obbezeichnetem  Zwecke  so  genau  zu  schil- 
dern, dass  sie  —  was  sie  bisher  noch  nicht  ist  —  ein  Gemeingut 
für  alle  Collegen  werden  möge.  Diese  Schilderung  ist  der  Ab- 
handlung als  Anhang  beigefügt. 

Ich  selbst  gestehe  übrigens  bereitwillig  ein,  dass  die  er- 
reichbare grosse  Genauigkeit,  die  die  beiden  hier  bezeichneten 
Untersuchungsweisen,  (die  Pettenkofer'sche  für  die  COabestimmung, 
die  Bunsen'sche  für  die  Obestimmung)  zu  Wege  bringen,  ein  wich- 
tiges bestimmendos  Moment   für   mich  bei  der  Wahl  des  Gebietes 


*)  Jolly,  1879,  hat  zwischen  der  Luft  der  Aequatorial-  und  der 
Polar gegenden  minime  Unterschiede  im  Ogehalte  gefunden. 


Respirations-Gasaustausch  im  Fieber.  433 

abgab,   dessen  Erforschung  ich   meine   schwachen  Kräfte   seit  ge- 
raumer Zeit  gewidmet  habe. 

Mit  Hilfe  dieser  preiswürdigen  Metboden  habe  ich  die  hier 
tabellarisch  zusammengestellten  12  Fälle  in  der  Art  untersucht, 
dass  ich  nebst  der  Hauptdiagnose  und  den  genau  charakterisirten 
Fiebersymptomen : 

l.Die  absolute  1  minutige  Ausathmungsluftmenge  auf  0°  und 
76  Hg  reducirt  (A) ; 

2.  die  procentische  C02ausscheidung  (c); 

3.  die  procentische  Oeinnahme,  abgeleitet  aus  der  Differenz  von 
20*9  und  dem  gefundenen  ^Ogehalt  der  ausgeathmeten 
Luft  (o) ; 

4.  u.  5.  die  aus  obigen  Daten  nach  den  Formeln : 

v  =  -—^  X  %  C08  X  2-851  und 

v'  =  j^  X  #  0    X  2*06  gewonnenen  24stündigen 

CO,  und  Ogrammengewichte  (v)  *)  und  (v')  *) ; 

6.  das  Endergebniss  des  Gasaustausches  in  Bezug  auf  die  Frage, 
ob  im  vorliegenden  Falle  ein  Oüberschuss,  Obedarf  oder 
Oausgleich  Statt  hatte; 

7.  zum  Zwecke  der  Erlangung  des  Werthes  der  mittleren  Athem- 
grösse  in  jedem  der  12  Fälle:  die  Zählung  der  Athemzüge 
in  je  1  Min.  zwei  verschiedene  Male,  nämlich  beim  lOminuti- 


f)  v  wird  gefunden,  indem  man  die  auf  0°  C.  und  76  Cm.  Hgdruck 
reducirte  lminutige  Ausathmungsluftmenge  (A),  durch  100  dividirt,  mit  dem 
gefundenen  #COxvolum  (c)  multiplicirt.  Um  für  dieses  Produkt,  welches  die 
lminutige  C08  in  CC.  bezeichnet,  den  Ausdruck  in  Grammen  und  für 
24  Stunden  zu  erfahren,  wird  es  mit  der  Zahl  2*851  multiplicirt.  Letztere 
entsteht  aus  der  Multiplication  der  24stündigen  Minutenzahl  1440  (:  1000) 
X  1*98  d.  i.  das  specifische  Gewicht  von  1  Liter  CO,  unter  obigen  Druck- 
tmd  Temperaturverhältnissen. 

*)  Mutatis  mutandis   ergibt  sich   als  Formel   für  die  Gewinnung   der 

24etündigen  Oeinnahme  in  Grammen  der  Ausdruck  -r^r-  X  0  =  der  1  minu- 
tigen Oeinnahme  in  CC. ;  zur  Gewinnung  des  Ausdrucks  in  Grammen  für 
24  Stunden  ist  hier  die  Multiplication sziffer  2*06,  d.  i.  das  Produkt  aus 
1*440  X  1*432,  welche  letztere  Zahl  =  dem  specifischen  Gewichte  von 
1  Liter  O  unter  obigen  Druck-  und  Temperaturverhältnissen. 

28* 


434  Wertheim. 

gen  Einathmen  in  die  Wulfische  Flasche,  und  beim  3minutigen 
in  den  Kautschucksack; 
8.   das  Ergebniss  der    Zusammenstellung  der  Daten  über  Ath- 
mungsvolumen   mit  jenen    über    Ogewinnung  und   Odefect 
sorgfältigst  erhoben  habe. 
Auf  Grund  aller  dieser  Erhebungen  bin  ich  in  der  Lage  mit- 
zuth eilen,  dass  Alles,  was   ich  vor  Jahresfrist  in  Bezug   auf  den 
procentischen   Kohlensäuregehalt   der   ausgeathmeten   Luft  bei 
Fiebernden,  gleichviel  welchen  Ursprungs  das  Fieber  sei,  desgleichen, 
was  ich  über  die  absolute  Menge  der  Ausathmungsluft  in  gegebe- 
ner Zeit  aussagte,  sich  auch  in  der   diesjährigen  Arbeit,  die  gleich 
jener  zwölf  zufallig  zusammengerathene  Fälle  zur  Grundlage  hat, 
in  befriedigender  Weise  wiederholt  hat. 

Aus  der  folgenden  ziffermässigen  Zusammenstellung  ergibt  sich: 

1.  In  den  12  Fällen  der  ersten  Arbeit  betrug  der 

mittlere  #COÄgehalt 2 -85  # 

die  Mittelzahl  der  lminutigen  Ausathmungsluft- 

menge  (red.  auf  0°  in  76  Hg) .    7230  (d.i. 

12*05  #  über  die  Norm  von  6000) 
Als  mittleres  24stündiges  COagewicht  in  Grm.   593*0  Grm. 

2.  In  den  12  Fällen  der  diesjährigen  Arbeit,  die 
in  der  beigeschlossenen  Tafel  tabellarisch 
zusammengestellt  sind,  betrug: 

der  mittlere  %  C02gehalt 3-035  # 

die  Mittelzahl  der  lminutigen  Ausathmungs- 

luftmenge  (red.  auf  0°  in  76  Hg) 7771  C.C. 

(d.  i.  12*95$  über  die  Norm) 
Als  mittleres  24stünd.  C03gewicht  in  Grm.  ergab  sich  672*0  Grm. 
Diese  nahe  Uebereinstimmung  des  Ergebnisses  von  zwei  —  mit 
Hilfe  der  gleichen  Methode  ausgeführten  —  Untersuchungen  scheint 
mir  eine  Bürgschaft  für  die  Verlässlichkeit  des  angewendeten  Ver- 
fahrens zu  bieten. 

3.  Die  Wiederholung  der  C02ausscheidungsbestimmung  wurde 
dieses  Mal  unternommen,  um  ihr  Ergebniss  in  jenes  mit  einzube- 
ziehen,  welches  sich  aus  der  nunmehr  in  Angriff  genommenen  Un- 
tersuchung des  Verhaltens  der  Oeinnahme  beim  Fiebernden  heraus- 
stellen würde.  Die  diesbezügliche  Frage  präcisirte  ich  am  Schlüsse 
meiner  vorjährigen  Arbeit  dahin:  ob  der  thatsächlich  jedesmal  ver- 


Bespirations-Gasaustauscb  im  Fieber.  435 

minderten  #C02ausscheidung  auch  jedesmal  eine  thatsächliche  pro- 
centische  Mindereinnahme  von  Sauerstoff  aus  der  Atmosphäre  ent- 
spreche ? 

Diese  Frage   beantworten   die  diesmal  erhobenen  Thatsachen 
mit  einem  entschiedenen  Ja. 

Sie  ergehen  nämlich: 
dass  das  mittlere  C02ausscheidungsquantum  in  diesen 

12  Fällen 3-035    £ 

betrug,  woraus  sich  durch  Zusammenfassung  mit  der 
gefundenen  1  minutigen  Ausathmungsluftm enge  das 

24stündige  C02grammgewicht  von 672*4  Grm. 

ergibt. 

Die  mittlere  #  Oeinnahme  betrug  in  diesen  12  Fällen  2*785  % 
woraus  sich  bei  Zusammenfassung  mit  der  gefundenen 
lminutigen  Ausathmungsluftmenge  von  1771  die 

24stündige  Oeinnahme  in  Gramm  auf 478*96  Grm. 

ergibt. 

Da  als  Norm  für  die  24stündige  C02ausscheidung 

beim  Gesunden  angenommen  wird 900  Grm.  C03 

als  Norm  für  die  24stündige  Oeinnahme  aus  der  At- 
mosphäre   .    744*1  Grm. 

(mithin  ein  Oüberschuss  von  90*0  0) 
hingegen  der  Fiebernde  im  Mittel  C02  in  Grm.  ausschied  672*4 

und  0  in  Grm.  einnahm  ....    478*90 

(mithin  ein  Obedarf  von  10*5  0) 
so  verhielt  sich  in  den  untersuchten  12  Fällen 

die  C02ausscheidung   des   Gesunden   zu  der  des 

Fiebernden  wie  1  :  0*746 
die  Oeinnahme  des  Gesunden  zu  der  des  Fiebern- 
den wie  1  :  0*645. 
Von  hohem  Interesse  ist  —  Angesichts  des  eben  mitgeteil- 
ten Befundes  —  die  weitere  Frage:  In  welchem  Verhältnisse  steht 
hier   die   Menge   des   eingenommenen  O's   aus  der  Atmosphäre  zu 
derjenigen,  die  das  erzeugte  C02   in   sich   birgt?   Keicht   es   hiezu 
gerade  aus,  findet  sich  ein  Ueberschuss  oder  musste  ein  Deficit  vom 
Organismus  gedeckt  werden? 

Was  nun  die  hier  inKede  stehenden  12  Fälle  von  Fiebernden 
betrifft,  so  hat  sich  bei  Ermittlung  dieses  Verhältnisses  in  jedem 


436  Wertheim. 

einzelnen   der  Fälle   eine  Verschiedenheit  im  Verlaufe  in  der  Art 
herausgestellt,  dass  in  den  tabellarisch  verzeichneten  Fällen 

In  Grammen 

i        m        vi       vm        ix 

880       152-4         22  42*0         104-4  Oüberschuss 

vorhanden  war. 

Dies  gibt  im  Mittel  aus  362-0  :  5  =  72-4  Gr.   Oüberschuss; 

dagegen  in  den  tabellarisch  verzeichneten  Fällen: 

ii     iv      v     vni     ex      x     xn 

1039    491     1300       7-6      1320    1947    1692  Odefect 
vorhanden  war. 

Dies  gibt  im  Mittel  aus  786  :  7  =  112-35  Gr.  Odefect. 

4.  Im  Hinblick  auf  den  grossen  Antheil,  welchen  unzweifelhaft 
die  Zahl  der  Athemzüge  und  ihre  Tiefe  an  der  COaerzeugung  in 
Bezug  auf  ihre  Gesammtmenge  nimmt,  habe  ich  es  unternommen 
bei  jenen  Fiebernden,  deren  C08ausscheidung  und  Oeinnalime  ich 
ermittelte,  gleichzeitig  die  Zahl  der  Athemzüge,  die  er  in  1  Minute 
in  die  Wulf  sehe  Flasche  athmend  vollzog,  die  Zahl  der  Athemzüge, 
die  er  in  den  Kautschucksack  in  1  Minute  vollzog,  und  endlich  das 
3minutige  absolute  Ausathmungsluftquantum,  durch  Ablassen  des- 
selben in  eine  Messglocke,  zu  bestimmen. 

Das  mittlere  Volum  je  eines  Athemzuges  ergab  sich  hieraus, 

v 
nach  der  Formel  v'  =  — ,  wo    v'  das  gesuchte  Volum  einer  Ath- 

a 

mung,   v   die   lminutige  Ausathmungsluftmenge   und   a    die    Zahl 

der  Athemzüge  in  1  Minute   bedeutet.    Stellt  man  jetzt  die  Fälle, 

die  den  Oüberschuss  ausweisen,  jeoen  gegenüber,  welche  den  Odefect 

ausweisen,  so  findet  man  für  die 


Fälle  mit  Oüberschuss: 

Für  die  Fälle  mit  Odefect: 

I.     265  CC.  als  Vol.  eines  Athemzuges 

IL 

305  CC.  als  Vol.  eines  Albenzuges 

(Minimum) 

IV. 

450    „     „     „ 

r>            r> 

111.     550    „     „     „     „ 

r> 

V. 

469    „     ,     „ 

n            r 

VI.     380    „     „     „     „ 

r> 

vm. 

221  (Minimum) 

n            r 

Vll.     ovo    „     „     „      „ 

» 

IX. 

766  (Maximum) 

T,                T 

XL     929  (Maximum)     r 

T> 

X. 

359    „     „-     „ 

t,            n 

2429  :  5  —  485  CC. 

xn. 

269    „     „     „ 
2839  :  7  =  405'5 

• 

Bespirations- Gasaustausch  im  Fieber.  437 

Hieraus  ergibt  sich  nicht  nur,  dass  im  Durchschnitt  eine  etwas 
tiefere  Einathmung  in  jenen  Fällen  stattfand ,  die  Oüberschuss 
gewannen,  gegenüber  jenen,  die  mit  Odefect  behaftet  sind,  sondern 
man  bemerkt  auch,  dass  unter  den  fünf  Fällen  mit  Oüberschuss 
sich  als  Minutenmaximum  929  CC.  und  als  Minimum  265  CC. 
findet,  während  unter  den  sieben  mit  Odefect  das  Maximum  nur 
766  CC.  in  der  Minute  erreicht  hat,  und  das  Minimum  221  CC. 
ausweist. 

Ich  weiss  sehr  wohl,  dass  ich  hier  eine  Thatsache  berühre, 
deren  Deutung  unter  den  Physiologen  noch  controvers  ist.  Ich 
unterlasse  es  deshalb  ihr  eine  theoretische  Interpretation  zu  geben. 
Nur  so  viel  sei  bemerkt:  Auf  die  Menge  der  schliesslich  ausge- 
schiedenen Kohlensäure  und  des  eingenommenen  Sauerstoffes  für 
gegebene  Zeit  influirt  die  Zahl  und  Tiefe  der  vom  Fieberkranken 
gemachten  Athemzüge  jedenfalls  und  in  derselben  Weise, 
gleichviel  ob  er  sie  vollzieht,  weil  er  sie  vollziehen  will,  oder  weil 
er  sie  vollziehen  muss. 

Da  der  Leser  ein  begründetes  Anrecht  darauf  hat,  den  Grad 
von  Genauigkeit  kennen  zu  lernen,  welche  die  ihm  mitgetheilten 
Untersuchungsweisen  und  ihre  Ergebnisse  besitzen,  so  sei  bemerkt, 
dass  im  vorliegenden  Falle  eine  sehr  nahe  liegende  Möglichkeit  die- 
selbe zu  prüfen  in  der  probeweisen  Bestimmung  des  Ogehaltes  der 
atmosphärischen  Luft,  als  einer  constanten  Grösse,  gegeben  war, 
von  welcher  ich  sehr  häufigen  Gebrauch  gemacht  habe.  Hiebei 
schwankten  die  gefundenen  Endziffern  innerhalb  0*1  auf  oder  ab 
um  dasjenige,  was  als  Norm  gilt  (=  20-9$);  gar  nicht  selten 
aber  näherte  es  sich  diesem  noch  mehr. 

Zum  Theil  als  Beleg  für  das  Gesagte,  zum  Theil  in  der  Ab- 
sicht das  ganze  Verfahren  der  ^Oeinnahmsbestimmung  schliess- 
lich durch  ein  Beispiel  zu  erläutern,  bringe  ich  hier  die  am 
5.  April  1882  von  mir  ausgeführte  Bestimmung  des  Ogehaltes  der 
atmosphärischen  Luft  in  extenso  zur  Kenntniss  des  Lesers. 


438 


Wertheim. 


Ablesung 

des  Hg's  am 

Meniscus 

1 
NachEinfüllung 

von  atmosphär. 

Luft 

Ablesung 
des  Hg's  am 
Wannen- 
spiegel 

Barom.  und 
Temperatur 
Vorm.  10  ü. 

Aus  Nebenstehendem 
ergibt  sich  m.  Benützung 

der  Tabelle  des 
calibrirten  Eudiometers 

vor  dem  Zusatz 

107*0 

der  Kalikugel 
nach  lOminutig. 
Verweil,  d.  Kali 

3415 

0-75712 
16-25°C. 

1045 

0-75712 

341*25 

(20*939.0-52037)  :  1-059 

0-23675 

104-50 

=  10-288     (I) 

0*52037 

236-75 

nach  Zus.  v.  H. 

vor  dem  Kali 

15475 

nach  iOminutig. 
Verweil,  d.  Kali 

340-25 

(30-513.0-57087)  :  1*059 
=  16-448  (II) 

1540 

0*75712 

340*25 

018625 

15400 

• 

0-57087 

186-25 

nach  der  Explos. 

(20-553.0-51355)  :  1*059 

vor  dem  Kali 

Nachm.  4U. 

=  9*9669    (HI) 

1050 

34112 

0-75217 
16-25°C. 

16-448—9-9669=6-4811 
(d.  i.  die  Contraction) 

1025 

nach  lOMin.Kali 

64811:3=216036:10-288 

0*75217 

34112 

• 

=  20*99  %  0 

0-23862 

102-50 

als  #Ogehalt  der  atm. 
Luft. 

0-51355 

238-62 

Was  den  Grad  von  Verlässlichkeit  betrifft,  den  die  angewende- 
ten Methoden  zum  Zwecke  der  Entnahme  und  Messung  der  absoluten 
Ausathmungsluftmenge  in  gegebener  Zeit  besitzen,  so  sei  bemerkt: 

1.  Dass  diese  Methoden  sich  sehr  einfach  construirter  Apparate 
bedienen,  die  ihre  Unveränderlichkeit  und  Dauerhaftigkeit  dadurch 
bewiesen  haben,  dass  sie  jahrelang  keiner  Keparatur  bedürftig  wurden. 
Sowohl  von  der  Larve  mit  den  zwei  Ventilen,  wie  von  der  Wulfi- 
schen Flasche  mit  den  zwei  Hähnen  und  dem  40  Liter  Luft 
fassenden  Kautschucksacke,  desgleichen  von  der  graduirten  gläsernen 
Messglocke  gilt  diese  Aussage. 

2.  Haben  diese  Methoden  den  Vorzug,  dass  sie  für  jede  Ent- 
nahme nach  zweifacher  Eichtung,  einmal  für  die  procentische 
C02ausscheidungs-  und  die  procentische  Oeinnahme  -  Bestimmung 
gleichzeitig  verwendet,  ein  zweites  Mal  für  die  Messung  der  abso- 
luten Ausathmungsluftmenge  binnen  drei  Minuten  in  Gebrauch  go- 


Kespirations-Gasaustausch  im  Fieber.  439 

zogen  zusammen  nur  eine  viertel  Stunde,  und  einschliesslich  der 
Ueberleerang  des  Sackinhaltes  in  die  Messglocke  vielleicht  im 
Ganzen  eine  halbe  Stunde  Arbeit  erfordern.  Man  ist  daher  in  der 
Lage,  die  Messung  am  selben  Individuum  nach  Belieben  mehr- 
mals innerhalb  24  Stunden  vorzunehmen,  wodurch  der  Vergleich 
der  gewonnenen  Ergebnisse  und  das  Entnehmen  eines  Mittels  aus 
denselben  ermöglicht  wird. 

3.  Habe  ich  mich  auch  noch  über  den  Grad  von  Constanz 
auszusprechen,  den  sowohl  die  Messung  der  absoluten  Ausathmungs- 
luftmenge,  wenn  sie  wiederholt  vorgenommen  wurde  als  auch  die 
Abzahlung  der  Athemzüge  in  gegebener  Zeit  aufwies.  Hier  hat  sich 
eine  solche  Gleichförmigkeit  im  ersteren  Falle  in  Bezug  auf  Menge, 
im  zweiten  Falle  in  Bezug  auf  Zahl  und  Tiefe  in  der  weitaus  über- 
wiegenden Mehrzahl  aller  untersuchten  Individuen  ergeben,  dass  sich 
hiedurch  eine  grosse  Yerlässlichkeit  für  das  davon  abgezogene 
Mittel  ergibt,  für  dessen  Giltigkeit  und  Verwendbarkeit  zu  Schluss- 
folgerungen es  immer  von  Wichtigkeit  ist,  ob  die  Maxima  und 
Minima,  aus  denen  sich  das  Mittel  zusammensetzt,  weit  auseinander 
liegen,  oder  sehr  nahe  beisammen  stehen.  In  unserem  Falle  war 
Letzteres  die  Regel. 

4.  Hält  man  die  hier  angewendeten  Messweisen  und  chemi- 
schen Procentualbestimmungen  jenen  Untersuchungen  entgegen,  die 
mit  Anwendung  von  Gasuhren,  ferner  mit  höchst  complicirten 
Ventilationsvorkehrungen  vollführt  wurden,  die  die  Aufgabe  haben, 
die  den  zu  Untersuchenden  umgebende  Luft  möglichst  gleichartig 
zu  erhalten  und  erinnert  man  sich,  dass  gerade  die  Gasuhren  zu  den 
unverlässlichsten  Instrumenten  gehören,  die  die  Technik  aufzuweisen 
hat,  (die  bekanntlich  beim  Leuchtgase  zwischen  dem  Producenten 
und  Gonsumenten  zu  unaufhörlichem  Hader  Anlass  geben),  erwägt 
man  ferner,  dass  diese  kostspieligen  Apparate  gar  nicht 
dieMöglichkeit  bieten,  die  procentische  COsausscheidung 
und  die  procentische  Oeinnahme  getrennt  von  der  Mes- 
sung der  absolutenAusathmungsluftmenge  vorzunehmen, 
so  wird  man  es  begreiflich  finden,  wenn  ich  mich  der  Ueberzeugung 
hingebe,  dass  ich  mit  der  von  mir  verwendeten  Larve,  der  Wulfischen 
Flasche,  dem  Kautschucksacke  und  der  Messglocke  der  gesuchten 
Wahrheit  näher  zu  kommen  im  Stande  bin,  als  diejenigen,  die  die 
bezeichneten  Instrumente  benützen. 


440  Wertheim. 

Ich  verhehle  mir  übrigens  nicht,  dass  das  hier  mitgetheilte 
Schlussergebniss,  welches  ich  am  Bette  des  Fieberkranken,  in  der 
Anstalt,  in  der  ich  wirke,  bereits  einer  grösseren  Anzahl  von  Fach- 
männern in  überzeugender  Weise  demonstrirt  habe,  mit  anderen 
bezüglich  des  Fiebers  gleichfalls  sichergestellten  Thatsachen,  wie 
es  namentlich  die  erhöhte  Körpertemperatur  im  Fieber  sein  dürfte, 
schwer  in  Einklang  zu  bringen  ist.  Ich  denke  aber,  es  fehlen  uns 
nur  noch  zwischen  inne  liegende  Thatsachen,  um  uns  diesen  Wider- 
spruch einstens  als  einen  scheinbaren  erkennen  zu  lassen. 


Anhang. 

Ueber  die  Anwendung  der  gasometrischen  Methode  von  B uns en  zur  Bestimmiog 

des  Ogehaltes  der  Ausathmungsluft. 

Der  Sauerstoff  der  im  Gummischlauche,  von  dem  schon  Eingangs 
Erwähnung  geschah,  verwahrten  Ausathmungsluft  wird  nach  der  Me- 
thode von  Bunsen  auf  folgende  Weise  bestimmt: 

Die  Geräthe,  die  hiezu  erforderlich  sind,  sind  ein  500  Mm.  langes 
Eudiometer  von  etwa  16  Mm.  Durchmesser,  eine  eigenartig  constrnirU 
porzellanene  Wanne,  etwa  10  Kilo  reines  Quecksilber,  ein  gläserner 
Trichter  mit  verjüngt  endendem  Ansatzrohr,  das  etwas  länger  als  das 
Eudiometer  ist,  eine  3  Mm.  dicke  Kautschuckplatte,  gross  genug,  um 
an  das  Eudiometer  angodrückt,  selbes  zu  verschliessen ;  ein  etwa  600  Mm. 
langer  geglühter  Eisendraht,  zum  Zwecke  die  die  Trocknung  bewirkende 
Kalikugel  einzufahren;  (ich  substituire  diesen  ohne  Nachtheil  dem 
von  Bunsen  vorgeschriebenen  Platindraht,  da  sich  Eisen  bekanntlich 
nicht  amalgamirt);  ein  Fläschchen  mit  Sublimatlösung  (10  Grm.  auf  150 
Aqu.  dest.);  ein  Vorrath  gut  zubereiteter  und  wohlverwahrter  Kalikugeln 
mit  eingeschmolzenem  3  Ctm.  langem  Eisendraht;  ein  beiläufig  100  CC. 
fassendes  gläsernes  Fläschchen  mit  Kautschuckstöpsel,  in  dem  ein  zwei- 
mal knieformig  abgebogenes  Glasröhrchen  steckt,  ein  Stehcylinder  von 
Glas  mit  einer  2  Finger  hohen  Hgsäule  am  Boden  zum  Zwecke  der 
Verwahrung  der  am  Eisendrahte  befindlichen  Kalikugel,  mit  einem 
Korkstöpsel  zu  verschliessen;  ein  Zinkkohlenelement  in  einem  stark- 
wandigen  cylindrischen  Glasgefässe,  in  einem  frei  aufliegenden  Holz- 
rahmen befestigt,  ein  kleiner  Rumkorflf,  die  erforderlichen  Verbindungs- 
drähte, eine  starkwandige,  etwa  100  CC.  fassende,  mit  reiner  concen- 
trirter  Schwefelsäure  gefüllte  Flasche,  ein  Barometer,  ein  Thermometer, 
ein  an  den  Tisch  anschraubbarer  eiserner  Stab  mit  daran  befestigtem 
eisernem  Haltarm,  ein  graduirter  hölzerner  Steg,  dessen  senkrecht 
stehender  Ast  50  Mm.  hoch  ist;  die  Speisungsflüssigkeit  für  das  Zink- 
kohlenelement (Kali  bichromici,  Acid.  sulfur.  conc.  puri  aa.  Grm.  93; 
Aqu.  destillatae  1  Liter);  einige  3  Mm.  dicke  quadratische  Holzplättchen 
von  4  Ctm.  Seitenlänge  als  Unterlagen. 


Respirations-Gasaustausch  im  Fieber.  441 

Die  erste  Aufgabe  für  den  Untersuchenden  ist,  das  Eudiometer  zu 
calibriren  und  eine  entsprechende  Calibrirungstabelle  anzufertigen.  Zu 
diesem  Ende  wird  das  Rohr  mit  dem  Kuppelende  nach  unten  senkrecht  auf- 
gestellt, im  Haltarm  eingeklemmt  und  eine  dem  Volumen  nach  genau 
bekannte  Menge  Quecksilber  durch  einen  langen,  fein  ausgezogenen 
Glastrichter  eingegossen.  Hierauf  wird  der  Stand  des  Hgmeniscus  ge- 
nauest an  der  Längsscala  des  Eudiometers  abgelesen  und  notirt,  eine 
zweite  gleiche  Hgladung  nachgeschüttet,  wieder  notirt  u.  s.  f.  bis  zum 
Strich  von  etwa  180 — 200.  Dividirt  man  jetzt  das  constant  verwendete 
Quecksilbervolumen  der  Reihe  nach  durch  je  einen  der  erhaltenen  Milli- 
meter-Längenausdrücke,  so  drückt  der  Quotient  den  Volumwerth  je 
eines  millimetrischen  Intervalles  in  eben  dieser  Strecke  aus.  Für  die 
Tabelle  werden  nun  alle  gewonnenen  Theilbeträge  von  0  an  bis  zu 
etwa  dem  Theilstrich  200  addirt  und  je  die  entsprechende  Theilsumme 
der  Zahl,  die  der  Theilstrich  benennt,  beigesetzt.  So  gibt  ein  Blick 
auf  den  Theilstrich  in  der  Tabelle  sogleich  das  Volum  an,  welches  das 
Quecksilber  von  der  Kuppel  bis  zu  ihm  hin  einnimmt. 

Es  muss  jedoch  hier  sogleich  bemerkt  werden,  dass  zur  Ver- 
wendung dieser  Raumgrösse  zur  Messung  der  eingelassenen  Luft  eine 
Oorrectur  notbwendig  wird.  Die  Ablesung  hat  hier  nämlich  jedesmal 
am  Meniscus  der  Hgsäule  stattgefunden,  dessen  Convexität  hiebei  selbst- 
verständlich gegen  die  offene  Mündung  des  Rohres  hinsah.  Beim  Ge- 
brauche steht  das  Rohr  mit  der  Kuppel  nach  oben  und  das  Hg  ist 
daher  mit  seiner  Convexität  zur  Kuppel  gekehrt.  Das  hier  vorliegende 
Luftvolumen  ist  daher  grösser  als  das  gemessene  Hgvolumen  war  und 
zwar  um  das  Zweifache  der  Raumdifferenz,  die  sich  ergäbe,  wenn  es 
gelänge,  die  Hgoberfläche  plan  zu  gestalten.  Das  ist  erreichbar  durch 
das  vom  Erfinder  der  Methode  empfohlene  Aufgiessen  eines  Tropfens 
Sublimatlösung;  sofort  adhärirt  das  Hg  der  Glaswand  und  stellt  sich 
vollkommen  horizontal.  Man  liest  die  Differenz  beider  Wände  ab,  die- 
selbe mit  2  multiplicirt  gibt  „den  Fehler  des  Meniscus",  der  zu  der 
aus  der  Calibrirungstabelle  entnommenen  Volumzahl  constant  zu  addiren 
ist  Er  beträgt  bei  Eudiometern  der  gewöhnlichen  Dimension  0-3 — 0*4  CC. 

Vor  der  Verwendung  ist  das  Eudiometer  sorgfältig  zu  reinigen. 
Es  wird  mit  destillirtem  Wasser  wiederholt  ausgeschwenkt  und  sodann 
von  aussen  mittelst  eines  weissen  Linnentuches,  von  innen  mittelst 
Piltrirpapier  getrocknet;  zur  Einführung  des  letzteren  dient  ein  langer, 
am  vorderen  Ende  in  der  Ausdehnung  von  etwa  10  Ctm.,  mit  kurzen 
Drahtstiften  besetzter  Holzstab,  der  mit  Filtrirpapier  umwickelt  mit 
der  nöthigen  Vorsicht  eingeführt  wird,  damit  die  vorspringenden  und 
an  der  Innenwand  der  Kuppel  anliegenden  Platindrähte  nicht  beschä- 
digt werden.  Ist  das  Rohr  blank  und  auch  von  allen  Papierfasern 
befreit,  so  wird  es  in  einen  Ständer,  der  zwei  durchbohrte  Querarme 
in  passender  Entfernung  von  einander  trägt,  eingesetzt,  eine  Schale 
untergestellt,  der  Trichter  mit  dem  langen  Ansatzrohre  eingeführt,  in 
denselben  ein  an  der  Spitze  mittelst  eines  Scherenschnittes  fein  durch« 


442  Wertheim. 

gängig  gemachtes  Filtrum  geschoben  und  nun  das  Quecksilber  ans 
einer  mit  einem  Schnabel  versehenen  Schale  in  das  Eudiometer  einge- 
gossen. Das  Quecksilber  legt  sich  auf  diese  Weise  ganz  rein  und 
spiegelblank  an  das  Gefäss  an.  Auf  das  nach  Herausziehung  des 
Trichters  noch  übervoll  gemachte  Rohr  wird  nun  eine  mit  Sublimat- 
lösung schwach  befeuchtete  Kautschuckplatte  fest  angedrückt,  das  Bohr 
umgestürzt,  mit  seinem  Fusse  in  das  Hg  der  Wanne  eingesenkt,  in 
den  Haltarm  eingesetzt,  auf  die  Wannenstufe,  die  mit  einer  Einne 
versehen  ist,    gehoben  und  schliesslich  hier  in  senkrechter  Lage  fixirt. 

Zum  Zwecke  der  Einlassung  der  Ausathmungsluft  ins  Bohr  wird 
der  sie  enthaltende  Schlauch  an  seinem  vorderen  verjüngten  Ende  vorwärts 
der  ihm  anliegenden  Klemme  mit  Hg  gefüllt,  um  die  hier  befindliche 
atmosphärische  Luft  zu  verdrängen,  mit  der  Eingerspitze  verschlossen  und 
in  der  Rinne  der  mit  Hg  gefüllten  Wanne  behutsam  in  die  untere 
Oeffnung  des  Eudiometers  eingeschoben;  hierauf  die  Klemme  entfernt 
und  der  Schlauch  an  seinem  hinteren  Ende  vorwärts  der  dort  befind- 
lichen eisernen  Charnierklemme  handbreit  so  umgebogen,  dass  es  dem 
anderen  Theile  des  Schlauches  anliegt.  Man  drückt  jetzt  das  hufeisen- 
förmig gewordene  Schlauchstück  sachte  zusammen,  wodurch  erfahrungs- 
gemäss  ein  Luftquantum  aufsteigt,  das  beiläufig  den  Rauminhalt  von 
100  Mm.  Länge  des  Eudiometers  einnimmt.  Dies  ist  die  für  die  Unter- 
suchung entsprechende  Menge. 

Hat  man  die  Absicht  gleichzeitig  mit  dem  0  auch  den  vorhan- 
denen Wassergehalt  zu  bestimmen,  so  hat  man  zwei  Ablesungen  nöthig, 
eine  vor  Einführung  der  Kalikugel  und  eine  zweite  nach  10  minu- 
tigem Verweilen  derselben  im  Gasgemenge.  Die  Differenz  beider  Ab- 
messungen gibt  das  vorhandene  Wasser  nebst  der  vorhandenen  C02,  denn 
beides  absorbirt  die  Kalikugel.  Da  die  vorhandene  C02  schon  auf 
anderem  Wege !)  bestimmt  wurde,  so  hat  man  alle  Daten  für  die 
Rechnung,  um  aus  der  gefundenen  Differenz  des  Raumes  den  Antheil, 
den  die  C02  hieran  nimmt,  sowie  den  des  Wassergehaltes  an  demselben 
festzustellen. 

Im  vorliegenden  Falle  habe  ich  aber  hievon  abgesehen  und  daher 
jedesmal  sofort  die  Trocknung  mit  nachfolgender  Ablesung  vollzogen. 
Die  Trocknung  ward  durch  Einführung  der  mit  Filtrirpapier  gut  abge- 
wischten Kalikugel  und  10  minutigem  Trocknenlassen  derselben  im  zu 
untersuchendem  Gasgemenge  vollzogen. 

Nun  erfolgt  die  erste  Ablesung  des  Standes  des  Hg  in  Rohrund  Wanne. 
Bezüglich  der  Ablesungen  ist  zu  erinnern,  dass  der  Zweck  der  Ablesung 
ist:  das  auf  0°  C.  und  1  Meter  Hgdruck  reducirte  Volumen  der  ein- 
geschlossenen getrockneten,  in  unserem  Falle  auch  von  C02  befreiten 
Ausathmungsluft  zu  erfahren.    Hiezu   sind  folgende  Daten  erforderlich: 

')  S.  die  im  Jahrg.  1881  dieser  Jahrbücher  enthaltene  Abhandlung 
unte*  derselben  Ueberschrift. 


Respirations-Gasaustausch  im  Fieber.  443 

v  =-  dem  beobachteten  Volumen  der  eingeführten  Luft, 
m  =  dem  Fehler  des  Meniscus, 
b  =  dem  corrigirten  und  reducirten  Barometerstande, 
b,  =  der  Länge   der  Hgsäule   im  Bohre    vom  Meniscus  bis   zum 
Wannenspiegel, 

t  =der  beobachteten  Temperatur. 

Eine  einfache  Betrachtung  führt  zur  Formel 

,      (v  +  m>  (b  — b,) 
v  —  (1  +  0-00366  t°) 

(d.  i.  das  auf  0°  C.  und  1  Meter  Hgdruck  reducirte,  getrocknete,  von 
COÄ  befreite  Volumen). 

Das  Volum  v  liefert  die  Calibrirungstabelle  an  der  dem  abgele- 
senen Hgstande  entsprechenden  Stelle.  Man  addirt  den  „Fehler  des 
Meniscus"  (m)  hinzu. 

Mit  der  gefundenen  Zahl  ist  die  Differenz  des  corrigirten  und 
reducirten  Barometerstandes  einerseits  (b)  und  der  im  Rohre  gemessenen 
Hgsäule  vom  Meniscus  bis  zum  Wannenspiegel  andererseits  (b')  zu 
multipliciren.  Das  gewonnene  Produkt  ist  durch  die  Zahl  (1  -|-  0*00366) 
mal  die  beobachtete  Temperatur  zu  dividiren. 

Für  letztere  Werthe  existiren  in  den  Lehrbüchern  der  Physik 
fertiggestellte  Tabellen,  die  gewöhnlich  von  0°—- 40°  C.  reichen.  Auch  sind 
dort  in  der  Regel  die  bezüglichen  Logarithmen,  die  die  Multiplicationen 
und  Divisionen  ungemein  erleichtern,  gleich  beigefügt. 

Die  Correctur  und  Reduction  des  beobachteten  Barometerstandes 

wird    nach    der    Formel:    Barometerstand    von    t°    C.    auf    0°    C.  = 

5550  b 
=  KKKA  jr~i    reducirt,    wo    b    den    beobachteten    Barometerstand    in 

Pariserlinien  und  t  die  beobachtete  Temperatur  in  Celsiusgraden  be- 
deutet. Die  gefundene  Ziffer  wird  durch  Multiplication  mit  0*225  in 
Millimeter  verwandelt. 

Die  Messung  der  Hgsäule  im  Rohre  vom  Meniscus  bis  zum 
Wannenspiegel  wird  von  mir  in  folgender  Weise  ausgeführt: 

Zuerst  wird  der  Stand  des  Meniscus  abgelesen  und  notirt;  sodann 
die  Höhe  des  ganzen  Rohres  von  seiner  Kuppel  bis  zum  Hgspiegel  der 
Wanne.  Hiezu  bediene  ich  mich  des  schon  erwähnten  kleinen  hölzernen 
Steges,  dessen  senkrechter  Ast  50  Millimeter  hoch  ist,  der  horizontale, 
auf  dem  Quecksilber  schwimmende  ist  beträchtlich  kürzer;  ich  lese  nun 
die  Höhe  des  Rohres  von  seiner  Kuppel  bis  zum  oberen  Rand  des 
senkrechten  Astes  des  Steges  ab,  addire  50  Mm.  hinzu  und  erhalte 
auf  diese  Weise  die  Rohrlänge  mit  Vermeidung  der  Gesichtstäuschung, 
die  sonst  beim  Ablesen  über  den  vorstehenden  Rand  der  Wanne  schräg 
hin  bis  zum  Hgspiegel  fast  unvermeidlich  ist. 

Die  weiter  folgenden  Acte,  wie  Addition  von  (v  -{-  m),  öubtraction 
von  (b  —  b,),  die  Formung  von  Zähler  und  Nenner  du*  obbozeichneten 


444  Wertheim. 

Braches  und  die  jetzt  zu  erzielenden  Rechnungen  ergeben  sich  bei 
genauer  Beachtung  der  vorstehenden  Gleichung  für  v'  von  selbst. 

Die  jetzt  folgende  Operation  ist  die  Entwicklung  und  Einführung 
von  Wasserstoffgas  zu  dem  bereits  getrockneten  und  seiner  C08  be- 
raubten Luftmenge  im  Eudiometer.  Man  verwendet  dazu  ein  etwas 
über  100  CC.  fassendes  Fläschchen  aus  festem  Glase  mit  einfach  durch- 
bohrtem Kants chuckstöpsel,  in  welchem  ein  zweimal  knieförmig  abge- 
bogenes Glasrohr  steckt,  das  in  der  Flasche  nur  bis  zur  unteren  Fläche 
des  StOpsels  reicht.  Zwischen  dieser  und  der  einzufüllenden  Flüssigkeit 
(90  Grm.  Wasser,  5  Grm.  granulirtes  Zink  und  5  Grm.  concentrirte 
Schwefelsäure)  werde  ein  daumenbreiter  Zwischenraum  gelassen.  Fünf 
Minuten  Gasentwicklung,  während  welcher  das  vordere  Ende  des  knie- 
förmig abgebogenen  Rohres  unter  dem  Hg  der  Wanne  vorwärts  von 
der  Eudiometermündung  zu  liegen  kommt,  reichen  erfahrungsgemäß 
hin,  um  die  atmosphärische  Luft  aus  dem  Entwicklungsgefasse  zu  ver- 
drängen. Man  schiebt  jetzt  das  vordere  Ende  des  Entwicklungsrohres 
unter  die  Eudiometermündung  und  lässt  eine  Hm  enge  aufsteigen,  die 
etwa  50  Mm.  der  Längsscala  des  Eudiometers  einnimmt.  Beträchtlich 
mehr  H  wegzulassen,  ist  zu  widerrathen,  denn  wenn  das  Verhältnis 
von  2  Vol.  H  zu  1  Vol.  vorhandenem  0  stark  überschritten  wird,  so 
hat  dies  nicht  selten  das  Nichteintreten  der  Explosion  zur  Folge. 

Nach  vorgenommener  neuerlicher  Trocknung  und  Ablesung  des 
Volums  II  schreitet  man  zur  Einleitung  der  Explosion  des  Gasgemenges. 
Zu  diesem  Zwecke  wird  das  Eudiometer  im  Haltarme  ein  wenig  ge- 
lockert, vorsichtig  von  der  Rinne  in  der  Wanne,  auf  deren  zwei 
Kanton  es  aufruht,  hervor  in  den  tieferen  Theil  der  Wanne  gezogen, 
und  die  Wanne  soweit  zurückgezogen,  dass  das  Eudiometer  wieder 
senkrecht  auf  dem  Hgspiege-1  stellt  und  dass  seine  Mündung  so  weit 
vom  Boden  der  Wanne  absteht,  dass  zwischen  beide  ein  Kautschuck- 
stöpscl  eingeschaltet  werden  kann,  dessen  obere  Fläche  plan,  die  untere 
aber  dem  Wannenboden  entsprechend  gekrümmt  ist.  Nun  wird  das  Rohr 
mit  aller  Kraft  an  die  plane  Fläche  des  Stöpsels  angedrückt,  während 
zugleich  der  Haltarm,  dessen  zwei  Branchen  mit  Korkplatten  gefüttert 
sein  müssen,  fest  zugeschraubt  wird. 

Hierauf  folgt  die  Einleitung  des  elektrischen  Funkens.  Das  Zink- 
kohlenelement wird  in  das  mit  der  Eingangs  erwähnten  Speisungs- 
flüssigkeit gefüllte  cylindrische  Glasgefäss  eingesenkt,  zwischen  die 
Batterie  und  das  Eudiometer  noch  der  kleine  Rumkorff  eingeschaltet 
und  die  Verbindung  aller  genannten  Apparate  mittelst  metallener  Drähte 
bewerkstelligt.  In  diesem  Momente  findet  unter  Lichtentwicklung  im 
Gasraum e  und  dem  schnarrenden  Geräusche,  das  der  Rumkorff  so  lange 
von  sich  gibt,  als  die  Verbindung  von  ihm  und  dem  Zinkkohlonelement 
andauert,  die  Verpuffung  statt. 

War  Alles  richtig  gestellt,  so  durfte  das  Hg  seine  bisherige 
Stellung  im  Eudiometer  erst  dann  verändern,  wenn  der  Untersuchende 
mittelst    eines    spitzen  Eisenstabes    auf    den  vorspringenden  Rand  der 


Respirations-Gasaustausch  im  Fieber.  445 

oberen  Fläche  des  zwischen  Rohr  und  Wanne  eingeschalteten  Kautschuck- 
stöpsels ziemlich  stark  niederdrückt.  Dies  genügt,  um  dem  Hg  zu  ge- 
statten, nunmehr  ruhig  emporsteigend  von  dem  Räume  Besitz  zu  er- 
greifen, den  ihm  das  zu  Wasser  verbrannte  H  und  0  einräumt.  — 
Nach  abermaliger  Trocknung  und  Ablesung  von  Volum  III  wird  die 
Schlussrechnung  vollzogen. 

Bezüglich  letzterer  ist  zu  erinnern:  Die  Auffindung  des  Gehaltes 
des  untersuchten  Gasgemenges  von  0  beruht  auf  der  Thatsache,  dass 
nach  Zusatz  von  H  im  Uebcrschusse  zu  demselben,  die  durch  den 
elektrischen  Funken  bewirkte  Verbrennung  mit  folgender  Contraction: 
1.  alles  vorhandene  0  und  2.  vom  H  so  viel  als  zur  Wasserbildung  aus 
dem  Sauerstoff  nöthig  war,  in  sich  begreift.  In  den  verschwundenen  Raum 
theilen  sich  die  Gase  0  und  H  im  Verhältnisse  wie  1:2;  man  erhält 
demnach  den  Raumwerth  des  0  im  Gemenge,  indem  man  die  Differenz 
von  Volum  III  und  Volum  II  (der  sog.  Contraction)   durch  3  dividirt. 

Wenn  man  jetzt  die  Proportion  ansetzt,  um  aus  dem  Ogehalt 
des  untersuchten  Volums  den  entsprechenden  Gehalt  in  100  Theilen 
zu  finden,  so  darf  man  nicht  unterlassen,  hierbei  den  C02gehalt.  den 
man,  wie  schon  oben  erwähnt  wurde,  auf  anderem  Wege  kennen  lernte, 
in  Rechnung  zu  bringen,  indem  man  das  im  Vol.  II  durch  Absorption 
verschwundene  Quantum  demselben  hinzufügt,  weil  man  das  procen- 
tische  Verhältniss  der  drei  Luftarten  des  ursprünglichen  Gemenges 
kennen  lernen  will.  —  Die  Kohlensäure,  nach  der  Pettendorfer'schen 
Methode  bestimmt,  hat  schliesslich  zur  Kenntniss  einer  Gewichts- 
menge geführt,  aus  der  erst  das  Volumen,  um  das  es  sich  hier 
handelt,  durch  Multiplication  mit  dem  Coefficienten  0509  gewonnen  wird. 

Mit  Benützung  des  so  gewonnenen  Ausdruckes  für  das  Volumen  der 
CO,  im  Volumen  I  vollzieht  man  die  Gesammtrechnung  für  die  Procent- 
Oeinnahme  in  der  Weise,  die  ich  am  bündigsten  hier  zum  Schlüsse 
durch  ein  Beispiel  zu  erläutern  mich  anschicke,  das  ich  der  dieser 
Abhandlung  beigeschlossenen  Tabelle  sämmtlicher  XII  untersuchten 
Fälle  aus  Fall  I  entnehme.  Die  diesbezüglichen  Einzeldaten  sind  den 
von  mir  aufbewahrten  Notizen  sämmtlicher  vollzogenen  Untersuchungen 
entnommen. 

Vol.     1 ,  S -8 %  |  1    =  1403  Die  £ C02  aussch.  =  2-55 CC. 

"*>!l  Aus 


Vol.  II  ( |  |  gu- J>  '  =  20-29  100  :  2*55  =  14-03  :  x 

IM-!.!  *  i  ergibt  sich: 


Vol.mf  Sc-Se    =12-61  x  =  0-357  CC.  CO, 


**w 


au 


Da  20-29  (Vol.  II)  — 1261  (Vol.  III)  =  7  68  und  7-68 :  3  =  256  (Contr.) 
und  14-03  +  0-357  =  14-387,  so  ist  nunmehr  anzusetzen: 

14-387  :  2-55=100  :  x,  woraus  x  =  1772  %  CC.  Oausgabe  erfolgt. 
Aus  20*9  (dem  constanten  #  Ogehalt  der  atmosph.  Luft)  —  17*72  ergibt 
sieb  die  #Oeinnahme  für  die  Untersuchte  =  3*18$  0. 


446 


Wertheim. 


Zwölf  Fälle  mit 


Name,  Alter, 
Datum,  S.  Nr. 

Diagnose 

Puls 

Tem- 
pera- 
tur 

Absolute 

Aus- 

athmungs- 

luftmenge, 

reducirt  auf 

0°  und  76  Hg 

fttr  1  Min. 

%  CO,  der 

Aus- 
athmungs- 

luft 

%  Oein- 
nahme 

berechnet 
aus  der 

%Ausgabe 

24  stan- 
dige CO, 

Aus- 
scheidung 

in 
Grammen 

4  stan- 
dige 
Oein- 
nahme 

I.  Agnes  E.28  J. 

4.  Nov.  1880, 

5.  21. 

Pleuritis 

112 

39-0 

6600 

2*66 

3- 18 

463  5 

426-8 

II.  Walburga  W. 
16  J.  11.  Not. 
1880,  S.  21. 

Typh.  abd. 

100 

890 

6400 

8-7 

2*88 

666-0 

378  1 

III.  Fritz  F.  26  J. 
18.  Dec.  1880, 
S.  26. 

Erysipelas 
faciei 

96 

39-6 

8138 

816 

3-90 

727-0 

6630 

IV.  Elisab.  S.  S.  30 
20.  Dec.  1880, 
8.  80. 

Erysipel« 
faciei 

100 

40*0 

9440 

2-47 

2-00 

601-8 

388-9 

V.  Leopold  L.26J. 
28.  Marx  1881, 
S.  25. 

lntermittens 
Fieberanfall 

120 

400 

10,770 

3  64 

300 

1087-0 

666-0 

VI.  Josef  W.  28  J. 
8.  April  1881, 
8.  29. 

T.  exanthem. 

92 

89*1 

11,760 

2-02 

2  93 

972-8 

709-2 

VII.  Maria  N.  18  J. 
17.  Aug.  1881, 
8.  80. 

Morbilli 

116 

39-5 

6400 

2-63 

8-00 

480*8 

391-6 

VIH.Josefa  S.  19. 
Aug.  1881,8.21. 

Typh.  abdo- 
min. 

120 

39-6 

7300 

2-68 

2-6 

648-4 

390-9 

IX.  Maria  Th.  22  J. 
17.  Oct.  1881, 
8.  21. 

Typh.  abdo- 
min. 

100 

39-6 

10,860 

2-78 

2-22 

860-7 

496-2 

X.  Josef*  Z.  24  J. 
21.  Febr.  1882, 
8.  80. 

XI.  Anna  Kl.  42  J. 
16.  März  1882, 
6.  30. 

Erysipels* 
faciei 

112 

89-7 

7107 

8  78 

• 

2*40 

766-7 

351-8 

Erysipelas 
faciei 

100 

39-6 

8612 

402 

3-36 

741-6 

643-9 

XII.  Ludmilla  H. 
18.  J.  24.  Marx 
1882,  S.  30. 

Varicella 

104 

39  0 

6220 

3-30 

200 

586*2 

266-2 

98262 :  12  <= 
7771    CC. 

in 
1  Minute 

36-42 :  12= 
8085 

3342:12  = 
2-786 

8480: 12  es 
706-7  Grrn. 

CO,  in 
24  Stunden 

676441 :  12 

479-66Gnn. 

0   in 
24  Stunden 

RespirationB-Gasaustausch  im  Fieber. 


447 


Fieber  Behafteter. 


Endergebniss  bezüglich 

des 

Gasaustausches 


Zahl  der 

In  Grammen 

Zahl  der 

1  minntig. 

1  minutig. 

Respira- 

Respiration 

tion 

Ueberschuss 

Bedarf 

in  die 

in  den 

von  0.  in 

von  0   in 

Wulfsche 

Kaut- 

24 Stunden 

24  Stunden 

Flasche 

schuck- 

hatten 

hatten 

sack 

die  Falle: 

die  Falle: 

In  CC. 

Mittleres  Volumen  je  eines 

Athemzuges  gefunden 

nach  der  Formel 

v 

— ,  wo  v  =  dem  absoluten 

a 

Ausathmungsluftvolum 

von  CC.  in  1  Minute. 

a  =  dem  Mittel  aus  der 

Anzahl  der  Athemzuge  in 

1  Minute. 

NB.  Letzteres  ist  aus  den 

Mitteln  der  Anzahl  von 

Athemzugen  abgeleitet, 

die  1.  in  die  Wulfsche  Fl. 

2.  in  den  Kautschucksack 

gerichtet  waren. 


468-6  Gr.  CO,enth.  887*0  Gr.O. 
mith.  Oubenchuss  88-0  Gr.O. 


666  Gr.  CO.  enth.  4770  Gr.  0. 
mithin  Obedarf  103-9  0. 


727*0  Gr.  CO,  enth.  628  Gr.  0. 
mith.  TJeberschussl26'4Gr.O. 


28,26,28 
(Mittel  26) 


20,22 
(Mittel  21) 


601*8Gr.  CO.  enth.488-0  Gr.O. 
mithin  Ueberschuss  49*1 


972-8  CO.  enth.  707-1  Gr.  0. 
mithin  Ueberschuss  2-2  Gr.O, 


480-8  Gr.  CO,  enth.  849-6  0. 
mith.  Ueberschuss  420  Gr.  0. 


648-4  Gr.  CO.  enth.  848*5Gr.O. 
mithin  Bedarf  7-6  Gr.  0. 


1087-OGr.  CO,  enth.  790Gr.O 
mithin  Bedarf  180  Gr.  0. 


800*7  Gr.  CO,  enth  628*2  Gr.O 
mithin  Bedarf  1320  Gr.  0. 


14,14 
(Mittel  14) 


22.28,22 
(Mittel  24) 


22,24,26 
(Mitt.28-6) 


16, 17, 14 
(Mitt.  16-6) 


88*0 


20 


22,22 
(Mittel  22) 


28,  26,  26,  28 
(Mittel  27) 


20,  20,  19,  21 
20  (Mittel  20) 


34 


766-7  Gr.CO,  enth.  646  Gr.  0. 
mithin  Bedarf  149-7  Gr.  0. 


741-7  Gr.  CO,  enth.  689-6  Gr.O. 
mith.  Uebersch.  104- 4  Gr.O. 


>86-2Gr.  CO.enth.426*4Gr.O. 
mithin  Bedarf  169-2  Gr.  0. 


18,  19, 19, 17, 

16,16 
(Mittel  17-3) 


22 


24 


86 


22,22,22 
(Mittel  22) 


126*4 


108*9 


6600 :  25  =  260  :  24  =  270" 
680  :  2  =  266  CC. 


6400 :  20  =  320  :  22  =  290 
610:2  =  806C.C. 


49*1 


180-0 


22 


42*0 


32 


12, 12, 12 
(Mittel  12) 


20, 18, 19 
(Mittel  19) 


12, 7, 7, 6 
(Mittel  8) 


20,  22,  22,  28 
(Mittel  22-2) 


22,20,20 
(Mitt.  20-6) 


12,11,12 
(Mitt.  11-6) 


24,24 
(Mittel  24) 


7-6 


8188:  14  =  680:16-6  =  521 
1101:  2  =  660  CC. 


9440  :  20  =  472  :  22  =  428 
900:2  =  460 


10770  :  22  =  490  :  24  =  904 
1988  :  2  =  469  CC. 


11760:27  =  486:86  =  826 
761:2  =  880   CC. 


6400  :  20  =  820  :  22  =  290 
610  :  2  =  806  CC. 


132-0 


104-4 


Falle  I,  III, 

VI,  VII,  XI 

862-0:6  = 

72-4  Gr.  0 

Ueberschuss 


194*7 


169-2 


7800  :  84  =  214  :  82  =  228 
442  :  2  =  221  CC. 


10860: 17-8=627: 12=904 
1681  :  2  =  766  CC. 


7107:19  =  873:20*6  =  846 
718  :  2  =  369 


8612:8=1076:11  =  783| 
1869  :  2  =  929 


Falle  II,  IV, 
VIII,  IX,  X, 

XII 

7866:7  = 

112*86  Gr.O 

Bedarf 


6220  :  22-2  =  280 :  24  =  269 
589 :  2  =  269  CC. 


Med.  Jahrbacher.  1882. 


Mittleres 

Volum  des 

Athemzuges 

in  den  Fallen 

1,111,  VI,  VII 

XI. 

2429:6  = 

4860  CC. 

(Hier  d.  Max. 

929,  d.  Min. 

266  CC.) 

29 


Mittleres 

Volum  des 

Athemzuges 

in  den  Fallen 

II,IV,V,VHI, 

IX,  X,  XII, 

2889 : 7  = 

406-6    CC. 

(Hier  d.  Max. 

766,  d.  Min. 

221  CC.) 


fi 


1 


XXI. 

Zur  Kenntniss  der  motorischen  Hirn- 

functionen. 

Von  Prof.  M.  Bosenthal  in  Wien. 

(Am  31.  Mai  1882  von  der  ßedaction  übernommen.) 


Bei  dem  im  Lichte  der  Neuzeit  so  günstig  fortschreitenden 
Aufbau  des  Himpathologie  wurde  man  in  den  letzteren  Jahren 
von  der  unangenehmen  Wahrnehmung  überrascht,  dass  gewisse 
fundamentale  Sätze  bedenkliche  Sprünge  zeigen.  Eine  baldige  sorg- 
fältige Restaurirung  ist  hier  dringend  vonnöthen,  um  eine  weitere 
Lockerung  im  Gefttge  der  neueren  Beobachtungen  zu  verhüten;  um 
bedrohliche  Störungen  des  Einklanges  neugewonnener  Thatsachen 
zum  Ausgleich  zu  bringen.  Der  jüngsten  Zeit  blieb  es  vorbehalten, 
an  die  aufgedeckten  Schäden  des  älteren  Baues  die  verbessernde 
Hand  anzulegen. 

Seit  etwa  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts,  seit  den  Tagen 
von  Willis  und  Morgagni1)  ist  die  Anschauung,  dass  die  Corpora 
striata  und  deren  nächste  Umgebung  zu  den  motorischen  Hirngebilden 
zählen,  zu  einem  förmlichen  Axiom  in  der  Medicin  erstarkt;  man 
wäre  versucht  zu  sagen  erstarrt.  Diese  Anschauung  schöpfte  ihre 
Berechtigung  aus  einer  reichhaltigen  Zahl  von  Autopsien,  welche 
ergaben,  dass  Herderkrankungen  im  Bereiche  der  Streifen-Sehhügel- 
gegend mit  Lähmungen  der  entgegengesetzten  Körperhälfte  im 
Leben  einhergingen.  In  der  bekannten,  vielcitirten  Statistik  von 
Andral8),   die  386  Fälle  von  Apoplexie  umfasst,  waren  der  Seh- 


*)  De  sed.  et  caus.  morb.  1761,  lib.  I.  p.  16,  Epist.  HI.  et  XL 
•)  Clinique  me*dicale,  t.  V.  Paris  1834.  p.  366. 

29* 


450  Rosenthal. 

und  vorzugsweise  der  Streifenhügel  in  301  Fällen  ergriffen.  Unter 
70  Beobachtungen  von  Rochoux  x)  waren  die  Corpora  striata 
43mal,  die  Sehhügel  5mal  Sitz  des  Extravasates.  Bei  meinen  *)  auf 
obiger  Grundlage  früher  gesammelten  105  Autopsien  aus  dem 
hiesigen  allgemeinen  Krankenhause,  fanden  sich  der  apoplektische 
Erguss  oder  die  Cyste  60mal  im  Streifenhügel  und  Linsenkern, 
34  mal  im  Sehhügel  und  in  den  letztgenannten  Gebilden  vor. 

Die  unbestrittene  Herrschaft  obigen  Lehrsatzes  wurde  in  ihren 
Grundlagen  durch  die  neuesten  Forschungen  arg  erschüttert,  und  von 
Letzteren  die  dringend  gewordene  Neugestaltung  des  Unterbaues 
angebahnt.  An  den  grundlegenden  Arbeiten  haben  die  neuesten 
histologischen  Studien,  sowie  die  experimentellen  und  klinisch-ana- 
tomischen Untersuchungen  wesentlichen  Antheil.  Die  bezüglichen 
Beitragsleistungen  mögen  in  Nachfolgendem  nähere  Würdigung 
finden. 

A.  Histologische  Analyse  und  pathologisch -anatomische 

Befände. 

Die  neuere  Faserungslehre  lieh  anfanglich  obiger  Anschauung 
über  die  motorische  Bedeutung  des  Streifenhügelsystems  ihre  Stütze, 
indem  sie  angab,  dass  die  Pyramidenfaserung  durch  den  (nach 
Meynert)  beim  Menschen  am  mächtigsten  entwickelten  Hiraschen- 
kelfuss  zu  den  Grosshirnganglien  (Streifenhügel  und  Linsenkern) 
verlaufe,  um  theils  hier,  theils  in  der  Kinde  des  Vorderhirnes  cen- 
tral zu  endigen.  Läsionen  im  besagten  Gangliengebiete  müssten 
demnach  wechselständige  Hemiplegien  zur  Folge  haben.  Die  Histo- 
logen  beriefen  sich  hiebei  mit  Vorliebe  auf  das  Experiment,  welches 
als  beredter  Anwalt  für  den  motorischen  Charakter  des  Streifen- 
hügels eintrat.  Mit  Ausnahme  von  Schiff3)  stimmen  fast  alle  Phy- 
siologen darin  überein,  dass  der  gestreifte  Körper  (der  sog.  Schwanz- 
kern) von  directem  Einflüsse  auf  die  Bewegung  sei.  Von  den  Wort- 
führern dieser  Ansicht  ist  in  erster  Linie  Ferrier4)  zu  nennen. 
Nach  ihm  bewirkt  die  elektrische  Reizung  des  Streifenhügels"  teta- 


*)  Eecherch.  sur  V  apoplexie,  Paris  1814. 
2)  Klinik  d.  Nervenkrankh.  II.  Aufl.  1875,  p.  56. 
■)  Lehrbuch  der  Physiologie,  1859.  p.  341. 
*)  The  functions  of  tlie  brain,  p.  277. 


Zur  Kenntniss  der  motorischen  Hirnfunctionen.  451 

nische  Zuckungen  an  der  entgegengesetzten  Körperhälfte.,  Läsionen 
des  Nucleus  caudatus  sind  stets  von  Hemiplegien  begleitet.  Eine 
Beobachtung,  die  wie  Ferrier  emphatisch  anfuhrt,  zu  den  bestbe- 
gründeten Thatsachen  der  menschlichen  Hirnpathologie  zählt  (one 
of  the  best  established  facts  of  the  human  cerebral  pathology). 

In  diesen  scheinbar  soliden  Wall  von  Lehrmeinungen  und 
Anschauungen  haben  zuerst  die  Forschungen  von  Gudden1)  und 
Flechsig8)  Bresche  gelegt.  Wie  Gudden  zeigte,  hat  die  Exstir- 
pation  der  oberen  Stirnhirnschichten  (incl.  der  motorischen  Binden- 
centren)  an  neugeborenen  Thieren,  partiellen  Schwund  der  Nerven- 
faserung  (des  Markes  und  Axencylinders)  des  Stabkranzes,  der 
inneren  Kapsel,  des  mittleren  Hirnschenkeltheiles,  nebst  Atrophie 
der  Brücke  imd  der  entgegengesetzten  Pyramide  zur  Folge.  Streifen- 
hügel und  Linsenkern  wurden  vollständig  intact  befunden.  Bald 
darauf  wies  Flechsig  auf  entwicklungsgeschichtlichem  Wege  nach, 
dass  bei  der  systemweise  vor  sich  gehenden  Markscheidenbildung 
der  Nervenzüge  an  Neugeborenen  die  (der  Haut-  und  Muskelge- 
f&hlsleitung  dienende)  Haubenstrahlung  früher  entwickelt  und  mark- 
weiss  sei,  als  die  noch  unfertige,  grauhyaline  Pyramidenfaserung. 
Von  letzterer  ist  es  weiterhin  der  in  der  unteren  Abtheilung  des 
Hirnschenkels,  im  sogenannten  Hirnschenkelfuss  verlaufende  Faser- 
zug, welcher  sich  am  frühesten  mit  Mark  umkleidet,  und  sich  bei 
Behandlung  mit  Osmiumsäure  von  den  Nachbargebilden  deutlich 
abhebt.  Vom  unteren  Theile  des  Hirnschenkelfusses  zieht  dann  das 
Pyramidenbündel  aufwärts  in  die  hintere  Partie  (mittlere  Begion) 
der  Capsula  interna  ein,  betritt  ohne  mit  den  Grosshirnganglien 
irgend  welche  Verbindungen  einzugehen,  dicht  an  der  oberen  Kante 
des  Linsenkernes  das  Centrum  ovale,  um  theils  daselbst  auszu- 
strahlen, zum  Theile  noch  vereinigt  in  die  Binde  der  Centralwin- 
dungen  einzumünden. 

Die  späteren,  einschlägigen  Untersuchungen  von  Parrot8), 
welche  sich  auf  96  Autopsien  von  Kindern  (von  der  Geburt  bis  zum 
1.  Lebensjahre)   gründen,    dienen   als   weitere  Bestätigungen   der 


*)  Corresp.Bl.  f.  Schweiz.  Aerzte  1871,  4  und  1880,19  Bericht  von  Forel. 
*)  Die  Leitungsbahnen  im  Hirne  und  Rückenmark,  1876  und  Archiv  für 
Anat.  und  PhysioL  I.  H.  1881.  p.  12-76. 
*)  Arch.  de  physiol.  t.  VI.  p.  520. 


452  Rosenthal. 

Flechsig'echen  Angaben,  bezüglich  der  chronologischen  Diffettnzirung 
der  intrahemisphärischen  Nervenbahnen,  sowie  der  frühzeitigen  Ent- 
wicklung der  Pyramidenfoserung.  Während  jedoch  Flechsig  der 
Ansicht  ist,  dass  die  Pyramidenbahn  von  der  Binde  nach  abwärts 
sich  mit  Mark  umscheidet,  geht  dagegen  aus  den  Untersuchungen 
Parrot's  hervor,  dass  die  Pyramidenbündel  aus  zwei  Bildungs- 
centren im  Hirne  entstehen,  deren  erstes  in  den  grauen  Central» 
kernen,  deren  zweites  in  der  motorischen  Rindenregion,  im  Grat 
der  Rolando'schen  Windungen  gelegen  ist.  Nach  den  in  der  Sal- 
petrige angestellten  anatomischen  Untersuchungen  gibt  neuesten* 
Charcot1)  an,  dass  die  Pyramidenbündel  in  der  unteren  Hirn* 
schenkelabtheilung  mindestens  die  beiden  mittleren  Viertel  ein- 
nehmen, und  nicht  blos  das  dritte  Viertel  von  innen  nach  aussen 
gerechnet,  wie  von  Flechsig  früher  angenommen  wurde. 

Auch  die  Beziehungen  der  Grosshirnganglien  zur 
Pyramidenbahn  wurden  von  neueren  Forschungen  in  hellere  und 
richtigere  Beleuchtung  gerückt.  Sowohl  die  entwicklungsgeschichir 
liehe  als  auch  die  anatomische  Methode  ergeben  nach  Flechsig, 
dass  der  Nu  eleu  s  cau  datus  vermittelst  des  Hirnschenkelfusses  mit 
der  Brücke  und  den  Brückenschenkeln  des  Kleinhirnes  in  mehr- 
facher Verbindung  steht.  Die  Fasern  aus  dem  Schwanzkern  sammeln 
sich  vor  der  Pyramidenbahn  in  der  inneren  Kapsel  an,  um  so- 
dann durch  den  mittleren  Theil  des  Hirnschenkelfusses  nach  ab- 
wärts zu  ziehen.  Ein  Theil  der  Schwanzkernfasern  hängt  durch  die 
innere  Kapsel  mit  dem  Linsenkerne  zusammen. 

Was  den  Linsenkern  betrifft,  so  war  es  offenbar  das  ersicht- 
liche Uebertreten  zahlreicher,  aus  den  inneren  Gliedern  und  der 
Linsenkernschlinge  stammendenFasern  in  dieCapsula  interna, 
sowie  deren  Beigesellen  zu  den  Bahnen  des  Fusses,  was  zur  An- 
nahme veranlasste,  dass  der  Linsenkern  mit  dem  Hirnschenkelfusse 
in  innigere  Verbindung  trete.  Beim  Neugeborenen,  wo  sich  der 
Verlauf  dieser  Faserungen  auf  grösseren  Strecken  an  Querschnitten 
übersehen  lässt,  ist  jedoch  nach  Flechsig  deutlich  zu  entnehmen, 
dass  die  in  Bede  stehenden  Fasern  nicht  im  Hirnschenkelfuss  ver- 
bleiben, sondern  blos  durchziehen.  Sie  sind  bei  successiven  Quer- 
schnitten  nicht   mehr  im  Fusse  zu  finden,   weil  sie  nach  querem 


*)  Legalisation  der  Hirn-  und  Rückenmarkskrankheiten  1881,  p.  34. 


Zur  Kenntniss  der  motorischen  Hirnfunctionen.  453 

Verläufe  durch  die  Capsula  interna  in  die  Regio  subthalamica,  so- 
mit weiterhin  in  das  Haubengebiet  eintreten. 

Noch  sei  hier  der  Bemerkung  Raum  gestattet,  dass,  wie  be- 
reits Henle1)  angab,  keine  Stabkranzbündel  erweislich  sind,  die 
mit  dem  Schwanz-  oder  Linsenkerne  in  Verbindung  stehen.  Auch 
Wernicke8)  hebt  diesen  Mangel  an  bezüglicher  Stabkranzleitung 
hervor.  Den  jüngsten  Untersuchungen  Flechsig's  zufolge,  sind  an 
filteren  Früchten  insbesondere  markhaltige  Stabkranzfasern  vom 
Fusse,  durch  den  hinteren  Theil  der  inneren  Kapsel  zu  den  Cen- 
tralwindungen,  entsprechend  den  Ausstrahlungsgebieten  der  Hauben- 
und  Pyramidenbahnen,  leicht  zu  verfolgen.  Nachweisliche  Verbin- 
dungswege zwischen  Grosshirnganglien  und  motorischer  Hirnrinde 
sind  daher  nach  obigen  Befunden  nicht  vorhanden. 

Bei  der  fundamentalen  Bedeutung  der  angeführten  histologi- 
schen Befunde  fallen  die  Aussagen  der  pathologischen  Anatomie 
schwer  ins  Gewicht.  Hier  muss  Allen  voran  Türck8)  genannt 
werden,  welcher  in  der  ihm  eigenen  klassischen  Weise  die  obwal- 
tenden Beziehungen  darlegte.  Als  Massstab  für  den  Einfluss  von 
Herdläsionen  auf  die  Pyramidenbahn  galt  ihm  das  Auftreten  von  se- 
kundär absteigender  Degeneration  im  Vorderseitenstrange.  Wie  zuerst 
Türck  zeigte,  haben  selbst  beträchtliche  Herde  in  der  grauen  Sub- 
stanz des  Nucleus  caudatus,  wenn  sie  die  innere  Kapsel  nicht  berühren, 
keine  deutlich  erkennbare  Rückenmarkserkrankung  zur  Folge.  Auch 
ausgebreitete  Läsionen  im  Bereiche  des  Linsenkernes  bewirken  nur 
eine  sehr  geringe  Erkrankung  des  entgegengesetzten  Seitenstranges, 
welche  blos  von  Mitbetheiligung  eines  Theiles  der  angrenzenden 
inneren  Kapsel  herrühren  dürfte. 

Dagegen  erzeugen  schon  kleinere  Herde  der  Capsula 
interna  (zwischen  der  grauen  Substanz  des  Streifenhügels  und 
3.  Gliede  des  Linsenkernes)  eine  intensive  secundäre  Erkran- 
kung des  Seitenstranges  (9. — 11.  Beob.).  In  zwei  Fällen 
(6.  und  8.  Beob.)  waren  blos  die  Capsula  interna,  dem  mittleren 
Drittel  des  Sehügels  entsprechend,  sowie  auch  das  3.  Viertel  des 

')  Nervenlehre,  4872. 

■)  Arch.  f.  Anat.  u.  Physiol.  1880,  p.  162  u.  folg. 

3)  Ueber  sec.  Erkrank,  einzelner  Eückcnmarksstränge  und  ihrer  Fort- 
setzungen z.  Gehirne,  Sitzungsber.  d.  kais.  Akad.  d.  Wissensch.  XI.  1853.  B. 
p.  93—119. 


454  Rosenthal. 

Orosshirnschenkels  ergriffen  und  mit  gleichzeitiger  Rückenmarks- 
entartung vergesellschaftet.  Bei  Läsionen  im  Bereiche  des  Streifen- 
hügels und  Linsenkernes  ist,  wenn  auch  die  innere  Kapsel  miter- 
griffen wurde,  „die  intensive  Bückenmarksaffection  nur  auf 
Bechnung  der  inneren  Kapsel  zu  setzen". 

Die  innere  Kapsel  kann  ferner  nach  Türck  zwischen  der 
grauen  Substanz  des  Corpus  striatum  und  dem  3.  Linsenkerngliede 
erkranken,  ohne  jegliche  secundäre  Bückenmarksveränderung.  Ein 
Gleiches  gilt  auch  von  den  Läsionen  jenes  Theiles  der  Capsula 
interna,  auf  welchem  der  hintere  Abschnitt  des  Sehhügels  aufhihi 
Schliesslich  ist  noch  die  Angabe  Türck 's  von  Interesse,  dass  die 
Ursprungsfasern  des  Vorderseitenstranges  vom  mittleren  Theile  des 
Grosshirnlappens  durch  die  Capsula  interna  (dem  mittleren  Drittel 
des  Sehhügels  entsprechend)  nach  abwärts  zu  ziehen  scheinen.  Be- 
dauerlicherweise entbehren  die  genauen  autoptischen  Schilderungen 
Türck's  (21  an  Zahl)  eines  jeglichen  klinischen  Hintergrundes. 

Obige  bereits  vor  30  Jahren  von  Türck  aufgehellten  Ver- 
hältnisse wurden  in  neuester  Zeit  von  Charcot1)  und  seinen 
Jüngern  mehrfach  bestätiget  und  erweitert.  Als  Bereicherung  ist 
die  bessere  Kenntniss  der  in  den  einzelnen  Segmenten  der  inneren 
Kapsel  und  des  Hirnschenkelfusses  vorfindlichen  Degenerationsbe- 
zirke anzusehen,  sowie  deren  Verhalten  zur  Pyramidenbahn,  mit 
dem  entsprechenden  klinischen  Symptomenbilde. 

Nach  Charcot  haben  auf  das  vordere  Kapselsegment 
begrenzte  Läsionen  absteigende  secundäre  Degeneration  zur  Folge, 
die  in  Form  eines  schmalen  grauen  Streifens  nach  dem  inneren 
Segment  des  Hirnschenkelfusses  verläuft,  daselbst  durch 
weisse,  intacte  Marksubstanz  von  den  mittleren  Pyramidenbündeln 
zumeist  getrennt  erscheint,  und  blos  bis  zur  Brücke  reicht,  in 
welcher  sie  aufhört,  ohne  die  entsprechende  Pyramide  zu  alteriren. 
Nach  aufwärts  erstreckt  sich  der  besagte  Entartungsbezirk  der  vor- 
deren Kapselregion  in  das  Centrum  ovale.  Läsionen  im  Bereiche 
beider  Vorderdrittel  des  hinteren  Kapselabschnittes  gehen 
mit  Entartimg  des  medianen  Pedunculustheiles  und  abstei- 
gender Degeneration  im  entsprechenden  Pyramidenbündel  einher. 
Affectionen  des  hinteren  Kapselsegmentes  sind  von  Läsion  der 


')  Progres  m&lical,  September  1879. 


Zur  Kenntniss  der  motorischen  Hirnfunctionen.  455 

äusseren  Hirnschenkelgegend,  doch  niemals  von  secundärer 
Degeneration  begleitet. 

B.  Klinische  und  experimentelle  Ergebnisse  bei  Läsionen 
im  Bereiche  der  Grosshirnganglien,  bez.  der  Capsula  int. 

Minder  sicher  und  klar  als  die  angeführten  Daten  der  patho- 
logischen Anatomie,  lauten  die  Angaben  der  klinischen  Untersuchung. 
Bis  in  die  jüngste  Zeit  standen  die  Beobachter  unter  dem  Drucke 
der  alten  motorischer  Doctrinen,  welche  die  klinischen  Anschauungen 
und  Schlussfolgerungen  beherrschten.  So  heisst  es  noch  im  Buche 
von  Charcot  *).  Les  symptdmes  qui  accompagnent  les  lesions,  limi- 
t6es  au  noyaux  gris  centraux,  sont  ceux  de  Thömiplegie  cerebrale 
vulgaire.  1/  höniplögie,  liöe  aux  alt&rations  ainsi  circonscrites  dans 
les  noyaux  gris,  est  communement  transitoire,  passagfcre,  peu  accusäe, 
comparativement  benigne.  Weiterhin  wird  angegeben:  En  revanche 
les  l&dons  de  la  capsule  interne,  alors  menie  qu'elles  sont  absolu- 
menf  limitees  ä  ce  tractus  blanc,  produisent  Themiplögie  cebrale 
vulgaire,  sous  üne  forme,  en  göneral,  trfcs  accentuöe  et  plus  ou 
moins  persistante.  Aus  obigen  Definitionen  von  Charcot  geht  dem- 
nach hervor,  dass  nebst  dem  überwiegenden  Einfluss  der  inneren 
Kapsel  auf  die  Erzeugung  von  Hemiplegien,  letztere  auch  durch 
beschränkte  Läsionen  der  grauen  Kerne  zu  Stande  kommen  können. 
(Auf  die  jüngsten,  mir  brieflich  bekannt  gewordenen  Ansichten  von 
Charcot  werde  ich  noch  später  zurückkommen). 

In  seinem  neuesten  klinischen  Masterwerke  über  Hirnaffec- 
tionen  adoptirt  Nothnagel  8)  die  citirten  Anschauungen  von 
Charcot.  Wenn  auch. der  hervorragende  Antheil  der  Capsula  in- 
terna an  der  Entstehung  von  Hemiplegien  zugegeben  wird,  so  heisst 
es  doch  p.  331:  Wenn  der  Herd  im  Streifenhügel  nicht  gar  zu 
klein  ist,  ist  die  motorische  Hemiplegie  regelmässig  vorhanden.  Die 
motorische  Lähmung  ist  das  einzige  Symptom,  wenn  es  sich  um 
Herde  im  vorderen  Theile  des  Corpus  striatum  handelt.  Noch  be- 
stimmter spricht  sich  Nothnagel  (pag.  293)  über  den  Charakter 
der  Linsenkern-Affectionen  aus.    „Bei  acut   einsetzenden   Processen 


')   Lecons  snr  les   localisations    dans   les   maladies  du  cerveau.    1876. 
pag.  98-101. 

*)  Topisch.  Diagn.  d.  ffirnkrankheiten.  Berlin  4879. 


456  Rosenthal. 

im  Linsenkerne,  wenn  dieselben  nicht  gar  zu  klein  sind,  findet  man, 
dass  in  der  That  eine  motorische  Lähmung  das  Einsetzen  begleitet. 
Diese  Lähmung  kann  nach  Obigem  durchaus  nicht  von  der  Mitbe- 
theiligung  der  inneren  Kapsel  abhängen". 

Die  genaueren  experimentellen  Beobachtungen  und  klinischen 
Ergebnisse  der  letzteren  Jahre  haben  die  in  Bede  stehenden  Ver- 
hältnisse in  ein  helleres  Licht  gesetzt,  haben  eine  bessere  Klä- 
rung der  Thatsachen  angebahnt.  Insbesondere  sind  es  die  feiner 
umschriebenen  pathologischen  Läsionen,  durch  welche  die  Natur 
die  mannigfachen  Aufgaben  des  Experimentes  präciser  zur  Lösung 
bringt,  als  dies  je  von  eines  Menschen  Hand  zu  erzielen  ist.  In 
dieser  Beziehung  werden  umschriebene  Erweichungsherde  ein  im 
Leben  genauer  abgrenzbares  Bild  der  Störungen  liefern,  als  zu- 
meist stürmisch  einsetzende  Apoplexien,  oder  durch  ihre  Fernwir- 
kung oft  den  Einblick  trübende  Geschwulstbildungen. 

Behufs  Illustration  dieses  neuen  Standes  der  Frage  sei  es  mir 
vor  Allem  gestattet,  einige  selbst  beobachtete  und  genauer  contro- 
lirte  Fälle  mitzutheilen,  welche  meine  schulgorechten  Anschauungen 
über  die  motorische  Bolle  der  Grosshirnganglien  ins  Wanken  brach- 
ten. Hieran  mögen  weiterhin  analoge  neuere  Befunde  aus  der  Lite- 
ratur angereiht  werden,  und  die  zustimmenden  Ergebnisse  jüngst 
angestellter,  exacterer  Thierversuche  den  1.  Theil  der  Beweisfiih- 
rung  completiren  helfen.  Für  den  2.  Theil  werden  sodann  die  un- 
terschiedlichen Einwirkungen  intraventriculärer  Blutorgüsse,  sowie 
die  bestätigende  Zeugenschaft  neuester  Experimente  herangezogen 
werden. 

1.  Beobachtung.  Vollständige  Zungenlähmung  bei 
erhaltener  Intelligenz  und  Mobilität  der  Gliedmassen. 
Beiderseitige  Läsionen  des  unteren  Endes  der  vorderen 
Central-  und  angrenzenden  Stirnwindungen.  Mehrfache 
Erweichungsherdo  im  oberen  Antheile  des  linken  Strei- 
fenhügels. 

Bei  einem  im  Herbst  1877  auf  Z.  89  des  allgemeinen  Kran- 
kenhauses behandelten  69jähr.  Mann  (mit  Emphysem  und  Herz- 
hypertrophie) trat  apoplektiforme  Lähmung  der  Zunge  auf,  die  un- 
beweglich am  Boden  der  Muudhöhle  lag;  Schlingen  und  Sprechen 
sehr  erschwert;  ein  über  die  Zunge  gebrachter  Bissen  konnte  je- 
doch geschluckt  werden.    Die  Extremitäten  vollkommen  beweglich; 


Zur  Kenntniss  der  motorischen  Hirnfunctionen.  457 

Pat.  konnte  gut  herumgehen,  sowie  durch  Schreiben  sich  verständ- 
lich machen.    Tod  an   Marasmus  und   Bronchitis. 

Autopsie.  In  beiden  Grosshirnhemisphären  Herde  von  soge- 
nannter Zelleninfiltration  in  den  unteren  Enden  der  vorderen  Central- 
windungen  und  des  hinteren  Endes  der  Gyri  frontales  infimi.  Ueber- 
dies  kleine  bis  erbsengrosse  Einweichungsherde  iraobereu 
Antheile  des  linken  Corpus  striatum.  Iu  den  meisten  Muskel- 
fasern der  Zunge  fettige  Entartung  mikroskopisch  erweislich,  die 
Nv.  hypoglossi  intact. 

Wenn  in  diesem  bereits  früher  beschriebenen  Falle,  bis  zum 
Tode  keinerlei  Extremitätenlähmung  beobachtet  wurde,  so  lässt  sich 
hief&r  der  Befund  geltend  machen,  dass  die  dissentierten,  kleineren 
Erweichungsherde  Mos  im  oberen,  dem  Ependyme  zunächst  gele- 
genen Theile  des  linken  Streifenhügels  sich  befanden;  die  tieferen 
Schichten  waren  unverändert.  Um  so  stringenter  ist  der  nachfol- 
gende Befund,  bei  welchem  die  tiefgreifende  Erweichung  des  einen 
Corpus  striatum  auch  einen  Theil  des  Schweifes  betraf,  die  Mobili- 
tät jedoch  unbehelligt  blieb. 

2.  Beobachtung.  Chronische  Hirnhyperftmie,  Schlaf- 
losigkeit, Vorfall  der  Intelligonz  ohne  jegliche  motori- 
sche Störung.  Das  linke  Corpus  striatum,  inclus.  eines 
Theiles  der  Cauda  breiig  erwoicht. 

Ein  von  mir  Anfangs  1878  behandelter  Gßjähr.  Alaun  war 
seit  Jahren  mit  Kopfcongestionen,  Schlaflosigkeit  und  trüber  Ue- 
müthsstimmung  behaftet.  Die  stetige  Abnabmo  dos  Gedächtnissen 
und  der  Auffassung  führten  zu  einem  Zustande  von  Apathio.  Die 
Untersuchung  ergab  massiges  Emphysem,  Hypertrophie  des  Her- 
zens und  Rigidität  der  Arterien.  Dio  Mobilität  und  Sensibilität 
Hessen  während  der  achtwöchentlichen  Beobachtungsdauer  nicht  die 
geringste  Beeinträchtigung  erkennen.  Auch  weil.  Prof.  Kl  ob,  der 
ihn  früher  behandelte,  sowie  die  Angehörigen  dos  Kranken  haben 
je  weder  Krampf  noch  Schwäche  an  den  oberen,  oder  unteren 
Gliedmassen  wahrgenommen.  Tod  an  Marasmus  und  hypostatischer 
Pneumonie. 

Sectio n  (von  Klob  vorgenommen).  Die  Dura  mator  zum 
grOssten  Theile  mit  dem  Schädoldache  verwachsen,  dio  Arachnoidea 
getrübt  und  verdickt.  Au  Stelle  des  linken  Corpus  striatum 
eine  bohnengrosse,   breiig  weiche  Masse   von  gelblicher 


458  Rosenthal. 

Färbung;  der  Erweichungsherd  greift  bis  in  die  weisse 
Substanz,  nach  hinten  und  aussen  auch  auf  einen  Theil 
des  seh  weif  igen  Endes  über,  (etwa  bis  zur  Hälfte).  Der  Linsen- 
kern, die  Capsula  interna,  die  entsprechenden  Gebilde  der  anderen 
Hirnhälfte,  sowie  die  Hirnschenkel,  der  Pons  und  das  verlängerte 
Mark  erwiesen  sich  an  Querschnitten  allenthalben  normal.  Die  Ar- 
terien der  Hirnbasis  rigid.  Bei  der  mikroskopischen  Untersuchung 
der  Erweichungsmasse  fand  ich  Körnchenzellen,  Hämatoidinkrystalle, 
amorphes  Pigment  und  Detrituskörner.  • 

Wie  aus  letzterem  Falle  erhellet,  ist  selbst  eine  umfänglichere 
Läsion  des  einen  Schwanzkernes  von  keinerlei  motorischer  Beein- 
trächtigung, so  lange  die  innere  Kapsel  unberührt  bleibt.  Dass  bei 
Verschontbleiben  der  Letzteren  selbst  beiderseitige  Destruction  des 
Linsenkernes  der  Mobilität  nichts  anhaben  könne,  möge  nachfolgende 
Beobachtung  darthun  helfen. 

3.  Beobachtung.  Tobsuchtartige  Anfälle,  ohne  jegli- 
che Paralyse.  Sarkomatöse  Entartung  beider  Linsen- 
kerne. 

Bei  einem  26jähr.  Manne,  der  nach  längerem  Kopfleiden  auf 

eines  der  unter  Prof.  Leidesdorfs  Leitung  gestandenen  Beob- 
achtungszimmer im  k.  k.  allgemeinen  Krankenhause  aufgenommen 
wurde,  traten  nach  den  ergänzenden  freundlichen  Mittheilungen 
der  Spitalsärzte,  rasch  aufeinander  folgende  tobsuchtähnliche  An- 
fälle auf.  Der  excessive  Bewegungsdrang  schloss  jede  Annahme  einer 
Paralyse  aus,  die  auch  vor  dem  nach  einigen  Tagen  im  Sopor  er- 
folgten Ableben  des  Kranken  nicht  zu  constatiren  war. 

Autopsie.  Die  Hirnsubstanz  auffällig  weicher  und  blutreicher. 
Beide  Linsenkerne  von  einer  sarkomatösen  Wucherung 
eingenommen,  welche  rechts  das  erste,  zum  Theile  das  2.  Glied 
des  Linsenkernes  substituirte,  linkerseits  bis  zum  dritten  Gliede 
reichte.  Die  Corpora  striata,  sowie  die  Capsula  interna  zu  beiden 
Seiten  intact  erhalten.  Auch  an  den  Querschnitten  der  übrigen  Hirn- 
theile  keine  Veränderung  erweislich. 

Wie  die  angeführten  Fälle  darthun,  kann  der  eine  geschwänzte 
Kern,  können  selbst  beide  Linsenkerne  durch  pathologische  Processe 
ausgeschaltet  werden,  ohne  jegliche  Schädigung  der  motorischen 
Thätigkeiten,    in   solange   die   benachbarte   Capsula  interna   nicht 


Zur  Kenntniss  der  motorischen  Hirnfunctionen.  459 

tiefer  ins  Mitleid  gezogen  wird.  Auch  sind  analoge  Beobachtungen 
in  der  älteren,  sowie  in  der  neueren  Literatur  zerstreut  anzutreffen. 
So  war  in  einem  Falle  von  Schüppel1)  (apfelgrosses  Myxosarkom 
im  Streifenhügel)  keinerlei  Paralyse  im  Leben  erweislich.  Beim 
Kranken  von  Pitres  *),  der  mit  Manie  und  späterem  Blödsinn 
behaftet,  ohne  Lähmungserscheinungen  verstarb,  fanden  sich  bei 
der  Obduction;  Hirnatrophie  nebst  Erweichung  des  Streifenhügel- 
kopfes vor,  bei  intacter  innerer  Kapsel.  Im  Falle  von  Lepine8) 
(Erweichung  des  ganzen  linken  Linsenkernes,  doch  Erhaltensein  der 
äusseren  und  inneren  Kapsel)  war  keine  motorische  Störimg  zu 
constatiren.  Der  von  Persijn4)  durch  anderthalb  Jahre  in  der 
Irrenanstalt  Meerenberg  beobachtete  Kranke  blieb  bis  zum  Tode 
vollkommen  beweglich.  Bei  der  Section  wurde  der  rechte  Linsen- 
kern durch  mehrere  apoplektische  Herde  fast  völlig  gestört  ange- 
troffen. Im  Falle  von  Schütz5)  war  es  ein  Syphilom,  in  dem- 
jenigen von  Bramwell6)  ein  scrophulöses  Neugebilde,  welches 
den  linken  Linsenkern  ganz  einnahm.  Im  Leben  keinerlei  moto- 
rische Beeinträchtigung.  Bei  den  Beobachtungen  von  Fürstner7) 
und  Rondot8)  gaben  beide  Linsenkerne  den  Sitz  von  Tumoren 
ab.  Nirgends  Lähmungen  oder  Contracturen  vorfindlich.  Schliess- 
lich waren  in  den  Fällen  von  Bourneville9)  und  Mayor10)  im 
Schwanz-  und  Linsenkerne  derselben  Seite  umschriebene  Erweichungs- 
herde, ohne  dauernde  motorische  Symptome  vorhanden. 

Die  motorische  Belanglosigkeit  der  Grosshirnganglien  wird 
demnach  klinisch  dargethan,  durch  den  Abgang  jeglicher  Lähmungs- 
erscheinung bei  umschriebenen  Läsionen  des  Schwanz-  oder  Linsen- 
kernes, bei  bilateralen  Herden,  oder  wie  in  den  letzterwähnten 
Fällen,  selbst  bei  Zerstörung  beider  Ganglien  der  einen  Seite.  Die 


*)  Arch.  f.  Heilkunde  1869. 

■)  Progres  meU  Nr.  32.  1880. 

*)  De  la  localis,  dans  les  malad,  cebrales.  1875.  p.  36. 

*)  Bericht  von  Obersteiner  in  Erlenmayer's  Centralblatt.  1880. 

*)  Prag.  med.  Wschr.  26.  Dec.  1877. 

•)  Edinb.  med.  Journal.  1879. 

7)  Arch.  f.  Psychiatrie,  VI.  Bd.  p.  344. 

8)  Bullet,  de  la  Soc.  anat.  Mai  1877. 

•)  fitudes  clin.  et  thermom.  sur  les  mal.  du  syst.  nerv.  1872. 
*•)  Bullet,  de  la  Soc.  anat.  Ferner  1878. 


460  RosenthaL 

anatomische  Beweisführung  stützt  sich  einerseits  auf  den  histo- 
genetischen  Nachweis,  dass  die  Pyramidenbahn  keinerlei  Verbin- 
dungen mit  den  Grosshirnganglien  eingehe;  andererseits  auf  das 
Fehlen  von  secundärer,  absteigender  Degeneration  bei  Herden,  die 
sich  auf  den  Schwanz-  oder  Linsenkern  beschränken.  Audi  die 
neueren,  genaueren  Thierversuche  haben,  wie  bald  gezeigt  werden 
soll,  die  motorische  Unerregbarkeit  des  Streifenhügelsystems  direct 
erwiesen. 

Während  die  Grosshirnganglien  4  ihrer  lange  innegehabten 
Autorität  entkleidet  wurden,  gewann  die  motorische  Dignität 
der  inneren  Kapsel  um  so  sicherere  Grundlagen.  Erst  in  neuester 
Zeit  wurden  die  funcüonellen  Beziehungen  der  einzelnen  Abtbei- 
lungen dieses  Marklagers  präciser  erfasst,  welches  nach  Bitot1) 
an  manchen  Querschnitten  die  Höhe  von  20 — 25  Mm.  und  eise 
Breite  von  8  Mm.  erreicht.  Um  die  topographische  Begrenzung  der 
unterschiedlichen  Kapselregionen  in  klinisch-anatomischer  Beziehung 
haben  sich  insbesondere  Charcot  und  seine  Schule  verdient 
gemacht. 

Wie  bereits  in  der  ersten  Abtheilung  (anatomischer  Theil)  an- 
geführt  wurde,  fand  Charcot8),  dass  gewisse  auf  das  vordere 
Kapselsegment  beschränkte  Affectionen  sich  als  schmaler  grauer 
Streifen  auf  die  innere  Partie  des  Hirnschenkelfusses  fortsetzen,  die 
mittlere  Partie  jedoch  frei  lassen.  Diese  für  sich  allein  degeneriren- 
den  centrifugalen  Fasern  sind  jedoch  nicht  über  die  Brücke 
und  den  Bulbus  medullae  zu  verfolgen.  Bald  hierauf  wurden  weitere 
einschlägige  sieben  Beobachtungen  aus  Charcot's  Abtheilung  von 
Brissaud3)  veröffentlicht,  die  zur  Klärung  der  strittigen  Be- 
ziehungen wesentlich  beitragen. 

Im  ersten  Beobachtungsfalle  (chronische  Epilepsie  mit  Delirium 
und  impulsiven  Anfällen,  doch  ohne  jede  Lähmungserscheinung) 
fand  sich  an  der  Stelle  des  Streifenhügelkopfes  eine  Cyste  vor; 
blos  die  vorderen  Kapsel-  und  inneren  Hirnschenkelfussbündel  waren 
degenerirt.  Im  zweiten  Falle,  der  eine  65jährige  Frau  von  kindischem, 
willenlosem  Wesen  bei  intacter  Mobilität  betraf,  war  in  der  rechten 


')  Arch.  de  Neurologie,  1881. 

*)  Progres  me'dical.  Septembre  1879. 

*)  Progres  me'dical.  Nr.  40,  41.  1879. 


Zar  Kcnntniss  der  notoriachtn  HirafuaciHwn.  4dl 

Grosshirnhemisphäre  ein  apoplek&cher  Heni  an  Stelle  der  unteren 
und  inneren  Glieder  des  Linsenkernes :  in  der  linken  Hemisphäre 
war  fest  der  ganze  Linsenkern  (bis  auf  den  hinteren  Theü)  durch 
einen  Erweichungsherd  enucleirt,  die  innere  Kapsel  dabeihat  im 
vorderen  Segment  bis  in  den  Nudeus  eaudatus  erreicht;  die  Er* 
weichung  setzte  sich  auch  auf  die  inneren  Pedunculushüudel  fort, 
ohne  die  mittleren  zn  erreichen,  die  Rindenwindungen  allenthalben 
normal. 

In  den  Beobachtungsfällen  4,  5  und  6,  war  die  Hemiplegie 
geschwunden  und  blieben  Mos  Gesichtsparesen,  Zungeulähunmg  oder 
Aphasie  zurück.  In  diesen  Fällen  war  die  stumpfwinklige  Vereinigung 
des  vorderen  und  hinteren  Kapselsegmentes  (das  Kapselknie  von 
Flechsig)  Sitz  der  Erweichung,  die  auch  auf  das  innere  Segment 
des  Fusses  des  Hirnschenkels  übergriff;  die  anstossendon  Pyrmiideu- 
bündel  blieben,  wie  Querschnitte  zeigten,  versehout. 

Die  ersterwähnten  Fälle  bestätigen  demnach  glaiebfalln,  diu** 
Entartung  des  Streifenhügels  und  selbst  beiderseitige  Zerstörungen 
des  Linsenkernes  die  Mobilität  nicht  schädigen,  insoluuge  die 
Pyramidenregion  in  der  Capsula  interna  und  im  HirnsohenkulhiHse 
sich  unversehrt  erhalten.  In  den  letz  tau  geführten  Fällen  wareu  die 
durch  vorübergehende  Störungen  in  den  nachbarlichen  Pyramiden!» 
bündeln  bedingten  anfänglichen  Hemiplegien  bald  gewichen,  und 
hinterliessen  blos  Lähmungen  dos  Gesichten  und  der  Zunge, 

Aus  der  Aussage  obiger  Thatsachen  geht  somit  tiinhtdlig  hm  - 
vor,  dass  in  denBündeln  des  vorderen  Bezirke*  de*  Kapt>el, 
sowie  in  deren  Fortsetzung  in  den  inneren  liefcirk  de& 
Hirnschenkelfusses,  die  centrifugaJe  Uahu  von  Hnnuarveu 
enthalten  sei,  welche  in  den  Nervenkernen  endigt,  ohne  die  J'jra- 
miden  zn  erreichen.  Dieser  ganze  Bezirk  kann  für  sich  allein,  ohne 
Theilnahme  der  grenznachbarlichen  medialeu  ltegiou,  duivli  vveKhe 
die  Pyramidenbahn  passirt,  entarten.  Ka  fehlt  sodunu  die  ab* 
steigende,  seeundäre  Degeneration  des  Vordersei  teutftraugütf.  Dein 
entsprechend  werden  bei  Lebzeiten  keine  Hemiplegien  zu  findet*  sein. 

Erst  wenn  die  den  beiden  Vorderdritteln  des  hinteren 
Kapselsegmentes  entsprechenden  PyramidenbüudoJ,  so- 
wie die  zugehörige  mediane  Kegion  des  JiJj'uscbeuMfijsäus  erkrankt; 
oder  wenn  der  früher  geschilderte  tintartungszug  (von  dem 
vorderen  Kapsel-  nach  dem  inneren  lümschenkeltsegment)  sich  auch 


462  Rosenthal. 

auf  die  anliegenden  Pyramidenbündel  erstreckt  (bei  totaler 
Obliteration  der  Art.  f.  Sylvii),  dann  haben  selbst  wenig  umfäng- 
liche Läsionen  stets  absteigende  Degeneration  der  entsprechenden 
Pyramide  zur  Folge.  Dann  werden  auch  im  Leben  die  schwereren 
Erscheinungen  der  Hemiplegie  nicht  fehlen. 

Auch  in  der  jüngsten  Arbeit  von  Flechsig  über  die  Leitungs- 
bahnen im  Orosshirne  des  Menschen '),  wird  eine  Beobachtung  über 
traumatische  Encephalitis  des  vorderen  Stirnlappens  angeführt,  bei 
welcher  die  Entartung  durch  den  vorderen  Theil  der  inneren  Kapsel 
und  die  inneren  Bündel  des  Hirnschenkelfusses,  entlang  der  Sub- 
stantia  Soemeringii,  bis  in  die  Brücke  zu  verfolgen  war,  wo  sie  als- 
bald verschwand.  Die  Grosshirnganglien  wurden  völlig  intact  be- 
funden. 

Bereits  früher  war  es  Pitres*)  bei  einer  Beobachtung  (seit 
der  Kindheit  bestehende  partielle  Epilepsie,  mit  linksseitiger  Hemi- 
plegie und  Contractur)  nicht  entgangen,  dass  die  umschriebene 
Atrophie  der  entsprechenden  vorderen  Central  win düng,  des  Fusses 
der  Stirnwindungen  und  des  Paracentrallappens,  sich  auch  auf 
die  Capsula  int.,  den  rechten  Pedunculus,  Pons,  und  als  absteigende 
Sklerose  auf  den  vorderen  Pyramiden-  und  hinteren  Seitenstrang- 
antheil  verbreitet.  Die  Grosshirnganglien  waren  unversehrt.  In  drei 
anderen  Fällen  von  Erkrankung  des  motorischen  Gebietes  war  zwei- 
mal dor  Seitenstrang,  einmal  auch  der  Vorderstrang  entartet. 
Die  Hemisphärenganglien  erwiesen  sich  in  allen  drei  Fällen  als 
normal. 

Es  lässt  sich  unschwer  darthun,  dass  die  in  der  neuesten 
Literatur,  wenn  auch  nur  spärlich  vorfindlichen  isolirten  Läsionen 
der  inneren  Kapsel  den  oben  erörterten  gesetzmässigen  Beziehungen 
gehorchen.  Im  Falle  von  Kaymond8)  (aus  Charcot's  Abtheilung), 
choreiforme  Bewegungen  bei  einer  72jährigen  Frau,  mit  späterer 
linksseitiger  Gesichts-  und  Gliedmassenlähmung  bei  erhaltener 
Sensibilität,  fand  sich  Thrombose  eines  Astes  der  rechten  Art. 
f.  Sylvii;  in  der  rechten  Hemisphäre  eine  scharf  begrenzte,  aus- 
schliesslich die  Substanz    der  inneren  Kapsel   einnehmende  Läsion, 


l)  Arch.  f.  Anat.  u.  Physiol.  I.  Heft  1881.  pag.  12—76. 
»)  Progrcs  m^dic.  17.  Fevrier  1877. 

*)  IStude  anatomique  et   clinique    sur    Y  he'michore'e ,    Y  he'mianesthe'sie, 
etc.  Paris  1876. 


Zur  Kenntniss  der  motorischen  Hirnfunctionen.  463 

oberhalb  und  nach  aussen  vom  Nucleus  caudatus,  nahe  der  Ver- 
einigung des  Hinterdrittels  mit  den  zwei  vorderen  Dritteln.  Im 
Gehirne  sonst  nichts  Abnormes.  Der  Herd  war  sicherlich  in  der 
Pyramidenregion  der  Kapsel  gelegen,  ohne  den  hinteren  Abschnitt 
derselben  zu  lädiren.  Die  von  Nothnagel1)  angeführten  zwei 
eigenen  symptomlosen  Fälle  von  Kapselläsion  sind  aus  der  Klein- 
heit der  Defecte  (von  2—3  Mm.  Ausdehnung)  erklärlich.  Wie 
Charcot8)  angibt,  führen  erst  Kapselaffectionen  von  mindestens 
einem  halben  Cm.  im  Durchmesser   zu  secundären  Degenerationen. 

Auch  der  von  mancher  Seite  gegen  die  motorische  Bedeutung 
der  Capsula  interna  verwerthete  Fall  Honegger's8)  erscheint  bei 
richtiger  Beleuchtung  ganz  anders.  Der  nach  Gelenksrheumatismus 
unter  heftigem  Kopfschmerz,  Kurzathmigkeit,  Herzklopfen,  bei  Ab- 
gang jeglicher  Lähmung  verstorbene  Kranke  lieferte  nachfolgenden 
Sectionsbefund.  Nebst  Atherose,  Herzhypertrophie  und  Nephritis 
fand  sich  der  linke  Streifenhügel  in  der  Mitte  markgross  deprimirt, 
ein  linsengrosser  Erweichungsherd  im  oberen  Theile  des  äusseren 
Linsenkerngliedes,  und  der  inneren  Sehhügelfläche.  Die  Erweichung 
umfasste  den  ganzen  Querschnitt  des  Schweifkernes  bis  dicht  unter 
das  Ependym,  den  oberen  Theil  des  Linsenkernes,  und  den  da- 
zwischen liegenden  Theil  der  inneren  Kapsel,  die  unterste  Partie 
der  letzteren  war  frei.  Im  sorgfältig  untersuchten  Bückenmark 
keinerlei  Veränderung.  An  Querschnitten  der  inneren  Kapsel  Hessen 
sich  mikroskopisch  fast  allenthalben  degenerirende  Fasern  nach- 
weisen. 

Wenn  wir  uns  in  Ermanglung  einer  aufklärenden  Zeichnung 
an  die  voranstehende  autoptische  Schilderung  des  Gebietes  der 
Läsion  halten,  so  ergibt  sich,  dass  die  Pyramidenregion  nicht  in 
den  Bereich  der  Herde  fiel,  da  letztere  mehr  nach  vornehin,  den 
Baum  zwischen  dem  Schwanzkerne  und  der  inneren,  vorderen  Ober- 
fläche des  Linsenkernes  einnahmen.  Sie  umfassten  daher  das  vordere 
Segment  der  Capsula  interna  und  das  Knie  derselben,  somit  jene 
Faserzüge,  von   welchen  oben  dargethan  wurde,    dass  sie  aus  dem 


')  Topische  Diagnost.  der  Hirnkrankheiten,  1879.  p.  272. 

*)  Archiv  f.  klin.  Med.  27  Bd.  1880. 

•)  Ueber  Localis,  der  Hirn-   und  Rücke nmarkskrankh.  1881.   H.  Abth. 
pag.  54. 

Med.  Jahrbücher.  1882.  30 


464  Rosenthal. 

vorderen  Kapselbezirke  stammend,  nach  einwärts  von  der  Pyramiden- 
bahn liegen  und  mit  derselben  nicht  zusammen  hängen,  indem  sie 
schon  früher  in  der  Brücke  aufhören. 

Hieraus  erklärt  sich  auch  einfach,  dass  die  sorgfältige  Unter- 
suchung des  Kückenmarkes  keine  secundären  Veränderungen  auf- 
deckt, und  dass  im  Leben  keine  motorischen  Lähmungen  bestanden. 
Die  eben  citirte  Beobachtung  von  Honegger  dient  daher  als  wei- 
tere Stütze  für  den  obigen  Nachweis,  dass  Läsionen  des  vorderen 
Kapselbezirkes  und  seiner  Fortsetzungen  keine  Hemiplegien  im 
Gefolge  haben,  sowie  dass  der  Schwanz-  und  Linsenkern  sich 
motorisch  indifferent  verhalten. 

Durch  die  Begründung  obiger  Thatsachen  wird  auch  jene  fast 
allenthalben  adoptirte  Theorie  hinfällig,  die  sich  in  der  Annahme 
einer  Art  von  functioneller  Ergänzung  gefällt.  Die  häufig  zo 
beobachtende  transitorische  Hemiplegie  bei  umschriebener  Läsion 
der  Grosshirnganglien  verleitete  nämlich  zur  Annahme,  dass  für  die 
ausgefallenen  Partien  andere  vicarirend  eintreten.  Je  nach  Bedarf 
wurde  etwa  bei  einem  Linsenkemherde  bald  der  gleichseitige 
Schwanzkern,  bald  der  entgegengesetzte  Linsenkern  mit  der  Sup- 
plirung  betraut.  Nach  Hughlings- Jackson1)  soll  sogar  jede  Par- 
zelle des  Streifenhügels  im  Kleinen  den  ganzen  Streifenhügel  ver- 
treten können.  Bei  der  Annahme  einer  kreuzweisen  Substitution 
musste  die  Voraussetzung  herhalten,  dass  beide  Körperhälften  in 
jeder  Hemisphäre  vertreten  seien,  die  gleichseitige  jedoch  in  ge- 
ringerem Masse  als  die  gekreuzte. 

Die  Anschauung  über  die  gemeinschaftliche  Vertretung  in 
einer  Hemisphäre  stützte  sich  auf  die  Beobachtung  gleichzeitiger 
Innervation  des  Rectus  int.  der  einen,  und  des  Rectus  ext.  der  an- 
deren Seite  beim  Seitenblick;  auf  die  gleichzeitige  Innervation  beider 
Lippen,  der  Kau-  und  Zungenmuskeln  u.  dgl.  Minder  gezwungen,  und 
durch  die  Beobachtung  physiologischer  und  pathologischer  Bewegungs- 
vorgänge, mehr  berechtiget  erscheint  mir  die  Annahme,  dass  für 
gewisse  symmetrische  Muskelthätigkeiten  gemeinsame  Coordinations- 
centren  in  beiden  Hemisphären  vorhanden  seien.  Eine  einseitige 
Läsion  derselben  würde  sodann  mehr  oder  weniger  erhebliche  Be- 
einträchtigung der  Coordination,  eine  Art  von  Ataxie  zur  Folge 
haben. 

*)  Rev.  mens.  1879,  pag.  63. 


Zur  Kenntniss  der  motorischen  Hirnfunctionen.  465 

Dem  functionellen  Eintreten  des  einen  Hirntheiles,  des  einen 
Hirnganglion  für  das  andere  widersprechen  zahlreiche  Beobachtungen 
und  Erfahrungen.  Sowohl  Reizungs-,  als  auch  Destructions-Vorgänge 
in  der  einen  Hirnhälfte  haben  blos  an  der  gekreuzten  Körperseite 
ihr  entsprechendes  Spiegelbild.  Bei  einseitiger  Atrophie  von  Hirn- 
gebilden ist  während  des  ganzen  späteren  Lebens  keine  günstige 
Beeinflussung  der  wechselständigen  Lähmung  seitens  der  gesunden 
Hemisphäre  zu  beobachten.  Der  durch  hochgradige  Läsion  der 
Broca'schen  Windung  bedingten  Aphasie  und  dem  rudimentären 
Sprachvermögen  gewährt  die  intacte  Windung  des  anderen  Hirn- 
lappens keinerlei  wirksame  Hilfe.  Gegen  die  functionelle  Ergänzung 
spricht  ferner  das  Fehlen  von  Lähmung,  beziehungsweise  von 
dauernden  Symptomen  bei  bilateraler  Zerstörung  des  Linsenkernes, 
bei  gleichzeitigen  Herden  im  Linsen-  und  Schwanzkerne.  Und  da 
nach  Obigem  der  Streifenhügel  und  Linsenkern  auf  die  Willkür- 
bewegungen der  Gliedmassen  nicht  von  Einfluss  sind,  letzterer  viel- 
mehr der  Capsula  interna  zukommt,  so  wird  es  auch  hier  erklärlich, 
dass  bei  Läsion  einer  bestimmten  Kapselregion  dauernde  Hemiplegie 
und  Contractur  erfolgen,  ohne  dass  die  gesunde  Hemisphäre  und 
innere  Kapsel  mit  ihren  unversehrten  bulbospinalen  Verbindungen 
irgendwie  supplirend  eingreifen. 

Das  Zurückweichen  der  Lähmungssymptome  ist  nach  den  oben 
erbrachten  Beweisen  gegen  den  motorischen  Charakter  der  Gross- 
hirnganglien, zu  Gunsten  der  Capsula  interna  leicht  zu  commen- 
tiren.  Die  innere  Kapsel  stellt  gleichsam  ein  zwischen  Sehhügel, 
sowie  zwischen  Schwanz-  und  Linsenkern  eingekeiltes  Marklager 
dar.  Jede  pathologische  Invasion  von  Seite  der  genannten  Nachbar- 
gebilde bedroht  auch  die  Integrität  der  Kapselregionen.  Insbesondere 
werden  die  von  der  mittleren  Sehhügelzone,  sowie  die  von  dem 
vorderen  Schwanzkerntheil  und  den  inneren  Gliedern  des  Linsen- 
kernes andringenden  Blutergüsse  öfter  die  Pyramidenregion  der  Kapsel 
comprimiren,  und  durch  seröse  Durchtränkung  Oedem,  Ischämie, 
gekreuzte  Hemiplegie  heraufbeschwören.  Durch  die  Resorption  wer- 
den zumeist  bald  die  Folgezustände  der  Compression  wieder  aus- 
geglichen, die  nicht  tiefer  lädirte  Pyramidenfaserung  der  Kapsel  er- 
holt sich  rasch,  die  Lähmung  weicht  zurück.  Nur  Zerstörung  der 
Pyramidenzone  hat  Lähmung,  Contractur  und  secundäre  Degeneration 
zur  Folge.  Bei  den  auf  die  vordere  Kapselpartie  beschränkten  Apo- 

30* 


466  Kosenthai. 

plexien  oder  Erweichungen,  welche  die  Pyramidenregion  nicht  er- 
reichen, kommt  es  auch  nicht,  wie  die  oben  citirten  Fälle  von 
Brissaud  bezeugen,  zur  Lähmung  und  Degeneration. 

Es  erübriget  uns  noch,  zur  Vervollständigung  der  Betrachtungen 
über  Kapsellähmung  Einiges  über  das  letzte  (hintere)  Drittel 
dos  hinteren  Kapselsegmentes  anzufügen.  Bekanntlich  ist 
Türck1)  der  Entdecker  der  cerebralen  Hemianästhesle  bei 
Läsionen  des  hinteren  Kapselabschnittes,  sowie  der  anstossenden 
Sehhügel-,  Linsenkern-  und  Stabkranzfaserung.  Ich2)  bestätigte  die 
bishin  wenig  berücksichtigten  Befunde  Türck's,  dehnte  sie  auch 
auf  die  unvollständigen  Anästhesien  aus,  die  öfter  von  Capillar- 
apoplexie  und  Oedem  der  genannten  Region  herrühren,  und  wies 
klinisch  nach,  dass  sensible  Störungen  zu  den  fast  ständigen  Be- 
gleitern der  Hemiplegie  zählen.  Weiterhin  war  es  Charcot,  der 
die  genauere  Umgrenzung  (hintere  Kapselregion  und  angrenzender 
Fusstheil  des  Stabkranzes)  vornahm.  Die  experimentelle  Begründung 
wurde  nachträglich  von  Veyssiere3)  geliefert. 

Wie  zuerst  Meynert  hervorhob  und  neuerdings  Flechsig 
mit  geringer  Abänderung  bestätigt,  ist  die  Hemianästhesie  durch 
Läsion  der  die  hinterste  Kapselregion  durchsetzenden  Hanben- 
strahlung, einer  Fortsetzung  der  sensiblen  Rückenmarksbahnen, 
bedingt.  Anliegend  müssen  sich  auch  die  Leitungen  der  meist 
gleichzeitig  afficirten  Sinnesorgane  befinden.  Nach  den  schönen 
Beobachtungen  von  Nothnagel4),  der  an  den  gelähmten  Theilen 
Temperaturerhöhung,  Röthung,  Oedem,  nebst  anderen  Erscheinungen 
wie  bei  Durchschneidung  des  Sympathicus  vorfand,  sind  die  intra- 
cerebralen vasomotorischen  Bahnen  gleichfalls  im  hinteren  Theile 
der  inneren  Kapsel  gelegen,  welcher  bei  mehreren  seiner  Fälle 
geschädigt  war. 

Obige  Schilderungen  der  umschriebenen  Läsionen  im  Bereiche 
der  Grosshirnganglien,  sowie  der  pathologischen  Differenzirung  der 
Markbündel  der  Capsula  interna  liefern  ebenso  viele  Belege  dafür, 
dass   hier   die   klinisch-anatomische  Beobachtung  autonom  und  be- 


')  Sitzungsberichte  der  kais.  Akademie  der  Wissenschaften  1859,  36  Bd. 
2)  Wochenbl.  d.  Wissen.  Gesellsch.  d.  Aerzte,  Nr.  15  u.  45,  1870. 
*)  Arch.  de  physiol.  1874,  pag.  288. 
*)  Virch.  Arch.  68.  Bd.  u.  Top.  Diagn.  d.  Hirnkrankh.  1879.  pag.  323-330. 


Zur  Kenntniss  der  motorischen  Hirnfunctionen.  467 

weiskräftig  ist.  In  neuester  Zeit  wurde  den  klinischen  Errungen- 
schaften auch  von  Seite  des  Experimentes  eine  werthvolle  Unter- 
stützung zu  Theil.  So  ergaben  die  Thierversuche  von  Carville 
undDuret1),  dass  bei  elektrischer  Reizung  eines  corticalen  Pfoten- 
centrums  (nach  Ferrier)  an  der  I.  Stirnwindung,  die  entsprechen- 
den Zuckungen  an'  der  anderen  Körperseite  unverändert  zu  erzielen 
sind,  wenn  auch  mittlerweile  mittelst  eines  Veyssiere'schen  Trocarts 
(mit  gedeckter,  verschiebbarer  Klinge)  vom  Balken  aus  in  die 
Seitenventrikel  eingedrungen  und  der  Streifenhügel  zerstört 
wurde.  Nebst  letzterer  Läsion  ergab  die  Autopsie  ein  Erhalten- 
sein der  inneren  Kapsel  (3.  Versuch). 

Fernere  Versuche  ergaben,  dass  die  Durchtrennung  der  Capsula 
interna  oberhalb  der  Ganglien,  beziehungsweise  oberhalb  des 
Schwanzkernes  keine  deutliche  Hemiplegie,  sondern  blos  vereinzelte 
Paresen  erzeuge,  offenbar  weil  nur  die  Stabkranzfaseruug  getroffen 
wurde  (17.  Versuch);  fiel  jedoch  der  Schnitt  unterhalb  des  ge- 
schwänzten Kernes  in  die  beiden  Vorderdrittel  der  inneren 
Kapsel,  so  stellte  sich  sofort  Hemiplegie  ein;  doch  konnten  weder 
durch  die  faradische  Reizung  des  Rindencentrums  der  Pfote,  noch 
durch  diejenige  des  Streifenhügels  die  entsprechenden  Contractionen 
mehr  ausgelöst  werden  (18.  Versuch).  Letztere  blieben  jedoch  nicht 
deshalb  aus,  weil  die  strio-motorische  Faserung  vernichtet  war, 
wie  Dur  et  meint,  welcher  der  bisherigen  Anschauung  noch  huldi- 
gend, bei  Reizung  des  gestreiften  Körpers  contralaterale  Zuckungen 
erzielte.  Es  kam  vielmehr  bei  letzterem  Experimente  darum  nicht 
zu  Contractionen,  weil  meines  Erachtens  durch  die  gesetzte  Laesio 
continui  kein  Uebertritt.  vom  Stromschleifen  in  die  innere  Kapsel 
mehr  erfolgen  konnte. 

Die  Richtigkeit  dieser  Commeutirung  wird  auch  durch  die 
sorgfaltigen  neuesten  Versuche  von  Franck  und  Pitres2)  be- 
stätigt. Bei  graphischer  Darstellung  der  Reizungen  an  der  Hirnrinde, 
dem  Centrum  ovale,  an  der  inneren  Kapsel,  wurden  im  letzteren 
Falle,  der  höchsten  Erregbarkeit  entsprechend,  die  stärksten  teta- 
nischen  Zuckungen  gewonnen.  Beim  Kapseltetanus  stimmt  die  Zahl 
von  Zuckungen  nicht  mit  der  Zahl  der  Reize  überein;  auch  zeigte 
sich   hiebei    nicht   der   epileptische  Charakter  wie   bei  der  Reizung 

*)  Archives  de  physiol.  1878. 

*)  Travaux  du  laboratoire  de  M.  Marey.  t.  IV.  1878—79. 


468  Rosenthal. 

der  Rinde.  Der  Streifenhügel  und  Linsenkern  erwiesen 
sieb  bei  umsichtiger  Beizung  als  unerregbar.  Bei  Reizung 
mittelst  feiner,  nur  2  bis  4  Mm.  von  einander  entfernter  Elek- 
trodenspitzen dicht  an  der  Kapsel,  machten  sich  die  tetanischen 
Zuckungen  derselben  bemerklich;  sie  kamen  jedoch  nicht  zum 
Vorschein,  wenn  man  zuvor  mit  Schwämmchen  die  strom- 
leitende Flüssigkeit  abtupfte.  Ebenso  blieben  sie  aus,  wenn 
man  mit  den  Stromgebern  nach  den  Ganglien  retirirte;  die  charakte- 
ristischen Zuckungen  stellten  sich  aber  sofort  wieder  ein,  wenji 
man  sich  der  Grenzscheide  der  inneren  Kapsel  näherte. 

C.  Bestätigende  Beiträge  seitens  der  Beobachtung  über 

Ventrikelapoplexie. 

Das  Gewicht  der  oben  erörterten  Befunde  über  den  alleinigen, 
motorisch  massgebenden  Einfluss  der  inneren  Kapsel  wird  noch 
durch  anderweitige  klinische  und  experimentelle  Beobachtungen 
verstärkt.  In  erster  Beziehung  liefern  die  begleitenden  Erscheinungen 
der  V  entr i  cularblu tung  bezeichnende  Momente.  Seitdem  W  epf er1) 
zuerst  den  Bluterguss  als  die  Ursache  der  Apoplexie  erkannte,  wurden 
von  Boerhaave2)  und  Morgagni3)  Durchbrüche  der  Extravasate 
nach  den  Ventrikeln,  nach  der  Convexität  beobachtet,  und  von 
letzterem  Autor  die  hiebei  auftretenden  Convulsionen  von  Reizung 
der  Meningen  abgeleitet.  Im  Beginn  dieses  Jahrhunderts  haben 
Rochoux4)  und  Rostan'')  die  primäre  (entzündliche),  sowie  die 
seeundäre  Erweichung  (am  Blutherde)  als  Ursachen  der  cerebralen 
Krämpfe  bezeichnet,  an  welchen  nach  Lallemand6)  die  Entzündung 
der  Hirnsubstanz  oder  deren  Reizung  durch  meningitische  Vorgänge 
Antheil  haben. 

Weiterhin  wurde  von  Abercrombie  ;)  und  Andral8)  nebst 
der  Entzündung,  der  Reiz  des  ausgetretenen  Blutes  auf  das  Nerven- 


])  Historiae  apoplecticorum.  Amstelodami.  1724. 
•)  Praelect.  acad.  de  morb.  nerv.  1762. 
3)  loc.  cit.  tom.  I.  epist.  II.  Art.  19. 
*)  Recherch.  sur  Fapoplexie,  Paris  1814. 

5)  Recherch.  sur  le  ramollissem.  du  cerveau,  1820. 

6)  Recherch.  anat.  palh.  sur  Tence'phale,  1824. 

7)  Path.  and  pract.  research.  on  diseases  of  the  brain,  Edinb.  1827. 
•)  Clinique  med.  t.  V.  p.  366,  1834. 


Zur  Zenntniss  der  motorischen  Hirnfunctionen.  469 

gewebe  in  Betracht  gezogen.  Erst  Boudet1)  sprach  mit  Bestimmtheit 
aus,  dass  durchbrechende  Gehirnblutungen  auch  ohne  Intervention 
von  Entzündung  tonische  Krämpfe  einzelner,  oder  der  halbseitigen 
Gliedmassen  erzeugen  können.  Zehn  Jahre  später  gab  Durand- 
Fardel*)  auf  Grund  gesammelter  fremder,  sowie  eigener  Beob- 
achtungen an,  dass  rasch  an  den  von  Lähmung  befallenen  Extremi- 
täten Starre  eintritt,  wenn  die  Wände  des  Seiten  Ventrikels  vom 
Bluterguss  zerstört  werden.  Doch  führte  er  selbst  Fälle  an,  bei 
welchen  der  Durchbruch  von  keiner  Muskelstarre  begleitet  war, 
oder  wo  letztere  ohne  hämorrhagischen  Durchbruch  erfolgte.  Rom- 
berg3) läugnete  jeden  Zusammenhang  der  fraglichen  Erscheinungen. 
Von  neueren  Autoren  berichten  Hirtz*)  über  das  Vorkommen  von 
Convulsionen  im  Allgemeinen  bei  Erguss  in  die  Ventrikel  unter 
77  Fällen  53mal,  Cossy5)  unter  156  Beobachtungen  76mal. 
Schliesslich  sei  noch  erwähnt,  dass  auch  Charcot6)  und  Noth- 
nagel') bei  Ventricularergüssen  primäre  Contracturen  beobachteten. 
Eine  Deutung  sei  jedoch  hiefur  nicht  zu  geben. 

Ungleich  charakteristischer  als  die  bei  verschiedenartigen 
Apoplexien  vorkommenden  Convulsionen,  ist  die  bei  Durchbruch 
in  die  Seitenventrikol  auftretende  tetanische  Starre.  Die- 
selbe kann  einzelne  Extremitäten,  oder  die  der  einen  Körperhälfte,  so- 
wie auch  die  entsprechenden  Nacken-  und  Rumpfmuskeln  überziehen. 
Bei  Ueberfluthung  beider  Seitenventrikel  erscheint  doppelseitige 
Starre.  Bei  intensiver  Ausbildung  halbseitiger  Starre  an  den  Glied- 
massen ist  häufig  Beugecontractur  der  oberen  Extremität  (in  den 
Schulter-,  Ellbogen-,  Hand-  und  Fingergelenken),  und  Streckcontractur 
der  unteren  Extremität  vorhanden.  Bei  indirecten  Ventrikeler- 
güssen, wenn  die  Hämorrhagie  von  äusseren  Gebilden  hereindringt, 
kommt  die  Contractur  an  den  erlahmenden  Gliedmassen  allmälig  zu 
Stande.   Bei  directen  intraventriculären  Ergüssen  kann  die 


*)  Arch.  gen<Sr.  Juillet  T.  IL  4.  sene,  1834. 

2)  De  la  contracture  dans  l'h&norrh.  c£r£br.  Arch.  gön£r.  1843. 

3)  Lehrb.  d.  Nervenkrankheiten,  1857,  pag.  948. 
*)  Des  convulsions,  These.  Strassbourg  1867. 

5)  Gaz.  meU  de  Paris,  Nr.  9.  1879. 

°)  Ueber  Localisation  d.  Gehirnkrankh.  1878,  pag.  103. 

7)  Ziemss.  Handb.  d.  Path.  n.  Ther.  Bd.  XI,  p.  127.  1878. 


470  Rosenthal. 

touische   Starre,    ohne    merkliche   Lähmung    plötzlich,     stürmisch 
eintreten. 

Die  zumeist  nach  wenigen  Stunden  sich  entwickelnde  primäre 
Contractur  ist  von  der  im  Laufe  der  weiteren  entzündlichen  Vor- 
gänge entstehenden  secundären,  oder  erst  nach  Wochen  entstehenden 
tardiven  Contractur  (Charcot)  leicht  zu  unterscheiden.  Bisweilen 
kann  sich  die  halbseitige  Starre  verlieren,  nach  einigen  Tagen  je- 
doch wiederkehren,  und  unter  Erlöschen  des  Bewusstseins  und  Er- 
scheinungen von  acutem  Lungenödem  rasch  zum  Tod*  fuhren.  Eine 
nachträgliche  Verstärkung  der  Blutung  ist  sodann  an  der  rapiden 
Lähmung  der  medullären  Centren  schuld.  Das  Ableben  erfolgt  in 
den  meisten  Fällen  nach  wenigen  Stunden  oder  innerhalb  der  ersten 
2 — 3  Tage.  In  einzelnen  Fällen,  wie  solche  noch  weiterhin  mitge- 
theilt  werden,  kann  das  lethale  Ende  erst  im  Laufe  der  zweiten 
Woche  (vom  Beginne  der  Durchbruchssymptome)  eintreten.  In 
Durand- Fardel's  *)  Casuistik  von  139  rasch  tödtlichen  Apo- 
plexien war  66mal  Durchbruch  in  die  Ventrikel,  31mal  an 
die  Hirnoberfläche,  und  llmal  nach  beiden  Sichtungen  zu  constatiren. 

Was  die  Quelle  der  Ventrikelapoplexien  betrifft,  so 
war  es  bereits  den  älteren  Aerzten  bekannt,  dass  sowohl  Gefäss- 
berstungen  im  Boreiche  der  Grosshirnganglien,  als  auch  in  den 
Ventrikelwänden  eiue  Inundation  der  Hirnhöhlen  herbeiführen  können. 
Nach  den  neueren  Studien  Duret's*)  über  Vascularisation  des 
Hirnes  sind  es  die  Verzweigungen  der  Arteriae  lenticulo  -  striatae 
(nach  aussen  und  vorne),  der  Art.  lenticulo-opticae  (für  die  mittlere 
Kegion),  der  Art.  opticae  posteriores  (nach  hinten),  welche  zu 
Ventricularblutungen  zumeist  Anlass  geben,  ebenso  die  Art.  optic. 
internao,  welche  dem  Boden  des  dritten  Ventrikels  angehören.  Die 
im  Balkengewölbe  eingebetteten  Zweigchen  der  Art.  corporis  callosi, 
sowie  die  in  der  unteren  Ventrikelwand  verlaufenden  Arterien  des 
Plex.  choroideus  pflegen  durch  Berstung  nur  zu  seltenen  und  irre- 
levanten Blutungen  zu  führen.  Beobachtungen  von  Rokitansky3) 
und  Charcot4)  zufolge  können  in  allerdings  seltenen  Fällen  selbst 
Blutungen  in  die  Ventrikel  günstig  ablaufen. 

*)  1.  c.  pag.  278. 

2)  Archives  de  physiol.  1874. 

■)  Lehrb.  d.  path.  Anat.  3.  Aufl.  Bd.  II.  1856. 

*)  Lo9ons  sur  les  malad,  des  vieillards,  1867. 


Zur  Kenntniss  der  motorischen  Hirnfunctionen.  471 

Der  Durchbrach  in  einen  Ventrikel  ist,  wie  wiederholte  Beob- 
achtungen längerer  Krankheitsdauer  lehren,  für  das  Leben  minder 
rasch  vernichtend,  als  die  nach  Durchriss  des  Septum  pellucidum 
erfolgende  Ueberfluthung  auch  der  anderen  Hirnkammer.  Von  hier 
aus  kann  die  Hämorrhagie  durch  das  Monroe'sche  Loch  in  die 
dritte,  vermittelst  der  Sylvi'schen  Leitung  in  die  vierte  Hirn- 
kammer gelangen,  und  wie  in  einem  später  zu  schildernden  Falle, 
tief  in  das  Kückenmark  herabrieseln.  In  entgegengesetzter  Richtung 
kann  der  Blutherd  nach  Zertrümmerung  der  Grosshirnganglien, 
Vormauer  etc.  bis  in  die  Centralwindungen  hineinragen,  oder  mehr 
oder  weniger  abseits  die  Convexität  durchbrechen.  Ebenso  viele 
Eruptionswege,  die  sich  bisweilen  durch  gewisse,  bald  näher  anzu- 
führende Eigenthümlichkeiten  kenntlich  machen. 

Die  bei  durchbrechenden  Hämorrhagien  auftretende  Muskel- 
starre wurde  als  prägnantes  Merkmal  bereits  oben  in  den  Kreis 
der  Erörterung  gezogen.  Ehe  wir  daran  gehen,  das  causale  Ver- 
hältniss  dieser  motorischen  Reizerscheinung  einer  erneuerten  Be- 
trachtung zu  unterziehen,  möge  es  noch  gestattet  sein,  einige 
neuere  klinische  und  experimentelle  Beobachtungen  über  das  unter- 
schiedliche Verhalten  der  Ventrikelapoplexien  voran  zu  schicken. 

4.  Beobachtung.  Erguss  in  den  Seitenventrikel  ohne 
jede  motorische  Beeinträchtigung. 

Der  von  mir  im  hiesigen  allgemeinen  Krankenhause  noch  im 
Jahre  1867  beobachtete,  doch  erst  jetzt  dem  Verständnisse  zugäng- 
lichere, ältere  Fall  betraf  einen  36jährigen  Mann,  welcher  nach  län- 
gerem Arbeiten  in  der  Julisonne  bewusstlos  zusammenstürzte.  Bei 
der  bald  darauf  erfolgten  Spitalsaufuahme  war  Pat.  wieder  bei  Be- 
wusstsein,  konnte  gut  sprechen  und  seine  Gliedmassen  bewegen, 
nur  klagte  er  über  schweren  Kopf  und  hochgradige  Mattigkeit, 
Temperatur  38*2,  Puls  80.  In  den  nachfolgenden  Tagen  trat  Som- 
nolenz,  am  8.  Tage  der  Tod  ein,  ohne  jegliches  Zeichen  von  Krampf 
oder  Lähmung;  die  terminale  Temperatur  betrug  39*8,  der 
Puls  104. 

Autopsie.  Hirnsubstanz  weicher,  blutreicher,  am  Kopfe  des 
rechten  Streifenhügels  ein  mandelgrosses  Extravasat,  der  Kopf  zum 
Theile  vom  Schweife  abgetrennt;  Ruptur  nach  vorne  vom  Kopfe 
in  den   Seitenventrikel,    dessen  vordere    Fläche   von   lockeren 


472  Rosenthal. 

Blutgerinnselu  eingenommen.  Die  Capsula  interna,  sowie  der 
Linsenkern  unversehrt,  ebenso  das  übrige  Gehirn.  Lungen  und 
Herz  von  normaler  Beschaffenheit. 

Während  in  diesem  Falle  offenbar  der  durch  Insolation  er- 
höhte Hirndruck  die  Berstung  einer  kleineren  striären  Arterie, 
und  Aussickern  von  Blut  in  den  Ventrikel  bewirkte,  war  in  der 
nachfolgenden,  neueren  Beobachtung  von  Sorel 1)  keinerlei  Krank- 
heitsursache nachzuweisen.  Der  betreffende  Pat.,  ein  Mann  von 
31  Jahren,  wurde  von  einem  apoplektiformen  Anfalle  überrascht, 
doch  stellte  sich  das  Bewusstsein  bald  wieder  her,,  und  blieben  blos 
stärkerer  Kopf-  und  Bückenschmerz  zurück.  Am  nächsten  Tage 
verstarb  der  Kranke,  ohne  irgend  welche  spastische  oder  paralytische 
Erscheinungen  dargeboten  zu  haben.  Temperatur  38*5. 

Sectio n.  Hyperämie  der  Meningen  besonders  am  Stirnlappen. 
Hämorrhagie  nach  hinten  vom  Chiasma,  im  Niveau  der  Art.  com- 
municantes  posteriores,  durch  Zerreissung  des  Bodens  den  mittleren 
Ventrikel  erreichend,  im  Niveau  des  Foramen  Monroi  sich  ab- 
gabelnd, und  mittelst  zweier  cylindrischer  Verlängerungen  die  Seiten- 
ventrikel erfüllend.  Die  Plexus  choroides  unversehrt,  die  Blutklumpen 
endigen  in  der  Höhe  der  sphenoidalen  Verlängerungen  der  Ventrikel. 
Die  Hirnsubstanz  allenthalben  erhalten,  blos  das  Tuber  cinereum 
zerstört.  Das  Herz  normal. 

Was  dieser  Beobachtung  einen  besonderen  Werth  verleiht, 
ist  der  Umstand,  dass  trotz  Erfülltsein  der  drei  Ventrikel  von 
Blut,  die  Hirnsubstanz  intact  blieb,  bis  auf  den  grauen  Höcker, 
dessen  Zerstörung  der  Hämorrhagie  den  Durchgang  gestattete. 
Selbst  die  benachbarten  Gebilde  wiesen  keine  Compression  auf. 
Ob  etwa  Hitze,  Alkholismus  oder  Excesse  den  Eintritt  der  Hirn- 
blutung verschuldeten,  war  nicht  mit  Sicherheit  zu  eruiren. 

Als  Gegenstück  zu  den  obigen  negativen  klinischen  Befunden 
möge  ein  im  hiesigen  k.  k.  allgemeinen  Krankenhause  (Abtheilung 
des  H.  Primär.  Scholz)  beobachteter  neuerer  Fall  von  Ventrikel- 
blutung folgen. 

5.  Beobachtung.  Linksseitige  Hemiplegie,  später 
plötzliche  rechtsseitige  Starre,  Cheyne  -  Stokes'sches 
Athmen,    Körpertemperatur    von    48°    C.    Nebst    älteren 


')  Revue  mensuelle,  Nr.  7,  1880.  pag.  551—553. 


Zur  Kenntniss  der  motorischen  Hirnfunctionen.  473 

Herden  frische  Apoplexie  mit  Ruptur  der  Capsula  int. 
und  Durchbruch  in  die  Seitenkammer.  Bluterguss  in 
alle  Hirnhöhlen ,  an  die  Basis  und  in  den  Rückgrats- 
kanal. 

Ein  am  31.  August  1879  aufgenommener  52jähr.  Arbeitergab 
an,  vor  zwei  Monaten  nach  bald  vorübergehender  Bewusstlosigkeit, 
eine  Lähmung  der  linken  Körperseite  wahrgenommen  zu  haben.  Die 
Untersuchung  ergab  linksseitige  Pacialisparese  und  Hemiplegie,  der 
im  Ellbogen  gebeugte  linke  Arm  kann  nur  wenig  activ  gestreckt, 
ebensowenig  die  Hand  im  Carpus  erhoben,  ab-  oder  adducirt  werden. 
Bei  Prüfung  der  Sensibilität  muss  die  secundäre  Spirale  des 
Schlittenapparates  um  40  Mm.  gegen  die  primäre  verschoben  werden, 
bis  Empfindung  und  Reflex,  wie  am  gesunden  Arme  ausgelöst 
werden  können  (incömplete  Hemianästhesie).  Das  linke  Bein  ist  in 
seinen  Bewegungen  matt,  wird  beim  Gehen  stark  nachgeschleppt, 
die  Empfindung  daselbst  besser.  Intelligenz  und  Sprache  sind  nicht 
merklich  alterirt.  Die  Radialarterie  fühlt  sich  rigid  an. 

Im  Laufe  der  nächsten  zwei  Monate  war  auf  Gebrauch  von 
Jodkalium  und  zeitweiliger  Faradisation  eine  merkliche  Aufbesserung 
der  Mobilität  erweislich,  als  Pat.  am  10.  November  plötzlich,  kurz 
nach  dem  Frühstück  unter  zuckenden  Bewegungen  der  Arme  un- 
wohl wurde,  und  nach  Angabe  .der  Bettnachbaren  ausrief:  jetzt  ist 
es  gar  mit  mir.  Hierauf  trat  Verlust  des  Bewusstseins  und  der 
Sprache  ein :  Pat.  wurde  sehr  blass,  die  Respiration  mehr  und 
mehr  unregelmässig  und  stertorös,  die  Pupillen  enge.  An  dem 
paralytischen  linken  Arme  waren  zeitweilig  Zuckungen 
bemerkbar.  An  der  rechten  Seite  kam  es  nach  flüchtigen 
Lähmungserscheinungen,  zu  Beugecontractur  der  oberen  und 
Streckcontractur  der  unteren  Extremität;  die  Reflexerreg- 
barkeit war  erloschen. 

Es  stellte  sich  bald  Cheyne-Stokes'sches  Athmen  ein,  mit 
klonischen  Zwerchfellskrämpfen  in  der  Athempause  und  Wieder- 
beginn mit  Exspiration,  die  Pausen  währten  durch  8 — 12  Secunden. 
Der  Puls  war  um  11  Uhr  Vormittags  von  112  Schlägen.  Die 
Temperatur  der  rechten  Axilla  betrug  41*5°  C,  war  bis  1  Uhr 
Nachmittags  stetig  auf  43°  gestiegen,  der  Puls  auf  120.  Letztere 
Temperaturerhöhung  hielt  bis  zu  dem  nach  2  Uhr  erfolgten  Ab- 
leben an.  Eine  halbe  Stunde  post   mortem  war  die   Temperatur 


474  Rosenthal. 

noch  42*8,  nach  3  Stunden  39*4.  Angesichts  obiger  Erscheinungen 
wurde  von  mir  die  Diagnose  auf  Durchbruch  in  die  Ventrikel  und 
nach  der  Basis  gestellt. 

Autopsie.  Ein  nussgrosser  älterer  Blutherd  in  der  rechten 
Grosshirnhemisphäre,  die  äussere  Fläche  des  Thalamus,  den  grössten 
Theil  des  Corpus  striatum  und  die  zwei  inneren  Linsenkernflächen 
einnehmend.  Eine  umfängliche  frische  Blutung  an  Stelle  des  linken 
Sehhügels  und  Linsenkernes  mit  Zertrümmerung  derselben,  Zer- 
reissung  der  Capsula  interna  und  Durchbruch  in  die  linke 
Seitenkammer.  Blut  in  allen  Hirnhöhlen,  in  den  Meningen  an  der 
Basis,  sowie  auch  zwischen  Dura  und  Arachnoidea  im  Rücken- 
markskauale bis  nach  unten.  Ueberdies  chronische  Endarteriitis, 
Bright'sche  Schrumpfniere  und  leichte  Hypertrophie  des  linken 
Ventrikels. 

Im  letzten  Falle  wurde  ein  Mann,  der  aus  den  schweren 
Nöthen  des  Daseins  eine  frühzeitige  Senescenz  und  Gefassatherose 
davontrug,  von  linksseitiger  Hemiplegie  befallen.  Zehn  Wochen 
später  erfolgte  nach  trügerischer  Besserung  eine  neue  Hämorrhagie. 
Der  Kranke  hat  kaum  noch  so  viel  Zeit,  um  seiner  Ahnung  eines 
jähen  Endes  Ausdruck  zu  geben,  und  schon  erlischt  das  Bewusstsein, 
kommt  es  zu  Leichenblässe  des  Gesichts,  zu  Zuckungen  des  ge- 
lähmten linken  Armes,  zu  tetanischer  Starre  der  rechtsseitigen 
Gliedmassen.  Nach  unregelmässigem,  stertorösem  Athmen  zeigt  sich 
das  Cheyne-Stokes'sche  Phänomen,  und  steigt  die  Axillartemperatur 
bis  zur  ungewöhnlichen  Höhe  von  43°  C.  an,  auf  welcher  sie  sich 
bis  zu  dem  nach  einer  Stunde  eintretenden  Tode  behauptet. 

Die  Diagnose  des  Durchbruches  in  die  Ventrikel  und 
nach  der  Hirnbasis  stützte  sich  auf  eine  Reihe  von  Erscheinungen. 
Die  unter  apoplektischen  Symptomen  auftretenden  kurzen  Zuckungen 
des  linken  hemiparetischen  Armes  deutoten  auf  eine  durch  ein- 
setzende Blutung  bewirkte  Compression  der  motorischen  Leitung; 
die  unmittelbar  darauf  erfolgende  tonische  Starre  der  rechteu 
Körperseite,  mit  Beugecontractur  der  oberen  und  Streckcontractur 
der  unteren  Extremität  auf  Durchbruch  des  Ventrikels.  Die  sich 
anschliessenden  Phänomene  der  klonischen  Zwerchfellkrämpfe  in 
der  Athempause,  sowie  die  Cheyne-Stokes'sche  Respiration  sprachen 
dafür,  dass  die  Blutung  das  verlängerte  Mark  erreichte;  die  finale 
Axillartemporatur    von  ,43°   C.   für    Läsion    des    Halsmarkes    und 


Zar  Kenntniss  der  motorischen  Hirnfunctionen.  475 

Steigerung  der  Wärmeproduction  durch  Lähmung  der  centralen 
Wärmemoderatoren  (nach  Beobachtungen  von  Brodie1),  Billroth8), 
Quincke8),  Tscheschichin*),  Teale5)  u.  A.). 

Gegen  die  Annahme  einer  vom  Pons  ausgehenden  grösseren 
Blutung  liessen  sich  geltend  machen:  das  Fehlen  von  allgemeinen 
epileptiformen  Krämpfen  (Heizung  des  im  Pons  gelegenen  Noth- 
nag ersehen  Krampfcentrums);  der  Mangel  an  paraplektiformen 
oder  alternirenden  Lähmimgen,  an  multipler  Paralyse  der  Hirn- 
nerven (Facialis,  Hypoglossus,  Oculomotoriuszweige),  sowie  die 
obenerwähnten  Erscheinungen  von  vorübergehenden  klonischen 
Krämpfen  an  der  paretischen,  und  von  dauerndem  tonischen  Krämpfe 
der  Gliedmassen  an  der  anderen  Körperhälfte. 

Die  in  unserem  obigen  5.  Falle  beobachtete  Symptomenfolgß 
machte  die  Ventricularblutung  der  Diagnose  zugänglich.  Letztere 
erfreut  sich  allerdings  nicht  sehr  häufig  einer  ähnlichen,  günstigen 
Confluenz  von  Erscheinungen.  Nach  Nothnagel6)  wird  ein  Ventrikel- 
durchbruch anzunehmen  sein,  wenn  bei  einem  apoplektischen  Insult 
der  Kranke  nach  einigen  Stunden  erwacht,  das  gewöhnliche  Bild 
der  Streifenhügelblutung  darbietet,  doch  kurz  darauf  in  neues  tiefes 
Coma  verfällt,  in  welchem  leichte,  allgemeine  convulsivische  Stösse 
eintreten. 

Diesen  zutreffenden  Bemerkungen  gestatte  ich  mir  noch,  auf 
Grund  hierortiger  Beobachtungen  Einiges  hinzuzufügen.  Wenn  im 
Verlaufe  einer  Hirnapoplexie  eine  tetanische  Starre  mit  den  obigen 
Merkmalen  an  beiden  Körperhälften  in  die  Erscheinung  tritt,  so 
spricht  dies  viel  eher  für  Einbruch  in  einen  Ventrikel  und  Ueber- 
schwemmimg  auch  des  anderen,  als  für  die  Annahme  von  zwei 
Blutherden.  Wenn  eine  mit  Hemianästhesie  combinirte  Hemiplegie 
apoplektiform  von  halbseitiger  Muskelstarre  überzogen  wird,  so  deutet 
dies  auf  eine  von  der  Sehhügelgegend  ausgehende,  durch  das  hintere 


')  Med.  chir.  Transact,  1837,  pag.  416. 

■)  Beob.  Studien  über  Wundfieber,  1862,  pag.  158. 

■)  Reich,  und  Dubois  Archiv,  1869,  pag.  174  und  521. 

*)  Ebendaselbst  1866,  pag.  170. 

*)  Lancet,  March  1875.  pag.  340.  Ein  höchst  seltener  Fall  von  Rücken- 
markstrauma, mit  einer  Temperatur  von  50°  C.  (=  122°  F.)  und  Ausgang 
in  Heilung. 

•)  loc.  cit.  1879.  pag.  516. 


476  Rosenthal. 

Kapselsegment  nach  vorne,  in  die  angrenzenden  Theile  des  Schwanz- 
und  Linsenkernes  reichende  Blutung,  die  in  einen  seitlichen  Ventrikel 
durchbrach.  Doch  kann  man  sich  hiebei  nicht  in  diagnostischer  Sicher- 
heit wiegen,  da,  obgleich  nur  in  selteneren  Fällen,  auch  bei  nicht 
perforirenden  Hämorrhagien  halbseitige  Muskelstarre  zu  beobachten 
ist,  wobei  allerdings  bisweilen  das  im  Hemisphärenmarke  sich  aus- 
breitende Extravasat  eine  seitliche  Verengerung  oder  Zerrung  des 
Ventrikels,  beziehungsweise  der  motorisch  massgebenden  Pyramiden- 
faserung,  bewirken  mag.  Letztere  verläuft,  wie  Flechsig  angibt, 
nach  ihrem  Austritt  aus  der  inneren  Kapsel  nach  auswärts,  wobei 
sie  um  die  Wand  des  Ventrikels  zieht. 

Andererseits  können,  wie  obige  Beispiele  lehren,  Blutergüsse 
in  die  Ventrikel  erfolgen,  ohne  jegliche  motorische  Beizerscheinung. 
In  meiner  (4.)  Beobachtung  kam  der  Biss  in  den  Seitenventrikel 
seitlich  vom  Streifenhügelkopfe  zu  Stande,  und  befanden  sich  Mos 
in  der  vorderen  Fläche  der  Hirnhöhle  lockere  Goagula.  Im  Falle 
von  Sorel  waren  die  mittlere,  sowie  die  seitlichen  Kammern  von 
Blut  inundirt.  Bei  beiden  Kranken  waren  apoplektifortne  Zufälle, 
doch  keine  Muskelstarre  aufgetreten,  weil  erwiesener  Massen 
die  Capsula  interna  vom  Extravasate  verschont  blieb.  In 
meinem  5.  Falle  stellte  sich  sofort,  bei  Eintritt  der  neuen  Hämor- 
rhagie  tetanische  Starre  der  halben  Körperseite  ein;  hier  war 
der  Blutherd  nach  Zerreissung  der  inneren  Kapsel  in 
den  Seitenventrikel  eingebrochen. 

Bei  der  im  vorigen  Abschnitt  dargethanen  motorischen  Indif- 
ferenz des  Schwanz-  und  Linsenkernes  ist  es  demnach  die  Pyra- 
midengegend der  Capsula  interna,  deren  Läsion  durch 
Ventrikelergüsse  Reizung  der  motorischen  Faserung,  teta- 
nische Muskelstarre  hervorruft.  Diese  Starre,  mit  dem  vor- 
herrschenden Typus  der  Beugung  an  den  oberen  und  der  Streckung 
an  den  unteren  Extremitäten,  lässt  sich  in  gleicher,  acuter  Weise, 
wie  schon  Fouquier1)  angab,  an  Hemiplegischen  auch  künstlich 
temporär  erzeugen,  wenn  man  denselben  Nux  vomica  oder  Strychnin 
verabreicht.  Aus  der  abnorm  erhöhten  Erregbarkeit  der  Pyramidenfa- 
serung  und  ihrer  Verbindungen  mit  den  motorischen  Vorderhornzellen 
ist  es  auch  zu  erklären,  dass  bei  Nachlass  der  acuten  hemiplegischen 


')  Bayle,  Bibl.  de  la  therap.  1830,  t.  II.  pag.  Ml. 


Zur  Kenntniss  der  motorischen  Hirnfunctionen.  477 

Muskelstarre,  dieselbe  durch  Zerrung  oder  passive  Bewegung  wieder 
hervorgerufen  werden  kann.  Als  chronische  Form  hat  sich  zumeist 
die  Contractur  in  ähnlicher  Weise  bei  veralteten  Hemiplegien,  als 
Flexion  mit  Pronation  der  Brust-,  und  Extension  oder  Klumppferde- 
fussstellung  der  Beckenglieder  in  Permanenz  erklärt  (Charcot). 
Auch  bei  der  spasmodischen  Hemiplegie  des  Eindesalters  von  Heine 
ist  nach  Cotard1)  und  Bourneville8)  genau  dieselbe  Contractur- 
form  zu  finden,  als  deren  anatomisches  Substrat  partielle  Hirnatrophie 
und  die  bekannten  secundären,  absteigenden  Degenerationen  sich 
nachweisen  lassen. 

Auch  andere  pathologische  Processe  im  Bereiche  der  Hirn- 
ventrikel liefern  weitere  Bestätigungen  dafür,  dass  es  von  der 
Natur,  von  der  Ausdehnung,  von  den  Angriifspunkten  der  Ventrikel- 
affection  abhänge,  ob  die  motorische  Leitung  verschont  bleibe,  oder 
zu  Schaden  komme.  In  ersterer  Beziehung  verdient  ein  jüugst  auf 
der  chirurgischen  Klinik  von  Polaillon  beobachteter,  von  Ozenne*) 
mitgetheilter  Fall  von  Melanosarkom  des  linken  Seitenven- 
trikels eine  nähere  Würdigimg. 

Eine  27jährige  Gewohnheitstrinkerin,  mit  nussgrosser  Neu- 
bildung (Melanosarkom)  am  1.  Metatarsusknochen  des  rechten 
Fusses  und  mit  Drüsenschwellung  behaftet,  bot  bei  der  Spitalsauf- 
nahme  einen  comatösen  Zustand,  der  sich  jedoch  bald  verlor.  Die 
Kranke  war  von  beschränktem  Verstände  und  apbasiscb,  und  starb 
nach  14  Tagen,  ohne  jede  nachweisliche  sensible  oder  motorische 
Störung,  unter  Erscheinungen  von  Sopor. 

Autopsie.  In  beiden  Grosshirnhemisphäreu  zerstreute  Steck- 
nadelkopf- bis  perigrosse  schwärzliche  Knötchen.  Der  rechte  seit- 
liche, mittlere  und  4.  Ventrikel  intact.  Der  linke  Seitenventrikel 
sehr  ausgedehnt,  und  vom  frontalen  Hörne  bis  zum  spheuoidalen 
von  einem  kleinhuhneigrossen,  weichen,  schwärzlichen,  blutklumpen- 
ähnlichen  Tumor  eingenommen,  der  leicht  einzudrücken  ist  und 
hiebei  einen  schwarzen  Saft  entleert  (Melauosarkom),  Die  Wände 
des  Ventrikels  erscheinen  nicht  alterirt,  nirgends  eine  Spur  von 
Entzündung  oder  Riss.  Auch  in  beiden  Kleinhirnlappen  fluduii  sich 


')  Sur  l'atrophie  partielle  da  cerveau,  18GS. 
')  Progres  mtfdical,  16.  Avril  1879. 
')  Progrte  mälical,  Hr.  41,  10*0. 


478  Rosenthal. 

zahlreiche  Knötchen  von   obiger  Beschaffenheit;    Bulbus   und  Pons 
von  normalem  Ansehen. 

In  diesem  Falle  hatte  der  den  linken  Seitenventrikel  ausfüllende, 
fast  eigrosse  Tumor,  bei  seiner  halbflüssigen  Consistenz  und  lang- 
samen Entwicklung  weder  zu  Krampf,  noch  zu  Paralyse  im 
Leben  Anlass  gegeben,  da  nirgends  eine  Läsion  der  umgebenden 
Gebilde  zu  entdecken  war,  und  nur  die  Broca'sche  Windung  ge- 
drückt erschien.  Der  Tumor  verhielt  sich  ebenso  harmlos,  wie  das 
Extravasat  im  Falle  von  Sorel  und  in  meiner  4.  Beobachtung. 

Dagegen  sind  Entartungsvorgänge  im  Bereiche  der  Ventrikel  in 
der  Regel  von  schweren  Folgezuständen  begleitet.  Durch  Uebergreifen 
der  Läsion  auf  die  Pyramidenfaserung  der  Capsula  interna  kommen 
convulsiva  oder  paralytische  Krankheitsformen  zu  Stande,  mit  jenen 
secundären  Veränderungen  bestimmter  Leitungsbahnen,  wie  sie  bei 
destructiven  Hirnleiden  der  motorischen  Sphäre  stets  anzutreffen 
sind.  So  bei  Hydrops  ventriculi  entzündlichen  Ursprunges,  mit 
Erweiterung  der  Hirnhöhlen  und  Verdickung  des  Ependyms;  bei 
chronischem  Hydrocephalus  (F.  Schultze  *)  mit  zeitweiligem  Tremor, 
Muskelspannungen  imd  Contracturbildung  im  Leben,  wo  offenbar  die 
absteigende  Degeneration  von  der  zwischen  den  abgeplatteten  Gan- 
glien veränderten  Pyramidenregion  der  Kapsel  ausging. 

Wie  aus  der  vortrefflichen  Monographie  von  Kundrat2)  zu 
ersehen  ist,  sind  bei  der  Porencephalie  ähnliche  Verhältnisse 
vorherrschend.  Die  Hydrocephalie  ist  auch  eine  Begleiterin  der 
porencephalischen  Defectbildungen,  und  im  dilatirten  Seitenventrikel 
werden  nach  Kund  rat  in  Folge  von  Circulationsstörungen  im  Be- 
reiche der  Basalarterien,  die  Ganglien  in  die  Erweichung  und  den 
schliesslichen  Schwund  (der  Porencephalie)  einbezogen.  In  derartigen 
Fällen  sind  auch  Zerstörungen  der  inneren  Kapsel  in  ihren  beiden 
Vorderdritteln  erweislich.  (Fall  24  und  37).  Besonders  bei  der 
letzteren,  eigenen  Beobachtung  war  nebst  den  rudimentären  Gan- 
glien, die  innere  Kapsel  bis  auf  den  hintersten  Antheil  destruirt; 
dem  entsprechend  der  Hirnschenkelfuss,  die  Brücke  und  Pyramide 
atrophisch,  und  secundäre  absteigende  Entartung  mikroskopisch  zu 
verfolgen.    Der  Entartungskeil   im  Halsmarke  reichte  bis  an   das 


')  Centralblatt  f.  med.  Wissensch.  Nr.  10,  1876. 

*)  Die  Porencephalie,  eine  anatomische  Studie,  Graz  1882. 


Zur  Kenntniss  der  motorischen  Hirnfunctionen.  479 

Hinterhorn,  und  ganz  nahe  an  die  Oberfläche.  Intra  vitam  waren 
bei  den  betreffenden  Kranken  Convulsionen,  Hemiplegien  und  Con- 
traeturen  vorhanden. 

Mit  den  ausführlicher  geschilderten  klinischen  Beobachtungen 
befinden  sich  auch  die  neuesten  Experimente  an  den  Hirn- 
ventrikeln in  bestem  Einklänge.  Bei  den  oben  erörterten  Versuchen 
von  Carville  und  Duret1)  hatte  es  sich  wiederholt  ereignet, 
dass  bei  Zerstörung  des  geschwänzten  Kernes  sich  Blut  in  den 
Ventrikel  ergoss,  und  Starre  der  Pfoten  an  der  entgegengesetzten 
Körperseite  erzeugte.  In  einer  später  von  Cossy2)  angestellten 
Eeihe  von  Experimenten  wurden  durch  das  Corpus  callosum  Injec- 
tionen  von  salpetersaurer  Silberoxydlösung  in  die  Seitenventrikel 
gemacht.  Nach  kürzerem  oder  längerem  Zeiträume  (von  4 — 14 
Tagen)  zeigten  sich  bei  den  Versuchstieren,  in  Folge  von  entzünd- 
licher Beizung  des  Ependymes,  apoplektiforme  Erscheinungen  (Ab- 
geschlagenheit, Stumpfsinn,  Coma),  doch  in  der  Begel  keine,  oder 
nur  vereinzelte  Zuckungen.  Erst  nachdem  unter  starkem  Druck, 
oder  ungestüm  grössere  Flüssigkeitsmengen  eingespritzt  wurden, 
stellten  sich  rasch  Convulsionen  und  tetanische  Muskelstarre  ein. 
Letztere  Erscheinungen,  waren  jedoch  nicht,  wie  Cossy  angibt, 
Folge  von  Compression  der  angrenzenden  opto-striären  Centren, 
sondern  nach  Obigem  vielmehr  durch  Einwirkung  auf  die  Capsula 
interna  bedingt. 

Zieht  man  die  Summe  aus  den  oben  erörterten  klinischen 
und  experimentellen  Beobachtungen,  so  ergibt  sich,  dass  eine  irrita- 
tive  Läsion  der  Pyramidenfaserung  und  ihrer  Zellenverbindungen  bei 
plötzlich  und  vehement  einsetzenden  Blutungen,  von  den  verschie- 
denen Höhenstationen  dieser  Bahn:  Hirnrinde,  Centrum  ovale,  innere 
Kapsel  wechselständigen  tonischen  Muskelkrampf  auslösen  könne. 
Letzterer  kann  demnach,  obgleich  seltener,  auch  ohne  Durchbruch 
zu  Stande  kommen.  Die  jedenfalls  mächtigere  Läsion,  welche 
Durchbruch  nach  der  Convexität  oder  nach  der  Ventrikelhöhle  be- 
wirkt, wird  um  so  eher  und  nachhaltiger  Starre  erzeugen.  Bei 
langsamer,  beziehungsweise  unter  geringerem  Druck  erfolgender 
Blutung  in  den  Seitenventrikel  kann,  wie  obige  Beobachtungen 
darthun,  und  die  Experimente  von  Cossy  bestätigen,  die  Pyramiden- 

*)  loc.  citat.  p.  471,  Exper.  24. 

*)  fitude  exper.  et  clin.  sur  les  ventric.  lateraux  1879. 

Med.  Jahrbücher.  1882.  31 


480  Rosenthal.  Z.  Kenntn.  d.  mot. Hirnfnnct. 

faserung  der  Capsula  interna  verschont  bleiben;  es  wird  dann  die 
intracranielle  Drucksteigerung  apoplektiforme  Erscheinungen,  doch 
keine  Zuckungen,  keine  Muskelstarre  bewirken. 

Dass  die  irritative  Läsion  der  bezüglichen  Gebilde,  und  nicht 
deren  völlige  Durchtrennung  die  Muskelstarre  unterhält,  ist  durch 
das  Experiment  erweislich.  Einem  mittelgrossen  Hunde  wurde  be- 
hufs Prüfung  gewisser  sensibler  und  reflectorischer  Erregungen,  das 
Bückenmark  hoch  oben  am  Brusttheile  quer  durchschnitten  und 
künstliche  Bespiration  unterhalten;  die  hinteren  Pfoten  des  Thieres 
erwiesen  sich  als  gelähmt,  die  vorderen  von  tonischem  Krämpfe 
ergriffen.  Jede  mechanische  oder  elektrische  Beizung  von  Muskeln 
oder  Nerven  halte  Steigerung  der  Extensionsstarre  zur  Folge. 

Eine  Anzahl  von  schwerwiegenden  klinisch-anatomischen  und 
experimentellen  Befunden  gibt  somit  gleichlautende  Zeugenschaft 
dahin  ab,  dass  die  bisherige  Doctrin  über  die  motorische  Bedeutung 
des  Streifenhügelsystems  nicht  mehr  haltbar  sei;  gibt  vielmehr  zu 
Gunsten  des  motorisch  massgebenden  Einflusses  der  Capsula  interna 
den  Ausschlag.  Doch  soll  damit  nicht  gesagt  sein,  dass  das  Streifen- 
hügelsystem in  gar  keiner  Beziehung  zur  Mobilität  stehe.  Sicherlich 
wird  demselben  nicht  das  imperative  Mandat  des  Willens  übertragen, 
doch  mag  es  im  Sinne  von  Magendie  auf  die  Coordination  der 
Bewegungen  von  Einfluss  sein.  Nach  Dur  et  büssen  Thiere,  welchen 
das  Corpus  striatum  durchtrennt  wurde,  die  Bewegungsprogression 
ein.  Ferneren  genaueren  Beobachtungen  am  Menschen  bleibt  es 
vorbehalten,  hierüber  näheren  Aufschluss  zu  liefern. 

Auf  ein  briefliches  Kesume  meiner  obigen  Beobachtungen,  das 
ich  im  Sommer  1881  an  Charcot  einsendete,  erhielt  ich  von 
Letzterem  ein  (vom  3.  Septemb.  desselben  Jahres  datirtes)  Schreiben, 
aus  welchem  ich  blos  nachfolgende  Bemerkungen  mitzutheilen  mir 
erlaube.  „Je  suis  tout  dispose  ä  croire  comme  vous,  que  la  lfeion 
des  corps  opto-stries  ne  produit  Themiplegie  qu'  en  tant,  que  cette 
lesion  interesse  directement  ou  par  compression  le  faisceau  pyramidal 
de  la  capsule  interne.  II  y  a  longtemps,  que  je  ne  me  suis  plus 
occupe  de  la  question.  Je  la  reprendrai  ä  la  premifere  occasion, 
puisqu'elle  vous  interesse".  Mit  diesem  autoritativen  Gutachten  von 
Charcot  und  in  der  angenehmen  Erwartung  weiterer,  bereichern- 
der Beiträge  möge  die  gegenwärtige  Erörterung  ihren  vorläufigen 
Abschluss  finden. 


xxn. 

Fibrom  des  Siebbeines  mit  „pneumatischen 

Räumen". 

Vom 

Docenten  Dr.  Ottokar  Chiari. 

Am  dar  Proaectnr  de«  Docenten  Dr.  Hans  Chiari. 

Demonstrirt  in  dem  Wiener  med.  Doctoren-Colleg.  am  22.  Mai  1882. 

Hiezu  Tafel  Xn. 
(Am  1.  Juni  1882  von  der  Bedaction  übernommen.) 


Das  Siebbein  wird  selten,  wenigstens  im  Vergleiche  zu  den 
anderen  Gesichts-  und  Schädelknochen,  der  primäre  Sitz  von  Neu- 
bildungen. Natürlich  muss  man  dabei  absehen  von  den  sogenannten 
Schleimpolypen  der  Nasenhöhle,  die  ja  nach  ZuckerkandlV)  Un- 
tersuchungen am  häufigsten  von  der  Umgebung  des  Hiatus  semilu- 
naris  und  der  mittleren  Nasenmuschel  ausgehen,  weil  man  diese 
Gebilde  übereinstimmend  zu  den  Hypertrophien  der  Schleimhaut 
rechnet.  Neubildungen  im  engeren  Sinne  des  Wortes,  welche  primär 
das  Siebbein  ergreifen,  sind  gewiss  selten.  In  der  Literatur  sind  nur 
Exostosen  und  Fibrome  verzeichnet.  Förster  8)  erwähnt,  dass 
erstere  des  öftern  von  dem  Siebbeine  ausgehen. 

Maisonneuve8)  exstirpirte  eine  enorme  Elfenbein -Exostose 
des  Os  ethmoideum  bei  einem  17jährigen  Manne. 

*)  Anatomie  der  Nasenhöhle  und  ihrer  pncumat.  Anhänge.  Wien  1882. 

*)  Specielle  pathol.  Anat.  2.  1863.  p.  947. 

*)  Gurlt,  Bericht  über  die  Leistungen  etc.  von  1863—1865.  Langen- 

beck's  Archiv  Vm.  p.  416. 

31* 


482  Chiari. 

Lego  uest1)  entfernte  eine  ebensolche  aus  der  linken  Nasen- 
höhle; man  konnte  dabei  das  Siebbein  mit  Wahrscheinlichkeit  als 
Ausgangspunkt  annehmen. 

Bei  den  Fibromen  wird  nur  selten  das  Siebbein  als  Ursprungs- 
ort  direct  bezeichnet.  Wenigstens  lehrt  das  eine  kurze  Uebersicht 
über  die  Angaben  der  Autoren  in  dieser  Beziehung. 

Nach  Cruveilhier8),  Nelaton  und  anderen  ist  der  häufigste 
Ausgangspunkt  für  die  hier  in  Betracht  kommenden  fibrösen  Nasen- 
und  Nasenrachenpolypen  die  untere  Fläche  des  Os  tribasilare  und 
des  Keilbeinkörpers,  der  obere  Theil  der  Fossa  pterygoidea  und 
der  innere  Flügel  des  Processus  pterygoideus.  Michaux  (ibidem) 
fuhrt  auch  noch  die  Nasenhöhlenwand  der  Choanen  an.  Des  Sieb- 
beins geschieht  keine  Erwähnung. 

Virchow8),  Lücke4),  Billroth5),  B.  Mai  er6),  König7) 
führen  hauptsächlich  als  Ursprungsorte  die  untere  Fläche  des  Ba- 
silar-  und  Keilbeines  an.  Rokitansky8),  Birch-Hirschfeld9) 
und  besonders  Förster10)  erwähnen  auch  die  Knochen  der  Nasen- 
höhle als  primär  von  den  Fibromen  ergriffen.  Keiner  führt  aber 
an,  dass  das  Siebbein  ausschliesslich  oder  vorzugsweise  der  Sitz  einer 
solchen  Neubildung  gewesen  sei.  Störk11)  beschreibt  zwei  Fälle 
von  fibrösen  Polypen,  die  von  der  mittleren  Muschel  ausgingen. 

Endlich  muss  ich  erwähnen,  dass  Schrötter  12)  mehrere  fibröse 
Polypen  sah,  welche  von  der  Umrandung  der  Choanen  entsprangen. 
Man  muss  daher  sagen,  dass  die  fibrösen  Nasenrachenpolypen  meist 
von  der  unteren  Fläche  des  Basilarbeines,  des  Keilbeines  und  von 
der  Choanal Umwandlung  ausgehen;  seltener  entspringen  sie  von  dem 
Siebbeine.    Es    scheint  also  nach  dem  Gesagten  das  Siebbein  sehr 


10 

11 

13 


Ibidem. 

Schmidt's  Jahrbücher  Bd.  134.  p.  312. 

Krankhafte  Geschwülste  Bd.  I.  p.  355. 

Pitha-Billroth,  Handbuch  IL  Bd.  1.  Abth.  p.  142.  1869. 

Allgem.  Chirurg.  Pathol.  u.  Ther.  1882.  p.  805. 

Lehrb.  d.  allgem.  pathol.  Anatomie  1871.  p.  255. 

Lehrb.  d.  speciellen  Chirurgie  I.  Bd.  1875.  p.  223. 

Lehrb.  d.  path.  Anat.  III.  Bd.  p.  3  u.  123.  1861. 

Ibidem  p.  660. 

Handb.  d.  path.  Anat.  1863.  p.  332  u.  p.  62. 

Klinik  der  Krankheiten  des  Kehlkopfes  etc.  1880.  p.  101. 

Lary  ngolog.  Mittheilungen.  Wien  1875. 


Fibrom  des  Siobbeines.  483 

selten  der  Ausgangspunkt  für  Goschwülste  zu  sein;  doshalb  glaube 
ich  folgende  Beobachtung  mittheilen  zu  sollen.  In  dem  Berichte 
der  k.  k.  Krankenanstalt  Rudolfstiftung  in  Wien  vom  Jahre  1880 
pag.  461  wird  ein  Fibrom  des  Siebbeines  kurz  beschrieben: 

„Bei  einem  17jährigen  Manne  erschien  die  obere  und  hintere 
Partie  der  rechten  Siebbeinhälfte  in  einen  umfängliche,  pneumatische 
Bäume  in  sich  enthaltenden  fibrösen  Tumor  umgewandelt,  welcher 
das  Septum  narium  sehr  bedeutend  nach  links  verdrängt  hatte,  fast 
die  ganze  Nasenhöhle  oecupirte  und  einen  polypenartigen,  soliden, 
gleichfalls  aus  fibrösem  Gewebe  bestehenden  Fortsatz  durch  das 
Foramen  sphenopalatinum  dextrum  in  dio  Fossa  sphenomaxillaris 
dextra  entsendet  hatte".  Dieser  Tumor  fiel  damals  schon  wegen 
seines  Ausgangspunktes  und  der  in  ihm  enthaltenen  Cavitäten  auf 
und  wurde  zur  genaueren  Untersuchung  und  Beschreibung  bestimmt. 
Ich  theile  nun  im  Folgenden  das  Wissenswortho  darüber  mit: 

Am  15.  Juni  1880  kam  auf  die  chirurgische  Abthoilung  des 
Herrn  Primär  Docent  Dr.  Englisch  im  Rudolfsspital  in  Wien  der 
17jährige  Taglöhner  Franz  Czurda,  von  dessen  Krankengeschichte, 
die  ich  der  Güte  des  genannten  Herren  Primarius  verdanke,  ich 
nur  das  Wichtigste  erwähnen  will. 

Der  früher  stets  gesunde  Bursche  bemerkte  4  Jahre  vor  sei- 
ner Spitalsaufnahme  eine  Schwellung  in  der  rechten  Schläfegegend, 
die  sich  allmälig  bis  hinter  das  Ohr  ausdehnte.  Es  stellte  sich 
Thränenträufeln,  dann  Exophthalmus  und  völlige  Amaurose  rechts 
ein.  Die  Nase  wurde  nach  links  verschoben,  verstopft,  und  traten 
bei  häufiger  Epistaxis  sich  immer  mehr  steigernde  Athombeschwer- 
den  und  Behinderung  des  Sprechens  und  Schlingens  auf.  Es  handelte 
sich,  wie  man  bei  der  Spitalsauftiahme  constatiron  konnte,  um  eine 
Neubildung  der  rechten  Gesichtshälfte,  der  Nasen-  und  KacheuhOhle. 
Der  Kranke,  der  schon  sehr  herabgekomraen  war,  erlag  einem  Ver- 
jauchungsprocesse  um  den  Tumor  herum  mit  Eitersenkung  bis  zur 
Clavicula  und  einer  daraus  resultirenden  Pyämio  mit  motastatisehen 
Abscessen  in  den  Lungen  am  3.  Juli. 

Der  am  6.  Juli  vom  Prosector  Dr.  II.  Cliiari  aufgenommene 
Obductionsbefund  ergab  folgende  Verhältnisse: 

Der  Körper  klein,  schwächlich  gebaut,  sehr  mager  und  blass. 
Die  linke  Pupille  enge,  die  rechte  weit,  der  rechte  Bulbus  vorge- 
trieben, die  Gegend  des  rechten  Jochbeines  stark  vorgewölbt,  über- 


484  Chiari. 

haupt  die  rechte  Gesichtshälfte  voluminöser  als  die  linke;  um  die 
Nasenhöhle  und  Mundöffnung  angetrocknetes  Blut.  Der  Hals  dünn, 
in  der  Regio  supraclavic.  dextra  eine  halb  handtellergrosse  Ulce- 
ration  mit  unterminirten  und  schlaffen  Rändern.  Thorax  flach,  Unter- 
leib sehr  wenig  ausgedehnt. 

Die  weichen  Schädeldecken  Mass,  an  der  äusseren  Fläche  des 
Schädeldaches  um  die  Tubera  herum  blutreiches,  bereits  hartes 
Osteophyt;  harte  Hirnhaut  wenig  gespannt,  die  inneren  Meningen 
zart,  gleich  dem  Gehirne  blass.  Im  mittleren  Gliede  des  linken 
Linsenkernes  ein  bohnengrosser  Abscess  mit  nicht  scharfer  Begren- 
zung gegen  die  Nachbarschaft.  Der  rechte  Sehnerv  dünner  als  der 
linke  und  grau  verfärbt.  Die  Gegend  der  Sella  turcica,  ferner  das 
Siebbein  gegen  die  Schädelhöhle  convex,  weich,  mit  dem  Pinger 
eindrückbar.  In  der  Luftröhre  serös  schleimige  Flüssigkeit  und  Blut- 
coagula;  die  Schilddrüse  klein.  Beide  Lungen  zum  grössten  Theile 
angewachsen;  in  dem  unteren  Abschnitte  der  linken  Pleurahöhle 
100  C.  Ctm.  eiterig  jauchigen  Exsudates  angesammelt.  In  beiden 
Lungen,  namentlich  aber  rechts,  bis  hühnereigrosse  Herde  eiterig 
jauchigen  Zerfalles  des  Lungengewebes.  In  diesen  Herden  auch 
frisch  extra vasirtes  Blut.  Das  Herz  klein,  die  Unterleibsorgane  blass, 
im  Magen  reichliches  Blut. 

Die  Präparation  des  Schädels  ergibt  in  der  Fossa  spheno- 
maxillaris  dextra  einen  aus  zwei  groben  lappigen  Abschnitten  be- 
stehenden, im  ganzen  orangegrossen  Tumor,  der  gegen  die  Nach- 
barschaft gut  abgegrenzt  ist  und  mittelst  eines  die  Fossa  spheno- 
palatina  und  eine  Usurlücke  im  hintersten  Antheile  des  rechten 
Oberkiefers  einnehmenden,  3  Ctm.  dicken  Stieles  am  Schädel  fixirt 
ist.  Der  Tumor  selbst  ist  von  weisslicher  Farbe,  derber  Consistenz 
und  faseriger  Structur  und  drängt  den  M.  tempor.  und  den  Joch- 
bogen sammt  Masseter  nach  rechts.  Der  Muse,  temporalis,  ferner 
das  Zellgewebe  um  den  Tumor  und  das  Periost  an  der  vorderen 
Hälfte  der  Schläfenbein-Schuppe,  sowie  der  äusseren  Fläche  der 
oberen  Partie  des  grossen  Keilbeinflügels  eiterig  jauchig  infiltrirt. 
Von  da  erstreckt  sich  die  Eiterung  in  Fistelgängen  bis  zu  dem  früher 
angegebenen  ulcerösen  Substanzverluste  in  der  Begio  supra-clavicu- 
laris  dextra.  Auf  dem  sagittalen  Medianschnitte  des  Schädels  v.  Tafel 
V,  Fig.  1  zeigt  sich,  dass  die  Nasenhöhle  fast  vollständig  oecupirt  ist 
durch  eine  im  Ganzen  gleichfalls  orangegrosse  Geschwulst,    welche 


Fibrom  des  Siebbeines.  48J> 

mit  dem  beschriebenen  äusseren  Tumor  durch  obigem  Stiel  zu- 
sammenhängt. Diese  Geschwulst  substituirt  die  rechtsseitige  Partie 
des  Siebbeines,  hat  die  Nasenscheidewand  bis  zur  Berührung  der 
lateralen  Wand  nach  links  verdrängt  und  besteht  aus  mit  Schleim- 
haut ausgekleideten  Cavitäten  und  derben,  zum  Theil  Knochon- 
stückchen  in  sich  enthaltenden  Septis  dazwischen. 

Sie  geht  von  dem  hinteren  oberen  Abschnitte  der  mittleren 
und  der  ganzen  oberen  rechten  Muschel  aus  und  hat  auch  dio 
vordere  Wand  der  Siebbeinhöhle  einbezogen.  Die  Geschwulst 
protuberirt  auch  hauptsächlich  im  Bereiche  der  hintoron  Hill  Hit 
der  Lamina  cribrosa  des  Siebbeins  und  der  vorderen  der  Sella 
turcica  in  die  Schädelhöhlo.  Durch  diese  Protuboranz  ist  das 
Poramen  opticum  dextrum  verengt  und  der  Sehnerv  comprimirt. 
Am  Clivus  ist  keine  besondere  Veränderung  zu  sehen.  Dio  rechte 
Orbita  ist  durch  Vorwölbung  ihrer  medialen  Wand  verkleinert  und 
in  Folge  dessen  der  rechte  Bulbus  hervorgedrängt.  Der  Thränon- 
nasengang  derselben  Seite  ist  bis  zur  Undurchgängigkoit  durch  die 
Ausbuchtung  des  Processus  frontalis  maxillae  comprimirt.  Die  rechte 
untere  Nasenmuschel  hochgradig  atrophirt  und  auch  abgebogen. 
Nach  links  zu  wird,  wie  schon  oben  erwähnt,  das  Hopturn  narium 
hochgradig  ausgebaucht  und  ist  der  Tumor  mit  demselben  wenigstens 
in  seiner  hinteren  Hälfte  völlig  verwachsen.  Die  Nasonmuscheln  der 
linken  Seite  und  die  linken  Siebbeinzellen  (wie  deren  Prftparation  von 
der  linken  Orbita  aus  ergibt)  sind  sehr  stark  comprimirt  und  atrophirt; 
die  linke  Keilbeinhöhle  erscheint  dagegen  in  den  Tumor  einbezogen. 

Was  nun  die  oben  beschriebenen  Cavitäten  de»  NuseriturriorH 
anbelangt,  so  konnte  man  constatiren,  dass  dieselben  mit  dem  <'a- 
vum  der  rechten  Nasenbälfte  durch  mehrere  urtuHorH  OefrriiifijMfi 
ce  communicirten;  ferner  waren  sie  mit  Schleimhaut  ausgekleidet, 
welche  in  den  oberen  Hohlräumen  blass,  in  den  unteren  injicjrt 
und  zum  Theile  mit  croupösem  Exsudate  belebt  war,  aber  liberall 
Flimmerepithel  aufsitzen  hatte.  Da  außerdem  in  ihnen  Luft  mithalten 
war,  so  unterlag  es  wohl  keinem  Zweifel,  t\nm  man  w  mit  aim- 
gedehnten  Siebbeinzellen  zu  tbun  hatte.  Kirie  vorläufig«  UMhloi/lu'hn 
Untersuchung  sowohl  dea  Xa*6ii-  ala  auch  *\m  Amwrtin  Tumor  u 
ergab  eine  fibromarttee  Textur. 

Die  Sectionsdiagnoa*  lautete: 

Fibroma  os»w  ethm'/idali*  *t  fwa*  '•-\t\it',uom,,v'i\l>ith:  lUitltM 


486  Chiari. 

Inflammatio  crouposa  partis  membranae  mucosae  narium.  Periostitis 
ad  squamam  ossis  temporalis  dextri  et  ad  os  spbenoidale  snbsequente 
Pyaemia  cum  abscessibus  metastaticis  pulmonum  et  cerebri. 

Die  genauere  histologische  Untersuchung  nahm  ich  im  Man 
dieses  Jahres  vor,  nachdem  das  ganze  Präparat  beinahe  2  Jahre  in 
Alkohol  conservirt  war. 

Es  wurden  behufs  Untersuchung  kleine  Stücke  sowohl  der 
Wände  der  Cavitäten  des  Nasentumors,  als  auch  der  lappigen 
Theile  in  der  Fossa  sphenomaxillaris  in  absolutem  Alkohol  ge- 
härtet, so  weit  es  eben  nach  der  langen  Conservirung  noch  möglich 
war.  Die  Färbung  gelang  mit  Boraxcarmin  sehr  gut,  bis  auf  die 
Partien  der  Geschwulst,  die  nahe  dem  Jaucheherde  lagen. 

Die  Schnitte  aus  dem  äusseren  Tumor,  der  von  den  um- 
liegenden Weichtheilen  frei  präparirt  worden  war,  zeigten  an  der 
äusseren  Oberfläche  desselben  eine  ziemlich  dicke,  bindegewebige 
Schichte,  unmittelbar  in  das  darunter  liegende  Gewebe  übergehend. 
Dieses  selbst  präsentirt  sich  grösstenteils  als  bestehend  aus  stark 
geschwungenen  langen,  zu  Bündeln  geordneten  Bindegewebsfasern, 
welche  nur  spärliche  Bund-  und  Spindelzellen  zwischen  sich  ent- 
halten. Ausserdem  zeigt  es  eine  grosse  Menge  von  sinuösen,  un- 
regelmässig begrenzten  und  vielfach  mit  einander  communicirenden 
spaltförmigen  Hohlräumen,  welche  ohne  deutliche  Endothelbeklei- 
dung  zunächst  von  einer  dünnen,  zartfaserigen,  zahlreiche  Kundzellen 
enthaltenden  Schichte  umgeben  sind.  An  diese  Schichte  schliesst 
sich  das  obige  Fasergewebe  an.  Diese  Hohlräume  enthalten  nirgends 
rothe  Blutkörperchen,  sind  überhaupt  meist  leer  und  weisen  als 
Inhalt  höchstens  etwas  feinkörnige  Substanz  mit  einzelnen  Lymph- 
körperchen  auf. 

Beinahe  eben  dasselbe  Verhalten  bot  die  Masse  des  Nasen- 
tumors, nur  wurde  es  durch  das  Vorhandensein  der  durch  Aus- 
dehnung der  Siebbeinzellen  entstandenen  oft  nussgrossen  Cavitäten 
modificirt.  Legte  man  nämlich  einen  Durchschnitt  durch  ein  zwei 
dieser  Cavitäten  trennendes  Septum  an,  so  war  die  Oberfläche 
beiderseits  mit  Schleimhaut  versehen,  auf  welcher  man  in  frischem 
Zustande  überall  Flimmerepithel  nachweisen  konnte.  An  dem  lange 
conservirten   Präparate   war   es   schon  überall  verloren    gegangen. 

Darunter  folgte  wieder  gleich  dieselbe  Bindegewebsfaser- 
Schichte  mit  denselben  eingelagerten  mikroskopischen  Hohlräumen, 


Fibrom  des  Siebbcincs.  487 

die  beinahe  die  ganze  Tumonnasse  durchsetzten.  Nur  die  nächste 
Umgebung  dieser  Hohlräume  war  etwas  anders  gestaltet  und  zwar 
verschieden  an  verschiedenen  Stellen.  Hie  und  da  fand  man  un- 
mittelbar das  Lumen  umlagernd  eine  enorme  Menge  von  dicht- 
gedrängten Rundzellen  mit  sehr  grossen  intensiv  rothgefarbten 
Kernen  und  fast  ohne  Protoplasma.  Das  nächst  anstossende  Gewebe 
zeigte  ganz  feine,  kurze,  leicht  geschwungene,  spärliche  Fasern  und 
dazwischen  zahlreiche  Rund-,  Spindel-  oder  Sternzellen. 

An  anderen  Stellen  wurden  die  Hohlräume  direct  von  dem  letzt- 
beschriebenen Gewebe  begrenzt,  und  an  vielen  Orten  endlich  un- 
mittelbar von  einem  zwar  noch  feinfaserigen,  aber  dichten  Binde- 
gewebe mit  spärlichen  Rund-  und  Spindelzellen  umschlossen.  Die 
weitere  Umgebung  bildete  an  allen  Stellen  das  früher  schon  er- 
wähnte mehr  derbfaserige  Bindegewebe. 

Die  vielfache  Communication  der  unregelmässigen,  sinuösen  nie 
rothe  Blutkörperchen  enthaltenden  Räume,  die  Unmöglichkeit  eine 
eigene  Wandung  an  ihnen  zu  finden,  so  dass  sie  unmittelbar  in 
das  Gewebe  eingegraben  waren,  musste  wohl  die  Annahme  nahe 
legen,  dass  es  sich  um  ectasirte  Lymphräume  handle,  obwohl  es 
sich  nicht  ausschliessen  lässt,  dass  man  vielleicht  nur  ausgedehnte 
Bindegewebsmaschenräume  vor  sich  hatte.  Uebrigens  ist  es  ja  An- 
sicht einiger  Anatomen,  dass  die  Anfänge  des  Lymphgefässsystemes 
in  den  Bindegewebsmaschonräumen  zu  suchen  seien. 

Als  Ursache  der  Erweiterung  dieser  Hohlräume  dürfte  wohl 
der  Druck  der  wachsenden  Geschwulst  auf  die  abführenden  Lymph- 
gefässe  anzunehmen  sein.  Die  Lymphe  blieb  dann  sammt  ihren 
Zellen  im  Tumor  zurück  und  liegt  in  Bezug  auf  die  oben  be- 
schriebenen Bilder  in  der  nächsten  Umgebung  der  Hohlräume  der 
Gedanke  nahe,  dass  vielleicht  von  der  zurückgestauten  Lymphe  ein 
weiteres  Wachsthum  der  Geschwulst  ausging. 

Was  nun  die  Blutgefässe  des  Tumors  anbelangte,  so  konnten 
entsprechend  der  Blutleere  des  frischen  Tumors  und  seiner  weissen 
Farbe  nur  wenige  solche  gefunden  werden  und  unter  diesen  fast 
keine  Capillaren.  Die  grösseren  Gefässe  zeichneten  sich  durch  enorme 
Verdickung  der  Iütima  aus,  an  welche  sich  manchmal  durch  eine 
mehr  durchscheinende  Schichte  (die  Membrana  fenestrata  ?)  ge- 
trennt ein  concentrisch  angelagertes,  aus  langen  Spindelzellen  und 
strammen  Fasern  gebildetes  Gewebe  anschloss  (media).    An  Stelle 


490  Chiari. 

Ihre  Wand  bestand  aus  Tumormasse  und  enthielt  nur  wenige 
Knochentheilchen,  offenbar  die  Ueberreste  der  knöchernen  Septa, 
welcho  durch  die  wachsende  Neubildung  theils  auseinandergedrängt, 
thoils  resorbirt  wurden.  Für  gewöhnlich  pflegt  eine  die  Wand  einer 
Höhle  einnehmende  nicht  papilläre  Neubildung  das  Gavum  zu  ver- 
engern, weil  sie  eben  die  Wand  verdickt.  Das  fand  hier  nicht  statt 
Trotz  der  Vordickung  der  Wand  waren  die  Cavitäten  des  Siebbeins 
bedeutend  vergrössert. 

Man  musste  nun  zunächst  daran  denken,  dass  zurückgehaltenes 
Secret  die  Ausdehnung  bewirkt  habe.  Aber  auch  dieser  Erklärungsgmnd 
war  hier  nicht  stichhaltig,  weil  die  Cavitäten  nur  Luft  enthielten 
und  ihre  Communicationsöffnungen  mit  der  Nasenhöhle  ganz  frei 
waren. 

Es  blieb  mithin  als  veranlassendes  Moment  nur  der  Druck 
des  Exspirations-Luftstromes  über.  Bei  normaler  knöcherner  Be- 
schaffenheit der  Wandungen  der  Siebbeinzellen  kann  derselbe  kerne 
Erweiterung  der  Hohlräume  herbeiführen.  Sind  aber  die  Wände 
durch  Infiltration  einer  Neubildung  ihres  starren  Charakters  be- 
raubt, so  kann  der  so  oft  wiederholte  Druck  der  Athmungsluft  all- 
mälig  eine  Dilatation  veranlassen. 

Braune  und  Classen  *)  haben  die  Luftdruckschwankungen 
in  der  Nase  und  deren  Nebenhöhlen  experimentell  theils  am  Leben- 
den theils  am  Cadaver  geprüft  und  gefunden,  dass  an  einem  in 
ein  Nasenloch  luftdicht  eingefügten  Manometer,  sich  60 — 80  Mm. 
Hg  Niveaudifferenzen  zeigten.  Diese  Grenzen  wurden  wohl  nur 
erreicht,  wenn  beide  Nasenöffnungen  und  der  Mund  geschlossen 
blieben  und  die  Respirationen  sehr  energisch  ausgeführt  wurden. 
Wurden  diese  Bedingungen  nicht  erfüllt,  so  fielen  die  Schwankun- 
gen viel  geringer  aus,  doch  liess  sich  immer  deutlich  nachweisen, 
dass  bei  der  Inspiration  der  Druck  in  der  Nasenhöhle  sank  und 
bei  der  Exspiration  anstieg. 

Von  den  Nebenhöhlen  wurde  nur  die  Oberkieferhöhle  geprüft. 
Auch  in  derselben  fanden  sich  ganz  analoge  nur  etwas  hinter  denen 
in  der  Nasenhöhle  zurückbleibende  Drucksch wankungen;  Braune 
und  C lassen  führten  in  das  Nasenloch  eines  Cadavers  und  in  die 


1)  Die  Nebenhöhlen  der  menschlichen  Nase  in  ihrer  Bedeutung  für  den 
Mechanismus  des  Riechens.    Zeitschr.  f.  Anat.  Bd.  II.  Leipzig  1877. 


Fibrom  des  Siebbeines.  491 

Oberkieferhöhle  Wassermanometer  ein  und  Hessen  von  einem  ge- 
sunden Menschen  in  eine  mit  der  Trachea  verbundene  Bohre  in- 
und  exspiriren.  Sie  fanden  da  bei  geschlossenem  Munde  und  einer 
offenen  Nasenhöhle  bei  massigem  Athmen  in  der  Nase  10  Mm.,  in 
der  Oberkieferhöhle  8  Mm.  Wasserniveaudifferenzen.  Bei  tiefem, 
lange  dauerndem  Inspirium  20 — 40  Mm.  und  bei  möglichst  schnellem 
starken  Ansaugen  in  der  Nase  —  200,  in  der  Kieferhöhle  —  190  Mm. 
Wasserniveaudifferenz.  Ich  begnüge  mich  darauf  hinzuweisen  und 
verweise  bezüglich  der  Details  auf  die  citirte  Arbeit.  Es  ist  nun 
anzunehmen,  dass  auch  in  den  Siebbeinzellen  ähnliche  Druckschwan- 
kungen stattfinden,  da  sie  ebenfalls  mit  der  Nasenhöhle  commu- 
niciren. 

Zuckerkandl  1.  c.  p.  179  erwähnt  die  Möglichkeit  des  Zu- 
standekommens von  Orbitalemphysem  von  den  Siebbeinzellen  aus 
bei  sonst  normalen  anatomischen  Verhältnissen  und  führt  eine  be- 
treffende Aeusserung  E.  B  e r  li n'  s  in  dem  Graefe-Saemisch'schen  Hand- 
buche an.  Es  heisst  da  unter  anderen:  „Die  Luft  wird  durch  eine 
meist  sehr  gewaltsame  Exspiration  aus  einer  benachbarten  Höhle 
in  die  Augenhöhle  hineingetrieben".  Zu  diesen  benachbarten  Höhlen 
gehören  doch  vor  Allem  die  Siebbeinzellen,  welche  nur  dieLamina 
papyracea  von  der  Orbita  trennt.  Ich  führe  diese  Aeusserung  an, 
weil  sie  zeigt,  dass  man  auch  hier  bedeutende  Drucksteigerungen 
in  den  Siebbeinzellen  durch  heftige  Exspirationen  annimmt.  Man 
muss  sich  also  die  Erweiterung  der  Siebbeinzellen  in  unserem  Falle 
in  folgender  Weise  vorstellen:    So  lange  die   Choanen   frei   waren, 

•  musste  jeder  Exspirations-Luftstrom,  besonders  jeder  forcirte,  wie 
beim  Husten,  Niesen,  Schnauben  etc.  in  die  mit  erweichten  Wan- 
dungen versehenen  Siebbeinzellen  eindringen  und  sie  allmälig  er- 
weitern.   Natürlich  konnte  das  nur  allmälig  stattfinden,   weil  ja 

*  die  Druckdifferenzen  gewöhnlich  nur  wenige  Mm.  Hg  betrugen. 
Wenn  man  aber  bedenkt,  dass  der  Tumor  in  der  Nase  gewiss 
einige  Jahre  bestand,    bis  die  rechte  Nasenseite  für  Luft   undurch- 

e  gängig  wurde,  ist  es  begreiflich,  dass  die  Erweiterung  der  Siebbein- 
I  seilen,  wenn  auch  nur  sehr  langsam  fortschreitend,  einen  solchen 
f  Grad  erreichte. 


p 


-♦— <x>— •- 


Erklärung  der  von  Herrn  Teuohmann  gezeichneten  Figur  auf 

Tafel  XII. 

Rechte  Hälfte  des  sagittal   durchschnittenen   Schädels   Ton  innen  ge- 
sehen. (Nat.  Grösse.) 

a  —  Cavitäten. 

b  —  Durchschnittsflächen  der  die  Cavitäten  trennenden  Septa. 

e  —  Communicationsöffnungen  mit  der  Nasenhöhle. 


*0*- 


C.  Ceberreater'sche  BucMrackerei  (M.  Balzer)  in  Wien. 


xxin. 

Zur  Mechanik  des  unteren  Sprunggelenkes 

des  Menschen. 

Von  Prof.  E.  Albert  in  Wien. 

(Hiezu  Tafel  XX.) 
(Am  10.  Mai  1#82  von  der  Redaction  übernommen.) 


Als  unteres  Sprunggelenk  bezeichnen  viele  Anatomen  jenen 
Gelenkscomplex,  der  hinten  aus  der  Articulatio  talo-calcanea,  vorne 
aus  der  Articulatio  talo-navicularis  besteht. 

Wenn  das  Sprungbein  feststeht,  so  kann  das  Navicularo  in 
dem  vorderen,  der  Calcaneus  in  dem  hinteren  der  beiden  Golouko 
Bewegungen  ausfuhren.  Wenn  aber  mit  Ausnahme  dos  Talus  das 
übrige  Fussskelet  feststehend  gedacht  wird,  so  kann  dor  Talus 
selbstverständlich  nur  in  beiden  Gelenken  zugleich  sich  bewogen. 

Es  soll  hier  nur  an  den  zweiten  Fall  gedacht  weiden,  und 
zwar  unter  der  Einschränkung,  dass  die  Bewegungen,  dio  der  Talus- 
kopf  dem  Naviculare  gegenüber  ausführt,  nicht  berücksichtigt  wer- 
den; es  soll  sich  also  nur  um  die  Articulatio  talo-calcanoa  handeln. 

Im  Jahrgange  1879  der  Berichto  des  naturwissonschaftlich- 
medicinischen  Vereines  in  Innsbruck  habe  ich  in  oinom  kurzen 
Aufsatze,  betitelt:  „Zur  Mechanik  dor  menschlichen  Sprungboin- 
gelenke"  die  Kesultate  einiger  Messungen  mitgothoilt,  welche  ich 
über  die  Excursionsgrösse  sowohl  dieses  Gelonkes,  wie  auch  des 
oberen  Sprunggelenkes  angestellt  hatte.  Es  zeigte  sich,  dass  die- 
selbe, entsprechend  den  häufigen  Abweichungen  im  Baue  Jones  Ge- 
lenkes, ziemlich  abweichende  Werthe  aufweist. 

Diesmal  will  ich  vor  Allem  die  Methode  entwickeln,  wio  sich 

Med.  Jahrbücher.  1882.  89 


494  Albart 

die  Componenten  jener   Muskelkräfte  ermitteln  lassen,  welche  an 
dem  erwähnten  Gelenke  angreifen. 

Es  liegt  hier  folgendes  Problem  vor.  Wenn  man  den  Unter- 
schenkel im  oberen  Sprunggelenke  auslöst,  den  Puss  auf  die  Sohlen- 
fläche  aufstellt,  und  nun  den  Talus  hin  und  herbewegt,  so  findet 
man,  dass  die  Bewegungen  um  eine  von  hinten,  unten,  lateralwärts 
—  nach  vorne,  oben,  medialwärts  gelegene  Axe  vor  sich  gehen. 
Das  heisst  mit  anderen  Worten:  wenn  der  Fuss  in  diesem  Gelenke 
bewegt  wird,  so  entsteht  eine  Bewegung  zwischen  Pronation  und 
Supination,  zugleich  eine  zwischen  Adduction  und  Abdnctäoh,  und 
gleichzeitig  eine  zwischen  Plantar-  und  Dorsalflexion.  Dabei  wird 
unter  Abduction  und  Adduction  die  Flächenbewegung,  unter  Pro- 
nation und  Supination  die  Bftnderbewegung  des  Fasses  verstanden 
(C.  Langer).  Die  Lage  jener  Axe,  um  welche  diese  complicirte 
Bewegung  stattfindet,  haben  Henke  und  G.  Langer  empirisch 
bestimmt;  ihre  Angaben  weichen  unter  einander  ab,  stehen  aber 
mit  meinen  Beobachtungen  nicht  im  vollen  Einklänge,  was  ja  ans 
der  angedeuteten  Verschiedenheit  dieses  Gelenkes  in  -  Bau  und 
Function  begreiflich  ist.  Dieser  Verschiedenheit  ungeachtet  kann 
die  Untersuchung  wohl  vorgenommen,  aber  .strenge  genommen  nur 
auf  den  jeweilig  untersuchten  Fall  bezogen  werden.  Unter  dieser 
Verwahrung  steht  also  die  Sache  so,  dass  es  sich  um  die  Be- 
wegung eines  starren  Körpers  um  eine  im  Räume  feststehende 
Axe  handelt.  Auf  diesen  Körper  wirken  nun  verschieden  gerich- 
tete Kräfte  —  alle  die  Muskeln,  deren  Sehnen  über  das  Gelenk 
ziehen.  Obwohl  sich  kein  einziger  Muskel  am  Sprungbein  selbst 
ansetzt,  so  wirken  einzelne  dennoch  direct  auf  dieses  Gelenk.  Jene 
Muskeln  nämlich,  die  sich  in  der  Achillessehne  vereinigen,  bewegen 
das  Gelenk  direct,  indem  sie  an  dem  einen  der  beiden  Gelenkskörper, 
am  Fersenbein,  angreifen;  die  anderen  Muskeln  beeinflussen  das 
Gelenk  indirect,  indem  sie  zwar  an  entfernteren  und  beweglichen 
Skeletpunkten  angreifen,  aber  nach  erfolgter  Feststellung  dieser 
letzteren  immerhin  im  Stande  sein  können,  auch  das  erwähnte 
Gelenk  zu  bewegen  oder  wenigstens  durch  einen  hervorgebrachten 
Druck  zu  beeinflussen.  Die  Söhnen  dieser  Muskeln  haben/  indem 
sie  über  das  Gelenk  ziehen,  eine  so  regelmässige  und  einfache  Ge- 
stalt, dass  sie  sich  leicht  durch  eine  neutrale  Linie  substituiren 
lassen,  welche  ihre  Zugrichtung  versinnlicht. 


Zur  Mechanik  des  Sprunggelenkes.  495 

Man  kann  nun  folgende  Analyse  der  Verhältnisse  anstellen. 
Sobald  die  Sehne  einer  der  das  Gelenk  bewegenden  Muskeln  durch 
eine  Gerade  substituirt  werden  kann,  deren  räumliche  Lage  der 
Bichtung  entspricht,  in  welcher  der  zugehörige  Muskel  auf  das  Ge- 
lenk wirkt,  so  handelt  es  sich  nur  noch  darum,  auch  die  Grösse 
der  Kraft,  mit  welcher  der  Muskel  einsetzt,  zu  kennen,  um  auf  jener 
Geraden  eine  Strecke  abzumessen,  doren  Länge  die  Kraftgrösso 
versinnlicht;  alsdann  hätte  man  die  Muskelkraft  durch  eine  gerad- 
linige räumliche  Strecke  substituirt. 

Aber  gerade  dieser  Punkt  bietet  die  grösste  Schwierigkeit. 
Denn  jeder  einzelne  Muskel  kann  mit  ausserordentlich  verschiedenen 
Kraftgrössen  einsetzen.  Zwischen  seiner  minimalen  und  seiner  maxi- 
malen Leistung  liegt  eine  ungeheure  Boiho  von  äusserst  fein  abge- 
stuften Werthen.  Zu  dem  sind  uns  die  Grenz  werthe  dieser  Keihe 
auch  nicht  bekannt. 

Man  kann  indessen  eine  Annahme  machen,  welche  das  Pro- 
blem in  einer  Bichtung  vereinfacht.  Man  nimmt  an,  jeder  Muskel 
setze  mit  der  Krafteinheit  ein.  Alsdann  wird  dio  Frage  so  stehen, 
dass  man  vorderhand  nur  dio  Bichtung  der  Kraft  berücksichtigt. 
Eine  solche  Fragestellung  befriedigt  allerdings  nur  theilweise,  aber 
die  Beantwortung  hat  doch  einigen  Vortheil,  weil  sie  uns  Aufschluss 
gibt,  ob  der  betreffende  Muskel  Pronator  oder  Supinator,  Abductor 
oder  Adductor  u.  s.  w.  des  Gelenkes  ist  und  wie  das  Verhältnis« 
seiner  adduetorischen  zu  seiner  pronatorischen  Wirkung  u.  s.  w.  ist. 

Engt  man  sich  das  Thema  auf  diese  Weise  ein,  so  lässt  sich 
Folgendes  entwickeln. 

Man  denkt  sich  auf  jener  räumlichen  Geraden,  welche  die 
Bichtung  einer  bestimmton  Sehne  und  zwar  dort,  wo  diese  über 
das  Gelenk  zieht,  vorstellt,  eine  Streckeneinheit  aufgetragen  und 
untersucht  nun  die  Projectionen  dieser  Strecke  auf  die  drei  Ebenen 
eines  räumlichen  Coordinatensystems. 

Dieses  System  ist  gegeben  durch  die  Horizontal-,  die  Frontal- 
und  die  Sagittalebene.  Die  Projection  auf  dio  Horizontalebene  stellt 
jene  Componente  vor,  welche  wirksam  ist  bei  den  Bewegungen  um 
die  Yerticalaxe.  Die  Projection  auf  die  Frontalebene  stellt  jene 
Componente  vor,  welche  bei  den  Bewegungen  um  die  Sagittalaie 
wirksam  ist.   Die  Projection   auf  die  Sagittalebene,   endlich  stellt 

31* 


4%  Albert. 

jene  Componento  vor,   mit  welcher  die  Kraft  bei  Bewegungen  um 
die  Frontalaxo  einsetzt. 

Auf  diese  Art  vereinfacht  man  sich  die  Sache  so,  dass  aus 
einem  räumlichen  Problem  ein  Problem  der  ebenen  Geometrie  wird, 
und  zwar  ein  solches,  zu  dessen  Lösung  man  nichts  weiter  braucht, 
als  die  Kenntniss  vom  Parallelogramm  der  Kräfte. 

Um  den  Vortheil  einer  solchen  Vereinfachung  zu  zeigen,  wol- 
lon  wir  uns  eines  Beispieles  bedienen.  Der  M.  sternocleidomastoideus 
verläuft  von  medialwärts,  vorne  und  unten  nach  lateralwärts,  hinten 
und  oben.  Er  bringt  also  Bewegungen  hervor,  die  sich  in  Partial- 
bowegungen  um  drei  auf  einander  senkrechte  Axen  auflösen  fassen. 
Er  dreht  den  Kopf  um  eine  Verticalaxe  (den  Zahn  des  Epistropheus) 
zwischen  medialwärts  und  lateralwärts  (Drehbewegungen) ;  er  be- 
wegt den  Kopf  um  eine  Frontalaxe  zwischen  vorne  und  hinten 
(Nickbewegung)  und  er  bewegt  den  Kopf  zwischen  rechts  und 
links  (Neigebewegungen). 

Wie  sich  die  einzelnen  Componenten  dieser  Partialbewegungen 
zu  einander  verhalten,  das  wird  aus  Folgendem  erhellen.  Man  legt 
eino  anatomische  Tafel  vor  sich,  in  welcher  die  Ansichtd.es  Körpers 
von  vorne  abgebildet  ist.  Diese  Tafel  repräsentirt  die  Projection 
des  Kopfnickers  auf  die  Frontalebene.  Auf  dieser  Tafel  lässt  sich 
der  Kopfnicker  durch  eine  von  medialwärts  unten  nach  lateral- 
wärts oben  ziehende  Gerade  substituiren;  die  Kichtung  der  Kraft 
ist  also  eine  diagonale  und  lässt  sich  sofort  in  zwei  auf  einander 
senkrechte  Componenten  —  eine  verticale  und  eine  horizontale  — 
nach  dem  Parallelogramm  der  Kräfte  zerlegen. 

Die  verticale  Componente  ist  es  nun,  die  eine  Bewegung  her- 
vorbringt, indem  sie  den  Kopf  herabzieht.  Nun  lege  man  eine  ana- 
tomische Tafel  vor  sich  hin,  welche  die  Ansicht  des  Körpers  von 
der  Seite  her  bietet  (Sagittalprojection).  Da  lässt  sich  der  Kopf- 
nicker durch  eine  Gerade  substituiren,  welche  von  vorne  unten  nach 
hinten  oben  läuft;  diese  diagonale  Gerade  zerlegt  man  wiederum  in 
zwei  Componenten,  in  eine  horizontale  und  in  eine  verticale;  nur 
die  letztere  tritt  wiederum  in  factischen  Bewegungen  auf,  indem 
sie  den  Kopf  streckt.  Endlich  denke  man  sich  den  Kopfnicker  in 
einer  Ansicht  von  oben  abgebildet;  da  Hesse  er  sich  durch  eine 
Gerade  substituiren,  die  von  vorne  medialwärts  nach  hinten  lateral- 


Zur  Mechanik  des  Sprunggelenkes.  497 

wärts  zieht;  diese  diagonale  Gerade  zerlegt  man  in  zwei  Compo- 
nenten,  eine  frontale  und  eine  sagittale;  nur  die  letztere  wird  bei 
Bewegungen  wirksam,  indem  sie  den  Kopf  nach  der  entgegenge- 
setzten Seite  dreht. 

Wenn  man  nun  am  unteren  Sprunggelenk  jede  darüber  zie- 
hende Sehne  durch  eine  Nadel  markirt,  die  in  die  Richtung  der 
Sehne  eingestochen  ist  und  das  Präparat  in  der  sagittalen,  fronta- 
len und  horizontalen  Ansicht  photographirt,  so  hat  man  in  ganz 
analoger  Weise  die  Richtung  der  Kraft  in  ihren  Projectionen  auf 
die  drei  Coordinatenebenen  erhalten,  und  kann  die  Zerlegung  in 
einer  analogen  Weise  vornehmen.  Nach  dem  Satze 

cos2«  -|-  cos2jS  -f-  cos2y  =  1 

braucht  man  indess  die  dritte  Protection  nicht,  indem  man  y  berech- 
net. Das  wäre  eine  Behandlung  des  Themas,  die  sich  für  den  Ele- 
mentarunterricht ganz  gut  eignen  würde. 

Schöner  lässt  sich  das  Problem  in  folgender  Weise  behan- 
deln. Man  stellt  die  Frage  nach  dem  Drehungsmoment  der  einzel- 
nen Kräfte,  die  den  starren  Körper,  den  Talus,  um  eine  feste  Axe 
bewegen. 

Bei  einem  solchen  Problem  wählt  man  die  Drehungsaxe  zur 
Z-Axe  eines  räumlichen  rechtwinkligen  Coordinatensystems.  Nun 
projiciren  sich  die  wirkenden  Kräfte  sämmtlich  auf  der  XY-Ebene; 
die  Drehaxe  selbst  projicirt  sich  im  Durchschnittspunkte  der  X  und 
T.  Das  Drehungsmoment  erscheint  nun  als  Produkt  der  durch  eine 
Strecke  auf  jeder  einzelnen  Kraftrichtung  versinnlichten  Kraftgrösse, 
multiplicirt  mit  dem  Abstände  der  Kraftrichtung  von  dem  Dreh- 
punkte, resp.  der  Projection  der  Drehaxe  im  Ursprungspunkt  des 
XY -Systems.  Für  den  zuvor  angenommenen  Fall,  dass  jeder  ein- 
zelne Muskel  mit  der  Krafteinheit  einsetzt,  wird  der  zweite  Factor 
des  Produktes  jedesmal  =  1,  das  Drehungsmoment  wird  also  pro- 
portional dem  ersten  Factor,  d.  i.  der  auf  die  Richtung  der  Kraft 
vom  Drehpunkte  aus  gefällten  Senkrechten. 

Man  braucht  also  das  betreffende  Präparat,  an  welchem  einer- 
seits die  Drehaxe,  andererseits  die  Richtungen  der  Muskelkräfte 
durch  gerade  Nadeln  markirt  sind,  so  aufzustellen,  dass  die  Dreh- 
axe in  die  Axe  des  Linsensystems  einer  Camera  obscura  fällt.  Auf 


4M  A.I%«fc  Ifef  Mechanik  des  Sprunggelenkes. 

dar  —  rar  Are  dar  Li— an  senkrecht  stehenden  —  Glastafel  pro- 
jkfan  ach  die  Biohttmgeu  der  Muskelkräfte,  als  Pvojectiouen  auf 
die  XY-Ebene;  die  Draha ■..■  projieirt  sich  als  Punkt;  mau  braucht 
nun  nur  von  diesem  Punk  aus  auf  jede  der  einzelnen  Kiaftricli- 
tongen  eilte  Senkrechte  su  lallen,  und  die  Länge  dieser  Senkrechten 
ist  der  erste  Factor  in  jenem  Produkte,  das  als  Drehungsmonient 
beieichnet  wird. 

Die'  beiliegende  Tafel  seigt  das  Resultat  einer  solchen  Messung. 

Endlich  kann  man  die  Sache  auch  im  Wege  der  Bechnung 
erledigen.  Hat  man  die  durch  gerade  'Nadeln  vereinnliehten  Rich- 
tungen der  einzelnen  Muskelkräfte  und  der  Drehaie  in  wenigstens 
zwei  Projectioueu  photograpbirt  und  dabei  den  Ursprongspankt  des 
Coordinatonsystems  markirt,  so  kann  man. für  die  Drehaxe  sowohl 
als  auch  für  jede  Muskelkraft  die  Gleichungen  finden,  indem  man  in 
y  =  Bx  +  b  | 
i=Ci  +  c  I 
die  Tangenten  der  Neigungswinkel  (B  und  G)  and  die  Abschnitte 
auf  den  Aren  (b  und  c)  aus  der  Messung  au  der  Photograptii 
findet. 


1.  JlklbOChBT  1882. 


unteren  Sprunggclrnk«». 


I 


XXIV. 

Ueta  eine  angeborene  Coalition  des  Os  luna- 
tum  und  Os  tripetrum  carpi. 

Von 

Dr.  M.  Holl 

Supplent  der  Anatomie  in  Innsbruck. 

(Am  7.  Juni  1882  von  der  Redaction  übernommen.) 


Die  normale  Zahl  der  Hand-  und  Fusswurzelknochen  kann 
vermehrt  oder  vermindert  sein.  Die  Vermehrung  tritt  auf,  entweder 
dadurch,  wie  es  meistens  angetroffen  wird,  dass  der  eine  oder  an- 
dere Knochen  in  Theilstücke  zerfallen  ist,  wie  dies  die  Beob- 
achtungen von  Flesch1),  Gruber2)  und  Friedlowsky 3)  lehren, 
oder  dass,  wie  es  aber  seltener  zu  beobachten  ist,  kleine  selbststän- 
dige Knöchelchen  in  die  Keihen  der  Knochen  eintreten  (Gruber, 
Friedlowsky).  Die  Verminderung  tritt  ein  durch  Defectbildung, 
oder  aber  auch  durch  Coalition  zweier  oder  mehrerer  benachbarter 
Knochen  und  diese  Coalition  kann  nun  wieder  angeboren  oder  er- 
worbea  sein,  durch  physiologische  oder  pathologische  Processe  hervor- 
gebracht sein.  Dergleichen  Beobachtungen  wurden,  soweit  sie  das 
Fussskelet  betreffen,  von  Zuckerkandl*)  und  mir5)  mitgetheilt. 

')  Varietätenbeobachtungen  aus  dem  Präparirsaale  zu  Würzburg.  Ver- 
handlungen der  pbys.-med.  GescUsch. 

*)  Verschiedene  Aufsätze  in  Virchow's  Archiv  und  Petersburger  Aka- 
demieschriften. 

*)  Ueber  Vermehrung  der  Handwurzelknochen  durch  ein  Os  carpale  in- 
termedium  und  secundäre  Fusswurzelknochen.  Akad.  d.  Wissensch.  LXI.  Bd. 
1870.  Wien. 

*)  ^Qener  med.  Ztg.  1877  und  Wiener  med.  Jahrb. 

*)  Beiträge  zur  chir.  Osteologie  des  Fusses.  Langenbeck's  Arch.  XXV. 
Band  und  „Zur  Aetiologie  des  angeb.  Plattfusscs"  ebenda. 


600  .  Holl. 

« 

Es  ist  einleuchtend,  dass  die  Verminderung  der  Zahl  der  Hand- 
und  Fasswurzelknochen  nicht  nur  ein  anatomisches  Interesse,  son- 
dern auch  das  des  praktischen  Arztes  beanspruchen  kann,  weil  ja 
durch  solche  Abnormitäten  die  physiologischen  Functionen  der  Hände 
und  Füsse  Veränderungen  erfahren,  andererseits  aber  auch  bei  chir- 
urgischen Eingriffen  eine  Modification  derselben  Platz  greifen  muss. 

Namentlich  die  Coalition  einzelner  Fusswurzelknochen  ist  von 
eminenter  Bedeutung,  weil,  wenn  dieselbe  z.  B.  das  Kahnbein  und 
das  Schiffbein  betrifft,  die  Enucleation  des  Passes  im  Chopart'- 
schen  Gelenke  mittelst  des  Messers  unausführbar  ist, .  und  f&r  die 
Durchtrennung  der  Knochen  zur  Säge  geschritten  werden  muss, 
ebenso  als  die  Operation  nach  Lignerolles,  die  Enucleation  im 
Gelenke  zwischen  Talus  und  Calcaneus  mit  Erhaltung  des  letzteren 
mittelst  des  Messers  unausführbar  ist,  wenn  Talus  und-  Calcaneus 
knöchern  coalirt  sind.  Solche  Coalitionen  wurden  von  Zuckerkandl 
und  mir  beschrieben. 

Wie  physiologisch  wichtig  solche  angeborne  Coalitionen  zwischen 
Calcaneus  und  Scaphoideum  sind,  geht  daraus  hervor,  dass  wie  ich 
in  Langenbeck's  Archiv  „über  die  Aetiologie  des  angsbornen 
Plattfusses"  nachgewiesen  habe,  eine  angeborne  Coalition  zwischen 
diesen  beiden  Knochen  stets  einen  Plattfuss  hervorbringt,  dass  also 
die  Prognose  für  die  angebornen  Plattfüsse  ziemlich  ungünstig  zu 
stellen  ist,  da  dieselben  als  solche  in  der  Entwicklung  angelegt 
wurden. 

Wenn  die  Coalition  zwischen  einzelnen  Fusswurzelknochen 
ein  erhöhtes  Interesse  zu  erregen  vermag,  da  diese  Bildungsabwei- 
chung die  Gangart  des  betreffenden  Individuums  modificirt  und  die 
Füsse  ein  grosses  Feld  für  chirurgische  Eingriffe  darstellen,  so 
können  wir  dasselbe  im  gleichen  Masse  nicht  behaupten  von  der 
Coalition  einzelner  Handwurzelknochen,  da  ja  einerseits  das  Messer 
des  Chirurgen  nicht  besonders  häufig  die  Gelenke  zwischen  den 
einzelnen  Handwurzelknochen  aufsucht.  Wohl  aber  können  die  phy- 
siologischen Functionen  der  Hand  Einbusse  erleiden,  wenn  die  Coa- 
lition zwischen  Knochen  der  1.  und  2.  Handwurzelreihe  auftritt, 
indem  ja  die  Articulatio  intercarpea  bei  den  Eadial-  und  Ulnarflexio- 
nen  der  Hand,  eine  Bolle  zu  spielen  berufen  ist,  wie  dies  die  Unter- 
suchungen Langor's  ergeben  haben;  es  kann  sohin  die  Arbeits- 
tuchtigkeit  einer  Hand  dadurch  herabgesetzt  sein« 


Ueber  eine  angeb.  Coalition.  501 

Ist  die  Coalition  zwischen  zwei  Handwurzelknochen  derselben 
Eoihe  vorhanden,  so  wird  der  Effect  kein  besonderer  sein,  da  ja  die 
einzelnen  Ligamenta  intercarpea  Knochen  an  Knochen  inftig  binden 
und  die  freie  Bewegung  beeinträchtigen,  wohl  nicht  der  Art,  dass 
die  Bewegungen  der  Knochen  vollkommen  gehemmt  sind;  und  so 
wird  also  eine  solche  Coalition  die  möglichen  geringen  Bewegun- 
gen aufheben.  Dass,  dies  im  Auge  behaltend,  die  „Gelenkigkeit" 
der  Hand  nicht  besonders  irritirt  werde,  geht  aus  dem  Bewegungs- 
mechanismus der  betreffenden  Gelenke  hervor. 

So  viel  ich  weiss,  sind  angeborne .  Coalitionen  zweier  Hand- 
wurzelknochen  in  der  Literatur  noch  nicht  verzeichnet  und  nach- 
folgender Fall  ist  daher  der  Erwähnung  werth. 

Die  Skelete  der  rechten  und  linken  Hand  eines  26jährigen 
Schusters  aus  Kärnthen  zeigen,  dass  die  Handwurzelknochon  rechts 
und  links,  wenn  man  von  dem  Os  pisiforme,  einem  Sesambeine  des 
M.  ulnaris  internus  absieht,  nur  aus  6  Stücken  bestehen.  Die  Ver- 
minderung ist  aufgetreten  durch  eine  Coalition  zwischen  dem  Os 
lunatum  und  Os  triquetrum  an  der  Stelle,  wo  sich  die  Gelenk- 
flächen zusehen.  Es  bilden  beide  genannte  Knochen  einen  einzi- 
gen, welcher  an  der  unteren  Fläche  einen  tiefen  Sulcus  aufweist 
als  Andeutung  des  Bestandes  aus  zwei  Knochen.  Wenn  man 
sich  die  genannten  Knochen  einer  normalen  Handwurzel  an  den 
sich  zusehenden  Gelenksflächen  zusammengelöthet  denkt,  so  hat 
man  das  genaue  Bild  des  vorliegenden  Falles.  Die  gelenkigen  Ver- 
bindungen des  einen  Knochens  mit  den  benachbarten  kommen  in 
derselben  Weise  zu  Stande,  als  wenn  die  beiden  Knochen  die  Coa- 
lition nicht  eingegangen  wären. 

Da  sich  nirgends  Residuen  eines  stattgefundenen  Entzündungs- 
processes  vorfinden,  so  kann  man  (aber  auch  per  analogiam)  fest- 
stellen, dass  die  Coalition  eine  angeborene  ist.  Welche  geringe 
Consequenzen  eine  derartige  Coalition  im  Gefolge  hat,  ist  früher 
erörtert  worden,  und  sie  ist  hauptsächlich  durch  die  anatomische 
Karität  der  Beachtung  werth. 

Erhöhtes  Interesse  gewinnt  vorliegender  Fall,  wenn  man  ihn 
in  Beziehung  zu  anderen  ähnlichen  bringt.  Bei  Betrachtung  des 
Carpus  und  Tarsus  ergibt  sich,  dass  das  Scaphoideum  und  Lunatum 
der  Hand,  beide  zusammengenommen  dem  Talus,  und  das  Os 
triquetrum  dem  Calcaneus  homolog  sind. 


502  Holl. 

Es  sind  angeborne  Coalitionen  zwischen  Talus  und  Calcaneus 
bereits  mehrmals  von  Zucker  kandl  und  mir  angetroffen  worden; 
man  kann  sagen,  dass  die  angeborne  Coalition  des  Os  lunatum  mit 
dem  Os  triquetrum  der  Hand  ihr  Homologon  findet  in  einer  an- 
gebornen  Coalition  zwischen  Talus  und  Calcaneus. 

Die  Ursache  der  Coalition  ist  entschieden  in  entwicklungsge- 
schichtlichen Vorgängen  zu  suchen.  Es  haben  sich  die  Anlagen  vom 
Mondbeine  und  dem  dreieckigen  Beine  aus  der  ursprünglichen  zu- 
sammenhängenden Blastemmasse  nicht  differenzirt.  Kölliker1) 
schildert  die  Entwicklung  des  Extremitätenskelets  und  der  Gelenke 
in  folgender  Weise: 

„Nach  meinen  Erfahrungen  beim  Menschen  und  vor  Allem 
beim  Kaninchen,  bei  dem  ich  die  Extremitätenanlagen  von  dem  ersten 
Stadium  an  geprüft  habe,  entsteht  das  ganze  Extremitätensielet 
als  eine  von  Anfang  an  zusammenhängende  Blastemmasse,  in  der 
vom  Rumpfe  gegen  die  Peripherie  zu,  Knorpel  um  Knorpel,  Ge- 
lenkanlage nach  Gelenkanlage  deutlich  wird  und  sich  differenzirt, 
so  dass  jeder  Knorpel  vom  ersten  Anfange  an  selbstständig  und 
ohne  Zusammenhang  mit  dem  Nachbarknochen  sich  anlegt,  zugleich 
aber  auch  von  seinem  weiteren  Entstehen  an  mit  seinen  Nachbarn 
durch  die  gleichzeitig  mit  ihnen  deutlich  werdende  Gelenklage  ver- 
einigt ist".  Ferner  sagt  er  S.  493:  „Alle  Theile  des  Skelets  sind 
ursprünglich  durch  Syndesmosis  verbunden,  wenn  man  einen 
Zustand  so  nennen  darf,  in  welchem  weiche,  noch  indifferente 
Zellenmassen  die  Bindeglieder  darstellen.  Diese  Zellenmassen  sind, 
wie  schon  angegeben,  gleich  bei  der  ersten  Anlage  des  Extremitä- 
tenskelets gegeben  und  anfanglich  von  den  Elementen  nicht  zu 
unterscheiden,  die  die  Knorpel  liefern.  Sowie  aber  dann  diese  Hart- 
gebilde deutlich  zu  werden  beginnen,  fangen  auch  die  Zwischenge- 
bilde an  einen  bestimmten  Charakter  anzunehmen". 

Nach  diesen  Angaben  hätte  man  anzunehmen,  dass  jene  in- 
differenten Zellenmassen,  welche  die  Bindeglieder  zwischen  den 
Knorpelanlagen  des  Os  lunatum  und  Os  triquetrum  bilden  und  von 
Kölliker  Syndesmosis  genannt  werden,  sich  nicht  differenzirten. 


'    ')  Entwicklungsgeschichte.  Leipzig  1879.  S.  491. 


XXV. 

Zur  Lehre  über  die  Transposition  der  aus  dem 
Herzen  tretenden  arteriellen  Gefässstämme. 

Von  • 

Dr.  H.  Holl 

Supplent  der  Anatomie  in  Innsbruck. 

Hiezu  4  Holzschnitte  und  Tafel  XIII  Fig.  4. 
(Am  7.  Juni  1882  von  der  Redaction  übernommen.) 


Die  Ursachen  der  angebornen  Bildungsfehler  des  Herzens  er- 
fuhren wohl  erst  durch  das  Erscheinen  des  Werkes  von  Rokitansky 
„lieber  die  Defecte  der  Scheidewände  des  Herzens"  (Wien  1875) 
begründete  Erklärungen;  vorher  bauten  sich  die  letzteren  im  Gros- 
sen und  Ganzen  (wenige  ausgenommen)  auf  den  schwankenden 
Grundpfeilern  von  Hypothesen  auf,  und  so  kam  es,  dass  die  eine 
Lehre  bald  die  andere  verdrängte.  Die  sich  der  Beobachtimg  dar- 
bietenden Fälle  von  Bildungsanomalien  müssen  von  nun  an  stets 
mit  Zugrundelegung  der  Rokitansky'schen  Resultate  untersucht 
werden,  indem  dieser  Autor  nicht  nur  auf  viele  neue  Details  für 
die  Untersuchung  aufmerksam  machte,  welche  man  früher  nicht 
gekannt  hatte,  sondern  auch  aus  dem  Grunde,  damit  die  neu  ge- 
gebenen Ansichten  ihre  eventuelle  Bestätigung  finden.  Man  kann 
sagen,  die  Anschauungen  über  die  Defecte  im  Septum  ventriculo- 
rum  cordis  waren  früher  höchst  mangelhafte. 

Die  genaue  anatomische  Kenntniss  des  Septum  ventriculorum 
cordis  und  die  Entwicklungsgeschichte  desselben  sind  es,  welche  im 
Stande  sind,  die  häufigsten  Bildungsfehler  des  Herzens  zu  erklären. 
Dieselben  vermögen  die  Defecte  der  Scheidewände  des  Herzens,  ihr 
Zusammentreffen  mit  anderen  Anomalien,  die  Transposition  der 


;ius  dem  Herzen  tretenden  arteriöse»  (infässstiimiiie,  ohne  Vorhan- 
densein eines  Dofectos  im  Septum  ventr.  richtig  zu  deuten. 
Gerade  ftir  die  EuUtchung  der  letztgenannten  Bildungsabweicbaug: 
hatte  man  vor  Rokitansky  koiuo  oder  wenn  auch,  nur  eine  un- 
gonugendo  Erklärung  gehabt  und  da  Rokitansky  selbst  sagt,  dass 
für  seine  Ansicht  über  dio  Entstehung  der  Transpositionen  nacli- 
HtMrfi  Beftiude  selten  vorkommen  und  dio  vorgekommenen  in 
Richtung  seiner  Anschauung  nicht  berücksichtigt  worden  sind  (und 
meines  Wissens  in  der  Art  bis  jetzt  nichts  publicirt  worden  ist),  so 

glaube  ich  verdient  df         indlung  Beachtung,  indem  sie 

sich  mit  der  Untersuchung  eines  ,  is  beschäftigt,  dessen  arteriöse 

Gefässatämme  tran.snonirt  sind,  ii  ngehörigen  Ventrikeln  stecken 

und  dabei  keiu  Defect  des  Septur*1  rotr.  nachzuweisen  ist;  um  so 
mehr  verdient  sie  Beachtung,  ritansky  selbst  nicht  in  der 

Lage  war,  einen  solchen  Befund  angeiien  zu  können,  welcher  seine 
genial  exponirte  Theorie  der  Trai  osition  in  letzterer  Hinsicht 
hätte  beweisen  und  gleichsam  verw,  ichen  können.  Bei  der  Unter- 
suchung desselben  leiteten  mich  die  Kokitansky'schen  Lehren 
uud  ich  erwähne  gleich  im  vorhinein,  dass  dieselben  ihre  volle  Be- 
stätigung linden. 

Dar  Befund  des  Herzens  betrifft  ein  71  Tage  altes  Kind,  wel- 
ches ich  im  vergangenen  Jahre  auf  Veranlassung  meines  Collegen 
Dr.  Ferdinand  Fruhwald,  im  St.  Anna-Kinderspitale  obducirte. 
Es  sei  mir  gestattet,  gleich  an  dieser  Stelle  Herrn  Dr.  F.  Früh- 
wald den  besten  Dank  für  die  Ueberlassung  des  Falles  zur  Unter- 
suchung abzustatten. 

Das  Kind  soll  von  Geburt  an  „blau"  gewesen  sein  und  stand 
wegen  Bronchialkatarrh  und  Gehirn  convulsionen  in  Behandlung  und 
war  mit  der  Diagnose  „Cyanosis  adnata"  im  Kranken-Protokolle 
eingetragen.  Der  Sectionsbefund  ergab:  Hautdecken  bläulich,  sicht- 
bare Schleimhäute  hyperämisch,  dunkel.  Hyperaemia  cerebri  et  pul- 
monum, Catarrhus  bronchialis,  intestinalis. 

Das  Herz  gross,  Spitze  stumpf  und  sehr  breit;  die  freiliegende 
Wurzel  der  Aorta  aus  dem  rechten  Herzen  entspringend,  die  A. 
pulmonales  hinten  und  links  von  derselben  aus  dem  linken  Ventri- 
kel. Das  breite  Herz  misst  von  seiner  Basis  bis  zur  verbreiterten 
Spitze  75  Mm.,  die  grösste  Breite  60  Mm.  Das  Fleisch  des  rechten 
Ventrikels  nahezu  eben  so  dick  als   das  des  linken.    Die,  Höhlen 


Transposition  der  ärtcr.  Gcf&ssstämme.  505 

gleich  geräumig.  Foramen  ovale  und  Ductus  Botalli  offen.  Dor 
innere  Befund  des  Herzens  normal  mit  der  Ausnahme,  dass  aus 
der  rechten  Kammer  die  Aorta,  aus  der  linken  die  Pulmonalis  ent- 
springt. Die  Aorta,  welche  eine  vordere,  rechte  und  linke  Klappe 
zeigt,  geht,  vor  der  Pulmonalis  situirt,  über  deren  linken  Ast  in 
das  Unke  Mediastinum.  Die  Coronararterien  ramificiren  sich  normal. 
Die  Pulmonalis  zeigt  eine  hintere,  rechte  und  linke  Klappe.  Das 
Septum  ventriculorum  weist  an  keiner  Stelle  einen  Defect.auf;  es 
verhält  sich  zu  den  arteriösen  Ostien  in  derselben  Weise,  als  wonn 
die  grossen  Arterienstämme  aus  den  gehörigen  Ventrikeln  entsprin- 
gen würden. 

Es  entsteht  nun  die  Frage,  auf  welche  Weise  es  zur  Trans- 
position der  Aorta  und  Arteria  pulmonalis  gekommen  ist. 

Die  Ursache  der  Transpositionen  wird  nahezu  von  allen  Autoren 
auf  Vorgänge  in  den  ersten  Entwicklungsphasen  zurückgeführt,  das 
Zustandekommen  auf  die  verschiedenartigste  Weise  erklärt.  Durch- 
blickt man  die  Reihe  der  gegebenen  Ansichten,  so  kommt  man 
wohl  zu  dem  Schlüsse,  dass  ein  intensiveres  Studium  der  Ursachen 
der  Transpositionen  erst  bei  Eokitansky  in  der  oben  citirten 
Arbeit  angetroffen  wird.  Es  ist  nothwendig,  vor  dem  Gange  der 
Untersuchung  etwas  näher  auf  die  Anschauungen  dieses  Autors 
einzugehen. 

Nach  Eokitansky  (S.  81)  versteht  man  unter  Jransposition 
gemeinhin  jene  Anomalie,  bei  der  die  artoriöson  Gefässstämmo  aus 
den  ungehörigen  Ventrikeln  entspringen.  Es  kann  dies  bei  normalor 
Stellung  der  arteriösen  Gefässstämme  der  Fall  sein,  gemeinhin  aber 
ist  diese  anormal.  —  Es  kommt  jedoch  auch  das  Gogoutlioil,  näm- 
lich anomale  Stellung  der  Gefässstämme  und  Einpflanzung  dersel- 
ben in  die  gehörigen  Ventrikel  vor.  Das  muss  augenscheinlich  von 
der  Anlage  dos  Septum  ventriculorum  abhängen.  Da  sich  die  An- 
lage des  Septum  ventr.  nach  der  Anlage  des  Septum  trunci  richtet, 
so  ist  ein  Verständniss  der  Transpositionen  nur  auf  Grund  der  An- 
nahme von  Anomalien  der  Anlage  dieser  letztoren  möglich.  Und 
diese  Annahme  stimmt  so  sehr  zu  den  Thatsachen,  dass  über  ihre 
Berechtigung  kaum  zu  zweifeln  ist. 

Des  weiteren  Verständnisses  wegen  ist  es  nun  Erforderniss, 
die  Anatomie  der  normalen  Septa  und  ihre  Entwicklungsgeschichte 
nach  den  Lehren  desselben  Autors  zu  skizzircn. 


506  Boll. 


Auf  einem  Qaeredu»  durch  ein  normales  Herz  findet  man, 
disa  das  Septum  Tentr.,  wie  es  auch  die  Abbildung  des  mit  ober- 
wibntar  Anomalie  behaftet»  Herzens  (Taf.  XIII  Fig.  1)  lehrt,  von 
dem  Sebnenringfl  nriaehen  den  beiden  venösen  Ostien  hinten  (h) 
entspringend,  gerade  nach  vorne  zieht,  an  die  rechte  Wand  der 
Aorta  (hier  Pulmonale  P)  tritt,  sieb  zur  Pars  inemhranacea  septi 
(m)  gestaltet,  welche  zwischen  der  hinteren  und  rechten  Aortaklapfie 
(hier  PulmonaUdappe  A  nji.j  ;■)  postirt  ist,  dann  wieder  fleischig 
werdend,  am  den- rechten  Umfang  der  Aorta  (hier  Pulmonale  P) 
so  weit  herumgeht,  dasa  die  grössere  vordere  Hälfte  der  rechte» 
Aortaklappe  (hier  rechte  Pulmonalt läppe  r)  und  die  anstoßend«  ■ 
fordere  Hälfte  der  linken  Klappe  (!)  in  seinen  Bereich  fallen,  sodass 
die  Aorta  (hier  Pulmonale  !•)  an  dieser  Stelle  im  Septimitteisclio 
steckt,  wahrend  der  Beet  des  Umfanges  der  Aorta  (hier  Pulmonal) 
also  der  Bereich  der  kleineren,  hinteren  Hallte  der  rechten,  die 
ganze  hintere,  and  die  hintere  Häute  der  linken  Klappe  Hos  im 
Faserringe  steckt,  welcher  rechts  die  Pars  inembranacea  septi  ab- 
.  gibt»  Das  Septum  ventr.  zerlallt  in  einen  hinteren  Theil  (hinteres 
Septum  h)  und  einen  die  Aorta  (hier  Pulmonaiis  P)  rechts  um- 
fassenden, forne  zwischen  die  beiden  arterifcaH  UolUssostieu  eintre- 
tenden vorderen  Theil  (vorderes  Soptum  a),  zwischen  denen  sich 
die  Pars  membranaeoa  {*»)  befindet.  Die  vordere  Portion  des  vor- 
deren Soptiyn  fleisch  es  stellt  den  Conus  arteriosus  dexter  her.  Die 
Lungenarterie  (hier  Aorta  A)  lagert  vor  der  Wurzel  der  Aorta  (hier 
Pulmonaiis  P)  in  schräger  Richtung  nach  links  und  aufwärts. 


Flg.  1. 


Das  Verhältniss  der  Ostien  bei  normalem  Stande  der  Aorta 
Kirni  Septum  ventricul.  ergibt  beistehende  schematische  Figur  1  « 
(Copie  nach  Rokitansky)-,  Gefässostiou  und  Septum  bei  der  An- 
sicht von  oben.  A  Aorta,  P  Pulmonaiis,  s  Sept.  vontr.  der  rundliche 


Transposition  der  arter.  Gef&ssstämme.  507 

Knoten  der  Ausgangspunkt,  dor  spindelförmige  die  Pars  meinbranacea 
septi.  Die  Aorta  und  Pulmonalis  sind  hervorgegangen  durch  die 
Theilung  eines  früher  gemeinsamen  Eohres,  des  Truncus  arteriosus 
communis,  welcher  mittelst  des "  Septum  trunci  in  einen  vorderen 
linken  (Pulmonalis)  und  hinteren  rechten  (Aorta)  getheilt  wird. 
Fig.  1  ß.  Die  Scheidung  des  Truncus  arteriosus  communis  in  eine 
Arteria  pulmonalis  und  Aorta  geht  nach  Eokitansky  in  folgender 
Weise  vor  sich  (1.  c.  S.  74):  „Im  Beginne  des  5.  Brütetages  erhebt 
sich  'von  der  inneren  Fläche  des  Truncus  arteriosus  communis  links 
und  etwas  hinten,  oberhalb  des  Ansatzpunktes  des  vorderen  Schen- 
kels des  Septum  ventr.  ein  leistenartiger  Wulst,  welcher  nach  rechts 
und  etwas  nach  vorne  hin  wächst,  so  dass  der  Truncus  —  im  Ge- 
gensätze zu  Lind e's  Angaben  —  in  einen  vorderen  etwas  links 
und  einen  hinteren  etwas  rechts  stehenden  Antheil,  die  Art. 
pulmonalis  und  die  Aorta  gesondert  wird.  Dieser  leistenartige 
Wulst  wächst  übrigens  nicht  geradlinig  in  der  angegebenen  Eich- 
tung  durch  das  Lumen  des  Truncus,  sondern  so,  dass  das  Septum 
trunci  eine  hintere,  der  Aorta  zugekehrte  Concavität  und  eine  vor- 
dere, dor  Arteria  pulmonalis  zugekehrte  Convexität  zeigt,  und  somit 
das  Lumen  dor  Art.  pulmonalis  nach  beistehendem  Schema  (Fig.  2 
Copie  nach  Eokitansky)  auf  dem  Querschnitt  muldenförmig  er- 
scheint". 

Wir  finden  nun,  bezugnehmend  auf  die  Fig.  FlS-  2- 
1  <*,  dass  das  Septum  vontric.  sich  normalitor  in 
der  Weise  bildet,  dass  dasselbe  dem  Septum  dos 
Truncus  arteriosus  folgend,  den  hinteren  Gefäss- 
stamm  (Aorta)  vorne  umfasst,  sodann  um  ihn  rechts 
herumgeht. 

Eokitansky  nimmt  an,  dass,  soferne  das  normale  Verhältniss 
aus  einem  Vorgange  rosultirt,  bei  dem  das  Septum  trunci  hinten 
links  am  Truncus  (Fig.  2)  auftritt  und  denselben,  von  hier  aus  mit 
seiner  Concavität  nach  hinten  gewendet,  in  eine  hintere  und  rechts 
stehende  Aorta  und  eine  vorne  und  links  stehende  Lungenarterie 
scheidet,  so  müssen  sich,  sobald  das  Septum  trunci  von  einer 
anderen  Stelle  desselben  ausgeht  und  denselben  mit  entsprechender 
Haltung  in  einer  anderen  Eichtung  durchsetzt,  Anomalien  in  der 
Stellung  der  Gefässstämme  ergeben. 


508  Holl. 

Kokitansky  (L  c.  S.  582)  sagt  nun:  „Hiemit  ist  es  jedoch 
keineswegs  nothwendig,  eine  anomale  Einmündung  der  Gefässstämme 
(Transposition  im  engeren  Sinne)  gegeben,  ja  es  wird  sich  zeigen, 
dass  bei  derselben  Stellung  der  Oefässstämme  diese  einmal  in  die 
gehörigen  Ventrikel  münden,  das  anderemal  aber  transponirt  sind. 
Die  Transpositionen  müssen  demnach  von  einem  umfassenderen  ge- 
netischen Standpunkte  aus  in  Betracht  gezogen  werden,  wenn  man 
zu  einem  klaren  Verständniss  derselben  überhaupt  gelangen  und  im 
Besonderen  erforschen  und  einsehen  will,  wie  eine  anomale,  z.  B. 
eine  der  normalen  geradezu  entgegengesetzte  Stellung  (Transposition) 
der  Gefässstämme  in  Beziehung  auf  die  Ventrikel  durch  das  Sep- 
tum  ventr.  ausgeglichen  oder  corrigirt  wird". 

An  gleicher  Stelle  sucht  nun  derselbe  Autor  die  Entstehung 
der  anomalen  Stellung  der  arteriellen  Gefässstämme  zu  erläutern, 
indem  er  sagt,  dass  man  wohl  annehmen  dürfe,  dass  das  Septum 
trunci  einmal  zwar  an  der  gewöhnlichen  Stelle  im  Truncus  auftrete, 
von  da  aus  aber  anomaler  Weise  denselben  mit  seiner  Concavi- 
tät  nach  vorne  gewendet  so  durchsetze,  dass  eine  vordere  linke 
Aorta  und  eine  hintere  rechte  Lungenarterie  angelegt  wird  (Fig.  Sß 


ß 


Copie  nach  Kokitansky).  Die  Norm  (Fig.  1)  und  die  ebengedachte 
Anomalie  (Fig.  3)  geben  in  der  That  die  Grundformen  ab,  aus  denen 
sich  sämmtliche  anomale  Stellungen  der  arteriösen  Gefässstämme 
mit  gehöriger  und  ungehöriger  (transponirter)  Einmündung  ablei- 
ten Hessen. 

Wenn  nun  der  Ausgangspunkt  des  Septum  trunci  sich  ver- 
schiebt (Fig.  1/3),  an  dessen  linkem  Umfange  immer  mehr  und  mehr 
nach  vorne  rückt,  so  kommt  endlich  eine  Transposition  der  Arterien- 
stämme zu  Stande,  welche  aber,  da  das  Septum  ventr.  entsprechend 
dem  Ausgangspunkte   des   Septum   trunci   sich  in  gleicher  Weise 


Tr  ansposition  der  arter.  Gefassstämme.  509 

anlegt,  durch  dasselbe  corrigirt  wird,  so  dass  die  Arterienstämme 
aus  den  gehörigen  Ventrikeln  entspringen. 

Wenn  jedoch  der  Theilungsvorgang  des  Truncus  arteriosus 
comm.  in  der  Weise  auftritt,  dass  das  Septum  trunci  zwar  an  der 
gewöhnlichen  Stelle  auftritt,  dasselbe  ihn  aber  anomaler  Weise  mit 
seiner  Concavität  nach  vorne  (Fig.  3  ß  Copie  nach  Eokitansky) 
gewendet  durchsetzt,  so  ergibt  sich,  die  Entwicklung  des  Septum 
ventr.  (Fig.  3  a*)  anlangend,  welches  stets  der  Entwicklung  des 
Septum  trunci  folgt,  das  Verhältuiss  der  arteriellen  Gefassstämme 
in  der  Art,  wie  es  Fig.  4  cc  zeigt,  dass  die  durch  das  Septum  trunci 
schon  anomal  gestellten  transponirten  Arterien  auch  aus  den  unge- 
hörigen Ventrikeln  entspringen. 

Die  primäre  Stellung  und  Anlage  des  Septum  trunci  ist  hier 
sonach  die  Ursache  für  diese  Art  der  Transposition  (Fig.  3  «)  der 
arteriösen  Gefassstämme  mit  gleichzeitiger  Einpflanzung  in  die  un- 
gehörigen Ventrikel. 

Fig.  4. 
ß 


Jedoch,  wie  die  Stellung  der  arteriösen  Gefassstämme  sich  än- 
dern wird,  wenn  der  Ausgangspunkt  des  Septum  trurJci  verlegt  wird, 
wie  früher  erwähnt  wurde,  so  finden  wir  auch  jetzt  bei  Fig.  3  ß, 
wo  das  Septum  trunci  seine  Concavität  nach  vorne  kehrt  und  eine 
varne  und  links  situirte  Aorta  und  eine  hinten  und  rechts  postirte 
Pulmonalis  erzeugt  wurde,  dass  wenn  der  Ausgangspunkt  des  Sep- 
tum trunci  sich  verlegt,  z.  B.  nach  vorne  rückt  (Fig.  4  ß  Copie 
nach  Rokitansky),  dass  die  Stellung  der  beiden  arteriösen  Gefass- 
stämme eine  andere  geworden  ist;  wir  haben  eine  vorne  und  rechts 
stehende  Aorta  und  eine  links  und  hinten  situirte  Pulmonalis. 

Dem  oben  Erwähnten  zufolge  stecken  die  Arterien  in  den  un- 
gehörigen Ventrikeln  (Fig.  4  «)  und  da  aber  das  Septum  ventr.  der 

Med.  Jahrbücher.  1882.  33 


510 

Kntwirklung  des  Btptun  tnud  Mut,  so  resultirt  notwendigerweise 
diejenige  Stellung  der  (Wien,  welche  die  arteriösen  Gefäbsstämmc 
irijrmi  Wir  S . 1 1 1 , ■  r l  eo  beispielsweise  einen  Fall  vor  uns,  wo  die 
vorn«  und  rechts  zu  der  Altana  pulmonalis  stehende  Aorta  aus 
dem  rechten  Ventrikel  entspringt,  während  die  Pulmonalis  im  lin- 
ken Ventrikel  wurzelt;  also  Transposition  und  Einpflanzung  in  die 
ungehörigen  Ventrikel. 

Rokitansky  hat  in  genialster  Weise  zwei  Reihen  von  Sche- 
men dargestellt,  welche  alle  mögliehen  Arten  der  Transposition eo 
umfassen,  die  eine  Reihe  der  Trans  Positionen  mit  Einpflanzung  der 
arteriösen  Stämme  in  die  gehörigen,  die  andere  mit  Einpflanzung  in 
die  ungehörigen  Ventrikel. 

Es  ist  nun  von  Belaug  diese  Theorie  der  Transpositionen,  die 
gegebenen  möglichen  Schemen  durch  nachweisende  Befunde  erhärten 
zu  können,  um  so  mehr  als  Rokitansky  selbst  sagt,  dass  nach- 
weisende Befunde  selten  vorkommen  und  die  vorgekommenen  in 
dieser  Richtung  nicht  beachtet  worden  sind.  So  konnte  Rokitansky 
nur  eine  Form-der  einen  Schemenreihe  durch  zwei  Präparate  nach- 
weisen; dies  gilt  für  die  Transposition  ohne  Vorhandensein 
eines  Defectes  im  Septura  ventriculorum;  die  arteriösen  G efässstämme 
waren  transponirt,  Aorta  vome  links,  Pulmonalis  hinten  rechts, 
wurzelten  aber  in  den  gehörigen  Ventrikeln. 

Um  so  interessanter  wird  der  Befund  des  vor  mir  liegenden 
Herzens,  welches  ohne  Defeet  im  Septum  ventriculorum  cordia  das 
3.  Glied  der  Schemonreihe  B  (Rokitansky  S.  85)  gleichsam  ver- 
wirklicht, ein  Bild  jener  Reihe,  wo  die  transponirten  Gefasse  in 
den  ungehörigen  Ventrikeln  stecken,  für  welche  ganze  Reihe  Ro- 
kitansky keinen  nachweisenden  Befund  anzuführen  in  der  Lage  ist. 

Betrachten  wir  nun  die  Verhältnisse  des  anomalen  Herzens, 
wie  sie  uns  die  Abbildung  (Taf.  XIII.  Fig.  1)  zeigt,  in  Beziehung 
auf  die  Rokitansky'sche  Theorie,  so  kommen  wir  zu  folgendem 
Resultate.  Wir  sehen  auf  einem  Querschnitte  durch  das  Herz,  dass 
die  Aorta  vorne  rechts,  die  Arteria  pulmonalis  hinten  links  postirt 
sind,  in  gleicher  Weise,  wie  dies  die  schematische  Figur  4  ß  uns 
lehrt.  Die  Arteria  pulmonalis  steckt  in  dem  Unken  Ventrikel,  wäh- 
rend die  Aorta  in  dem  rechten  wurzelt;  die  Anordnung  des  Septum 
ventr.  verhält  sich  in  ganz  gleicher  Weise,  wie  ein  normales  Sep- 
tum ventr.,   dessen   Anordnung  früher  des  näheren  skizzirt  wurde, 


Transposition  der  arter.  Gefassstämme.  511 

nur  mit  dem  Unterschiede,  dass  die  Pulmonalis  die  Stelle  der 
Aorta  einnimmt.  Das  Septum  ventr.  umgreift,  wie  dies  stets  der 
Fall  ist,  den  hinteren  Gefassstamm  (hier  die  A.  Pulmonalis)  und 
die  beiden  arteriösen  Ostien  in  ihrem  Verhalten  zum  Septum 
ventricul.  veranschaulicht  uns  die  schematische  Fig.  4  «.  Bei  Be- 
trachtung der  Fig.  4  <*  und  ß  finden  wir,  dass  sie  übereinstimmt  mit 
dem  3.  Bilde  der  Schemenreihe  B  (Rokitansky),  welches  in  Wor- 
ten lautet:  Transposition  der  arteriösen  Gefassstämme  mit  Einpflan- 
zung in  die  ungehörigen  Ventrikel  ohne  Vorhandensein  eines  De- 
fectes  im  Septum  ventr.  Hervorgegangen  ist  dieses  Bild  gleichsam 
aus  dem  Grundschema  Fig.  3  «  und  ß,  indem  die  Einpflanzung  des 
anomal  gestellten  Septum  trunci  (Fig.  3  ß  Concavität  nach  vorne) 
weiter  nach  vorne  rückte  (Fig.  4  ß)  und  mit  ihm  die  Stellung  des 
Septum  ventr.  sich  änderte. 

Gehen  wir  an  die  Erklärung  des  Befundes,  so  müssen  wir  die 
Ursache  mit  Rokitansky  entschieden  in  der  anomalen  Anlage  des 
Septum  trunci  suchen.  Das  Septum  trunci  wurde  gleichsam  verkehrt 
angelegt  in  der  Weise,  dass  es  seine  Concavität  statt  nach  hinten 
nach  vorne  kehrte,  so  dass  der  Truncus  communis  in  eine  vordere 
Aorta  und  eine  hintere  A.  pulmonalis  verlegt  wurde;  gleichzeitig 
war  aber  der  Ausgangspunkt  des  Septum  trunci  nicht  an  die  nor- 
male Stelle  links  hinten  (Fig.  3  ß  der  rundliche  Knoten)  verlegt, 
sondern  wurde  weiter  nach  vorne  postirt  (Fig.  4/3  rundlicher  Kno- 
ten), so  dass  die  Aorta  rechts  vorne,  die  A.  pulmonalis  links 
hinten  zu  stehen  kommt.  Die  Einpflanzung  der  arteriösen  Stämme 
in  die  ungehörigen  Ventrikel  rührt  daber,  dass  das  Septum  ventri- 
culorum  (Fig.  4  «)  in  der  Anlage  der  weiteren  Entwicklung  des 
anomal  gestellten  Septum  trunci  folgte.  Und  in  der  That,  der  Be- 
fund des  Herzens  (Taf.  XIII.  Fig.  1 )  bestätigt  die  Annahme  vollends, 
indem  Stellung  der  Gefassstämme,  Verhalten  des  Septum  ventricu- 
lorum  mit  denselben  in  voller  Uebereinstimmung  sind. 

Und  so  hätten  wir  eine  Art  der  Transposition,  die  Rokitansky 
in  so  genialer  Weise  theoretisch  darlegte,  verwirklicht. 


33 


Erklärung  der  Abbildung  auf  Tafel  XHT  FI&  1 


AkorU, 


(,  r,  *  Bake,  rechte,  vordere  Klappe  der  Aorta, 
t,  *,  t  Ulke,  hintere,  nahte  KUppe  der  A.  p 

p  hinten  Abtheilung, 

a  Tordere  AbtheQimgi 

m  Pen  membruica*  dee  Septem  ventrionlornm,  . 

L  linket  Oftram  venoeam, 

JB  rechtei  Üitinm  Yenofton. 


XXVI. 

Beitrag  zu  den  Abnormitäten  der  arteriellen 

(Masse. 

Von 

Dr.  M.  Holl 

Supplent  der  Anatomie  in  Innsbruck. 

Hiezu   Tafel  XIII.  Figur   2. 
(Am  7.  Juni  1882  von  der  Redaction  übernommen.) 


Da  meines  Wissens  solche  anomale  Verhältnisse  der  Arterien, 
deren  Beschreibung  hier  folgt,  in  der  Literatur  noch  nicht  verzeich- 
net sind,  so  ist  die  Erörterung  derselben  in  dieser  Hinsicht  von 
Interesse;  aber  auch  andererseits  ist  die  Eenntniss  derselben,  na- 
mentlich des  zuerst  zu  erwähnenden  Falles  für  den  Chirurgen  von 
Bedeutung.     . 

1.  Abnormes  Verhalten  der  Schlagadern  an  der  hinteren 

Seite  des  Unterschenkels. 

An  einer  linken  unteren  Extremität  eines  männlichen  erwach- 
senen Individuums,  dessen  Arterien  injicirt  wurden,  fand  sich  fol- 
gende Anomalie  vor: 

Nachdem  die  Arteria  poplitea  (Fig.  2)  die  vordere  Schienbein- 
schlagader entsendet  hat,  theilt  sie  sich  nach  Abgabe  einzelner  Er- 
nährungszweige in  die  Ursprungsköpfe  des  Triceps  surae  und  der 
Art.  nutritia  tibiae  in  zwei  Zweige,  wovon  der  eine  lateral  gelegene 
die  Art.  peronea  (Fig.  2  P),  der  andere  medial  situirte  die  Art. 
tibialis  postica  (Fig.  2  T)  darstellt.  Das  Kaliber  der  Wadenbein- 
schlagader übertrifft  jenes  der  Art.  tibialis  postica  und  erstere  er- 
scheint wie  gewöhnlich  als  die  eigentliche  Fortsetzung  der  Kni*» 
kehlenschlagader. 


614  Holl 

Die  hintere  Schienheinschlagader  behalt  ihre  gewöhnliche  Ter- 
laufsrichluug  bei.  Die  Artoria  peronea  liegt  mit  ihrem  ersten  Seg- 
mente auf  dem  Ursprünge  des  Musculus  tibialis  posticus  auf;  das 
iweito  Segment  im  Caualis  musculo-peroneus  (Hyrtl '),  und  gibt 
etwas  unter  der  Mitte  des  Unterschenkels  eine  Arterie  ab,  welche 
zwischen  dem  Muskeineische  des  Fleior  liallucis  longus  und  der 
Fibula  eindringt,  dem  Muskel  ernährende  Zweige  gewährt,  sich 
dann  um  das  Wadeubein  herumwindet  und  sich  auf  die  vordere  Fläche 
des  Ligamentum  iutemsseuni  lagert,  um  in  der  Nähe  des  Sprung- 
gelenkes ihre  Endrainiticaticmei  ihau  (auf  der  Abbildung  nicht 
zu  sehen).  Dieser  Ast  würde  jenem  Sweige  der  Art..  peronea  ent- 
sprechen, welchen  die  Autoren  als  rteria  peronea  perforans  be- 
zeichnen. 

Das  dritte  und  vierte  Segment  (Henleä)  der  Art.  peronea 
existirt  au  der  gewöhnlichen  Stelle  eigentlich  nicht,  da  die  Arteria 
peronea  an  der  Verbindungsstelle  des  mittleren  Viertels  des  Unter- 
schenkels mit  seinem  unteren  Viertel  in  die  Arteria  tibialis  postica 
inosculirt,  so  dass  daraus  ein  eii  er  arterieller  Gefässstamm 
(Fig.  2  o)   entsteht,  welcher  die  e  der  Summe  beider  Gefasse 

besitzt,  aber  nur  circa  1  Centimeter  .ing  ist,  da  derselbe  sich  als- 
bald in  zwei  nebeneinander  liegende  Stämme  tbeilt-,  welche  parallel 
am  lateralen  Bande  des  M.  fleior  digitorum  commun.  -gegen  das 
Sprunggelenk  ziehen  (wovon  der  innere  Stamm,  Fig.  2  P,  dem 
Kaliber  nach  als  die  Fortsetzung  der  Art.  peronea,  der  Süssere 
als  die  Fortsetzung  der  Art.  tibialis  postica,  Fig.  2  T,  erscheint), 
um  sich  vor  dem  Sustentaculum  tali  wieder  zu  vereinigen,  worauf 
sofort  die  Theilung  in  eine  Arteria  plantaris  interna  und  externa 
vorgenommen  wird,  in  der  Weise,  dass  wieder  dem  Kaliber  nach 
zu  urtheileu,  die  Art.  plantaris  externa  (Fig.  2c)  als  die  Fortsetzung 
der  A.  peronea,  die  A.  plantaris  int.  (Fig.  2  i)  als  die  Fortsetzung 
der  Art.  tibialis  postica  erscheint.  Die  Plantararterien  ramificiren 
sich  nun  in  der  Fusssohle  in  der  gewohnten  Weise. 

Wir  haben  also  eine  doppelte  Inselbildung  vor  uns  and  der 
Werth  in  Beziehung  auf  praktische  Verhältnisse  besteht  darin,  dass 
am  unteren  Viertel   des   Unterschenkels  neben  einander  gleichsam 

')  J.  Hyrtl,  Ober  normale  and  abnorme  Verhältnisse  der  Schlagaden 
des  Unterschenkels.  Wien  1864. 

')  Henle,  Qe&ssiehre.  Braanschweig;. 


Abnormitäten  der  arteriellen  Gefässe.  515 

zwei  Arteriae  tibiales  posticae  angetroffen  werden,  wovon  die  innere, 
wie  schon  erwähnt  wurde,  sich  als  die  Fortsetzung  der  Art.  peronea, 
die  äussere  als  die  Fortsetzung  der  Art.  tibialis  postica  repräsen- 
tirt,  welche  auch  in  diese  Region  jene  Zweige  entsendet,  die  nor- 
maliter  hier  die  Art.  tibialis  postica  abgibt,  einschliesslich  der  Art. 
calcaneae  laterales,  die  sonst  gewöhnlich  Zweige  der  Arteria  pero- 
nea sind. 

Man  kann  den  vorliegenden  Fall  von  Anomalie  nicht  in  der 
Weise  auffassen,  dass  man  sagt,  die  Arteria  peronea  inosculire  in  der 
Höhe  der  oberen  Grenze  des  unteren  Viertels  des  Unterschenkels 
einfach  in  die  Art.  tibialis  postica,  dann  theile  sich  die  letztere, 
um  als  verdoppelte  Arterie  zum  Sprunggelenke  zu  laufen,  daselbst 
durch  Ineinanderfliessen  der  Stämme  wieder  einfach  werdend,  end- 
lich in  die  beiden  Plantararterien  zu  zerfallen. 

Diese  Ansicht  lässt  das  Verhältniss  der  Kaliber  der  Gefitss- 
stftmme  nicht  zu,  sondern  es  ist  der  vorliegende  Fall  in  der  Rich- 
tung aufzunehmen,  dass  die  Arteria  peronea  an  oberwähnter  Stelle 
die  Verlaufsrichtung  der  Art.  tibialis  postica  kreuzt,  daselbst  an  der 
Kreuzungsstelle  anastomosirt,  dann  weiterhin  an  Stelle  der  norma- 
len Art.  tibialis  postica  zu  liegen  kommt,  um  dann  am  Rande  des 
hinteren  Sprungbeingelenkes  gegenüber  in  die  Art.  plant,  ext.  und 
int.  zu  zerfallen,  nachdem  sie  die  eigentliche  Art.  tibialis  postica, 
die  abnorm  situirt  ist,  und  aussen  längs  der  zu  einer  inneren  Art. 
tibialis  postica  gewordenen  Art.  peronea  herabläuft,  wieder  aufge- 
nommen hat. 

Wie  oben  erwähnt  wurde,  ist  diese  Anomalie  für  praktische 
Verhältnisse  von  besonderer  Bedeutung,  weil  eine  Unterbindung  der 
Art.  tibialis  postica  oberhalb  des  Malleolus  internus  vollständig 
fruchtlos  gewesen  wäre,  um  eventuell  die  Blutzufuhr  zu  den  Plan- 
tararterien zu  vereiteln,  weil  gleichsam  collateral  neben  ihr  eine 
zweite  Arterie  verläuft,  welche  unterhalb  der  Unterbindungsstelle  in 
sie  inosculirt.  Ferner  hätte  der  Chirurg  eigentlich  die  Art.  peronea 
in  die  Ligatur  genommen ,  da  diese  an  der  Verlaufsstelle  der  Art. 
tibialis  postica  sich  vorfindet,  während  die  eigentliche  Art.  tibialis 
postica  etwas  auswärts  neben  derselben  herabläuft,  wie  dies  schon 
erwähnt  wurde. 

In  der  Literatur  sind  wohl  ähnliche  Anomalien  dieser  Arterien 
verzeichnet,  jedoch  stimmt  keine  der  bekannten  mit  dem  vorliegenden 


516  HolL 

Falle  vollkommen  über  ein:  Am  Ähnlichsten  verhalt  sich  die  Angabe 
Henle's f):  „Wenn  die  Art.  labialis  postica  schwach  entwickelt  ist, 
so  kann  sie  durch  eine  stärkere  Art.  peronea  ersetzt  werden  (17 
Mal  in  208  Fällen,  Quain),  welche  am  unteren  Ende  des  Unter- 
schenkels vor  der  Sehne  des  M.  fleior  digitonun  pedis  longos  sieh 
fast  rechtwinklig  medianwftrts  zum  Malleolus  medialis  wendet,  öfters 
das  Ende  der  schwachen  Art  tibialis  postica  au&immt,  und  dann 
die  Aeste  für  die  Plantarseite  des  Fusses  und  der  Zehe  abgibt  An 
derselben  Stelle  entsendet  sie  einen  Ast,  welcher  mit  der  Art  po- 
roneae  selbst  hinter  der  Articulatio  talocruralis  durch  eine  quere 
Anastomose  sich  verbindet  (Inselbildung).  Sie  kann  auch,  anstatt 
rechtwinklig  umzubiegen,  der  Richtung  der  Sehne  des  M.  fleior 
hallucis  longus  folgen"  (Hyrtl  1.  c.  3mal  unter  8  Fällen  tod 
Varietäten). 

Einen  ähnlichen,  jedoch  nicht  ganz  gleichen  Fall  finde  ich 
bei  Grub  er*)  erwähnt,  wo  an  der  linken  Extremität  eines  Manna 
sich  die  Art.  poplitea  hoch  oben  in  die  Art  tibialis  postica  und  ifi 
einen  Truncus  communis  Ar  die  Art  peronea  und  die  Art  tibialis 
antica  theilte  und  dann  die  Art.  tibialis  postica  als  Art  plantaris 
interna,  die  Art.  peronea  als  Art  plantaris  externa  endigte.  Zwi- 
schen der  Art.  tibialis  postica  und  Art.  peronea,  bevor  sie  sich  in 
die  Plantararterien  umwandeln,  existirt  eine  quere  Anastomose. 

2.  Arteria  circumflexa  huraeri  anterior  accessoria. 

An  einer  rechten  oberen  Extremität  eines  männlichen  erwach- 
senen Individuums  entsendet  die  Art.  axillaris  ausser  den  zwei  sich 
im  Grossen  und  Ganzen  normal  verhaltenden  Art.  circumflexae  hm 
noch  eine  dritte  ab,  welche  ihrer  Lage  nach  eine  Art.  circumfleia 
hum.  ant.  inferior  ist.  Dieselbe  entspringt  ein  halbes  Centimeter 
unterhalb  der  Art.  circumflexa  hum.  ant.,  hat  die  Stärke  einer 
schwachen  Radialarterie  und  versorgt  allein  die  Clavicularportion 
des  Deltamuskels  und  anostomosirt  durch  einen  Zweig  mit  der  Art. 
circumflexa  post  an  der  inneren  Fläche  des  genannten  Muskels. 
Aus  dieser  Anastomose  entspringt  ein  mit  dem  Ram.  deltoideus 
der  Art.  thoracica  acromialis  anastomosirender  Zweig,  Die  Arteria 

*)La  3ii. 

*)  Virehow's  Arch.  74.  Bd.  Berlin  1818.  S.  438. 


■pi^dli.  Jahrttijphfi'.Jahrö.  Jf 


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Abnormitäten  der  arteriellen  Gefässe.  517 

circumflexa  post.  besitzt  hinsichtlich  ihres  Kalibers  die  gewöhnliche 
Stärke,  speist  die  Mm.  teres  minor,  Anconeus  longus,  das  Ende  des 
M.  latissimus  dorsi,  hauptsächlich  aber  die  Spinal-  und  Acromial- 
portion  des  Deltamuskels. 

Bei  einer  eventuellen  Resectio  humeri,  mittelst  des  Langen- 
b  eck 'sehen  Längsschnittes,  wo  der  Deltamuskel  beiläufig  zwischen 
seiner  Clavicular-  und  Acromialportion  durchtrennt  wird,  hätte  man 
in  diesem  Falle  nach  Durchschneidung  des  Muskels  eine  beträcht- 
liche Blutung  haben  können,  weil  diese  accessorische  Art.  circum- 
flexa humeri  ant.  durchtrennt  worden  wäre,  welche  nicht  nur  direct 
aus  der  ^xillararterie,  sondern  auch  indirect  durch  die  bedeutende 
Anastomose  mit  der  Art.  circumflexa  hum.  int.  ihr  Blut  erhält. 
Man  hätte  an  der  inneren  Fläche  beider  Wundränder  des  Delta- 
muskels Ligaturen  anlegen  müssen;  während  gewöhnlicher  Weise 
bei  Durchschneidung  des  Deltamuskels  entweder  keine  Blutung 
auftritt  oder  diese  bald  von  selbst  aufhört,  indem  blos  die  feinen 
terminalen  Zweige  der  Art.  circumflexa  int.  durchschnitten  werden 
und  sohin  eine  Ligatur  nicht  nothwendig  ist.  Gesetzt  auch,  dass 
die  Blutung  stärker  wäre,  so  genügt  wohl  eine  Ligatur  am  hinteren 
Wundrande  der  Muskeln. 


Erklärung  der  Abbildung. 

K  Arteria  poplitea. 

P  Arteria  peronea. 

T  Arteria  tibialis  postica. 

A  und  Ax  Kreuzung  dieser  Gefässe  und  Anastom osenbildung. 

e    Arteria  plantaris  externa. 

t     Arteria  plantaris  interna. 


•40fr« 


xxvn. 

Untersuchungen  über  das  elektrische  Lei- 
tungsvermögen der  menschlichen  Haut. 

Ausgeführt  in  dem  Institute  für  allgemeine   und  experimentelle 

Pathologie  in  Wien 

von 

Dr.  Gustav  Gärtner 

Secundtrtrzt  im  k.  k.  allgemeinen  Krtnkenhtuse. 

(Am  28.  Juni  1882  von  der  Redaction  übernommen.) 


Resultate. 

1.  Der  Leitungswiderstand  der  menschlichen  Haut  ist  im  Momente 
des  Stromeintritteis  ausserordentlich  gross. 

2.  Durch  Stromwirkung  wird  derselbe  bis  auf  Vso  seiner  früheren 
Grösse  herabgesetzt. 

3.  Die  Grösse*  der  Widerstandsabnahme  ist  abhängig  von  der  In- 
tensität des  angewandten  Stromes  und  von  der  Schliessungsdauer 
desselben. 

4.  Das  Schliessen  oder  Oeffnen  des  Stromes  hat  an  und  für  sich 
keinen  Einfluss  auf  den  Widerstand. 

5.  Die  Versuche  gelingen  an  der  Leiche  genau  so,  wie  am  Lebenden. 

6.  An  einem  von  Epidermis  befreiten  Leichentheile  lässt  sich  durch 
Stromwirkung  keine  Widerstandsabnahme  erzeugen. 

7.  Dagegen  gelingt  dies  an  der  isolirten  Epidermis  selbst.  Der  Sitz 
der  Widerstands  Verminderung  ist  also  die  Epidermis. 

8.  Der  elektrische  Strom  erwärmt  merklich  die  Haut  bei  seinem 
Durchtritte  durch  dieselbe. 


520  Gärtner. 

Historisches. 

Wenn  man  am  Menschen  vom  Nerven  oder  vom  Muskel  ans, 
vermittelst  des  elektrischen  Stromes  Zuckungen  auslöst,  so  erfährt 
man,  dass  bei  Beginn  des  Versuches  starke  Ströme  nothwendig 
sind,  dass  aber,  sofern  nur  die  Elektroden  unverrückt  an  ihrem 
Platze  bleiben,  bei  rasch  wiederholter  Beizung  und  gleichbleibender 
Elementzahl  der  Reizeffect  wächst 

Liegt  z.  B.  die  Kathode  am  Nerven,  so  tritt  an  Stelle  der 
zuerst  erschienenen  kleinsten  Schliessungszuckung  eine  grossere  und 
später  sogar  eine  tetanische  Contraction.  Ganz  analoge  Verhältnisse 
findet  man  bei  Untersuchung  der  sensiblen  Nerven  und  der  höheren 
Sinnesnerven  wieder.  Der  Reizeffect  wird  mit  Wiederholung  des 
Reizes  grösser  und  erreicht  erst  nach  mehrmaliger  Schliessung, 
oder  länger  dauernder  Einwirkung  des  Stromes  ein  Maximum. 

Diese  Beobachtung  ist,  sofern  sie  die  sensiblen  Nerven  be- 
trifft, fast  so  alt  als  die  Kenntniss  der  galvanischen  Erscheinungen 
überhaupt.  Volta  fand  schon,  dass  der  von  seiner  „Säule"  gelie- 
ferte Strom  ein  beständiges  und  zunehmendes  Brennen  auf  der  Haut 
erzeuge  und  A.  v.  Humboldt ')  hat  auch  der  Erste  die  Vermin 
thung  ausgesprochen,  dass  die  Einwirkung  des  elektrischen  Stromes 
die  Erregbarkeit  der  Organe  für  denselben  erhöhe. 

R.  Remak2)  hat  sich  mit  diesen  Verhältnissen  eingehend 
beschäftigt.  Er  hat  zuerst  bei  seinen  Untersuchungen  am  Menschen 
ein  Galvanoskop  in  den  Stromkreis  eingestellt,  um  Schwankungen 
der  Stromintensität  oder  Veränderungen  im  Leitungswiderstande 
beobachten  und  messen  zu  können. 

Remak  fand  nun 

1.  Dass  der  Widerstand  menschlicher  Theile,  der  bei  elektro- 
therapeutischen  Massnahmen  in  den  Stromkreis  eingeschaltet  wird, 
je  nach  Wahl  der  Individuen  und  der  Applicationsstellen  zwischen 
15  und  100  Meilen  Telegraphendraht  schwanke. 

2.  Dass  derselbe  fast  ausschliesslich  von  der  Dicke,  Durch- 
feuchtung und  sonstiger  Eigenthümlichkeit  der  Epidermis  abhän- 
gig sei;    dass  namentlich   auch   die   Zahl  der  Schweissdrüsen  und 

')  A.  v.  Humboldt,  Versuch  über  die  gereizten  Muskel-  und  Nerven- 
fasern. 1797. 

*)  R.  Bemak,  Galvanotherapie  d.  Nerven-  u.  Mnskelkrankheiten.  1859. 


Leitungsvermögen  der  menschL  Haut.  521 

Haarbälge  an  der  betreffenden  Stelle  in  Betracht  komme,  dass  bei 
einigermaßen  trockener  Epidermis  der  Widerstand  der  gesammten 
übrigen  feuchten  Theile  dem  gegenüber  verschwindend  klein  sei. 

3.  Dass  die  Nadel  des  Galvanoskops  den  höchsten  Stand  nicht 
unmittelbar  bei  der  Schliessung  des  Stromes  einnehme,  sondern 
denselben  erst  all  mal  ig  erreiche,  bei  dicker,  trockener  und  haarloser 
Oberhaut  zuweilen  erst  nach  mehreren  Minuten. 

Das  mag  nicht  blos  daher  rühren,  meint  R.,  dass  die  Flüssig- 
keit der  feuchten  Stromgeber  mit  vielen  Punkten  der  tieferen  feuch- 
ten Theile  des  Körpers  sich  in  Verbindung  setzt,  sondern  auch 
dadurch  bedingt  sein,  dass  der  Strom  die  Oberhaut  selbst  auf- 
lockert. An  einer  anderen  Stelle  *)  spricht  E.  von  der  stetigen  W.- 
Abnahme, die  in  Folge  der  in  der  Haut  bewirkten  Elektrolyse  oder 
auf  anderem  Wege  entstanden  sei. 

Die  von  E.  Eemak  entdeckte  Veränderung  im  Leitungswi- 
derstande fällt  besonders  in  die  Wagschale,  wenn  es  sich  um  den 
Nachweis  von  Erregbarkeitsveränderungen  am  Nerven  des  lebenden 
Menschen  handelt,  denn  eine  Abnahme  des  W.  täuscht  leicht  eine 
erhöhte  Anspruchsfahigkeit  vor  und  eine  scheinbar  geringere  Reiz- 
barkeit kann  in  hohem  Widerstände  ihre  Erklärung  finden. 

Das  Vernachlässigen  dieser  Fehlerquelle  macht  eine  ganze 
Beihe  älterer  elektrischer  Untersuchungen  werthlos  und  es  ist  wirk- 
lich zu  verwundern,  wie  ein  Autor2)  in  der  letzten  Zeit  noch  die 
so  schwierige  Frage  von  den  Veränderungen  der  Erregbarkeit  am 
Menschen  lösen  wollte,  ohne  die  W.-Veränderungen  zu  berück- 
sichtigen, die  ja,  wie  wir  sehen  werden,  vor  Publication  seiner 
Arbeit  Gegenstand  zahlreicher  Studien  waren  und  durch  vielfache 
Versuche  erwiesen  worden  sind. 

Bei  Sichtung  der  einschlägigen  Literatur  begegnen  wir  zuerst 
einer  Arbeit  Munk's3).  Gestützt  auf  seine  Untersuchungen  über 
die  kataphorischen  Wirkungen  des  Stromes*)  machte  M.  den  Ver- 
such, Lösungen  verschiedener  Substanzen  (Jodkalium,  Strychnin, 
Chinin)  vermittelst  des  galvanischen  Stromes  durch  die  unversehrte 


')  L  c.  p.  93. 

*)  Schiel,  Zur  Elektrotherapie.  D.  Archiv  f.  klin.  Med.  Bd.  XXVII. 
*)  Munk,  über  die  galvan.  Einführung  differenter  Flüssigkeiten  in  den 
menschlichen  lebenden  Organismus.   Arch.  f.  Anat.  u.  Physiol.  1873. 

*)  Munk,  die  kataphorischen  Wirkungen  des  elektrischen  Stromes,  ibid. 


ul    hindurch    in    den   eigenen   oder  in   einen  Thierkfirper  einzn- 
nnngen.  3  Versuche  gelungen  thal  sachlich;  während  derselben 

tk        1  ich  die  Widerstandsabnabme  in  der    Haut.    Er  hatte 

in  iu  den  Stromkreis  eingeschaltet,  und  die  Strominten- 
'.u  jwginn  und  im  Verlauf  des  Versuches  als  der  Erste  wirk- 
1  pmesseil    und    t'.nni    dieselbe  am  Schlüsse  der    Durchleitirag 

b-  aal  grösser  als  zu  Anfang  derselben.  M.  widerlegt  die  Hypo- 
these, die  die  W .-Abnahme  auf  Elektrolyse  in  der  Haut  zurück- 
führt   und    macht   auf  die  Bedeutung  der  kataphoiischen    (flüssig- 


keitfortffihreuden)  F:- 
resp.  ein  mit  Haut 
schaltuug  zwischen  zwei 
Bezug  auf  Widerstandsvorändi 
scblecht  leitenden  Flüssigkeit  getr 
fand    Munk   eine    W.-Abnabn 
abnimmt,    um   bei  Strom  wen 
Geschwindigkeit  der  Ab 
erzeugt   durch  For        en        1 
Poren  des  Thones  (oder  < 
habe  die  Kicbtung  vom  posi 


Itromes  aufmerksam.  Die  Haut 
ertheil  verhalte  sich  bei  Ein- 
sung  getränkte  Elektroden  in 
licht  anders,  als  ein  mit  einer 
tes  Thonstück;  hier  wie  dort 
ren  Geschwindigkeit  allmälig 
eder  zu  wachsen  (scilicet  die 
Sinken  des  Widerstandes  werde 
r  leitenden  Salzlösimg  in  die 
ia).  Dieser  Flüssigkeitsstrom 
zum  negativen  Pole,  so  dass  un- 


ter der  Anode  allein,  die  Lösimg  eiinlriuire. 

Eingehend  hat  sich  femer  mit  dieser  Frage  Erb1)  beschäf- 
tigt. Er  legt  bei  Erzeugung  der  W. -Abnahme  das  Hauptgewicht 
auf  „Unterbrechungen  oder  gar  Wendungen"  des  Stromes  und 
sucht  den  Sitz  der  Veränderung  in  allen  Schichten  des  eingeschal- 
teten Körpertheiles  {„Haut,  Epidermis,  Korpergewebe");  als  Ursa- 
chen der  Abnahme  werden  angeführt*)  „zunehmende  Stromwirkun- 
gen, bessere  Durchfeuchtung,  grösserer  Blutreicbthum  der  Haut 
u.  s.  w."  Erb  schaltet,  „um  den  Leitungswiderstand  zu  bestim- 
men", stets  ein  Galvanometer  in  den  Stromkreis  ein  und  notirt 
die  Ausschläge  bei  Anwendung  von  10,  12  und  16  Elementen.  Die 
so  ermittelten  Zahlen,  tabellarisch  zusammengestellt,  zeigen  aller- 
dings ganz  anschaulich,  dass  der  W.  bei  Durchleitung  des  Stromes 

*)  Erb  im  Archiv  für  Psychiatrie  Band  IV.  1874  „Zur  Lehre  von  der 
Tetanie"  etc. 

*)  Erb,  Elektrotherapie  in  Ziemsscn's  Handbuch  der  allgem.  Therapie 
III.  Bd.  1.  Hälfte  S.  58. 


Leitungsvei  mögen  der  menEchl.  Haut.  523 

sehr  bedeutend  abnimmt;  sie  sind  aber  nicht  genügend,  wenn  es 
sich  um  Ermittlung  der  Grösse  der  Abnahme,  der  Abhängigkeit 
derselben  von  der  Stromstärke,  Stromesdauer,  von  Oeffhungen  und 
Wendungen  des  Stromes  handelt,  denn  die  Empfindlichkeit  seines 
Galvanometers  ist  unbekannt  und  (wie  Erb  selbst  anführt)  wech- 
selnd. Zudem  kann  die  Stromintensität  nie  im  Momente  der  Schlies- 
sung, sondern  erst  eine  geraume  Zeit  später,  wenn  die  Nadel  zur 
Buhe  gekommen,  bestimmt  werden,  und  dieser  Umstand  allein 
lässt  die  Methode  Erb's,  die  ihrer  Einfachheit  wegen  in  der  ge- 
wöhnlichen elektrodiagnostischen  und  elektrotherapeutischen  Praxis 
immerhin  Anwendung  finden  mag,  zu  genaueren  Untersuchungen 
ungeeignet  erscheinen. 

Eine  sonst  mit  grosser  Sorgfalt  ausgeführte  Untersuchung 
E.  Remak's  !),  die  ziemlich  allgemein  als  endgiltige  Entscheidung 
der  Frage  über  die  Erregbarkeitsveränderungen  durch  Stromwirkung 
(Elektrotonus)  am  Menschen  angesehen  wird,  und  bei  der  die 
durch  Widerstandsänderungen  bedingten  Intensitätsschwanklingen 
compensirt  wurden,  leidet  an  diesem  Mangel  der  Erb'schen  Methode. 

Ich  will  es  versuchen  an  der  Hand  der  Kemak\schen  Daten  zu 
zeigen,  zu  welchen  Täuschungen  man  gelangt,  wenn  man  diesen 
Verhältnissen  nicht  vollkommen  Rechnung  trägt.  Es  handelt  sich 
in  der  Arbeit  Remak's  um  den  Nachweis,  dass  das  Durchleiten 
eines  elektrischen  Stromes  eine  Veränderung  in  der  Erregbarkeit 
der  motorischen  Nerven  erzeugt,  welche  auch  nach  Unterbrechung 
des  erregenden  Stromes  persistirt,  ein  Nachweis  der  oft  versucht 
wurde  und  niemals  völlig  gelang. 

Als  Eeagens  für  die  Erregbarkeit  dient  die  Schliessung  (oder 
auch  Oeffnung)  eines  galvanischen  Stromes,  dessen  Intensität  durch 
ein  in  den  Stromkreis  eingeschaltetes  Galvanometer3)  bestimmt 
werden  kann. 

Wenn  also  z.  B.  die  erste  Kathoden  -  Schliessungs  -  Zuckung 
bei  einem  Strome,  der  die  Nadel  um  14*5°  ablenkt,  eintritt,  und 
nach  7  Minuten  lang   dauernder  Durchleitung   eines  Stromes   von 


f)  E.  Remak,  Modificirende  Wirkungen  galvanischer  Ströme  auf  die 
Erregbarkeit  motor.  Nerven.  Deutsch.  Archiv  f.  klin.  Medicin.  Bd.  XVm.  1876. 

*)  R.  verwendet  ein  von  Hirschmann  nach  Erb 's  Angaben  constrnirtes 
Galvanometer  mit  abstufbarer  Empfindlichkeit. 


$M  OArlnrr. 

frlekhtt  Iatenaitit  ad  n  die  Schliessung  eines  Stromes  von  12' 
Nadelablenkung  K.  S.  Z.    -int,   dann   ist  die  Erregbarkeit  erhöht. 

DI«  Tarsteoendai  Ziffern  sind  der  Tabelle  V.  S.  294  der 
Banwk'aehan  Abhandln!:  entnommen  und  icb  will  mich  in  meiner 
Kritik  Hdi  weiter  an  dioseu  Versuch  halten,  der  wohl  im  Sitiuo 
Ramak's  ala  einer  der  „reinsten'  anzusehen  ist. 

Die  Elektroden iri.n' en  um  9  U.  56  M.  (Kathode  am  N.  ulnaris, 
Anode  im  Stemum)  Mfgoactet.  Don  Strom  liefern  25  Elemente.  Ein 
Kurbelrheostai  in  Netenschliossuug  dient  als  Mittel  die  Stromin- 
tenaitlt  absaandera,  retncctive  bei  W.-AeikKungen  durch  Compensa- 
tio» eonatant  ia  erht  h<  ■  Um  10  U.  4  M.  erfolgt  bei  Rheosfeit- 
stellaog  970  die  erste  K.  S. Z.  Stromintensität  =  ?,  d.  h.  nicht  zu 
bestimmen,  denn  die  Nadel  gcräth  in  Schwingung.  Romak  lSBSt 
daher  den  Strom  geschlossen  bis  die  Nadel  zur  Ruhe  gelangt,  was 
um  10  U.  6  Mn  also  2  Minuten  nach  der  Zuckung  erfolgt  und 
liest  nun  am  Oalranometer  eine  Ablenkung  von  14-5°  ab.  Der 
Strom  wird  jetst  bü  10  U.  15  M.,  also  durch  weitere  9  M.  con- 
stant  erbalten  (es  geschieht  dies  durch  Veränderung  am  Rhoostaten, 
der  deshalb  um  10  U.  11  M.  auf  760  gestellt  werden  muss).  Cm 
10  ü.  15  M.  erneuerte  Prüfung  der  Erregbarkeit  K.  fl.  &  bei  W 
und  Intensität  =  P 

10  IT.  15  M.  30  S.  bei  derselben  Rheostatstellung.  Aus- 
schlag 12°.  Die  Modifikation  der  Erregbarkeit  betragt  also  in 
Galvanometergraden  ausgedrückt  2*5°. 

Remak  war  sich  nun  dessen  wohl  bewusst,  dass  seiner 
Methode  ein  Fehler  anhafte  und  spricht  dies ')  auch  klar  aus ;  er 
sagt  nämlich  :  „Ein  Uebelstand  war,  dass  immer  der  Nadelstillstand 
erst  abgewartet  werden  musste,  in  welchem  meist  15 — 30  Secunden 
betragenden  Zeiträume*)  die  Widerstände  und  die  Stromstärke  sich 
ja  wieder  verändert  haben  konnten.  Indessen  sind  die  dadurch  be- 
dingten Fehler  der  Resultate  nur  gering  und  gleichen  sich  durch 
die  grosse  Zahl  der  unter  verschiedenen  Bedingungen  angestellten 
Versuche  aus".  Die  Zulässigkeit  dieser  letzteren  Annahme  muss 
icb  auf.  das  Entschiedenste  bestreiten,  denn 

')  1.  c.  S.  89«. " 

*)  im  oben  citirten  Versuche  beträgt,  dieser  Zeitraum  indcsa,  wie  er- 
wähnt,  8  Minuten. 


Leitungsvcrraögen  der  mensclil.  Hant.  525 

1.  hatte  Bemak  gar  keinen  Anhaltspunkt,  um  sich  über  die 
Grösse  des  erwähnten  Fehlers  eine  Vorstellung  bilden  zu  können; 
er  durfte  daher  auch  nicht  sagen  die  Fehler  seien  gering.  Ich 
werde  später  zeigen,  dass  die  Fehler  sehr  gross  waren,  dass  ein 
Strom  wie  ihn  ßemak  anwandte,  schon  in  lOSecunden,  geschweige 
in  2  Minuten  den  Widerstand  der  Epidermis,  (respective  den  ganzen 
ausserwesentlichen  Widerstand)  auf  die  Hälfte  und  darunter  herab- 
setzt, und  dass  also  an  Stelle  der  „?"  in  seiner  Tabelle  unter 
keiner  Bedingung  die  darunter  stehenden  15 — 120  See.  später  er- 
mittelten Zahlen  (Ausschläge)  gesetzt  werden  durften,  und  dass  der 
Stromintensität  zur  Zeit  der  Zuckung  stets  ein  wesentlich  kleinerer, 
doch  nach  Beinak's  Methode  nicht  näher  zu  bestimmender  Nadel- 
ausschlag entsprach,  so  dass  auch  noch  die  grösste  beobachtete 
scheinbare  Differenz  der  Erregbarkeit 1)  ganz  entschieden  als  inner- 
halb der  Fehlergrenzen  liegend,  angesehen  werden  muss ; 

2.  findet  sich  der  besprochene  Fehler  ausnahmslos  in  allen 
Versuchen,  raubt  einem  jedem  einzelnen  derselben  alle  Beweiskraft 
und  kann  daher  eine  „Ausgleichung  durch  die  grosse  Zahl  der 
Versuche"  nicht  zugestanden  werden. 

E.  Bemak  hat  auch  selbst,  und  zwar  nach  Erb's  Methode 
Widerstandsuntersuchungen  gemacht;  deren  Besultate  stimmen  sehr 
gut  mit  denen  Munk's  und  Erb's  überein.  Die  Ursache  der 
Widerstandsabnahme  sucht  B.  in  den  physiologischen  Einwirkungen 
des  galvanischen  Stromes  auf  die  glatte  Musculatur  der  Gefässe, 
namentlich  der  Haut.  Dadurch  werden,  sagt  B.a),  dem  alkalischen 
Blute  und  den  Gewebsflüssigkeiten  weitere  Kanäle  eröffnet,  so  dass 
in  denselben  auch  namentlich  um  die  Haarbälge  und  Schweissdrüsen, 
diesen  Eintrittsbahnen  des  Stromes  bei  unverletzter  Haut,  mehr 
Flüssigkeit  circulirt,  wovon  die  Erhöhung  der  Leitungsfähigkeit  eine 
nothwendige  Folge  ist.  Dagegen  will  Bemak  den  Einfluss  der 
kataphorischen  Eigenschaft  des  Stromes  nicht  gelten  lassen,  weil 
er  die  Widerstandsabnahme  auch  dann  sah,  wenn  er  den  Schwamm- 
überzug seiner  Elektroden  mit  lauwarmem  Wasser  anfeuchtete;  wo 
an  ein  „Ersetzen  der  schlechter  leitenden   Binnen  flüssigkeit  durch 


*)  6*5#  p.  300. 
*)  L  c.  p.  290, 

Med.  Jahrbücher.  1882. 


24 


526  Gärtner. 

eino  besser  leitondo  Aussenflüssigkeit",  wie  es  Munk  vorschwebte, 
fftglich  nicht  gedacht  werden  konnte. 

Ich  werde  später,  bei  Besprechung  der  eigenen  Versuche,  auf 
diesen  Gegenstand  noch  zurückkommen. 

Es  erübrigt  mir  nur  noch  Weniges  über  absolute  Widerstands- 
bestimmungen am  Menschen  hinzuzufügen. 

Lenz  und  Ptschelnikoff  *)  haben  im  Jahre  1842  den  Wi- 
derstand des  menschlichen  Körpers  gemessen  und  fanden  denselben 
gleich  dem  W.  eines  40.000  bis  300.000  (russischer)  Fuss  langen 
und  1  Mm.  dicken  Eupfordrahtes.  Den  grössten  Widerstand  fanden 
sie,  wenn  die  untersuchte  Person  in  die  mit  Säure  gefüllten  Zulei- 
tungsgefasso  blos  je  einen  Finger  der  rechten  und  linken  Hand 
tauchte,  der  Widerstand  wurde  immer  geringer,  wenn  2,  3,  4  Finger 
am  geringsten,  wenn  die  ganzen  Hände  als  Stromeintritts-  respective 
Stromaustrittsstellen  benützt  wurden2). 

Runge3)  hat  gezeigt,  dass  der  grosse  Widerstand  bei  Ein- 
schaltung menschlicher  Theile  fast  ausschliesslich  in  der  Epidermis 
seinen  Sitz  habe,  dass  der  Widerstand  aller  übrigen  Gewebe  dem 
gegenüber  verschwindond  klein  sei  und  dass  daher  die  Strominten- 
sität  bei  unveränderter  Stromquelle  von  dem  Querschnitt  der  im 
Stromkreise  befindlichen  Epidermis  respective  der  Grösse  der  Elek- 
troden abhänge.  Diese  wichtige  Thatsache,  die  bei  Application 
elektrischer  Ströme  zu  therapeutischen  Zwecken  stets  berücksichtigt 
werden  sollte  und  deren  Bedeutung  in  dem  Handbuche  Erb's  mit 
Recht  betont  und  ausführlich  geschildert  wird,  scheint  von  M.  Ro- 
senthal nicht  anerkannt  worden  zu  sein,  da  er  bei  Besprechung 
seiner  eigenen  Widerstandsmessungen  *)  nicht  angibt,  wie  gross  die 
verwendeten  Elektroden  waren,  und  die  gefundenen  Unterschiede 
auf  verschiedene  Anordnung  der  Muskolmassen,  Fascien  u.  dergl. 
zurückführt.  Da  zudem  Rosenthal  auch  über  die  Intensität  der 
angewandten   Ströme   und  über  die  Dauer  der  Stromschliessungen 


*)  Lenz,  Poggendorff.  Annalen  1842. 

z)  Eigenthümlicher  Weise  führt  Lenz  das  Verhalten  auf  die  grossere 
oder  geringere  Menge  von  Nerven  zurück,  welche  mit  dem  Strome  in  Berüh- 
rung kommen. 

*)  Runge,  Elektrotonus  am  Lebenden,  Archiv  f.  klin.  Mediän  Bd.  7. 

4]  M.  Iiosenthal,  Elektrotherapie»  Wien  1873,  Seite  97. 


Leitungsvermögen  der  menschl.  Haut.  527 

keine  Angaben   macht,   so   sind    die  Eesultate   seiner  Messungen 
höchstens  für  ihn  selbst  von  einigem  Werth. 

Drosdoff  *)  hat  die  Dicke  der  Hornschichte  der  Epidermis 
an  verschiedenen  Körperstellen  gemessen  und  die  gefundenen  Zahlen, 
mit  den  nach  Erb'scher  Methode  ermittelten  Widerständen  (Nadel- 
ausschlägen) verglichen  und  fand,  dass  der  Widerstand  von  der 
Dicke  der  Hornschichte  unabhängig  sei. 

Zuletzt  fand  die  grosse  Bedeutung  der  Widerstandsverhält- 
nisse ihre  Würdigung  in  einer  Arbeit  von  Tschiriew  und  A.  de 
Watteville2)  über  die  elektrische  Erregbarkeit  der  Haut.  In  rich- 
tiger Erkenntniss  der  Thatsachen  stellen  die  Autoren  den  Grundsatz 
auf,  dass  bei  jeder  Widerstandsmessung  alle  Details  des  Versuches 
genau  zu  verzeichnen  seien.  Sie  fanden  den  Widerstand  des  Vorder- 
armes wechselnd  zwischen  40.000  und  2000  Ohm 8)  je  nach  Grösse, 
Gestalt,  Befeuchtung  der  Elektroden,  je  nach  dem  Druck  dersolben 
auf  die  Haut,  je  nach  Stärke  des  angewandten  Stromes  und  nach 
Beschaffenheit  und  Feuchtigkeit  der  Haut.  In  einem  Versuche 
fanden  T.  und  W.  eine  Widerstandsabnahme  von  10.000  auf  3000 
Ohm,  nachdem  die  Elektroden  an  der  Haut  gerieben  und  ein  starker 
Strom  durchgeleitet  worden  war.  Nur  eines  vermisse  ich  in  der 
sonst  tadellosen  Untersuchung,  die  Angabe  der  Methode,  nach 
welcher  gemessen  wurde.  Diese  Angabe  wäre,  wie  sich  aus  dem  Vor- 
hergehenden ergibt,  und  wie  später  noch  auseinandergesetzt  werden 
soll,  sehr  wichtig  und  würde  gewiss  dazu  beitragen,  um  die,  wenn 
auch  geringen  Differenzen  zwischen  den  Ergebnissen  der  Messungen 
von  T.  und  W.  und  meinen  eigenen  Messungen  in  ihren  Ursachen 
aufzuklären. 

Methode  der  eigenen  Untersuchungen. 

Ich  habe  mich  bei  W.  Bestimmungen  stets  der  Wheat- 
stone'schen  Methode  bedient.  Die  bekannten  Vorzüge  derselben 
vor  anderen  Methoden,  in  erster  Linie  die  Unabhängigkeit  von  der 


')  Drosdt>ff,   De  la  mensuration  de  Tepiderme  etc.  Archives  de  phy- 
siolog.  norm  et  path.  1879. 

*)  On  the  electrica!  excitability  of  the  skin.  Brain  1879,  pag  162—180. 
*)  1  Siemens  Einheit  ist  gleich  097  Ohm. 

34* 


528  Gärtner. 

Constanz  der  Masskette,  forner  der  Umstand,  dass  der  Strom  stets 
nur  itir  einen  Augenblick  geschlossen  werden  muss,  während  sonst 
eiu  länger  dauerndes  Durchleiten  nothwendig  wird '),  haben  mich 
dazu  bestimmt. 

Von  den  verschiedenen  Unterarten  der  Methode  musste  ich 
natürlich  zu  derjenigen  greifen,  wo  der  zu  messende  Widerstand 
und  ein  zweiter  bekannter,  doch  unveränderlicher  Widerstand  den 
einen  Zwoig  der  getheilten  Strombahn  bilden,  während  das  Ver- 
hältuiss  der  W.  in  den  beiden  Abschnitten  des  anderen  Zweiges 
nach  Belieben  variirt  werden  kann8).  Gewöhnlich  wird  ein  Du- 
Bois'scher  Kheochord  zu  diesem  Behufe  verwendet,  dessen  Steg  das 
eine  Ende  der  „Brücke*  bildet.  Ich  habe  mich  zu  gleichem  Zwecke 
eines  modificirten  Stöpselrheostaten  bedient  (angefertigt  nach  meinen 
Angaben  von  der  Firma  Meyer  und  Wolf  in  Wien).  Dieses  Instru- 
ment entspricht  vollkommen  einem  Siemens'schen  Stöpselrheostaten, 
nur  sind  die  massiven  Metallstücke,  die  an  der  Kopfplatte  des 
Apparates  befindlich,  je  zwei  angrenzende  Widerstandsrollen  ver- 
binden, in  ihrer  Mitte  mit  je  einer  Bohrung  versehen,  welche  zur 
Aufnahme  eines  mit  einer  Polklemme  versehenen  Stöpsels,  des 
Brückenstöpsels  dient.  Der  Brückenstöpsel  vertritt  die  Stelle  des 
Steges  am  Bheochord.  Die  Widerstandsrollen  habe  ich  in  folgender 
Keihenfolge  zusammenstellen  lassen : 

1,  2,  2,  5,  10,  10,  20,  50,  100,  100,  200,  500,  1000,  1000, 
2000,  1000,  100,  10,  was  den  Vortheil  bietet,  dass  es  nie  noth- 
wendig wird  während  der  Arbeit  den  Eheostaten  umzuschalten, 
mag  nun  der  zu  messende  W.  grösser  oder  kleiner  sein  als  der 
Vergleichswiderstand.  Gegenüber  dem  Reochord  hat  die  von  mir 
angewandte  Anordnung  den  Vorzug,  dass  in  dem  einen  Zweige  der 
getheilten  Bahn  sich  ein  W.  befindet,  dessen  Grösse  nach  Belieben 
variirt  werden  kann.  Man  kann  nun  allerdings  nicht  immer  diesen 
Widerstand  ungefähr  gleich  machen ,  dem  Widerstände  in  der 
anderen  Zweigbahn,  man  kann  ihn  aber  immer  gross  genug  machen 
(bis  ca.  5000  S.  E.)  als  dass  er  dem   anderen  Widerstände  gegen- 


1)  bis  zum  Stillstande  der  Boussolennadel. 

*)  Die  andere  Abart  erfordert  einen  Rheostaten,  dessen  ganzer  Wider- 
stand so  gross  ist,  als  der  W.  des  zu  messenden  Körpers.  Rheostaten  mit  einem 
so  grossen  W.  als  ich  benöthigt  hätte,  werden  meines  Wissens  gar  nicht 
gebaut. 


Leitungsvermögen  der  menschl.  Haut.  529 

über  nicht  verschwindend  klein  sei,  wie  der  kaum  einige  S.  E.  be- 
tragende Widerstand  des  Eheochords.  Dadurch  gewinnt  die  Anord- 
nung sehr  wesentlich  an  Empfindlichkeit  *).  Ein  weiterer  Vorzug 
ist  wohl  der,  dass  die  Rechnung  sich  sehr  einfach  gestaltet,  wenn 
der  W.  rechts  oder  links  vom  Brückenstöpsel  gleich  gemacht  wird 
10,  oder  100,  oder  1000  S.  E. 

Ich  will  gleich  hier  bemerken,  dass  Controlbestimmungen 
einerseits  mit  meiner  Anordnung,  andererseits  mit  einer  grossen 
Siemens'schen  Brücke  ausgeführt,  ganz  übereinstimmende  Resultate 
ergaben. 

Die  Versuchsanordnung  wird  durch  die  beigegebene  halb- 
schematische  Figur  versinnlicht. 

ab  ist  die  Kopfplatte  des  Rheostaten.  (Die  Glieder  des- 
selben sind  in  Wirklichkeit  in  zwei  Reihen  geordnet,  die  an  einem 
Ende  durch  ein  massives  Messingstück  verbunden  sind)  ich  habe 
alle  in  einer  Linie  gezeichnet,  um  die  Analogie  mit  dem  Rheochord 
augenfälliger  zu  machen. 

ii  sind  die  Bohrungen,  die  zur  Aufnahme  des  Brücken- 
stöpsels s  geeignet  sind. 

B  ist  die  Masskette,  deren  Zusammensetzung  bei  einem  jeden 
einzelnen  Versuche  angegeben  ist;  F  ein  in  den  ungeteilten  Theil 
der  Strombahn  eingeschalteter  Schlüssel ;  R  ist  der  Vergleichs- 
widerstand 2) ;  W  eine  Wippe  (mit  ausgehobenem  Kreuze),  die  es 
ermöglicht  die  Elektroden  22,  E'  bald  in  den  Kreis  der  Wheat- 
stone'schen  Vorrichtung  einzuschalten,  bald  auszuschalten  und  mit 
den  Polen  einer  zweite  Kette  (ich  verwendete  hiezu  eine  Stöhrer'sche 
Tauchbatterie  von  24  Elementen)  zu  verbinden.  In  die  Brücke  ist 
die  stromanzeigende  Vorrichtung,  in  der  grossen  Mehrzahl  der  Ver- 
suche eine  Hermann'sche  Spiegelboussole,  in  einigen  wenigen,  wo 
eine  starke  Masskette  in  Verwendung  kam,  ein  empfindliches  Hori- 
zontalgalvanometer. 

Vor  den  Elektroden  war  ein  Stromwender  eingeschaltet  (der- 
selbe ist  in  der  Tafel  nicht  gezeichnet),  und  jede  Widerstands- 
bestimmung wurde   bei   beiden    Stellungen  des  Commutators  vor- 


')  Nur  die  grossen   und   sehr    theueren,    drei  Rheostaten   enthaltenden 
Brückenapparate  sind  mit  einer  ähnlichen  Einrichtung  versehen. 

*)  In  unserem  Falle  eine  DrathroUe  mit  4200  S.  E.  Widerstand. 


Leitungsvermögen  der  men&chl.  Haut.  531 

genommen,  um  die  durch  Polarisation  an  den  Elektroden  allenfalls 
erzeugten  Fehler  in  Rechnung  bringen  zu  können.  Das  arithme- 
tische Mittel  beider  Bestimmungen  wurde  als  wahrer  Werth  des 
W.  angenommen. 

Ich  habe  es  anfangs  versucht,  die  in  der  Elektrotherapie  und 
Elektrodiagnostik  üblichen  Messing-Elektroden  zu  verwenden,  habe 
mich  aber  bald  überzeugt,  dass  die  Polarisirbarkeit  derselben  ein 
Arbeiten  mit  empfindlichen  Vorrichtungen  gar  nicht  zulässt.  Ich 
musste  deshalb  zu  unpolarisirbaren  Elektroden  greifen.  Solche  Elek- 
troden sind  von  Hitzig  construirt  worden,  und  wurden  bei  elek- 
trischen Untersuchungen  nicht  selten  gebraucht  (so  von  Ziemssen, 
E.  Remak). 

Abgesehen  von  der  Complicirtheit  und  dem  diesen  Elektroden 
sonst  anhaftenden  Nachtheile,  dass  sich  das  Amalgam ,  welches  die 
Innenfläche  einer  ziemlich  langen  und  engen  Röhre  auskleidet,  nur 
schwer  erneuern  lässt,  war  es  vorzüglich  ein  Umstand,  der  mich 
veranlasst  hat,  mich  ihrer  nicht  zu  bedienen. 

Nach  Untersuchungen  Munk's1)  wird  der  Widerstand  eines 
Thoncy linders,  oder  auch  anderen  porösen  Körpers,  der  mit  NaCl- 
Lösung  getränkt  ist  und  der  vermittelst  zweier  mit  Zinkvitriol- 
Lösung  gefüllter  Zuleitungsgefässe  in  den  Stromkreis  einge- 
schaltet ist,  durch  den  Strom  um  ein  Bedeutendes  herab- 
gesetzt. An  den  Hitzig'schen  Elektroden  finden  wir  eine  ganz 
analoge  Anordnung;  es  wird  auch  unzweifelhaft  der  W.  der- 
selben durch  den  Strom  fortwährend  verändert,  und  dies  hätte 
in  sehr  ungünstiger  Weise  die  Genauigkeit  meiner  Messungen 
beeinflussen  müssen.  Die  unpolarisirbaren  Elektroden,  welche  ich 
selbst  coiistruirte,  entsprachen  hingegen  allen  an  sie  gestellten  An- 
forderungen und  besitzen  nebenbei  den  Vorzug  besonderer  Einfach- 
heit; sie  bestehen  aus  Zinkcylindern  von  ca.  15  Mm.  Höhe.  Die 
untere  plane  Fläche,  welche  einen  Durchmesser  von  40  Mm.  hat, 
wird  amalgamirt,  die  ganze  übrige  Oberfläche  mit  Schellack  über- 
zogen. In  die  Mitte  der  zweiten  planen  Fläche  wird  eine  gewöhnliche 
kurze  Elektrodenhandhabe  eingeschraubt.  Auf  dio  amalgamirte  Fläche 
kommt   eine  Lage   feinen  Badeschwammes,   darüber  Leinwand,  die 


*)  Ueber  die  kataphor.  Wirkungen  des  elektr.  Stromes. 


582  Gärtner. 

mittelst  Fadens,  oder  eines  Gummiringes,  der  in  Haar  Wächten 
Rinne  der  Mantelfläche  Halt  findet,  bofeetigt  wird.  '■    * 

Tor  dem  Gebnoche  wird  die  Elektrode  in  warmer  ZlrikvitrioF 
Lösung  gotrankt.  Das  Amalgam  ist  häufig  zu  erneuern,  was  ja,  da 
die  n  ▼erquickende  Flache  plan  ist,  in  wanigen  Augenblicken  ge- 
acbehen  kann.  -'  ;';■:•■■■:■<  .;  •        ■■    ■  ■■•■- 

Diese  Elektro^  n  erwiesen  sich  für  Ströme  vou  kleinerer  und 
mittlerer  Intensität  ganz  unpolarisirbar,  für  sehr  starke  Ströme  gibt 
es  überhaupt  keine  unpolarisirbaren  Vorrichtungen,  doch  war  auch 
hier  der  Polarieatio:  ti m  von  äusserst  geringer  Intensität  uud 
kurzer  Dauer. 

Es  bleibt  nun  noch  übrig  zu  erwähnen,  dass  selbst  bei  lang- 
dauemder  Durchleit  ■  ..  stärkster  Ströme  (24  Stöhrer),  die  Haut 
anter  den  Elektroden  niemals  irgend  wie  Schaden  gelitten  hat ;  es 
kam  niemals  zu  Verätzungen  oder  zu  Blasenbildung,  souderu  Mos 
rar  vorübergehenden  Röthung  und  Quaddel büdung,  wie  bei  ande- 
ren, mit  Kochsalzlösung  befeuchteten  Elektroden. 

Auch  die Schmi'i'/lnU'tigkiit  der  Application,  die  wieE.  Kemak1) 
richtig  bemerkt,  nur  von  Reizung  der  sensiblen  Hautnerven-Endi- 
gungen  herrühren  kann  uud  mit  der  Polarisation  nichts  zu  tbun 
hat,  war  nicht  grösser  als  bei  anderen  Elektroden.  Für  den  bioss- 
liegenden Nerven  oder  Muskel  ist  die  concentrirte  Zinkvitriollösung 
n  Aetzmittel ;  für  die  mit  iutacter  Epidermis  versehene  Haut  ist 
eselbe  Lösung  vollkommen  indifferent. 

Bei  einzelnen  Versuchen  habe  ich  zwischen  Elektroden  und 
die  Haut  Diaphragmen  aus  dünnem  Kautschuck  gelegt,  in  welche 
ich  quadratische  Fenster  geschnitten  hatte;  es  konnte  auf  diese 
Weise  der  Querschnitt  der  im  Stromkreise  befindlichen  Epidermis 
aufs  genaueste  ermittelt  werden. 

Die  Elektroden  selbst  wurden  durch  passende  Stative  gehalten, 
und  durch  den  Zug  eines  elastischen  Kautschuckschlauches  an  die 
Haut  fest  und  gleichmässig  angedrückt. 

Um  von  Muskelzuckungen  und  den  dabei  unvermeidlichen 
Verrückungen  der  Stromgeber  an  der  Haut  gesichert  zu  sein,  ver- 
mied ich  es  absichtlich  die  Elektroden  auf  sogenannte   motorische 

')  1.  c.  pag.  304. 


Leitungsvermögcn  der  menschl.  Haut. 


533 


Punkte  aufzusetzen ;  ich  wählte  als  ApplicatioDsstellen  mit  Vorliehe 
die  Volar-  und  Dorsalfläche  des  Vorderarmes  oder  auch  die  Hand 
an  deren  dicken  Epidermislagen  die  gesuchten  Widerstandsver- 
änderungen besonders  schön  nachweisbar  sind.  Doch  habe  ich  auch 
Versuche  an  anderen  Körperstellen,  wie  z.  B.  an  den  Schläfen 
gemacht. 

I.  Versuch. 

Der  eigene  linke  Arm  wird  um  11  Uhr  25  Min.  zwischen  die 
Elektroden  eingespannt.  Applicationsstellen  ca.  10  Ctm.  vom  Hand- 
gelenke entfernt,  die  eine  Elektrode  an  der  Beuge,  die  andere  an 
der  Streckseite  des  Armes.  Die  Masskette  besteht  aus  3  Siemens 
Elementen. 


Zeit 


Widerstand  !) 
in  S.  E. 


Anmerkung 


lii»38 
11  43 
11  44 
11     48 


260,000 


9,800 
15,500 


durch  Umlegen  der  Wippe  wird  ein  Strom  von 
15  Elerrf.  Stöhrer  1  Minute  lang  durchgeleitet 


Versuche,  wie  der  vorliegende,  habe  ich  in  grosser  Zahl  aus- 
geführt. Ich  gestehe  es,  dass  ich  anfangs  von  den  Ergebnissen  mei- 
ner Messungen,  die  so  wenig  mit  denen  Anderer  stimmten,  über- 
rascht war,  ja  dass  ich  eifrig  nach  einem  Fehler  der  Methode 
suchte.    Sollte  nicht  doch  die  Polarisation  *),   die  bei  so  schwacher 


*)  In  dieser  wie  in  den  folgenden  Tahellen  ist  bei  Berechnung  des  W. 
Ton  dem  gefundenen  Werthe  der  W.  der  Elektroden  bereits  in  Abzug  gebracht 
worden.  Eine  jede  Bestimmung  wurde,  wie  Eingangs  erwähnt,  bei  beiden 
Stellungen  des  Commutators  ausgeführt.  In  unserem  Falle  stimmten  die  beiden 
gefundenen  Zahlen  entweder  vollkommen  tiberein  (so  die  für  den  ersten  gros- 
sen Widerstand)  oder  standen  einander  so  nahe,  dass  das  arithmetische  Mittel 
derselben  als  der  wahre  Werth  des  W.  angesehen  werden  darf. 

*)  Es  kommt  hiebei  nur  die  Polariaation  an  den  Elektroden  in  An- 
betracht. 


SU  Gärtner. 

Ma&ikutte,  wie  ich  sie  anwandte,  schwerer  ins  Gewicht  fallen  müsste, 
als  bei  Anwendung  starker  Ströme,  und  eine  W.-Erhöhung  vortäu- 
schen wilrde,  im  Spiele  sein?  Die  eigens  hierauf  gerichtete  Untersu- 
chung ergab  ein  negatives,  also  befriedigendes  Resultat.  Der  Magnet 
kehrte  auf  den  Nullpunkt  zurück  (resp.  verblieb  auf  demselben), 
selbst  dann,  wenn  die  Masskette  nach  längerem  Geschlossensein 
geöflhot  wurde,  und  sie  verblieb  weiter  auf  dem  Nullpunkte,  wenn 
nun  dem  Commutator  die  zweite  Stellung  gegeben  wurde. 

Eine  einfache  Ueberlegung  lehrt  weiter,  dass  nach  Durchlei- 
tung des  starken  Stromes  durch  die  Elektroden;  die  Polarisation 
jedenfalls  bedeutender  sein  müsste  und  bei  der  hierauf  erfolgenden 
Widerstandsbestimmung,  wenigstens  bei  einer  Stellung  des  Strom- 
wenders einen  ähnlich  grossen,  oder  eigentlich  noch  grösseren 
Widerstand  vortäuschen  müsste,  als  der  war,  welcher  vor  Durch- 
leitung des  Stromes  gefunden  wurde. 

Allein  in  Wirklichkeit  variirten  die  Widerstandswerthe  bei 
verschiedener  Stellung  des  Commutators  auch  nach  Stromdurchlei- 
tung nur  unbedeutend  und  nur  insoferne  als  der  später  gefundene 
grösser  erschien,  als  der  zuerst  bestimmte,  was  in  ganz  anderen 
Verhältnissen  (die  wir  später  genauer  kennen  lernen  werden)  seine 
Erklärung  findet  und  von  der  Polarisation  nicht  abgeleitet  werden 
kann.  Ich  prüfte  ferner  die  Empfindlichkeit  meiner  Vorrichtungen 
indem  ich  die  ermittelte  richtige  Rheostatstellung  in  der  einen  und 
in  der  anderen  Richtung  veränderte  und  die  Nadel  beobachtete; 
auch  das  Resultat  dieser  Prüfung  war  vollkommen  zufriedenstel- 
lend, denn  Veränderungen  am  Rheostaten,  die  schon  deutliche  Nadel- 
ablenkungen bewirkten,  entsprachen  im  ungünstigsten  Falle ')  Wider- 
standsgrössen,  die  von  den  gefundenen  um  Vj2%  abwichen.  Der 
grösste  mögliche  Fehler  kann  demnach  das  Resultat  der  Messung 
höchstens  um  diesen  Betrag  grösser  oder  kleiner  erscheinen  lassen. 
Nur  in  einer  anderen  Richtung  ist  der   Versuch  nicht  ganz  genau. 

Die  Widerstandsbestimmung  nach  Durchleitung  des  Stromes 
erfordert    zu   ihrer  Vollendung    eine  gewisse   Zeit,    da    man   nicht 


')  Bei  sehr  grossem  Widerstände  der  Epidermis,  also  meist  zu  Beginn 
des  Versuches,  wo  auf  einer  Seite  des  Brückenstöpsels  sieb  ein,  bis  30mal 
grösserer  Widerstand  befand,  als  auf  der  anderen. 


Leitungsvermögen  der  menschl.  Haut.  535 

sofort  die  richtige  Stellung  am  Rheostaten  findet.  Während  dieses 
Zeitraumes,  der  bei  diesem  und  auch  bei  anderen  ähnlichen  Versu- 
chen im  Durchschnitte  30"  betragen  hatte,  ist  unzweifelhaft  der 
W.  schon  wieder  angewachsen  und  es  entspricht  der  für  W.  um 
11  Uhr  44  Min. ')  gefundene  Werth  von  9800  S.  E.  nicht  mehr 
dem  Widerstände  unmittelbar  nach  Oeffnung  der  modificirenden 
Kette. 

Aus  dem  folgenden  Versuche,  dem  dieser  Fehler  nicht  anhaf- 
tet, werden  wir  die  Minima  des  W.,  die  durch  einen  Strom  von 
bestimmter  Intensität  zu  erzielen  sind,  kennen  lernen;  in  dem  vor- 
liegenden Versuche  entspricht  der  Werth  von  9800  S.  E.  diesem 
Minimum  nicht,  dazu  hätte  es,  abgesehen  von  dem  erwähnten  Fehler, 
einer  länger  dauernden  Stromdurchleitung  bedurft.  Dagegen  haben 
wir  aus  dem  Experimente  gelernt,  dass  der  Widerstand  der  wohl- 
durchfeuchteten Epidermis  für  sehr  schwache  Ströme  ein  unge- 
mein grosser  ist,  viel  grösser  als  alle  bisherigen  Messungen  ahnen 
liessen  und  dass  ein  kräftiger  Strom  von  nur  1  Minute  Dauer  die- 
sen Widerstand  auf  einen  geringen  Bruchtheil  seiner  früheren  Grösse 
herabsetzt.  Wir  ersehen  ferner  aus  der  Tabelle,  dass  schon  nach 
Ablauf  von  4  Minuten  der  Widerstand  wieder  ganz  wesentlich  ge- 
wachsen ist. 


II.  Versuch. 

Der  eigene  linke  Arm  wird  um  11  Uhr  20  Min.  in  genau 
derselben  Weise,  wie  im  Versuche  I.  zwischen  den  Elektroden  be- 
festigt. Als  stromanzeigende  Vorrichtung  in  der  Brücke  dient  ein 
kleines  Horizontalgalvanometer  mit  ca.  100  multiplicirenden  Win- 
dungen; als  Masskette  eine  wechselnde  Anzahl  von  Stöhrer'schen 
Elementen.  Die  Masskette  wurde  um  11  Uhr  30  Min.  geschlossen 
und  blieb  während  des  Versuches  geschlossen;  nur  während  einer 
bestimmten  kurzen  Zeit  war  dieselbe,  wie  aus  der  Tabelle  ersicht- 
lich ist,  geöffnet. 


')  Tabelle  pag.  533. 


536 


Gärtner. 


Zeit 


Zahl  der 
Elemente 
der  Mass- 
kette 


Widerstand 


Anmerkung 


11*  35' 

5 

52,000 

11  35  30" 

5 

45,700 

il  37 

10 

14,500 

11  37  30 

10 

12,670 

il  39 

15 

8,120 

11  39  30 

15 

6,210 

11  43 

20 

5,200 

il  44 

20 

4,920 

li  47 

20 

4,750 

11  48 

5 

9,180 

11  48  30 

5 

9,180 

11  49 

5 

9,180 

11  51bisll  53 

— 

— 

11  53 

5 

13,900 

commutirt 


commutirt 


commutirt 


commutirt 

in  einer  Minute  20mal  commutirt 


commutirt 


die  Kette  bleibt  geöflhet 


Es  fällt  vielleicht  auf,  dass  der  zuerst  gefundene  Widerstand 
viel  kleiner  erscheint,  als  im  früheren  Versuche,  obwohl  dieselben 
Hautstellen  zur  Messung  verwondet  wurden.  Die  bedeutend  grössere 
elektromotorische  Kraft  der  Masskette  im  Versuche  II  (5  Stöhrer 
Elemente)  gegenüber  der  Kette  im  Versuche  I  (3  Siemens  Halske 
El.)  erklärt  indess  dies  Verhalten  zur  Genüge.  Zahlreiche  Erfah- 
rungen haben  mich  gelehrt,  dass  der  Strom  von  3  Siemens  El.  bei 
2000  S.  E.  in  Nebenschliessung  keinen  durch  Messung  nachweis- 
baren Einfluss  auf  den  Widerstand  ausübt,  dass  hingegen  schon 
5  El.  Siemens,  in  noch  höherem  Grade  natürlich  die  mit  grösserer 
elektromotorischer  Kraft  ausgestattete  Zink-Kohlekette  von  gleicher 
Elementenzahl,  als  Masskette  verwendet,  den  Widerstand  herab- 
setzen. Andererseits  musste  ich  im  Versuche  II  wegen  geringerer 
Empfindlichkeit   des  Galvanometers,    gleich   zu   Beginn    zu    etwas 


Leitungsvermögen  der  menschl.  Haut. 


537 


stärkerer  und  nicht  mehr  indifferenter  Kette  greifen.  Versuch  I 
und  II  ergänzen  sich  eben  gegenseitig;  aus  dem  ersteren  haben 
wir  den  grossen  Anfangswiderstand  kennen  gelernt,  aus  dem  letz- 
teren ersehen  wir,  bis  zu  welchem  Grade  die  Leitungsfähigkeit  der 
Haut  durch  Stromwirkung  erhöht  worden  kann.  Wir  sehen  da  zu- 
nächst, dass  mit  zunehmender  Elementenzahl  der  W.  in  rascher 
Progression  wächst,  so  zwar,  dass  er  bei  Anwendung  von  20  Ele- 
menten genau  den  zehnten  Theil  seiner  Grösse  bei  5  Elementen 
beträgt.  Wir  finden  ferner  die  aus  Munk's,  Erb's,  E.  Kemak's 
Untersuchungen  bekannte  Widerstandsabnahme  nach  Stromwendung, 
auch  bei  diesem  Versuche  regelmässig  wieder  und  gewinnen  Anhalts- 
punkte zur  Beurtheiluug  der  Grösse  und  Bedeutung  derselben. 

Der  nach  einmaligem  Commutiren  beobachtete  Widerstand, 
konnte  durch  rasche  Wiederholung  der  Stromwendung  noch  etwas 
herabgesetzt  werden. 

Wurde  die  Kette,  ohne  unterbrochen  zu  werden,  von  20  Ele- 
menten auf  5  Elemente  abgeschwächt,  so  stieg  auch  wieder  der  W. 
doch  nur  bis  zu  einer  bestimmten  Höhe,  die  weit  zurückblieb  hinter 
der  Höhe  des  Widerstandes,  die  im  Beginne  des  Versuches  bei 
gleicher  Zusammensetzung  der  Kette  gemessen  wurde.  Ein  weiteres 
Anwachsen  des  W.  wurde  erst  nach  Oeffnung  des  Stromes  con- 
statirt. 

III.  Versuch. 


Zeit 


Zahl  der 
Elemente 
der  Mass- 
kette 


Widerstand 


Anmerkung 


11*  37 
11  41 
11  42 
11     43 


11  45 
11  46 
ii    47 


3  Siem. 

52,000 

5     » 

45,700 

5     » 

16,100 

5     » 

24,500 

5     » 

8,500 

durch  Umlegen  der  Wippe  wird  ein  Strom 
von  4  El.  Stob  r er  1  Min.  lang  durchgeleit. 


Strom  von  4  El.  1  Min.  lang  durchgeleitet 


688  GSrtncr. 

Di«  Elektroden  waren  an  den  .Schläfern  befestigt.  Zwischen  der 
nrklc  gilt  befeuchteten  Kaut  und  der  Elektrode  befindet  sieh  jeder- 
ssfts  ein  Diaphragma  von  4Q  Ctm.  Oeffoung.  Die  übrige  Versuchs- 
■llllllWUl"  genau  wie  im  Versuche  I.  Im  Rheostaten  2100  bis 
3*00  &  K.  Widerstand. 

Die  zarte  Haut  der  Schlafen  scheint  von  vorneherein  dem 
Strome  geringeren  Widerstand  entgegenzusetzen  als  die  Haut  des 
Armes  and  schon  hei  Strömen  von  geringer  Spannung  (4  El.  Stöhrer) 
traten  Veränderungen  im  Widerstände  auf,  die  am  Arme  in  der 
gleichen  Grösse  erst  hei  viel  stärkere!)  Strömen  in  die  Erscheinung 
treten.  Dass  auch  hier  der  kleinste  beobachtete  Widerstand  nicht 
als  Minimum  für  die  betreffende  Stelle  anzusehen  ist,  ergibt  sich 
nach  dem  auf  S.  035  Vorgebrachten  von  selbst. 


IT.  Terraen.  _ 

.  Die  Elektroden  werde«  «m  10  Uhr  10  Min.  an  meinem  Un- 
ken Vorderarme  6  Ctm.  tfter  dem  Haüdgelonfc«  befestigt.  Matt* 
kette  «=  3  Siemens  El.  Vergaoksanordinimg  wie  im  Versuche!.  ' 

Es  wurde  in  diesem  Versuche  die  Abhängigkeit  der  Wider- 
standsabnahme  von  der  Schliessungsdauer  des  modificirenden  Stro- 
mes ermittelt.  Die  Zahlen  bedürfen  kaum  eines  Commentars;  nur 
auf  zwei  Funkte  möchte  ich  aufmerksam  machen: 

1.  dass  ein  Strom  von  massiger  Spannung  in  30  Secunden 
den  Leitungswiderstand  auf  ein  Viertheil  seiner  früheren  Grösse 
herabgedrückt  hat '); 

2.  dass  die  blosse  Schliessung  und  Oeffnung  eines  Stromes 
(bei  sehr  kurzer  einen  kleinen  Bruchtheil  einer  Secuude  betragenden 
Stromesdauer)  keine  durch  Messung  nachweisbare  Veränderung  im 
Widerstände  erzeugt  hat,  was  der  auf  S.  522  citirten  Angabe 
Erb's  widerspricht. 


')  Damit  ist  der  gegen  eine  Behauptung  Remak'a  auf  Seite  5S5  ange- 
tretene Beweis  erbracht. 


Leitungsvermögen  der  menschl.  Haut. 


539 


Zeit 

Widerstand 

Anmerkung 

iOh  12' 

113,700 

40     15 

113,700 

10    16 
10     16 

113,700 

Kette  von  12  El.  Stöhrer  wird  geschlossen 
und  sofort  wieder  geöffnet 

10     19 
10     19 

30" 

52,000 

Kette  von  12  El.  Stöhrer  5  Secunden  lang 
geschlossen 

10    21 

78,000 

10    22 
10    22 

30 

38,000 

Kette  von  12  El.  Stöhrer  10  Secunden  lang 
geschlossen 

10    24 

65,500 

10    25 
10    25 

30 

24,900 

Kette  von  12  El.  Stöhrer  30  Secunden  lang 
geschlossen 

10    27 

52,000 

10    35 
10    35 

30 

10,900 

Kette  von  12  El.  Stöhrer  60  Secunden  lang 
geschlossen 

V.  Versuch. 

Die  Elektroden  an  meinem  linken  Vorderarm  5  Ctm.  über  dem 
Handgelenke  befestigt.  Masskette  besteht  aus  3  Siemens  El.  An 
Stelle  der  modificirenden  Batterie  ist  die  secundäre  Spirale  eines 
Du  Bois'schen  Schlittenapparates  eingeschaltet —  alles  übrige  wie 
im  Versuche  I. 

Auch  der  Inductionsstrom  erhöht  (wie  auch  Brückner  ge- 
zeigt hat)  die  Leitungsfähigkeit  der  Haut,  doch  in  ungleich  gerin- 
gerem Grade  als  der  constante  Strom.  Ein  constanter  Strom,  der 
noch  gar  nicht  gefühlt  wird  und  der  auch  nicht  kräftig  genug  ist, 
um  auf  motorische  Punkte  applicirt,  Zuckungen  auszulösen,  über- 
trifft in  dieser  Richtung  den  stärksten  erträglichen  Inductionsstrom^ 


840 


<Hrt»*r. 


•    :•  !»•"*.  i 


ttor  toä  Herren  und  lom  Mll8l^Mwff''4fe'i]|^i9^itM', 
Contraotionen  erzeugt. 


'^■•m^f  ;h 


44*  9* 
14  4t 


44  43 

44  45 

44  46 

44  47 


Widerstand 


406,500 


79,000 
96,600 

52,000 


Anmerkung 


Durch  Umlegen  der  Wip  je  wenden  die  Elektro- 
den in  den  Kre»  der  lÄductwns-Spifale  ein- 
geschaltet,  BoUenabstand  *■  50  Um  Dauer 
der  Einwirkung  —  I  Minute 


.  •». 


Inductionastrom  bei  ganz  aufgeschobener  Bolle 
4'  lang  durehgeleitet 


TL  Versuch. 

San  Leichenarm  wird  zwischen  den  Elektroden  befestigt,  so 
dass  die  eine  der  Mitte  der  Beiige,  die  andere  der  Mitte  der  Streck- 
seite  des  Vorderarms  anliegt  Masskette  besteht  aas  3  Siem.  Elem. 
Versuchsanordnimg  wie  im  Versuche  I. 


Anmerkung 


Hh  iv 

11  47 

11  20 

11  21 

11  25 

11  29 

11  34 


83,000 
79,000 


13,300 
15,500 
27,500 
30,000 


1  Minute  lang  ein  Strom  von  21  El.  Stöhrer 
durchgeleitet 


Vn.  Versuch. 

Die  Hand  einer  Leiche  wird  durch  Einwickeln  in  nasse  Tücher 
an  ihrer  Oberfläche  grundlich   durchfeuchtet;   eine  Stunde  später 


Lcitungsvennögen  der  menscbl.  Haut. 


541 


(10  Uhr  45  Min.)  zwischen  den  Elektroden  befestigt,  so  dass  die 
eine  derselben  der  Mitte  der  Vola,  die  andere  der  Mitte  des  Hand- 
rückens aufliegt.   Masskette  3  Siemens. 


z< 

3it 

i{] 

\x    2< 

11 

9 

11 

15 

lj 

17 

11 

18 

11 

25 

Widerstand 


Anmerkung 


58,600 
63,000 
66,300 


9,000 
12,400 


Strom  von  20  Eiern.  Stöhrer  1  Minute  lang 
durchgeleitet 


Bei  Durchsicht  der  Literatur  konnte  ich  nicht  finden,  dass 
ähnliche  Versuche  an  Leichen  ausgeführt  worden  seien;  und  doch 
erscheinen  dieselben,  besonders  für  die  Beantwortung  der  Frage  nach 
den  Ursachen  der  Widerstandsabnahme,  in  hohem  Grade  wichtig  und 
beweisend.  Wie  ich  in  der  Einleitung  zu  der  vorliegenden  Abhand- 
lung gezeigt  habe,  hat  die  grosse  Mehrzahl  der  Autoron  sich  dahin 
ausgesprochen,  dass  es  die  Hyperämie,  die  vermehrte  Zufuhr  alka- 
lischen, gut  leitenden  Blutos  zur  Haut  und  die  Anfüllung  der 
Schweissdrüsen  mit  Socret  seien,  welche  unter  der  Einwirkung  des 
Stromes  die  Loitungsfähigkeit  steigern.  Es  ist  selbstverständlich, 
dass  mit  dem  Nachweise  eines  gleichen  Vorhaltens  des  Widerstandes 
von  Leichentheilen  die  erwähnte  Hypothese  in  Nichts  zusammen- 
fällt, und  dieser  Nachweis  ist,  hoffe  ich,  durch  die  vorliegenden 
und  einige  folgenden  Versuche  vollkommon  erbracht. 


VIII.  Versuch. 

Die  Hand  einer  Leiche  wird  durch  Eintauchen  in  siedendes 
Wasser  verbrüht  und  die  Epidermis  derselben  abgelöst.  Hierauf 
werden  die  Elektroden,  die  eine  volar,  die  andere  dorsal  an  der- 
selben befestigt.  Masskette  3  Siemens.  Diaphragma  von  4Q  Ctm. 
Oeffhung  unter  jeder  Elektrode. 


Med.  Jahrbacher.  1882. 


35 


Ztit 


10*  w 
11    10 

11  11 
II  11 

11     IS  30" 


1,9» 
1,500 


1,8» 
1,670 


dorehgeleiUt 
eamnratiit 


Nach  Entfernung  der  Epidermis  Hast  sieh  also  der  Wider- 
stand  durch  Stromwirkung  nicht  weiter  verändern;  das  Mittel  der 
zwei  Bestimmungen  vor  Durchleitung  gleicht  vollkommen  dam 
Mittel  der  zwei  unmittelbar  nach  Durchleitung  gemessenen  Wider- 
standswerthe. 

Es  folgt  schon  aas  diesem  Versuche  in-  Zusammenhalt  mit 
allen  früheren,  dass  der  Sitz  der  Wideretandstadenragea  aus- 
schliesslich in  der  Epidermis  zu  Sachen  sei.  Durch  den  nach- 
folgenden Versuch  gelang  es  diesen  Beweis  zu  vervollständigen. 


IX.  Versuch. 

Die  dicke  Epidermislage,  welche  beim  Versuche  VIII  von  der 
Volarfläche  der  Hand  {es  war  die  schwielige  Hand  eines  Arbeiters) 
in  einem  Stücke  abgelöst  wurde,  wird  unter  Zuhilfenahme  dersel- 
ben Diaphragmen  wie  im  vorhergehenden  Experimente,  zwischen 
den  Elektroden  befestigt.  Uebrige  Versuchsanordnung  genau  wie 
im  Versuch  VIII. 


Zeit 

Widerstand 

HM5 

183,000 

11     48 

- 

11    49 

52.500 

Strom  Ton  31  Elem.  SMhr« 
durchgeleitet 


Leitnngsvermögen  der  menschl.  Haut.  543 

Der  Widerstand  der  abgelösten  Epidermis  hat  nach  Strom- 
durchleitung um  mehr  als  die  Hälfte  *)  des  ursprünglichen  Werthes 
abgenommen. 

Es  erübrigt  nun  noch  auf  die  Ursachen  der  Widerstandsver- 
änderungen in  der  Epidermis  des  lebenden  Menschen  einzugehen. 
Diese  Ursachen  können  verschiedener  Art  sein.  Von  den  Autoren 
werden  mit  wenigen  Ausnahmen  (Munk,  Tschirieff  und  de  Watte- 
ville)  die  physiologischen  Vorgänge,  welche  bei  Einleitung  des 
Stromes  in  der  Haut  angeregt  werden,  in  erster  Linie  also  die 
Hyperämie  der  Haut  unter  den  Elektroden,  ferner  die  Anfüllung 
der  Schweissdrüsengänge  mit  Secret  zur  Erklärung  der  L.  W.-Ab- 
nahme  herangezogen;  einige  sehen  in  diesen  Vorgängen  die  einzige 
Quelle  der  W.- Veränderung  (E.  Eemak),  andere  lassen  ausser 
diesen  „physiologischen  Ursachen"  auch  die  in  Folgendem  zu  be- 
sprechenden physikalischen  gelton,  so  Erb8),  der  indess  von  allen 
Erklärungsversuchen  nicht  vollkommen  befriedigt  ist. 

Die  physikalische  Veränderung,  welche  eine  W.- Abnahme 
bedingen  können,  sind : 

1.  die  kataphorischen  Wirkungen, 

2.  die  Erhöhung  der  Temperatur  in  der  durchflossenen  Haut. 

Die  Bedingungen  zur  Entstehung  der  sogenannten  „positiven 
Polarisation",  sind  in  allen  hier  in  Betracht  kommenden  Versuchen 
nicht  vorhanden.  Die  Polarisation  ist  immer  die  normale,  negative, 
welche  den  polarisirenden  Strom  schwächt  und  immer  nur  eine  W.- 
Vermehrung nie  eine  Verminderung  vorzutäuschen  vermag. 

Das  Befeuchten  der  Hautoberfläche  allein,  besonders  mit 
warmen  Salzlösungen  erhöht,  wie  allgemein  bekannt,  ebenfalls  die 
Leitungsfähigkeit  der  Haut;  zahlreiche  eigene  Versuche  und  ebenso 
die  Angaben  der  Autoren  (so  Ziemsse  n's  3),    der  stundenlang  vor 


*)  Dennoch  entsprach  der  Versuch,  nicht  ganz  meinen  Erwartungen: 
ich  habe  mir  die  Abnahme  viel  bedeutender  —  so  gross  etwa,  wie  sie  an 
der  ganzen  Hand  beobachtet  wurde,  vorgestellt.  Es  ist  wahrscheinlich  die 
durch  das  Eintauchen  in  siedendes  Wasser  erzeugte  Coagulation  von  Eiweiss- 
körpern  oder  sonstige  chemische  Veränderung  der  Epidermis,  die  Ursache  des 
verschiedenen  physikalischen  Verhaltens  derselben. 

*}  ErVs  Handbuch  der  Elektrotherapie  pag.  53. 

a)  Ziemssen,  Elektrotherapie  S.  114-115. 

35* 


) 


Beginn  der  elektr,  Untersuchung  feuchte  Umschläge  auf  die  be- 
tpttfendeo  Stellen  applicirte,  und  dann  noch  imruor  eine  —  Erhö- 
hung der  Erregbarkeit,  je  nach  Dauer  und  Intensität  des  angewende- 
ten Stromes  eonstatiron  konnte,  lassen  darüber  keinen  Zweifel  zu, 
dass  die  nach  Durch  Strömung  auftretende  Erhöhung  der  Lei  tun  gs- 
fähigkeii,  wirklich  eine  Folge  dieser  Durcbströmung  und  nicht 
eine  Folge  der  mit  der  Zeit  und  unabhängig  vom  Strome  eintre- 
tenden besseren  Durch  feudi  tung  sei.  Besonders  lehrreich  war  es 
mir  zu  sehen,  dass  ein  Leichenarm,  der  mehrere  Stunden  lang  in 
Wasser  gelogen  war  noch  immer  einen  sehr  hohen  L.  W.  besass, 
(am  Vonlerarm  ca.  50.000  S.  E.)  welcher  Widerstand  nach  Durch- 
loituug  eiues  Stromes  sehr  rasch  in  gewöhnlicher  Weise  absank. 
Ich  will  es  mm  versuchen,  die  aufgezählten  möglichen  Ursachen 
der  Reibe  nach  zu  analysiren  und  ihre  wahre  Bedeutung  auf  Grund 
der  oigeuen  Versuche  möglichst  festzustellen. 

Bei  Besprechung  der  ersten  au  der  Leiche  ausgeführten  Ver- 
suche ')  habe  ich  bereits  erwähnt,  dass  die  Ergebnisse  dieser  Messun- 
gen unvereinbar  sind  mit  der  Annahme  der  Autoren,  dass  es  vor- 
zugsweise die  physiologisch oi>  Wirkungen  des  Stromes  seien,  die 
den  L.  W.  herabsetzen,  da  in  cadavere  die  Abnahme  des  L.  W.  so 
wie  in  vivo  erfolgt  und  in  beiden  Fällen  die  gleiche  Abhängigkeit 
von  der  Stromesdauer  und  Intensität,  ferner  von  den  Stromwendun- 
gen zeigt.  Es  wäre  gewiss  absurd  für  die  gleiche  Erscheinung  zwei 
Quellen  annehmen  zu  wollen;  die  eine  in  der  Haut  des  lebenden 
Menseben,  die  andere  nach  Wegfall  der  ersten  das  gleiche  Resultat 
liefernd  in  der  Leichenhaut. 

Zudem  ist  diejenige  Gewebsschichte,  wolche  Sitz  des  grossen 
Widerstandes  ist,  völlig  gefässlos  und  die  Erweiterung  der  Blut- 
gefässe könnte  allenfalls  direct  den  Widerstand  des  Corion  ver- 
kleinern, dieser  aber  ist  an  und  für  sich  gegenüber  dem  L.W.  der 
Epidermis  so  klein,  dass  seine  Schwankungen  für  uns  nicht  weiter 
in  Betracht  kommen. 

Die  grösste  Bedeutung  kommt  unzweifelhaft  der  von  Munk 
am  Menseben  erwiesenen  kataphoriseben   Wirkung  des   Stromes*) 

')  Vide  pag.  5*1. 

')  H.  Munt,  über  die  galvan.  Einführung  von  Flüssigkeit  i.  d.  menschl. 
leb.  Organismus.    Arch.  für  Anal,  und  l'hysiolog.  1873. 


Leitungsvermögen  der  menschl.  Haut.  545 

zu,  der  Eigenschaft  desselben  in  einem  porösen  Körper  Flüssigkeit 
in  der  Eichtung  von  der  Anode  zur  Kathode  fortzubewegen.  Es 
gelangt  so  unter  der  Anode  die  zum  Befeuchten  der  Stromgeber 
verwendete  Flüssigkeit  (in  unserem  Falle  Zinkvitriollösung)  in  die 
Epidermis  und  es  ist  leicht  begreiflich,  dass  dadurch  die  Leitungs- 
fahigkeit  derselben  um  ein  Vielfaches  erhöht  werden  kann.  Doch 
auch  unter  der  Kathode  wird,  wie  ich  mich  überzeugt  habe,  der  L.  W. 
durch  Stromwirkung  verkleinert,  durch  Eindringen  von  Gewebs- 
flüssigkeit aus  den  tieferen  Schichten  in  die  Oberhaut,  also  wieder 
in  der  Richtung  von  der  positiven  zur  negativen  Electrode.  Da 
diese  Flüssigkeit  woniger  gut  leitet  als  Zinkvitriollösung  war  zu 
erwarten,  dass  die  Widerstandsabnahme  unter  der  Kathode  ceteris 
paribus  geringer  ausfallen  müsse  als  unter  der  Anode  und  diese 
Erwartung  wurde  durch  den  Versuch  bestätigt.  Derselbe  wurde  in 
der  Weise  ausgeführt,  dass  die  eine  der  unpolarisirbaren  Elektroden 
auf  dem  Dorsum  einer  Leichenhand  befestigt  wurde,  nachdem  daselbst 
zuvor  die  Haut  entfernt  worden  war,  während  die  andere  auf  die  intacte 
Haut  der  Vola  applicirt  wurde.  Es  wurde  der  Widerstand  gemessen,  ein 
Strom  durchgeleitet  und  wieder  gemessen.  Die  Widerstandsabnahme 
war  stets  grösser,  wenn  die  der  volaren  Haut  anliegende  Electrode 
die  Anode  war,  kleiner  wenn  es  die  Kathode  war. 

Die  kataphorischen  Wirkungen  erklären  uns  ferner  ganz  unge- 
zwungen (wie  Munk  gezeigt  hat)  die  Abhängigkeit  des  L.  W.  von 
der  Stromesdauer  und  Intensität  und  die  Wirkung  der  Stromwen- 
dungen, wo  beide  Applicationsstellen  nach  einander  unter  den  be- 
sonders wirksamen  Einfluss  der  Anode  gesetzt  werden. 

Das  durch  den  Strom  in  die  Epidermis  eingeführte  Wasser 
veranlasst  wahrscheinlich  ein  Aufquellen  der  verhornten  Zellen  und 
Umwandlung  ihrer  im  normalen  Zustande  schlecht  leitenden  Substanz 
in  eine  besser  leitende.  Durch  das  Befeuchten  der  Haut,  oder  durch 
Umschläge,  die  man  auf  dieselbe  applicirt,  wird  dieselbe  Veränderung 
in  den  ganz  oberflächlichen  Schichten  erzeugt,  doch  bleibt,  selbst  wenn 
man  l#ige  Kalilauge  oder  Aetzammoniaklösung  zum  Anfeuchten 
verwendet,  in  der  Tiefe  eine  schlecht  leitende  Schichte,  die  den 
Gesammtwiderstand  noch  immer  gross  erscheinen  lässt.  Der  L.  W. 
der  Haut  wird  durch  Befeuchten,  ganz  besonders  bei  Anwendung 
der  obengenannten  Alkalien  wesentlich  herabgesetzt,  das  nachtrug- 


eu  eines  starken  BtronuG  bleibt  aber  noch    wirksam, 
en  folgenden  Versuchen  ergibt. 

X.  Versuch. 

Le    jeuarni  wird  um  10  Uhr  18  Min.  zwischen  denEIelc- 
t.  Applkationsstul Il'ü  5  Cttn.  über  dem  Handgelenke. 
e  u     1.  Sieineiis. 


Zeit 


10 1»  SÖ- 
lO  38 
10  39 
10  44 
10    «6 


Mein  linker  Arm  10  Ctm.  Hüter  dem   Ellbogengelenke  zwi- 
schen den  Elektroden  befestigt.  Masskette  3  Siemens  Elemente. 


Zeit 


Die  Applicationsstellen  werden  mit  1  %  Kali- 
lauge befeuchtet 


1*  48' 
1  SO 
1  53 
1  55 
1     56 


Ich  habe  überhaupt  nur  ein  Agens  kennen  gelernt,  das  den 
Widerstand  der  Epidermis  in  so  hohem  Grade  herabzusetzen  ver- 
mag, wie  der  elektrische  Strom  und  das  ist  die  Fäulnis».  Dar 
L.  W.  eines  Leichehtheiles,  der  bereits  anfangt  seine  Farbe  zu 


Lei tungs vermögen  der  menschl.  Haut.  547 

verändern  ist  immer  relativ  sehr  klein  (am  Vorderarme  in  der 
Nähe  des  Ellbogengelenkes  fand  ich  einen  L.  W.  von  1960  S.  E.) 
und  kann  durch  Stromwirkung  nicht   weiter  herabgesetzt   werden. 

Eine  Erscheinung  bedarf  noch  einer  Erörterung;  es  ist  dies 
das  langsame  Wiederansteigen  des  L.  W.  nach  Oeffnung  des  Stro- 
mes, welches  auch  in  der  Leiche,  wenn  auch  weniger  rasch  und 
intensiv  als  am  Lebenden,  doch  ebenso  constant  wie  dort,  beob- 
achtet wird.  Dass  ein  solcher  Vorgang  im  lebenden  Gewebe  statt 
hat  ist  leicht  verständlich ;  die  eingedrungene  Flüssigkeit  kann  durch 
den  Lymphstrom  oder  überhaupt  durch  die  Lebensthätigkeit  der 
Gewebe  entfernt  werden.  In  der  Leiche  ist  ein  derartiger  Vorgang 
nicht  möglich  und  da  bei  un verrückt  anliegenden  Elektroden  auch 
eine  Verdunstung  der  in  der  Haut  befindlichen  Flüssigkeit  nicht 
wahrscheinlich  ist,  so  kann  man  wohl  vermuthen,  dass  die  hygro- 
skopische Umgebung  der  durchfeuchteten  Stelle  einen  grossen  Theil 
der  dort  angesammelten  Flüssigkeit  absaugt  und  auf  eine  weitere 
Strecke  gleichmässig  vertheilt,  so  etwa  wie  Filtrirpapier  einen 
Flüssigkeitstropfen  aufsaugt  und  vertheilt. 

Als  letzte  mögliche  Ursache  der  W.-Abnahme  ist  die  Erwär- 
mung der  Epidermis  in  Betracht  zu  ziehen. 

In  Leitern  zweiter  Ordnung  nimmt  mit  zunehmender  Tempe- 
ratur der  L.  W.  ab.  Andererseits  bewirkt  der  elektrische  Strom 
eine  Erwärmung  der  Leitung.  Die  Erwärmung  ist  in  jenem  Ab- 
schnitte der  Strombahn  am  intensivsten,  wo  der  grösste  Wider- 
stand herscht.  Bei  Einschaltung  des  menschlichen  Körpers  muss 
demnach,  wenn  überhaupt  erhebliche  Wärmeentwicklung  statt  hat, 
dieselbe  in  der  Epidermis  am  intensivsten  sein. 

In  der  Literatur  fand  ich  zwei  diesbezügliche  Angaben. 
Bunge1)  äussert  sich:  „Ganz  unbegreiflich  muss  es  scheinen,  wie 
man  bei  Application  der  gewöhnlichen  feuchten  Elektroden  hat  von 
thermischen  Wirkungen  der  grossen  Elemente  sprechen  wollen  .  . 
.  .  .  als  ob  bei  Leitern  zweiter  Classe  und  Elektrolyten  inner- 
halb der  relativ  schwachen  Ströme,  welche  wir  therapeutisch  ver- 
wenden, von  irgend  welchen  thermischen  Wirkungen  jemals  die  Rede 
sein  könnte". 


*)  Elektrotonus  am  Lebenden.  —  Arch.  f.  klin.  Medicin.  Bd.  VIL 


548  «*ti, 

Ziemssen')  blt  flB  trofadem  für  nötbig  befunden  die  Sachs 
experimentell  xu  prüfen.  Du  J.  ■  .  tu  dieser  Versuche  war  eiu 
negatives;  es  konnte  mittelst  eines  Geissler' sehen  Thermometers 
weder  unter  der  Kathode  noch  unter  der  Anode  eine  Temperatur- 
erhöhung constatirt  werden.  Bei  gleicher  Vei-suchsanordnung  konnte 
such  ich  eine  Erwärmung  nicht  nachweisen,  doch  gelang  dies  so- 
fort ala  ich  die  Versuehsbedinguugeu  nh&nderte. 

Man  vergegenwärtige  sieh  die  Verhältnis».  Das  'Quecksilber- 
geftsa  des  Thermometers  wird  umgeben  einerseits  "von  der  mit 
dünnem  feuchtem  Uebermge  versehenen  Metallelektrode  —  anderer- 
seits von  einem  Abschnitte  der  Oberhaut,  der  aber  durch  das  Glas 
des  Instrumentes  von  der  Elektrode  isolirt  fei  Es  berührt  somit 
das  Thermometer  nirgends  vom  Strome  durc.hfloasoue  Epidermis  und 
es  ist  sehr  gut  denkbar,  dass  der  Strom  eine  Erwärmung  der  vou 
ihm  getroffenen  Epidermis  zur  Folge  hat,  und  dass  trotzdem  das 
Quecksilber  im  Thermometer  seinen  Stand  nicht  ändere. 

Der  eine  Versuch  wurde  in  der  Weise  ausgeführt,  dass  das 
Quecksübergefass  des  Thermometers  mit  einer  einfachen  Lage 
feuchten  Filtrirpapiers  umgeben,  so  zwischen  die  Haut  des  Hand- 
rückens und  einen  Stromgeber  eingefugt  wurde,  dass  das  feuchte 
Papier  die  einzige  Leitungsbahn  darstellte,  indem  die  Elektrode 
selbst  die  Haut  unmittelbar  gar  nicht  berührte.  Die  mit  20  El. 
Stöhrer  erzielte  Stromintensität  war  entsprechend  der  kleineu  in 
Contract  befindlichen  Epidermisfläche,  dann  in  Folge  des  grossen 
Widerstandes  der  Haut  der  Vola,  wo  die  Anode  befestigt  war,  eine 
sehr  kleine.  Au  dem  eingeschalteten  nach  absolutem  Masse  gradu- 
irten  Galvauometer,  wurde  ein  Ausschlag  entsprechend  V/k  Milh- 
webor  abgelesen.  Die  Temperatur  stieg  während  der  5  Minuten 
wahrenden  Stromesdauer  von  27'5°  C.  auf  28-2  und  sank  nach 
Oeffmmg  des  Stromes  im  Verlaufe  vou  3  Minuten  auf  27'7  ah. 
Viel  prägnanter  war  der  Erfolg  iu  dem  folgenden  Versuche. 

Ein  Leichenarm,  der  die  Nacht  über  bei  sehr  niederer  Aussen- 
temperatur  (der  Versuch  wurde  am  14.  Februar  ausgeführt)  vor 
dem  Fenster  gelegen  hatte,  wird  zwischen  zwei  in  Stativen  einge- 
spannten, gewöhnlichen  Plattenelektroden  befestigt.  Zwischen  die 
dorsal  gelegene  Anode  und  die  Haut  wird  ein  in  */«  °  getheiltes, 


l)  Ekktrotherapio  S.  50. 


Leitungsvermögen  der  menschl.  Haut. 


549 


mit  dünnem  cylindrischem  Gefässe  versehenes  Thermometer  ein- 
geschoben. Die  Zimmertemperatur  betrug  147  °  C.  und  blieb  wäh- 
rend des  Versuches  unverändert. 


Zeit 


Temperatur 
nach  Celsius 


Anmerkung 


101»  5* 
10  10 
10  10 
10  28 
10  29 
10     32 


8*7° 
8*7° 


14-9 


.00 


12*7 


.  n  o 


Strom  von  20  Eiern.  Stöhrer  geschlossen 


Die  Kette  geöffnet 


Die  gemessene  Temperatursteigerung  beträgt  hier  6*2°  C.  In 
Wirklichkeit  muss  sie,  wie  sich  aus  dem  Vorhergehenden  ergibt, 
viel  grösser  sein. 

Warum  der  Versuch  an  der  abgekühlten  Hand  gelingt,  wäh- 
rend er  in  dieser  Modification  an  der  37°  warmen  Hand  kein  deut- 
liches Eesultat  liefert,  dass  wage  ich  nicht  zu  erklären.  Da  er  in 
der  anderen  Modification  gelungen  ist,  so  erscheint  dies  auch  gar 
nicht  nothwendig,  und  dies  um  so  weniger  als  auch  sonst  die  Er- 
wärmung der  Elektrolyten  beim  Stromdurchtritt  eine  wohlconsta- 
tirte  Thatsache  ist.  Bunsen1)  empfiehlt  ausdrücklich  das  Gefäss, 
in  welchem  auf  elektrolytischem  Wege  Knallgas  erzeugt  wird, 
künstlich  abzukühlen,  „um  eine  zu  grosse  Erhitzung  der  Zersetzungs- 
flüssigkeiten und  der  Poldrähte  zu  verhindern". 

Wie  gross  die  Erwärmung  am  Menschen  ausfallt  und  ob  sie 
bei  Erzeugung  der  Widerstandsabnahme  in  Betracht  kommt,  lässt 
sich  nach  unseren  bisherigen  Kenntnissen  nicht  entscheiden. 


')  Gasometrische  Methoden  1857.  S.  69. 


XXVHI. 

lieber  die  Rotationsbewegungen  im  Knie- 
gelenke. 

Von 

Dr.  Cajetan  Freiherrn  y.  Horoch 

Operationszögling  an  der  Klinik  Prof.  Albert. 
(Mit  einem  Holzschnitte.) 

(Von  der  Kedaction  am  2.  September  1882  übernommen.) 


Der  Mechanismus  dos  Kniegelenkes  hat  schon  seit  langer  Zeit 
den  Gegenstand  zahlreicher  und  umfänglicher  Untersuchungen  ge- 
bildet. Die  räumliche  Grösse  dieses  Gelenkes,  seine  leicht  zugängliche 
Lage,  seine  functionelle  Wichtigkeit  sowie  die  vielen  pathologi- 
schen Veränderungen  denen  es  unterliegt,  verliehen  dem  Gegenstande 
seit  jeher  ein  besonderes  Interesse;  Anatomen  und  Chirurgen  haben 
ihm  immer  aufs  neue  ihre  Aufmerksamkeit  gewidmet. 

Die  merkwürdige  Art  und  Weise,  wie  hier  Eotations-  und 
Streckbewegung  combinirt  auftreten,  andererseits  wieder  jede  für 
sich  unabhängig  ausgeführt  werden  kann,  hat  schon  die  Brüder 
Weber  im  Jahre  1836  („Mechanik  der  menschlichen  Gehwerk- 
zeuge") eingehend  beschäftigt  und  diese  ausgezeichneten  Forscher 
fassten  den  bei  der  combinirten  Bewegung  sich  einstellenden  Rota- 
tionswinkel als  eine  Function  des  Streckwinkels  auf. 

Nach  demselben  Gesichtspunkte  unternahm  auch  H.  Meyer 
einige  Messungen  an  Kniegelenken  nach  einer  anderen  Methode; 
allein  seine  Angaben  entbehren  der  wünschenswerten  Vollständig- 
keit, da  sie  als  das  Resultat  einer  viel  zu  geringen  Versuchsreihe 
sich  darstellen. 

Eine  bei  weitem  vollständigere  und  umfangreichere,  weil  auf 
einer  grossen  Anzahl  von  Experimenten  beruhende  Darstellung  lio- 


553  Hot  och. 

ferU  Prof.  Albert  in  seiner  Abhandlung:  „zur  Mechanik  des  Knie- 
gelenkes* (Separat-Abdruck  ans  den  Berichten  des  natunrisstn- 
schafÜich-mediciniBohen  Vereines  in  Innsbruck,  VllL  Jahrgang, 
1.  Haft,  pag.  41,  1878). 

Ich  war  nun  bestrebt,  diesen  Gegenstand  von  einem  anderen 
Gesichtspunkte  ans  einer  eingehenden  Untersuchung  zu  unterziehen. 

Bei  jeder  Arbeit,  die  sich  mit  der  Mechanik  des  Kniegelenke* 
beschäftigt,  ist  es  von  der  grössten  Wichtigkeit,  vor  Allem  darnach 
iu  fragen,  in  welcher  Weine  der  Umfang  der  Drehbewegung  von 
der  Integrität  jenes  complieirteu  Bandapparates  abhängt,  der  gerade 
am  Kniegelenke  in  so  imposanter  Weise  angebracht  ist. 

Behufs  Beantwortung  dieser  Frage  habe  ich  vorerst  am  unver- 
letzten Kniegelenke  meine  Messungen  angestellt,  sodann  nacheinander 
jedes  Ligament  einzeln  durchschnitten  und  so  den  Umfang  der 
Drehbewegung  nach  Ausfall  der  Function  des  betreffenden  Bandes 
ermittelt  und  schliesslich  au  Kniegelenken  mit  mehrfach  durch- 
schnittenen Bändern  die  (inVe  des  RotaÜonewinkelfl  gemessen. 

Bei  Vornahme  der  Messungen  habe  ich  mich  derselben  Tor- 
richtungen bedient,  welche  Professor  Albert  angegeben  hat  und  da 
die  Beschreibung  derselben  nur  einem  kleineu  Leserkreise  bekannt 
sein  durfte,  erlaube  ich  mir  hier  den  Wortlaut  derselben  aus  der 
oben  erwähnten  Abhandlung  zu  citiren: 

„„Man  denke  sich  eine  Ebene,  die  durch  den  Mittelpunkt  des 
Femurkopfes  und  die  Femoralansätze  der  Seitenbänder  des  Kniege- 
lenkes geht-,  ich  nannte  diese  Ebene  in  meinem  Aufsatze  „Zur 
Mechanik  des  Hüftgelenkes"  (Med.  Jahrbücher  1876,  2.  Heft)  die 
Pemurebene  und  habe  dort  angegeben,  wie  man  diese  legen  kann. 
Man  denke  sich  ferner  auch  durch  die  Tibia  eine  Ebene  gelegt  und 
zwar  so,  dass  sie  in  vollkommener  Streckung  dos  Kniegelenkes  mit 
der  Femurebene  zusammenfällt;  ich  kann  eine  solche  an  der  Tibia 
durch  eine  an  die  letztere  fest  angebrachte  Glastafel  markiren; 
gleiches  geschieht  mit  der  Femurebene  am  Oberschenkelknochen. 
Wenn  nun  das  Kniegelenk  in  verschiedene  Stellungen  gebracht  wird, 
so  bilden  die  zwei  Ebenen  verschiedene  Winkel.  Gäbe  es  im  Knie- 
gelenke nur  Beugung  und  Streckung,  so  müssten  sich  die  beiden 
Ebenen   immer  in  einer  frontal  gelegenen  Geraden  schneiden  und 


Rotationsbewegungen  im  Kniegelenke.  553 

ihr  Neigungswinkel  wäre  eben  der  Beugewinkel  selbst *).  Es  ist  aber 
bekannt,  dass  die  beiden  Ebenen  sich  in  verschiedenen  Beugelagen 
des  Gelenkes  zugleich  so  stellen,  dass  ihre  Durchschnittslinie  nicht 
frontal  liegt,  sondern  aus  der  Frontalebene  heraustritt.  Der 
Winkel,  den  hiebei  die  Unterschenkelebene  mit  der  Frontalebene 
bildet,  heisst  der  Eotationswinkel.  Endlich  geht  noch  eine  dritte 
Bewegung  vor  sich.  Der  Unterschenkel  verändert  nämlich  seine  Lage 
auch  so,  dass  irgend  ein  in  der  Unterschenkelebene  selbst  gelegener 
Punkt  sich  in  dieser  selben  Ebene  bewegt;  die  Durchschnittslinie  der 
Fomurebene  und  der  Unterschenkelebene  bewegt  sich  dabei  in  der 
Unterschenkelebene  selbst  und  der  Winkel,  der  dabei  zurückgelegt 
wird,  ist  der  sogenannte  SeitenwinkeL 

Auf  diese  Art  ist  das  Problem  in  genügender  Schärfe  hinge- 
stellt; es  lässt  sich  übrigens  in  einer  noch  leichter  vorstellbaren 
Weise  folgendermassen  formuliren. 

Man  denke  sich  bei  einem  aufrecht  stehenden  und  von  vorne 
betrachteten  Menschen  durch  das  linke  Femur  die  quere  Knieaxe 
gezogen;  dazu  eine  parallele  Gerade  quer  durch  die  Tibia.  Wenn 
der  Mensch  sein  Bein  erhebt,  so  dass  das  Kniegelenk  rechtwinklig 
gebeugt  wird,  so  liegen  die  beiden  Geraden  nun  nicht  mehr  in  einer 
Ebene;  auf  dem  Horizont  projicirt  sich  ein  Winkel,  den  sie  bilden, 
und  das  ist  der  Eotationswinkel.  Nebstdem  projicirt  sich  auch  auf 
der  Frontalebene  ein  Winkel,  d.  i.  der  Soitenwinkel. 

Es  handelt  sich  darum,  zu  finden,  in  welcher  Abhängigkeit 
beide  Winkel  von  dem  Beugewinkel  stehen. 

Praktisch  lässt  sich  das  Problem  auf  mancherlei  Art  lösen. 
Ich  habe  mir  einen  Tisch  construirt,  dessen  Platte  nach  vorne  zu 
weit  ausläuft,  aber  eine  Strecke  vor  dem  freien  Ende  in  zwei  mittelst 
Charniers  gelenkig  verbundene  Theile  gegliedert  ist.  Die  Axe  des 
Charniers  verläuft  parallel  zur  Tischkante.  Eine  Stellvorrichtung 
erlaubt  es,  das  vordere  bewegliche  Glied  der  Platte  in  allen  Winkel- 
stellungen, die  das  Charnior  zulässt,  festzustellen.  Während  die 
Tischplatte  horizontal  steht  (unter  Controlle  der  Wasserwage  ein- 
gestellt), kann  also  das  bewegliche  Glied  derselben  horizontal,  oder 


')  Hiebei  wird  nur  die  Voraussetzung  gemacht,  dass  im  Hüftgelenke 
ein  solcher  Grad  der  Pronation  vorausgeschickt  und  constant  erhalten  wird, 
dass  die  Femurebene  in  der  Frontalebene  liegt. 


BM  lloroch- 

tenkxecht  nach  unten,  oder  seukrocht  nach  oben  und  in  allen 
Z«iMb«utellBll(;in  festgestellt  werden.  Die  Platte  ändert  ihr« 
•8t*llnng  übt  in  B|Hlg  auf  den  Horizont-,  den  Winkel,  den  sie 
jedesmal  mit  der»  Horizont  bildet,  lese  ich  an  einem  Transporteur 

ab,  der  AB  der  schmalen  Seitenfläche  derselben  fest  angebracht  ist, 
und  in  dessen  Centrum  ein  auf  einer  feinen  eingestochenen  Nadel 
-frei  aufgehängter  und  beschwerter  Faden  herunterhängt.  Direet  lese 
ich  also  nur  die  Veränderung  des  Winkels  zur  Verticalen,  woraus 
äch  die  Stellung  zur  Horizontalen  sofort  ergibt.  Ich  kann  somit  die 
bewegliche  Platt >  auf  joden  Neigungswinkel  zum  Horizont  einstellen. 
Hau  denk»  sich  nun  den  Oberschenkel  auf  die  bewegliche  Platte  es 
angenagelt,  dass  die  Feinurebene  mit  der  Ebene  der  Platte  parallel 
steht.  Nun  strecke  ich  das  Kniegelenk  ad  maiimum  und  bringe  in 
dieser  Lage  die  Untorschonkelebene  an,  d.  h.  ich  befestige  an 
der  Tibia  eine  Platte  unverrückbar  so,  dass  deren  Ebene  mit  der 
Femnrebene  zusammenfällt,  uud  somit  dor  beweglichon  Tischplatte 
parallel  ist.  La&  ich  die  Tischplatte  senkrecht  herab,  so  steht  die 
Femnrebene  senkrecht  zum  Horizont.  Dränge  ich  den  Uuterschenkel 
dabei  in  die  au  Streckung,   so  fällt  die  Unterschenkel  eben« 

natürlich  in  die  Femnrebene,  denn  in  dieser  Lage  sind  beide  eigentlich 
eine  und  dieselbe  Ebene.  Unterlasse  ich  jedoch  das  Andrängen,  so 
geht  die  TJntersclienkelebene  durchaus  nicht  von  selbst  in  eine 
senkrechte  Lage  zum  Horizont.  Um  dies  zu  begreifen,  beherzige 
man,  dass  der  Unterschenkel  sich  dann  wie  ein  aufgehängter  Körper 
verhält.  Wenn  ich  an  einem  Körper  in  einer  bestimmten  Lage  des- 
selben eine  zum  Horizonte  senkrechte  Ebene  anbringe,  und  den 
Körper  dann  frei  aufhänge,  so  kann  es  Zufall  sein,  wenn  die  Ebene 
nun  wieder  senkrecht  zum  Horizont  steht;  denn  beim  freien  Auf- 
hängen braucht  ja  nur  die  Bedingung  erfüllt  zu  werden,  dass  eine 
durch  den  Aufbängepunkt  und  den  Schwerpunkt  gezogene  Gerade 
den  Mittelpunkt  der  Erde  trifft.  Der  im  Kniegelenke  beweglich 
angebrachte  Unterschenkel  der  Leiche  folgt  auch  den  Bedingungen 
der  Schwere  und  erfüllt  sie;  aber  die  an  ihm  in  einer  anderen  be- 
stimmten Stellung  angebrachte  senkrechte  Ebene  braucht  dabei  nicht 
wieder  senkrecht  zu  fallen.  Nur  wenu  ich  die  Streckung  ad  maximum 
erzeuge,  während  die  Femurebeno  senkrecht  steht,  ist  auch  die 
Unterschenkelehene  senkrecht  zum  Horizont  gestellt.  Bewege  ich 
nun  die  Tischplatte  in  verschiedene  Lagen  zum  Horizont,  so  wird 


Rotationsbewegungen  im  Kniegelenke.  555 

der  hiebei  frei  hängende  Unterschenkel  wiederum  nur  den  Gesetzen 
der  Schwere  folgen.  Will  ich  also,  dass  der  Neigungswinkel  der 
Tischplatte  gegen  den  Horizont  den  Beugewinkel  des  Gelenkes  aus- 
drückt, so  muss  ich  jedesmal  den  Unterschenkel  so  äquilibriren, 
dass  die  Unterschenkelebene  senkrecht  zum  Horizont  fällt.  Dann  hat 
die  Unterschenkelebene  immer  dieselbe  Stellung  zum  Horizont  und 
die  Pemurebene  ist  es,  welche  die  ihrige  verändert.  Die  Aequilibrirung 
wird  durch  ein  Laufgewicht  besorgt,  welches  sich  an  einer  sagittal 
durch  die  Tibia  durchgesteckten  Stange  bewegt. 

Ich  kann  somit  bei  dieser  Herrichtung  von  der  äussersten 
Streckung  des  Gelenkes,  als  der  Ausgangslage  der  Messung,  durch 
die  Verstellung  der  Tischplatte  alle  Beugestellungen  des  Gelenkes 
nach  einander  erzeugen.  Ich  habe  mich  darauf  beschränkt,  in  der 
Beugung  jedesmal  um  10°  vorzurücken  und  dabei  den  Rotations- 
winkel  und  den  Seitenwinkel  zu  messen. 

Dies  geschieht  auf  folgende  Art.  In  der  Ausgangslage  wird 
durch  die  zwei  Punkte,  wo  sich  die  Seitenbänder  am  Femur  inseriren, 
durch  eine  vorher  angelegte,  beide  Punkte  verbindende  Bohrung 
eine  Stricknadel  oder  ein  anderes  gerados  Stäbchen  durchgesteckt, 
welches  die  Richtung  der  queren  Knieaxe  repräsentirt  und  besonders 
mit  dem  einen  Ende  etwa  20  Centimeter  frei  herausragt.  Durch  eine 
parallele  Bohrung,  die  die  Tibia  quer  durchsetzt,  geht  ein  zweites 
gleiches  Stäbchen.  In  der  Ausgangslage  (äusserste  Streckimg)  gehen 
also  beide  Stäbchen  parallel  und  liegen  in  der  Fomurebene.  Wenn 
ich  nun  in  die  verschiedenen  Beugestellungon  übergehe,  so  behält 
das  Stäbchen  am  Femur  immer  eine  Lage,  die  zu  der  ersten  parallel 
ist;  das  Stäbchen  an  der  Tibia  aber  wird  seine  Lage  vorändern.  Die 
auf  den  Horizont  fallende  Projection  beider  Stäbchen  bildet  den 
ßotationswinkel,  die  auf  die  Frontalfläche  fallende-  Projection  den 
Seitenwinkel.  Wenn  ich  eine  Camera  obscura  so  einstelle,  dass  die 
Ebene  ihrer  Glasplatte  zu  der  Femurebene  in  der  Ausgangslage 
parallel  steht,  so  wird  sich  der  Seiten winkel  direct  projiciren;  ich 
brauche  nur  die  zwei  Schattenlinien  mit  dem  Bleistift  zu  markiren 
und  den  Winkel  zu  messen.  Um  aber  den  Rotationswinkel  zu  er- 
halten, d.  h.  um  die  horizontale  Projection  beider  Stäbchen  in  eine 
Camera  zu  werfen,  stelle  ich  über  dem  Tische  einen  grossen  Plan- 
spiegel auf,  der  gegen  den  Horizont  um  45°  geneigt  ist  und  lasse  die 
Strahlen   vom  Spiegel  auf  die  Glasplatte  der  Camera  reflectiren, 


556  Hoi-och. 


;  dem  Bleistift  den  Verlauf  der  heilten  Sdiattonlinien 
und  messe  dun  den  "Winkel  an  iler  Glasplatte  ab. 

Dt  es  sieh  dumn  bandelt,  den  jeweiligen  Umfang  der  Rotation 
bei  den  Tsrochiedenen  Reugegraden  zu  erheb™,  so  genügt  es  nicht, 
jenen  Botatäonswinkel  n  messen,  der  sich  bei  der  frei  herabhäugen- 
den  Lage  des  UnterecJienkels  von  selbst  einstellt.  Man  muss  viel- 
mehr hingehen  nnd  die  entstandene  Rotation  ad  maximum  ver- 
mehren. Selbstverstai  darf  dabei  die  senkrechte  Lage  der 
Unterschenkelebene  mm  Horizont  nicht  verändert  worden;  es  mnss 
also  nach  geschehener  Masini alrotation  visirt  werden,  ob  die  Ünter- 
Bchenkelebene  eenkreebt  steht,  und  in  dieser  Stelhuig  wird  der 
Unterschenkel  wahrend  der  Ablesung  der  Winkel  fixirt"". 

Bevor  ich  nun  daran  gehe,  die  Details  meiner  Arbeit  rnitzu- 
theilen,  sei  es  mir  gestattet  einige  Bemerkungen  allgemeiner  Natur 
vorauszuschicken.  Es  ist  vor  Allem  sehr  merkwürdig,  wie  verschieden 
rieh  die  Kniegelenke  verschiedener  Individuen  im  Detail  der  Be- 
wegungsform  verhalten. 

Ich  habe  Kniegelenke  von  Individuen  im  Alter  von  10  bis  zu 
65  Jahren  untersucht  und  unter  all  den  Hundert  unverletzten  Ge- 
lenken, die  ich  gemessen,  werden  sich  kaum  zwei  finden,  die,  was 
die  Winkelgrösse  anbelangt,  sich  gleich  verhalten  würden.  Ick 
machte  weiter  dio  Beobachtung,  dass  die  Gelenke  jüngerer  Indivi- 
duen bedeutend  grössere  Rotationswinkel  zoigen,  als  solche  von 
alten  Leuten,  eine  Thatsache,  die  ich  mir  nur  durch  die  grössere 
Dehnbarkeit  und  Elasticität  des  jugendlichen  Bandapparates  erklären 
kann.  (Tabelle  I  [Anhang]  enthält  die  diesfälligen  Ergebnisse  der 
Messungen,  die  ich  an  Kniegelenken  von  vier  zehnjährigen  Knaben, 
sowie  an  vier  Individuen  im  Alter  von  je  20,  40,  50  und  60  Jahren 
vorgenommen  habe.)  Aber  nicht  nur  die  Kniegelenke  verschiedener 
Individuen  weisen  bezüglich  der  Winkelgrösse  solche  Differenzen 
auf,  auch  vergleichende  Messungen  an  beiden  Kniegelenken  eines 
und  desselben  Individuums  ergeben  diesfalls  bedeutende  Unter- 
schiede, wie  dies  Tabelle  n  des  Genauen  erweist. 

Im  Verlaufe  meiner  Untersuchungen  fiel  mir  weiter  auf,  dass 
das  rechte  Kniegelenk  im  Vergleiche  zum  linken  grössere  Rota- 
tionswinkel ergibt  (Tabelle  U).  Ich  führte  die  Rotationsbewegungen 
nach  aussen  und  innen  von  einer  Mittellage  aus,  die  das  Gelenk 
vermöge  seiner  natürlichen  Befestigungen  einnimmt  und  benütete 


Rotationsbewegungen  im  Kniegelenke.  557 

nur  die  Vorsicht,  dass  der  Unterschenkel  mittelst  eines  mit  dem- 
selben parallelen  Lothes  stets  senkrecht  zum  Horizonte  eingestellt 
wurde. 

Diese  Stellung  des  Unterschenkels  musste  je  nach  dem  Zeuge- 
winkel der  Tischplatte  corrigirt  werden,  und  von  jener  Mittellage 
aus  drehte  mir  ein  Gehilfe  den  Unterschenkel  ad  maximum  nach 
innen  und  ebenso  nach  aussen.  Diese  Winkelwerthe  nach  aussen  und 
innen  zusammengenommen  repräsentiren  das  Maximum  der  Drehung, 
welche  das  Knie  in  einer  bestimmten  Beugung  um  seine  verticale 
Axe  auszuführen  im  Stande  ist.  Die  Messungen  sind  von  der 
äussersten  Streckung  bis  zu  einer  Beugung  von  40  Grad  vorge- 
nommen worden  und  zwar  in  der  Weise,  dass  jedesmal  vorerst  zehn 
unverletzte  Gelenke  gemessen  und  hernach  dieselben  Gelenke  nach 
Durchschneidüng  der  einzelnen  Ligamente  von  neuem  verwendet 
wurden. 

Nach  demselben  Modus  sind  auch  meine  Tabellen  angeordnet, 
so  zwar,  dass  zuerst  die  Messungsergebnisse  der  unverletzten  Ge- 
lenke verzeichnet  sind  und  unmittelbar  daran  sich  jene  der  durch- 
schnittenen Gelenke  reihen.  Zugleich  sind  sowohl  die  Mittelzahlen 
als  auch  die  gesammten  Eotationswerthe  beider  Gruppen  ersichtlich 
gemacht;  die  Tabellen  folgen  im  Anhange. 

I.  Unverletztes  Gelenk. 

(Tabelle  in.) 

Uebersieht  man  die  Mittelzahlen  der  Messungsergebnisse  der 
100  unverletzten  Gelenke,  so  merkt  man  genau,  wie  der  Rotations- 
winkel von  170  Grad  angefangen,  allmälig  zunimmt.  Der  äussere 
Winkel  schwankt  bis  zu  120  Grad  zwischen  17'3°  und  21'4°;  von 
120°  bis  40°  geht  er  um  5#1°  wieder  zurück,  so  dass  das  Minimum 
der  Aussenrotation  bei  40°  Flexion  erreicht  wird.  Der  innere  Winkel 
wächst  beständig  ohne  auffällige  Differenz,  das  Minimum  befindet 
sich  bei  140°  Flexion  und  beträgt  10-r>°,  während  das  Maximum  bei 
40°  mit  24*5°  erreicht  wird;  beide  differiren  sonach  um  14°.  Im 
Allgemeinen  bemerkt  man,  dass  bei  der  Zunahme  der  Beugungs- 
grade die  Botation  nach  innen  durchschnittlich  um  1°  sich  ver- 
mehrt. An  der  gesammten  Botation  betheiligt  sich  die  Drehbarkeit 
sowohl  nach  aussen  als  nach  innen  in  ziemlich  gleichmässiger  Weise 

Med.  Jahrbücher.  1882.  36 


568  Horoch. 

und  dies  bit  mit  dem  TJaterseniede,  dssa  dio  Ausson-Rotation  mit 
höheren  Winkelwerthen  beginnt  und  Schwankungen  einestheils  zwi- 
schen 21*4*  und  17*3*  anderem  zwischeu  21'4"  und  16-3°  unter- 
liegt, wahrend  die  InnenrotatioE  mit  10-5"  beginnend,  allmälig  bis 
auf  84*4*  ansteigt  Die  geeam  ■:  Rotation  erreicht  allmälig  an- 
steigend ihr  Marimnm  bei  60*  Beugung  mit  41-9°;  bei  40"  Flexion 
ist  eine  Abnahme  von  1*  bemerkhar.  Der  äussere  Winkel  bleibt  bis 
m  90*  Beugung  immer  grösser  als  der  innere,  bei  der  Flexion  von 
90*  kehrt  sich  das  Yerhaltniss  Um  und  übertrifft  der  innere  Winkel 
den  äusseren  um  1*,  bis  er  slli  .  zunehmend,  bei  40°  Beugung 
24*5*,  ab»  um  8*2*  mehr  betragt  als  der  letztere. 

DL  Einlache  Dnrehsehneldnng  der  Oelenke. 

(Tifcdle  IV.) 
A.  Ligamentnm  intornum. 

An  und  für  sich  betrachtet  und  aicht  mit  den  correlaten 
Werthen  am  unverletzten  Gelenke  verglichen,  nehmen  nach  Durch- 
scbneidnng  dieses  Ligameutes  die  Wertlie  der  Rotation  nach  aussen 
von  170*  bis  110*  continuirlicb  zu,  bei  100'  nehmen  sie  ab  und 
fallen  allmälig,  um  hei  40*  Flexion  17-6°  zu  erreichen.  Die  Rotation 
nach  innen  nimmt  von  170'  bis  40"  Flexion  allmälig,  im  Ganzen 
nm  15°  zu.  Dem  entsprechend  steigen  auch  die  Werthe  der  Ge- 
sammtrotation  von  160°  bis  90'  Beugung  continuirlich  von  364* 
bis  zu  einem  Maximum  von  54-2°,  also  um  17'8J,  dann  fallen  sie 
bis  zu  40°  Flexion  auf  499°,  also  um  4'3*.  Verglichen  mit  den  aus 
den  Messungen  an  unverletzten  Gelenken  gewonnenen  Resultaten 
ergeben  sieb  folgende  Veränderungen: 

Das  Maximum  der  äusseren  ltotation  wird  bei  beiden  bei  110° 
Flexion  erreicht.  Die  beiden  Minima  fallen  auf  die  Grenzen  der 
Flexionsweite,  finden  sieb  also  bei  170"  und  40*  nur  mit  dem 
Unterschiede,  dass  das  Minimum  der  Aussendrehung  am  Gelenke 
mit  durchschnittenen  Ligam.  int.  bei  170°  Flexion  um  ö'O0,  bei  40° 
Beugung  wieder  um  3-1"  grösser  ist  als  am  unverletzten  Gelenke. 
Das  Maximum  hat  am  durchschnittenen  Gelenke  bei  HO"  um  8'7° 
zugenommen.  Das  "Minimum  und  Maximum  der  Innenrotation  fällt 
in  beiden  Gelenken  mit  der  Anfangs-  (160°)  und  Schlussflexion 
(40°)  zusammen.  Auch  die  absoluten  Werthe  können  kaum  diiferent 


Rotationsbewegungen  im  Kniegelenke.  559 

genannt  werden,  ja  das  Maximum  von  32-3°,  das  am  durchschnit- 
tenen Gelenke  erreicht  wird,  muss  dem  reciproken  Werthe  am 
intacten  Gelenke  als  gleich  bezeichnet  werden,  da  die  Differenz  von 
0*3°  innerhalb  der  Messungsgrenzen  gelegen  ist. 

Der  Unterschied  zwischen  beiden  Gelenken  in  der  Gesamriit- 
rotation  besteht  darin,  dass  das  Maximum  nach  Durchschneidimg 
des  Ligam.  int.  nicht  mehr  auf  40°  Flexion,  sondern  schon  auf  90° 
fifllt,  um  dann  wieder  abzufallen.  Es  ergibt  sich  somit  aus  dem 
Gesagten,  dass  die  Durchschneidung  des  Lig.  int.  auf  die  Innen- 
rotation einen  Einfluss  nicht  auszuüben  vermag;  dagegen  nimmt  die 
Aussenrotation  durchgehends  zu  (bei  150°  Flexion  um  4*7°,  bei  80° 
Beugung  um  9'3°);  am  ergiebigsten  erweist  sich  daher  ihr  Einfluss 
auf  die  Aussenrotation  bei  den  Mittelstellungen  von  120D  bis  80° 
Flexion  und  selbstredend  muss  demnach  auch  die  Gesammt-Kotation 
um  dieselben  Werthe  zugenommen  haben. 

B.  Ligamentum  externum  longum. 

(Tabelle  V.) 

Nach  Durchschneidimg  des  Lig.  ext.  long,  -wird  das  Maximum 
der  Aussenrotation  bei  120°  Flexion  mit  19-1°  erreicht.  Das  eine 
Minimum  befindet  sich  bei  160°  Flexion,  das  andere  bei  40°  und 
beträgt  ihre  Differenz  gegen  das  Maximum  T90  in  dem  einen,  6*5° 
in  dem  anderen  Falle. 

Die  Zunahme  der  Werthe  der  Innenrotation  hält  gleichen 
Schritt  mit  der  Zunahme  der  Beugung  und  zwar  beträgt  die  Diffe- 
renz von  170° — 40°  Flexion  16'7°  bei  einem  Minimum  von  12*1°. 
Das  Maximum  der  Gesammtrotation  wurde  bei  60°  Flexion  mit 
46°  erreicht,  die  Minima,  an  den  Grenzen  der  Excursionsweite  ge- 
legen, differiren  demnach  um  16°  und  4-6°. 

Vergleichen  mit  den  Messungen  der  entsprechenden  unver- 
letzten Gelenke  und  abgesehen  von  dem  etwas  abweichenden  Werthe 
bei  140°  Flexion,  erwies  sich  der  Einfluss  der  Durchschneidung  auf 
die  Aussenrotation  als  sehr  gering,  da  sowohl  die  Anfangs-  und 
Schlusswerthe  als  die  Zahlen  bei  den  einzelnen  Flexionsgraden  um 
wenige  Zehntheile  von  einander  abweichen;  nur  bei  140°  und  40° 
Flexion  beträgt  die  Differenz  2°,  ein  Unterschied,  der  wohl  als 
irrelevant  angesehen  werden  kann.  Die  Ko;tation  nach  innen  hat  in 
der  Strecksphäre  kaum  merklich  zugenommen;  mit  der  Grösse  der 

36* 


560  Horoeb. 

Itaioii  ateigt  auch  sie  an,  betragt  aber  auch  4a,  wo  sie  den 
höchsten  Werüi  erreicht,  (ton  809  Ina  40*)  um  3*  Wb  4-5*  mehr 
ab  die  Innenrotation  am  unverletzten  Gelenke. 

Ebenso  verhält  sieh  auch  die  Gesammtrotatton,  deren  Maximum 
hier  wie  dort  bei  einer  Flexion  von  60#  erreicht  wird;  die  Maiima 
differiren  um  etwas  mehr  als  8#.  Die  Durchschneidung  des  lag.  ext 
long,  übt  sonach  auf  die  Aussenrotation  fast  gar  keinen,  auf  die 
Innenrotation  einen  nur  sehr  geringen,  beiifahe  unmerklichen  Einfluss 
bei  Strecklagen,  einen  bedeutenderen  Einfiuss  dagegen,  und  dies  im 
Sinne  der  Zunahme,  in  den  Beugelagen  des  Gelenkes  aus. 

In  demselben  Verhältnisse  gestaltet  Sieh  auch  die  Zunahme 
der  Gesammtrotation. 

C.  Ligamentum  externum  breve.  . 

(Tabelle  VI.) 

Das  Maximum  der  Werthe  der  Aussenrotation  nach  Durch- 
schneidung  des  Lig.  extern,  brev.  liegt  bei  einer  Flexion  von  140*, 
von  da  ab  werden  dieselben  continuiriich  bis  zu  40*  herab  kleiner. 
Das  Plus  im  Vergleiche  zum  Werthe  der  Aussenrotation  bei  170* 
beträgt  49,  die  Differenz  zwischen  40*  und  140*  Flexion  9*1#.  Die 
Innenrotation  steigt  mit  Ausnahme  zweier  Stellen  bei  160°  und 
140°,  wo  eine  Steigerung  nicht  constatirt  werden  kann,  continuirlich 
von  9*3°  bis  23  8°,  also  um  14'5°.  Die  Gesammtrotation  nimmt 
ebenfalls  von  35'5°  bis  46°,  also  um  9*5°  zu,  nur  bei  der  Schluss- 
beugung  fallt  sie  um  1'2°  gegen  die  vorhergehende  ab.  Der  Ver- 
gleich mit  dem  unverletzten  Gelenke  zeigt  eine  bedeutende  Zunahme 
der  Eotationswinkel  nach  aussen,  besonders  in  den  Strecklagen  des 
Gelenkes  und  zwar  um  5°  bis  9*5°.  Von  1209  Flexion  an  ist  die 
Zunahme  wohl  geringer,  fällt  aber  nur  zweimal  unter  1#5°.  Die 
Maxima  liegen  ungefähr  in  denselben  Beugelagen  und  sind  um  5*1° 
different. 

Die  Zunahme  der  Kotation  nach  innen  ist  bei  weitem  undeut- 
licher, sie  ist  einerseits  geringer  und  andererseits  sehr  schwankend,  in 
der  Hälfte  der  Lagen  beträgt  sie  nur  einige  Zehntheile  in  den 
übrigen  übersteigt  sie  zweimal  2°.  Die  Maxima  liegen  in  den  ter- 
minalen Schlusslagen  um  3°  auseinander. 

Die  gesammte  Rotation  hat  sohin  entschieden  zugenommen, 
und   dies   am  meisten  in  den  Strecklagen  der  Gelenke  (um  4°  bis 


Rotationsbewegungen  im  Kniegelenke.  561 

10*  1°);  am  wenigsten  in  den  Mittellagen  (um  circa  2°),  etwas  mehr 
wieder  in  den  äussersten  Beugelagen  (um  4*5°).  Die  Durchschneidung 
des  Ligament,  extern,  brev.  vermehrt  demnach  sowohl  die  Eotation 
nach  aussen  als  jene  nach  innen,  erstere  jedoch  in  einem  unver- 
hältnissmässig  höheren  Grade,  wiewohl  nur  in  einer  der  Streckung 
näheren  Lage.  Die  Gesammtrotation  nimmt  unter  ihrem  Einflüsse 
in  den  Grenzlagen  entschieden  zu. 

D.  Ligamentum  internum  et  ligamenta  externa. 

(Tabelle  VEL) 

Nach  Durchschneidung  des  Lig.  intern,  und  der  beiden  Lig. 
externa  wird  das  Maximum  der  Aussenrotation  bei  einer  Beugung 
von  100°  mit  28*1°  erzielt.  Die  Minima  liegen  an  den  Grenzen  der 
Excursionsweite  und  differiren  um  6°  und  8*5°  gegen  die  Maximal- 
ziffer der  Aussenrotation.  Auffallend  ist  der  rapide  Abfall  um  3°  in 
den  beiden  letzten  Beugelagen.  Das  Maximum  der  Innenrotation 
liegt  bei  80°  Flexion,  ergibt  also  ein  Plus  von  16°  gegen  das  An- 
fangsminimum. Die  Abnahme  gegen  die  Schlussbeugung  ist  eine 
allmälige,  nur  wenige  Zehntheile  betragende;  nur  bei  50°  Flexion 
tritt  plötzlich  ein  Abfall  um  3*4°  auf.  Die  Gesammtrotation  erreicht 
bei  80°  Beugung  ihren  Höhepunkt  mit  58-3°,  die  Minima  an  den 
Grenzlagen  differiren  um  21/3°  und  8*8°.  Die  Aussenrotation  nimmt 
unter  dem  Einflüsse  der  durchschnittenen  Ligamente  im  beträcht- 
lichen Masse  zu  und  dies  am  stärksten  in  den  Mittellagen  (um  8*9° 
bis  11°);  geringer  ist  die  Zunahme  in  den  Grenzlagen  sowohl  gegen 
die  Beugung  als  gegen  die  Streckung  hin  (4*5°  bis  7*5°).  Die  Maxima 
liegen  ungefähr  in  denselben  Mittellagen  und  differiren  um  9°.  Die 
Innenrotation  nimmt  in  den  Strecklagen  durchschnittlich  um  4°  bis 
6°  zu,  doch  ist  die  Vergrösserung  der  Winkelwerthe  ziemlich  be- 
deutend (2-5°  bis  5°);  die  höchsten  Zahlen  werden  so  ziemlich  in 
denselben  Lagen  erreicht,  und  differiren  um  4°. 

Selbstverständlich  hält  auch  die  Zunahme  der  Gesammtrotation 
hiemit  gleichen  Schritt.  Sie  ist  sehr  bedeutend  in  den  Beugelagen 
(9-8°  bis  17-5°),  geringer  in  den  Strecklagen  (7*5°  bis  9'5°).  Die 
Durchschneidung  des  Lig.  intern.,  sowie  beider  Ligamenta  externa 
vermehrt  demnach  die  Aussen-,  Innen-  und  Gesammtrotation  und 
zwar  vorzüglich  in  den  Mittellagen. 


56S  Horoch. 

E.  Ligamentum  eruciutum  anticum. 
(Tabelle  VIII.) 
Das  Maximum  der  Rotation  wird  nach  Durchschneidung  des 
Lig.  am  ant  bei  120"  Flexion  mit  20°  erreicht;  das  Plus  gegen 
das  Huiimum  bot  der  höchsten  Streckung  ergibt  sich  mit  2"5",  jenes 
bei  der  äusserst  Beugung  mit  5'4°.  Die  WertUe  der  Innenrotation 
steigen  continui  um  2-3"  von  einer  Grenzlage  zur  anderen.  Die 
GesammtrotaÜoi  nimmt,  abgesehen  vod  zwei  Schwankungen,  um 
nur  wenige  Zehntheile  von  der  ftwerstet]  Streckung  bis  zur  letzten 
Beugelage,  im  Ganzen  um  20'4"  zu.  Bringt  man  diese  Resultate  mit 
den  an  den  unverletzten  Gelenken  gewonnenen  Zahlen  in  Parallele, 
80  zeigen  beide  inseferne  eine  ziemliche  Congruenz,  als  einerseits 
die  Anfangs-  un-1  .Sililusswortho  der  A ussonrotation,  andererseits  die 
HQhe  der  Marin  —  in  beiden  Fällen  belinden  sich  dieselben  bei 
120*  Flexion  —  sich  gleich  verhalten.  Dasselbe  kann  man  bezüglich 
der  Rotation  nach  innen  und  in  Folge  dessen  auch  bezüglich  der 
Gesammtrotatioii  constatiron.  Demnach  übt  die  Durchschneidung 
des  Lig.  cruciat.  ant.  keinen  nur  irgendwie  neunenswerthen  Eiufluss 
auf  die  Rotation  aus. 

P.  Ligamentum  cruciatum  posticum. 
(Tabelle  H.) 

Das  Drehungsmaximum  nach  aussen  liegt  bei  140°  Flexion, 
es  hat  gegen  das  Minimum  in  der  äussersten  Strecklage  um  44' 
zugenommen  und  fallt  gegeu  das  Beugeminimum  um  6*4°  ab.  Die 
Schwankungen  innerhalb  der  Excursionsweite  von  160"  bis  70* 
Flexion  bewegen  sich,  die  Maximalziffer  ausgenommen,  innerhalb 
sehr  enger  Grenzen. 

Wie  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  steigt  auch  hier  der  Winkel- 
werth  der  Innenrotation  allmalig  mit  zunehmender  Beugung  an, 
und  differireu  die  Wertbe  an  den  zwei  äussersten  Lagen  um  19'7'- 
Die  Gesammtrotatiou  hat  ihr  Maximum  bei  80°  Flexion  erreicht 
und  bewegt  sich  innerhalb  der  ziemlich  weiten  Grenzen  von  204* 
bis  41-2°. 

Einen  Einfluss  der  Durchschneidung  dieses  Ligamentes  auf 
die  Aussenrotation  könnte  man  höchstens  in  dem  um  1°  höheren 
Maximum  erblicken,  sonst  sind  die  Differenzen  unerheblich.  Die 
Aenderung  der  Werthe  der  Innenrotation  manifestirt  sich  —  wenn 


Rotationsbewegungen  im  Kniegelenke.  563 

wir  die  Unterschiede  um  einige  Zehntheile  in  den  Lagen  von  120° 
bis  80°  Flexion  übersehen,  —  darin,  dass  in  den  Strecklagen  eine 
Abnahme  derselben  bis  um  4*5°  erfolgt,  in  den  Beugelagen  dagegen 
eine  Zunahme  um  1°  bis  3°  stattfindet.  Die  Maxima  liegen  in  beiden 
Eeihen  bei  40°  und  differiren  um  1-5°. 

Was  nun  die  Gesammtrotation  anbelangt,  so  lässt  sich  der 
Einfluss,  den  die  Durchschneidung  des  Ligamentum  cruc.  post.  auf 
dieselbe  ausübt,  wegen  der  vielfachen,  geringfügigen  Schwankungen 
kaum  in  einen  allgemeinen  Satz  zusammenfassen,  nur  die  Abnahme 
derselben  in  den  fünf  ersten  Strecklagen  und  ihre  Zunahme  um  4° 
in  den  Flexionslagen  von  80° — 60°  könnte  allenfalls  auf  eine  be- 
sondere Erwähnung  Anspruch  erheben. 

G.  Beide  Ligamenta  cruciata. 

(Tabelle  X.) 

Die  beinahe  gleichen  Minima  der  Aussenrotation  an  der  An- 
fangs- und  Schlusslage  sind  um  6'50  vom  Maximum  derselben  ent- 
fernt, welches  von  beiden  Grenzlagen  aus  allmälig  ansteigend,  auf 
die  rechtwinklige  Beugung  fallt. 

Die  Innenrotation  weist  ausnahmsweise  zwei  Maxima  auf,  von 
denen  sich  das  eine  bei  120°  Flexion  mit  19-9°  das  andere  bei  40° 
Beugung  mit  23*4°  befindet. 

Das  Minimum  zwischen  diesen  beiden  Maximalwerten  mit 
14"9°  liegt  bei  100°  Flexion  und  differirt  um  5°  nach  der  einen, 
um  8"5°  nach  der  anderen  Kichtung. 

Die  Gesammtzunahme  der  Innenrotation  von  einer  Grenzlage 
zur  anderen  beträgt  12#5°. 

Auch  für  die  Gesammtrotation,  deren  regelmässiger  Anstieg 
durch  zwei  unvermittelte  Abfälle  unterbrochen  wird,  ergeben  sich 
zwei  Maxima;  das  eine  bei  120°,  das  andere  bei  70°  Flexion  gelegen; 
an  letzterer  Stelle  wird  der  absolute  höchste  Werth  für  die  Ge- 
sammtrotation erreicht,  der  gegen  die  Schlussbeugung  hin  sich 
wieder  um  3*3°  verringert.  Die  Minima  an  den  Grenzlagen  diflferiren 
um  15#9°  und  3*3°  von  dem  höchst  erreichten  Maximum. 

Ein  Vergleich  mit  den  Werthen  der  Aussenrotation  an  den 
unverletzten  Gelenken  ergibt,  dass  in  beiden  Eeihen  die  Anfangs- 
und  Endwerthe  sich  ziemlich  gleich  verhalten;  nur  in  den  Mittellagen 


564  Koro  eh. 

■teilt  sich  eine  geringe  Zunahme  zu  Gunsten  des  unverletzten  Ge- 
lenkes um  circa  2°  heraus. 

Was  die  Inncnrotation  anbelangt,  so  gestatten  die  vielen 
Schwankungen  und  der  unregelmäßige  Wechsel  zwischen  Zu-  und 
Abnahme  der  Wertho  es  nicht,  hier  eine  allgemeine  Fassung  zu  for- 
muliren. 

Um  nun  nicht  jede  einzelne  Ziffer  besonders  hervorheben  zu 
müssen,  habe  ich  eine  Curve  angefertigt,  in  welcher  sowohl  die 
Schwan  klingen  der  Innen-  als  jene  der  Gesammtrotation  graphisch 
dargestellt  sind  (S,  565). 

H.  Ligamentum  patellare, 
(Tabelle  XI.) 
Die  Durchschneidung  des  Lig.  patellare  wurde  subcutan  mittelst 
des  Tenotoms  ausgeführt.  Die  Messungen,  bei  denen  die  ganze  untere 
Extremität  sammt  dem  Becken  fungirte  —  auch  Musculatur  und 
Haut  blieben  hierbei  intact  —  ergaben  keine  nennenswerten  Differen- 
zen gegenüber  den  analogen  Wertheu  am  unverletzten  Gelenke;  nur  in 
der  Aussen-  und  liesammtrotatkni  geigte  sich  bei  den  Mittellagen  eine 
geringe  Zunahme  um  1" — 2",  so  dass  iui  Allgemeinen  von  einem 
Einfluss  des  Lig.  pat.  auf  die  Drehbewegung  im  Kniegelenke  nicht 
gesprochen  werden  kann. 

III.  Comblnfrte  Durchsehneidung  der  Bänder. 

A.  Ligamentum  internum  et  cruciatum  posticum. 

(Tabelle  XII.) 
Nach  Durchschneidiing  der  obengenannten  Ligamente  ergibt 
sich  für  die  Rotation  nach  aussen  das  Maximum  bei  130°  Flexion 
mit  30-4°,  zeigt  also  gegen  das  Anfangsminimum  einen  Aufstieg  um 
6'6°  und  übertrifft  das  Maximum  an  der  Schlussbeugung  (23-8*) 
um  15'6.  Die  Werthe  für  die  Innenrotation  steigen,  abgesehen  von 
den  minimen  Differenzen  in  den  Lagen  von  70*  bis  40",  wie  wir 
dies  bislang  fast  durchgeheuds  beobachten  konnten,  continuirlich 
von  der  einen  extremen  Lage  bis  zur  anderen  und  zwar  im  Ganzen 
um  1770  an;  die  Gesammtrotation  ergibt  in  den  Lagen  von  170* 
bis  70"  eine  stetige  Zunahme  in  toto  um  15"1°;  von  dieser  letzten 
bis  zur  Schlusslage  sinkt  der  Werth  im  Ganzen  um  6'4n.  Der  Ver- 
gleich der  Aussenrotationswertbe  vor  und  nach  Verletzung  der  Ge- 


566  Horoch. 

lenke  bietet  ähnliche,  wenn  auch  im  letzten  Falle  um  ungefähr  7° 
höhere  Verhältnisszahlen  dar. 

Die  Kotationsmaxima  liegen  um  nahezu  10°  auseinander.  Die 
Werthe  der  Innenrotation  haben  um  3°  bis  6°  zugenommen.  Die 
Maximen  differiren  um  3°  und  liegen  so  ziemlich  in  den  gleichen 
Lagen. 

Die  Maxima  der  Gesammtrotation  befinden  sich  gleichfalls  an 
derselben  Beugelage  bei  70°  und  differiren  um  12*4°  von  einander. 

Die  combinirte  Durchschneidung  des  Ligamentum  cruc.  posi 
und  des  Ligamentum  lat.  internum  bedingt  sonach  eine  entschiedene 
Zunahme  der  Rotationswerthe  nach  beiden  Richtungen  hin  mit  Bei- 
behaltung desselben  Typus  in  der  Zu-  und  Abnahme,  wie  er  am 
unverletzten  Gelenke  statt  hat. 

B.  Ligamentum  laterale  int.  et  Ligam.  cruciatum  anticum. 

(Tabelle  XIII.) 

Das  Maximum  der  Aussenrotation  liegt  nahe  der  Mittellage 
bei  100°  Flexion,  die  ziemlich  gleichen  Minima  liegen  genau  an  den 
Grenzlagen ;  der  An-  und  Abstieg  der  Werthe  beträgt  nahezu  10°, 
Das  Maximum  für  die  Innenrotation  befindet  sich  bei  120°,  die 
Minima  an  den  extremen  Lagen  betragen  11-4°  nach  oben,  19*2° 
nach  unten  und  differiren  um  9°  und  1*2°  von  der  Maximal-Ziffer, 
von  der  nach  abwärts  sich  die  Werthe  auf  ziemlich  gleicher  Höhe 
erhalten. 

Die  Gesammtrotation  erreicht  ihr  Maximum  bei  110°,  die 
beiden  Minima  liegen  an  den  extremen  Lagen,  sind  aber  nicht  gleich, 
wie  dies  bei  der  Aussenrotation  der  Fall  ist,  sondern  differiren  um 
circa  8*2°.  Im  Ganzen  nimmt  die  Gesammtrotation  um  17*6°  zu. 
Ein  Vergleich  mit  dem  unverletzten  Gelenke  ergibt  für  die  Aussen- 
rotation rücksichtlich  der  Maxima  (bei  120°  und  100°)  eine  Diffe- 
renz von  12'5°  zu  Gunsten  des  unverletzten  Gelenkes,  für  die 
Innenrotation  (die  Maxima  bei  70°  und  120°)  lässt  sich  ein  auf- 
fallender Unterschied  nicht  feststellen. 

Was  endlich  die  Gesammtrotation  anbelangt,  so  differiren  die 
ziemlich  weit  gegen  einander  verschobenen  Maxima  (bei  50°  und 
110°)  um  14-7°. 

Die  combinirte  Durchschneidung  des  Lig.  lat.  int.  und  cruc. 
ant.  hat  die  Rotationswerthe  wesentlich  erhöht;  dabei  gewinnt  vor- 


Rotationsbewegungen  im  Kniegelenke.  567 

nehmlich  die  Aussenrotation,  während  die  Innenrotation  eine  nam- 
hafte Veränderung  nicht  erleidet. 

G.Ligamenta  lateralia  externa  et  Lig.  cruciatum  anticum. 

(Tabelle  XIV.) 

Die  Schwankungen  der.Werthe  der  Aussenrotation  bewegen 
sich  in  den  engen  Grenzen  von  3°,  von  der  niedrigsten  bis  zur 
höchsten  Ziffer,  die  mit  26*5°  bei  130°  Flexion  erreicht  wird. 
Annähernd  dieselben  Zifferwerthe  werden  auch  in  den  Lagen  zwischen 
150°  und  120°  erzielt. 

Die  Innenrotation  nimmt  bis  zu  60°  Flexion  continuirlich,  im 
Ganzen  um  15°  zu,  um  dann  um  ein  Geringes  abzufallen;  die 
Gesammtrotation  folgt  dem  gleichen  Beispiele,  ihr  Maximum  mit 
53-5°  liegt  ebenfalls  bei  60°  Flexion. 

Im  Vergleiche  mit  dem  unverletzten  Gelenke  hat  die  Aussen- 
rotation in  den  Schlusslagen  um  mehr  als  7°,  also  um  eine  viel 
höhere  Ziffer  als  dies  in  den  Mittellagen  der  Fall  ist,  zugenommen. 

Desgleichen  zeigt  auch  die  Innenrotation  eine  entschiedene 
Tendenz  zur  Werthzunahme,  die  Maxima  liegen  an  den  identischen 
Stellen,  ihre  Differenz  beträgt  9°. 

Die  Gesammtrotation  hat  in  Folge  dessen  ebenfalls  zuge- 
nommen. Man  kann  demnach  bei  Durchschneidung  der  oben  ange- 
führten Ligamente  eine  Zunahme  der  Gesammtrotation  constatiren, 
an  welch  ersterer  die  Innenrotation  mit  einem  viel  höheren  An- 
theile  participirt  als  die  Aussenrotation. 

D.  Ligamenta  lateralia  externa  etLig.  cruciatum  posticum. 

(TabeUe  XV.) 

.  Das  Maximum  der  Aussenrotation  mit  37*2°  liegt  bei  120° 
Flexion.  Die  Minima  an  den  Schlusslagen  differiren  einerseits  um 
nahezu  10°  und  andererseits  um  12°.  Die  Innenrotation  erreicht  ihr 
Maximum  bei  60°  Flexion  und  ist  das  Minimum  an  der  äussersten 
Strecklage  um  die  beträchtliche  Zahl  von  21°  geringer  gegenüber 
dem  Maximum. 

Auch  die  Gesammtrotation  erreicht  ihren  Höhepunkt  nahezu 
in  derselben  Lage  wie  die  Innenrotation  und  beziffert  sich  die  Diffe- 
renz des  Anfangsminimum  gegen  denselben  auf  23*5°. 

Der  Vergleich  mit  dem  unverletzten  Gelenke  ergibt  bezüglich 
der  Aussenrotation  eine  Differenz  der  Maxima  um  12*2° ;  die  Innen- 


568  Horoch. 

rotation  nimmt  mit  Zunahme  der  Beugung  um  immer  grössere 
Werthe  zu,  die  anfangs  wohl  unbedeutend,  in  den  späteren  Lagen 
die  analogen  Werthe  am  unverletzten  Gelenke  um  7 — 8°  über- 
treffen. 

Die  Gesammtrotation  erreicht  bei  110°  Flexion  ihren  Höhe- 
punkt mit  57*4°,  weist  also  ein  Plus  von  20°  gegenüber  der  Maximal- 
ziffer am  intacten  Gelenke  auf;  in  der  Anfangs-  und  Schlusslage 
sind  die  Unterschiede  geringer  und  betragen  12°  in  der  äussersten 
Streck-,  14°  in  der  letzten  Beugelage. 

Wir  können  sohin  den  Einfluss  der  Durchschneidung  der  Lig. 
externa  und  des  Lig.  cruciatum  post.  dahin  resumiren,  dass  sich  an 
der  sehr  beträchtlichen  Zunahme  der  Gesammtrotation  die  Aussen- 
und  Innenrotationen  mit  sehr  ungleichen  Werthen  betheiligen,  mit 
Werthen,  die  in  den  Anfangslagen  um  8° — 17°  auseinander  liegen, 
um  sich  erst  in  den  fünf  letzten  Lagen  annähernd  gleich  zu  ver- 
halten. 

E.  Alle  Ligamenta  durchgeschnitten. 

(Tabelle  XVI.) 

Ein  Blick  auf  die  Tabelle  zeigt  uns  das  Maximum  der  Aussen- 
rotation  bei  110°  Flexion,  die  beiden  Minima  sind  nahezu  gleich 
und  entsprechen  den  Flexionslagen  von  160°  und  40°,  die  Differenz 
beträgt  sonach  17-5°  (25'4°  und  257°  gegen  42'9°). 

Die  Werthe  der  Innenrotation  sind  äusserst  schwankend;  das 
Maximum  liegt  bei  70°,  beträgt  36-3°  und  übertrifft  das  bei  170° 
gelegene  Minimum  um  136°.  Für  die  Gesammtrotation  macht  sich 
der  Einfluss  der  schwankenden  Werthe  der  Innenrotation  in  deut- 
licher Weise  geltend ;  sie  nimmt  im  Allgemeinen  von  170°  bis  90° 
Flexion,  an  welch'  letzterer  Stelle  sich  das  Maximum  befindet,  um 
25-8°  zu  und  fällt  an  der  äussersten  Beugelage  um  17'4°  ab. 

Gegenüber  dem  unverletzten  Gelenke  nimmt  die  Aussenrotation 
um  sehr  beträchtliche  Werthe  zu.  Die  Maxima  beider  Eeihen,  in 
derselben  Flexionslage  gelegen,  differiren  um  23-3°;  die  Minima 
weisen   einen  Unterschied   von  131°   und  7'9°   nach  beiden  Seiten 

hin  auf. 

In  gleicher  Weise  hat  auch  die  Innenrotation  eine  sehr  be- 
deutende Ausdehnung  erfahren.  Die  Maxima  in  beiden  Gruppen 
finden  wir  an  derselben  Flexionsstelle  mit  einer  Differenz  von  18*1, 
während   die  Minima   um  97°    und  14"3°   von   einander  abstehen. 


Rotationsbewegungen  im  Kniegelenke.  5(J9 

Die  Summe  der  Aussen-  und  Innenrotation  ergibt  als  Gesammt- 
rotation  Zahlenwerthe,  welche  die  analogen  Ziffern  der  Werthreihe 
des  unverletzten  Gelenkes  fast  um  das  Doppelte  übertreffen.  Die 
Maxima  haben  sich  von  50°  auf  90°  Flexion  verschoben,  die  Diffe- 
renz derselben  beträgt  37*8°,  während  die  respectiven  Minima  um 
23°  imd  22*4°  auseinander  liegen. 

Die  Schlussfolgerung  ergibt  sich  aus  dem  oben  Gesagten  von 
selbst. 


Es  erübrigt  uns  schliesslich  noch  die  Resultate  der  einfachen 
und  combinirten  Durchschneidung  der  Gelenke  mit  einander  in 
Zusammenhang  zu  bringen  und  aus  demselben  unsere  Schlüsse  zu 
ziehen. 

I.  Halten  wir  die  einfache  Durchschneidung  des  Ligamentum 
internum  mit  der  combinirten  Durchschneidung  desselbeu,  das  eine 
Mal  mit  dem  Lig.  cruc.  ant.,  das  andere  Mal  mit  dem  Lig.  cruc. 
post.  zusammen,  so  tritt  als  Effect  der  letzteren  eine  Zunahme  der 
Innenrotation  klar  zu  Tage.  Da  die  Durchschneidung  des  Lig.  inter- 
num keinen  Einfluss  auf  die  Innenrotation  auszuüben  vermochte, 
so  ist  es  ersichtlich,  dass  die  jetzt  constatirte  Verwehrung  derselben 
nur  die  Folge  der  Durchschneidung  der  Lig.  cruciata  sein  kann, 
welche  demnach  am  unversehrten  Gelenke  entschieden  die  Innen- 
rotation hemmen. 

Aus  dem  Umstände,  dass  die  Aussenrotation  nach  Durch- 
schneidung dieser  droi  Bänder  um  8V80  und  circa  10°  und  endlich 
wenigstens  in  den  Mittellagen  um  10°  bis  14°  zugenommen  hat, 
lässt  sich  auch  eine  hemmende  Wirkung  des  lig.  int.  in  Rücksicht 
auf  die  Aussenrotation  schliessen.  Aus  der  Zunahme  der  Innenrota- 
tion nach  der  Durchschneidung  der  lig.  cruciata  muss  auch  ein 
hemmender  Einfluss  dieser  Bänder  auf  die  Aussenrotation  gefolgert 
werden ;  doch  tritt  derselbe  erst  nach  gleichzeitiger  Durchschneidung 
eines  oder  des  anderen  Seitenbandes  klar  zu  Tage. 

II.  Ligamentum  laterale  externum  longum  et  breve, 
beide  Lig.  externa,  Ligamentum  cruc.  ant.  und  Lig.  cruc. 
post.  Aus  dem  Umstände,  dass  die  Durchschneidung  des  Lig.  extern, 
long,  auf  die  Aussenrotation  fast  gar  keinen,  auf  die  Innenrotation 
einen  massigen  Einfluss  im  Sinne  der  Zunahme  in  den  Beugelagen 


Haraea. 

r  die  leicht  hemmende  Wirkung  jenes  Ligamenta 
rror;  dagegen  zeigt  die  Zunahme  der 
Aiiianmotetiim  nach.  Danlaohnaidang  des  Lig.  breve  höhere  Wertbe 
ab  die*  bei  dar  !■— MfaMon  der  Fall  ist,  so  dass  dasselbe  in 
ante  Lade  die  Aoseeftrotation  «kd  nur  im  geringeren  Grade  jene 
nach  innen  hemmt. 

Die  Dareneehneidnng  dieser  neiden  Bänder,  lässt  eine  Zunahme 
ttr  beide  Drehungen  ersebüeesen,  wobei  aber  immerhin  jene  nach 
anasen,  troti  der  nach  Durchsehi  1  i  ;;_  beider  äusseren  Seiten- 
binder beobachteten  Zunahmen  der  Iuneurotation,  die  beträchtlichere 
bleiben  durfte.  Durch  die  glekeaeitige  Durchschneidung  des  Lig. 
cruc.  ant.  wird  dieses  Yerbiltniss  umgekehrt,  da  die  Innenrotatäon 
an  der  Zunahme  der  Genmmmtr-.ii  mit  grösseren  Wertben 
parücipirt,  als  die  Anssenrotation.  Folglich  dürfte  das  Lig.  cmc 
ant    bei   gleichzeitiger  Durchschne  der  Lig.  externa  eine  Er- 

weiterung der  Gesammtrotation  in  der  Richtung  nach  innen  be- 
dingen; eine  Umkehrung  dieses  Satzes  dabin,  dass  das  Lig.  cmc 
ant.  an  der  Hemmung  der  Botatic  nach  innen  sich  betheiligt,  ist 
wohl  nicht  gestattet,  da  die  iwlirte  Durcbschneiduiig  desselben  kei- 
nen Emfluss  auf  die  Drehbewegimg  auszuüben  vermochte.  Fügt  man 
zur  Durchschneidung  der  beiden  Seitenligamente  noch  jene  des  Lig. 
cruc.  post.  hinzu,  so  ändern  sich  die  Verhältnisse  nur  insofern,  als 
die  Innenrotation  zwar  gleichsinnig,  jedoch  um  grössere  Werthe  an- 
steigt; sie  wachst  mit  der  Zunahme  der  Beugimg  am  nahezu 
doppelt  so  viel,  als  bei  alleiniger  Durchschneidung  des  Lig.  eitern, 
longum. 

Es  erweitert  folglich  die  Durchschneidung  des  Lig.  cruc.  ant 
hei  gleichzeitiger  Durchschneidung  des  Seitenbandes  die  Innen- 
rotation, ohne  dass  wir  eine  hemmende  Wirkung  des  ersteren  beim 
unverletzten  Gelenke  für  dieselbe  annehmen  dürfen,  da  die  alleinige 
Durchschneidung  des  Lig.  cruc.  post.  nicht  nur  keine  constante  Zu- 
nahme, sondern  stellenweise  eine  Abnahme  speciell  der  InnenrotatJon 
bedingte. 

m.  Ligamentum  cruciatum  ant.,  Lig.  later.  int.,  Lig. 
lat.  externa.  Nachdem  die  Durchschneidung  des  Lig.  cruc.  ant 
keinen  nennenswerthen  Einfluss  auf  die  Rotation  auszuüben  ver- 
mochte, die  Durchschneidung  des  Lig.  lat.  int.  hingegen  sowohl  nach 
aussen,  als  nach  innen  die  Rotationswerthe  erhöht  —  jene  um  10'  bis 


Rotationsbewegungen  im  Kniegelenke.  571 

14°  in  den  Mittellagen,  um  nur  5  bis  7°  in  den  Schlusslagen,  diese 
um  2  bis  4°  in  den  Mittellagen  —  nachdem  endlich  die  Durch- 
schneidung des  Lig.  lat.  extern,  eine  beträchtliche  Zunahme  der 
Drehimg  nach  beiden  Sichtungen  hin  bedingt,  so  muss  die  Zunahme 
der  Drehung  bei  der  oben  angegebenen  Combination  ausschliesslich 
auf  Kechnung  der  beiden  Seitenligamente  gesetzt  werden,  und  zwar 
muss  die  Zunahme  der  Innenrotation  bei  der  Combination  des  Lig. 
lat.  int.  und  des  Lig.  cruc.  ant.  auf  die  gemeinsame  Wirkung  beider 
basirt  sein,  weil  die  alleinige  Durchtrennung  eines  dieser  Bänder 
sich  als  wirkungslos  für  die  Innenrotation  erwies. 

Die  Zunahme  der  Aussenrotation  ist  wesentlich  eine  Folge 
der  Durchschneidung  des  Lig.  int.,  da  dieselbe  sowohl  allein  für  sich, 
als  in  Combination  mit  der  Durchschneidung  des  cruc.  ant.  aus- 
geführt, in  beiden  Fällen  die  Aussenrotation  um  ein  Beträchtliches 
ansteigen  lässt. 

Was  die  Lig.  externa  anbelangt,  so  wissen  wir,  dass  die  Durch- 
schneidung  des  Lig.  long,  fast  keinen  Einfluss  auf  die  Aussenrotation, 
jene  des  Lig.  brev.  einen  nur  unbedeutenden  und  schwankenden  auf 
die  Innenrotation  ausübt,  dass  weiter  die  Zunahme  der  Innenrotatiön 
nach  Durchschneidung  des  Lig.  extern,  long,  blos  3°  bis  4*5°  be- 
trägt, jedoch  unter  Einfluss  des  Lig.  cruc.  ant.  und  Lig.  extern,  brev. 
auf  8°  bis  11°  ansteigt.  Die  Durchschneidung  des  Lig.  brev.  allein 
vermehrt  die  Aussenrotation  um  5*8°  bis  9*5°  und  nach  Combination 
mit  der  Durchschneidung  des  Lig.  extern,  long,  et  cruc.  ant.  steigt 
dieselbe  um  mehr  als  7°  an. 

Es  muss  demnach  die  Zunahme  der  Aussenrotation  einestheils 
auf  Kechnung  des  durchschnittenen  Lig.  cruc.  ant.,  zum  anderen 
Theile  des  durchtrennten  Lig.  brev.  gesetzt  werden ;  die  Zunahme 
der  Innenrotation  wird  durch  die  Durchtrennung  des  Lig.  long,  be- 
dingt. Es  ist  jedoch  dieser  Effect,  den  die  Durchschneidung  des  Lig. 
cruc.  ant.  auf  beide  Kotationen  ausübt,  unbedingt  an  die  gleich- 
zeitige Durch  trennung  der  beiden  Seitenbänder  geknüpft,  weil  jene 
des  cruc.  ant.  allein  für  beide  Rotationen  vollkommen  belanglos  ist. 

IV.  Ligamentum  cruciatum  posticum,  Ligamentum 
laterale  internum,  Ligamenta  lateralia  externa.  Die  alleinige 
Durchschneidung  des  Lig.  cruciat.  post.  beeinflusst  kaum  die  Aussen- 
rotation. Durch  die  gleichzeitige  Durchschneidung  des  Lig.  lat.  in- 
ternum wird  eine  Zunahme  der  Aussenrotation  um  durchschnittlich 


572  Horoch. 

7°,  durch  jene  des  Lig.  lat.  extern,  eine  solche  um  durchschnittlich 
9°  bedingt.  Es  folgt  daraus  einerseits  der  mangelnde  Einfluss  des 
Lig.  cruc.  post.  auf  die  Aussenrotation,  andererseits  wird  die  Wirkung 
des  Lig.  intern,  et  extern,  zur  Evidenz  dargethan.  Die  Innenrotation 
nahm  durch  die  Durchschneidung  des  Lig.  cruc.  post.  in  den  Streck- 
lagen ab,  in  den  Beugelagen  hingegen  in  geringem  Grade  zu;  dieser 
Typus  seh  windet  nach  Durchschneidung  des  Lig.  lat.  extern,  voll- 
ständig, indem  jetzt  sowohl  in  den  Streck-  als  in  den  Beugelagen 
eine  Zunahme  der  Innenrotation  beobachtet  werden  kann.  Durch  die 
Durchschneidung  des  Lig.  lat.  intern,  nimmt  die  Innenrotation  eben- 
falls zu. 

Wir  können  sohin  den  Einfluss  des  Lig.  cruc.  post.  dahin 
präcisiren,  dass  es  eine  grössere  Ausdehnung  der  Innenrotation  in 
den  Strecklagen  bedingt,  dieselbe  aber  in  den  Beugelagen  in  ge- 
ringem Masse  hemmt.  Die  Aussenrotation  wird  durch  dasselbe  fast 
gar  nicht  tangirt.  Die  sehr  beträchtliche  Zunahme  beider  Drehungen 
nach  Durchtrennung  der  Seitenbänder  bestätigt  abermals  die  hem- 
mende Wirkung  dieser  Ligamente. 

V.  Ligamentum  cruciatum  anticum  et  posticum,  beide 
Ligamenta  cruciata.  Die  Durchtrennung  beider  Lig.  cruciata 
ergibt  dasselbe  Kesultat,  das  wir  nach  Durchschneidung  jedes  der- 
selben einzeln  für  sich  erhalten  haben:  die  Aussenrotation  bleibt 
unverändert;  die  Innenrotation,  welche  durch  die  Durchschneidung 
des  Lig.  cruc.  ant.  kaum  berührt,  durch  die  des  Lig.  cruc.  post. 
nur  zu  unregelmässigen  Schwankungen  gebracht  werden  konnte, 
folgt  dem  gleichen  Typus. 

VI.  Ligamantum  laterale  internum,  Ligamentum  late- 
rale externum  longum,  ligamentum  laterale  externum 
breve,  und  beide  Ligamenta  lateralia.  Die  Aussenrotation 
wird  durch  die  Durchschneidung  des  Lig.  intern,  entschieden  ver- 
mehrt, durch  jene  des  Lig.  lat.  ext.  long,  hingegen  gar  nicht  beein- 
flusst,  während  die  Durchschneidimg  des  Lig.  lat.  ext.  breve  dieselbe 
bedeutend  und  fast  in  gleichem  Masse  wie  jene  des  Lig.  lat.  int. 
erweitert.  Durch  die  Durchschneidung  des  Aussen-  und  Innen- 
ligamentes  wird  die  Aussenrotation  um  Werthe  vergrössert,  die 
durch  keine  der  isolirten  Durchschneidungen  erreicht  wurden.  Der 
Einfluss  der  Durchschneidung  des  Lig.  int.  auf  die  Innenrotation  ist 
gleich   Null,  jener    des   Lig.  ext.  long,  in  den  Strecklagen  unbe- 


Rotationsbewegungen  im  Kniegelenke.  573 

deutend,  in  den  Beugelagen  massig  gross  (3°,  4°  und  5°),  jener  des 
Lig.  breve  um  Einiges  geringer.  Die  Wirkung  der  Durchschneidung 
beider  Seitenbänder  lässt  sich  gewissermassen  als  die  Summe  der 
Einzelnwirkungen  der  Aussenbänder  betrachten,  indem  diese  eine 
zwischen  2*5°  bis  6°  schwankende  Zunahme  zeigen. 

VII.  Beide  Ligamenta  cruciata,  beide  Ligamenta  la- 
teralia,  alle  Ligamente.  Die  Durchschneidung  beider  Lig.  cruc. 
lässt  die  Aussenrotation  unbeeinflusst,  die  der  Lateralia  vermehrt 
sie  um  4°  bis  10°,  jene  sämmtlicher  Ligamente  endlich  lässt  sie  um 
13°  bis  23°  anwachsen.  Es  wiederholt  sich  somit  auch  hier,  dass 
den  Hauptantheil  an  der  Erweiterung  der  Aussenrotation  die  Seiten- 
ligamente haben,  dass  jedoch  durch  die  gleichzeitige  Durchtrennuug 
des  Lig.  cruc.  eine  weitere  Erhöhung  der  Werthe  erzielt  wird.  Die 
Schwankungen  in  der  Zunahme  der  Innenrotation  nach  Durch- 
schneidung der  Lig.  cruc.  sind  bei  nachfolgender  Durchtrennung  der 
Lig.  later.  völlig  geschwunden  und  es  werden  andererseits  die  nach 
der  Durchschneidung  der  Lig.  later.  erhaltenen  Werthe  (2'ö°)  durch 
die  combinirte  Durchtrennung  der  Lig.  cruc.  um  9°  bis  18°  erhöht, 
so  dass  auch  für  die  Innenrotation  die  gemeinsame  Wirkung  dieser 
Bänder  als  wesentlich  sich  ergibt. 

Zum  Schlüsse  fühle  ich  mich  lebhaft  verpflichtet,  meinem 
hochverehrten  Lehrer  und  Vorstande,  Herrn  Prof.  Albert,  sowie 
Herrn  Assistenten  Dr.  Maydl  für  die  mir  in  so  freundlicher  und 
liebenswürdiger  Weise  gewährte  Unterstützung  meinen  innigsten 
Dank  auszusprechen. 


Med.  Jahrbücher.   1882. 


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XXIX. 

Mikroskopische  Untersuchung  der  secundären 
Degeneration  des  Rückenmarkes. 

Von 

W.  Xusmin 

Privat-Docent  für  Chirurgie  in  Moskau. 

Aus  dem  Institute  für  experimentelle  Pathologie  in  Wien. 

(Hiezu   eine   lithographirte    Tafel.) 
(Am  3.  August  i882  von  der  Redaction  übernommen.) 


Einleitung. 

In  den  Med.  Jahrbüchern  1882,  Heft  IL  habe  ich  in  Kürze 
die  Resultate  einer  experimentellen  Arbeit  über  die  Leitungsbahnen 
im  Rückenmarke  des  Hundes  veröffentlicht.  In  der  vorliegenden 
Mittheilung  beabsichtige  ich,  auf  die  durch  die  Rückenmarksdurch- 
schneidung  bedingten  pathologisch-anatomischen  Veränderungen  und 
hauptsächlich  auf  die  Frage  über  die  secundäre  Degeneration  des 
Rückenmarkes  näher  einzugehen. 

Zugleich  stelle  ich  es  mir  zur  Aufgabe,  die  Resultate,  die  ich 
auf  experimentellem  Wege  erzielt  habe,  auch  auf  Grundlage  von 
histologischen  Untersuchungen  näher  zu  beleuchten. 

Bevor  ich  aber  an  die  Besprechung  meines  Themas  gehe,  will 
ich  einige  historische  Bemerkungen  vorausschicken. 

Die  Genesis,  die  Topographie  sowie  die  Histologie  der  Dege- 
neration des  Rückenmarkes  sind  von  zahlreichen  Forschern  studirt 
worden,  doch  ist  man  bis  jetzt  zu  einem  definitiven  Urtheil  über 
diese  Angelegenheiten  nicht  gekommen. 

Türck1),   der  Entdecker   der  fortschreitenden  Degeneration, 

')  Sitzungsberichte  der  kais.  Akad.  d.  Wissensch.  zu  Wien.  1851.  Bd. 
VI.  Heft  3. 

38* 


na 

behauptete,  dass  sie  innerhalb  der  Nervenbahnen  nach  bestimmten, 
später  miUutheüenden  Gesetzen  sich  aasbreite,  and  zwar  längs 
Jener  Nerveniuge,  welche  durch  das  Trauma  ausser  Function  gesetzt 
worden  sind.  Doch  hat  Türck  am  Schlüsse  einer  späteren  Abhand- 
lung ')  Ober  diesen  Gegenstand  «einen  Zweifel  nicht  verhehlt,  ob 
nicht  auch  bei  der  Degeneration  andere  Momento  im  Spiele  seien. 
WeBtpbal*)  nimmt  auf  Grundlage  Minischer  and  experimen- 
teller Untersuchungen  an,  dase  sich  der  entzündliche  Process  längs 
dem  die  einzelnen  Nervenröhren  und  Nervengruppen  umspinnenden 
Bindegewebe,  vielleicht  auch  lange  der  Blutgefässe  fortpflanze. 

Bierauf  theüte  Vulpian  *)  mit,  dass  das  Fortschreiten  der 
secundären  Veränderungen  an  den  Nerven  keine  nachweisbare  Ge- 
setzmassigkeit zeige.  Als  Grund  der  Degeneration  nimmt  Vulpian 
einen  Beiz  an,  der  sich  von  dem  primären  Erkrankungsberde  den 
Nervenfasern  entlang  ausbreite. 

Bouchard*)  und  Erb*)  definirten  das  Wesen  der  degene- 
rativen Veränderungen  als  Atrophie  der  verletzten  Nerven.  Die 
Atrophie  werde  dadurch  bedingt,  dass  die  Nerven  von  ihren  Er- 
nährungscentren durch  das  Trauma  abgetrennt  werden. 

Schliesslich  sollen  Obersteiner*)  zufolge  die  secundaren  Er- 
krankungen längs  der  Lyropbgefasse  ihren  Weg  nehmen. 

In  der  Literatur  über  die  Histologie  der  Degeneration  des 
Rückenmarkes  liegen  auch  nur  einige  spärliche  Angaben  vor. 

Törck1),  der  sich  bei  diesen  Untersuchungen  nur  schwacher 
Vergrößerungen  bediente,  sagt  aus,  dass  das  Wesen  der  Degeneration 
in  einer  Bildung  von  Fettköruchenzellen  bestehe,  welche  bald  zwi- 
schen den  Nervenfasern  eingelagert  sind,  bald  die  Stelle  derselben 
einnehmen.  Diese  Fettkörnchenzellen  sind  nicht  immer  reichlich 
vorhanden,  in  Fällen  alter  Degeneration  scheinen  sie  sogar  zu  ver- 


')  Sitzb.  d.  k.  Akad.  d.  Wiss.  zu  Wien.  18S3.  Bd.  XI.  Heft  i. 

')  lieber  ein  eigentümliches  Verhalten  seeundärer  Degeneration  des 
Rückenmarkes.  Arch.  f.  Psychiatrie  n.  Nervenkrankh.  Bd.  IL  1870 

■)  Arch.  de  Phjsiol.  pathol.  et  norm.  1869  T.  II.  und  1870  T.  IEL 

')  Archives  geniales  de  mödecine  1866.  Vol.  I.,  II.  Des  degenöiations 
secondaires  de  la  moelle  epiniere. 

*)  Lehrbuch  der  Rttckenmarkskraukheiten. 

')  Stricker,  Med.  Jahrbücher  1871.  p.  531. 

')  1.  c. 


Degeneration  des  Kückenmarkes.  593 

seh  winden.  Nähere  Angaben  über  die  Umbildung  der  histologischen 
Elemente  sind  bei  Türck  nicht  zu  finden. 

Auch  Vulpian1)  und  Bouchard8)  gebrauchten  bei  ihren 
Untersuchungen  nur  schwache  Linsen  und  gaben  keine  Beschreibung 
der  histologischen  Veränderungen  bei  der  Degeneration  an. 

Barth*)  hat  gegen  Türck's  Angaben  Einwände  erhoben.  Er 
zeigte,  dass  die  degenerirte  Partie  des  Kückenmarkes  sich  intensiver 
mit  Carmin  tingire  und  schloss  daraus,  dass  die  Degeneration  nicht 
einer  fettigen  Metamorphose  gleichgestellt  werden  könne.  Er  berief 
sich  des  Weiteren  auf  die  Löslichkeit  der  Körnchen  in  Kalilauge. 
Auf  Grund  dessen  hatte  er  angenommen,  dass  man  es  bei  der  De- 
generation mit  keinen  Fetttröpfchen,  sondern  mit  „Eiweissmolectt- 
lentt  zu  thun  habe. 

Singer 4)  behandelt  die  histologischen  Veränderungen  nur 
beiläufig  und  stellt  die  Vermuthung  auf,  dass  die  Degeneration 
durch  fettigen  Zerfall  der  Markscheide  eingeleitet  werde. 

Ho  inen5)  hingegen  vertritt  die  Meinung,  dass  die  Degenera- 
tion nicht  in  der  Markscheide,  sondern  in  den  Axeucylindern  ihren 
Anfang  nehme. 

Schiefferdecker6)  gibt  an,  dass  in  späteren  Stadien  (in  der 
8.  Woche  oder  später)  Veränderungen  im  Bindegewebe  auftreten, 
gesteht  aber  selbst  ein,  sich  mit  dem  histologischen  Wesen  der 
Degeneration  nicht  weiter  beschäftigt  zu  haben. 

Leyden7)  nimmt  an,  dass  der  Degenerationsprocess  in  der 
Regel  als  eine  (degenerative)  Atrophie  der  Nerven  zu  betrachten  sei, 
wobei  das  Zwischengewebe  keinen  merklichen  Antlieil  nimmt.  Die 
Degeneration  sei  daher  von  den  eigentlich  sklerotischen  Processen 
verschieden. 


')  1.  c. 
»)  1.  c 

•)  Ueber  secundäre  Degeneration  des  Rückenmarkes.  Archiv  iur  Heilk. 
1869.  S.  433. 

4)  Sitzungsberichte  d.  kais.  Akad.  d.  Wissensch.  zu  Wien.  LXXXIV.  III. 

Abth.  Jahrg.  1881. 

»)  Virch.  Arch.  188«.  Bd.  88,  H.  \. 

•)  Virch.  Arch.  Bd.  67,  1876. 

T)  Klinik  der  Bückenniarkskraakh.  908. 


Die  Topographie  der  Degeneration. 

Schot  Morgagni  hat  üach  laug  dauern «1™  Hemiplegien  eine 
merkliche  Atrophie  und  Volumsahnahme  des  CrOfl  cerebri,  des  Vom 
od  der  Mmlulla  oblougata  gefunden.  Später  hat  Rokitansky 
dieselbe  Beobachtung  gemacht  und  daran  die  Bemerkung  geknüpft, 
tat  dto  Atrophie  und  die  Verkleinerung  der  degenerirteu  Organe 
mr  keine  sehr  häutig  vorkommende,  aber  doch  unzweifelhafte 
Thttsache  sei. 

Ludwig  Türck  ')  gebührt  das  Vordienst,  umfassendere  Mit- 
flwflimg  Öbor  die  Topographie  dor  Degeneration  gegeben  zu  hahen. 
Seine  Ansahen  weichen  trotz  seiner  unvollkommenen  Methode2) 
nur  wenig  von  denen  der  neueren  Beobachter  ah.  Bei  der  Wichtig- 
keit der  Ton  ihm  gewonnenen  Resultate  erlaube  ich  mir  die  Haupt- 
sätze seiner  Arheit  ausführlich  zu  besprechen.  Türck  benutzte  die 
pathologischen  Veränderungen  (Kornebenzellönbildung),  welche  sieb 
im  Ruckenmarko  seeundär  nach  gewissen  primären,  Monate  alten 
Krankhoib ! :  ' :  im  Gehirn  tmd  Rückenmarke  entwickeln  zur  Eru- 
inmg  der  Richtung,  in  welcher  die  einzelnen  Rückenmarkssträuge 
leiten,  und  hat  dabei  folgende  Bahnen  im  Rückenmarke  festgestellt: 

1.  Eine  centrifugal  leitende  Bahn,  welche  von  den  Grosshiru- 
schenkeln  nach  abwärts  steigt,  durch  die  Pjramidenkreuzung  auf 
die  entgegengesetzte  Seite  übertritt,  auf  welcher  sie  als  hintere 
Hälfte  des  Seiteustranges  bis  in  die  Nähe  des  untersten  Endes  des 
Rückenmarkes  nach  abwärts  läuft.  Türck  nennt  sie  Pyramiden- 
Seitenstrangbahn. 

2.  Eine  centrifugal  leitende  Bahn,  gleichfalls  von  dem  Gross- 
hirnschenkel ausgehend,  welche  sich  jedoch  nicht  wie  die  vorige 
im  verlängerten  Marke  kreuzt,  sondern  auf  derselben  Seite  des 
Rückenmarkes  als  innerer  Abschnitt  des  Vorderstranges  nach  ab- 
wärts läuft. 

Die  seeundäre  Erkrankung  dieser  Bahn  endet  etwas  höher 
oben,  als  die  der  Pyramiden-Seitenstrangbahn.  Türck  nennt  diese 
Bahn  Hülsenvorderstrangbahn. 

')  1.  c. 

')  Er  entnahm  von  der  Oberfläche  von  Querschnitten  mit  der  Schere 
kleine  Geweb&gtückchen  nnd  untersuchte  sie  auf  FettkörncheiweUen  bei  schwa- 
chen Veigrösserungen. 


Degeneration  des  Rückenmarkes.  595 

Die  beiden  eben  genannten  Bahnen  fanden  sich  bei  apoplekti- 
schen  und  encephalitischen  Herden  nach  abwärts  von  der  erkrank- 
ten Stelle  degenerirt.  Türck  nimmt  daher  an,  dass  sie  centrifagale 
Impulse  leiten. 

3.  Eine  centripetal  leitende  Bahn  im  inneren  Abschnitte  der 
Hinterstränge,  welche  sich  in  die  zarten  Stränge  fortsetzt  und  am 
Boden  des  vierten  Ventrikels  zu  endigen  scheint. 

4.  Eine  zweite  centripetal  leitende  Bahn  in  der  hinteren  Hälfte 
der  Seitenstränge,  in  welchem  Abschnitte  des  Kückenmarkes  auch 
die  sub  1.  genannte  Pyramiden  -  Seitenstrangbahn  verläuft.  Beide 
Bahnen  divergiren  erst  im  verlängerten  Marke,  in  welchem  die 
centripetale,  sich  immer  mehr  nach  rückwärts  wendend,  bis  zu  den 
Corp.  restiformibus  aufsteigt,  während  die  centrifugale  den  früher 
erwähnten  Verlauf  nimmt.  Die  beiden  zuletzt  genannten  Stränge 
zeigten  sich  bei  Affectionen  des  Kückenmarkes  von  der  erkrankten 
Stelle  nach  aufwärts  degenerirt.  Türck  nimmt  daher  an,  dass  die 
beiden  zuletzt  erwähnten  Bahnen  Impulse  in  centripetaler  Richtung 
leiten.  Die  übrigen  Nervenstränge  des  Rückenmarkes  seien  von  den 
bisher  abgehandelten  getrennt  zu  betrachten.  Insbesondere  erwähut 
Türck,  dass  durch  jene  Bahnen,  welche  an  der  Degeneration  sich 
nicht  betheiligen,  keine  von  den  unteren  Extremitäten  oder  vom 
unteren  Abschnitte  des  Rumpfes  ausgehende  centripetale  Nerven- 
strömung geleitet  wird.  Die  graue  Substanz  wird  nach  Türck 
von  secundärer  Körnchenzellenbildung  nicht  befallen. 

Im  Jahre  1853  erschien  eine  zweite  Arbeit  von  Türck1),  in 
welcher  er  den  früheren  Angaben  theilweise  widerspricht,  indem  er 
die  Seitenstränge  diesmal  bald  in  toto,  bald  nur  verschiedene 
Theile  derselben  erkrankt  fand.  Er  hebt  hier  auch  hervor,  dass  die 
Hinterstränge  unter  der  Compressionsstelle  nie  erkrankt  waren, 
sondern  nur  die  Vorder-  und  Seitenstränge. 

Im  Jahre  1866  hat  Bouchard2)  eine  Arbeit  über  Degenera- 
tion des  Gehirnes  und  Rückenmarkes  kranker  Menschen  veröffent- 
licht. Er  unterscheidet  zwei  Bündel  von  centrifugal  leitenden  Fa- 
sern: „faisceau  eneephalique  direct  ou  interne  und  faisceau 
encäphalique  croise  ou  externe".  Da  Bouchard  außerdem 
degenerirte  Fasern  in  den  Vorderseitensträngou  Rofuudtui  hat*  trimmt 

*)  Sitzungsbericht  d.  k.  Akad.  d.  Wis».  iu  Wien,  ISfcL  IM,  XL  IL  L 
*)Lc 


596  Kusrain. 

er  noch  ein  selbstständiges  centrifugal  leitendes  Bündel  an  — 
fibres  commissurales  longues  — ,  welches  aus  den  höheren 
Partien  des  Bückenmarkes  entspringt  und  in  den  hinteren,  äusseren 
Theilen  des  Seitenstranges  verläuft.  Ueberdies  nimmt  Bouchard 
noch  eine  vierte  Art  des  Faserverlaufes  —  fibres  commissurales 
courtes  —  an,  welche  sich  zerstreut  in  den  gesammten  Vordersei- 
tensträngen finden. 

Ferner  unterscheidet  er,  wie  Türck,  zwei  Bündel  von  bis 
zum  Gehirne  aufsteigenden  Fasern:  das  eine  in  den  hinteren  Thei- 
len der  Seitenstränge  und  das  andere  in  den  Hintersträngen. 

Im  Jahre  1869  hat  Barth  *)  eine  Arbeit  über  die  Degenera- 
tion des  menschlichen  Gehirnes  und  Bückenmarkes  publicirt.  Er 
fand  die  degenerativen  Veränderungen  in  denselben  Fasern,  wie  es 
Türck  angegeben  hat.  In  den  centrifugal  leitenden  Vorder-  und 
centripetal  leitenden  Seitenstr angbahnen  hat  Barth  keine  Degene- 
ration beobachtet. 

Philippeaux  und  Vulpian*)  haben  später  zwei  Arbeiten 
über  die  künstliche  Erzeugung  secundärer  Degeneration  durch  Ver- 
letzungen des  Gehirnes  und  Bückenmarkes  an  Hunden,  Tauben, 
Kaninchen  und  Meerschweinchen  geliefert,  ohne  jedoch  zu  einem 
positiven  Resultate  gelangt  zu  sein. 

Ein  Jahr  später  veröffentlichte  Westphal  zwei  Arbeiten.  In 
der  einen  8)  wurde  ein  Fall  von  Compression  des  Bückenmarkes 
durch  einen  Tumor  und  ein  Fall  von  Compression  nach  einem 
Wirbelbruch  mitgetheilt.  In  beiden  Fällen  fand  er  ausgedehnte 
secundäre  Degeneration  in  der  weissen  Substanz,  die  indessen  mit 
Ausnahme  weniger  Befunde,  welche  mit  den  bisher  angeführten 
übereinstimmen,  eine  Menge  ganz  unregelmässig  auftretender  De- 
generationsprocesse  erkennen  liess. 

In  der  anderen  Untersuchung4)  hat  Westphal  später  durch 
umschriebene  Verletzungen  des  Bückenmarkes  mit  einem  Drillbohrer 


')  Ueber  secundäre  Degeneration  des  Bückenmarkes.  Archiv  für  Heilt 
1869,  S.  433. 

■)  Arch.  de  Physiol.  pathol.  et  norm.  1869  T.  II.,  1870  T.  HI. 

')  Ueber  ein  eigentümliches  Verhalten  secundärer  Degeneration.  Arch. 
für  Psychiatrie  u.  Nervenkrankh.  Bd.  II.  1870. 

4)  Ueber  künstlich  erzengte  secundäre  Degeneration  einzelner  Bücken- 
markstrange.  Arch.  f.  Psych,  u.  Nerrenkrankh.  Bd.  EL  1870. 


Degeneration  des  Rückenmarkes.  597 

secundäre  Degeneration  am  Rückenmarke  hervorgerufen.  Die  Ver- 
letzung betraf  im  ersten  Versuche  vorzugsweise  den  liukeu  Hiuter- 
sträng  und  die  linke  graue  Substanz.  Die  secundäre  Degeneration 
erstreckte  sich  (abgesehen  von  einer  geringen  Veränderung  des 
linken  Vorderstranges)  ausschliesslich  auf  den  liukeu  Hiuterstrang, 
und  zwar  vorwiegend  nach  aufwärts,  aber  auch  nach  abwärts 
von  der  Verletzungsstelle. 

Im  zweiten  Versuche  wurde  der  rechte  Hintorstraug,  die 
rechte  graue  Substanz  und  der  innere  Theil  der  Vordersträuge,  be- 
sonders des  rechten  verletzt.  Die  Degeneration  erstreckte  sich 
vorzugsweise  im  rechten  Hinterstrange  nach  aufwärts;  in  den  Vor- 
dersträngen nur  eine  kurze  Strecke  weit.  Nach  abwärts  war  das 
Verhalten  ein  umgekehrtes:  die  Affection  der  Hintersträuge  hörte 
bald  auf,  die  der  Vorderstränge  liess  sich  weiter  nach  abwärts 
verfolgen,  allerdings  aber  nur  in  einem  geringeren  Grade. 

Im  Jahre  1870  erstattete  Vulpian1),  der  bis  dahin  das  Auf- 
treten der  Degeneration  geläugnet  hatte,  veranlasst  durch  die  von 
Westphal  erschienene  Arbeit  einen  Bericht,  in  dem  das  constante 
Vorkommen  der  secundären  Degeneration  nach  Verletzungen  des 
Bückenmarkes  bei  Hunden,  Kaninchen  und  Meerschweinchen  zuge- 
geben wurde.  Es  zeigte  sich  jedoch  (in  der  räumlichen  Ausdehnung) 
bei  den  verschiedenen  Thieren  ein  verschiedenes  Verhalten. 

Eichhorst  und  Naunyn  2)  geben  in  ihrer  Arbeit  über  Re- 
generation ausdrücklich  an,  sie  hätten  in  keinem  Falle  einen  De- 
generationsprocess  beobachtet. 

In  neuerer  Zeit  hat  Schiefferdecker  3)  die  gesetzmässige 
Ausbreitung  der  secundären  Degeneration  im  Sinne  Türck's  an 
Hunden  beschrieben.  Nach  seiner  Angabe  sollen  an  sechs  ver- 
schiedenen Stellen  der  weissen  Substanz  die  secundären  Verände- 
rungen eintreten: 

1.  Dicht  über  dem  Schnitte  sind  die  hinteren  Stränge  total 
degenerirt.  Diese  Degeneration  beschränkt  sich  in  einiger  Höhe  über 
dem  Schnitte  auf  eine  im  Querschnitte  dreieckige,  zu  beiden  Seiten 
des  Septum  medianum  gelegene  Stelle  und  lässt  sich  unter  allmä- 
liger  Abnahme  bis  zur  Rautengrube  verfolgen. 

')  Arch.  de  Phys.  path.  et  norm.  1870  T.  III. 

')  Arch.  f.  experim.  PathoL  u.  Pharmakologie  Bd.  IL  1874. 

•)Lc* 


598  Kusrain. 

2.  Eine  schmale,  bandförmige,  ander  hinteren  Peripherie 
der  Seitenstränge  gelegene  Zone,  welche  nach  vorne  bis  zur  Mitte, 
des  Seitenstranges  reicht. 

Absteigend  degenerirt  fand  Schiefferdecker: 

1.  Faserzüge,  welche  die  ganze  Peripherie  der  Vorderstränge 
einnehmen.  Schiefferdecker  hält  dieselben  für  Analoga  der  Türck'- 
schen  Hülsenvorderstrangbahnen. 

2.  Zerstreute  Fasern  in  den  Vordersträngen. 

3.  Zerstreute  Fasern  in  den  Seitensträngen. 

4.  Eine  Anzahl  von  Fasern  in  den  Seitensträngen,  die  Schief- 
ferdecker für  Analoga  der  Türck'schen  Pyramiden-  Seitenstrang- 
bahn  erklärt. 

Ausserdem  unterscheidet  Schiefferdecker  eine  sogenannte 
traumatische  Degeneration,  welche  er,  ohne  sie  histologisch  näher 
studirt  zu  haben,  auf  die  Verletzung  des  Bückenmarkes  zurück- 
führt. Diese  reicht  von  der  Verletzungsstelle  aus  eine  kurze  Strecke 
nach  aufwärts  und  abwärts  und  begreift  den  ganzen  Querschnitt 
des  Bückenmarkes,  mit  Ausnahme  der  Hinterstränge  (im  unteren 
Abschnitte). 

Gleichzeitig  mit  der  Arbeit  von  Schiefferdecker  erschien  die 
Arbeit  von  Paul  Flechsig1),  in  welcher  gezeigt  wurde,  dass  die 
Fasersysteme  im  Bückenmarke  während  der  Entwickelung  nicht 
gleichzeitig  ihre  Myelinhüllen  erhalten.  Es  bekommen  diejenigen 
Fasern  die  Markscheiden  am  spätesten,  welche  den  längsten  Ver- 
lauf haben.  Er  ermittelte  auf  diese  Weise  folgende  Systeme  der 
Längsbahnen : 

1.  Im  Vorderstrang  liegen  der  vorderen  Längsspalte  zunächst: 

a)  die  Pyramidenbahnen,  nach  aussen  davon 

b)  die  Vorderstranggrundbündel. 

2.  Im  Hinterstrange  unterscheidet  er: 

c)  die  Goll'schen  Stränge  und 

d)  die  Burdach'schen  Keilstränge. 

3.  In  den  Seitensträngen  liegen 

e)  die  vorderen  und 

f)  die  seitlichen  gemischten  Seitens trangbahnen, 


*)  Die  Leitungsbahnen  im  Gehirn  und  Ruckenmarke  des  Menschen  auf 
Grand  entwicklungsgeschichtlicher  Untersuchungen.  Leipzig  1876. 


Degeneration  des  Rückenmarkes.  599 

g)  die  Pyramidenbahnen  des  Seitenstranges  und 
h)  die  Kleinhirn-Seitenstrangbahnen. 

In  der  allerneuesten  Zeit  sind  noch  zwei  Arbeiten  erschienen, 
von  denen  die  eine  von  Singer  '),  welcher  an  Hunden  Versuche 
angestellt  hat,  die  andere  von  Homen8),  welcher  das  menschliche 
Rückenmark  untersucht  hat. 

Das  Resume  der  Untersuchungen  Sing  er' s  stimmt  in  Bezug 
auf  die  traumatische  Degeneration  mit  den  Angaben  S chief f er- 
deck er's  ganz  überein.  Singer  hat  keine  eingehendere  histolo- 
gische Untersuchungen  ausgeführt. 

Ueber  die  absteigende  Degeneration  hingegen,  spricht  er  sich 
abweichend  von  Schiefferdecker  und  Türck  aus  und  zwar  in 
dem  Sinne,  dass  unterhalb  des  Querschnittes  nur  weniges  sich  beob- 
achten lässt,  was  den  Angaben  der  genannten  Autoren  entspre- 
chen würde.  Schiefferdecker  nämlich  hält,  wie  ich  schon  mit- 
getheilt  habe,  die  degenerirten  Fasern  der  Vorderstränge  für  gleich- 
wertig der  HülsenvorderstrangbahnTürck's,  und  die  dicken  degene- 
rirten Fasern  des  hinteren  Theiles  der  Seitenstränge  für  gleich werth  ig 
der  Pyramidenstrangbahn. 

Schiefferdecker  stellt  diese  Fasersysteme  den  übrigen  Nerven- 
fasern der  Vorderseitenstränge  gegenüber. 

Diese  Sonderung  ist  aber  nach  Singer's  Untersuchungen 
durchaus  nicht  scharf  durchgeführt. 

Singer  fand  nach  abwärts  in  den  Vorder-  und  Seiten- 
strängen zerstreute  Fasern,  die  zu  Folge  ihrer  Vertheilung  mit 
der  Pyramidenseitenstrangbahn  nichts  zu  thun  haben. 

In  Betreff  der  Topographie  der  Degeneration  über  dem  Schnitte 
gibt  Singer  an,  dass  dicht  über  der  Narbe  die  Hinterstränge  total 
degeneriren.  Fernes  bemerkt  Singer,  dass  in  den  Seitensträngen 
die  deutlich  abgegrenzten  Fasern  der  Kleinhirnseitenstrangbahn  der 
Degeneration  anheimfallen. 

Weiter  oben  erfolgt  eine  rasche  Abnahme  der  Degeneration 
in  den  Hintersträngen,  so  dass  sich  an  Querschnitten  nur  das  be- 
kannte Dreieck  bis  in  die  Medulla  oblongata  verfolgen  lässt. 

In  der  Seitenstrangbahn  handelt  es  sich  nicht  um  ein  voll- 
ständig abgeschlossenes  Fasersystem.  Die  Degenerationszono  beginnt 

f)l.  c 


am  «Jim  «null  polt,  im  hmteruu  Drittel,  wird  an  der  Peripherie 
der  hinteren  Partie  „compact*  und  erlaubt  nach  der  Insertion  des 
g.  deiiticul,  ihre  grösnte  Mächtigkeit.  Nach  vorn  zu  verbreiten 
•\i  die  degenerirten  Fasern  über  den  ganzen  Seitenstrang.  Beim 
ibnrgang  in  das  Halsrnark  schwinden  die  degenerirten  Fa3eru  im 
unereu  Theil  der  .Seiten stränge  ;  die  degenerirteu  Fasern  der  Klein- 
rnseitt-nstrangbahn  lassen  sieh  hingegen  bis  in  die  Corpora  resti- 
jrmia  verfolgen.  Die  Degeneration  tritt  nicht  gleichzeitig  an  allen 
jtellen  auf. 

Singer  untersuchte  auch  die  absteigende  Degeneration  nach 
Zerstörung  der  motorischen  Rinilencentra.  Er  fand  schon  14  Tage 
nach  der  Operation,  am  deutlichsten  aber  6  Wochen  nach  derselben, 
im  Gebiete  der  Hiuterseiteiistraugliabii  eine  elliptische,  gelb  ge- 
färbte, degenerirte  Stelle,  welche  dem  Faseracomples  der  Pyramiden- 
seitenstraugbahn  des  Menschen  entsprach.  Singer  sagt  jedoch,  „so 
klar  und  deutlich  bei  dieser  Degeneration  nun  der  makroskopische 
Befund  war,  um  so  schwieriger  gestaltete  sich  der  mikroskopische* . 
Ich  will  gleich  hier  erwähnen,  dass  vor  Siugor  sich  Bins- 
vanger  ')  mit  demselben  Thema  beschäftigt  und  keine  abstei- 
ude  Degeneration  nach  Zerstörung  der  Centra  beobachtet  hat. 
oinger  erklärt  diesen  Misserfolg  damit,  dass  Binswanger  in 
seinen  Versuchen  eine  nicht  genügende  Partie  der  Gehirnrinde 
entfernt  und  dass  er  die  Thiere  zu  lange  am  Leben  gelassen  bat, 
so  dass  alle  Spuren  der  Degeneration  verschwunden  waren. 

In  demselben  Jahre  fast  gleichzeitig  mit  Singer's  Unter- 
suchungen erschien  eine  Arbeit  von  Dr.  E.  A.  Hörnen  über  die 
secundäre  Degeneration  beim  Menschen.  Homen  theilt  mit,  dass  die 
secundäre  Degeneration  längs  der  von  Flechsig  angegebenen 
Bahnen  fortzuschreiten  scheine.  Neues  gibt  Homen  insoferae  an, 
dass  bei  der  absteigenden  Degeneration  die  Schleifenschicht  des 
Pons  und  der  Medulla  oblongata  mitafficirt  ist. 

Aus  dem  Vorhergehenden  ist  zu  ersehen,  dass  die  Frage  über 
die  secundäre  Degeneration  weder  vom  genetischen  noch  vom  histo- 
logischen, noch  auch  vom  Standpunkte  der  Topographie  einheitlich 
beantwortet  ist. 

Ich   bin  nun  in  der  Lage  Einiges  zur  Klärung  dieser  Frage 


'}  Aren,  für  Psychiatrie,  IL  Bd.  p.  315. 


Degeneration  des  Kückenmarkes.  601 

beizutragen.  Ich  werde  hier  nur  die  secundäre  Degeneration  ein- 
gehend besprechen.  Von  den  traumatischen  Veränderungen  werde 
ich  nur  so  viel  behandeln,  als  es  zum  besseren  Verständniss  der 
Degeneration  nothwendig  ist. 

Die  Methode,  deren  ich  mich  bediente,  war  die  folgende:  Ich 
legte  das  Rückenmark  in  toto  auf  2  Tage  in  Müller'sche  Flüssig- 
keit, schnitt  es  hierauf  in  V/2  Ctm.  lange  Stücke,  legte  diese 
Stücke  wieder  in  die  Flüssigkeit  ein  und  Hess  sie  hier  etwa  2 — 3 
Wochen.  Hierauf  brachte  ich  die  Stückchen  auf  1  —  2  Tage  in  ge- 
wöhnlichen Alkohol.  Die  Behandlung  des  Rückenmarkes  mit  abso- 
lutem Alkohol  oder  das  längere  Liegenlassen  im  schwachen  Alkohol 
habe  ich  deshalb  vermieden,  damit  nicht  das  etwaige  Auftreten  von 
Fett  in  den  degenerirten  Partien  unkenntlich  werde.  Die  in  der  an- 
gegebenen Weise  gehärteten  Präparate  wurden,  wie  folgt  gefärbt: 

Ich  liess  sie  24  Stunden  in  neutraler  Carminlösung,  hierauf 
nach  Waschung  i/z — s/lk  Stunden  in  Alkohol,  einige  Minuten  in 
Nelkenöl  und  conservirte  sie  in  Damarlack.  In  einigen  Fällen  habe 
ich  auch  die  Henle'sche  combinirte  Palladiumchlorid-Carminfärbung 
angewendet1).  Unter  allen  diesen  Färbungsmethoden  bewährte  sich 
die  Färbung  mit  neutralem  Carmin  am  besten. 

Um  die  Entstehung  und  Verbreitung  der  Fettkörnchen  genauer 
zu  studieren,  habe  ich  auch  kleine,  frische  Rückenmarksstückchen 
in  0*5#igeUeberosmiumsäure  auf  3— 4  Tage  gelegt,  mit  dem  Mikro- 
tom geschnitten,  die  erhaltenen  Schnitte  in  Ammoniak  getaucht 
und  im  Glycerin  mikroskopirt. 

Untersuchung. 

A.  Traumatische  Veränderungen. 

Makroskopisch  liess  sich  an  dem  traumatischen  Herde  con- 
statiren,  dass  die  Stümpfe  nach  2 — 3  Wochen  an  der  Trennungs- 
stelle durch  eine  Narbe  verwachsen  waren,  die  mit  den  Meningen 
und  dem  Periost  im  Zusammenhange  stand. 


*)  Es  wurden  die  Schnitte  auf  2— 5  Minuten  in  eine  Palladium -Chlorid- 
lösung (1  :  1000)  gelegt  und  nach  kurzer  Waschung  im  Wasser  auf  2—3 
Minuten  in  eine  Lösung  von  carminsaurem  Ammoniak  gebracht.  Darauf 
wurden  die  Präparate  wieder  gewaschen,  in  Alkohol  gelegt,  in  Nelkenöl 
transparent  gemacht  und  in  Damarlack  eingebettet. 


<Mft  Icmla 

Bei  jartMtai  DarctedneidaDg«  bemeririe  um  Mdb  Los- 
priftrinmg  des  die  Wunde  snrfUknden  Bindegewebes,  die  mit 
der  Ffs  in  engem  Zinwmmflnhnngfi  stand,  ein  Klaffen  4er  Schnitt- 
stelle. Dies  war  sowohl  bei  der  Durchscfcneidinig  dar  Settenetarfoge 
als  auch  bei  der  Durchschneidung  der  Vorder-  und  Hinterstr&nge 
der  Fall.  Die  Rftckenmaitast&mpfe,  besonders  der  centrale  Stampf 
wagten  sieh  in  den  ersten  Stadien  etwas  gewulstet,  in  späteren 
aber  nach  4 — 5  Monaten  nicht  selten  verdünnt  Nach  Durdisehnei- 
dung  des  Rückenmarkes  Ms  auf  die  SeitenstrÄnge  habe  ich  manch- 
mal an  der  Wandstelle  eine  cystoide  Höhle  gefunden. 

Bei  partiellen  Durchschneidungen  Hess  ach  ztt  dieser  Zeit 
constatiren,  dass  der  eberhalb  der  Verletzung  liegende  Theü  der 
Araehnoidealhöhle  über  die  Läsionsstelle  hinweg  mit  dem  unterhalb 
derselben  liegenden  Theüe  communicirte. 

Die  makroskopische  Besichtigung  der  tingirten  Querschnitte 
in  der  Höhe  der  Narbe  Hess  nicht  mehr  das  normale  Bild  des 
Bückenmarkes  erkennen.  Die  Pia  war  ausserordentlich  stark  ver- 
dickt und  dunkler  gefärbt,  als  die  übrigen  Partien  des  Rücken- 
markes. Die  graue  Substanz  mit  ihren  Körnern  war  verjüngt  und 
hatte  ihre  normale  Zeichnung  verloren.  Erst  in  einiger  Entfernung, 
etwa  von  1  Ctm.,  stellten  sich  die  normalen  Formen  wieder  ein. 
Je  weiter  ich  von  dem  Schnitte  nach  oben  fortschritt ,  um  so  mehr 
näherte  sich  das  Bild  der  Norm. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  lehrte,  dass  die  der  Ope- 
rationsstelle entnommenen  Präparate  stellenweise  von  capillaren 
Blutextra vasaten  durchsetzt  waren.  Die  zahlreichen  Capillaren  der 
grauen  Substanz,  sowie  die  spärlichen  Gefasse  in  der  weissen  Substanz 
waren  dilatirt  und  strotzend  mit  Blutkörperchen  gefüllt.  Die  auf- 
fallendsten Veränderungen  waren  an  den  Nervenfasern,  an  der 
Neuroglia  und  den  Ganglienzellen  zu  beobachten. 

In  Präparaten  von  Thieren,  die  zwei  Wochen  und  darüber 
nach  der  Operation  am  Leben  gelassen  wurden,  fallen  vor  Allem 
die  mächtig  geschwellten  Axencylinder  auf,  welche  an  den  tingirten 
Präparaten  von  einem  ungefärbten  Hinge  umgeben  sind. 

Die  Form  des  Axencylinders  ist  an  Querschnitten  grössten- 
teils rund,  zuweilen  aber  eingebuchtet,  so  dass  sie  ein  mehr  halb- 
mondförmiges Aussehen  darbietet. 


Degeneration  des  Rückenmarkes.  603 

Die  Axencylinder  waren  entweder  homogen  und  dann  intensiv 
roth  gefärbt,  oder  körnig  und  dann  nur  fleckig  oder  gar  nicht  ge- 
färbt. Andere  enthielten  Kerne  theils  mit,  tbeils  ohne  Protoplasma 
oder  sie  zeigten  helle  Stellen,  die  an  Vacuolen  erinnerten. 

Bei  genauerer  Untersuchung  der  sie  umgebenden  hellen  Ringe, 
welche  ihrer  Lage  zu  Folge  einem  Reste  der  Markscheide  ent- 
sprechen, konnte  ich  die  normalen,  concentri .sehen  Streuungen  der 
Markscheide  nicht  mehr  wahrnehmen,  wohl  aber  einige,  zuweilen 
netzförmig  angeordnete  Fädchen,  so  wie  spärliche,  ungefärbte 
Körnchen. 

An  Längsschnitten  sieht  man  die  wiederholt  beschriebenen 
spindelförmigen  Anschwellungen  und  kolbige  Auftreibungen  der 
Axencylinder,  welche  stellenweise  eine  körnige  Zeichnung  zu  er- 
kennen geben. 

Die  Schwellung  der  Axencylinder  an  der  Operationsteil « 
konnte  ich  auch  an  Thieren,  die  selbst  zwei  Monate  und  darüber 
nach  der  Operation  gelebt  haben,  constatiren. 

Die  Neuroglia  sowohl  der  weissen,  wie  der  grauen  8ub*tanz 
war  in  der  Regel  gewuchert.  Die  Gliazellen  waren  vergrößert,  ihre 
Fortsätze  verdickt,  deutlich  miteinander  anastomottirond,  die  Kerne 
der  Glia  vermehrt.  An  einigen  Stellen  war  die  Wucherung  d«r  Glia 
in  der  weissen  Substanz  so  mächtig,  dann  von  Nervenfasern  nU'hi* 
oder  nur  vereinzelte  geschwellte  Axencylinder  zu  nahm  war«n '), 

In  späteren  Stadien  gewann  die  Glia  ''in  fibrillär«*  Au**«b«n 
und  zwar  oft  in  einem  so  hohen  Grade,  da**  man  im  Narbeng^biel« 
kaum  einen  Unterschied  zwischen  weiter  und  grauer  Kub»Unz 
machen  konnte.  Die  Cefa.*» Wandungen  waren  verdickt  I>ie  Ganglien- 
zellen und  ihre  Ausläufer  waren  meiat  v«r*cbwurjd«n/  oder  dl« 
Zellen  erschienen  in  Form  von  unregelmäßigen ,  wie  Mwwiyi 
aussehenden  Gebilden.  An  einten  von  ihnen  könnt*  mnn  *«b«n, 
dass  sie  meist  durch  Bncbtenbildung,  zuweilen  atwh  duwh  Vivwtlm* 
bildung  zerklüftet  waren.  Di«  Zahl  der  Utvhtxn  und  Vaiwlftfi  er- 
schien oft  so  grcfcg,  d&&  von  einigen  Gangli^nz^ll'fn  nur  Hjruren  von 
schwach  gefärbtem  Pr<44f»la»ma  übrig  geblieben  wzrw, 

In  den  Backten  und  Xv&Am  \*tonAün  *w\%  %Udl*nwfri** 
runde  Zellen  mit  sp&rlitt&m  Vr<A/>pbxm*  <Axt  U*\*  Kwnti,  in  *iui- 


604  K  n  s  m  in- 

gen  Ausbuchtungen  schwach  von  Carolin  gefärbte  Körnchengruppen. 
Ausläufer  und  Kerne  waren  an  derart  beschaffenen  Zellen  nicht 
wahrnehmbar.  Die  vorderen  und  hinteren  Nervenwurzeln  schienen 
längs  ihres  Verlaufes  im  Bückenmarke  in  der  weissen  Substanz 
stellenweise  verdickt,  stellenweise  dünner  und  in  ihrer  Continuität 
durch  Lücken  unterbrochen. 

Sowohl  die  Veränderung  in  der  grauen,  wie  in  der  weissen 
Substanz  erstreckte  sich  in  der  ganzen  Ausdehnung  des  Querschnittes 
und  1  Ctm.  nach  oben  und  unten  von  der  Operationsstelle. 

Ueber  diese  Entfernung  hinaus  konnte  man  sehen,  dass  die 
Area  der  grauen  Substanz  auffallig  eingeengt  war.  Die  Vorder-  und 
Hinterhörner  erschienen  hier  schlanker,  ja  zuweilen  derart  verdünnt, 
dass  sie  nur  mit  Mühe  zu  verfolgen  waren.  Die  Ganglienzellen 
im  Vorderstrang  waren  zwar  als  deutlich  verzweigte  Gebilde  zu 
erkennen,  aber  sie  waren  klein  und  von  grossen,  pericellulären 
Bäumen  umgeben.  Die  wie  angenagt  aussehenden  Ganglienzellen 
enthielten  Kerne  von  normalem  Aussehen.  In  jenen  Zellen  aber, 
deren  Leib  zum  Theile  geschwunden  war,  erschienen  die  Kerne 
vermehrt. 

In  der  weissen  Substanz  konnte  ich  mehrere  Nervenfasern 
mit  geschwellten  Axencylindern  erblicken,  welche  unregelmässig  um 
die  graue  Substanz  herum  und  in  der  Peripherie   zerstreut  waren. 

Die  Gliazellen  waren  überall  verdickt,  vermehrt,  ihre  Ausläufer 
geschwellt,  die  Gliakerne  vergrössert  und  an  Zahl  vermehrt.  Diese 
Veränderung  der  Neuroglia  war  sowohl  in  der  grauen,  wie  in  der 
weissen  Substanz  durch  die  ganze  Ausdehnung  des  Querschnittes  zu 
constatiren. 

Noch  weiter  von  der  Durchschnittsstelle  (z.  B.  5—6  Ctm.) 
konnte  man  nur  mehr  hie  und  da  einen  geschwellten  Axencylinder 
sehen.  In  dieser  Höhe  beginnen  jene  Veränderungen,  welche  von  den 
Pathologen  als  Degenerationsvorgänge  aufgefasst  werden,  und  welche 
ich  nun  des  Genaueren  besprechen  will. 

B.  Degeneration. 

An  Präparaten  des  Bückenmarkes  von  Thieren,  die  in  der 
Gegend  des  zwölften  Brustwirbels  operirt  worden  waren,  sehen  wir, 
nach  Behandlung  mit  Müll  er' seh  er  Flüssigkeit  makroskopisch,  dass 
die   degenerirten  Stellen   oberhalb   des  Durchschnittes   heller  gelb 


Degeneration  des  Bückenmarkes.  605 

gefärbt  sind,  als  die  normalen  Partien.  Dies  lichtere  Gelb  erscheint 
am  deutlichsten  ausgesprochen  an  den  hinteren  Strängen  und  einer 
peripherischen  Zone  der  Seitenstränge,  Avelche  sich  nach  vorne  zu 
verschmälert  und  bis  an  die  Grenze  der  Vorderstränge  reicht.  Der 
gelbe  Farbenton  der  hinteren  Stränge  erstreckt  sich  von  der  Durch- 
schnittsstelle 5  Ctm.  und  sogar  weiter  nach  oben  und  reicht  fast 
durch  die  ganze  Quere  der  Hinterstränge.  Von  da  ab  begrenzt 
sich  die  lichtgelb  gefärbte  Partie  auf  das  sogenannte  Goll'sche 
Dreieck  und  lässt  sich  noch  an  der  Med.  oblong,  nachweisen.  Nach 
unten  hingegen  reichte  die  gelbe  Färbung  auf  eine  Entfernung  von 
1  bis  2  Ctm.  und  ging  allmälig  in  den  normalen  dunkelgelben 
Farbenton  der  übrigen  Partien  über. 

Ueber  die  Zone  an  den  Seitensträngen  konnte  ich  bei  makro- 
skopischer Besichtigung  nur  so  viel  eruiren,  dass  sie  nach  oben  bis 
zur  Medulla  oblongata  als  ein  schmaler  Streifen  sich  erstreckt. 
Nach  abwärts  verschmälert  sich  die  Zone  immer  mehr  und  mehr, 
bis   sie   sich   dem   unbewaffneten  Auge   vollständig  entzieht. 

Lässt  man  so  gefärbte  Präparate  längere  Zeit  in  absolutem  Alko- 
hol, dann  verlieren  sie  diesen  gelben  Farbenton.  An  Präparaten  von 
Thieren,  die  schon  13  Tage  nach  der  Operation  getödtet  wurden,  sah 
man  diese  Verhältnisse  schon  in  der  besagten  Zeit  deutlich  und 
in  der  erwähnten  Ausdehnung  ausgeprägt.  An  mit  neutraler  Carmin- 
lösung  gefärbten  Schnitten  waren  die  degenerirten  Stellen  auffallend 
dunkel  tingirt,  besonders  an  den  Goll'schen  Strängen  und  den 
Fasciculi  graciles. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  der  degenerirten  Stellen  lehrt 
Folgendes: 

Die  Degeneration  erscheint  ausgedehnter,  als  es  die  makro- 
skopische Untersuchung  des  mit  Müller'scher  Flüssigkeit  gefärbten 
Bückenmarkes  ergab.  Die  Beobachtungen  jener  Autoren,  welche  die 
Degeneration  an  Präparaten,  die  in  Chromsalzlösungen  gelegen  hatten, 
makroskopisch  studirten,  sind  somit  als  ungenau  anzusehen.  Das- 
selbe gilt  auch  von  den  Angaben  jener  Forscher,  welche  mit  Carmin 
gefärbte  Präparate  makroskopisch  untersucht  haben.  Die  Intensität 
der  Carminfarbung  hängt,  wie  ich  schon  hier  bemerken  will,  nur  von 
der  Intensität  der  Glia- Wucherung  ab  *).  Die  Intensität  der  Carmin- 


!)  Der  Meinung  Bart h's,  dass  die  tiefere  Carminfarbung  der  erkrankten 

Med.  Jahrbttcher.  1882.  39 


606  Knsmiii. 

f  ärbung  erlaubt  daher  nur  einen  Bückschluss  auf  die  Ausdehnung 
der  Glia- Wucherung,  keineswegs  aber  auf  die  Ausdehnung  der  De- 
generation. 

Da,  wie  ich  später  zeigen  werde,  bei  der  Degeneration  die 
Wucherung  der  Neuroglia  in  den  verschiedenen  Stadien  sich  ver- 
schieden verhält,  so  muss  auch  dem  entsprechend  die  Intensität  der 
Färbung  variiren. 

1.  Degeneration  der  weissen  Substanz  in  frühen  Stadien. 

Schon  an  Präparaten,  die  zwei  Wochen  nach  der  Operation 
angefertigt  wurden,  waren  sowohl  die  Nervenfasern,  als  auch  die 
Neuroglia  an  der  Degenerationsstelle  deutlich  verändert. 

In  BetreiF  der  Veränderungen  der  Nervenfasern  habe  ich  Fol- 
gendes mitzutheilen : 

Eine  Gruppe  von  Axencylindern  erscheint  massig  geschwellt  und 
intensiv  roth  gefärbt,  eine  andere  roth  gefärbt  aber  granulirt.  Andere 
Nervenfasern  zeigen  unbedeutende  Schwellung  der  Axencylinder,  und 
in  diesen  nur  einzelne  rothgefärbte  Körner.  Ferner  gibt  es  Axen- 
cylinder, welche  körnig  aussehen,  aber  vollständig  ungefärbt  sind. 
Bndlich  kommen  Nervenfasern  vor,  deren  Axencylinder  nicht  mehr 
zu  sehen  sind,  an  deren  Stelle  aber  ein  Haufen  von  zerstreut  oder 
dicht  an  einander  liegenden  Körnchen  gefunden  wird  (s.  Fig.  1). 
Zwischen  den  degenerirten  Nervenfasern  kommen  solche  von  nor- 
malem Aussehen  vor.  Die  Gliazellen  traten  zu  dieser- Zeit  schon 
deutlich  hervor,  ihre  Fortsätze  waren  verdickt.  Ausser  diesen  Er- 
scheinungen boten  einige  Präparate  ein  eigentümliches  Aussehen 
dar.  Es  zeigten  sich  von  Stelle  zu  Stelle  in  der  weissen  Substanz 
bald  kleinere,  bald  grössere  Lücken.  Es  kann  keinem  Zweifel 
unterliegen,  dass  die  Lücken  den  Querschnitten  veränderter  Ner- 
venfasern entsprechen.  Es  erhellt  dies  einerseits  aus  dem  Um- 
stände, dass  die  Lücken  sich  bei  der  Handhabung  der  Stellschraube 
als  Hohlcylinder  präsentiren,  andererseits  aber  enthielten  die  Lücken 
noch  Beste  der  Markscheide.  Ferner  waren  in  den  Cavitäten  bald 
Querschnitte  geschwellter  Axencylinder  zu  sehen,  bald  enthielten  sie 
kleine,  zahlreiche  Körnchen. 


Stellen  durch  das  Auftreten  von  leicht  tingirbaren  „Eiweissnioleculen"  be- 
dingt sei,  kann  ich  nicht  beistimmen,  weil  ich  nie  in  die  Lage  kam,  die 
Anwesenheit  solcher  Körnchen  zu  constatiren. 


Degeneration  des  Rückenmarkes.  607 

Stellenweise  boten  die  Lücken  das  Aussehen,  wie  wenn  sie 
durch  Confluenz  benachbarter  Bäume  entstanden  wären 1).  Man  sah 
dann  grössere  Hohlräume  von  bald  mehr  oder  weniger  vollstän- 
digen Scheidewänden  durchzogen. 

Bei  genauerer  Untersuchung  konnte  man  constatiren,  dass  die 
Veränderungen  der  Nervenfasern  von  den  Axencylindern  ausgehen. 
Es  folgt  dies  aus  Untersuchung  von  Präparaten,  in  welchen  die 
Axencylinder  gänzlich  in  Körner  zerfallen  waren,  während  von  der 
Markscheide  noch  deutlich  sichtbare  Beste,  ja  stellenweise  noch  eine 
concentrische  Schichtung  beobachtet  werden  konnte. 

An  den  Nervenfasern  der  Hinterstränge  waren  die  Charaktere 
der  Veränderungen  dieselben  wie  im  Vorder-  und  Seitenstrange. 
Die  Axencylinder  waren  gleichfalls  stellenweise  vergrössert,  in 
Carmin  schwer  zu  färben,  einige  total  in  Körnchen  zerfallen,  oder 
ganz  geschwunden.  Die  Gliazellen  erschienen  deutlich  vermehrt, 
verdickt,  die  freien  Kerne  vermehrt.  Die  Gefasse  zeigten,  wenn  der 
Process  nicht  sehr  alt  war,  an  der  Degenerationsstelle  keine  be- 
sonderen Veränderungen. 

Aus  dem  Gesagten  geht  entgegen  den  Angaben  Türck's  her- 
vor, dass  schon  nach  zwei  Wochen  sowohl  die  Neuroglia,  als  auch 
die  Nervenfasern  an  dem  Degenerationsprocess  gleichzeitig  partici- 
piren.  Als  Charakteristisches  für  die  Gliawucherung  führe  ich  be- 
sonders an,  dass  dieselbe  in  den  früheren  Stadien  immer  nur  um 
erkrankte  Nervenfasern  herum  auftritt.  Daraus  geht  hervor,  dass 
die  Veränderungen  der  Neuroglia  nicht  primär,  sondern  im  Zusam- 
menhange mit  der  Erkrankung  der  Nervenfasern  auftreten. 

Da  man  in  der  Begel  in  der  Umgebung  gering  veränderte 
Axencylinder  und  die  Glia  schon  geschwellt  findet,  muss  des  Weite- 
ren angenommen  werden,  dass  die  Erkrankung  der  Axencylinder  und 
die  der  benachbarten  Glia  in  der  Zeit  nicht  weit  auseinander  fallen. 
Die  graue  Substanz  liess  in  diesem  Stadium  keine  deutlichen  Merk- 
male einer  degenerativen  Veränderung  erkennen. 

Um  mir  einen  Aufschluss  zu  verschaffen,  ob  die  secundären 
Veränderungen  im  Eückenmarke  mit  einer  fettigen  Degeneration 
der  Axencylinder  einhergehen,  behandelte  ich  frische  Präparate  nach 


*)  Namentlich   war  dies   der  Fall  nach   Hemisection  im  Lenden-   und 
Halsmarke  bei  einem  und  demselben  Thiere. 

39* 


eg»ben«m  Weise    mit  Uebcrosmiumsäure.     Es    zeigte 

i  die  Körnchen,  in  welche  die  A  sencylinder.  zerfallen, 

urfturo  dunkelbraun  färben.  Es  ist  somit  anzunehmen, 

icylinder  lettig  dugonorireu.  In  der  Glia  selbst  kommt 

e  Degeneration  vor, 

wrdem    üuss   sich    constatiren,   dass  der  Axencylinder  in 

Jtattreaction    zeigt,    und    dass    um    ihn    herum   die  Mark- 

miu   zuweilen   eine   aus  gefärbten    und    ungefärbten  Lagen  be- 

lende  Schichtung  erkennen   Iftsat.     In  späteren   Stadien  ist  auch 

Markscheide  »***  mnhr  *n  pnhnn      Es   entbalteu    dann  die  an 

He   der    Norveuiaau«  icken  eine  von  Osmium    ge- 

nwärzte  Masse. 

Die  Angabe  der  Autoren,  dass      ugs  der  Gefässe  Anhäufungen 

Fettkörneben    und    Fettkörneheuz  slleu  zu  finden  sind,    konnte 

auch  an  Ojruiuniprä paraten  nicht  constatiren.  Die  Angaben  über 

Vorkommen  von   Fettkörneben    in    der    grauen   Substanz   kann 

i  gleichfalls  nicht  bestätigen. 

ntersuchnug    des    Kückenmarkes  in  späteren  Stadien 
der  Degeneration. 

Untersucht  man  das  Bückenmark  von  Thieren,  welche  3  Mo- 
nate nach  der  Operation  gelebt  haben,  so  zeigt  es  sieh,  dass  viele 
Nervenfasern  geschwunden  sind,  wahrend  andere  in  den  früher  be- 
schriebenen Stadien  des  körnigen  Zerfalles  sich  befinden. 

Die  Neuroglia  hingegen  zeigt  eine  bedeutende  Wucherung.  Die 
Lücken  an  Stellen  der  Nervenfasern  erschienen  kleiner,  stellenweise 
ganz  verwischt.  Die  mehr  oder  weniger  normal  aussehenden  Ner- 
venfasern stehen  viel  weiter  auseinander,  als  in  der  Norm.  Die 
Wucherung  des  Bindegewebes  gewinnt  mit  dem  Alter  der  Degene- 
ration immer  mehr  an  Ausdehnung  und  ergreift  endlich  noch  jene 
Theile  der  weissen  Substanz,  welche  in  den  jüngeren  Stadien  der 
Degeneration  unverändert  angetroffen  werden. 

Auf  Kückenmarks -Querschnitten  von  Hunden,  die  4  Monate 
nach  der  Operation  gelebt  haben,  konnte  man  sehen,  dass  die 
Glia  durch  die  ganze  Quere  der  weissen  Substanz,  besonders  stark 
aber  an  der  Peripherie  gewuchert  ist.  An  jenen  Stellen,  an  wel- 
chen die  Degeneration  an  normale  weisse  Substanz  grenzte,  hatten 


Degeneration  des  Rückenmarkes.  609 

viele  der  zwischen  dem  gewucherten  Bindegewebe  eingeschlossenen 
Nervenfasern  ihr  normales  mikroskopisches  Bild  nicht  eingebüsst; 
nur  einige  zeigten  eine  geringe  Schwellung  der  Axencylinder  und 
körnigen  Zerfall,  an  welchem  die  Markscheiden  mehr  oder  weniger 
participirten.  In  jenen  Fällen,  in  welchen  die  Gliawucherung  grös- 
sere Dimensionen  angenommen  hatte,  zeigten  sich  auch  die  Gefass- 
wandungen  stark  verdickt.  Diese  Verdickung  betraf  hauptsächlich 
die  Adventitia.  Der  Centralkanal  war  in  einigen  Fällen  vergrössert. 

Bei  genauer  mikroskopischer  Untersuchung  mit  starken  Ver- 
grösserungen  stellte  sich  das  gewucherte  Bindegewebe  in  Form  von 
feinen,  quer  oder  schief  durchschnittenen  Fibrillen  dar. 

Die  Ganglienzellen  der  grauen  Substanz  waren  zumeist  von 
normalem  Aussehen,  aber  mit  einem  dicken  Bingo  von  Glia  um- 
geben. In  den  Vorderhörnern  waren  die  Ganglienzellen  an  Zahl  ver- 
ringert. Einige  derselben  zeigten  randständige  Einbuchtungen  und 
Vacuolen  in  ihrem  Körper.  Diese  Veränderungen  waren  besonders 
bei  der  absteigenden  Degeneration  in  den  Vorderhörnern  des  Brust- 
markes ausgeprägt.  Es  waren  dies  Degenerationen,  welche  nach 
Durchschneidung  der  Vorder-  und  Hinterstränge  und  der  grauen 
Substanz  im  Halsmarke  aufgetreten  waren. 

Topographie1)    der  aufsteigenden  Degeneration  nach  to- 
taler Durchschneidung  des  Lendenraarkes. 

Ich  habe  schon  oben  erwähnt,  dass  die  aufsteigende  Degenera- 
tion bei  der  makroskopischen  Besichtigung  sich  auf  die  GolFschen 
Stränge  und  eine  schmale  Zone  an  der  hinteren  Peripherie  der 
Seitenstränge  erstreckt.  Auf  Grundlage  von  mikroskopischen  Unter- 
suchungen habe  ich  hinzuzufügen,  dass  die  Degeneration  ein  wei- 
teres Gebiet  ergreift,  als  die  Untersuchung  mit  unbewaffneten 
Augen  lehrt.  Es  gilt  dies  namentlich  in  Betreff  der  Zone  an  der 
äusseren  Peripherie  der  Seitenstränge.  Es  ergibt  sich  bei  der  mi- 
kroskopischen Untersuchung  von  Schnitten  aus  dem  Brustmarke, 
dass  nahezu  die  ganze  äussere  Hälfte  der  Seitenstränge  degenerirt 
ist.    Die  Degenerationsstelle  beginnt  des  Genaueren  —  wie  Fig.  II 


*)   Die  für  das  Studium  der  Topographie   geeignetsten  Präparate  sind 
solche,  welche  2—5  Wochen  nach  der  Operation  angefertigt  worden  sind. 


610 

lehrt  *—  in  der  Aussenseile  «l«r  hinteren  Hörner  der  grauen  Sub- 
4m,  liebt  lln  ■  des  Bnaann  Händen  der  hinteren  Wurzeln,  ge- 
tnnt  TOB  dt  tu  Britta  und  rückt  nach  vorne  bis  an  die  voi 
t    nein  heran. 

Die  innere  Umgrenzung  dieses  Terrains  ist  keine  scharfe,  na- 
mentlich nach  Tone  tiinl  innen  verliert  sich  die  erkrankte  Partie 
Buccessive  in  du  gesunde  Gewebe.  Das  Gebiet  an  der  Grenze 
der  grauen  SnbsUai  und  die  Vorderstränge  selbst  enthalten  keine 
Anzeichen  Ten  Degeneration. 

In  den  hinteren  und  äusseren  Partien  der  degeuerirteu  Zone 
erweisen  Bich  mehr  Nervenfasern  degenerirt,  als  in  dem  nach  vorne 
gelegenen  Tbeile.  Im  Halsmarke  gestalten  sich  die  Verhältnisse  in 
ähnlicher  Weise,  nur  erscheint  die  Degenerationszoue  an  den  Sei- 
tenstrangen  nicht  so  breit,  wie  im  Rückenmarke  (Fig.  III).  Ferner 
kommen  nur  einzelne  degenerirte  Fasern  in  den  vorderen  Partien 
der  Zone  Tor.  In  den  unteren  Partien  der  Medulla  oblongata  Hess 
sich  die  Degeneration  an  den  Fiuiiculi  graciles  und  mehr  nach  hin- 
ten an  den  Corp.  restiformia  sowohl  in  den  Nervenfasern,  als  auch 
in  der  Glia  deutlich  and  ziemlich  ausgebreitet  nachweisen. 

Alle  Forscher  geben  an,  ilass  die  aufsteigende  Degeneration 
sich  bis  an  die  Medulla  oblongata  verfolgen  lässt.  Meine  Unter- 
suchungen lehrten,  dass  diese  Angaben  unvollständig  sind.  Indem 
ich  aufsteigend  weitere  Schnitte  bis  zum  Pons  Varoli  anfertigte, 
konnte  ich  constatiren ,  dass  die  Degeneration  des  bekannten  Drei- 
ecks der  Fimiculi  graciles  sich  allmälig  am  Boden  des  4.  Ventri- 
kels der  Sichtbarkeit  entzieht. 

Die  Corp.  restiformia  enthielten  zahlreiche  degdherirte  Nerven- 
fasern, welche  an  der  Peripherie  dichter  gedrängt  waren.  An  Quer- 
schnitten unterhalb  der  Olive  waten  gleichfalls  deutliche  Merkmale 
von  Degeneration  im  medialen  und  lateralen  Keilstrange  zu  beob- 
achten. Doch  war  das  Gebiet  der  Degeneration  im  medialen  Keil- 
tsrange  auf  ein  Minimum  redticitt. 

Die  Degeneration  erstreckte  sich  aber  noch  weiter  hinauf  bis 
zum  Pons  Varoli.  In  der  Höbe  der  Olivenmitte  zeigte  der  Quer- 
schnitt nichts  mehr  von  dem  erwähnten  Dreieck,  wohl  aber  Dege- 
neration an  den  Corp.  restiformia.  An  der  Stelle  des  Dreiecks  waren 
jetzt  die  unveränderten  grauen  Nuclei  des  Nervus  hypoglossus 
wahrzunehmen. 


Degeneration  des  Rückenmarkes.  611 

Auf  Querschnitten  durch  den  Pons  konnte  ich  beiderseits  deut- 
lich degenerirte  Nervenfasern  nachweisen.  Die  degenerirten  Fasern 
liegen  in  den  Nervenbündeln  d§r  weissen  Substanz  und  zwar  in  den 
unteren  Partien  des  Pons  Varoli. 

Die  Zahl  der  erkrankten  Fasern  in  den  einzelnen  Bündeln 
schwankt  in  weiten  Grenzen.  Um  die  degenerirten  Fasern  fand  ich 
Wucherung  der  Glia,  die  aber  im  Vergleich  mit  der  Gliawuche- 
rung  im  Kückenmarke  spärlicher  entwickelt  war.  Die  degenerirten 
Nervenfasern  fanden  sich  in  einiger  Entfernung  von  der  unteren 
Peripherie  und  ziemlich  weit  nach  aussen  von  der  Eaphe  vor.  Man 
konnte  sie  z.  B.  unmittelbar  nach  innen  von  der  Wurzel  des  Nerv, 
abducens  im  oberen  Brückenfaserstrange  constant  beobachten.  Die 
degenerirten  Fasern  verlaufen  durch  die  ganze  Länge  des  Pons 
Varoli  und  übergehen  in  die  unteren  Partien  des  Hirnschenkels, 
und  zwar  in  den  Fuss  desselben.  Auch  hier  liegen  sie  nicht  unmit- 
telbar an  der  Peripherie,  sondern  in  einiger  Entfernung  von  der- 
selben, fast  bis  an  die  graue  Substanz  reichend.  Man  hat  es  hier 
zumeist  mit  zerstreut  liegenden  degenerirten  Fasern  zu  thun. 

An  der  Uebergangsstelle  der  Brücke  in  die  Hirnschenkel  be- 
obachtete ich  gleichfalls  beiderseits  degenerirte  Nervenfasern,  die 
ihrem  Verlauf  und  ihrer  Localisation  zufolge  als  eine  Fortsetzung 
der  degenerirten  Fasern  der  Brücke  anzusehen  sind. 

Ferner  habe  ich  meine  weitere  Aufmerksamkeit  der  Unter- 
suchung der  Thalami  optici  und  der  Capsula  interna  zugewendet. 
Ich  konnte  constatiren,  dass  die  degenerirten  Nervenfasern  in  dem 
optico-lenticulären  Theil  der  Capsula  int.  unzweifelhaft  zu  verfolgen 
sind.  In  der  grauen  Substanz  der  Thalami  optici  konnte  ich  keine 
degenerativen  Vorgänge  erblicken,  wohl  aber  auf  Querschnitten  der 
weissen  Substanz,  so  wie  auch  in  den  an  die  graue  Substanz  gren- 
zenden Partien  derselben. 

Die  degenerirten  Fasern  stellten  sich  in  der  Capsula  interna 
und  im  Thalamus  opticus  als  vereinzelt  degenerirte  Nervenfasern  dar. 
Stellenweise  zeigten  die  Gliazellen  eine  unbedeutende  Wucherung. 

Diese  Versuche  geben  also  einen  neuen  Beleg  dafür,  dass 
sowohl  die  Seiten-  wie  die  Hinterstränge  lange  centripetal  leitende 
Bahnen  besitzen. 


612  Kusmin. 

Topographie  der  absteigenden  Degeneration  nach  totaler 
Durchschneidung  des  Lendenmarkes. 

An  der  absteigenden  Degeneration  nehmen,  wenn  die  Thiere 
2  —  5  Wochen  die  Operation  überlebt  haben,  die  Vorder-,  so  wie 
auch  die  Seitenstränge  Theil.  Während  aber  die  Degeneration  der 
Seitenstränge  bis  an  den  Conus  medullaris  vorrückt,  wird  die  De- 
generation der  Vordersti  änge,  von  der  Lendenmarkanschwellung  an- 
gefangen, immer  unscheinbarer  und  ist  nahe  an  dem  Conus  selbst 
nicht  mehr  nachzuweisen. 

Auch  die  absteigende  Degeneration  ergreift  von  den  Seiten- 
strängen nur  die  äusseren  Hälften  und  confluiit  noch  vorne  mit 
den  degenerirten  Vordersträngen.  Die  degenerirten  Fasein  verbrei- 
teten sich  durch  die  ganze  Ausdehnung  der  peripheren  Hälfte  der 
Seiten-  und  Vorderstränge.  Zwischen  den  degenerirten  Fasern  kom- 
men auch  hier  viele  normale  Nervenfasern  vor.  Näher  an  der 
grauen  Substanz  verhielten  sich  die  Nervenfasern  überall  normal. 
Das  normale  Gewebe  präsentirte  sich  sowohl  in  den  Vorder-  als 
in  den  Seitensträngen  als  eine  breite,  an  der  grauen  Substanz  an- 
liegende Zone. 

In  der  von  den  Autoren  als  Pyramiden -Seitenstrang  bezeich- 
neten Gruppe  von  Fasern  habe  ich  nur  vereinzelte  Nervenfasern 
degenerirt  gefunden. 

Diese  Versuche  ergeben  gleichfalls  eine  Bestätigung  der  durch 
das  Experiment  gewonnenen  Thatsache,  dass  in  den  Seiten-  und 
Vordersträngen  lange  centrifugal  leitende  Bahnen  verlaufen. 

Absteigende   Degeneration  uach   Zerstörung  der  motori- 
schen Rindencentren. 

Prof.  Stricker  hat  in  seinen  Vorlesungen  einem  Hunde  zu- 
erst auf  der  rechten  Seite,  zwei  Wochen  später  auf  der  anderen 
Seite  die  motorischen  Rindencentra  entfernt.  Das  Thier  starb  7  Wo- 
chen nach  der  Operation. 

Ich  benützte  die  Gelegenheit,  das  Rückenmark  dieses  Hundes 
zu  untersuchen.  Es  stellte  sich  nun  heraus,  dass  absteigende  Dege- 
neration durch  die  ganze  Länge  des  Rückenmarkes  deutlich  ausge- 
prägt war.  Das  degenerirte  Gebiet  befand  sich  analog  den  früheren 
Fällen  im  Vorder-  und  Seitenstrange.   Ein  Unterschied  war  nur  in 


Degeneration  des  Rückenmarkes.  613 

soferne  zu  constatireu,  als  die  Zahl  der  degenerirten  Nervenfasern 
im  Vergleich  zu  den  früheren  Fällen  viel  geringer  war.  Die  Glia- 
wucherung  war  auch  deutlich  ausgeprägt. 

Topographie    der    auf-  und    absteigenden    Degeneration 
nach  partieller  Durchschueidung  des  Kückenmarkes. 

Bei  der  partiellen  Durchschneidung  des  Hals-  oder  Lenden- 
markes, bei  welcher  der  Schnitt  die  Vorder-,  Hinterstränge  und 
die  graue  Substanz  traf,  konnte  man  nach  5—6  Wochen  auf-  und 
absteigende  Degeneration  constatiren.  Die  aufsteigende  war  bis  in 
die  Funiculi  graciles,  die  absteigende  aber  bis  in  die  Lendenschwel- 
lung und  tiefer  hinab  zu  verfolgen.  In  der  Lendenschwellung  selbst 
konnte  ich  nur  mehr  einzelne  degenerirte  Fasern  beobachten.  Diese 
Versuche  beweisen  also,  dass  die  Vorder-  und  Seitenstränge  selbst- 
ständige lange  Bahnen  besitzen. 

Um  die  Topographie  der  Degeneration  noch  genauer  zu  stu- 
diren,  habe  ich  folgendes  Experiment  angestellt.  Ich  habe  in  der 
Gegend  des  6.  Halswirbels  eine  rechtsseitige  Hemisection  gemacht. 
Die  Wunde  heilte  per  primam  und  nach  5  Wochen  habe  ich  eine 
zweite  Hemisection  auf  derselben  Seite  im  Lendenmarke  ausgeführt 
und  Hess  den  Hund  372  Wochen  am  Leben.  Ich  habe  dieses  Ex- 
periment zu  dem  Zwecke  ausgeführt,  um  in  einer  Partie  des  Kücken- 
markes gleichzeitig  auf-  und  absteigende  Degeneration  zu  erzeugen. 

Die  Degeneration  erstreckte  sich  in  dem  zwischen  den  beiden 
Schnitten  liegenden  Gebiete  als  eine  breite  Zone  längs  des  Sulcus 
anterior  im  rechten  Vorderstrange,  zog  von  hier  längs  des  äusseren 
Bandes  in  den  Seitenstrang  hinein,  wo  sie  sich  über  die  ganze 
äussere  Hälfte  des  Seitenstranges  ausdehnte.  Ausserdem  erschien 
der  rechte  Hinterstrang  in  der  bekannten  dreieckigen  Form  dege- 
nerirt.  Es  zeigte  somit  in  diesem  Falle  das  degenerirte  Gebiet  eine 
solche  Ausdehnung,  wie  sie  nur  durch  das  gleichzeitige  Auftreten 
einer  absteigenden  oder  aufsteigenden  Degeneration  erklärt  wer- 
den kann. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  der  erkrankten  Stellen 
lehrte,  dass  fast  alle  Nervenfasern  der  peripheren  Hälfte  des  Sei- 
tenstranges degenerirt  waren.  In  der  Nähe  der  grauen  Substanz 
waren  die  Nervenfasern  normal.    Die  unverletzte  Seite  bot  normale 


614  K  us  min. 

Verhältnisse  dar,  nur  in  der  äusseren  Hälfte  des  Seitenstranges 
zeigten  sich  hie  und  da  sehr  vereinzelt ')  degenerirte  Nervenfasern. 
Eine  scharf  begrenzte  Degenerationszone,  welche  der  Pyramiden-, 
Vorder-  und  Seitenstrangbahn  der  Autoren  entsprechen  würde,  konnte 
ich  auch  bei  der  Untersuchung  dieses  Präparates  nicht  nachweisen. 
Nach  einseitiger  Hemisection  habe  ich  gleichfalls  ab-  und 
aufsteigende  Degeneration  beobachtet.  Topographisch  verhielt  sich 
dieselbe  in  ähnlicher  Weise,  wie  die  nach  totaler  Durchschneidung, 
es  war  aber  die  Degeneration  hier  nur  auf  der  Seite  der  Operation 
vorhanden. 

Topographie  der  Degeneration  in  späteren  Stadien. 

Wenn  die  Thiere  4—5  Monate  die  Operation  überlebt  haben, 
dann  erscheinen  die  degenerirten  Partien  ausgebreiteter.  Die  mi- 
kroskopische Untersuchung  lehrte,  dass  dies  durch  Wucherung  der 
Glia  und  Degeneration  einzelner  Nervenfasern  bedingt  wird.  Obwohl 
in  solchen  Fällen  die  Glia  mächtig  entwickelt  erschien,  so  war  die 
Function  der  von  der  Glia  eingeschlossenen  Nerven  nicht  wesentlich 
beeinträchtigt.  Es  folgt  dies  aus  folgendem  Versuche: 

Es  wurde  Hunden  das  Rückenmark,  die  Vorderstränge  oder 
die  Seitenstränge  ausgenommen,  ganz  durchschnitten.  Nachdem  die 
Thiere  6  Monate  gelebt  hatten,  fand  sich  die  Glia  auf  dem  ganzen 
Querschnitte  der  Vorderstränge  gewuchert.  Gleichwohl  zeigten  die 
willkürlichen  Bewegungen  der  hinteren  Extremitäten,  dass  die 
Leitungsfähigkeit  der  Vorderstränge  (beziehungsweise  der  Seiten- 
stränge) durch  diese  Gliawucherung  nicht  vollständig  aufgehoben  war. 

Indem  ich  die  Resultate  meiner  Untersuchung  überblicke, 
muss  ich  anerkennen,  dass  ich  nicht  im  Stande  bin,  über  die 
nähere  Ursache  dieses  Processes  Aufschluss  zu  geben.  Die  An- 
sichten der  Autoren  gehen,  wie  ich  schon  mitgetheilt  habe,  in 
diesem  Punkte  auseinander.  Eine  Angabe  lautet,  dass  durch  die 
Operation  ein  Reiz  ausgeübt   werde,    der   zur  Degeneration   fuhrt. 

Da  in  meinen  Versuchen  die  Wunden  per  primam  heilten 
und  keine  Symptome  von  Reizerscheinungen  vorhanden  waren,   so 

1)  Die  zerstreut  liegenden  veränderten  Fasern  an  der  linken  Seite 
konnten  möglicherweise  daher  rühren,  dass  bei  der  Ausführung  der  Hemisection 
einige  von  rechts  nach  links  übergehende  Fasern  vom  Schnitte  getroffen  wor- 
den und  in  Folge  dessen  der  Degeneration  anheimgefallen  sind. 


Degeneration  des  Rückenmarkes.  615 

kann  ich  wohl  mit  einigem  Becht  behaupten,  dass  es  das  Trauma 
allein  ist,  welches  die  erwähnten  Bahnen  ausser  Function  setzt 
und  dadurch  ihre  Degeneration  bedingt.  Auch  der  Versuch,  die 
secundäre  Degeneration  aus  der  Abtrennung  der  Nerven  von  trophi- 
schen  Centren  herzuleiten,  oder  die  Ausbreitung  der  Degeneration 
von  einer  Fortpflanzung  längs  der  lymphatischen  Gefasse  oder  des 
Bindegewebes  zu  erklären,  ist  nicht  hinreichend  motivirt. 

Denn  einerseits  ist  die  Existenz  trophischer  Centren  überhaupt 
nicht  erwiesen,  andererseits  lehrt  die  oben  besprochene  Topographie 
der  Degeneration,  dass  die  Ausbreitung  der  degenerativen  Vorgänge 
keineswegs  sich  an  den  Verlauf  von  Bindegewebssträngen  oder 
Lymph-  und  Blutgefässen  hält,  sondern  vielmehr  bestimmten  Ner- 
venbahnen folgt.  Daraus,  dass  schon  in  den  früheren  Stadien  sich 
die  degenerative  Veränderung  durch  die  ganze  Länge  der  Nerven- 
fasern in  gleicher  Intensität  erstreckt,  lässt  sich  der  Schluss  ziehen, 
dass  die  Ursache  dieser  Veränderung  die  ganze  Nervenfaser  gleich- 
zeitig trifft.  Es  ist  nun  schwer  sich  vorzustellen,  welcher  Art  diese 
Ursache  sein  müsste.  Bei  diesem  Umstände  liegt  es  am  nächsten, 
zu  vermuthen,  dass  es  die  Functiolaesa  sei,  durch  welche  die  De- 
generation der  verletzten  Nerven  bedingt  wird. 


Die  Resultate,  kurz  zusammengefasst,  lauten: 

1.  Die  Thatsache  der  auf-  und  absteigenden  Degeneration  nach 
totaler  oder  partieller  Durchschneidung  des  Rückenmarkes  ist  durch 
meine  Untersuchungen  vollkommen  bestätigt. 

2.  Die  aufsteigende  Degeneration  verbreitet  sich  in  den  Goll'- 
schen  Strängen  und  in  äusseren  Partien  der  Seitenstränge. 

3.  Die  absteigende  Degeneration  occupirt  die  Vorder-  und 
Seitenstränge.  Die  von  Türck  und  Schiefferdecker  beschriebene 
schmale  Zone  an  der  Fissura  anterior,  die  Hülsenstrang-  und  die 
Pyramidenseitenstrangbahnen,  bilden  nicht  für  sich  abgeschlossene 
Systeme  von  Nervenbahnen. 

4.  Alle  an  der  grauen  Substanz  angrenzenden  Partien  der 
Vorder-,  Seiten-  und  Hinterstränge  bleiben  von  der  Degeneration 
verschont.  In  den  Hintersträngen  ist  die  Degeneration  scharf  auf 
die  Goll'schea  Stränge  begrenzt. 


616  Kusmin. 

5.  Mit  der  Entfernung  von  der  Durchschnittsstelle  werden 
die  Degenerationszonen  schmäler,  behalten  aber  dabei  immer  ihre 
periphere  Lage. 

6.  Das  degenerirte  Dreieck  des  Hinterstranges  bei  der  auf- 
steigenden Degeneration  nahm  im  Halsmark  und  den  Funiculi 
graciles  der  Medulla  oblongata  an  Grösse  ab  und  verschwand  am 
Boden  des  4.  Ventrikels,  während  die  Seitenstrangdegeneration  durch 
die  Corpora  restiformia,  untere  Partien  der  Brücke,  Fuss,  weisse 
Substanz,  Thalami  optici  und  Capsula  interna  zu  verfolgen  war. 

7.  Die  absteigende  Degeneration  im  Vorder-  und  Seitenstrange 
wurde  bis  zum  Conus  medullaris  verfolgt.  Der  Vorderstrang  zeigte 
aber  daselbst  nur  mehr  ganz  vereinzelte  degenerirte  Fasern. 

8.  Nach  Exstirpation  der  motorischen  Rindencentra  degeneriren 
Vorder-  und  Seiteustränge  in  absteigender  Richtung. 

9.  Die  graue  Substanz  zeigt  keine  in  der  Längsaxe  sich  fort- 
pflanzende secundäre  Degeneration.  Bei  der  absteigenden  Degeneration 
nach  totaler  Durchschneidung  des  Rückenmarkes,  sowie  bei  partieller 
Durchschneidung  der  Vorderstränge  allein  zeigten  sich  einige 
Ganglienzellen  verändert. 

10.  Sowohl  die  auf-  als  die  absteigende  Degeneration  ist 
schon  nach  2  Wochen  in  jeder  Höhe  deutlich  ausgeprägt. 

11.  Die  histologischen  Veränderungen  beginnen  mit  ßiner 
Schwellung  der  Axencylinder  und  enden  mit  einem  Schwunde 
derselben,  wobei  auch  die  Markscheide  in  die  Degeneration  einbe- 
zogen wird. 

12.  In  späteren  Stadien  sind  noch  mehr  die  Nervenfasern  im 
Schwunde  begriffen,  die  Neuroglia  stellt  sich  mehr  gewuchert  und 
ausgebreitet  als  in  jüngeren  Stadien. 

13.  Im  Gebiete  des  Operationsterrains  selbst  wird  durch  ent- 
zündliche Vorgänge  nach  oben  wie  nach  unten  und  durch  die  ganze 

•  Quere  des  Rückenmarkes  die  weisse  und  die  graue  Substanz  destruirt. 

14.  Ferner  folgt  aus  meinen  Untersuchungen,  dass  die  langen 
Bahnen  im  Rückenraarke  hauptsächlich  in  der  peripheren  Zone  der 
weissen  Substanz  verlaufen,  denn  wir  haben  gesehen,  dass  diese 
hauptsächlich  von  der  Degeneration  befallen  werden. 

'  Die  Resultate  meiner  Untersuchungen  über  den  Degenerations- 
process  befinden  sich  in  Uebereinstimmung  mit  den  in  meiner  Arbeit 
über  die  Leitungsbahnen  gezogenen  Schlüssen. 


Knsmin:Secund.DeJe/ierat.im  Rut&enroark 


\Ü&  V,:  I^VIWA 


Degeneration  des  Rückenmarkes.  617 

Die  Vorderstränge,  welche  meinon  Untersuchungen  zutoh.o 
nur  centrifugal  leiten,  degeneriron  nur  in  absteigender  Richtung» 
die  Hinterstränge,  welche  nur  contripotal  leiten,  degeneriren  nur 
in  aufsteigender  Richtung.  Dagegen  degeneriren  die  Seiteusträu*^ 
welche  sowohl  motorische  als  sonsible  Baliuen  enthalten,  auf-  und 
absteigend.  Dadurch  wird  es  vom  histologischem  Standpunkte  aus 
erklärlich,  dass  an  Hunden,  denon  das  Londeninark  bis  auf  einen 
kleinen  Rest  eines  Seitenstranges  vollkommen  durchschnitten  wird, 
an  der  unteren  Körperhälfte  sowohl  Sonsibilitilt  als  auch  willkür- 
liche Beweglichkeit  nachzuweisen  ist. 


Ich  halte  es  für  meine  angenehme  Pflicht,  Herrn  Prof. 
Stricker  und  seinem  Assistenten  Herrn  Dr.. Spina,  meinen  Dank 
für  ihren  mir  während  dieser  Arbeit  zu  Theil  gewordeneu  Rath 
auszudrücken. 


Erklärung  der  Abbildungen  auf  Tafel  XIV. 

Fig.  I.    Querschnitt   durch    den    degenerirten   Vorderstrang.    ImmersiowaJiu*e 

Seibert  und  Kraft  Nr.  8. 
Fig.  IL   Schematische  Abbildung  der  aufsteigenden  Pegeneratio«  im   Hrw*t- 

marke. 
Fig.  HI.  Aufsteigende  Degeneration  im  Halsmarke. 
Fig.  IV.  Absteigende  Degeneration  im  Lendenmarke. 


-o.  C^Q*^  '■>>  -* 


Xeroderma  pigmentosum. 

Von 

Prof.  M.  Kaposi  in  Wien. 

(Hiezu  die  Tafeln  XV,  XVI,  XVII,  XVIII,  XIX.) 
(Von  der  Redaction  am  6.  October  1882  übernommen.) 


Unter  dem  Namen  Xeroderma  habe  ich  im  Jahre  1870,  im 
2.  Th.  pag.  182  et  sequ.,  des  von  Hebra  und  mir  bearbeiteten 
Lehrbuches  der  Hautkrankheiten  ein  Hautübel  eigener  Art  beschrie- 
ben, welches  unter  allen  Umständen  angeboren,  d.  h.  von  frühester 
Kindheit  zugegen  sich  erweist  und  von  mir  nach  zweierlei  Formen 
unterschieden  wurde. 

Die  damals  von  mir  als  1.  Form  der  Xerodermie  hingestellte 
durch  prägnante  Symptome  ausgezeichnete  Krankheit,  glaube  ich 
nunmehr  näher  als  Xeroderma  pigmentosum  bezeichnen  zu 
sollen,  u.  z.  aus  dem  Grunde,  weil  bei  derselben,  wie  ich  bei  wie- 
derholten Gelegenheiten  betont  habe,  die  Erscheinungen  und  Wand- 
lungen des  Pigmentes  semiotisch  und  pathologisch  eine  hervor- 
ragende Rolle  spielen  und  zur  wichtigsten  Complication  dieser  Krank- 
keit, zur  multiplen  Carcinomatosis  den  anatomischen  Anstoss  geben. 

Andeutungsweise  habe  ich  wiederholt,  besonders  in  den  Ver- 
handlungen der  k.  k.  Ges.  d.  Aerzte  auf  dieses  Verhältniss  hinge- 
wiesen, so  oft  über  die  Ursachen  des  Krebses  daselbst  verhandelt 
worden  ist. 

Als  Grundlage  für  die  Aufstellung  dieser  besonderen  Krank- 
heitsform  im  Jahre  1870  dienten   mir  2  Fälle.   Seither   habe  ich 


620  Kaposi. 

noch  6  Fälle  gesehen,  in  Summe  also  bis  jetzt  acht,  deren  Symptome 
wesentlich  so  ganz  und  gar  mit  jenen  der  ersten  zwei  Fälle  über- 
einstimmen, dass  ich  auf  alle  die  Schilderung  beziehen  darf,  die 
ich  in  dem  genannten  Lehrbuche  von  jenen  zwei  Fällen  niedergelegt 
habe  und  in  diesen  späteren  Beobachtungen  die  Berechtigung  für 
die  Abgrenzung  dieser  Krankheitsform  bekräftigt  fand. 

Alle  bisher  beobachteten  Fälle  betrafen  Kinder  und  jugend- 
liche Individuen  bis  zum  Alter  von  18  Jahren,  darunter  5  Mädchen, 
1  Knabe  von  2!/a  und  2  Jünglinge  von  16  und  18  Jahren.  Der 
3.  und  4.,  so  wie  der  5.  und  6.  Fall  betrafen  je  zwei  Geschwister. 

Der  1 .  und  2.  Fall  sind  von  mir,  der  4.  und  5.  vom  Collegen 
Geber,  damaligem  klinischen  Assistenten,  veröffentlicht  worden, 
die  anderen  4  sind  noch  nicht  beschrieben.  Es  dürfte  darum  erlaubt 
sein,  hier  bei  der  Vorführung  des  gesammten  Beobachtungsmateriales 
auch  jene  4  Fälle  mit  einzubeziehen. 

Der  1.  Fall  (Hautkrankheiten  von  Hebraund  Kaposi  2.  Th. 
pag.  182),  betraf  ein  18jähriges  Mädchen  von  wohlhabender  Familie 
aus  Berliu.  Dasselbe  war  schon  seit  seiner  frühesten  Kindheit  mit 
dem  Uebel  behaftet  und  stellte  sich  hier  im  Jahre  1863  zur  Be- 
handlung. 

Die  Haut  des  Gesichtes,  der  Ohren,  des  Halses,  des  Nackens, 
der  Schultern,  der  Arme  und  der  Brust  bis  zur  Höhe  der  3.  Bippe 
war  auffallend  zunächst  durch  ihr  buntscheckiges  Ansehen,  indem 
sie  mit  Stecknadelkopf-  bis  linsengrossen,  gelbbraunen  Pigment- 
flecken reichlich  besetzt  erschien.  Ueberdies  war  sie  stramm  gespannt, 
wie  in  sich  selbst  zurückgezogen,  schwer  in  eine  Falte  zu  heben  und 
fühlte  sich  sehr  dünn  an.  Ihre  Oberfläche  war  stellenweise  glatt, 
an  anderen  Stellen  lösten  sich  feine  Epidermislam eilen  ab;  oder  es 
waren  ganz  flache,  lineare  Furchen  in  der  Epidermis  gezeichnet, 
so  dass  die  Haut  in  ihrer  obersten  Schichte  pergamentähnlich 
vertrocknet  und  gerunzelt,  greisenhaft  schien,  während  ihre 
tiefere  Substanz  selbst  stramm  angezogen  war.  Ihre  Farbe  war 
partienweise  weiss,  pigmentlos,  während  sich,  wie  erwähnt,  zerstreut 
zahlreiche  punktförmige  bis  linsengrosse,  gelb-  und  dunkelbraune, 
den  Sommersprossen  ähnliche  Pigmentflecken  vorfanden.  Hie  und  da 
sah  man  Stecknadelkopf-  bis  linsengrosse,  lebhaft  rothe  Teleangiek- 
tasien. Das  Unterhautfettgewebe  war  nicht  merklich  verringert.  Die 
Haut  fühlte   sich  etwas  kühl  an.   Feine  Lanugohärchen  waren  auf 


Xeroderma  pigmentosum.  621 

der  erkrankten  Haut  deutlich  zu  erkennen.  Die  Empfindung  war 
nicht  verringert.  Ausser  dem  Gefühle  der  Spannung  hatte  die  Kranke 
keinerlei  abnorme  Empfindungen,  keinen  Schmerz,  kein  Jucken. 

In  der  Höhe  der  3.  Eippe  und  am  oberen  Dritttheil  der  Ober- 
arme hörte  die  abnorme  Beschaffenheit  der  Haut  beinahe  mit  einer 
scharfen  Grenze  auf.  Von  da  ab  nach  abwärts  war  die  Haut  der 
Mammae,  des  ganzen  Stammes  und  der  Extremitäten  vollständig 
normal,  glatt,  geschmeidig,  schön. 

Das  Allgemeinbefinden,  die  Menstruation  waren  normal. 

In  Folge  der  Schrumpfung  der  Haut  im  Gesichte  waren  die 
unteren  Augenlider  nach  unten  gezogen;  am  linken  Auge  so  be- 
deutend, dass  dieses  nicht  mehr  geschlossen  werden  konnte,  die  Cor- 
nea war  darum  auch  in  ihrer  unteren,  stets  unbedeckten  Hälfte 
erweicht  und  getrübt.  Die  Nase  erschien  gegen  ihre  Spitze  durch 
die  Schrumpfung  ihrer  Haut  verschmächtigt.  Die  Ohrmuscheln  waren 
an  ihrem  Eande  stellenweise  durch  die  Schrumpfung  eingekerbt.  Die 
Lippen  konnten  nur  massig  von  einander  entfernt  werden. 

Von  der  Kranken  erfuhr  ich  später  (durch  Herrn  Dr.  F.  W. 
Ho  ff  mann  aus  Berlin),  dass  sie  im  September  1872,  also  circa 
25  Jahre  alt,  an  Hydrops  in  Folge  von  Peritonealkrebs  ge- 
storben sei. 

Der  2.  Fall  betraf  ein  Mädchen  von  10  Jahren  aus  Ungarn, 
das  ebenfalls  seit  seiner  frühesten  Kindheit  an  dem  Uebel  litt. 

Dasselbe  hatte  sich  im  Jahre  1869  vorgestellt  und  zeigte  da 
die  Haut  des  Gesichtes  bis  unterhalb  der  Kiefergegend,  so  wie  der 
Streckseite  der  Hände  und  Arme  die  beschriebene  buntscheckige 
Pigmentirung.  Die  Epidermis  war  besonders  auf  den  Augenlidern 
und  Wangen  gerunzelt,  geschrumpft,  die  oberen  Lider  dadurch 
etwas  nach  unten  gezogen,  die  unteren  nach  unten  und  auswärts  ge- 
kehrt, und  die  Augen  erschienen  dadurch  von  oben  her  kleiner,  von 
unten  her  unbedeckt.  Eben  so  war  die  Mund-  und  Nasenspalte 
etwas  verkleinert. 

Im  übrigen  war  die  Haut  massig  gespannt,  konnte  weniger 
gut,  aber  immerhin  in  eine  Falte  gehoben  werden.  Die  Unterhaut- 
fettschichte anscheinend  nicht  verändert. 

Ein  Jahr  später  stellte  sich  das  Kind  wieder  vor.  Die  Be- 
schaffenheit der  Haut  hatte  sich  nicht  merklich  geändert.  Die  Nase 
war  jedoch  von  einer  birnförmigen,  rothen,  höckerig  warzigen,  zer- 

Hed.  Jahrbacher.  1882.  40 


622  Kaposi. 

klüfteten,  eine  übelriechende,  saniöse  Flüssigkeit  absondernden  Ge- 
schwulst besetzt,  welche  mit  ihrem  breiten  Saume  von  der  Umran- 
dung der  Nasenöffnungen  begann,  auf  den  seitlichen  Flächen  und 
dem  Bücken  der  Nase  fest  und  gleichmässig  aufsass  und  in  einer 
Höhe  von  stellenweise  */%  Zoll  sich  allmählig  verschmächtigend  bis 
zur  Nasenwurzel  und  in  die  Nähe  beider  Augenwinkel  sich  erstreckte. 

Bas  Neoplasma  gab  sich  als  Epithelioma  zu  erkennen.  Im 
Verlaufe  der  von  uns  vorgenommenen  Zerstörung  desselben  ergab  es 
sich,  dass  bereits  am  unteren  Bande  der  rechten  Cartilago  trian- 
gularis  Perforation  vorhanden  war. 

Auf  der  linken  Wange  und  auf  der  linken  Seite  der  Oberlippe 
befanden  sich  je  ein  erbsengrosser,  hyaliner,  in  Zerklüftung  begrif- 
fener Knoten,  ebenfalls  Epitheliom. 

Ich  habe  später  von  Dr.  Langer  erfahren,  dass  das  Kind,  wie 
ich  bei  der  Bapidität  und  Multiplicität  der  Carcinom-Entwicklung 
vorausgesetzt  hatte,  nach  circa  2  Jahren  in  seiner  Heimat  an  Krebs- 
cachexie  gestorben  ist. 

Der  3.  und  4.  Fall  meiner  Beobachtung  betraf  ein  Schwester- 
paar aus  Schlesien  ^m  Alter  von  6  und  8  Jahren,  beide  im  Verlaufe 
des  Jahres  1873  auf  der  hiesigen  dermatolog.  Klinik  (Taf.  XV  u.  XVI). 
Auch  bei  ihnen  war  die  Krankheit  frühzeitig,  im  Verlaufe  des  2.  Le- 
bensjahres entstanden  und  entsprach  in  allen  ihren  Symptomen  bis 
in  die  kleinsten  Details ;  Localisation,  Pigmentbildung,  Teleangiekta- 
sie, Bildung  weisser,  glänzender,  atrophischer  Stellen,  Betraction  der 
Haut  etc.  vollständig  dem  von  mir  sub  2  schon  im  Jahre  1870 
1.  c.  mitgetheilten  Falle.  Diese  Fälle  sind  von  Geber,  der  sie  als 
klinischer  Assistent  beobachtet  hat,  im  Jahre  1874  (Vierteljahrsschr. 
f.  Dermat.  u.  Syph.  1.  H.  pag.  3  et  sequ.),  unter  dem  Titel:  „Ueber 
eine  seltene  Form  von  Naevus  der  Autoren"  veröffentlicht  worden. 
Thatsächlich  sind  diese  beiden  Fälle  geradezu  wie  ein  getreuer  Ab- 
druck meines  Exemplares  Nr.  2,  was  ich  um  so  gewisser  behaup- 
ten kann,  als  ja  ich  selbst  auch  diese  beiden  Kinder  durch  Monate 
beobachtet  habe. 

Die  Identität  der  Krankheitsformen  bei  2,  3  und  4  wird  noch 
dadurch  besonders  bekräftigt,  dass  auch  bei  dem  älteren  der  beiden 
letztgenannten  Mädchen  im  Gesichte  multiple  Sarco-Carcinomknoten 
sich  gebildet  hatten,  welche  trotz  erfolgter  Exstirpation  recidivirten. 


Xeroderma  pigmentosum.  623 

Der  5.  Fall  betraf  ein  5ya  Jahre  altes,  schlecht  entwickeltes 
und  genährtes  taubstummes  erstgeborenes  Mädchen,  Th.  S.  gesun- 
der, junger  Eltern  aus  Euss.  Polen.  Im  Alter  von  einem  halben 
Jahre  soll  das  Kind  eine  Gehirnentzündung  durchgemacht  haben. 
Das  Hautübel  hat  sich  im  Verlaufe  des  zweiten  Lebensjahres  ent- 
wickelt. 

Das  Kind  war  Anfangs  Juni  1878  mir  zugeführt  worden.  Schon 
der  erste  Anblick  genügte,  um  davon  zu  überzeugen,  dass  das  Krank- 
heitsbild ein  getreues  Porträt  der  früher  geschilderten  Fälle  dar- 
stellte, so  sehr,  dass  ich  behufs  objectiver  Schilderung  des  Krank- 
heitsbildes beinahe  ad  verbum  meine  Beschreibung  der  früheren 
Fälle  wiederholen  müsste. 

Die  allgemeine  Decke  des  Gesichtes,  auch  das  Lippenroth  bis 
unterhalb  der  Kiefergegend,  der  Strecksoite  der  Finger,  des  Hand- 
rückens, Vorderarmes  bis  zum  unteren  Drittel  des  Oberarmes  beider- 
seits, die  Haut  des  Nackens  seitlich  bis  zur  Grenze  des  Kopfnickers 
und  bis  zur  Schultergegend  dicht  besät  mit  punktförmigen  bis 
linsengrossen,  gelbbraunen  bis  schwarzbraunen,  den  Sommersprossen 
ähnlichen  Pigmentflecken.  Diese  nahmen  an  Menge  und  Intensität 
der  Farbe  gegen  die  genannten  Grenzen  zu  ab.  Zwischen  den  Pig- 
mentflecken fanden  sich  zahlreiche  punkt-  und  linsengrosse,  weiss- 
glänzende,  narbenähnlich  schimmernde,  etwas  eingesunkene  (atro- 
phische) Stellen.  Zwischen  durch,  kleine  telektatische  Gefasse. 

Die  Epidermis,  besonders  der  Augenlider  und  der  Wangen 
gerunzelt,  geschrumpft,  die  Lidspalte  phimotisch,  die  unteren  Lider 
etwas  ektropirt,  am  Eande  verdickt,  mit  Blepharadenitis- Pusteln 
besetzt.  Die  Conjunctiva  bulbi  injicirt,  am  Limbus  corneae  Wul- 
stung  und  Pustelbildung;  die  Nase  verschmächtigt,  das  Lippenroth 
runzelig  und  mit  braunen  Flecken  besetzt;  der  Mund  konnte  nicht 
vollständig  geöffnet  werden. 

Die  kranke  Haut  war  übrigens,  trotz  der  Eunzelung,  überall 
gut  faltbar,  das  Unterhautzellgewebe  mager.  Die  Finger-  und  Hand- 
gelenke vollkommen  frei  beweglich. 

Die  Volarfläche  der  Finger,  Hände  und  Vorderarme  ganz  frei 
von  der  geschilderten  Veränderung,  ebenso  der  ganze  übrige  Kör- 
per, vorn  von  der  Halsfurche,  rückwärts  von  der  Schulterhöhe  an 
nach  abwärts.  An  den  Unterextremitäten  ebenfalls  die  Haut  normal. 

40* 


624  Kaposi. 

Den  6.  Fall  bietet  der  damals  2lj%  Jahre  alte  Bruder  des 
letztbeschriebenen  Mädchens,  den  ich  selber  nicht  zu  sehen  bekom- 
men habe,  von  dem  aber  dessen  Eltern  aus  eigenem  Antriebe  erzähl- 
ten, dass  er  seit  einem  Jahre,  i.  e.  im  Verlaufe  seines  zweiten  Lebens- 
jahres beginnend,  von  dem  gleichen  Uebel  befallen  sei.  Sie  schilderten 
dasselbe  so  ausnehmend  klar,  dass  ich  keinen  Grund  hätte  an  der 
Bichtigkeit  ihrer  Angabe  zu  zweifeln,  um  so  weniger,  als  ich  das 
Vorkommen  der  Krankheit  bei  Geschwistern  schon  kannte. 

Als  7.  Fall  führe  ich  an  den  eines  Studirenden  A.  S.,  aus 
Ungarn  (Taf.  XVII).  Derselbe  erschien,  17  Jahre  alt,  am  3.  October 
1879  in  meiner  Ordination,  mit  einem  von  der  rechten  Wange  auf 
den  Nasenrücken  übergreifenden  Geschwüre,  das  angeblich  seit  einem 
Jahre  wiederholt,  aber  ohne  Heilerfolg  von  seinen  Aerzten  geätzt 
worden  war,  und  seit  5  Jahren  aus  mehreren  getrennt  gestandenen 
Knoten  hervorgegangen  sein  sollte.  Obgleich  ich  schon  damals  die 
reichlichen  Pigmentflecke  im  Gesichte  des  Kranken  wohl  bemerkte 
imd  demnach  auf  Grund  meiner  früheren  Erfahrungen  grosse  Nei- 
gung hatte,  das  Geschwür  als  krebsartiges  anzusehen,  musste  ich 
doch  nach  seinen  objectiven  Merkmalen  dasselbe  für  syphilitisch 
erklären.  Mit  dieser  Diagnose  veranlasste  ich  die  Aufnahme  des 
Kranken  auf  die  dermatologische  Klinik  und  ihr  entsprechend  wurde 
er  mittelst  Emplastrum  hydrargyri  örtlich,  und  Decoct.  Zittmanni 
innerlich  behandelt  und  geheilt,  so  dass  er  schon  nach  27  Tagen, 
am  30.  October  1879,  die  Klinik  genesen  verlassen  konnte. 

Etwa  anderthalb  Jahre  später,  am  20.  Juli  1881,  gelangte  der 
junge  Mann  wieder  zur  Aufnahme,  aber  nun  mit  zahlreichen,  Steck- 
nadelkopf- bis  über  pfenniggrossen,  theils  intacten,  theils  ganz  charak- 
teristisch zerklüfteten  und  exulcerirten  Krebsknoten  im  Bereiche  des 
^Gesichtes,  der  Augenlider,  der  Wangen,  der  Nase,  des  Kinns.  Dabei 
traten  die  in  meinen  ersten  Fällen  eingehend  geschilderten  Erschei- 
nungen des  fortschreitenden  Gewebsschwundes  im  Bereiche  der  Haut 
des  Gesichtes  und  des  Halses  deutlich  zu  Tage,  die  mit  den  gelb- 
braunen Pigmentflecken  untermischten,  pigmentlosen,  theils  glatten, 
theils  narbig  eingesuukenen  Grübchen  und  Linien  und  zahlreiche 
Teleangiektasien.  Während  eines  3V8  monatlichen  Aufenthaltes  auf 
der  Klinik  konnte  der  Kranke  nicht  seiner  vollen  Genesung  zuge- 
führt werden,  da  zwar  die  zahlreichen  Knoten  und  Geschwüre 
mittelst  Schablöffels,  Kali-  und  Lapisstiftes,   Pyrogallussalbe  u.  a. 


Xeroderma  pigmentosum.  625 

allseitig  zerstört  wurden,  doch  fort  und  fort  neue  Nachschübe  und 
an  den  diversesten  Stellen  zugleich  erfolgten.  Am  8.  Nov.  1881 
erkrankte  Patient  an  den  Prodromen  von  Variola  und  wurde  der- 
selbe ins  Blatternspital  überfuhrt.  Von  da  zurückgekehrt,  verlangte 
der  junge  Mann  zur  Kräftigung  seines  geschwächten  Allgemeinzu- 
standes in  seine  Heimat  zurückzukehren,  woher  seitdem  keine  Nach- 
richt über  ihn  vorliegt. 

Der  8.  Fall,  der  am  5.  April  d.  J.  auf  meine  Klinik  aufge- 
nommen und  am  4.  Juni  d.  J.  in  der  k.  k.  Ges.  d.  Ä.  von  mir  vor- 
gestellt wurde,  ist  der  des  Laber  Franz,  22  Jahre  alt,  Bauerssohn  (Taf. 
XVIII).  Pat.  gibt  an  bis  zum  Alter  von  circa  16  Jahren  normale 
Gesichtshaut  besessen  zu  haben.  Vor  5 — 6  Jahren  bemerkte  derselbe 
zum  ersten  Male  kleine  Krustenauflagerungen  an  den  Wangen  und 
der  Nase. 

Seit  circa  3  Jahren  hat  sich  aus  einer  kleinen  mit  Krusten 
belegten  Stelle  am  Ohre  das  jetzt  daselbst  sichtbare  Geschwür  ge- 
bildet. Seit  ungefähr  2  Jahren  bemerkt  der  Kranke  die  Neubildung 
am  linken  unteren  Lide,  seit  einem  Jahre  das  Geschwür  an  der 
Unterlippe.  Allgemeinbefinden  nie  gestört. 

Bei  der  am  5.  April  erfolgten  Aufnahme  wurde  notirt:  Die 
Haut  des  Gesichtes  fällt  zunächst  durch  eigenthümliche  Verfärbung 
auf,  welche  am  intensivsten  die  Partien  zwischen  Augen  und  Lippen 
betrifft.  Es  finden  sich  dicht  gedrängt  und  unregelmässig  unter- 
einander gemengt,  gelbliche,  sommersprossenähnliche,  bis  tiefbraune, 
lentigoartige  Flecke  von  Hirsekorn-  bis  über  Linsengrösse,  weiss 
glänzende,  theils  glatte,  theils  unregelmässig  seichtgrubige,  narbige 
und  telektatische  Stellen.  Die  Epidermis  ist  trocken,  matt  und  stel- 
lenweise kleiig  schuppend. 

Dazu  kommen  noch  einzelne  mehr  hervorragende,  derbe,  dunkel- 
braune Pigment-Warzenmäler.  An  einzelnen  derselben,  so  wie  an 
den  Bändern  mancher  Narben,  oder  auch  mitten  auf  normaler  Haut 
vereinzelt  stehend,  findet  man  hirse-  bis  hanfkorngrosse  Knötchen 
eingelagert,  die  eigenthümlichen  Wachsglanz,  Transparenz  und 
Derbheit  bei  gelblicher  bis  rosarother  Farbe  besitzen.  —  Cancroid- 
knoten.  —  Grössere  solche  Knötchen  finden  sich  in  grösserer  Menge 
auf  der  Nase. 

Am  linken  Jochbogen  steht  ein  über  liuwmKnMwr  ähnlicher 
Knoten,  dessen  Centrum  eingesunken  mit  einer  Kruate  bedeckt  uK 


626  Kaposi. 

und  auf  Druck  dünneitrige  Flüssigkeit  entleert.  —  Am  linken 
unteren  Augenlide  befindet  sich  ein  fast  kreisrunder,  flacher, 
viertelguldenstückgrosser,  derber  Knoten,  der  die  ganze  Cutis 
durchsetzt,  an  der  Unterlage  nicht  festgewachsen  ist  und  die  übrige 
Haut  circa  3—4  Mm.  überragt;  seiue  centrale  Partie  ist  ulcerirt  und 
secernirt  dünnflüssigen  graugelben  Eiter  in  geringer  Menge.  Die 
Bander  der  centralen  Ulceration  sind  bis  auf  5  Mm.  unterminirt 
und  etwas  umgekrämpt,  der  Grund  von  papillären,  härtlichen Wuche- 
rungen besetzt. 

In  der  nächsten  Umgebung  dieses  Knotens  stehen  die  erwähnten 
durchscheinenden  Knötchen  in  grösserer  Menge. 

Nahe  dem  rechten  Mundwinkel  trägt  die  Unterlippe  einen 
pfenniggrossen,  3  Mm.  vorragenden,  scharf  begrenzten  Knoten  von 
unebener,  drusiger,  ulcorirter  Oberfläche,  derber  Consistenz  und  hell- 
rother  Farbe. 

Am  rechten  äusseren  Ohre  befindet  sich  ein  flaches,  zackig 
scharf  begrenztes,  von  einem  elevirten,  derben,  weisslich  durch- 
scheinenden Rande  begrenztes,  wenig  secernirendes  Geschwür,  das 
von  der  Mitte  des  Tragus  bis  nahe  an  den  unteren  Oberläppchen- 
rand, und  vom  Anfang  des  Meatus  auditorius  bis  2  Ctm.  weit  auf 
die  Haut  der  Parotisgegend  reicht. 

Die  Haut  des  Halses  und  Nackens  diffus  braun  pigmentirt 
und  zeigt  ausserdem  noch  zahlreiche,  gelbe  bis  schwarzbraune,  lenti- 
goartige  Pigmentflecke,  welche  sich  auf  die  Schultern  und  auf  das 
Sternum  fortsetzen. 

Die  sichtbaren  Schleimhäute  zeigen  normale  Beschaffenheit; 
der  Kehlkopf-  uud  Augenspiegelbefund  bieten  keine  Abnormitäten; 
die  Haut  des  übrigen  Körpers  normal.  Die  Drüsen  am  Halse  und 
Unterkiefer  sind  massig  geschwellt,  eine  Drüse  am  linken  Unter- 
kieferaste bis  taubeneigross  intumescirt,  derb,  nicht  fluctuirend.  In- 
nere Organe  normal. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  einiger  exscidirter  Knötchen, 
Pigmentmäler  und  einer  Partie  des  Geschwüfsrandes  am  Ohre 
ergibt  Epithelialcarcinom  in  allen  diesen  Partien  (s.  Taf.  XIX). 

Aus  dem  Zusammenhalte  der  Schilderung,  welche  ich  vor 
12  Jahren  1.  c.  von  diesem  Uebel  entworfen  habe,  mit  den  Er- 
scheinungen, welche  die  hier  beschriebenen  Kranken  aus  meiner 
späteren   Beobachtung   dargeboten   haben,   ist  wohl  die  Congruenz 


Xeroderma  pigmentosum.  627 

aller  acht  Fälle  unter  einander  ersichtlich.  Es  erhellt  aber  auch, 
dass  ich  zu  der  dort  entworfenen  Symptomatologie  nichts  Wesent- 
liches heute  hinzuzufügen  habe. 

Meine  damals  nur  auf  Grund  zweier  Fälle  gewagte  Aufstel- 
lung einer  besonderen  Krankheitsform  als  Xeroderma  hat  in  dem- 
selben Masse  an  Berechtigung  gewonnen,  als  die  Zahl  der  voll- 
ständig analogen  Fälle,  wie  ich  im  Vorhergehenden  gezeigt  habe, 
sich  für  unsere  Beobachtung  gemehrt  haben. 

Eine  gewisse  Aehnlichkeit  des  Krankheitsbildes  bei  Xero- 
derma pigmentosum  mit  dem  des  Skleroderma  gewisser  Stadien 
ist  nicht  in  Abrede  zu  stellen,  wie  ich  schon  in  meiner  ersten 
Schilderung  hervorgehoben  habe.  Doch  ist  diese  Aehnlichkeit  eben 
gross  genug,  um  zur  Markirung  .der  diiferentialdiagnostischen  Mo- 
mente aufzufordern. 

„Es  ist  nicht  zu  verkennen"  —  so  schrieb  ich  im  Jahre  1870 
—  „dass  die  geschilderten  Symptome  der  Xerodermie  an  den  (1.  c. 
p.  74  et  sequ.)  dargestellten  Process  des  Skleroderma  adultorum 
sehr  lebhaft  mahnen,  namentlich  an  die  atrophische  Form  des 
Skleroderma,  welche  als  späteres  Stadium  der  Krankheit  aus  der 
vorausgegangenen  Sklerose  hervorgeht,  und  das  von  Wem  icke 
cicatrisirendes  Hautsclerem  genannt  wurde". 

„Und  doch  glaube  ich  beide  Processe  auseinander  halten  zu 
sollen.  Für  Denjenigen,  der  das  Krankheitsbild  selbst  einmal  vor 
Augen  haben  wird,  muss  die  DiflFerenz  sich  selbst  aufdrängen,  so 
viel  auch  einzelne  Charaktere  der  Sklerodermie  und  dem  Xeroderma 
gemeinschaftlich  erscheinen  " . 

Ich  halte  noch  heute  diese  Worte  aufrecht. 

Der  wesentliche  Unterschied  liegt  darin,  dass  bei  der  Sklero- 
dermie zunächst  ein  Zustand  vorhanden  ist,  in  welchem  die  gespannte, 
verkürzte  Haut  zugleich  bretthart,  starr,  wie  gefroren,  mar- 
morgleich sich  anfühlt,  wobei  die  Epidermis  glatt  läuft,  dass  die 
Haut  von  diesem  Zustande  vollständig  zur  Norm  zurückkehrt,  oder 
von  da  in  den  Zustand  der  Atrophie  und  Verkürzung  einkehrt,  wo- 
bei die  Haut  stramm  gespannt,  verkürzt  und  dann  allerdings  mit 
feinrunzeliger  Epidermis  und  —  bisweilen  —  mit  Pigmentflecken 
und  Teleangiektasien  besetzt  ercheint.  Allein  das  Vorangehen  der 
starren  Infiltration,  welche  Haut  und  subcutanes  Zellgewebe  mit 
betrifft,  ist  das  Wesentliche,  die  Atrophie  ist  nur  ein  Ausgangssta- 


628  Kaposi. 

dium,  die  Pigmentation  nebensächlich  und  oft  ganz  fehlend,  und 
wesentlich  ist  ferners,  dass  der  Zustand  nicht  angeboren  ist,  sondern 
stets  erst  im  späteren  Lebenslaufe  auftritt,  endlich  auch  keine  be- 
stimmte Localisation  einhält. 

Die  Xerodermie  dagegen  ist  stets  angeboren,  in  demselben 
Sinne,  wie  Naevi,  wie  Prurigo,  Ichthyosis,  d.  h.  sie  entwickelt  sich 
im  Verlaufe  der  ersten  Kindheit,  wie  wir  gesehen,  des  zweiten  Le- 
bensjahres. Es  findet  sich  nie  ein  Stadium  der  marmorgleichen  Härte, 
sondern  Pigmentbildimg  und  punktförmige,  fortschreitende  Atrophie 
sind  die  ersten  und  sich  gleich  bleibenden  Symptome,  die  weiters 
stets  die  gleiche  Localisation,  Streckseite  der  Ober-,  auch  der  Un- 
terextremitäten und  die  Haut  des  Gesichtes  zunächst  betreffen,  von 
wo  sie  erst  gegen  den  Stamm  fortschreiten.  Niemals  ist  ferners  beim 
Xeroderma  eine  solche  Starrheit  und  Unbeweglichkeit  der  betroffenen 
Haut,  z.  B.  der  Gesichtszüge,  zu  bemerken,  wie  dies  für  Ski  er  oder  ma 
charakteristisch. 

Was  den  pathologisch  anatomischen  Vorgang  selbst  anbelangt, 
so  scheint  ebenfalls  die  Differenz  nicht  unwesentlich,  wie  ich  dies 
bereits  vor  mehreren  Jahren  (Lehrb.  d.  Hautkr.  1.  c.  pag.  184)  aus- 
gesprochen habe. 

„Bei  Skleroderma  beginnt  die  Erkrankung  mittels  einer  brett- 
harten Infiltration  des  subcutanen  Bindegewebes.  Das  Corium 
selbst  scheint  nur  später  und  nur  in  einzelnen  Theilen  verändert, 
die  Epidermis  fast  gar  nicht,  und  wenn  auch,  so  jedenfalls  erst  in 
den  späteren  Perioden  der  Krankheit". 

„Bei  Xeroderma  scheint  die  Vorbildung,  die  Schrum- 
pfimg, die  Atrophie  von  dem  Papillarkörper  und  der  Epi- 
dermis zu  beginnen  und  von  da  erst  gegen  das  Corium  fortzu- 
schreitentf.  Die  Zerrüttung  der  Pigmentation  ist  offenbar  eine  Con- 
sequenz  des  Atrophisirungsvorganges,  wie  dies  auch  unter  anderen 
Umständen  der  Atrophie  zu  beobachten  ist. 

Vielleicht  ist  sogar  die  Atrophie  der  Papillargefässe  die 
Einleitung  zu  diesem  Processe,  indem  sie  einerseits  zu  Atrophie  der 
Papillen,  der  Epidermis  und  Pigmentbildung,  und  andererseits  zur 
Entstehung  von  kleinen  Teleangiektasien  führt. 

Nach  dieser  Darstellung  dürfte  die  Ueberzeugung  von  der 
Eigentümlichkeit  und  Selbstständigkeit  des  Xeroderma  auch  bei 
Demjenigen  sich  geltend  machen,  der  dieselbe  aus  meiner  im  Jahre 


Xeroderma  pigmentosum.  629 

1870  gegebenen  Beschreibung  der  beiden  zuerst  beobachteten  Fälle 
noch  nicht  gewonnen  haben  mochte1). 

In  der  That  haben  auch  ausser  Geber  noch  andere  Autoren, 
Glax,  Duhring,  Taylor  nach  mir  solche  Krankheitsfälle  mitge- 
theilt  und  wenn  vielleicht  auch  der  von  Glax  (allg.  Wr.  med.  Ztg. 
1874,  Nr.  35)  eher  als  Skleroderma,  denn  als  Xeroderma  pigmen- 
tosum mihi  imponirt  und  selbst  Schwimmer  in  seinem  jüngst 
erschienenen  Buche  „die  neuropathischen  Dermatonosen"  pag.  189, 
Skleroderma  mit  Xeroderma  mihi  indentificirt,  so  würde  dies  nur 
für  die  Notwendigkeit  zeigen,  im  speciellen  Falle  bei  der  Diagnose 
zwischen  beiden  Processen  sorgfältiger  zu  unterscheiden. 

Mehr  Aehnlichkeit,  als  mit  Sklerodermia  atrophica  hat,  nach 
meinem  Dafürhalten,  das  Xeroderma  pigmentosum  mit  Pigment- 
Lepra,  jener  Form  insbesondere,  die  ich  auf  pag.  416  IL  B.  des 
Hebra-Kaposischen  Lehrbuches  meinem  Beispiele  beschrieben  und 
genau  in  dieser  Form  noch  einmal  gesehen  habe,  so  dass  ich  gerade 
in  dieser  Richtung  eine  Verwechslung  am  ehesten  für  möglich  halte. 
Es  wäre  darauf  zu  achten,  dass  so  diffuse  und  sepiabraune,  glän- 
zende Pigmentationen,  wie  bei  Lepra  pigmentosa  gewöhnlich  neben 
den  sommersprossenähnlichen  Flecken  zu  beobachten,  bei  Xeroderma 
pigmentosum  nicht  zu  sehen  sind,  hier  überdies  auch  Anästhesie 
und  Mutilation  nicht  vorkommt.  So  habe  ich  unlängst  ein  18jähriges 
Mädchen  aus  einer  Gegend,  in  welcher  sporadisch  Lepra  vorkommt, 
gesehen,  dessen  Gesicht,  Oberextremitäten  und  Büste  die  Pigment- 
flecke, Teleangiektasien  und  atrophischen  Grübchen,  wie  sie  dem 
Xeroderma  pigmentosum  angehören,  darbot  und  bei  dem  wegen  der 
geringen  Entwicklung  der  Atrophisationserscheinungen  und  der  Pio- 
venienz  aus  einer  Lepragegend,  eben  die  letztere  Krankheit  mit  in 
Betracht  gezogen  werden  musste. 

Da  es  sich  um  eine  angeborene,  beziehungsweise  von  frühester 
Kindheit  bestehende  Krankheit  handelt,  deren  wesentlichstes  Sym- 
ptom Scheckenbildung,  so  liegt  die  Frage  nahe,  warum  wir  nicht 
dieselbe,  wie  andere  angeborene  Dyschromasien,  einfach  als  Pig- 
mentmal, Naevus  bezeichnen? 


*)  Ich  habe  auch  in  der  genannten  Sitzung  der  k.  k.  Ges.  d.  Ä.  neben 
dem  Falle  von  Xeroderma  pigmentosum  zwei  Fälle  von  Skleroderma  vorge- 
stellt, so  dass  den  Anwesenden  der  Unterschied  der  beiden  Krankheitsformen 
noch  klarer  vor  Augen  trat. 


630  Kaposi. 

In  der  That  bat,  wie  schon  erwähnt,  Geber  den  3.  und  4.  Fall 
als  „eigentümliche  Form"  von  „Naevus  der  Autoren"  beschrieben. 
Ich  hätte  nichts  gegen  diese  Bezeichnung  als  solche  einzuwenden, 
wenn  nur  in  derselben  auch  jene  „Eigentümlichkeit"  zum  Aus- 
drucke gelangen  würde,  durch  welche  diese  Krankheitsform  eben 
von  den  Pigmentnaevis  sich  unterscheidet.  Man  müsste  jedenfalls 
Naevus  pigmentosus  atrophicus  et  progrediens  sagen,  wie 
denn  auch  Taylor  den  Namen  „Angioma  pigmentosum  et  atrophi- 
cumu  vorschlug.  Denn  darin  liegt  das  Hauptmoment  der  Eigen- 
tümlichkeit dieser  Krankheitsform  und  zugleich  der  Anstoss  zu 
der  besprochenen  deletären  Complication  mit  Carcinom. 

'Was  als  Pigmentmal,  einfaches  oder  mit  Warze  complicirtes, 
gemeinhin  gilt,  Naevus  pigmentosus  et  verrucosus,  Naevus  spilus 
etc.  ist  ein  Gebilde,  das  im  Grossen  und  Ganzen  das  ganze  Leben 
hindurch  stationär  bleibt,  oder  wenigstens  keine  auffälligen  nutriti- 
ven Veränderungen  durchmacht.  Nur  selten,  und  auch  da  erst  im 
späteren  Lebensalter  und  zugleich  mit  analogen  Veränderungen  in 
der  gesammten  Cutis  und  in  anderen  Organen,  macht  sich  in  der 
Warze  ein  lebhafterer  Vegetations-Process  bemerkbar,  mit  welchem 
aber  auch  eine  Verschiebung  der  inneren  Elementarverhältnisse  in 
dem  Sinne  stattfindet,  dass  die  epitheloiden  Formen  über  die  binde- 
gewebigen das  Uebergewicht  erlangen  und  der  Weg  zum  Carcinom 
eröffnet  ist. 

Bei  Xeroderma  haben  wir  es  jedoch  mit  Pigmentflecken  zu  thun, 
die  zum  Unterschied  vom  Naevus,  von  Anbeginn  an,  von  der  frühe- 
sten Kindheit  einem  regen  Wandel  unterliegen.  Pigmentanbildung, 
Entstehung  neuer  sommersprossenähnlicher  Flecke,  ja  wie  Taylor 
meint,  sogar  Bildung  von  neuen  Gefassästchen  und  Schlingen  stellen 
einen  Jahre  hindurch  fortschreitenden  Process,  einen  Krankheitsvor- 
gang vor,  dem  die  Atrophie,  Schwund  der  Papillen  und  des  Pigmen- 
tes, in  gleichem  Schritte  folgt,  während  die  zahlreichen  Teleangiek- 
tasien nur  als  mechanische  Folgeerscheinungen  dieser,  wie  jeder 
anderen  Art  Atrophie  des  Coriums  und  des  Papillarkörpers  aufzu- 
fassen wären. 

Nicht  die  Pigment-Scheckenbildung  allein,  die  für  sich  aller- 
dings den  Namen  Naevus  pigmentosus  rechtfertigen  könnte,  sondern 
die  geschilderte,  typische  Wandelbarkeit  der  inneren  Nutritions- und 
der  äusseren,    klinischen  Erscheinungen  stempelt  das  GesammtbiW 


Xeroderma  pigmentosum.  Q§>\ 

zu  einem  eigentümlichen  Krankeitsprocesse  und  fordert  dessen  spe- 
cielle  Bezeichnung. 

Die  Frage  nach  der  Beziehung  des  Xeroderma  pigmentosum 
zu  der,  wie  oben  ausgeführt,  wiederholt  beobachteten  Sareo-  und 
Carcinomatosis  beantwortet  sich  auch  nur  durch  die  dem  Pro- 
cesse  wesentliche  Wandelbarkeit  der  anatomischen  Elemente  inner* 
halb  der  Papillarschichte  und  die  Verschiebung  ihrer  gegenseitigen 
Proportionen.  A  priori  hat  es  doch  etwas  sehr  sonderbares,  dass, 
wie  die  angeführten  Krankengeschichten  lehren,  bei  so  jugendlichen 
Individuen  Epithelial -Carcinom,  und  überdies  in  so  acuter  Weise 
und  an  vielen  Herden  zugleich  auftritt. 

Unter  gewöhnlichen  Verhältnissen,  auf  einen  oder  eiuzelue 
Herde  beschränkt,  tritt  Hautkrebs  in  der  Segel  erst  im  spätereu 
Alter  auf,  aber  fast  durchwegs  an  anatomisch  gewissermassen  dazu 
vorgebauten  Stellen,  solchen,  welche  eine  von  Haus  aus  mächtige 
Papillarstructur,  grosse  Papillen  und  entsprechend  mächtiges  Epithel- 
lager aufweisen,  also  den  Papillär-  und  Pigmentwarzen;  oder  wo 
eine  durch  Krankheitsprocesse  erzeugte  abnorm  mächtige  Epithel- 
schichtung zugegen  ist,  wie  in  Schwielen,  den  grauen  Epithelplaquea 
der  Zungen-  und  Mundschleimhaut  (Psor.  mucos.  ovis  nach  Syphilis, 
Leukoplakia  buccalis,  Schwimmer)  oder  in  exuberirenden  und  in 
ihrem  physiologischen  Abschluss  häufig  gestörten  Granulationen 
(auf  Fussgeschwüren,  Syphilis  und  Lupus  exulcerans  et  vogotaus). 
Der  eigentliche  Anstoss  aber  für  die  Entstehung  des  Cancroids  ist 
erst  mit  dem  Momente  gegeben,  wo  oin  lobhaftoror  Stoff-  und  Ue- 
websumsatz  in  der  Papillarschichto  (Papillen  und  Epithel)  sich 
geltend  macht  und  das  Mächtigkeits-Vorhältuiss  zwisehou  wuchern- 
den Epithelzapfen  und  dem  bindegewebigen  Mutterboden  zu  üunsteu 
des  ersteren  sich  verschiebt,  jene  in  dieses  einfach  und  alsbald  den- 
dritisch hineinwachsen,  wie  ich  dies  speciell  bozüglich  dos  Carcinoma 
auf  Lupus  demonstrirt  habe. 

So  wandelt  sich  ein  seit  50—70  Jahren  bestandenes  Warzen- 
mal  erst  auf  dem  angedeuteten  Wege  und  allinälig  zum  Caneroid 
um,  so  eine  seit  Jahren  bestandene  Schwiele  dos  Zungonepitbels 
und  Andere. 

Beim  Xeroderma  pigmentosum  jedoch  besteht  der  rege  Stoff- 
umsatz,  die  lebhafte  Neu-  und  Rückbildung  der  Papillen  und  des 


632  Kaposi. 

Epithels,  zugleich  der  Pigmentbildner  und  Pigmentträger,  von  vorn- 
herein, gehört  ja  dieser  rege  Wandel  der  Elemente  zum  Wesen  des 
Processes  und  ist  demnach  auch  von  vornherein  damit  die  histolo- 
gische und  nutritive  Grundlage  für  das  Cancroid  gegeben.  Mit  die- 
ser Auffassung  reiht  sich  das  sonst  ziemlich  verblüffende  -Vorkom- 
men von  multiplem  Carcinom  bei  so  jugendlichen  Individuen  unge- 
zwungen an  die  bekannten  ätiologischen  Kategorien  des  Epithelioms. 

Während  wir  uns  also  rücksichtlich  der  Ursache  des  Xeroderma 
pigmentosum  mit  der  wenig  aufklärenden  „hereditären  Anlage" 
begnügen  müssen,  gerade  so  wie  rücksichtlich  anderer  angeborener 
Pigment- Anomalien,  können  wir  bezüglich  der  den  Process  com- 
plicirenden  Carcinomatosis  in  den  demselben  wesentlichen  histologi- 
schen Verhältnissen  genügende  Aufklärung  finden. 

Die  Prognose  des  Xeroderma  pigmentosum  ist  nach  unseren 
bisherigen  Erfahrungen  nicht  sonderlich  günstig.  Dass  wir  der 
Dyschromasie,  als  Verunschönung,  gegenüber  therapeutisch  nicht  viel 
auszurichten  vermögen,  ist  bekannt.  Aber  auch  die  Carcinomatosis 
trifft  uns  ziemlich  rathlos.  Es  gelingt  zwar  immer,  die  vorhandenen 
Krebsknoten  nach  bekannten  Methoden  zu  eliminiren,  nicht  aber 
die  Nachschübe  hintanzuhalten.  Ob  in  einem  länger  zur  Verfugung 
stehenden  Falle  eine  fortgesetzte  innerliche  Medication,  etwa  mittelst 
Arsenik,  den  Gesammtprocess  zum  Stillstand  zu  bringen  vermöchte, 
muss  erst  die  Zukunft  lehren. 

Dass  aber  bei  fortgesetzt  neu  auftauchenden  Carcinomherden 
endlich  auch  Drüsen  und  innere  Organe  in  die  krebsige  Entartung 
mit  einbezogen  werden  und  ein  deletärer  Marasmus  oder  letale 
Complicationen  auftreten,  ist  ja  zu  erwarten  und  wie  oben  mitge- 
theilt,  auch  erfahren  worden. 


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